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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Alle Artikel zu MMK Museum für Moderne Kunst

Erst Hollein und nun auch Gaensheimer

2017, März 8.

Wird die Stadt Frankfurt am Main ihren Ruf als Kunst- und Museumsmetropole behaupten?

Von Erhard Metz

Um es vorwegzunehmen: Mit Philipp Demandt hat Frankfurt am Main – wir erinnern uns noch gut an die Worte von Professor Nikolaus Schweikart, dem Vorsitzenden der Städel-Administration, in der seinerzeitigen Pressekonferenz – zwar keinen „Hollein-Klon“, aber einen brillanten Kenner der Kunst- und Museumsszene in Deutschland gewonnen. „Liefern“ (wie es im Zeitgeistjargon heisst) konnte Demandt naturgemäss noch nicht, weil Ausstellungen einen zeitlichen Vorlauf zwischen ein und drei Jahren bedingen, aber die Art und Weise, wie er sich mit den noch von Hollein in die Wege geleiteten Präsentationen sachlich und emotional auseinandersetzt und identifiziert, beeindruckte von Anfang an.

Liess Schweikhart in besagter Pressekonferenz sozusagen „zwischen den Zeilen“ einen Anklang von „not amused“ über den trotz jahrelanger Gerüchte dann doch allzu abrupt erscheinenden Weggang Holleins durchblicken, tritt Frankfurts Kulturdezernentin Ina Hartwig aktuellen Pressespekulationen mit der Feststellung entgegen, Gaensheimer habe sie bereits „vor einigen Wochen über ihre Pläne informiert“, nach Düsseldorf zu gehen.

Nun geht auch sie also, die MMK-Direktorin und Professorin Susanne Gaensheimer – zum 1. September 2017 nach Düsseldorf, als Direktorin an die Stiftung Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen mit den drei Häusern „K20“ am Grabbeplatz, einem 1986 eröffneten postmodernen und inzwischen erweiterten Bau, „K21“ im Ständehaus und „F3“ im Schmela-Haus. Die Bestände geniessen den Ruf, zu den international bedeutendsten Sammlungen der klassischen Moderne, der Nachkriegsmoderne und der Gegenwartskunst zu gehören. Vergleichbares kann auch das Frankfurter MMK für sich in Anspruch nehmen, jedenfalls mit einer grossen Zahl an geradezu „Ikonen“ der amerikanischen Pop-Art und des Minimalismus, darunter Werke von Andy Warhol, Claes Oldenburg oder Roy Lichtenstein, um nur einige zu nennen.

Professorin Susanne Gaensheimer; Bildnachweis: MMK, Foto: Frank Blümler

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„Corpsing“ – Ed Atkins im Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main

2017, Februar 27.

Reales oder fiktives Ich?
Ed Atkins treibt seinen Schabernack mit der Realität, mit der realen und der virtuellen …

Der gerade mal 35-jährige britische Digitalkünstler hat seine teils verstörenden, teils amüsanten Arbeiten bereits in der Tate Britain und im MoMA gezeigt. Nun ist Atkins hochaktuelle Videokunst bis zum 14. Mai im Frankfurter MMK1 zu sehen. Unter dem Titel „Corpsing“ befasst sich Atkins mit dem Einfluss von Digitalisierung und Automatisierung auf individuelle Lebensweisen und Identitätskonzepte heute. Damit passte er auch bestens in das Konzept des alle zwei Jahre stattfindenden Festivals „Frankfurter Positionen“ – eine Initiative der BHF-BANK-Stiftung mit dem Frankfurter Institut für Sozialforschung, das in diesem Jahr die Frage nach der Verfassung des Subjekts in digitalen Zeiten unter das Thema „ICH RELOADED“ stellte.

Von Petra Kammann

Ed Atkins beim Presserundgang am 2. Februar 2017, Foto: Petra Kammann Weiterlesen

Willem de Rooij: „Entitled“ im MMK 2

2016, Dezember 30.

Beziehungsreiche Gewebe – Künstlerische Kontexte und Konzepte als Synthese

Von Petra Kammann

Um die Spannung zwischen Vielfalt und Einheit und um die Gestaltung von Raum geht es im MMK 2 in der Ausstellung „Entitled“ des niederländischen, seit 2006 an der Städelschule lehrenden Kunstprofessors Willem de Rooij. Der Künstler de Rooij hat die Räume des MMK 2 in Innen- und Außenräume auf so raffinierte wie puristische Weise gestaltet und umstrukturiert, dass der Blick vom Taunusturm auf die Hochhausszene freigegeben ist.

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Fong Leng Sportswear, ca. 1985-1995, Installationsansicht MMK Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main 2016, Courtesy of the artist. Foto: Axel Schneider

In seiner Schau hat er Exponate aus drei Werkgruppen arrangiert, die größtenteils noch aus der Zusammenarbeit mit dem langjährigen und 2006 verstorbenen Partner und ehemaligen Studienkollegen Jeroen de Rijke entstanden sind. Vor den Fensterausschnitten ist eine Gruppe mit gesichtslosen schwarzgelackten Schaufensterpuppen in Sportkleidung der niederländischen Kult-Designerin aus den Siebzigern, Fong Leng, präsentiert, die zunächst Mode für ein paar „happy few“ machte, bevor sie größere und billigere Auflagen produzieren ließ. Das ethnische Design auf den von Fong Leng kreierten Fleece-Jacken wurde bewusst von de Rooij, der über zehn Jahre lang verschiedene Sportbekleidungsstücke gesammelt hat, farblich und vom Muster her aufeinander abgestimmt. Weiterlesen

Fiona Tan: „Geografie der Zeit“ im Frankfurter Museum für Moderne Kunst (MMK 1)

2016, Dezember 26.

