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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Alle Artikel zu Frankfurter Kunstverein

Bambusskulptur „Big trees“ von Joko Avianto am Haus des Frankfurter Kunstvereins

2016, August 18.

Bleiben oder gehen – der Name eines Albums der deutschen Punkband „Feine Sahne Fischfilet“. Zugegeben – wir kennen es nicht unmittelbar, dies mag generationsbedingt sein, zählen wir doch beileibe nicht mehr zu den Jüngsten dieser Republik.  Aber bleiben oder gehen – dies gilt, im Allgemeinen wie im Besonderen, auch für die Bambus-Skulptur am Haus des Frankfurter Kunstvereins, die Einheimische wie Touristen aus aller Welt seit Mitte September 2015 immer wieder staunend bewundern. Fast könnte man darüber spekulieren, was derzeit der grössere Publikumsmagnet der globalen Tourismusströme in Frankfurt am Main ist: der Römerberg, die Paulskirche, die sich immer deutlicher abzeichnende „neue Altstadt“ – oder eben jene gegenüber alldem so exotisch erscheinende, nicht so recht passen wollende Skulptur am Steinernen Haus des Kunstvereins?

„Big trees (Pohon besar)“ lautet der Titel der Skulptur, der indonesische Künstler Joko Avianto hatte sie im Herbst 2015 in wochenlanger Arbeit aus 1500 jeweils sechs Meter langen Bambusstäben geflochten. Sie war Teil der Ausstellung „Roots. Indonesian Contemporary Art“, die im Zusammenhang mit der letztjährigen Frankfurter Buchmesse (mit Indonesien als Gastland) eröffnet wurde und bis Anfang Januar dieses Jahres lief. Danach sollte das wuchernde Werk wie all die anderen Arbeiten der indonesischen Künstler abgebaut werden. Aber: Sie blieb! Nun bereits seit über einem halben Jahr!

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Joko Avianto, „Big trees (Pohon besar)“, 2015, Fassadeninstallation am Gebäude des Frankfurter Kunstvereins Weiterlesen

„Mechanismen der Gewalt“: Arcangelo Sassolino und Regina José Galindo im Frankfurter Kunstverein

2016, April 5.

Schüsse und dumpfe Schläge dröhnen im Frankfurter Kunstverein, fast schmerzen die Ohren und man spürt das Gebäude erzittern. Es geht heftig zur Sache in der Doppelausstellung „Mechanismen der Gewalt“, kuratiert von Direktorin Franziska Nori und Co-Kurator Eugenio Viola vom Museo d’Arte Contemporanea Donnaregina in Neapel.

Im Souterrain und im Erdgeschoss sowie den beiden oberen Etagen werden gemeinsam Skulpturen und Installationen des italienischen Künstlers Arcangelo Sassolino sowie Arbeiten der guatemaltekischen Künstlerin Regina José Galindo gezeigt. Es geht Sassolino und Galindo um ein „Ausloten der Grenzen der Kunst und die Beschäftigung mit der Frage nach ihrer Rolle in unserer Gesellschaft. Sie verweigern sich dabei einer Reduktion auf einen rein symbolischen Raum und konfrontieren ihre konzeptionellen Ideen mit sozialen oder materiellen Realitäten. Während die Auswirkungen von physischer Gewalt und Machtverhältnissen auf den Körper, sowohl auf den individuellen als auch auf den sozialen, ein zentrales Thema der kompromisslosen Performancekunst von Galindo sind, werden die von Sassolino durch Kräfte bestimmt, die jederzeit ihr Gewaltpotential entladen können“, so der Kunstverein.

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„Afasia 2“, 2008, Ausstellungsansicht, Stahl, Stickstoff 250 Bar, 53 x 70 x 70 cm, Foto FeuilletonFrankfurt, © Frankfurter Kunstverein, Courtesy Pietro Fiorentini

Beginnen wir mit Arcangelo Sassolino. Gleich in der Eingangsebene wird der Besucher mit einem gegenüber dem Lärm aus den oberen Etagen verdächtig stillen Gefäss konfrontiert, dem er sich instinktiv mit Skepsis und Vorsicht nähert. Die Lektüre des Wandtextes bestätigt ihn in dieser Haltung, herrscht in der 600 Kilogramm schweren, mit Stickstoff befüllten Stahlkapsel doch ein Druck von 250 bar (zum Vergleich: dem Hundertfachen etwa eines mit Luft aufgepumpten Autoreifens). Unwillkürlich tritt man ein paar Schritte zurück, denn was wäre, wenn … Nun, das Objekt sei, liest man weiter, von der EU durch eine Fachinstitution geprüft und für Ausstellungszwecke zugelassen worden. Hoffen wir ’s. Weiterlesen

Trevor Paglen: „The Octopus“ im Frankfurter Kunstverein

2015, August 26.

Wer zum bevorstehenden Frankfurter Museumsuferfest unterwegs sein will – und das werden nicht wenige sein -, sollte keinesfalls die Doppelausstellung im Frankfurter Kunstverein versäumen, die am kommenden Sonntag, 30. August 2015, auslaufen wird.

Thomas Feuersteins opulentes Werk PSYCHOPROSA“ haben wir bereits vorgestellt. Heute werfen wir einen Blick auf die Parallelaustellung mit dem Werk „The Octopus“ des US-amerikanischen Künstlers Trevor Paglen.

