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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Alle Artikel zu Kunstszene Rhein-Main

Betulia Liberata – Mozarts „Kirchenbegehung“ an der Oper Frankfurt

2017, Juni 25.

Heilige Handlung – sehr irdisch menschlich turbulent

Von Renate Feyerbacher
Fotos: Barbara Aumüller / Oper Frankfurt

Schon beim Betreten des Bockenheimer Depots, der einstigen Straßenbahnhalle, ist man in Erstaunen versetzt. Die „Azione sacra“ von Wolfgang Amadeus Mozart, die am 21. Juni 2017 Premiere und Frankfurter Erstaufführung hatte, hatte diesen profanen Ort in eine Kirche verwandelt. In den alten Kirchenbänken sitzen einige Betende. Wenn der Zuschauer sozusagen im Chor hinter dem Altar seinen Platz eingenommen hat, hat er noch ein Aha- Erlebnis: die Kirchenempore (Westportal) schmückt eine Nachbildung des Gemäldes mit Judith und Holofernes, das der Barock-Maler Giovanni Battista Piazzetta um 1720 schuf. Das Frankfurter Opern- und Museumsorchester, mit historischen Blasinstrumenten und auf Darmsaiten musizierend, ist seitlich rechts plaziert. Mit musikalischer Wucht setzt die Ouvertüre ein. Kaum zu glauben, dass sie von einem 15-Jährigen komponiert wurde.

Theo Lebow (Tenor) und Sydney Mancasola (Sopran II) sowie im Hintergrund Brandon Cedel (Bass) und Karen Vuong (Sopran I); Foto © Barbara Aumüller

Die biblische Geschichte von Judit (in der Bibel ohne h) und Holofernes eigenet sich durchaus als Opernstoff. Doch Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791) komponierte keine Oper, sondern ein Oratorium, eine Gattung, die er nur insgesamt dreimal schuf.

„La Betulia Liberata“ ist das fünfte von sieben Oratorienlibretti, die der Universalgelehrte, Schriftseller, Librettist und Komponist Pietro Metastasio (1698 -1782) in Wien verfasste. Fünfzigmal wurde es vertont – zuerst 1734, zuletzt im 19. Jahrhundert. Der bereits 72-jährige Librettist wird den heranwachsenden Mozart gekannt haben. Ob es wohl sein Wunsch war, dass das inzwischen hochgerühmte Wunderkind seinen Text vertonte? Immerhin ist es die berühmteste musikalische Umsetzung seines dürftigen Textes geworden, der wenig Spannung hat und handlungsarm ist.

Das erotische Geschehen zwischen Judit und Holofernes ist ausgespart, weil unpassend für ein Oratorium. Das Libretto spiegelt jedoch die Konflikte in Betulia. Betulia ist ein fiktiver Ort in Israel, der nur aus dem Buch Judit bekannt ist, in einer militärstrategisch wichtigen Lage, weshalb das Heer von Holofernes ihn belagerte. Durch Judits Tat, die Tötung des Heerführers Holofernes, wird Betulia befreit. Judit, die Witwe, war schön und verführerisch. Sie ging unbewaffnet in des Feindes Lager und hatte ständig Zugang zu Holofernes. Bei einem Festmahl ihr zu Ehren tötete sie den betrunkenen assyrischen Heeresführer mit seinem Schwert.

Ezgi Kutlu (Mezzosopran) und im Hintergrund Ensemble; Foto © Barbara Aumüller

Metastasio formuliert Glaubensbekenntnisse, schürt Glaubenszweifel, verkündet Durchhalteparolen und predigt Frömmigkeit. Ein seltsames Libretto, das erst nach und nach zur eigentlichen Geschichte gelangt, nämlich zu Judith und Holofernes. Siebzehn Szenen sind aufgeführt: da werden beispielsweise Kämpfer vom Priester in den Kreuzzug geschickt, eine Mutter beweint ihr verstorbenes Kind, die ehemalige Geliebte des Priesters kämpft um dessen Gefühle, eine Sterbende geht angesichts Gottes fröhlich in den Tod, ein Ehekonflikt bricht sich in der Kirche Bahn, die Mutter verlässt die Familie mit drei Kindern, kehrt aber wieder reumütig zurück; endlich erscheint Judith und erzählt vom Attentat auf Holofernes, während ein Säufer den Gott Alkohol lobt und die Kirche zum Schluss verkauft wird. Immobilienhaie sind im Anmarsch …

