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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

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„Cézanne. Metamorphosen“ in der Kunsthalle in Karlsruhe

2017, November 12.

Cézannes Äpfel und Birnen, seine Jacken und Gebirge

Die Bilder des französischen Malers Paul Cézanne (1839 – 1906) hängen heute in den großen Museen der Welt, von New York bis Sankt Petersburg, und sie erzielen auf den Kunstauktionen schwindelerregende Preise. „Der Kartenspieler“ soll 2011 für 275 Millionen Dollar der höchste Preis, der jemals für ein Gemälde gezahlt wurde – verkauft worden sein. Der zu Lebzeiten wenig geschätzte Künstler, der selbst eher bescheiden bis zu seinem Tod in Aix-en-Provence lebte, gilt als „Vater der Moderne“. Anders als in Tübingen mit den Sonderschauen von 1978, 1982 und 1993, anders als die darauf folgende Ausstellung 1994 in Paris und 2004 im Essener Museum Folkwang oder die im Musée Granet in Aix-en-Provence zu Cézannes hundertsten Todestag, anders auch als die große Porträtausstellung Pariser Musée d’Orsay in diesem Jahre nimmt die Staatliche Kunsthalle Karlsruhe nun eine spannende, andere Seite dieses ungewöhnlichen Malers in den Blick: „Cézanne. Metamorphosen“.

Von Petra Kammann

Hereinspaziert in die Ausstellung: Cézanne lädt ein in sein Atelier in Aix-en-Provence. Der Maler wurde 1906  von Gertrude Osthaus fotografiert, Gesamtfoto: Petra Kammann

Am 13. April 1906 müssen wohl Gertrude und Karl-Heinz Osthaus, Kunstsammler aus Hagen und einer der wichtigsten Unterstützer der „Moderne“, den Maler Paul Cézanne in Aix-en-Provence in seinem Atelier am Chemin des Lauves besucht haben. Ein Schwarzweißfoto, das Gertrude Osthaus seinerzeit dort gemacht hat, zeugt jedenfalls von diesem Besuch, der dem kunstsinnigen Ehepaar sehr wichtig gewesen sein muss. Immerhin gehörten sie zu den ersten Käufern von Gemälden des südfranzösischen Malers, die für deutsche Museen angeschafft wurden, während der damalige Leiter des Musée Granet in Aix-en-Provence schwor, dass niemals ein Werk von Cézanne Einzug in sein Museum halten würde. So berichtete es Michel Fraisset in seinem launigen Vortrag über Paul Cézanne und dessen Wirken in Aix-en-Provence in der Karlsruher Kunsthalle vor Journalisten. Der kenntnisreiche Fraisset war viele Jahre über Leiter des immer noch existierenden authentischen Atelier Cézanne in Aix-en-Provence und ist heute Direktor des dortigen Office de Tourisme. Die Wiedergutmachung an Cézanne hat in der provenzalischen Stadt insofern stattgefunden, als man sich nun sogar mittels eigenem Stadtplan dort auf die Spuren des Malers begeben und dabei nicht nur die Malerei, sondern auch besondere Orte und die Landschaft entdecken kann.

↑ Paul Cézanne, Jacke auf einem Stuhl, 1890-1892 © Privatsammlung

Der gezeichnete und aquarellierte Mantel erinnert an ein sich auftürmendes Gebirge

↓ Paul Cézanne, L’Estaque, 1879-1883©2016 Digital Image / The Museum of Modern Art / Scala, Florenz

Die im Todesjahr Cézannes (1906) von Osthaus beim Künstler selbst gekauften Gemälde wie der in Karlsruhe ausgestellte „Steinbruch von Bibémus“ gehören heute zu den kostbaren Schätzen des Essener Museum Folkwang, während das charakteristische Schwarz-Weiß-Foto von Gertrude Osthaus nun am Eingang der fulminanten Karlsruher Ausstellung steht. Osthaus war seinerzeit von den „Raumwerten der Farben“ zurecht begeistert, die der Maler zu Beginn des 20. Jahrhunderts für eine neue Wahrnehmungsweise erschlossen hatte. Was damals der Kunsthistoriker Julius Meier-Graefe durch seine Schriften bewirkte und auslöste, wollte der Pionier Osthaus mit seinen Landsleuten teilen und mit seinen neu gewonnenen Erkenntnissen zur Geschmacksbildung für die Rezeption der Kunst des 20. Jahrhunderts in Deutschland beitragen.

