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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Alle Artikel zu Kunstszene Frankfurt/Offenbach

Line Krom: „Cutting Back to Look Better“ – Installation im Frankfurter Ausstellungsraum Becker

2017, April 28.

Von Erhard Metz

Sparen ist angesagt – koste es, was es wolle. Auch wenn aktuell manche Kommunal- oder Länderhaushalte und auch der Bundeshaushalt nach der Einnahmen-Ausgaben-Rechnung relevante Überschüsse erwirtschaften, wie es derzeit der Fall ist.

Sparen ist angesagt – in einem so „reichen Land“ wie Deutschland, nicht dort, wo es um Agglomeration und Vermehrung privater Vermögen geht (wie sie der jüngst erschienene „Fünfte Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung (5. ARB) ‚Lebenslagen in Deutschland‘ “ dokumentiert), sondern um öffentliche Haushalte. Und was geschieht, wenn dort – vermeintlich oder tatsächlich – gespart werden muß? Der Rotstift wird angesetzt. Und wo? Zu allererst bei der Kultur, wie seit jeher schon Beobachtungen und Analysen belegen. Und was ist Kultur? Bildende, darstellende Künste allemal.

Ein heikles Thema, (polit)parteilich umstritten. Die Frankfurter Künstlerin Line Krom nimmt sich ihm an. Nicht mit Verbalattacken, sondern auf leise und sanfte Weise, auf bildend-künstlerischen Pfaden, sublim eben und doch beredt und erkennbar jedem, der sich auf ihre Arbeiten einlässt, die derzeit in einer installativen Ausstellung in der Frankfurter (Zimmer-)Galerie Ralf Becker zu sehen sind.

Hier überzeugt uns wieder einmal konzeptuelle Kunst, wo – und weil! – sie sich nicht auf verschrobene und ins künstlerische „Wolkenkuckucksheim“ verschobene Ideen kapriziert, sondern mit sehr viel Wahrnehmbarkeit und großer Sinnlichkeit gepaart ist. Gepaart zumal auch mit einem rechten Maß an Süffisanz wie zugleich humorvoll vorgetragener Kritik am vorherrschenden Kulturbetrieb, was den Kunstgenuß vollkommnet, wenn nicht gar erst ermöglicht. Line Krom ist mit „Cutting Back to Look Better“ ein veritabel geglücktes Beispiel solcher Kunst gelungen.

Line Krom in Ralf Beckers White cube-Ausstellungsraum – bereits bekannt als „Frankfurts kleinste Galerie“; Fotos: Erhard Metz

Zum Thema Sparen wie zu eben jener erwähnten Geglücktheit passt natürlich der Genius loci des Ausstellungsraums, der (im engeren Sinne betrachtet) aus einem nicht gerade üppig bemessenem Geviert einer Art Duschkabine mit einer Glaswand und einer Glastüre besteht. Aber dann gibt es in Ralf Beckers kleinem, feinen Kunstreich unter der Dachschräge denn doch noch einen weiteren, mit Line Kroms Exponaten bestückten Raum.

Was sehen wir – so und nicht anders muß die erste Frage lauten. Wir sehen im Ausstellungsraum: Holzspäne. „Wo gehobelt wird, fallen Späne“, sagt uns ein kluges Sprichwort, und wo wird augenscheinlich gehobelt? An den Kosten des Kulturbetriebs? Nun, das sehen wir in der Ausstellung nicht (wohl aber im Atelier der Künstlerin): den Herkunftsort der Holzspäne, das Behobelte also!

Line Krom wählt in ihrer künstlerischen Aussage ein wundervoll einfaches wie einleuchtendes Beispiel: den herkömmlichen Keilrahmen, den Träger und Malgrund für ein Kunstwerk, als ein Symbol für die Basis von Kunst. Der wird zu teuer. Also wird der Hobel angesetzt, der Rahmen wird dünner, leichter und billiger. Die Leinwand wird wieder aufgespannt, fertig – und nun? Na ja, malen kann man noch darauf, wenn’s denn sein muß, aber wie soll das Kunstwerk „Bild“ dann am Ende aussehen?

R1
↑ Rahmen 50,5 %, Keilrahmen, Leinwand
↓ Ersparnis 49,5 %, Holzspäne, verschiedene Größen
Fotos: Thomas Braunsberger

Der abgehobelte Rahmen steht also zu Hause bei der Künstlerin, die Späne – die „Ersparnis“ – liegen als Skulptur auf einem Podestal im Ausstellungsraum. Line Krom setzt noch einen drauf und bewertet dieses Ergebnis monetär: der Kaufpreis – am Beispiel des obigen Werkes R1 – für den 50,5 %-Rahmen beträgt 268,13 Euro, derjenige für die Späne als 49,5 %-„Ersparnis“ 262,81 Euro.

