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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Alle Artikel zu Städel Museum

Liebe Leserinnen und Leser,

2017, April 11.

Dinge bleiben nicht wie sie sind. Sie haben es gestern im Beitrag von Erhard Metz gelesen. Auch FeuilletonFrankfurt ist davon nicht ausgenommen. 

 Alte und neue Facetten im Spiegel – die neue Altstadtbebauung 

Nun, geht es denn um die Wurst? Nein, keine Sorge, nicht um das global bekannte legendäre Frankfurter Würstchen, sondern es geht ums Ganze, das in Frankfurt nicht so leicht zu haben ist und um das man sich immer wieder bemühen muss… Schließlich hat das Ganze hier viele Facetten. Man muss nicht bei Google Maps nachschauen, um sagen zu können, wo man sich gerade befindet. Denn wir haben es in Frankfurt nicht mit einer eindimensionalen Stadt zu tun, deren Einkaufsstraßen mit denen anderer Innenstädte zum Verwechseln ähnlich wären. Neben den zahlreichen Hochhäusern, den römischen und mittelalterlichen Relikten gibt es in Frankfurt außerdem auch noch viel lebenswerte Natur und Grün in den Parkanlagen und an den Ringen.

Weil Frankfurt in der Mitte des Landes liegt und am Fluss sich hier immer schon die Handelswege kreuzten, haben hier nicht allein die verschiedensten Völker, sondern auch die kriegerischen Auseinandersetzungen ihre unverwechselbaren Spuren hinterlassen, nicht zuletzt auch die unterschiedlichen Religionszugehörigkeiten oder Weltanschauungen. Das strahlt bis in die Gegenwart aus. Eine weitere Grunderfahrung: In der Mainmetropole blieb nie ein Stein auf dem anderen, was den Vorteil hat, dass die Menschen voller Energie sind, um Neues anzupacken und daher immer alles in Bewegung ist. Die urbane Silhouette bringt es an den Tag. Die Stadt lebt. Und auch das sollte in FeuilletonFrankfurt kommentiert werden.

Eine Geschichte der Transformation: William Forsythe. Der Ruhm seiner Tanztruppe reichte weit über Frankfurt hinaus. Der Choreograph stellte zuletzt als Künstler „The fact of matter“ im MMK aus 

Mit dem Wandel verbunden war auch immer eine stetige Herausforderung für die Stadtgesellschaft wie für die Kultur, nicht nur für die legendäre alte oder die Neue „Frankfurter Schule“. Der das alltägliche Leben prägende Kultureinfluss hat im gesamten Rhein-Main-Gebiet die Lebensart bestimmt, die sich kontinuierlich weiterentwickelt hat.

Transformation spiegelt sich auch in den Bauten verschiedenster Epochen, die man in Frankfurt allüberall vorfindet, wie etwa in der Struktur des gerippten Glases fürs „Stöffche“, dem anderswo wenig geschätzten Ebbelwoi: So ist der zeitgenössische Turm am Mainufer durch die charakteristische Rippenstruktur des Apfelweinglases gekennzeichnet. Gewissermaßen unterirdisch hingegen befinden sich die römischen Fundamente in unmittelbarer Nähe zum alten und neuen Römer aus den Fünfzigern. Im durch den Krieg ebenso zerstörten wie wiederaufgebauten Dom wurden einst die Kaiser gekrönt, während in der protestantisch-schlichten Paulskirche die erste Demokratie ausgerufen wurde und heute alljährlich der renommierte Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und alle drei Jahre der Goethe-Preis der Stadt Frankfurt verliehen wird. Welche deutsche Stadt kann das schon von sich behaupten? Aber hier scheint auch die Grundregel zu herrschen: aus Alt mach Neu, und aus Neu mach Alt. Tradition muss sein, Innovation unbedingt aber auch. Davon lebt die Stadt, in der heute Menschen aus 180 Nationen friedlich miteinander leben.