Eine Cézanne-Schau der„Metamorphosen“ mit diesem Foto zu eröffnen, setzt zudem ein wichtiges Zeichen, wegen des abgebildeten Motivs einerseits und wegen des damals jungen Mediums Fotografie andererseits: Die Fotografie hatte die Malerei insofern abgelöst, als sie die Wirklichkeit „naturgetreuer“ abbilden und sogar Bewegungen festhalten konnte und es daher auch nicht notwendig erschien, ihr nachzueifern. Der auf dem Osthaus-Foto abgebildete völlig uneitle Maler Paul Cézanne trägt beherzt den schlichten Alltagsstuhl aus seinem Atelier ins Freie und macht sich auf in die Natur, womöglich ging er „sur le motif“, wie er es nannte. Denn dort fand er die ihn inspirierenden Motive und das besondere Licht. Das Wahrgenommene verwandelte er dann seiner Komposition im Atelier an und sprengte dabei den Rahmen des illusionistisch Dreidimensionalen, indem er ganz neuartig massige, flächig gemalte, gestrichelte und „unfertige“ Bildpartien nebeneinander stellte oder miteinander verschachtelte. Einige der zeitgenössischen Künstler erklärten ihn damit zum „Vater der Moderne“. Selbst der ansonsten so eifersüchtige Künstler Pablo Picasso zollte ihm für seine neuartige Malweise Respekt und kaufte ihm sogar schon früh ein Bild ab: das „Meer bei l’Estaque“ von 1878, das heute zum Bestand des Pariser Musée Picasso zählt, derzeit aber auch in Karlsruhe zu sehen ist.

↑ Paul Cézanne, Mardi Gras, 1888©Staatliches Museum für Bildende Künste A.S. Puschkin, Moskau
In dem so gegensätzlichen Doppelporträt „Mardi Gras“ zeigt der Maler seinen Sohn Paul als stolzen Harlekin an der Seite seines Freundes Louis Guillaume, des „schrägen“ Pierrots – beide in durchgestalteten und stilisierten Kostümen der Commedia dell’Arte – und knüpft dabei an die Tradition der Manet’schen Malerei an. Auch Picasso bediente sich der Figur des Komödianten als Symbol des Künstlers und Außenseiters. In der Karlsruher Schau wird an vielen ähnlichen und doch auch ganz unterschiedlichen Exponaten deutlich, dass der zu seiner Zeit in Paris verschmähte und von seinem früheren Freund Emile Zola als erfolgloser Künstler ironisierte Cézanne auf der Suche nach dem Neuen, auch auf der Suche nach Stabilität war. Und das geschah häufig bei ihm über das Kopieren älterer Werke, die er sehr eigenständig in Grundzügen mit dem Bleistift auf Papier übertrug, in Aquarelle verwandelte, abmalte und so dass damit ein äußerst facettenreiches Werk entstand.

Da er diesen Vorgang periodisch wiederholte, kann man bei Cézanne kaum von einer chronologischen Entwicklung sprechen. Für ihn bedeutete das Kopieren eine Art Rückversicherung und Selbstüberprüfung. Dabei befasste er sich ebenso mit der „neuen“ Malerei eines Manet, Corot oder Courbet wie mit der alten Kunst – von El Greco über Rubens bis hin zu Delacroix –, um seine eigene Bildsprache zu finden, die in manchem den Kubismus und bisweilen die flächig-abstrakte Malerei vorwegnimmt. Immer wieder umkreist und verwandelt er beim Vorgang des Kopierens die ihm bekannten Motive, ob die Porträts seiner Frau Hortense oder die seines Sohnes Paul, die Akte und Badenden, die er aus mythologischen Zeichnungen ableitete, oder die Stillleben, welche den alltäglichen Gegenständen wie Tüchern, Äpfeln und Birnen, eine neue Dimension und Aufmerksamkeit geben.

