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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Alle Artikel zu Schirn Kunsthalle

„Glanz und Elend in der Weimarer Republik“ in der Frankfurter Schirn

2017, November 2.

Faszination und Gefährdung einer jungen RepublikVerlorene Illusionen und neue Entdeckungen

„Glanz und Elend in der Weimarer Republik“ heißt eine äußerst packende Ausstellung, die Ingrid Pfeiffer in der Frankfurter Schirn zusammengestellt hat. Da stehen Künstler der Zeit zwischen 1919 und 1933 im Mittelpunkt, welche die extremen sozialen Spannungen, die politischen Kämpfe und heftigen gesellschaftlichen Umbrüche dieser Epoche ins Bild gesetzt haben und das mit äußerst unterschiedlichen Mitteln: als Ölbild, Aquarell oder Zeichnung. Die thematische Schau versammelt komprimiert unter neun Themenkomplexen 190 Gemälde und Grafiken sowie einige Skulpturen von insgesamt 62 Künstlern und vor allem Künstlerinnen wie Jeanne Mammen, Lea Grundig, Hanna Nagel, Elfriede Lohse-Wächtler oder die Bildhauerin Renée Sintenis.

Von Petra Kammann

Dodo, Logenlogik (für die Zeitschrift Ulk), 1929
Dodos künstlerische Interessen galten modernen Großstadt-
orten wie Bars, Tanzcafés, Theater und Revuebühnen

 ↓ Hilde Rakebrand, Selbstporträt mit erhobenen Händen, 1931,
Öl auf Sperrholz, 29 x 26 cm, Albertinum / Galerie Neue Meister,
Staatliche Kunstsammlung Dresden, ©Joachim Menzhausen,
Foto: buk/Staatliche Kunstsammlungen Dresden
Die Dresdner Künstlerin zog sich 1933 in die „innere
Emigration“ zurück, nachdem sie Malverbot bekommen hatte

Die umfassende Studie der Pariser Unterwelt, Balzacs Roman „Glanz und Elend der Kurtisanen“, mag den Titel wie auch die Vielfalt der Frankfurter Schau „Glanz und Elend in der Weimarer Republik“  inspiriert haben. In dem Roman nämlich präsentiert der sprachgewaltige französische Schriftsteller der Comédie humaine eine Welt der großen und kleinen Gauner, der Prostitution und der Methoden von Justiz und Polizei, der vernichtenden Gewalt menschlicher Leidenschaften, anhand derer er die Angehörigen verschiedenster Gesellschaftsschichten gleichzeitig entwickelt und daran scharf seine Kritik an der zeitgenössischen Gesellschaft formuliert.

Der Querschnitt durch die damalige Gesellschaft ist darin so breit angelegt, und der plötzliche Umschlag von Glück in Verzweiflung wird anhand so vieler Schicksale dargestellt, dass man sich der emotionalen Wucht seiner Beschreibungen nicht entziehen kann. Ein Effekt, den man in ähnlicher Weise auch beim Besuch der Frankfurter Schau erlebt. Doch während Balzacs Roman das Pariser Leben in der Epoche der 30er und 40er Jahre des 19. Jahrhunderts quer durch die verschiedensten Gesellschaftsgruppen, vom Pariser Hochadel bis zur Unterwelt, beschreibt, konzentriert sich die Schau in der Schirn auf die künstlerische Gestaltung der Zustände zwischen 1919 und 1933. Die unter der Weimarer Verfassung stehende Epoche, die sich auf den verschiedensten Ebenen im heftigem Umbruch befand, legt so manche Parallele zur aktuellen Situation nahe…

Plakate aus der Zeit der „Weimarer Republik“
Foto: Petra Kammann 

Schon die expressiven Plakate im Aufgang zur Ausstellung geben einen ersten Eindruck von der politisch aufgeladenen Stimmung der Weimarer Zeit, in der die erste demokratische Verfassung grundgelegt wurde. In der schmalen Etage der Schirn, wo die stilistisch in Stil und Aussage so vielfältigen wie unterschiedlichen Werke dicht beieinander hängen, lässt die Intensität der visuellen Eindrücke, die von den einzelnen Bildern ausgehen, aber keineswegs nach. Fast atem- und sprachlos verfolgt man förmlich die zeitliche Entwicklung der Geschehnisse, die fast unweigerlich ihren Lauf auf ein dramatisches Ende nehmen.

