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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Alle Artikel zu Städel Museum

Hauptwerke von Matisse und Bonnard demnächst im Städel

2017, August 17.

„Mein lieber Matisse“, „Mein lieber Bonnard“ – „Mein lieber Freund“

In knapp einem Monat ist es soweit. Da werden vom 13. September 2017 an bis zum 14. Januar 2018 zwei herausragende Protagonisten der Klassischen Moderne erstmals gemeinsam in Deutschland im Frankfurter Städel ausgestellt sein: Henri Matisse (1869–1954) und Pierre Bonnard (1867– 1947). Die Ausstellung ist der Künstlerfreundschaft zweier Pioniere der Modernen Kunst gewidmet und sie beleuchtet neue Perspektiven der Entwicklung der europäischen Avantgarde, vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges. Der bisweilen erstaunlich enge Austausch zwischen den Künstlerkollegen zeigt sich vor allem an ihrer intensiven Auseinandersetzung mit so zentralen Themen wie dem Interieur, dem Stillleben, der Landschaft und dem Akt. 

Die hochkarätigen Exponate aus international bedeutenden Sammlungen, u.a. aus dem Art Institute of Chicago, der Tate Modern in London, dem Museum of Modern Art in New York, dem Centre Pompidou und dem Musée d’Orsay in Paris, aus der Eremitage in Sankt Petersburg sowie aus der National Gallery of Art in Washington sind allesamt Zeugen eines langjährigen Dialogs zwischen den beiden französischen Malern, darunter auch „Großer liegender Akt“ von Matisse.
→ Der Katalog erscheint bei Prestel.

Von Petra Kammann

↑ An der Côte d’Azur tauschten sich die Künstler Henri Matisse und Pierre Bonnard aus: Matisse bewohnte bis zum Ende seines Lebens  diese Villa aus dem 18. Jahrhundert inmitten der Olivenhaine von Cimiez. Dort befindet sich heute im ersten Stock das Matisse-Museum von Nizza

↓ 1926 kauft sich Pierre Bonnard ein Haus in Le Cannet oberhalb von Cannes. Er zieht sich dort von 1939 bis zu seinem Tode 1947 zurück. In der Abgeschiedenheit und Ruhe der letzten Lebensjahre entstanden hier besondere Werke. Heute kann man in dem kleinen Bonnard-Museum auf dem Hügel in Le Cannet einige anschauen (Alle Fotos: Petra Kammann)

 

„Es lebe die Malerei!“ – Dieser programmatische Ausruf von Henri Matisse auf einer Postkarte an Pierre Bonnard, die er 1925 aus Amsterdam schickte, hat nicht nur eine 62 Briefe umfassende Korrespondenz der beiden Künstler in Gang gesetzt, die bis 1946 andauern sollte. Dieser Satz wurde für die Ausstellung im Städel auch titelgebend. In der Korrespondenz kam die gegenseitige Wertschätzung der Kollegen zum Ausdruck, die sich häufig auch im Atelier besuchten.

So unterschiedlich die beiden Künstler auf den ersten Blick erscheinen mögen, so ging es ihnen in ihrem Dialog stets um das gemeinsame Nachdenken über künstlerische Probleme der Malerei und um ihre jeweiligen Standpunkte ihr gegenüber. Anders als die von Rivalität geprägte Beziehung zu Picasso war dessen Verhältnis zu Bonnard von echter Freundschaft und gegenseitiger Unterstützung geprägt. Das lässt sich u.a. in den Motiven und Perspektiven verfolgen, die sich teils in ihren Werken wechselseitig ergänzen.

Wie also Matisse auf Bonnard reagiert und umgekehrt, davon wird die Schau „Matisse – Bonnard. Es lebe die Malerei!“ handeln, auf der schon vor der Eröffnung im September eine große Aufmerksamkeit liegt. Denn sie wird zahlreiche Hauptwerke dieser beiden Protagonisten der französischen Moderne aus den verschiedenen Ecken der Welt im Städel versammeln. Ein Hintergrundgespräch mit Daniel Zamani, einem der beiden Städel-Kuratoren, gab erste Einblicke, wie diese Ausstellung zustande kam und was in ihr zu erwarten sein wird.