Die strukturelle Anordnung der Exponate in dieser Schau, in der es um Metamorphosen geht, macht das Work in Progress des nach neuen Wegen suchenden Künstlers, das innovativ Prozesshafte, besonders augenfällig. Auf diesen Ansatz hat der Kurator Alexander Eiling wohl auch schon im Vorfeld gesetzt und gebaut. Wie sonst hätte er die Museen der Welt und die Privatsammler überzeugen können, ihre kostbaren Skizzen, Aquarelle und Ölgemälde aus den verschiedenen Schaffensphasen Cézannes als Leihgaben nach Karlsruhe zu schicken! Da war schon Engagement gefragt. Hätte er ihnen nicht seine Ideen von der Ausstellungskonzeption vorgetragen und wäre fast zwei Jahre lang mit äußerster Konsequenz vorgegangen, wäre es wohl kaum zu dieser reichhaltigen Ausstellung gekommen mit um die 100 hochwertigen und teils unbekannten Exponaten.

↑ Paul Cézanne, Bildnis Hortense Cézanne mit Hortensienblüte, 1882 – 1885/86 © Privatsammlung, Foto: Elmer de Haas

Eigentlich empfand sich der Künstler nicht als Porträtist. Aber er umkreiste das Bildnis von Hortense in verschiedenen Medien und experimentierte mit dem „non finito“, um verschiedene Ebenen zu schaffen

Paul Cézanne, Madame Cézanne im gelben Lehnstuhl, 1888-1890

Während der Kunsthistoriker Julius Meier-Graefe 1904 schrieb: „So ein Cézannescher Apfel ist gekonnt, wie ein Kostüm bei Velasquez, mit der gewissen Selbstverständlichkeit, an der nicht zu rütteln ist“, blieb Cézanne für die Franzosen noch lange ein Außenseiter. Weil er Äpfel mit Birnen vergleicht? Mitnichten. Aber er malte sie so, indem er sie in eine fruchtbare Spannung brachte und etwas Neues aus ihnen machte, weil sein Interesse im Prozess des Malens ihnen galt. Dabei fügte er kraftvoll Farbschichten ineinander, über- und zueinander. Sein Interesse an Formanalogien zwischen gedrehten Körpern, Stoffen und Bäumen, Pflanzlichem und Geologischem war ebenso groß, weswegen er sie auf eine Ebene stellte und die Akzente einfach anders setzte, und ihnen damit eine andere Bedeutung zumaß.

In der Langsamkeit und Unablässigkeit seiner Bearbeitung der Dinge entstand auf diese Weise nicht nur eine neue Dichte, sondern gleichzeitig eine subtile Balance zwischen lichten und dunklen Räumen. In den neu geschaffenen Freiräumen entwickelte der Maler aus dem Süden dabei ganz besondere Zwischentöne, die Raum für Assoziationen des Betrachters bieten. Es ist seine „eigenartige Tektonik“, mit Hilfe derer er die Welt erfasste und ummodelte. Er umkreiste die Dinge des Alltags, eignete sie sich an, um sie dann zu transformieren. Den kreativen Spuren seines kontinuierlichen Schaffensprozesses zu folgen, ist allein deshalb schon eine Fahrt nach Karlsruhe wert. Aber man wird auch reichlich durch das Anschauen von in aller Welt verstreuten Originalwerken belohnt.

↑ Paul Cézanne, Blick auf die Kathedrale Saint-Sauveur von Les Lauves, 1902-1906, Photography by David Allison Recto Shot

↓ Paul Cézanne, Weiblicher Akt und Birnen (Leda II), 1887

Wie ungewöhnlich eigenständig die Arbeiten Cézannes sind, erlebt man in Karlsruhe vor allem aber auch, weil sie motivisch in einen Kontext mit anderen früheren Künstlern gestellt werden. Die Modernität des Künstlers liegt vor allem auch im Ausloten der Grenzen von Gegenständen, Figuren und Techniken, was er mit seinem ausgeprägten Sinn für Querverweise verknüpft. Da kommt einem der Frauenkörper den auf dem Tisch komponierten Früchten als Stilleben ebenso nahe wie eine gebirgige Landschaft oder eine liegen gelassene Jacke auf einem Stuhl, der zu kippen droht, dann aber doch gehalten wird.