Noch schlechter ergeht es dem Rahmen der Arbeit R7: Er ist nach der Wiederbespannung mit der Leinwand nicht mehr recht brauchbar, seine 27 % kosten zwar nur noch 153,51 Euro, die weggehobelte 73 %-„Ersparnis“ hingegen macht 415,06 Euro aus. Ja, sparen ist angesagt – koste es, was es wolle!

R7
↑ Rahmen (27 %), Keilrahmen, Leinwand
↓ Ersparnis (73 %), Holzspäne, verschiedene Größen
Fotos: Thomas Braunsberger

Und auch insoweit wird gespart: Es fügt sich, dass Kunstliebhaber und Ausstellungsraum-Betreiber Ralf Becker in seinem Hauptberuf Schreiner ist und die zur Realisierung der Werkidee notwendige Hobelei, Bohrerei und Fräserei eigenhändig vollzog!

Nun wäre Line Krom nicht Line Krom, wenn sie ihre Arbeit auf eine Kritik am Kunstbetrieb beschränkte: Sie untersucht zugleich die Frage, ob mit einem Einsparungspotential und -zwang nicht vielleicht auch künstlerische Energien freigesetzt werden könnten, ja sie spricht sogar von einer möglichen „Ästhetik des Sparens“. Man denkt an die Arte Povera-Bewegung und nicht zuletzt auch an Aspekte der Minimal Art. Zur Diskussion dieser Fragenkomplexe haben Krom und Becker eine Gesprächsreihe im Ausstellungsraum organisiert, die noch bis zum 22. Mai 2017 läuft, und wir verweisen an dieser Stelle auf Line Kroms Essay „Untersuchung zur Ästhetik des Sparens“ (s.u.).

↑↓ Die „Ersparnisse“ im Ausstellungsraum Becker; Fotos: Erhard Metz

Line Krom studierte an der Frankfurter Goethe-Universität Kunst- und Kulturwissenschaften mit Schwerpunkt Zeichnung und dem Abschluß Magistra Artium, ferner an der Universität der Künste Berlin (Art in Context) und an der University of the Arts London (Fine Art Drawing, MA). Sie bestritt eine Vielzahl von Einzel- und Gruppenausstellungen in Deutschland, im europäischen Ausland sowie in Kitakyushu und New York und erhielt zahlreiche Preise; in Lehraufträgen und Seminarleitungen erwarb sie sich einen guten Ruf als Kunstvermittlerin. Line Krom lebt und arbeitet in Frankfurt am Main.

Line Krom mit den „Ersparnissen“; Foto: Erhard Metz

Line Krom

Untersuchung zur Ästhetik des Sparens, Frankfurt a.M. im März 2017

Das Projekt „Metric as souvereign“ (Arbeitstitel), beschäftigt sich mit der Ästhetik des Sparens im Kunstbetrieb. In sinnlich nachvollziehbarer Weise wird erforscht, welche Auswirkungen Sparmaßnahmen auf die Trägerstrukturen von Kunst haben. Dafür werden Keilrahmen gekürzt und im Belastungstest auf ihre Funktionalität hin untersucht. Ergänzend zur Forschung an den Rahmen lädt die Künstlerin Kunstraum/Off Space-Betreiber ein, über das Sparen und dessen Auswirkungen auf ihre Arbeit zu reflektieren.

Der Begriff Sparen gehört zum System Wirtschaft. Der Begriff ist historischem Wandel unterworfen und hat je nach Zusammenhang verschiedene Definitionen. Zunächst bedeutet Sparen den teilweisen Verzicht auf den Verbrauch von aktuell zur Verfügung stehenden Ressourcen, um diese in der Zukunft nutzen zu können. In kapitalistischen Wirtschaftskonzepten dient Sparen der Wohlstandssteigerung. Der post-kapitalistische/neo-liberale Ansatz des Sparens betont den spekulativen Einsatz beim Sparen: je größer das Risiko, desto größer der Gewinn. Wenn in der deutschen Presse seit den 1990er und Ende der 2000er Jahre über das Sparen im Hinblick auf den öffentlichen Haushalt geschrieben wird, handelt es sich insofern um einen Euphemismus: Gespart wird hier nicht im konventionellen Sinn an etwas, von dem man zu viel hat, es wird auch nichts zur Seite gelegt, was in der Zukunft den gleichen Wert beibehält oder gar mehr werden kann. Sparen im Hinblick auf den öffentlichen Haushalt wird im Englischen als Austerity (Austeritätspolitik), im Deutschen in der Regel als Haushaltskonsolidierung bezeichnet. Und um eben dieses Phänomen des Sparens soll es in meiner ästhetischen Forschung gehen: Produziert das Sparen an Rahmenbedingungen (Austerity) eine spezifische Ästhetik?