Im Anschluss an die Katastrophe des Ersten Weltkriegs mit ihren 1,5 Millionen Opfern befindet sich in Deutschland alles in radikalem Wandel: Ökonomie und Kultur, Politik und Unterwelt. Da sehen wir in der ersten Abteilung verzweifelte, ausgemergelte Gestalten, versehrt, teils mit Glasaugen, stark vom Ersten Weltkrieg gezeichnet, verarmt und häufig ausgegrenzt auf der Straße neben dem neuen Typus des ungerührten selbstbewussten Unternehmers oder Industriebarons mit dicker Zigarre. Den Kriegsopfern wurden die versprochenen Renten wegen der unüberwindbaren Reparationszahlungen nicht gezahlt. Die saturierten Bürger bleiben davon ungerührt.

Horst Naumann, Weimarer Fasching, um 1928/29 ,
Öl auf Leinwand, 91 x 71 cm, Albertinum, Galerie Neue Meister,
Staatliche Kunstsammlungen Dresden 

Dennoch herrscht in der durch den Krieg ausgelösten Depression in der jungen Weimarer Demokratie zunächst auch eine energiegeladene Aufbruchsstimmung. Die Sehnsucht nach Freiheit und Emanzipation der Geschlechter bricht sich Bahn in neuen Bildern: frech, frivol, sportlich und mondän. Sie prägten nicht zuletzt das Bild der „goldenen Zwanziger Jahre“ des Sündenbabels Berlin mit seinen Amüsierlokalen, den Variététheatern und dem Zirkus, wo verruchte Frauen mit Bubikopf und Zigarette Charleston tanzen, wo sich starke machohafte Männer amüsieren und wo homosexuelle Knaben sich einander hingeben.

Doch bald schon werden in den quirlig, nervösen Bildern der Künstler auch die Schattenseiten sichtbar. Die Gefahren und Bedrohungen lauern all überall. Da rütteln Spekulation und Inflation an den Grundfesten der jungen Weimarer Republik mit ihrem noch nicht gefestigten Demokratieverständnis, das mehr und mehr in Aufruhr übergeht. Da stehen die wachsende Arbeitslosigkeit und Armut in starkem Kontrast zu den Exzessen und dem Luxus des Nachtlebens. Die überbordende kreative Energie der deutschen Großstädte, allen voran Berlin, scheint dem neuen Leben, in dem es vor allem um Gewinnmaximierung und Tempo zu gehen scheint, nicht gewachsen zu sein. Die Schulden wachsen, die Prostitution verdoppelt oder verdreifacht sich gar und die Inflation nimmt von Tag zu Tag immer weiter Fahrt auf, bis sie ihren Höhepunkt am „Schwarzen Freitag“ erreicht.

Georg Scholz, Café (Hakenkreuzritter), 1921, Aquarell, 30 x 49 cm, Sammlung Merrill C. Berman

Fasziniert von der neuzeitlichen Metropole samt ihrer Ambivalenz, entwickelte George Grosz (1893 – 1959) sich zu einem der bekanntesten deutschen Maler und Satiriker der Moderne, der den Menschen in all seinen triebhaften Facetten vorführte, indem er die Geschichte von Aufstieg, Ehrgeiz, Alkohol, Leidenschaft, Exzess, Tragik und Fall, Ängsten und Vergessen in allen Variationen karikierte. Er wurde daher auch zum meistgehassten Künstler der Nationalsozialisten, dem man die deutsche Staatsbürgerschaft entzog, so dass er in die Vereinigten Staaten emigrieren musste, wollte er überleben. Wie seismographisch er seine Umgebung wahrnahm, sieht man an einem der Schirn-Exponate, an der von ihm gestalteten Titelseite der Zeitschrift „Die Pleite“, aus dem Jahre 1923, wo er frech die deutsche Weihnachtstanne mit Hakenkreuz und Stahlhelm dekoriert zeichnete.

