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FeuilletonFrankfurt

Das Online-Magazin von Erhard Metz

Alle Artikel zu Kunstszene Rhein-Main

„Blickachsen 10“ in Bad Homburg und Rhein-Main (9)

Dienstag, 22. September 2015

Peter Rogiers: „Wild Boys & Girls“

Es war bereits beim Aufbau leicht erkennbar: es wird ein Sockelwerk!

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Aber steht der Sockel nicht ein wenig schief? Nein, eine Täuschung, durch die besondere Position der eigentlichen Skulptur auf dem Sockel, wenn man vor der Arbeit steht.

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Wild Boys & Girls, 2013, Aluminiumguss, Betonsockel, 178 x 65 x 84 cm Weiterlesen

„Blickachsen 10″ in Bad Homburg und Rhein-Main (11)

Mittwoch, 30. September 2015

Bart Van Dijck: „De dood van Jacob Van Artevelde“

Das recht umfangreiche, oft erzählerische Werk Bart Van Dijcks (1974 im belgisch-flandrischen Bonheiden geboren) – es umfasst Skulpturen, Zeichnungen, Fotografien, Videos und Performances – lässt sich nicht so ganz einfach erschliessen, umfasst es doch manche Volkstraditionen, Rituale und kulturelle Identitäten, die nicht jeder Betrachter kennen kann. Seine im Bad Homburger Schlossgarten installierte Arbeit bezieht sich auf den flandrischen Freiheitskämpfer Jacob Van Artevelde, um 1290 in Gent geboren, woselbst er 1345 ermordet wurde. Der Protagonist spielte im anglo-französischen, sogenannten Hundertjährigen Krieg eine nicht unumstrittene Rolle zwischen den beiden rivalisierenden Mächten. Die Stadt Gent setzte ihm 1863 – in der Zeit nationalistischer Strömungen also – auf dem Freitagsmarkt ein imposantes Denkmal.

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Jacob Van Artevelde: Denkmal auf dem Freitagsmarkt in Gent; Foto: Donar Reiskoffer/wikimedia commons GFDL

Im Schlossgarten, an der mächtigen, 1822 gepflanzten, heute über 20 Meter hohen und über 35 Meter ausladenden, dem Landgrafen Friederich VI. Joseph vom Duke of Cambridge geschenkten Libanonzeder lehnt der ermordete Jacob Van Artevelde – nein, das tut er natürlich nicht, es ist eine Puppe, die der Künstler an den weit über Bad Homburg hinaus bekannten, berühmten Baum legt.

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De dood van Jacob Van Artevelde, 2008, Polyurethan, Vubonite, Rindsleder, Epoxidharz, 100 x 106 x 260 cm Weiterlesen

„Blickachsen 10″ in Bad Homburg und Rhein-Main (12)

Freitag, 2. Oktober 2015

Alice Aycock: „Hoop-La“ auf dem Schmuckplatz

Es ist vermutlich die an Volumen grösste Skulptur der diesjährigen „Blickachsen“, und sie steht an einem der für eine solche Plastik prominentesten Standorte der Kurstadt: auf dem sogenannten Schmuckplatz, zwischen Kurpark und Kaiser-Friedrich-Promenade gelegen, eingerahmt von den zwei Denkmälern für eben jenen tragisch erkrankten „99-Tage“-Kaiser Friedrich III. (1831 – 1888) und seine Gemahlin Victoria (1840 – 1901), Prinzessin von Grossbritannien und Irland, nach Friedrichs Tod Victoria Kaiserin Friedrich genannt.

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„Hoop-La“, 2013, Aluminium, bemalt, Auflage von 1, Ex. E.A. 1/1, 579 x 518 x 731,5 cm

Es ist spannend, was man alles in dem monumentalen, in klarem Weiss lackierten Werk von Alice Aycock entdecken kann – lassen wir zunächst die Veranstalter der Blickachsen zu Wort kommen: “ ‚Hoop-La‘ ist eine von sieben monumentalen Skulpturen Aycocks, die 2014 unter dem Titel ‚Park Avenue Paper Chase‘ die Park Avenue in New York säumten. Dynamische Strukturen natürlicher wie auch technischer Phänomene sind die Ideenvorlage für diese Arbeiten, in denen die Künstlerin optische Erscheinungen etwa von Wellen oder Wasserstrudeln, von Luftwirbeln oder der rotierenden Bewegung einer Turbinenwelle in ihrem Bewegungsverlauf einfängt. So stehen die Skulpturen für Naturgewalten und die Kraft technischer Innovation genauso wie für das Pulsieren grossstädtischen Lebens.“ Weiterlesen

„Blickachsen 10″ in Bad Homburg und Rhein-Main (13)

Sonntag, 4. Oktober 2015

Leo Copers: IROM ETRA ORP TSE MUROCED TE ECLUD

Am heutigen 4. Oktober 2015 endet die 10. „Blickachsen“-Skulpturen-Biennale in Bad Homburg, Frankfurt und einigen Orten im Rhein-Main-Gebiet. Für Besucherinnen und Besucher, die noch das eine oder andere Werk etwa in den Bad Homburger Parkanlagen sehen möchten, ist dies kein Unglück, denn anders als bei Ausstellungen in geschlossenen Räumen, die dann zugesperrt werden, wird der Abbau der Objekte im Freien unter aller Augen stattfinden und sich über eine gewisse Zeitspanne erstrecken.