Naxos-Halle: Willy Pramls Inszenierung vom Kleist-Drama „Das Erdbeben in Chili“ 

Brücken wie der Eiserne Steg schlagen Verbindungen zum traditionsbewussten Frankfurt

Das gilt sowohl für die in Deutschland unvergleichliche Hochhausszene wie auch für die Neu-/Altbebauung der ehemaligen Altstadt. Am Main drängen sich hibbdebach die Hochhaustürme und dribbdebach reihen sich die einstigen Patrizierhäuser des endenden 19. Jahrhunderts, umgestaltet als zeitgenössische Museen, wie Perlen an einer Kette. Kurzum: Vor dieser Kulisse der Gegensätze konnte sich hier auch die Kultur in den verschiedensten Ausprägungen hervorragend entwickeln. Die Museen sind bestens aufgestellt, auch wenn inzwischen einige profilierte Museumsleiter wie Max Hollein und Susanne Gaensheimer leider die Stadt verlassen (haben), Oliver Reese für seine Theaterarbeit die Hauptstadt vorzieht und die erfahrene Cineastin und Direktorin Claudia Dillmann sich aus dem Filmmuseum demnächst zurückzieht. Da bedarf es schon ein paar kluger Köpfe, die Karten sinnvoll neu zu mischen, damit das Renommee, das diese Persönlichkeiten für die Stadt erarbeitet haben, gehalten wird.

Das EZB-Gebäude über der alten Großmarkthalle

Mit dem im wahrsten Wortsinn herausragenden Bau der EZB von Coop Himmelb(l)au, verbunden durch einen Keil, der in die frühere Großmarkthalle von Martin Elsässer getrieben wurde, verwandelte sich das Ostend. Und hinter der Messe entstand das neue Europaviertel. Das ungeliebte Offenbach, in das sich viele Kreative zurückgezogen haben, weil ihnen die Mieten in Frankfurt zu teuer geworden sind, ist auch dabei, „Neuland“ oder „Arrival City“ zu werden. Ernst May, der Begründer des Neuen Frankfurt in den 20er/30er Jahren, hätte seine helle Freude gehabt, daran mitzuwirken. Bei allen Investitionen in Immobilien aber möge Justitia vor dem Römer stets die Waage halten, damit die gewachsene Stadtgesellschaft nicht auseinanderdriftet. Die aktuellen Herausforderungen sind groß und die globale Welt ist bestens vernetzt. Das soziale Gleichgewicht – so haben wir vor allem an verschiedenen europäischen Orten in den letzten beiden Jahren erlebt – ist nicht so leicht zu halten.

Städel-Direktor Philipp Demandt und Kulturdezernentin Ina Hartwig

Vielleicht ist Frankfurt aber auch eine der Städte in Deutschland, die fremde Menschen immer wieder neu willkommen heißen. Schon der prächtige Bahnhof vom Ende des 19. Jahrhunderts, gekrönt von der Figur des Atlas, zeugt davon. Dass diese Weltoffenheit  heute auch im Theater inszeniert wird, ist nur einer der Aspekte. Ob wir es „schaffen“, all diese Erfahrungen zu integrieren, das hängt nicht allein von uns selbst ab. Wir sind angewiesen auf die Kooperation im Team und darauf, dass jemand mit uns an einem Strang zieht.

Das trifft auf mich als neue Herausgeberin ebenso zu wie auf die Leser und Leserinnen, Autorinnen und Autoren wie auch auf die Kultur-Institutionen, Stiftungen und die kreative Off-Szene, die vieles antizipiert, was uns künftig beschäftigen wird. Ihnen allen möchte ich für das Wohlwollen FeuilletonFrankfurt gegenüber herzlich danken, allen voran aber dem bisherigen Herausgeber und Autor Erhard Metz, der über 10 Jahre mit großem Engagement und Geschick dieses wichtige Online-Magazin für Frankfurt aufgebaut und geführt hat. Es war eine großartige Leistung. Das Ihnen vertraute Layout haben wir leicht modifiziert. Glücklicherweise wird er uns auch weiterhin noch als Autor erhalten bleiben ebenso wie die bisherigen Mitarbeiter und Autoren. Ich danke ihm für das Vertrauen, das er in mich gesetzt hat, und wünsche mir, dass wir es mit vereinten Kräften auf weitere zehn Jahre bringen, wenn wir das vielfältige kulturelle Geschehen in der internationalen Stadt Frankfurt, dem Rhein-Main-Gebiet und darüber hinaus kommentieren. Schenken Sie uns weiterhin Ihre Aufmerksamkeit und bleiben Sie FeuilletonFrankfurt weiterhin gewogen.

Herzlichst, Ihre

Petra Kammann

Fotos: P. Kammann

Städel Museum: „Geschlechterkampf“ zwischen Symbolismus und Surrealismus

2017, Februar 8.