Der sehr informative Katalog zur Ausstellung, herausgegeben von Alexander Eiling, auf den wir uns in Frankfurt schon freuen können, ist im Prestel Verlag erschienen. Mit einem Vorwort von Pia Müller-Tamm, mit Vorbemerkungen zur Cézanne-Forschung von Walter Feilchenfeldt und Beiträgen von Juliane Betz, Michael Clarke, Alexander Eiling, Inken Freudenberg, Eva-Maria Höllerer, Richard Kendall, Mary Tompkins Lewis, Astrid Reuter, Tessa Rosebrock, Fabienne Ruppen und Margret Stuffmann.

Die Ausstellung in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe läuft noch bis zum 11. Februar 2018

Alia Alis „Borderland“ in der neu eröffneten Galerie Peter Sillem in Frankfurt-Sachsenhausen

2017, November 12.

Irritierend schön – Großflächige Fotos von Grenzerfahrungen und menschlichen Pattern

„Borderland“ heißt die ungewöhnliche Auftaktausstellung in der neuen Galerie Peter Sillem: Das ästhetische Forschungs- und Fotoprojekt der jemenitisch-bosnisch-amerikanischen Multimedia-Künstlerin Alia Ali umfasst eine Serie von Porträts, welche die Barrieren hinterfragen, die uns sowohl trennen als auch einen.

Von Petra Kammann

Galerist Peter Sillem und Alia Ali bei der Vorbereitung eines Hintergrundgesprächs

Vernissage in der neu eröffneten Galerie Peter Sillem in Sachsenhausen: Es ist es so voll, dass sich etliche Leute den Weg nach draußen gebahnt haben, um sich dort ebenso angeregt wie in der Galerie selbst zu unterhalten. Ein Blick auf die ausgestellten Bilder ist fast unmöglich. Als ich mich früher dort einmal umgeschaut hatte, war der leere Raum noch ein nüchterner white Cube in einem 50er Jahre-Haus. Nun stehen aparte Blumenarrangements vor dem Panoramafenster, das eingerahmt wurde von besonderen Borten mit textilen Mustern  – eher untypisch für eine Galerie.

Das quirlige Publikum verbreitet beste Stimmung. Hier trifft man nicht nur den ein oder anderen Bekannten aus der Frankfurter Verlagsszene, sondern auch Autoren, die zur Eröffnung der Ausstellung von Alia Alis bemerkenswerten Fotos eigens angereist sind wie zum Beispiel der chinesische Friedenspreisträger Liao Yiwu („Die Wiedergeburt der Ameisen“) oder die durch ihre Kolumnen sowie durch ihre beeindruckenden Berichte aus den Kriegsgebieten dieser Welt bekannte Carolin Emcke. Auch die Friedenspreisträgerin diskutiert engagiert mit jederman oder jederfrau. Beide sind Autoren des S. Fischer Verlags, in dem Peter Sillem zuvor für das Programm verantwortlich war, bevor er pünktlich zu seinem 50. Geburtstag seine steile Verlagskarriere aufgegeben hat, um sich mit einer Galerie in Sachsenhausen selbständig zu machen und um sich künftig nur noch seiner zweiten Leidenschaft, der Fotografie, zu widmen, indem er sie nicht nur sammelt, sondern auch ausstellt und verkauft.