Das rasante Tempo der politischen Entwicklung hatte Konsequenzen im Alltag der Menschen und veränderte ihr Verhältnis zur Politik. Die Straße – kaum wurde sie noch als schicke großstädtische Flaniermeile erlebt –,  wird sie auch schon zum Elendsort ähnlich wie das Bordell, wo Morphium und Opium gespritzt und Krankheiten übertragen werden. Oder sie gerät zum neuen Erlebnisraum von Aufruhr und Brutalität. Kurzum: Der vielversprechende kurze Rausch der Freiheit wird als äußerst doppelbödig und schmerzhaft erlebt. So geht die Todessehnsucht mit der totalitären Abenddämmerung der Weimarer Republik Hand in Hand. Das alles entging weder dem Blick der Künstler, noch dem der Künstlerinnen, die inzwischen auf Kunstgewerbeschulen oder Akademien selbstbewusst ihre eigenständigen Ausbildungen gemacht hatten.

Rudolf Schlichter, Margot, Berlin, 1924, Öl auf Leinwand,
110,5 x 75 cm, Stadtmuseum Berlin, © Viola Roehr von
Alvensleben, München, Foto: Michael Setzpfandt, Berlin

So wurde damals auch ein neuer moderner Frauentypus geschaffen, entweder lasziv mit Pelz oder Federboa oder auch mit praktischer Kurzhaarfrisur und androgyner Kleidung mit Anzug und Krawatte, mit der sie sich plötzlich zum Konkurrenten des Mannes stilisierte. Zum Typus Frau gehörten nun auch neue Berufe wie Stenotypistinnen, Sekretärinnen und Telefonistinnen, Ärztinnen, politische Aktivistinnen und nicht zuletzt Künstlerinnen. Da entwirft zum Beispiel Lotte Laserstein (1898 – 1993) im Jahre 1930 mit großer Verve das Plakat „Die gestaltende Frau“, während Hanna Nagel (1907 – 1975) sich für „Frauen in Not“, die unwillentlich schwanger geworden sind, und für den Abtreibungsparagraphen einsetzt, und Christian Schad (1894 – 1982) ganz selbstverständlich, kühl und sachlich zwei in sich versunkene, sich küssende Knaben zeichnet und Jeanne Mammen (1890 – 1976) wiederum 1931 die schummrige Atmosphäre eines Transvestitenlokals wiedergibt.

Die künstlerischen Auf- und Umbrüche sind mit ihrer Lust an Grenzübertretungen und ästhetischen Experimenten aber nicht nur in der Metropole Berlin zu erleben. Auch in Städten wie Dresden, Leipzig, Rostock, Stuttgart, Karlsruhe, München oder Hannover versuchten Künstler der Zeit, das Zeitgeschehen ob der Krise zu kommentieren, zu dokumentieren, zu parodieren oder oft genug auch  seismographisch das vorwegzunehmen, was im Raume stand.

Kurt Günther, Der Radionist (Kleinbürger am Radio), (1927)  Tempera auf Holz  55 x 49 cm, Staatlich Museen zu Berlin , Nationalgalerie

Dass es seit der Berliner Funkturm-Ausstellung auch schon eine mediale Auseinandersetzung mit dem „elektrischen Zeitalter“ gab, zeigt sich besonders an der Darstellung von „Radionisten“ wie bei Max Radler (1904 – 1971) oder Kurt Günther (1893 – 1955). Denn neben dem Theater hatte das neue Medium Radio an Bedeutung gewonnen. Ab 1923 wurde zunächst aus dem Vox-Haus gesendet  und ab 1931 aus dem von Hans Poelzig gebauten Rundfunkhaus in Berlin, wo auch Schriftsteller wie Bertolt Brecht oder Walther Benjamin ins Mikrofon sprachen.