→ Daniel Zamani, einer der beiden Kuratoren der Matisse-Bonnard-Ausstellung 

 

In der Zeitschrift Cahiers d’art 1947 hatte der Kunstkritiker Christian Zervos 1947 einen sehr gehässigen Artikel über Bonnard verfasst, der dessen angemessene Rezeption zunächst sehr behinderte, weswegen man Bonnard weder in den USA noch in Deutschland zur zeitgenössischen Kunst zählte. Seine Malweise passte nach Meinung der Kritiker  überhaupt nicht ins 20. Jahrhundert.  Zamani sieht den Grund darin, dass Bonnard keinem –ismus oder einer der Schulen, die sich seit dem Impressionismus entwickelt hatten, zuzuordnen war. Matisse jedoch wird zu einem seiner ganz großen Verteidiger.

Der reagierte nämlich auf die Kritik mit einem 2-seitigen Beschwerdebrief. „Wenn ich jemals an Bonnard gezweifelt habe, dann hat mich der Anblick eines seiner Werke an die Wahrheit erinnert, selbst in einer Schwarz-Weiß-Abbildung. Bonnard ist wesentlich tiefsinniger, als es den Anschein hat. Ich bin sicher, dass sein Werk überdauern wird,“ und quer über den gedruckten Text schrieb der Künstler demonstrativ: „Ja! Ich bezeuge, dass Pierre Bonnard ein großer Maler ist, für heute und bestimmt auch für die Zukunft.“

Felix Krämer, der wegen der von ihm kuratierten Monet-Ausstellung im Städel bestens mit der französischen Malerei und den Museen Frankreichs vertraut ist, und Daniel Zamani, der auch zuvor schon mit ihm zusammengearbeitet hatte, ließ dieses Thema nicht ruhen. Sie begannen, die Sache intensiver zu recherchieren und wollen mit einer Ausstellung überzeugen, die diesem Vorurteil ein Ende macht.

Bislang waren laut Zamani tatsächlich gezielt erst zwei Expositionen diesem Thema nachgegangen: 2006/07 in der Ausstellung in Rom Matisse e Bonnard. Viva la pittura! und eine weitere 2008 Matisse et Bonnard: Lumière de la Méditerranée im Kawamura Memorial Museum of Art und Museum of Modern Art in Hayama, allerdings mit einer begrenzten Auswahl von Exponaten. Vor allem aber kamen die beiden Kuratoren zu dem Schluss, dass man das Thema insofern vertiefen müsse, als die Bilder, welche die Künstler voneinander besaßen, in diesen Ausstellungen fehlten. Also machten sie sich auf, um sie an den verschiedenen Orten aufzutreiben.

→ Es wird die letzte von Felix Krämer betreute Ausstellung im Städel sein, bevor er die Leitung des Museum Kunstpalast in Düsseldorf als Generaldirektor übernimmt.

 

Wegen der eben schon guten vorhandenen Beziehungen zu den französischen Museen fingen sie in Paris an, Leihgaben zu erbitten: im Centre Pompidou, im Musée d’Orsay und auch bei der Ville de Paris. Nachdem klar war, dass diese bedeutenden Institutionen sie in der Aufarbeitung des Themas unterstützen würden, fuhr Felix Krämer weiter an die Tate Gallery nach London, während sich Daniel Zamani zunächst in die USA aufmachte, um die Reise für Felix Krämer in den jeweiligen Sammlungen zu recherchieren und vorzubereiten; später verhandelte dann Felix Krämer. Es ging nach New York ans Museum of Modern Art und ins Metropolitan Museum of Art und dann nach Chicago, nach Philadelphia, in die National Gallery nach Washington und zur Philipps Collection, um das Dialogkonzept jeweils vor Ort zu erläutern.

„Wir mussten mit unserer Konzeption überzeugen, indem wir das Ausstellungsprojekt vorstellen und klarmachen, dass wir inhaltlich einen neuen Blick auf die Leihgaben haben“. Sind dafür tatsächlich so aufwändige Reisen nötig? Es ist offenbar der effektivere Weg. “ Das ist auf jeden Fall sehr hilfreich, weil man vieles vor Ort direkt klären kann. Man weiß dann sofort, was geht und was auf gar keinen Fall, weil zum Beispiel bestimmte Werke aus konservatorischen Gründen ohnehin nicht reisen können, und manchmal kommt man dann vor Ort auch auf andere Ideen“, kontert Zamani und ergänzt: „Glücklicherweise hat das Städel einen guten Ruf und ist wegen der französischen Moderne mit dem Schwerpunkt Malerei renommiert, so dass man uns entgegenkommt.“