Foto: ©Alia Ali, „Borderland“, 2017, 250 x 167 cm, Direktdruck auf Alu-Dibond

Ein zweifellos mutiger Schritt von Sillem, in diesen Zeiten und auf dem höchsten Punkt der Karriere aufzuhören, aber auch ein wohlüberlegter. Denn er hat auch etwas einzubringen. Viele im Laufe der Jahre gewachsene internationale Kontakte in der verzweigten Verlagsszene eben. Und – so hat er es bisher immer gehalten – er geht seine Sache gezielt an. Sillem hat sich im Vorfeld schon in der Szene umgeschaut. Der Zuspruch am Eröffnungsabend, wo auch gerade in vielen Galerien der Stadt parallel Veranstaltungen stattfinden, spricht Bände. Eine Sympathiekundgebung für den freundlichen Peter Sillem und beliebten Ex-Kollegen? Auch Sammler befinden sich im Publikum. Auf Anhieb kann ich bereits 21 rote Punkte für die schon verkauften Werke ausmachen. Das Geschäftsmodell scheint also auch zu stimmen.

Andere Künstlerfotografen wie die Leipzigerin Grit Schwertfeger oder Frank Mädler, die demnächst in Sillems Galerie ausstellen werden, hat er schon in sein Konzept eingebunden. Sie waren ebenfalls zur Vernissage gekommen. Im Mittelpunkt steht an diesem Abend jedoch die 32-jährige jemenitisch-bosnisch-amerikanische Multimedia-Künstlerin Alia Ali, deren so ästhetische wie irritierende Fotos unter dem Titel „Borderland“ hier ausgestellt sind.

Alia Ali im Gedränge der Vernissage

Sie sind nicht nur Ausdruck einer ungewöhnlichen Geschichte, die vielleicht für so manche heutige Biographien stellvertretend sein könnte. Alia-Ali stammt, wie sie zurecht sagt, aus zwei Ländern, die eigentlich gar nicht mehr existieren, väterlicherseits aus dem Südjemen, mütterlicherseits aus Ex-Jugoslawien, nämlich aus Bosnien. Ihre Geschichte ist eine besondere. Aufgewachsen ist sie fünfsprachig. Auch hatte sie – da beide Eltern als Linguisten besonders auf die Sprache fixiert waren –  begriffen, dass man mit Worten in manchen Situationen nur wenig bewirken kann, weil sie oftmals eher zu Missverständnissen und zu Spaltung führen.

Mit sieben Jahren, als der Bosnienkrieg mit seinen blutigen Konflikten ausbrach, musste Ali „ihr“ Land verlassen. Damals machte sie bereits die ersten einschneidenden Erfahrungen an der Grenze, dass Menschen nach ihrem Aussehen, nach ihrer Haut- und Haarfarbe, nach ihrem verzweifelten Gesichtsausdruck, nach ihrer Sprache, die für oder gegen sie spricht, beurteilt oder abgewiesen werden. So machte sie sich im Laufe ihrer Ausbildung auf die Suche nach anderen Kriterien und reiste für „ihre Sache“ um die Welt, vor allem in den Vorderen Orient, nach Asien und nach Europa. Gelebt hat sie inzwischen in sieben Ländern. Zur Zeit lebt sie bei New Orleans, in Amerika hat sie auch ihren Master gemacht. Eigentlich wäre sie eine hervorragende Geschichtenerzählerin, da es ihr leicht fällt, zwischen den verschiedenen Sprach- und Kulturräumen und hin- und her zu switchen.

 Auch Liao Yiwu (li) kam zur Eröffnung, hier mit Tienchi Martin Liao, ehemalige Vorsitzende des unabhängigen chinesischen PEN

Also begab sie sich auf die Suche nach einer neuen „verständlicheren“ Sprache, nach einer Bildsprache, in der oder in deren Muster Menschen sich wiederfinden können. Muster, die sie zum Beispiel am Körper tragen und die Ausdruck einer bestimmten Kultur sind. Also begann sie, Kulturen und deren textile Traditionen zu studieren, die sie gerne festhalten wollte, nicht zuletzt, um sie langfristig bewahren zu können. Ihre Projekte brachten sie an entsprechende Orte wie nach Oaxaca in Mexiko, nach Buchara in Usbekistan, nach Djakarta in Indonesien, nach Sapa in Vietnam, nach Kyoto in Japan, nach Djapur in Indien und nach Lagos in Nigeria. Was wäre da geeigneter als sich des Mediums Fotografie zu bedienen, die diese Muster „einbrennt“.