Die Schau lässt auch die düsteren Prophetien eines Franz Radziwill (1895 – 1983) nicht aus, der, nachdem man Paul Klee 1933 von der Düsseldorfer Akademie suspendiert hatte, für kurze Zeit dessen Stelle übernommen hatte, weil er der NSDAP beigetreten war. Aber auch er erhielt ab 1938 Ausstellungsverbot und mehr als 50 seiner frühen Werke wurden in die Ausstellung „entarteter Künstler“ aufgenommen. Auf seinem Bild „Todessturz Karl Buchstätters“ von 1928 zeigt er in einer nächtlich-surreale Szenerie, wie sich der Pilot in den Tod stürzt. Dabei sind das darunterlegende Haus, die Bahnschranke und der Strommast in ein unwirklich rätselhaftes Licht ohne sichtbare Lichtquelle getaucht.

Surreal wirken auch die häufig entleerten Industrie- und Maschinenlandschaften wie die des Bauhauskünstlers Carl Grossberg (1894 – 1940), diejenigen von Karl Völker (1898 – 1962) oder von Oskar Nerlinger (1893 – 1969), bei denen die arbeitenden oder rennenden Menschen, so welche auftauchen, zu vorgestanzten Teilchen der Maschinerie werden.

Carl Grossberg, Weiße Tanks (Harburger Ölwerke), 1930, Öl auf Leinwand, 90 x 70 cm, Sammlung Family Olcese, © Sammlung Family Olcese

Wütende, ironische und prophetische Bilder sind in der Schirn in Frankfurt zu sehen, welche auf das Ende dieser bewegten Zeitspanne aufmerksam machen, in der ob der Experimentierfreude viele Errungenschaften, die uns heute so selbstverständlich erscheinen, auf den Weg gebracht wurden. Manchmal hätte man sich dazu auch dokumentarische Fotos wie die eines Otto Sander oder Filmausschnitte als Ergänzung der Eindrücke gewünscht. Aber vielleicht erreicht einen auch die konzentrierte Unmittelbarkeit des zur damaligen Zeit Empfundenen und künstlerisch-malerisch Umgesetzten noch stärker. Der gelungene Begleitkatalog aus dem Hirmer Verlag regt dazu an, seine Kenntnisse auf jeden Fall immer wieder zu vertiefen und dabei interessante Entdeckungen zu machen, selbst dann noch, wenn die Ausstellung am 25. Februar 2018 endet. Dann kann man sich auch die unbekannteren Künstler und Künstlerinnen aus der Zeit mit ihren vielfach gebrochenen Lebensläufen wieder vor Augen führen und sich von ihrem Mut anstecken lassen.

Aber man kann die Ausstellung mit einer von „Babylon Berlin“-Star Volker Bruch gesprochenen Audiotour erkunden.

Peace: Auf Friedenssuche in der Schirn

2017, Juli 3.

Der Taiwanesische Künstler Lee Mingwei

„PEACE“  – Die derzeitige Sammelausstel­lung in der Schirn versteht sich als Impuls, darüber nach­zu­den­ken, was Frie­den für uns heute sein kann.  12 internationale Künstler haben zu dieser Fragestellung ihr ästhetisches Statement – größtenteils Installationen – abgegeben, darunter der französische Schriftsteller Michel Houellebecq und die Künstler Jan de Cock, Minerva Cuevas, Ed Fornieles,  Surasi Kusolwong, Isabel Lewis, Katja Novitskova, Heather Phillipson, Agnieszka Polska, Timur Si-Qin, Ulay und auch der taiwanesische Künstler Lee Mingwei mit seinem seit 1998 laufenden Work in Progress: „The Letter Writing Project“. Der englische Begriff  „Peace“ wird in dieser Gruppenausstellung dabei sehr weit gefasst. Für die einen kann er die kritische Auseinandersetzung mit der globalisierten Konsumgesellschaft und ihren ökologischen und sozialen Verwerfungen bedeuten, für die anderen wiederum die Suche nach dem inneren Frieden in der Beschäftigung mit ganz privaten Dingen wie zum Beispiel Houellebecq mit seinem Hund. Daneben finden beglei­tend Live-Events wie etwa Vortra­̈ge, Lesun­gen, Poetry-Perfor­man­ces sowie Tanz- und Musik­ver­an­stal­tun­gen statt. Aber auch das Publikum ist gefordert. Die Kommentare zum Thema Frieden werden im digitalen Auftritt der Schirn weitergeschrieben. Die Ausstellung ist bis zum 24. September zu sehen.

