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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Alle Artikel zu Musik

Glanzvolles Abschieds-Konzert für Gesangsprofessorin Hedwig Fassbender

2017, Juli 31.

Familienfeier mit Studierenden und Alumni

Text und Fotos: Renate Feyerbacher

Was für ein „Klassenabend Plus / Abschiedskonzert“ haben Studierende und Absolventen am 12.Juli ihrer Professorin an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt (HfMDK) bereitet! Als ich die HfMDK betrat, erschrak ich. Das Foyer war brechend voll, viele hatten keine Karte auch ich nicht, ich hatte vergessen, sie zu bestellen. Hedwig Fassbender kam im langen schwarzen Kleid mit dunkelblauem Schultertuch, begrüßte Freunde, umarmte Studierende und Ehemalige, eilte umher, kümmerte sich um Kartensucher. Auch um mich. Die Atmosphäre war persönlich und herzlich.

Hedwig Fassbender am 12. Juli 2017 nach dem Konzert

Beeindruckende Opernkarriere

Hedwig Fassbender studierte zuerst Klavier und Schulmusik in Köln, dann Gesang an der Musikhochschule München und gewann noch während ihrer Studienzeit den Hugo-Wolf-Preis für Liedgesang in Wien und beim Mozartwettbewerb in Würzburg. Nach dem Studium hatte sie fünf Jahre lang feste Engagements an den Opernhäusern in Freiburg und Basel. Vor 30 Jahren löste sie sich aus den Verträgen, um freischaffend an internationalen Produktionen teilnehmen zu können. Sie war Gast an zahlreichen europäischen Opernhäusern.

Anfangs hatte sich Hedwig Fassbender den wichtigsten Partien des lyrischen Mezzosopran-Fachs gewidmet, Rollen wie Cherubino und Octavian zum Beispiel. Nach und nach kam der Wechsel ins dramatische Fach; und seit 1997 sang sie auch Partien des dramatischen Sopran- bzw. Charakterfachs: zum Beispiel als Judit (Herzog Blaubarts Burg), an der Mailänder Scala als Marie in Wozzeck und als Mère Marie (Dialogue des Carmélites) in Straßburg, Savonlinna und London. Ihre Interpretation der Isolde (Wagner „Tristan und Isolde“) am Staatstheater Saarbrücken 2000 machte Furore. Für die Rolle der Sieglinde in Wagners „Walküre“ („Der Ring des Nibelungen“) in Lüttich wurde sie zur ‚Sängerin des Jahres‘ nominiert.

Heute singt sie zum Beispiel die Küsterin in „Jenufa“ von Leoš Janácek, die Herodias in „Salome“ von Richard Strauss, Die Frau über 60 in „Der Goldene Drache“ von Peter Eötvös. In einer Kritik zur Frankfurter Aufführung 2014 hieß es: „Und eine Hedwig Fassbender mit weitem Registerzug zwischen großer Oper und scharfkantigem Sprechen. Die dramatischen Höhepunkte des Abends.“ Sie ist schlicht eine beeindruckende Sänger-Schauspielerin.

Zukünftige Projekte sind die Rolle der Mrs. Sedley in der Premiere „Peter Grimes“ von Benjamin Britten im Oktober an der Oper Frankfurt, im Januar 2018 die der „Sage Femme“ (Hebamme) im „Der Kreidekreis“ von Alexander von Zemlinsky an der Oper in Lyon. Und in Janáceks „Die Sache Makropoulos“ bereitet sie die Emilia Marty vor. Außerdem plant sie zusammen mit ihren beiden Töchtern–  Tänzerin die eine, Schauspielerin die andere, – ein gemeinsames Projekt. Sie ist voller Ideen, voller Elan.