Neun Monate verbrachte Ali damit, sich in Museen und Manufakturen umzusehen, die teils von der Schließung bedroht sind, um sich in herkömmliche Web-, Muster- und Falttechniken einzuarbeiten. Nach und nach wurden die Textilien für sie zu Requisiten, mit deren Hilfe sie Kulturen, Nationalitäten, Geschlechtszugehörigkeiten und andere Eigenheiten der menschlichen Spezies erkunden konnte. Dann kleidete sie verschiedene Menschen in verschiedene Textilien, Stoff- und Webarten so ein, dass ihre Umrisse erkennbar blieben, das Gesicht aber verhüllt war, stellte das Ganze vor einen neutralen Hintergrund und fotografierte sie so in natürlichem Tageslicht, dass nur die Haltung des dahinterstehenden Menschen sichtbar blieb.

Um Menschen davon zu überzeugen, dass das ein Weg ist, sich vorurteilsfrei und mit Respekt der „fremden Kultur“ anzunähern, fotografierte Alia Ali ihre Reihe „Borderland“ zunächst mit Porträts von sich selbst, bis sie das Vertrauen anderer gewann.

Mit den entstandenen Fotos, die eine gewisse Würde ausstrahlen, möchte sie dem vorbeugen, dass die Betrachter ihren Vorurteilen gegenüber anderen Ethnien freien Lauf lassen und ihre Solidarität von Gesichtsschnitt, Haut-, Augen- oder Haarfarbe abhängig machen. Denn allzu oft ist es das Gesicht, das uns davon abhält, dem Anderen, dem Fremden vorurteilsfrei zu begegnen. Hinter den von Ali bewusst drapierten Textilien ihrer Fotoserie, die Peter Sillem in Deutschland exklusiv vertritt, verbergen sich also Menschen verschiedenen Alters, verschiedener Nationalitäten und die Bereitschaft etwas zu genießen. Da zählt nicht mehr das „Ich“, auch nicht, ob jemand höherrangig oder untergeordnet ist. Von den Umrissen, Formen und aus der Geometrie der Muster können wir nur auf das Dahinterliegende schließen.

Wandvorsprünge und Fensterwangen waren mit textilen Bordüren gestaltet

Für „Borderland“ besuchte die Künstlerin bis heute insgesamt 11 Manufakturen in verschiedenen Regionen. Die farbig kunstvoll gewirkten und drapierten Textilien, hinter denen sich ganz unterschiedliche Menschen verbergen, welche Haltung ausstrahlen, werden auf Alis brillanten Fotos ebenfalls zu eigenständigen „Persönlichkeiten“.

Mit den Namen- und Gesichtslosen, die alle auf einen neutralen Hintergrund „drapiert“ sind, gehen wir hier von Umrissen, Formen und geometrischen Mustern aus, mit denen Menschen sich identifizieren, um zu eigenen Antworten zu kommen. Die „eingekleideten“ Menschen werden auf den so magischen wie subtilen Fotos von Alia Ali zu Vertretern einer jeweils individuellen Kultur, die uns anregen, genau hinzuschauen und zuzuhören, was sie uns zu erzählen haben und was es als „Kulturerbe“ zu bewahren gilt. Ein interessanter Aspekt, Textilien als Grenzen eines Erkundungsgebietes zu erleben, in dem das Geheimnisvolle sichtbar wird, die Illusion Wirklichkeit wird, das Verhüllte Aspekte von Freiheit verheißt und in der Einheit Individualität aufblüht.

Hinter den farbigen Kompositionen der Fotos, die auf den ersten Blick als dekorativ erscheinen, steht eben eine ganz zeitnahe Geschichte. Damit ist dem neuen Galeristen ein interessanter sinnlicher Blick auf die globalisierte Welt von heute gelungen.