Von Petra Kammann

Lee Mingwei in der Schirn, Foto: Petra Kammann

Mehr und mehr öffnet sich die Kunst weltweit für Formen, in denen die Besucher einbezogen werden, in denen das Werk erst in dem Moment entsteht, in dem Zuschauer ihm begegnen. In den Projek­ten des in Taiwan gebo­re­nen Küns­tlers Lee Ming­wei (*1964)  geht es um intime Begeg­nun­gen zwischen Menschen. Dabei spie­len Austausch und das Geschenk eine tragende Rolle. Was das mit Frieden zu tun hat? Aggression, Frustration und schließlich Unfrieden geschieht häufig aus einer Kränkung heraus, die einen zunächst einmal in Stockstarre versetzt und einen Abbruch der Kommunikation und der sich zusammenballenden Aggression nach sich zieht. Mit wem aber würde ich gerne wieder Frieden schließen? Und wie lassen sich dabei Hemmschwellen überwinden? Weiterlesen

Magritte. „Der Verrat der Bilder“ in der Schirn.

2017, April 13.

Es ist, was es ist, nicht! Das gedanklich-malerische Spiel um Schein und Sein.
Das aus den großen internationalen Museen und Privatsammlungen zusammengetragene Œuvre des belgischen Künstlers Magritte ist bis zum 5. Juni 2017 in der Frankfurter Schirn zu sehen. Eine gute Gelegenheit, die anstehenden Feiertage für einen Ausstellungsbesuch zu nutzen.

Von Petra Kammann

Eingang zur Magritte-Ausstellung in der Frankfurter Schirn Weiterlesen

Liebe Leserinnen und Leser,

2017, April 11.

Dinge bleiben nicht wie sie sind. Sie haben es gestern im Beitrag von Erhard Metz gelesen. Auch FeuilletonFrankfurt ist davon nicht ausgenommen. 

 Alte und neue Facetten im Spiegel – die neue Altstadtbebauung 

Nun, geht es denn um die Wurst? Nein, keine Sorge, nicht um das global bekannte legendäre Frankfurter Würstchen, sondern es geht ums Ganze, das in Frankfurt nicht so leicht zu haben ist und um das man sich immer wieder bemühen muss… Schließlich hat das Ganze hier viele Facetten. Man muss nicht bei Google Maps nachschauen, um sagen zu können, wo man sich gerade befindet. Denn wir haben es in Frankfurt nicht mit einer eindimensionalen Stadt zu tun, deren Einkaufsstraßen mit denen anderer Innenstädte zum Verwechseln ähnlich wären. Neben den zahlreichen Hochhäusern, den römischen und mittelalterlichen Relikten gibt es in Frankfurt außerdem auch noch viel lebenswerte Natur und Grün in den Parkanlagen und an den Ringen.

Weil Frankfurt in der Mitte des Landes liegt und am Fluss sich hier immer schon die Handelswege kreuzten, haben hier nicht allein die verschiedensten Völker, sondern auch die kriegerischen Auseinandersetzungen ihre unverwechselbaren Spuren hinterlassen, nicht zuletzt auch die unterschiedlichen Religionszugehörigkeiten oder Weltanschauungen. Das strahlt bis in die Gegenwart aus. Eine weitere Grunderfahrung: In der Mainmetropole blieb nie ein Stein auf dem anderen, was den Vorteil hat, dass die Menschen voller Energie sind, um Neues anzupacken und daher immer alles in Bewegung ist. Die urbane Silhouette bringt es an den Tag. Die Stadt lebt. Und auch das sollte in FeuilletonFrankfurt kommentiert werden.