 

Blick von oben auf alle Teilnehmer – Bühne

Eine exzellente Gesangspädagogin

Eine solche Bühnenerfahrung ist eine ideale Voraussetzung, um zukünftige Opernsänger zum Erfolg zu führen. Seit 1999 unterrichtet die Mezzosopranistin Hedwig Fassbender an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt, die sie Ende September verlassen wird. Sie war Dekanin, leitete ab 2001 zehn Jahre lang die Gesangsabteilung, die 2011 mit dem Hessischen Exzellenzpreis für Hochschule-Lehre ausgezeichnet wurde. Zu Recht, wenn man die Liste ihrer Studierenden und Absolventen anschaut, von denen einige Engagements in führenden Opernhäusern haben oder an Musikhochschulen unterrichten oder in Konzertsälen begeistern. Einige erhielten begehrte Preise.

16 Sängerinnen und Sänger sangen beim Abschiedskonzert. Auf dem Programm standen Arien aus Opern, Lieder – alte und moderne Kompositionen. Alle Interpreten hätten es verdient, vorgestellt zu werden. Die Qualität des Gesangs war gleichbleibend auf hohem Niveau. Drei ihrer Absolventen sind derzeit fest im Ensemble der Frankfurter Oper wie die Altistin Katharina Magiera, die 2008 ins neugegründete Opernstudio kam und ein Jahr später Ensemblemitglied wurde. Soeben gastierte sie bei den Salzburger Festspielen. Vermutlich fehlte sie an diesem Klassenabend plus genau aus diesem Grund.

Die Sopranistin Katheryna Kasper bestand 2012 ihr Konzertexamen, fand Aufnahme im Opernstudio und hat seit 2014 einen Festvertrag. (Links „Iwan Sussanin“, „An unserem Fluss“). Im gleichen Jahr gewann sie den internationalen Myriam-Helin-Wettbewerb in Helsinki. Die ukrainische Sängerin gastierte bereits bei den Bregenzer Festspielen, beim Edinburgh International Festival und an der Los Angeles Opera.

Kateryna Kasper und Björn Bürger

Pianist Otto Honeck ging am Abschiedsabend schnellen Schrittes ans Klavier und begann sofort temporeich mit dem Largo als factotum aus Giacchino Rossinis „Il Barbiere di Sivigla“. Kurz danach folgte Björn Börner, die Treppen zur Bühne hinauf stürmend und die Arie bereits trällernd. Ein grandioser Auftritt! Der in Darmstadt geborene, in Rodgau aufgewachsene Bariton Björn Bürger gewann 2012 den Ersten Preis beim Bundeswettbewerb Gesang, ein Jahr später den Ersten Preis beim Emmerich- Smola- und Anneliese-Rothenberger Wettbewerb.

Derzeit ist er für den „International Opera Award“ nominiert. Schon während seiner Studienzeit hatte der bald 32-jährige Sänger Auftritte in Genf, Bayreuth und Karlsruhe. Große Opernpartien sang er in Paris, Oslo, Glyndebourne, München und Brüssel. In der nächsten Spielzeit debütiert er an der Semperoper in Dresden. In Frankfurt ist Björn Bürger im November als Georg in der Uraufführung „Der Mieter“ von Arnulf Herrmann zu erleben. Er ist verheiratet mit Esther Dierkes, die 2015 ihr Examen bei Hedwig Fassbender absolvierte und sofort Aufnahme ins Opernstudio Stuttgart erfuhr. Ab der Spielzeit 2017 / 18 gehört sie fest zum Ensemble der Oper Stuttgart, die 2016 Opernhaus des Jahres war.

Alle 16 Teilnehmer mit Hedwig Fassbender nach dem Konzert

Wer nun vermutet, Hedwig Fassbender setze sich als Pädagogin zur Ruhe, der irrt. Vor drei Jahren entstand unter ihrer künstlerischen Leitung in Kooperation mit den „Jeunesses Musicales Deutschland“ ,gefördert von der Deutsche Bank Stiftung, das „Exzellenz-Labor Gesang“. Regelmäßig betreut sie die Opernstudios in Frankfurt und Zürich und ist als Gastdozentin auch an Opernstudios in Paris, Hannover und Moskau eingeladen. Soeben beendete sie einen internationalen Meisterkurs im Rahmen der Sommerakademie am Salzburger Mozarteum. Und einen Monat später widmet sie sich in der Musikakademie Schloss Weikersheim im Exzellenz-Labor Gesang der Oper.