Großartig, was für ein gelungenes Konzept dem Regisseur Jan Philipp Gloger und seinem Team, der Bühnenbildnerin Franziska Bornkamm, der Kostümschöpferin Katharina Tasch und dem Lichtdesigner Jan Hartmann, eingefallen ist. Herausgekommen ist dabei ein amüsantes kirchenkritisches Stück, an dem Dramaturg Zsolt Horpácsy sicher viel mitgewirkt hat.

Dem undramatischen Libretto-Stoff hat Mozart eine aufregend-risikofreudige Musik zuteil werden lassen: Arien und Chöre entziehen sich sakraler Unterwürfigkeit. Die Ouvertüre mit vier Hörnern, zwei Trompeten, Oboen, Fagotten und Streichern zieht den Zuschauer sofort in Bann. Dirigent Titus Engel, Spezialist für barocke und zeitgenössiische Musik („Orpheus oder die wunderbare Beständigkeit der Liebe“ von Telemann), ist fasziniert von der Expressivität des jungen Mozart und lobt die Dramatik der Arien mit ihrem differenzierten Wechsel von Farben und Klangfarben. Mit Enthusiasmus wird dieses Credo vom Frankfurter Opern- und Museumsorchester umgesetzt und macht es zu einem vergnüglichen Musikereignis. Mit dem insgesamt flotten Oratorium werden die Kirchen-Puristen aber möglicherweise hadern.

Insgesamt nur fünf Gesangsinterpreten teilen sich die verschiedenen Rollen: der Tenor ist zuständig für den Priester, ein Fanatiker, aber auch ein Mutmachender, der gegen sündige Momente nicht gefeit ist. Gelegentlich kommt er lutherisch daher – sicher als Anspielung auf das Lutherjahr. Theo Lebow, der junge amerikanische Sänger, meistert diese Partie, die auch schauspielerisches Talent verlangt, mit Bravour. Gleich in seiner ersten Arie gleitet er mühelos in Koloraturhöhen. Die türkische Mezzosopranistin Ezgi Kutlu, die ihr Debüt an der Oper Frankfurt gibt, sorgt mit ihrer Erzählung der Judith für den Höhepunkt des Oratoriums. Als der Librettist, dessen Text bis dahin allgemein formuliert ist, endlich auf den Punkt der biblischen Geschichte kommt, glüht Ezgi Kutlu förmlich in dieser Arie.

v.l.n.r. Karen Vuong (Sopran I) und Ezgi Kutlu (Mezzosopran); Foto © Barbara Aumüller

Die Sopranistin Karen Vuong („Carmen“) verkörpert eindrücklich die leidenden Frauen, ihre Kollegin Sydney Mancasola die leidenschaftlichen. Als verlassene Geliebte des Priesters kämpft die Stalkerin kess um dessen Gefühle. Den drei Sängerinnen gelingt es schnell und ohne Brüche, stimmlich jeweils in die verschiedenen Rollen zu wechseln.

Brandon Cedal leiht seinen wohlklingenden Bass dem Obdachlosen, der dem Messwein huldigt. Theo Lebow, Sydney Mancasola und Brandon Cedel gehören seit der Spielzeit 2016/17 zum Ensemble. Nicht zu vergessen das vorzügliche Vokalensemble der Oper Frankfurt, das Felice Venanzoni einstudiert hat. Schauspieler Marek Sarnowski muss für verschiedene Partien herhalten, was ihm ohne Zweifel gelingt. Daneben beleben einige Statisten, darunter auch Kinder, das Geschehen, das schauspielerisch fulminant ist. Das weitläufige Depot lässt da viel zu. Nach fast zwei schwülen Stunden öffnen sich zum Schluss die hölzernen Türen zum Platz vor der Bockenheimer Warte, während die Vorbeigehenden und die Stehenbleibenden einbezogen werden und die Immobilienhaie im Seitenschiff der Kirche mit einer Limousine hereinfahren.