Und er fährt fort: „Im ersten Jahr haben wir insgesamt sehr hart an den Leihgaben gearbeitet. Schließlich kann man weder mit dem Inhalt noch mit dem Katalog beginnen, wenn man die Bilder nicht hat. Daher: je schneller man Zusagen bekommt, desto besser. Unser Glück war es, dass wir sehr bald Zusagen für das erste Interieur, das Bonnard von Matisse gekauft hat, bekamen wie auch für das Interieur, das Matisse von Bonnard gekauft hat. Das ging innerhalb von einer bis drei Wochen, weil das Konzept so stimmig war.“

Und dann begann natürlich auch sehr viel Denkarbeit für die beiden Kuratoren. Zamani hat dann erst einmal viel Zeit in Pariser Archiven zugebracht: in der Bibliothèque Nationale, im Matisse-Archiv, in der Bibliothèque Richelieu, im Atelier, in dem viele Kunstwerke entstanden sind und wo der Künstler 1909 gewohnt hat, manche Hinweise kamen aus dem Umfeld der Erben. So bleibt die Arbeit von Charles Terrasse, dem verstorbenen Neffen Bonnards, ein wichtiger Impuls für das Verständnis des Werkes. Und der rege Austausch mit den Héritiers Matisse bei Paris tat ein übriges.

Trotz aller sorgfältigen Vorarbeiten gab es natürlich auch Absagen, die seien allerdings  – so Zamani –  immer sehr freundlich gewesen wie im Falle von „Stillleben mit Geranien“ aus dem Jahre 1910 aus der Münchener Pinakothek, das so gut wie nie reist. Da ist zum Beispiel in Amerika auch eine fünfjährige Vorlaufplanung zu berücksichtigen, während man, wenn im Städel das Thema einmal festgeklopft ist, etwa zweieinhalb Jahre Zeit für die Realisierung hat. Natürlich kann man die Pläne der anderen Museen nicht immer kennen. Und da kann es auch passieren, dass schon alles ausgeliehen ist, was man gerne dabei gehabt hätte. Dann muss man halt schnell umdisponieren und neu recherchieren.

Eine Reihe von Werken kamen auch aus Privatbesitz. Da muss man sich an Auktionshäuser wie Sotheby’s und Christie’s wenden, die das Interesse dann weiterleiten. Dort wiederum kann man aber erst anfragen, wenn man schon andere bedeutende Zusagen hat. Dann gibt es einen Blankoleihvertrag. Häufig wollen Privatsammler auch nicht genannt werden, und da bleibt alles strikt anonym.

Insgesamt hilfreich war es sicher, dass das Städel schon im Besitz eines wichtigen Gemäldes von Matisse und eines Bonnard war. Das Bonnard-Gemälde Liegender Akt auf weißblau kariertem Grund, um 1909 war 1988 noch unter der Leitung von Klaus Gallwitz gekauft worden – drei Jahre nach einer großen Bonnard-Retrospektive. Einige der nun gezeigten Bilder waren auch schon einmal als Leihgaben im Städel, nun kommen sie in einem neuen Zusammenhang zurück. Den Matisse, Blumen und Keramik von 1913, der zu den bedeutenden frühen Stillleben des Künstlers gehört, hatte das Städel einst als Schenkung von Robert von Hirsch bekommen. Es war unter den Nazis beschlagnahmt worden und wurde 1962 unter großer Kraftanstrenung zurückerworben. Diese beiden Bilder werden nun übrigens neu gerahmt werden, was eher den historischen Rahmen entspricht, welche die Künstler selbst ausgewählt hätten.

Des weiteren gibt es im Haus eine komplett und gut erhaltene Matisse-Suite von „Jazz“ sowie auch Bonnards Hauptwerk der Druckgrafik ‚Einige Ansichten aus dem Pariser Leben‘. –  13 Lithografien, die der legendäre Kunsthändler Ambroise Vollard seinerzeit in Auftrag gegeben hatte. Allein dieses Beispiel beweist, dass das Städel schon früh angefangen hat, die französische Moderne strategisch zu sammeln.

