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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Alle Artikel zu MMK Museum für Moderne Kunst

Absolventenausstellung 2017 der Städelschule – Absolventenpreis an Leda Bourgogne

2017, Oktober 19.

Von Erhard Metz

„Home of the Brave“ – so heißt die diesjährige Absolventenausstellung der die Kunst-Alma Mater verlassenden Studierenden der Städelschule (offiziell Staatliche Hochschule für Bildende Künste). „Home of the Brave“ – kennen wir nicht als langjähriges Mitglied der Steuben-Schurz-Gesellschaft diese Zeile? Genau, so endet der Refrain der vier Strophen des „Star-Spangled Banner“, der Nationalhymne der Vereinigten Staaten von Amerika „O’er the land of the free and the home of the brave“. Also: aufstehen und rechte Hand aufs Herz! Das alles im Frankfurter MMK 3 und sogar in Teilen des mittlerweile schon fast altehrwürdigen MMK 1? Das wörtliche Zitat aus dem Refrain der Hymne als Motto der Ausstellung kann sich uns – in Zeiten eines vielfach und weltweit in der Kritik stehenden Präsidenten Donald Trump – im Kontext der Ausstellung politisch erschließen, könnte sich aber auch auf die Situation der Studierenden der Hochschule als sozusagen „Heimstatt der Tapferen“ in einer zunehmend komplexer und unübersichtlicher werdenden Welt beziehen.

Es ist sicherlich dem Zufall geschuldet, dass in diesem Jahr mit 38 Studierenden ein quantitativ besonders starker Jahrgang die weltweit renommierte Hochschule verläßt – unabhängig davon halten wir die Schau für die qualitativ beste Absolventenausstellung, die wir seit dem Jahr 2007 beobachtet haben. In der großzügigen Ausstellungsarchitektur im MMK 3 (Zollamtssaal im Haus am Dom) und – erstmalig in diesem Jahr – in Räumen des Mutterhauses MMK1, dort hauptsächlich im Dreieckssaal der Ebene 1, erhalten die Absolventenarbeiten eine adäquate Präsentationsplattform und die angesichts vieler großformatiger Werke notwendige „Luft zum Atmen“. Apropos „Werke“: Vielen dieser Absolventenarbeiten messen wir, auch eingedenk des Werkbegriffs, tatsächlich bereits eine solche Qualität bei.

Ein besonderes Lob gebührt dem Kurator der Ausstellung Sergey Harutoonian, derzeit Assistent in der Sammlungsleitung des Museums, der die sich neu eröffnenden räumlichen Möglichkeiten exzellent bespielte und beredt wie informativ durch das Pressepreview führte.

↑ Peter Gorschlüter, Kommissarischer Direktor des MMK (li.), und Professor Philippe Pirotte, Rektor der Städelschule, im Pressepreview
↓ Sergey Harutoonian, Assistent in der Sammlungsleitung des MMK und Kurator der diesjährigen Ausstellung, vor der Arbeit „Ventilation Baby 1 und Ventilation Baby 2“ (2017) der Absolventenpreisträgerin Leda Bourgogne
Fotos: Erhard Metz

Die Trägerin des zum 15. Mal verliehenen, wieder mit 2.000 Euro dotierten Absolventenpreises des Vereins Städelschule Portikus e.V. heißt Leda Bourgogne aus der Klasse von Professorin Judith Hopf. Wir schätzen ihre Arbeiten bereits seit den jährlichen Rundgangsveranstaltungen durch die Städelschule. Die Jury – Jule Hillgärtner (Direktorin Kunstverein Braunschweig), Mario Kramer (Sammlungsleiter MMK), Katharina Momberger (Städelschule Portikus e.V.) und Fabian Schöneich (Kurator Portikus) – entschied sich einstimmig für die Künstlerin-Studentin mit ihrer aktuellen mehrteiligen Präsentation „Polie“, „Ventilation Baby 1-2“ und „Spinal Cord“ mit der Begründung: „Die Werkgruppe überzeugte die Jury durch die ungewöhnliche malerische Qualität in der Auseinandersetzung mit performativen Elementen und einem experimentellen Umgang mit den Medien. Zudem überzeugte die Präsentation als Installation im Raum“.

Leda Bourgogne; Bildnachweis MMK, Foto: Thomas Schröder

FeuilletonFrankfurt gratuliert herzlich!