Das Publikum – leider waren bei der Premiere einige Plätze frei – spendet üppigen Beifall. Angst vor einem langweiligen Oratorium ist also keinesfalls begründet.

Weitere Aufführungen im Bockenheimer Depot am 26., 28. und 29. Juni, am 1. und 2. Juli 2017 jeweils um 19.30 Uhr.

 

Kultur, Natur und Rheinromantik: 4. Skulpturen-Triennale Bingen „NAH UND FERN“ eröffnet

2017, Mai 28.

Eine Bereicherung für die Kulturlandschaft von Rheinland-Pfalz

20 zeitgenössische künstlerische Positionen sind bei der vierten Skulpturen-Triennale in Bingen unter dem Motto „NAH UND FERN“ thematisch vereint. Erstmals werden auch einige Arbeiten in der Binger Innenstadt gezeigt. Der Ausstellungsparcours schafft damit eine Verbindung zwischen Rheinufer und Stadtkern.

Von Hans-Bernd Heier

Christian Achenbach (links) und Stifter Kuno Pieroth in der Rheingauer Landschaft; Foto: Gisela Heier

Die neue Skulpturen-Triennale der Gerda und Kuno Pieroth Stiftung in Bingen am Rhein ist im Mai 2017 feierlich eröffnet worden. Bereits zum vierten Mal seit 2008 werden auf dem Gelände der ehemaligen Landesgartenschau zeitgenössische Skulpturen entlang des Ufers am Rheinkilometer 529 gezeigt. Erstmals sind in diesem Jahr auch Arbeiten in der Binger Innenstadt zu sehen. Der Ausstellungsparcours schafft damit eine Verbindung zwischen Rheinufer und Innenstadt. „Wir freuen uns, dass die Skulpturen-Triennale 2017 in der gesamten Stadt angekommen ist. Kunstliebhaber müssen in diesem Jahr nicht nur nach Kassel oder Venedig reisen, sondern können großartige Kunstwerke auch in der romantischen Rheinlandschaft von Bingen genießen“, so Oberbürgermeister Thomas Feser. Weiterlesen

VORSICHT KUNST! in der Volksbank Dreieich: Joachim Raab – Das Meer im Süden

2017, Mai 18.

Joachim Raab, gebürtiger Isenburger, heute in Frankfurt am Main ansässig, hat sich nie als reiner Atelierkünstler gesehen. Er braucht das Draußen, das Reale. Fast täglich fährt er mit dem Fahrrad eine 50km-Strecke. Begibt sich in die Natur. Durch die Naturbeobachtung entstehen Ideen, die er in seinen Werken umsetzt. Im Rahmen der Reihe VORSICHT KUNST! der Volksbank Dreieich präsentiert Joachim Raab 30 Werke seiner Serie Das Meer im Süden.

Von Esther Erfert
Einführung zur Ausstellungseröffnung

Meer 1, Acryl auf Leinwand, 150 x 100 cm

Im Jahr 2012 verbringt Raab einige Wochen im Roussillon in der Provence. Ganz in der Nähe des Meeres und der Pyrenäen. Jeden Morgen erkundete er auch hier die Umgebung mit dem Rad. In dieser Landschaft reizen ihn die noch weiten Bereiche, wo man allein sein kann, wo noch Natur ist, die Canyons und die Flüsse ohne Kanalisation, die ins Meer fließen. Es gibt Zeiten, da verursachen sie große Überschwemmungen. Diese Urwüchsigkeit fasziniert ihn. Es war noch keine Hochsaison und morgens standen die Angler am Meer. Die Farbe der ungenutzten Strandhäuschen war abgeblättert. Der Blick richtete sich auf die glitzernde Weite des Meeres bis zum Horizont, es gab keine Badenden, die ihn störten. Hier und da lagen ein paar Boote und Netze, es gab ein paar Pfähle, horizontale und vertikale Elemente, die rahmend und unterteilend wirkten. Weiterlesen