Meiner ästhetischen Forschung liegt der Ansatz der Institutionskritik, insbesondere der Ansatz von Shannon Jackson (2011) zu Grunde. In ihrer Arbeit betont die Kunsthistorikerin die Notwendigkeit der „Supporting Structures“ („Unterstützende/tragende Struktur“; angelehnt an die „Primary Structures“ in der Minimal Art). Da im Zuge von Haushaltskonsolidierung an der Infrastruktur (Institutionelle Ausstattung, Arbeitsbedingungen) gekürzt wird, setze ich meinen Fokus auf die „Aussagen des Materials“ (Keilrahmen/Menschen, die im Kunstbetrieb tätig sind). Zur Beantwortung meiner Forschungsfrage werden Funktionstests an Keilrahmen durchgeführt und die sinnlich wahrnehmbaren Materialqualitäten aus Künstlerperspektive (Expertenwissen) interpretiert. Insofern grenzt sich meine Studie klar zur wirtschaftlichen Perspektive ab, bei der das Augenmerk auf den gesparten Euro als Ergebnis liegt (Kategorien: Profit vs. Mangel). In meiner Bewertung gelten die Kategorien des Systems Ästhetik: Schön vs. Hässlich.

Meine Recherche reflektiert die Materialbeschaffenheit des Trägersystems (Supporting Structure), das Vorhersehbare und Unvorhersehbare bei Materialtransformationen. Ästhetische Experimente zum Sparen und Auflösen (von Konventionen) werden auf die Frage hin untersucht, ob Sparen zum Verlust von Freiheit (spielerisch-freier Umgang) führt oder ob gerade dieser Umgang mit dem Material das Aushandeln neuer Freiräume (subversive Praktiken) bewirkt.

* * *

Gesprä­che zu der Thematik finden im Ausstellungsraum Becker an folgen­den Terminen, jeweils um 20.30 Uhr, statt:

8. Mai mit Harald Etze­mül­ler vom Ausstel­lungs­raum Eulen­gasse
15. Mai mit Corne­lia Kube-Drue­ner und Wolf­gang Klee von der Klos­ter­presse
22. Mai mit Line Krom und Ekke­hard Tanner, Abschluß­ge­spräch

 

Die Ausstel­lung läuft bis zum 22. Mai 2017

Abgebildete Werke © Line Krom

 

Barbara Feuerbach: „von Geblüth“ in der Galerie ARTE GIANI

2017, April 5.

Von Erhard Metz

Vorsicht vor Barbara Feuerbach: vielleicht ist man ja selbst demnächst an der Reihe, dass man sich in einem Reigen ihrer Porträts wiederfindet: Denn sie knüpft sich in ihrem malerischen Schaffen einen nach dem anderen Typus von homo sapiens vor. Warum sollten nach „Eva und Adam“ (man beachte die Reihenfolge!) und den Märchenfiguren der Gebrüder Grimm, nach den „Bestäubern“ und „Dunkelmännern“, nach „Lipstick“-Mädels, „Flintenweibern“, „Badenixen“ und „Tanzpaaren“ nicht auch einmal Kuratorinnen und Kuratoren, Galeristinnen und Galeristen, gar die über ihre Kunstwerke schreibende journalistische Zunft der „spitzen Federn“ von der Künstlerin malerischem Blitz getroffen werden? Gerade letztere also sollten sich vor Barbara Feuerbachs „spitzem Pinsel“ in acht nehmen. Was also tun? Nur Gutes über sie schreiben? Das aber tun wir ohnehin von Herzen und Verstand und noch dazu sehr gerne, weil Barbara Feuerbach eine grossartige Malerin ist!

Heuer hat sie sich in den 62 in der Galerie ARTE GIANI leider nur noch bis zum kommenden Freitag ausgestellten Arbeiten des titelgebenden „Geblüths“ angenommen, der Kaiserinnen und Kaiser also, der Prinzessinnen und Prinzen, in ihrer unnachahmlichen Art mit listigem Augenaufschlag und mit der ihr eigenen liebevollen, pointierten, doch nie verletzenden Ironie. Wobei die männliche Spezies nicht immer ganz so gut wegkommt wie die weibliche, stets aber ohne feministischen Überbau und ideologiebesessenes Tamtam. Das Ironische in ihren Bildern anzuschauen gerät so nicht nur zur klammheimlichen, sondern zu einer Freude und Lust, zu der man sich offen bekennen kann.