Schrecklich – Schön: Leidenschaft, Verführung und Liebe bis in den Tod

„Geschlechterkampf. Franz von Stuck bis Frida Kahlo“. Unter diesem provokanten Titel zeigt derzeit eine große Ausstellung im Städel Museum, wie kontrovers Künstler vom ausgehenden 19. Jahrhundert bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts auf die sich verändernden Rollenbilder reagierten. Noch bis zum 19. März 2017 sind dort rund 180 zum Teil weltberühmte Arbeiten zusehen, unter anderem auch von Edvard Munch, Auguste Rodin, Gustav Klimt, Otto Dix, Hannah Höch und Max Ernst. Etliche der Gemälde, Skulpturen, Fotografien und Filme stammen aus der Sammlung des Städel selbst, andere sind Leihgaben bedeutender Museen. Ihre Gemeinsamkeit: Sie alle kreisen um die spannungsgeladenen und tückischen Beziehungen zwischen Mann und Frau.

Einblicke von Petra Kammann

Wer sich heute bei Facebook anmeldet, kann zwischen 60 (!) verschiedenen Bezeichnungen seiner Geschlechtszugehörigkeit wählen, so der Städel-Kurator Felix Krämer, um zu begründen, wie aktuell das Thema „Geschlechterkampf“ trotz 150 Jahre Gleichberechtigung auch im 21. Jahrhundert immer noch sei. Die damit einhergehende Freiheit bleibt zerbrechlich.

Panorama

Links: Franz von Stuck (1863–1928), Adam und Eva, 1920–1926, Öl auf Holz, 98 x 93,5 cm, Städel Museum, Frankfurt am Main, Foto: Städel Museum – ARTOTHEK; rechts: Suzanne Valadon (1865–1938), Adam und Eva (Selbstbildnis mit André Utter),1909, Öl auf Leinwand, 162 x 131 cm, Centre Pompidou, Paris, MNAM/CCI, Photo: © bpk / Centre Pompidou, MNAM-CCI, Dist. RMN-Grand Palais / Jacqueline Hyde Weiterlesen

Philipp Demandt Direktor auch der Schirn Kunsthalle Frankfurt

2016, September 24.

Philipp Demandt, bis Ende September 2016 Leiter der Alten Nationalgalerie in Berlin und ab 1. Oktober Direktor des Städel Museums und der Liebieghaus Skulpturensammlung, übernimmt zum genannten Datum erwartungsgemäss auch die Direktion der Schirn Kunsthalle Frankfurt und folgt damit in allen drei Positionen Max Hollein, seit Juni dieses Jahres Direktor der Fine Arts Museums of San Francisco. Einen entsprechenden förmlichen Beschluss fasste jetzt die Gesellschafterversammlung der städtischen Schirn Kunsthalle GmbH, bestehend aus den Mitgliedern des Magistrats der Stadt Frankfurt am Main. Sie folgte damit dem gemeinsamen Vorschlag von Oberbürgermeister Peter Feldmann als Vorsitzendem des Aufsichtsrats der Kulturinstitution und der Dezernentin für Kultur und Wissenschaft, Ina Hartwig.

„Philipp Demandt ist ein grosser Gewinn für die Kulturstadt Frankfurt. Seine umfangreichen Erfahrungen als Ausstellungsmacher und Kulturmanager prädestinieren ihn in hervorragender Weise für die Leitung der drei Häuser. Ich bin überzeugt, dass er mit zukunftsweisenden Ideen viele innovative künstlerische Vorhaben umsetzen und die grossen Erfolge von Schirn, Städel und Liebieghaus fortsetzen wird“, erklärte Oberbürgermeister Peter Feldmann. Und Kulturdezernentin Ina Hartwig betonte: „Die Bestellung von Philipp Demandt als Direktor der Schirn Kunsthalle Frankfurt in Verbindung mit der Führung von Städel Museum und Liebieghaus Skulpturensammlung ist eine äusserst erfreuliche Lösung. Ich bin mir sicher, dass wir mit dem renommierten Kunsthistoriker Philipp Demandt und dem ebenso innovativen wie erfahrenen Team aufregende Ausstellungsformate erwarten können. Die Schirn Kunsthalle zeigt mit ihren publikumswirksamen Präsentationen ein unverwechselbares Profil und hat sich als eines der führenden zeitgenössischen Ausstellungshäuser positioniert. Sie korrespondiert auf eine hervorragende Weise mit den Sammlungsschwerpunkten des traditionsreichen Städel zu Alten Meistern und Werken der klassischen Moderne.“