Fotos: Petra Kammann

Alia Ali hat das United World College des Atlantiks (UWCAC) absolviert und ist Absolventin von Studio Art und Middle Eastern Studies am Wellesley College. Derzeit arbeitet sie zwischen New Orleans und Marrakesch. Ihre jüngsten Arbeiten wurden im Odgen Museum of Southen Art im Rahmen von PhotoNOLA, auf der Marrakesch Biennale im Rahmen der schweizerisch-marokkanischen Gruppe KE’CH und auf der PhotoLondon 2016 im Rahmen der Ausstellung der Lens Culture Awards ausgestellt. Sie erhielt kürzlich den Alice C. Cole ’42 Award vom Wellesley College, die Lens Culture für aufstrebende Künstler 2016, den Jury Prize beim Kuala Lumpur Photo Awards Festival und den Gold Award in der Kategorie Fine Art bei den Tokyo International Photo Awards.

Weitere Infos unter:

Galerie Peter Sillem, Dreieichstraße 2, 60594 Frankfurt am Main, Telefon +49 69 61 99 55 50

www.galerie-peter-sillem.com

„Axel Hütte. Night and Day“ im Düsseldorfer Museum Kunstpalast

2017, Oktober 28.

Düsseldorfer Fotoschule: Phänomene des Sehens

von Angelika Campbell

Meine chinesische Freundin Jade fotografiert gern. Und sie will deutsche Kultur kennen lernen. Also auf zur Ausstellung „Axel Hütte. Night and Day“ im Düsseldorfer Museum Kunstpalast. Andächtig steht sie vor dem großformatigen Werk „Rio Negro 2 – Brazil“ „Es ist wie Traum“, sagt sie. Tatsächlich, die Arbeiten des Fotokünstlers, der als Meister der zeitgenössischen Landschaftsfotografie gilt und uns Bilder von allen Kontinenten mitgebracht hat, strahlen eine unwirkliche, geradezu träumerische Faszination aus, obwohl sie doch durchaus reale Motive abbilden. Die aber wurden bildnerisch mit den Mittel der Fotografie auf eine Art und Weise erfasst, dass sie fast wie aus einer anderen Welt scheinen.

Axel Hütte, Rio Negro-2, Brasil, 1998 C-Print, 187 x 237 cm © Axel Hütte

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Laura J. Padgett: somehow real

2017, Juli 27.

Eine Kooperation der Marielies-Hess-Stiftung mit dem Museum Giersch der Goethe-Universität Frankfurt am Main

Hier die Laudatio von Brigitta Amalia Gonser

Preisverleihung im Museum Giersch – v.l.n.r.: Manfred Großkinsky, Direktor des Museum Giersch der Goethe-Universität, Saxofonist Ralf Frohnhöfer, Professor Michael Crone, Marielies Hess-Stiftung; Fotos: Erhard Metz

Als Marielies-Hess-Kunstpreisträgerin 2017 präsentiert die herausragende Frankfurter Fotografie- und Film-Künstlerin Laura J. Padgett unter dem Motto „somehow real“ in der für ihr Werk repräsentativen retrospektiven Ausstellung ihr spezifisches Thema der sensiblen Rolle der Wahrnehmung in der ästhetischen Realitätsspiegelung  des öffentlichen und privaten Lebensraumes.

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Das Musée d’Arts de Nantes und eine filgrane Installation von Susanne Fritscher

2017, Juli 17.

Das ehemalige Musée des Beaux Arts von Nantes wurde als Musée d’Arts de Nantes  zum Sommeranfang 2017 nach 6-jähriger Renovierung wieder eröffnet. 

Eindrücke und Fotos von Petra Kammann


Die frisch renovierte Fassade des Musée d’Arts de Nantes

Nantes ist seit einigen Jahren eine dynamische Stadt, die auf Innovation und Kreativindustrie gesetzt hat. „Le voyage à Nantes“ – so der stadteigene Slogan – ist immer eine Reise wert, besonders aber auch der Kunst wegen. Dabei hat die einstige Hafenstadt an der Loiremündung ihre Geschichte nicht vernachlässigt, so auch nicht das Musée des Beaux Arts, das bislang in einem mächtigen Palais des ausgehenden 19. Jahrhunderts seine kostbare Kunstsammlung vom 13. bis zum 20. Jahrhundert beherbergte. Weiterlesen