Eine gute Basis im eigenen Haus, kompetente Vorarbeit und intensive Bemühungen im Umgang mit den Leihgebern vorausgesetzt, die Kuratoren hatten auch Glück:  34 Ölgemälde von Matisse und 36 Ölgemälde von Bonnard haben sie bekommen, dazu eine Statue von Matisse, eine von Bonnard, 18 Fotografien und ungefähr 33 Grafiken von Matisse und 16 Grafiken von Bonnard. Angefragt hatten sie zunächst 250 Werke; 140 werden nun zu sehen sein: „Mehr hätten wir vom Platz hier auch gar nicht handlen können. Die Bilder müssen luftig hängen, um entsprechend wahrgenommen zu werden. Wir haben z.B. zwei Odalisken von Matisse, die zwar relativ klein sind, aber so stark, dass sie eine Wand für sich brauchen“, sagt Zamani.

Testen von Farbtafeln für die Wandfarben in den verschiedenen Kabinetten

Natürlich bestimmt die Auswahl und Zusage dann auch die Ausstellungskonzeption. „Deswegen haben wir zum Beispiel für die thematisch aufbereiteten Kabinette neutrale Farben in zartem Grauton als Hintergrundfarben gewählt. Denn die Farbigkeit der Malerei soll darauf besonders zum Ausdruck kommen.“ Wichtig erschien es ihnen auch,  die  Dialogstruktur in der Städel-Ausstellung durchgängig erkennbar zu machen.

Bereichert wird die Schau durch eine Reihe von Werken des französischen Fotografen Henri Cartier-Bresson, der beide Maler in ihren Häusern in Südfrankreich besuchte und sie in seinen legendären Schwarzweiß-Aufnahmen verewigte. Er hatte beide Künstler an zwei aufeinanderfolgenden Tagen in Nizza und Le Cannet besucht. „Da war innerhalb von zwei Tagen eine Fotoserie entstanden, welche die beiden Künstler ausdrucksvoll darstellt. So sieht man etwa Matisse, wie er ein schönes Modell im Pelzmantel malt, überhaupt auch seine luxuriöse Behausung im Hotel Régina in Nizza und die Villa „Le Rêve“ bei Vence, während es bei Bonnard auf dem Hügel in Le Cannet wesentlich rustikaler und bescheidener zugeht.“ Diese Fotos werden im Halbrund  im unteren Teil des Peichel-Baus mit 18 Schwarz-weiß-Fotografien den Auftakt bilden, bevor man in die Welt der Malerei eintaucht.

„Wir wollten eben die sehr unterschiedlichen Künstlerpersönlichkeiten darstellen, die letztlich auch einen Einfluss auf ihre Kunst hatte“, kommentiert Zamani und weiter: „Dann wird es Wände geben, wo wir sehr plakative Dialogpaare haben. In anderen Räumen wiederum hängen keine Gemälde, sondern Fotografie und Grafik. Manchmal vermischen sich die Farben. Im Obergeschoss werden ganz prominent nur die beiden Bilder Henri Matisse, Großer liegender Akt (Grand Nu couché) von 1935 aus dem Baltimore Museum of Art 
und Pierre Bonnards Liegender Akt auf weißblau kariertem Grund um 1909 aus dem 
Städel hängen, zusammen mit einem weiteren Werk von Bonnard, das sehr ähnlich ist, „um dem Besucher ein ganz besonderes Dialogerlebnis zu vermitteln“. Die beiden Bilder markieren übrigens auch die Vorder- und Rückseite des Katalogs.

Kaum zu glauben, was der Perfektion einer Ausstellung vorausgeht: Zamani erläutert das erste provisorische Modell für die Raumkonzeption und Hängung der Bilder, die sich noch ständig verändern kann

„Dann wiederum haben wir Räume gebaut, in denen keine Gemälde hängen, sondern nur Fotografien und Grafik. Und wenn man die Maler nicht kennt, dann könnte man fast den Eindruck gewinnen, die Grafiken könnte vom selben Maler sein. Und in anderen Räumen wiederum ging es uns um die Atmosphäre. In einem weiteren Kabinett wiederum werden Intérieurs gegenübergestellt und zwei Fensterbilder. Über die geöffneten Fenster läuft der Besucher dann geradewegs in die Landschaft hinein. Die Landschaft wiederum führt dann zu den Stillleben. Es folgen Akte und dann die Gegenüberstellung der beiden.“

Prominente Hauptzitate aus dem Briefwechsel werden den Besucher mit Bonnards Auffassung zur Kunst vertraut machen. Da vor allem Matisse sich theoretisch äußerte, kommt das künstlerische Anliegen den Besuchern so viel näher. „Das Schwebende, das bei Bonnard in der Darstellung von Tischen und Decken zum Ausdruck kommt“ zu zeigen sowie den für die Moderne so wichtigen „dräuenden Unterton“, daran vor allem lag den Kuratoren viel.