Da sie mehrere Sprachen spricht wie Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch, Spanisch und auch Repertoire in ungarischer, tschechischer und russischer Sprache unterrichtet, kann sie mit den Teilnehmern ihrer Kurse, die aus der ganzen Welt kommen, bestens kommunizieren. Ihre Studentinnen und Studenten schätzten ihre herzlich-persönliche Zuwendung sehr.

Sie wird weiterhin auf Opernbühnen stehen, Meisterkurse abhalten und coachen. Hedwig Fassbender hat sich in anderthalb Jahren zum zertifizierten systemischen Coach ausbilden lassen. Diese Tätigkeit wird sie ab Herbst auch wahrnehmen. Man kann nur sagen: „Chapeau“ für diese außergewöhnliche Künstlerin!

→„Der Goldene Drache“: Musiktheater von Péter Eötvös an der Oper Frankfurt

→ „Le Cantatrici Villane“ von Valentino Fioravanti an der Oper Frankfurt

→ „Martha oder der Markt zu Richmond“ von Friedrich von Flotow an der Oper Frankfurt

 

Frankfurter Musikpreis an den Geiger David  Garrett

2017, Juli 15.

„Visumspflicht für Klassik abgesagt“

Text und Fotos: Renate Feyerbacher

Im Rahmen der Musikmesse und des Musikmesse Festivals erhielt der Geiger David Garrett im April den Frankfurter Musikpreis, der erstmals in der Paulskirche verliehen wurde. Dotiert mit 15.000 Euro wird er seit 1982 verliehen und ist von der Frankfurter Musikmesse und den Musikinstrumenten-Herstellern ausgelobt.

Viele der Gäste, aber auch Schaulustige drängten sich vor der Paulskirche, um David Garretts  Ankunft zu erleben. Er kam aus New York, wo er lebt. Sofort war er umringt von Presseleuten und Fans. Ein Künstler zum Anfassen. Leger gekleidet, offenes Hemd, Pferdeschwanz, Jeans, den metallenen Geigenkasten fest im Griff, gab er Interviews, Autogramme auch denjenigen, die nicht zu den Gästen gehörten, sondern hinter der Absperrung standen. Er verließ den roten Teppich und ging zu ihnen. Keine Spur von Überheblichkeit. Er ließ sich vom Protokoll nicht drängen.

Stadtrat Mike Josef begrüsste den 36-Jährigen, der 1980 in Aachen als David Christian Bongartz geboren wurde. Er ist das mittlere von drei Kindern des deutschen Juristen und Geigenauktionators Bongartz und der amerikanischen Ballerina Dove-Marie Garrett.

Schon früh entdeckt der Junge in der familiären Schallplattensammlung die großen Geigenvirtuosen Yehudi Menuhin, David Oistrach, Henryk Szeryng und Isaac Stern. Als Kind nimmt er bereits an Jugend musiziert teil und gewinnt einen Preis. Als sich das große Können des Kindes mehr und mehr abzeichnet, entscheiden die Eltern , ihn unter dem Namen der Mutter auftreten zu lassen, da dieser griffiger klingt als der Name des Vaters.

Mit 12 Jahren hat er bereits seinen ersten Schallplattenvertrag mit der Deutschen Grammophon in der Tasche. Nach dem Abitur besucht er auf Wunsch der Eltern zunächst das Royal College of Music in London, schwänzt aber die Vorlesungen und muss  das College verlassen. Endlich darf er nach  New York zum älteren Bruder ziehen und die Juilliard School of Music besuchen. Itzhak Perlman ist sein Lehrer. Mit 23 gewinnt er den Komponistenwettbewerb der School.