Leda Bourgogne, 1989 in Wien geboren, studierte von 2011 bis 2017 an der Städelschule freie Bildende Kunst und – 2015/2016 – Komparatistik an der Goethe Universität Frankfurt. Zuvor hatte sie an der Universität Zürich (2009 bis 2011) Deutsche Philologie und Filmwissenschaften studiert.

Die weiteren Absolventen des Jahrgangs sind: Amy Ball, Helga Bärnarp, Lars Karl Becker, Felix Bolze, Damien Butler, Il-Jin Atem Choi, Ben Clement, Lennart Constant, Ryan Cullen, Bradley Davies, Eliza Douglas, Zoë Field, Mikael Fransson, Hanna-Maria Hammari, Julian Irlinger, Dan Kwon, Laura Langer, Cheonghye-Sophia, Mickael Marman, Max Eulitz, Tomás Nervi, Richard Nikl, Vera Palme, Riccardo Paratore, Tetsuro Pecoraro, Nicholas Pittman, Natalia Rolón Sotelo, Mahsa Saloor, Sathit Sattarasart, Enzo Shalom, Noriko Takizawa, Alexander Tillegreen, James Tunks, Alexey Vanushkin, Anna Susanna Woof, Reece York, Julia Żabowska aus den Klassen von Monika Baer, Peter Fischli, Douglas Gordon, Judith Hopf, Michael Krebber, Tobias Rehberger, Willem de Rooij, Amy Sillman und Josef Strau.

Zur Ausstellung erschien ein origineller, von den Absolventen gestalteter Katalog.

„Home of the Brave“, Museum für Moderne Kunst MMK1 und MMK3, bis zum 12. November 2017

→ Städelschule: Rundgang 2015 (7)
→ Städelschule: Rundgang 2015 (2)

Susanne Pfeffer neue Direktorin des Frankfurter MMK

2017, September 29.

Von Erhard Metz

Es gibt Meldungen, die keineswegs überraschen, sondern zu erwarten waren (schade, dass wir in Deutschland nicht das britische Bookmaker-System haben, einen Hunderter hätten wir bereits im Mai 2017 locker und ohne Wimpernzucken gesetzt): die aktuelle Meldung des Frankfurter Kulturamts, dass Susanne Pfeffer neue Direktorin des MMK werden soll!

Wer sonst hätte ernsthaft in Frage kommen können (Netzwerke hin, kulturbetriebliche und -politische Seilschaften her) als die mit dem Ritter(innen)schlag des Goldenen Löwen der diesjährigen Kunst-Biennale in Venedig geadelte Susanne Pfeffer, der stadt-, land-, republikweit und darüber hinaus renommierten Direktorin des Kasseler Museum Fridericianum, Kuratorin des mit der angesehensten Trophäe ausgezeichneten nationalen Beitrags der Bundesrepublik Deutschland (wie es korrekt zu definieren heisst). Sie hatte die Idee, den deutschen Pavillon von der Frankfurter Künstlerin und Städelschulabsolventin Anne Imhof bespielen zu lassen.

Susanne Pfeffer, Direktorin des Fridericianum, Kassel, Kuratorin (Kommissarin) des Deutschen Pavillons der Biennale Venedig 2017; Bildnachweis Fridericianum, © Uwe Zucchi/dpa/picture alliance

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Erst Hollein und nun auch Gaensheimer

2017, März 8.

Wird die Stadt Frankfurt am Main ihren Ruf als Kunst- und Museumsmetropole behaupten?

Von Erhard Metz

Um es vorwegzunehmen: Mit Philipp Demandt hat Frankfurt am Main – wir erinnern uns noch gut an die Worte von Professor Nikolaus Schweikart, dem Vorsitzenden der Städel-Administration, in der seinerzeitigen Pressekonferenz – zwar keinen „Hollein-Klon“, aber einen brillanten Kenner der Kunst- und Museumsszene in Deutschland gewonnen. „Liefern“ (wie es im Zeitgeistjargon heisst) konnte Demandt naturgemäss noch nicht, weil Ausstellungen einen zeitlichen Vorlauf zwischen ein und drei Jahren bedingen, aber die Art und Weise, wie er sich mit den noch von Hollein in die Wege geleiteten Präsentationen sachlich und emotional auseinandersetzt und identifiziert, beeindruckte von Anfang an.