Warum Bonnard als Schlusslicht des Impressionismus und Matisse als Vorreiter der Moderne gilt, das jedenfalls soll durch die konkreten  künstlerischen Beispiele konterkariert werden. Außerdem werden auch ästhetische Ähnlichkeiten sichtbar werden. Bei den zahlreichen gegenseitigen Atelierbesuchen in Südfrankreich haben beide Maler schließlich voneinander gelernt. Diese Wechselwirkung demnächst im Städel in Augenschein zu nehmen, wird sicher für manch freudige Überraschung sorgen.

 

Peace: Auf Friedenssuche in der Schirn

2017, Juli 3.

Der Taiwanesische Künstler Lee Mingwei

„PEACE“  – Die derzeitige Sammelausstel­lung in der Schirn versteht sich als Impuls, darüber nach­zu­den­ken, was Frie­den für uns heute sein kann.  12 internationale Künstler haben zu dieser Fragestellung ihr ästhetisches Statement – größtenteils Installationen – abgegeben, darunter der französische Schriftsteller Michel Houellebecq und die Künstler Jan de Cock, Minerva Cuevas, Ed Fornieles,  Surasi Kusolwong, Isabel Lewis, Katja Novitskova, Heather Phillipson, Agnieszka Polska, Timur Si-Qin, Ulay und auch der taiwanesische Künstler Lee Mingwei mit seinem seit 1998 laufenden Work in Progress: „The Letter Writing Project“. Der englische Begriff  „Peace“ wird in dieser Gruppenausstellung dabei sehr weit gefasst. Für die einen kann er die kritische Auseinandersetzung mit der globalisierten Konsumgesellschaft und ihren ökologischen und sozialen Verwerfungen bedeuten, für die anderen wiederum die Suche nach dem inneren Frieden in der Beschäftigung mit ganz privaten Dingen wie zum Beispiel Houellebecq mit seinem Hund. Daneben finden beglei­tend Live-Events wie etwa Vortra­̈ge, Lesun­gen, Poetry-Perfor­man­ces sowie Tanz- und Musik­ver­an­stal­tun­gen statt. Aber auch das Publikum ist gefordert. Die Kommentare zum Thema Frieden werden im digitalen Auftritt der Schirn weitergeschrieben. Die Ausstellung ist bis zum 24. September zu sehen.

Von Petra Kammann

Lee Mingwei in der Schirn, Foto: Petra Kammann

Mehr und mehr öffnet sich die Kunst weltweit für Formen, in denen die Besucher einbezogen werden, in denen das Werk erst in dem Moment entsteht, in dem Zuschauer ihm begegnen. In den Projek­ten des in Taiwan gebo­re­nen Küns­tlers Lee Ming­wei (*1964)  geht es um intime Begeg­nun­gen zwischen Menschen. Dabei spie­len Austausch und das Geschenk eine tragende Rolle. Was das mit Frieden zu tun hat? Aggression, Frustration und schließlich Unfrieden geschieht häufig aus einer Kränkung heraus, die einen zunächst einmal in Stockstarre versetzt und einen Abbruch der Kommunikation und der sich zusammenballenden Aggression nach sich zieht. Mit wem aber würde ich gerne wieder Frieden schließen? Und wie lassen sich dabei Hemmschwellen überwinden?

Wen habe ich gekränkt und wem würde ich einen Brief schreiben, und das am besten ganz neutral, ohne das Gesicht zu verlieren? Habe ich im entscheidenen Moment den Zeitpunkt verpasst, die richtigen Worte zu finden? Da muss dem Künstler Lee Mingwei, der zeitweise in Tokio und in New York lebte, der partizipatorische Gedanke für seine langfristig angelegte Aktion gekommen sein. Für ihn bedeutet „Peace“ zunächst einmal, über die innere Ruhe und das Denken oder gar über das Meditieren zur Ruhe kommen, zu sich selbst zu finden: „Erst wenn ich eine Balance zwischen schön und hässlich, zwischen schlecht und gut finde, kann ich mich zunächst vertrauten Freunden und der Familie zuwenden und dann erst wieder nach außen, in die Öffentlichkeit, gehen. “

In der Ausstellung PEACE sind zwei Arbei­ten von ihm zu erle­ben. Seine parti­zi­pa­tive Instal­la­tion „The Letter Writing Project“, seit 1998 ein work in progress, bildet den Auftakt zur Gesamtpräse­nt­at­ion in der Schirn:  bestehend aus drei puristischen, Ruhe ausstrahlenden klösterlichen Zen-Zellen, die der Künstler mit einem Handwerker aus Kyoto sorgfältig entworfen und gebaut hat.