Eine Geschichte der Transformation: William Forsythe. Der Ruhm seiner Tanztruppe reichte weit über Frankfurt hinaus. Der Choreograph stellte zuletzt als Künstler „The fact of matter“ im MMK aus 

Mit dem Wandel verbunden war auch immer eine stetige Herausforderung für die Stadtgesellschaft wie für die Kultur, nicht nur für die legendäre alte oder die Neue „Frankfurter Schule“. Der das alltägliche Leben prägende Kultureinfluss hat im gesamten Rhein-Main-Gebiet die Lebensart bestimmt, die sich kontinuierlich weiterentwickelt hat.

Transformation spiegelt sich auch in den Bauten verschiedenster Epochen, die man in Frankfurt allüberall vorfindet, wie etwa in der Struktur des gerippten Glases fürs „Stöffche“, dem anderswo wenig geschätzten Ebbelwoi: So ist der zeitgenössische Turm am Mainufer durch die charakteristische Rippenstruktur des Apfelweinglases gekennzeichnet. Gewissermaßen unterirdisch hingegen befinden sich die römischen Fundamente in unmittelbarer Nähe zum alten und neuen Römer aus den Fünfzigern. Im durch den Krieg ebenso zerstörten wie wiederaufgebauten Dom wurden einst die Kaiser gekrönt, während in der protestantisch-schlichten Paulskirche die erste Demokratie ausgerufen wurde und heute alljährlich der renommierte Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und alle drei Jahre der Goethe-Preis der Stadt Frankfurt verliehen wird. Welche deutsche Stadt kann das schon von sich behaupten? Aber hier scheint auch die Grundregel zu herrschen: aus Alt mach Neu, und aus Neu mach Alt. Tradition muss sein, Innovation unbedingt aber auch. Davon lebt die Stadt, in der heute Menschen aus 180 Nationen friedlich miteinander leben.

Naxos-Halle: Willy Pramls Inszenierung vom Kleist-Drama „Das Erdbeben in Chili“ 

Brücken wie der Eiserne Steg schlagen Verbindungen zum traditionsbewussten Frankfurt

Das gilt sowohl für die in Deutschland unvergleichliche Hochhausszene wie auch für die Neu-/Altbebauung der ehemaligen Altstadt. Am Main drängen sich hibbdebach die Hochhaustürme und dribbdebach reihen sich die einstigen Patrizierhäuser des endenden 19. Jahrhunderts, umgestaltet als zeitgenössische Museen, wie Perlen an einer Kette. Kurzum: Vor dieser Kulisse der Gegensätze konnte sich hier auch die Kultur in den verschiedensten Ausprägungen hervorragend entwickeln. Die Museen sind bestens aufgestellt, auch wenn inzwischen einige profilierte Museumsleiter wie Max Hollein und Susanne Gaensheimer leider die Stadt verlassen (haben), Oliver Reese für seine Theaterarbeit die Hauptstadt vorzieht und die erfahrene Cineastin und Direktorin Claudia Dillmann sich aus dem Filmmuseum demnächst zurückzieht. Da bedarf es schon ein paar kluger Köpfe, die Karten sinnvoll neu zu mischen, damit das Renommee, das diese Persönlichkeiten für die Stadt erarbeitet haben, gehalten wird.

Das EZB-Gebäude über der alten Großmarkthalle

Mit dem im wahrsten Wortsinn herausragenden Bau der EZB von Coop Himmelb(l)au, verbunden durch einen Keil, der in die frühere Großmarkthalle von Martin Elsässer getrieben wurde, verwandelte sich das Ostend. Und hinter der Messe entstand das neue Europaviertel. Das ungeliebte Offenbach, in das sich viele Kreative zurückgezogen haben, weil ihnen die Mieten in Frankfurt zu teuer geworden sind, ist auch dabei, „Neuland“ oder „Arrival City“ zu werden. Ernst May, der Begründer des Neuen Frankfurt in den 20er/30er Jahren, hätte seine helle Freude gehabt, daran mitzuwirken. Bei allen Investitionen in Immobilien aber möge Justitia vor dem Römer stets die Waage halten, damit die gewachsene Stadtgesellschaft nicht auseinanderdriftet. Die aktuellen Herausforderungen sind groß und die globale Welt ist bestens vernetzt. Das soziale Gleichgewicht – so haben wir vor allem an verschiedenen europäischen Orten in den letzten beiden Jahren erlebt – ist nicht so leicht zu halten.