Liess Schweikhart in besagter Pressekonferenz sozusagen „zwischen den Zeilen“ einen Anklang von „not amused“ über den trotz jahrelanger Gerüchte dann doch allzu abrupt erscheinenden Weggang Holleins durchblicken, tritt Frankfurts Kulturdezernentin Ina Hartwig aktuellen Pressespekulationen mit der Feststellung entgegen, Gaensheimer habe sie bereits „vor einigen Wochen über ihre Pläne informiert“, nach Düsseldorf zu gehen.

Nun geht auch sie also, die MMK-Direktorin und Professorin Susanne Gaensheimer – zum 1. September 2017 nach Düsseldorf, als Direktorin an die Stiftung Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen mit den drei Häusern „K20“ am Grabbeplatz, einem 1986 eröffneten postmodernen und inzwischen erweiterten Bau, „K21“ im Ständehaus und „F3“ im Schmela-Haus. Die Bestände geniessen den Ruf, zu den international bedeutendsten Sammlungen der klassischen Moderne, der Nachkriegsmoderne und der Gegenwartskunst zu gehören. Vergleichbares kann auch das Frankfurter MMK für sich in Anspruch nehmen, jedenfalls mit einer grossen Zahl an geradezu „Ikonen“ der amerikanischen Pop-Art und des Minimalismus, darunter Werke von Andy Warhol, Claes Oldenburg oder Roy Lichtenstein, um nur einige zu nennen.

Professorin Susanne Gaensheimer; Bildnachweis: MMK, Foto: Frank Blümler

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„Corpsing“ – Ed Atkins im Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main

2017, Februar 27.

Reales oder fiktives Ich?
Ed Atkins treibt seinen Schabernack mit der Realität, mit der realen und der virtuellen …

Der gerade mal 35-jährige britische Digitalkünstler hat seine teils verstörenden, teils amüsanten Arbeiten bereits in der Tate Britain und im MoMA gezeigt. Nun ist Atkins hochaktuelle Videokunst bis zum 14. Mai im Frankfurter MMK1 zu sehen. Unter dem Titel „Corpsing“ befasst sich Atkins mit dem Einfluss von Digitalisierung und Automatisierung auf individuelle Lebensweisen und Identitätskonzepte heute. Damit passte er auch bestens in das Konzept des alle zwei Jahre stattfindenden Festivals „Frankfurter Positionen“ – eine Initiative der BHF-BANK-Stiftung mit dem Frankfurter Institut für Sozialforschung, das in diesem Jahr die Frage nach der Verfassung des Subjekts in digitalen Zeiten unter das Thema „ICH RELOADED“ stellte.

Von Petra Kammann

Ed Atkins beim Presserundgang am 2. Februar 2017, Foto: Petra Kammann Weiterlesen

Willem de Rooij: „Entitled“ im MMK 2

2016, Dezember 30.

Beziehungsreiche Gewebe – Künstlerische Kontexte und Konzepte als Synthese

Von Petra Kammann

Um die Spannung zwischen Vielfalt und Einheit und um die Gestaltung von Raum geht es im MMK 2 in der Ausstellung „Entitled“ des niederländischen, seit 2006 an der Städelschule lehrenden Kunstprofessors Willem de Rooij. Der Künstler de Rooij hat die Räume des MMK 2 in Innen- und Außenräume auf so raffinierte wie puristische Weise gestaltet und umstrukturiert, dass der Blick vom Taunusturm auf die Hochhausszene freigegeben ist.

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Fong Leng Sportswear, ca. 1985-1995, Installationsansicht MMK Museum für Moderne Kunst Frankfurt am Main 2016, Courtesy of the artist. Foto: Axel Schneider

In seiner Schau hat er Exponate aus drei Werkgruppen arrangiert, die größtenteils noch aus der Zusammenarbeit mit dem langjährigen und 2006 verstorbenen Partner und ehemaligen Studienkollegen Jeroen de Rijke entstanden sind. Vor den Fensterausschnitten ist eine Gruppe mit gesichtslosen schwarzgelackten Schaufensterpuppen in Sportkleidung der niederländischen Kult-Designerin aus den Siebzigern, Fong Leng, präsentiert, die zunächst Mode für ein paar „happy few“ machte, bevor sie größere und billigere Auflagen produzieren ließ. Das ethnische Design auf den von Fong Leng kreierten Fleece-Jacken wurde bewusst von de Rooij, der über zehn Jahre lang verschiedene Sportbekleidungsstücke gesammelt hat, farblich und vom Muster her aufeinander abgestimmt. Weiterlesen