Angela Richarda Härets Poetisierung des Genius loci

2017, Mai 10.

von Brigitta Amalia Gonser

Angela-Richarda Häret poetisiert in ihren malerischen Abstraktionen den genius loci, die Spiritualität, das eigene Ambiente öffentlicher urbaner Räume und Landschaftsgärten. Dabei legt sie sich keineswegs auf eine Stilrichtung fest, weil sie ihrer Kreativität freien Lauf lassen möchte. So entstehen formal unterschiedliche Zyklen wie „Central Park“, „Poems to the Landscape“ oder „Ode to the Colour“ vorerst als Serien authentischer skizzenhafter Miniaturen in Farbe, die dann in großflächige Bildformate umgesetzt werden. Doch sie entwickelt kein einheitliches Formenrepertoire, sondern eine große zyklische formale Diversität. Ihre Zyklen sind jeweils in sich geschlossene Universen. Ihr Kunstwollen ist kunsttheoretisch konzeptuell: sie spricht von ihrem „urban spirit“, während ihre realisierte formale Umsetzung empirisch intuitiv erfolgt.

Als Malerin ist die Künstlerin erfahren im Umgang mit der Materie und setzt in ihren kreativen Gestaltungen Experimentierfreude und Talent ein. Sie konzentriert sich ganz auf die Kraft der Farbe, die sie verwendet und welche die sinnliche Wahrnehmung anstößt. Ein wesentlicher Teil ihrer Arbeit ist die sorgfältige Vermischung ihrer eigenen Pigmente in Acryl- Vinyl- und Ölfarben.

 o.T., Nr. 9, Ode to the Colour, 2014, Mischtechnik auf Papier, 14,5 x 10 cm Weiterlesen

Nacht der Museen – Nacht der Ideen in Frankfurt am Main

2017, Mai 8.

Bilder einer Großstadt

Impressionen von einer frischen Frankfurter Mainacht

Zu ihrem 18. Geburtstag am 6. Mai wurde die „Nacht der Museen“ flügge. Die Organisatoren dieser ungewöhnlichen Nacht hatten sich in Frankfurt und Offenbach spannende Performances, szenische Lesungen und Live-Musik ausgedacht. Bei dem außergewöhnlichen Programm und den angenehmen Frühlingstemperaturen strömten über 40.000 Menschen zum nächtlichen Kunsterlebnis in über 40 Museen und an die ungewöhnlichen Kunstorte. Die Atmosphäre war herrlich ungezwungen und die Stimmung bestens, und das nicht nur am Museumsufer. Eine Mischung aus Off-Szene und Stadtgeschichte bot das Programm im Frankfurter Gallus, während in Offenbach  aufregende Ausstellungskonzepte zeitgenössischer Kunst, die Inszenierung des „Blauen Krans“ und Hafenführungen die Besucher überzeugten. Dort wurde der Hafenplatz zu einer Mischung aus Hip Hop und Songwriter-Pop in Anwesenheit des Offenbacher und des Frankfurter Oberbürgermeisters und der Kulturdezernenten eingeweiht. Aber nicht alles bekommt man mit. Es ist schier unmöglich, das komplette Angebot an einem Abend wahrzunehmen. Aber auch das ist Großstadtfeeling. Man weiß, dass etwas los ist, was man schon wieder verpasst hat. 

Frankfurt by night: Spitzenblick aus dem Maintower 

Wer in Mainhattan dem Himmel ein Stück näher sein wollte, der konnte Teil der Künstlerperformance „The Treadmill Runner“ werden. Er konnte  in einem Fitnessstudio des Main Towers auf 200 Meter Höhe einen Künstler auf einem Laufband durch Tempokommando erleben und antreiben. Wer hoch hinaus will, muss schon ein bisschen leiden. Um in den 24. Stock Einlass zu bekommen, war Geduld angesagt. Da musste man schon einmal etwas längeres Warten in der Schlange vor dem Main Tower in Kauf nehmen. Dafür wurde man dann allerdings mit einer großartigen Aussicht belohnt. Frankfurt war in ein Lichtermeer getaucht. Da oben war man den anderen Hochhausspitzen ganz nah…

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