↑↓ Aus der Serie „Die Kaiser aus dem Kaisersaal im Römer“, Tusche, Ölkreiden, Collage, jeweils gerahmt 62 x 44,5 cm; Fotos © Barbara Feuerbach


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„Patina der Zeit“: Fides Becker im Frankfurter Institut für Stadtgeschichte

2017, April 2.

Von Brigitta Amalia Gonser

Seit 2010 bietet das Institut für Stadtgeschichte Frankfurter Künstlern die Möglichkeit, ihre Werke in musealem Rahmen öffentlich zu präsentieren. Bis 18. Februar 2018 ist nun Fides Becker mit einer repräsentativen Auswahl ihres Schaffens der Jahre 2009 bis 2015 unter dem Motto „Patina der Zeit“ in den Foyers des Instituts für Stadtgeschichte im Karmeliterkloster zu sehen.

Büste, 2010, Acryl und Eitempera auf Leinwand, 55 x 40 cm Weiterlesen

Corinna Krebber: „Leerelose Leere“ im KunstRaum Bernusstraße

2017, März 14.

„Ich bin hier, und es gibt nichts zu sagen“

Von Hanneke Heinemann

Mit diesem Satz samt der darin enthaltenen Pausen beginnt John Cage seinen „Vortrag über nichts“ (in: John Cage – Silence, Bibiothek Suhrkamp 1995). In einem in der Ausstellung gezeigten Leporello kann man diese Worte finden und lesen; die dort entnommenen Pausen sind Bestandteile des Werkes PARTITUR/an Cage, eines der beiden Werke, die sich in der zentralen Installation im großen Raum befinden.

… THE EXPERIENCE I HAD WAS IN THE SOUND-PROOF-ROOM, Leporello in Buchhülle, 12 x 18 cm, 2017

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„Seltene Treffer“: Neun Positionen aktueller Druckgrafik in der Oberfinanzdirektion Frankfurt am Main

2017, März 12.

Von Erhard Metz

Die (Original-)Druckgrafik hat es im digitalen Zeitalter nicht eben leicht, wird sie doch hier und da als altertümliche Technik ähnlich dem mühsamen Bleisatz vergangener Epochen angesehen. Früher dort eingesetzt, wo nach Erfindung des Gutenbergschen Buchdrucks auf kostengünstige Weise höhere Auflagen einer Ansicht herzustellen waren – überwiegend im Holz-, Kupfer- und später Stahlstich -, haben längst andere Vervielfältigungstechniken diese Aufgabe übernommen. Dem heutigen Kunstmarkt erscheint die (auch Original-)Lithografie vielfach nicht lukrativ genug, gibt es meist doch mehrere Exemplare einer Arbeit. Und die heute oft in grösseren Stückzahlen hergestellten sogenannten „Lithografien“ von Werken gerade namhafter Künstler (Grano-, Chromo-, Foto-Lithographien) haben den Ruf solcher vermeintlicher Kunstschätze ruiniert – angebliche „Limitierungen“ oder „Nummerierungen“ hin, fragwürdige „Autorisierungen“ her.

Druckgrafik wird an den heutigen Kunsthochschulen und Akademien kaum mehr gelehrt, oft verfügen diese Institute nicht einmal über die notwendige Ausstattung mit funktionablen Pressen. Professionelle, adäquate Ergebnisse liefernde Druckpressen kosten ansehnliche vier- und fünfstellige Beträge, die sich Künstler nicht oder allenfalls in Gruppen gemeinschaftlich leisten können, und die Zahl künstlerischer Druckbetriebe ist gering geworden. Hinzu kommt, dass die Preise für Qualitätspapiere stark gestiegen sind, und so manche nicht gelungene Druckergebnisse beenden ihr Dasein nach genauerer Betrachtung in der Papiertonne. Umso erfreulicher ist es, wenn sich all dieser Umstände – zum Trotz wie zur Herausforderung – erstzunehmende zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler der überkommenen druckgrafischen Techniken wiederbesinnen, sich mit ihnen neue künstlerische Perspektiven und Wege erschliessen und in kleinsten Auflagen, nicht selten sogar als (garantierte) Unikate, ganz ausserordentliche Werke schaffen.

Jan Schmidt, Ohne Titel I, 2009, Kaltnadelradierung, 58 x 42 cm, Plattengrösse 20 x 15 cm; Foto: Frank Pichler Weiterlesen