Städel-Direktor Philipp Demandt und Kulturdezernentin Ina Hartwig

Vielleicht ist Frankfurt aber auch eine der Städte in Deutschland, die fremde Menschen immer wieder neu willkommen heißen. Schon der prächtige Bahnhof vom Ende des 19. Jahrhunderts, gekrönt von der Figur des Atlas, zeugt davon. Dass diese Weltoffenheit  heute auch im Theater inszeniert wird, ist nur einer der Aspekte. Ob wir es „schaffen“, all diese Erfahrungen zu integrieren, das hängt nicht allein von uns selbst ab. Wir sind angewiesen auf die Kooperation im Team und darauf, dass jemand mit uns an einem Strang zieht.

Das trifft auf mich als neue Herausgeberin ebenso zu wie auf die Leser und Leserinnen, Autorinnen und Autoren wie auch auf die Kultur-Institutionen, Stiftungen und die kreative Off-Szene, die vieles antizipiert, was uns künftig beschäftigen wird. Ihnen allen möchte ich für das Wohlwollen FeuilletonFrankfurt gegenüber herzlich danken, allen voran aber dem bisherigen Herausgeber und Autor Erhard Metz, der über 10 Jahre mit großem Engagement und Geschick dieses wichtige Online-Magazin für Frankfurt aufgebaut und geführt hat. Es war eine großartige Leistung. Das Ihnen vertraute Layout haben wir leicht modifiziert. Glücklicherweise wird er uns auch weiterhin noch als Autor erhalten bleiben ebenso wie die bisherigen Mitarbeiter und Autoren. Ich danke ihm für das Vertrauen, das er in mich gesetzt hat, und wünsche mir, dass wir es mit vereinten Kräften auf weitere zehn Jahre bringen, wenn wir das vielfältige kulturelle Geschehen in der internationalen Stadt Frankfurt, dem Rhein-Main-Gebiet und darüber hinaus kommentieren. Schenken Sie uns weiterhin Ihre Aufmerksamkeit und bleiben Sie FeuilletonFrankfurt weiterhin gewogen.

Herzlichst, Ihre

Petra Kammann

Fotos: P. Kammann

„Richard Gerstl – Retrospektive“ in der Schirn Kunsthalle Frankfurt

2017, März 6.

Vielseitiger Maler-Rebell auf der Suche nach Neuland

Von Hans-Bernd Heier

Richard Gerstl gilt als der „erste österreichische Expressionist“ und ist doch für viele immer noch ein Geheimtipp. Der hoch begabte und talentierte Künstler, der sich häufig selbst im Wege stand, wurde nur 25 Jahre alt. Der 1883 in Wien geborene Maler-Rebell schuf in seinen wenigen Lebensjahren ein aufregendes, heterogenes, wenn auch überschaubares Werk von großer stilistischer Vielfalt – ein Œuvre mit beeindruckenden Höhepunkten und wegweisenden Neuerungen. Es ist das Werk eines spürbar Suchenden, der virtuos Malstile und -techniken wechseln konnte.

Die Schirn Kunsthalle Frankfurt präsentiert bis zum 14. Mai 2017 die erste Retrospektive von Richard Gerstl in Deutschland. Die von Ingrid Pfeiffer sorgfältig kuratierte Schau versammelt von 60 überlieferten Werken Gerstls insgesamt 53, darunter Leihgaben aus führenden Museen Österreichs. Ein großes Konvolut kommt zudem aus der Neuen Galerie in New York, weitere Werke aus wichtigen europäischen und amerikanischen Privatsammlungen.

„Die Schwestern Karoline und Pauline Fey“, März/April 1905, Öl auf Leinwand, 175 x 150 cm; Belvedere, Wien Weiterlesen