Handwerklich sorgfältig ist nach altjapanischer Tradition ein Schreibplatz in der zenartigen Zelle angelegt

Wer sich hinein begibt, kann in der Begegnung mit sich selbst auf den Ursprung seiner Wünsche, Sehn­süc­hte und Bedür­fni­sse stoßen, aber auch auf die Angst, diese zu arti­ku­lie­ren.

Die Besu­cher können dann diese für sie nicht beherrschbaren Emotionen, für die sie sich nie die Zeit genommen haben, in Brie­fen formu­lie­ren und diese in die Schlitze der in der Instal­la­tion angebrachten Holzhalterungen stecken, wo dann andere Besucher sie entweder lesen oder sie der Schirn übergeben, um sie an bestimmte Adres­sa­ten verschi­cken zu lassen. Das Schreiben selbst hat für Mingwee eine reinigende Funktion. Im Laufe der Jahre hat der inzwischen in Paris lebende Künstler an die 60 000 Briefe zusammengetragen.

„Getting connected to the world“ – Die Beziehung, die mittels des Mediums Brief mit der Außenwelt geschaffen wird, wie auch das so entstandene Netzwerk zwischen Menschen gelten dem Künstler als die eigentlichen Kunstwerke, die bewusst machen, wie sehr wir alle von unseren Emotionen bestimmt sind.

Ein so unaufgeregtes wie fragiles Projekt. Ob es Kriegstreiber abhält, ist fraglich. Und doch zeigt es Alternativen auf, die so so offen sind wie der Friede selbst.

Das Statement von Lee Mingwei

„When my maternal grandmother passed away, I still had many things to say to her but it was too late. For the next year and a half I wrote many letters to her, as if she were still alive, in order to share my thoughts and feelings with her.

For The Letter Writing Project, I invited visitors to write the letters they had always meant to but never taken time for. Each of three writing booths, constructed of wood and translucent glass, contained a desk and writing materials. Visitors could enter one of the three booths and write a letter to a deceased or otherwise absent loved one, offering previously unexpressed gratitude, forgiveness or apology.

They could then seal and address their letters (for posting by the museum) or leave them unsealed in one of the slots on the wall of the booth, where later visitors could read them. Many later visitors come to realise, through reading the letters of others that they too carried unexpressed feelings that they would feel relieved to write down and perhaps share. In this way, a chain of feeling was created, reminding visitors of the larger world of emotions in which we all participate. In the end, it was the spirit of the writer that was comforted, whether the letter was ever read by the intended recipient or others.’ – Lee Mingwei

In Zusam­men­ar­beit mit dem Städel Museum, dem Deut­schen Archi­tek­tur­mu­seum, dem Museum Ange­wandte Kunst und dem Museum für Moderne Kunst sowie mit orts­an­säs­si­gen Sänger/innen arran­giert die Arbeit „Sonic Blos­som“ (2013) eine Geschenk­si­tua­tion. Dabei stel­len Sänger/innen  Besu­chern die Frage: „Darf ich Ihnen ein Lied schen­ken?“ Beide sitzen und stehen sich gegen­über, während eines von fünf Liedern von Franz Schu­bert vorge­sun­gen wird. Sonic Blos­som ist im Städel (4.–9. Juli), im Deut­schen Archi­tek­tur­mu­seum  (11.–16. Juli), im MMK Museum für Moderne Kunst Frank­furt am Main (15.–20. August), im Museum Ange­wandte Kunst (22.–27. August) und in der SCHIRN (19.–24. Septem­ber) zu erle­ben. Das gültige Ticket für das jewei­lige Haus garantiert für den Einlass.

 

Französische Lithografien des 19. Jahrhunderts im Städel Museum

2017, Juli 2.