Anfangs war David Garrett ausschließlich der klassischen Musik verpflichtet. Dann entwickelte er sein Cross-Over-Projekt. Das heißt, seither verbindet er verschiedene Musikrichtungen wie Klassik, Rock und Pop miteinander. Die Klassik-Puristen sind nicht begeistert. Kritiker nennen ihn: „Fernsehgeiger“, „Hasselhoff der Klassik“, „Pop-Geiger“. Doch zu unrecht. Die Bezeichnungen „Geigenrebell“ und „Teufelsgeiger“ treffen die Situation viel mehr.

Denn, so erzählt Laudator Wolfram Goertz, Musikkritiker der Rheinischen Post, in der Paulskirche, kann Garrett in der Tat teuflisch schnell spielen. Der Geiger kam sogar mit Rimsky-Korsakows  „Hummelflug“ als schnellster Geiger ins GuinessBuch der Rekorde. Und er übernahm auch in dem Film „Der Teufelsgeiger“ die Rolle des Niccolò Paganini. Damit hat er sich allerdings keinen Gefallen  getan. „Garrett bleib bei deinen Saiten“, lautete die Headline in einer Zeitungskritik.

Aber Garretts Crossover-Musik hat nichts mit dem Musi-Schmalz von André Rieu zu tun. Sie bleibt immer geschmackvoll, driftet nicht in schmalzigen Kitsch ab. „Visumspflicht für Klassik abgesagt“, so nennt es Laudator Goertz bei der Preisverleihung. Mancher hätte im Zusammenhang mit Paganini von Pasta-Soße gesprochen. Mit seiner Crossover-Musik lockt Garrett das junge konzertsaalferne Publikum in die Stadien, in leerstehende Hallen oder zum Open-Air, also an unprätensiöse Orte, die junge Menschen bevorzugen.

Wochenlang ist Garrett oft auf Tournee. Nach dem Musikpreis gastierte er unter anderem in Rüsselsheim beim Hessentag, dann in Wien, München, Freiburg, Berlin, Leipzig, Erfurt in München und in Basel …

Garrett erhielt die Goldene Kamera, den Bambi, dreimal den ECHO Pop und fünfmal den ECHO Klassik – zuletzt 2015 mit Brahms und Bruch mit dem Israel Philharmonic Orchestra unter der Leitung von Zubin Mehta. 2018 wird er mit Christoph Eschenbach  in mehreren Städten präsent sein. Weltberühmte Dirigenten bekennen sich zu ihm. In der Paulskirche überraschte er sein Publikum mit einer Sonate von César Franck, grandios und einfühlsam – unterstützt von seinem langjährigen Klavierbegleiter, dem französischen Pianisten Julien Quentin. Das Ganze begleitet von frenetischem Beifall, der eine Zugabe herausforderte.

Das Konzert war am  14. Juni beim Hessentag in Rüsselsheim in der Hessentagsarena zu hören. Mit von der Partie war der Jazz-Pianist, Komponist, Entertainer Joja Wendt.

Neubau für die Kronberg Academy

2017, Juli 8.

Endlich – Kronberg erhält ein Kammermusik-Juwel

Ein Beitrag von

Uwe Kammann

Foto: © Staab Architekten / Kronberg Academy

Endlich, werden viele Gäste im Kronberger Rathaus gedacht haben, endlich geht es nicht mehr nur um Wünsche und Visionen, um Pläne und Konzepte, um Ratespiele und Streitereien. Nein, jetzt gibt es ein festes Datum, auf das man sich freuen kann. Denn am 1. Oktober soll der berühmte symbolische Spaten zum ersten Mal in den Baugrund am Kronberger Bahnnhof stechen, als Auftakt zur Errichtung eines Kronjuwels: nämlich eines neuen Konzertsaals als Herzstück eines musikalischen Forums, das nach dem großen Cellisten Pablo Casals benannt ist. Voraussichtlich ab der Saison 2020/21 wird dann die Kronberg Academy hier ihr neues Zuhause finden, nach zweieinhalb Jahrzehnten, in denen sie eine weltweit gerühmte Institution geworden ist.