Dennoch nehmen wir heute Abschied – wo anders als auf dem Friedhof der Kunstmuseen, den Leo Copers im Kurpark Bad Homburg unweit des Schwanenteiches eingerichtet hat. Es sind 111 der grossen Ausstellungshäuser der Welt, denen er einen Grabstein gesetzt hat, ein jeder sauber nach allen Regeln der Steinmetzkunst gearbeitet und graviert.

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IROM ETRA ORP TSE MUROCED TE ECLUD, 2008-2010, Installation, verschiedene Detailansichten, Granit, Gravur, 111 Steine, Masse variabel; © VG Bild-Kunst, Bonn

Natürlich befinden sich das Städel Museum wie die Kunstsammlungen Nordrhein-Westfalen K20 / K21, der Louvre wie das Centre Pompidou unter den Verstorbenen. Das Museum Ludwig in Köln bleibt ebenso wenig vom Hinscheiden verschont wie das berühmte New Yorker MoMa oder die britischen Tate-Häuser. Ja und sogar das Middelheimmuseum in Antwerpen, Ko-Veranstalter der diesjährigen Blickachsen, ist sanft entschlafen.

Leo Copers‘ Arbeiten sind ein Protest: Die Museen hätten sich, so das Credo des Künstlers, zu einem „lärmerfüllten Marktplatz“ entwickelt, manche Ausstellungen hätten lediglich einen „Spektakelwert“, unterworfen dem „allgegenwärtigen Diktat grosser Namen“. Aber ebenso kritisiert er das Museum als ein „Mausoleum der Künste“.

Leo Copers, 1947 in Gent geboren, studierte (ebenso wie Peter Rogiers) an der Sint Lukas-Hochschule in Brüssel und darüber hinaus an der Kunstakademie in Gent. Der Künstler lebt und arbeitet im belgischen Wetteren.

Und nun zum Titel der Installation „IROM ETRA ORP TSE MUROCED TE ECLUD”? Lesen wir ihn doch einfach von hinten nach vorn: “Dulce et decorum est pro arte mori” – Süss und ehrenvoll ist es, für die Kunst zu sterben. Eine Persiflage auf den Satz “Dulce et decorum est pro patria mori” – Süss und ehrenvoll ist es, für das Vaterland zu sterben – aus den “Carmina” des römischen Dichters Quintus Horatius Flaccus (65-8 v.Chr.), kurz Horaz. Eine vom Nationalismus des 19. und 20. Jahrhunderts aufgegriffene dümmliche Verherrlichung des “Heldentods”, von Wilfred Owens (1893-1918) zitiert in seinem berühmten wie bitter aufschreienden Gedicht “Dulce et decorum est” über das Verrecken eines Soldaten beim Gaseinsatz im ersten Weltkrieg.

Aber wo ist der Grabstein für das Museum für Moderne Kunst Frankfurt MMK? Ist ihm einer der namenlosen Steine gewidmet, hat der Künstler es schlicht vergessen – oder lebt es als eines der wenigen hier nicht bestatteten – und deshalb quicklebendigen – Kunstmuseen fort?

Abbildungen: Courtesy Stiftung Blickachsen gGmbH, Bad Homburg; Fotos: FeuilletonFrankfurt

Die “Blickachsen 10″ in Bad Homburg und Rhein-Main enden am heutigen Sonntag, 4. Oktober 2015

→ “Blickachsen 10″ in Bad Homburg und Rhein-Main (1)

„Blickachsen 10″ in Bad Homburg und Rhein-Main (8)

Sonntag, 13. September 2015

Kati Heck im Bad Homburger Kurpark:
Hier geht’s nicht nur um die Wurst

Darf Kunst witzig sein? Den „Kunstbetrieb“ kommentieren und karikieren? Darf Skulptur und Installation als Comic daherkommen?

Aber ja!

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Kati Heck, Dabei sein ist alles, 2006, Polyester, Autolack, Installation mit variablen Massen, Sammlung Middelheimmuseum, Antwerpen

Nein, der in einem Baum am Schwanenteich aufgehängten Weisswurst aus dem bajuwarischen Freistaat scheint es gar nicht zu gefallen im nördlich des „Weisswurst-Äquators“ – will sagen der Main-Linie – gelegenen Kurpark der 1866 nach dem Tod Ferdinands an das Grossherzogtum Hessen gefallenen und wenig später von den „Sau-Preissn“ annektierten ehemaligen Landgrafschaft Hessen mit Residenz in Bad Homburg. Grimmig-traurig schaut es drein, das arme Weisswürschtl. Und wir erkennen: Kati Heck – eine Künstlerin, vor derem scharfen Blick man sich in Acht nehmen sollte – begleitet wieder einmal den „Kunstbetrieb“ mit ihrem intelligent-beissenden Spott. Natürlich denken wir sofort an Jeff Koons wurstsähnlich zusammengeschnürt-aufgeblähte, hochglanzpolierte „Kunst“Werke, die ihn, dem Kunstmarkt sei’s gedankt, zum Multimillionär machten. Kati Heck mit ihrem weitgespannten Œuvre wird diesen Vermögensstatus sicherlich nie erreichen. Ja, zur Kunst und zum grosskapitalistisch entarteten „Kunstbetrieb“ liesse sich so manches sagen … Aber wir wollen uns heuer die gute Stimmung nicht verderben. Weiterlesen