Gebannter Strom der Zeit: Installative Environments, Vexierspiele mit Vergangenheit und Gegenwart, mit dem Hier und Anderswo

Von Petra Kammann

Spuren der Zeitgeschichte und der Zeitläufte greifen die kunstvoll angelegten Videoinstallationen und Filme der in Indonesien geborenen und in Amsterdam und Los Angeles lebenden Künstlerin Fiona Tan auf und verwandeln sie in einer Art Umkehrschluss. Tan hat das Erdgeschoss des Museums für Moderne Kunst (MMK 1) auf besondere Weise in einen Ruhe ausstrahlenden Parcours verwandelt, in dessen Bann sich der Betrachter begeben kann, so er denn eine Grundregel beachtet: Man bringe Zeit mit. Denn ein schnelles Abhaken des zu Sehenden ist hier nicht hilfreich und führt nicht zu Erkenntnisgewinn. Die konzentrierte Ausstellung „Geografie der Zeit“ im MMK 1 macht Zeit und Raum geradezu körperlich spürbar, wenn man ihr auch ein wenig eigene Lebenszeit schenkt.

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Fiona Tan, Ghost Dwellings I-III, 2014, Installationsansicht MMK Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main, Courtesy the artist and Frith Street Gallery, London, Foto: Axel Schneider

Fiona Tan nimmt die Besucher von Raum zu Raum mit auf ihre Reisen in eine globalisierte Welt, die aus den Fugen geraten scheint und an der sich der Fortschritt ins Gegenteil verkehrt hat. Spektakulär nicht nur die Modelleisenbahn gleich im Entree, die ihre Kreise durch eine scheinbar heile Welt und Musterlandschaft nahe des Abgrunds zieht, sondern auch die Installation der „Ghost Dwellings I-III“, für die Fiona Tan 2014 an drei spezifische Orte nach Irland, in die USA und nach Japan reiste, um Szenen zu filmen, die vom Verfall gezeichnet sind, was sich u.a. in der Verwüstung von Gebäuden niederschlägt wie in der einst florierenden Autostadt Detroit, die 2009 durch die Insolvenz von General Motors den Bankrott erklären musste, während im südirischen Cork, ausgelöst durch den Finanzcrash 2008, ganze und zum Teil noch unfertige Wohnkomplexe aufgegeben und verlassen wurden. Weiterlesen

Laure Prouvost im Frankfurter MMK 3

2016, Oktober 30.

„all behind, we’ll go deeper, deep down and she will say:“

lautet der Titel der ersten umfassenden Einzelausstellung von Laure Prouvost in Deutschland. Wir sehen ein „Environment“, eine raumausfüllende Installation mit filmischen, skulpturalen und malerischen Arbeiten, insgesamt 15 an der Zahl mit jeweils verschiedenen Titeln, wie eine gut betextete und illustrierte Handreichung des Museums ausweist.

Geben Ausstellungseröffnungen im MMK 3 meist Anlass zu einem quirligen Stelldichein eines jungen Publikums, zu dem massgeblich auch Studierende der Städelschule und der Hochschule für Gestaltung Offenbach gehören, so war seinerzeit das Eröffnungspublikum der nun leider am kommenden Wochenende schliessenden Ausstellung von Laure Prouvost, im Jahr 2013 Laureatin des hoch renommierten Turner Prize, in seiner Quantität ziemlich überschaubar. Das konnte nicht verwundern, hatten damals just für den selben Abend „AtelierFrankfurt“ zu seinem Spätsommerfest und der Kunstverein Familie Montez zu einer Ausstellungseröffnung ebenfalls sommerfestlichen Charakters eingeladen – „Locations“, mit denen der dröge, kleine, baustellenflankierte Vorplatz vor dem alten Zollamtsgebäude nun wirklich nicht mithalten kann. Schade – , die Vernissage hätte ein grösseres Eröffnungspublikum verdient gehabt, aber das Angebot in der Kunst- und Kulturstadt Frankfurt am Main ist eben erfreulicherweise überaus gross. Wer die Ausstellung noch nicht gesehen haben sollte, sollte dies jetzt unbedingt und alsbald nachholen – nicht allein deshalb, weil man schliesslich nicht alle Tage, wenn nicht Jahre das aktuelle Werk einer Turner-Preisträgerin zu sehen bekommt.

Zunächst sollte man die Worte beherzigen, die auf einer spiegelnden Tafel – zu Beginn des Ausstellungsparcours bereits an der Hausfassade platziert – zum „alles Hintersichlassen“ auffordert.

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IDEALLY YOU WOULD LEAVE EVERYTHING BEHIND, 2016, Installationsansicht, © Laure Prouvost, Courtesy of the Artist, Foto: FeuilletonFrankfurt Weiterlesen