„Kein Zurück mehr, sondern nur noch ein Blick in die Zukunft“: Sichtlich glücklich zeigte sich Akademie-Leiter Raimund Trenkler zur Eröffnung der Ausstellung im Rathaus, die in großformatigen Fahnen Planungsstadien und den Hintergrund dieses Vorhabens zeigen. Und die schon ziemlich genau ahnen lassen, was dieser Konzertsaal bedeuten wird, und zwar weit über Kronberg hinaus.

Denn bislang gibt es in der Rhein-Main-Region keinen Saal, der speziell für Kammermusik ausgelegt ist. Zwar findet Kammermusikalisches in der Alten Oper in Frankfurt statt, doch niemand würde behaupten, dass der Mozart-Saal eine Schönheit ist und jenes Ambiente bietet, dass musikalische Kostbarkeiten funkeln lässt. Kein Wunder, wissen Kenner der Baugeschichte. Ursprünglich nämlich war der Saal als Kino konzipiert, als Bestandteil der Kongressaktivitäten, welche ja ebenfalls zur umfassenden Funktion der Alten Oper gehören.

Diese Situation wird sich nun in voraussichtlich drei Jahren gründlich ändern. Denn schon jetzt lassen die Pläne des beim Kronberger Projekt siegreichen Architekten Volker Staab durchblicken, welch’ ein attraktiver Saal das Kennerpublikum von Kammermusik erwarten wird. Staab selbst nennt es eine „hölzerne Schatzkiste“, die es mit ihrer freien Form des Saales den Zuhörern erlaube, ganz nah am Geschehen und „mitten im Klang“ zu sein. Die mittlere Saalgröße, ausgelegt für 550 Zuhörer, in Kombination mit einer flexiblen Bühne, verspreche eine konzeptionelle Offenheit und zugleich eine familiäre Atmosphäre. In dieser Form und Größe werde das Casals Forum in Europa einzigartig sein.

Simulation des Kammermusiksaals; © Staab Architekten / Kronberg Academy

Zu den Besonderheiten gehört auch, dass auch das zum Ensemble gehörende Studienzentrum in die Aufführungen mit einbezogen werden kann. Auch hier gibt es komplexe Funktionen, mit Räumen für Unterricht und für die Übungseinheiten, mit einem 160 Plätze bietendem Saal für Vorträge und Prüfungen, weiter mit einem so genannten Kabinettssaal, der für 50 Plätze ausgelegt ist. Die Offenheit wird wiederum auch ganz alltäglich betont durch eine Cafetéria im Panorama-Foyer.

Wer die Ausstellungsfahnen, die noch bis zum 15. Juli im Rathaus zu sehen sind, im Detail anschaut, bekommt schon jetzt einen Vorgeschmack auf die herausragende architektonische Konzeption, die besonders beim schwebend-transparenten Konzertsaal – der etwas von einem leichten Pavillon hat – hervortritt. Die Jury des hochkarätig besetzten Architekturwettbewerbs hat also zweifellos einen guten Griff getan. Wobei Volker Staab mit seinem Büro ohnehin gerade bei Kulturbauten einen hervorragenden Ruf genießt. In Frankfurt entsteht gerade nach seinen Plänen der Ergänzungsbau des Jüdischen Museums, und zu seine hohe Einfühlsamkeit beweist der Umbau des Albertinums in Dresden, einem Museum, zu dem Architekturadepten in Scharen pilgern.