Erlesene Raritäten der Graphischen Sammlung

Von Hans-Bernd Heier

Mit der Erfindung des völlig neuen Steindruckverfahrens brach kurz vor 1800 eine neue Epoche der Vervielfältigung von Bildern an. Die gestalterischen Möglichkeiten waren im Vergleich zu den älteren Techniken wesentlich größer, das Drucken wurde schneller und die Auflagenzahlen erhöhten sich. Erste künstlerisch bedeutende Lithografien entstanden in den 1820er Jahren vor allem in Frankreich. Die Vielfalt der französischen Lithografie in dieser Epoche ist bis zum 10. September 2017 in der Graphischen Sammlung des Städel Museums zu sehen.

Francisco de Goya „El famoso Americano, Mariano Ceballos“, 1825, Städel Museum Weiterlesen

Nacht der Museen – Nacht der Ideen in Frankfurt am Main

2017, Mai 8.

Bilder einer Großstadt

Impressionen von einer frischen Frankfurter Mainacht

Zu ihrem 18. Geburtstag am 6. Mai wurde die „Nacht der Museen“ flügge. Die Organisatoren dieser ungewöhnlichen Nacht hatten sich in Frankfurt und Offenbach spannende Performances, szenische Lesungen und Live-Musik ausgedacht. Bei dem außergewöhnlichen Programm und den angenehmen Frühlingstemperaturen strömten über 40.000 Menschen zum nächtlichen Kunsterlebnis in über 40 Museen und an die ungewöhnlichen Kunstorte. Die Atmosphäre war herrlich ungezwungen und die Stimmung bestens, und das nicht nur am Museumsufer. Eine Mischung aus Off-Szene und Stadtgeschichte bot das Programm im Frankfurter Gallus, während in Offenbach  aufregende Ausstellungskonzepte zeitgenössischer Kunst, die Inszenierung des „Blauen Krans“ und Hafenführungen die Besucher überzeugten. Dort wurde der Hafenplatz zu einer Mischung aus Hip Hop und Songwriter-Pop in Anwesenheit des Offenbacher und des Frankfurter Oberbürgermeisters und der Kulturdezernenten eingeweiht. Aber nicht alles bekommt man mit. Es ist schier unmöglich, das komplette Angebot an einem Abend wahrzunehmen. Aber auch das ist Großstadtfeeling. Man weiß, dass etwas los ist, was man schon wieder verpasst hat. 

Frankfurt by night: Spitzenblick aus dem Maintower 

Wer in Mainhattan dem Himmel ein Stück näher sein wollte, der konnte Teil der Künstlerperformance „The Treadmill Runner“ werden. Er konnte  in einem Fitnessstudio des Main Towers auf 200 Meter Höhe einen Künstler auf einem Laufband durch Tempokommando erleben und antreiben. Wer hoch hinaus will, muss schon ein bisschen leiden. Um in den 24. Stock Einlass zu bekommen, war Geduld angesagt. Da musste man schon einmal etwas längeres Warten in der Schlange vor dem Main Tower in Kauf nehmen. Dafür wurde man dann allerdings mit einer großartigen Aussicht belohnt. Frankfurt war in ein Lichtermeer getaucht. Da oben war man den anderen Hochhausspitzen ganz nah…

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Düsseldorfer Fotografie im Städel: Die Becher-Klasse – eine Klasse für sich

2017, Mai 4.

Von der neuen Sachlichkeit zur digitalen Romantik

Von Petra Kammann

In den späten 1980er und in den 1990er Jahren hatte die Fotografie sich so sehr etabliert, dass sie einen neuen Status bekam. Aus Fotografen wurden Künstler. 1976 nahm diese Entwicklung an der Düsseldorfer Kunstakademie in Deutschland ihren Anfang mit dem neu begründeten Lehrstuhl für künstlerische Fotografie, den Bernd Becher (*1931 + 2007), in enger Zusammenarbeit mit seiner Frau Hilla Becher, geb. Wobeser (*1934 + 2015) 20 Jahre lang innehatte. Ihre Schüler gingen äußerst erfolgreiche eigene Wege, indem sie die neuen Möglichkeiten der Fotografie ausloteten. Im Frankfurter Städel ist die Vielfalt ihres Wirkens noch bis zum 13. August 2017 zu sehen. 

Martin Englert und Jana Baumann, die Kuratoren der Städel-Ausstellung informieren über die Fotografien der Becher-Klasse 

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