Frankfurt/Main 23.09.2016 Magistrat bestellt neuen GeschŠftsfŸhrer der Schirn Kunsthalle Frankfurt v.l.n.r. : Inka DršgemŸller ( stellv. Direktorin der Schirn ), Peter Feldmann ( OberbŸrgermeister und Aufsichtsratsvorsitzender der Schirn ), Dr. Philipp Demandt ( Direktor der Schirn ), Dr. Ina Hartwig ( Kulturdezernentin )

„Familienfoto“: (v.l.) Inka Drögemüller (stellvertretende Direktorin/Geschäftsführerin der Schirn Kunsthalle, Oberbürgermeister Peter Feldmann (Vorsitzender des Aufsichtsrats der Schirn Kunsthalle GmbH), Philipp Demandt (Direktor und Geschäftsführer der Schirn Kunsthalle), Ina Hartwig, Dezernentin für Kultur und Wissenschaft; Foto: Presse- und Informationsamt Frankfurt am Main, © Alex Kraus Weiterlesen

„Schaufenster des Himmels“ im Städel Museum

2016, September 21.

Der Altenberger Altar und seine Bildausstattung

Eine kleine, wenngleich feine und von manchen Besuchern des Städel Museums vermutlich kaum wahrgenommene Schau in der Ausstellungshalle der Graphischen Sammlung geht am kommenden Sonntag zu Ende. In 37 Exponaten wird eine der eindrucksvollsten Kirchenausstattungen aus dem späten 13. und frühen 14. Jahrhundert gezeigt: der frühgotische „Altenberger Altar“ aus der ehemaligen Klosterkirche Altenberg an der Lahn (zwischen Wetzlar und Solms-Oberbiel) und seine reiche Bildausstattung. In der Schau werden erstmals seit der Säkularisation das Hochaltarretabel mitsamt seinem Schreinkasten, der zentralen Muttergottesfigur und den Flügelbildern mit Passions- und Mariendarstellungen sowie das aus dem ehemaligen Prämonstratenserinnen-Kloster stammende Ensemble kostbarster Ausstattungsstücke rund um den Altar wieder zusammengeführt. Dazu zählen Reliquiare, Altardecken von etwa 1330, Goldschmiedearbeiten und Altarkreuze des 13. Jahrhunderts und figürliche Glasmalereien des Chorachsenfensters aus dem frühen 14. Jahrhundert.

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Kirche des Klosters Altenberg bei Solms-Oberbiel, Foto: Philipp Trümper (PTWZ (talk))/wikimedia commons GFDL Weiterlesen

Georg Baselitz: „Die Helden“ im Städel Museum Frankfurt

2016, August 2.

Helden, die nicht Kopf stehen

Helden faszinieren die Menschheit seit jeher. So auch den Künstler Georg Baselitz, doch auf seine Weise. Anders eben. Vor fünfzig Jahren, zwischen 1965 und 1966 schuf er, bevor er 1969 seine Gestalten auf den Kopf stellte und mit diesem Kunstgriff als „junger Wilder“ weltberühmt wurde, einen untypischen und heute weniger bekannten Helden-Zyklus, dem das Städel Museum in Frankfurt bis zum 23. Oktober 2016 eine Sonderausstellung widmet. Eine Begegnung im Museum mit Georg Baselitz und seinen gewaltigen Bildern

Von Petra Kammann

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Georg Baselitz neben: „Der Baum“, 1966, Öl auf Leinwand, Privatbesitz; Foto: Petra Kammann

Noch im Jahre 1979, also 34 Jahre nach Kriegsende, hielt der Bildhauer Arno Breker in einem Interview mit André Müller an der Faszination von Heldengestalten mit ihren kraftvollen, muskulös durchgestalteten Körpern fest, hatten sie ihm doch durch die Protektion Adolf Hitlers den Aufstieg in die Künstlerhierarchie des Dritten Reiches bis hin zum Vizepräsidenten der Reichskammer der bildenden Künste beschert. Auf die Frage, ob es in der Nachkriegszeit für ihn nicht noch viel Schlimmeres gebe als den persönlichen finanziellen Ruin, nämlich die Vernichtung seiner Ideale, an die er zehn Jahre lang während der NS-Zeit geglaubt hatte, bekannte er klar und deutlich: „Ja, die waren kaputt. Meine Ideale, also das, was mich zur Monumentalplastik getrieben hatte, das war kaputt.“ Diese Äußerung zeigt, dass in Deutschland sogar nach Jahrzehnten vieles noch unaufgearbeitet und nicht im Lot war. Weiterlesen