Wer gerade die Fast-Milliarden-Schocksumme zu verdauen hat, die für die Sanierung der Frankfurter Doppel-Bühne aufgerufen worden ist, der wird sich bei der Kronberger Planung die Augen reiben. Denn dort kalkuliert man mit Kosten von 36 Millionen Euro, was angesichts des Bauvolumens und der entstehenden Qualität des Gesamtrahmens mehr als bescheiden anmutet.

Bürgermeister Klaus Temmen kann mit Recht stolz auf dieses Vorhaben sein, das, wie er sagte, der Kronberg Academy „eine langfristige Heimat und Perspektive“ gebe und somit auch ein „ganz wichtiger Meilenstein“ in der jüngeren Stadtgeschichte sei, als „zeitgemäße Spielstätte für Konzerte auf allerhöchstem Niveau“.

Was er in seiner Ansprache nicht weiter erwähnte, war die mehr als holprige, teilweise sogar sehr ruppige Vorgeschichte: bei der es um die Bebauungspläne für das Terrain zwischen S-Bahn-Station und Victoriapark vor dem endgültigen Stadtratsbeschluss sehr heftige Querelen gegeben hatte, nicht zuletzt, weil eine Reihe von Einwohnern gegen bestimmte Formen der Bebauung zu Felde gezogen waren.

Womöglich wird er im Inneren gelächelt und gedacht haben: Ende gut, alles gut – wenn erst die Kronberger zum ersten Mal den Solisten und Academy-Absolventen aus aller Welt im neuen Saal gelauscht haben, wenn sie auch sehen, wie gut sich die Gebäude-Trias aus Saal, Studienzentrum und Hotel in die Umgebung einfügen, werden sie wahrscheinlich versöhnt, besser noch: unglaublich stolz sein auf dieses musikalische Juwel.

Insofern: Auch darin könnte ein wenig der Elbphilharmonie-Effekt stecken, der sich dann einstellt, wenn etwas fertig ist. Manchmal, so gehört es zur Erfahrung auch von Kommunalpolitikern und Kulturmanagern, will gut Ding eben wirklich Weile haben, auch wenn die Ungeduld natürlich groß war, wie hier, nachdem der Architekturwettbewerb schon drei Jahre zurück liegt.

Nicht gewagt ist die Vorhersage, dass das Casals Forum in dieser Form eine Bereicherung für das musikalische Leben in ganz Deutschland sein wird. Nachdem der gerade in Berlin eingeweihte Pierre-Boulez-Saal sofort als kammermusikalisches Kleinod in den höchsten Tönen gelobt wurde und wird, steht nun Kronberg an, in dieser Reihe genannt zu werden. Wer hätte vor drei Jahren zu hoffen gewagt, dass die schönen Pläne wirklich realisiert werden?

Info: Die Pläne für den Neubau der Kronberg Academy sind noch bis Samstag, 15.Juli, im Rathaus ausgestellt und können dort montags bis freitags von 8 bis 12Uhr angesehen werden.

 

Zur Debatte um die Zukunft von Schauspiel/Oper in Frankfurt

2017, Juni 28.

Schock? – Chance!

Ein Zwischenruf von Uwe Kammann 

DANKE FRANKFURT FÜR 8 GLÜCKLICHE THEATERJAHRE: Riesengroß der Schriftzug am Frankfurter Schauspielhaus. Er markiert das Ende der Intendanz Oliver Reeses am Main, vor dem Wechsel an die Spree. Die Abschiedsparty, so die Bekundungen, war fröhlich, ausgelassen. Und die Bilanz: allenthalben positive Stimmen.

Optisches Dankeschön zum Abschied von Oliver Reese (Fotos: Uwe Kammann)

Ein Abschied, der zusammenfällt mit einer Debatte, die schon einige Jahre nicht nur die Insider beschäftigt, die aber erst jetzt, mit der Vorlage eines Gutachtens, kräftig Fahrt aufgenommen und viel Wirbel ausgelöst hat. Wobei, keine Frage, der Aussagekern der nun vorliegenden Machbarkeitsstudie einem schon den Atem verschlagen kann. Denn auf sage und schreibe gut 900 Millionen Euro schätzen die Autoren die Kosten, die für die bauliche Zukunft von Schauspiel und Oper zu veranschlagen sind. Und dies ganz unabhängig von den Modellen, die denkbar sind.

Sie reichen von der Sanierung beider Häuser – die in der bürokratisch getauften Theaterdoppelanlage am Willy-Brandt-Platz wie siamesische Zwillinge verbunden sind – bis zum Abriss beider Einrichtungen und zum Neubau an anderer Stelle. Auch hier wieder mit Variationen. So ist weiter ein gemeinsames Haus denkbar, ebenso aber eine klare Trennung mit zwei neuen Bauten. Dabei kämen verschiedene Standorte in Frage.

Wobei weiter zu überlegen ist: Wie lässt sich das jetzige Doppelhaus mit der gemeinsamen, verbindenden Fassade überhaupt sanieren: bei laufendem Betrieb oder besser mit einem zeitweiligen Umzug von Theater und Oper, also einer Auslagerung an andere Spielorte? Ist es günstiger, dies für beide Häuser gleichzeitig zu praktizieren, oder geht es besser Zug um Zug? Und: Wohin könnte man in der Zwischenzeit ausweichen, wie lange würde die Interimslösung dauern? Und was wäre dafür an Kosten zu veranschlagen?

Jede Frage, die beantwortet wird, wirft mindestens drei neue auf. Das alles steht unter den großen Fragezeichen: Welche Maßnahmen sind unbedingt notwendig, welcher Aufwand scheint dafür angemessen? Welcher Stellenwert – und damit: welcher Wert – wird dem Theater beigemessen? Und schließlich: In welchem Zeitraum soll die Aufgabe bewältigt werden, die städtischen Großbühnen zukunftsfähig zu machen?

Ist der gegenwärtige Zustand wirklich so schlecht?

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Betulia Liberata – Mozarts „Kirchenbegehung“ an der Oper Frankfurt

2017, Juni 25.

Heilige Handlung – sehr irdisch menschlich turbulent

Von Renate Feyerbacher
Fotos: Barbara Aumüller / Oper Frankfurt

Schon beim Betreten des Bockenheimer Depots, der einstigen Straßenbahnhalle, ist man in Erstaunen versetzt. Die „Azione sacra“ von Wolfgang Amadeus Mozart, die am 21. Juni 2017 Premiere und Frankfurter Erstaufführung hatte, hatte diesen profanen Ort in eine Kirche verwandelt. In den alten Kirchenbänken sitzen einige Betende. Wenn der Zuschauer sozusagen im Chor hinter dem Altar seinen Platz eingenommen hat, hat er noch ein Aha- Erlebnis: die Kirchenempore (Westportal) schmückt eine Nachbildung des Gemäldes mit Judith und Holofernes, das der Barock-Maler Giovanni Battista Piazzetta um 1720 schuf. Das Frankfurter Opern- und Museumsorchester, mit historischen Blasinstrumenten und auf Darmsaiten musizierend, ist seitlich rechts plaziert. Mit musikalischer Wucht setzt die Ouvertüre ein. Kaum zu glauben, dass sie von einem 15-Jährigen komponiert wurde.

Theo Lebow (Tenor) und Sydney Mancasola (Sopran II) sowie im Hintergrund Brandon Cedel (Bass) und Karen Vuong (Sopran I); Foto © Barbara Aumüller

Die biblische Geschichte von Judit (in der Bibel ohne h) und Holofernes eigenet sich durchaus als Opernstoff. Doch Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791) komponierte keine Oper, sondern ein Oratorium, eine Gattung, die er nur insgesamt dreimal schuf.

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