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Trevor Paglen, Bildnachweis: Frankfurter Kunstverein

„Trevor Paglen macht sichtbar, was nach Willen der NSA unsichtbar bleiben soll. Der Frankfurter Kunstverein zeigt sein jüngstes Werk … Die Paglen-Retrospektive … liefert ein sehr gutes Argument dafür, warum eine Stadt neben den grossen Museumstankern einen Kunstverein braucht.“ Julia Voss, Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 19. Juni 2015

Trevor Paglens Bilder zeigen dokumentarisch geheime Orte der Macht, die nach den Interessen der die Macht Ausübenden verborgen bleiben sollten. Seine Kunst ist eine hoch politische, kann jedoch zugleich in einem gewissen, wohl eher zufällig sich ergebenden Kontext zu zwei anderen derzeit in Frankfurt gezeigten Ausstellungen gesehen werden, bei denen es ebenfalls um ein Verstecken, ein Verbergen, um ein Tarnen und „Unsichtbarmachen“ (wie es dem Tintenfisch, einer Oberart des Octopus, gelingt) geht: „Vom Verbergen“ – so bereits der Titel – im Museum Angewandte Kunst und – in einem weiteren Sinne – auch die Präsentation „Tuchfühlung – Kostas Murkudis und die Sammlung des MMK“ im MMK 2, bei der es unter anderem um ein lustbetontes textiles Verbergen des – weiblichen – Körpers geht. FeuilletonFrankfurt wird auf die Ausstellungen zurückkommen. Weiterlesen

Thomas Feuerstein: „Psychoprosa“ im Frankfurter Kunstverein

2015, Juni 10.

„Psychoprosa“: Von „Psilamin“ aus Dopamin und Psilocin und von Schleim als bildhauerischem Material

Ob der 1829 gegründete Frankfurter Kunstverein – er zählt nicht nur zu den ältesten, sondern inzwischen auch zu den grössten und international renommiertesten Kunstvereinen Deutschlands – jemals ein solches Spektakel in seinen Räumlichkeiten beherbergt hat, wie es sich derzeit im historischen, 1464 begründeten Steinernen Haus samt seinem heute unter Denkmalschutz stehenden Anbau aus den 1960er Jahren ereignet, wissen wir nicht, halten es aber kaum für möglich. Über die drei Ausstellungsebenen hinweg hat der österreichische Künster Thomas Feuerstein eine skulpturale Installation in Gestalt eines riesigen Laboratoriums errichtet, in welchem er aus Algen und Pilzen Dopamin und Psilocin gewinnt, mit denen er das von ihm synthetisierte und als „molekulare Skulptur“ deklarierte „Psilamin“ erzeugt. Und es kommt noch toller: Aus all den biochemischen Prozessen entsteht als Neben-, – wenn nicht gar als Hauptprodukt – Schleim!

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Thomas Feuerstein im Pressegespräch

Nun, Thomas Feuerstein, 1968 in Innsbruck geboren, ist wie gesagt Künstler, studierte in seiner Geburtssstadt Kunstgeschichte und Philosophie, promovierte, übernahm Lehraufträge und Gastprofessuren an verschiedenen Einrichtungen in Österreich und der Schweiz und an der Universität für angewandte Kunst in Wien, wo er heute lebt und arbeitet. Wenn er jetzt also „Psilamin“ erzeugt, so geschieht dies – wie er schmunzelnd einräumt – in „enger Zusammenarbeit“ mit zwei Biochemikern: Thomas Seppi von der Medizinischen Universität Innsbruck und dem Chemiker Ingo Wartusch.

Von einem Spektakel sprachen wir – und erinnern uns heute noch lebhaft an die riesige „Honigpumpe am Arbeitsplatz“ von Joseph Beuys zur documenta 6 im Jahr 1977 im Fridericianum Kassel (unserer Heimatstadt, in der wir zur Liebe zur Kunst sozialisiert wurden), oder etwa auch an Paola Pivis „Cocktail Party“ im Frankfurter Portikus, bei der gewaltig dröhnende Maschinerien unter anderem Rotwein, Olivenöl und Milch in einen überdimensionalen wie nachdenklich stimmenden Kreislauf brachten Weiterlesen

“New Frankfurt Internationals” 2015: “Solid Signs” (6)

2015, April 24.

Markus Walenzyk „moment to monument“

Es ist vielleicht das Chef-d’Œuvre der in dieser Ausstellung gezeigten Videokunst, eine mit Ton unterlegte Video-Performance, die den Betrachter in Bann zieht und ihn auch im Nachhinein nicht so schnell loslässt, sondern ihn noch vielfach beschäftigt. Die fulminante Arbeit eröffnet einen weiten Horizont an Deutungen, Assoziationen und Interpretationen.

Das Werk enthält eine Handlung, ja eine Erzählung: Der Künstler-Protagonist hockt auf dem Boden einer Art Ur-Landschaft, formt aus einer erdhaften Masse im fast slapstick-haften Zeitraffer-Tempo – auch die Wolken jagen über den Himmel – vor sich eine sich zu einer Bergkulisse auftürmenden Mauer, die ihn am Ende völlig den Blicken des Zuschauers entzieht. Mit der Masse bestreicht er auch die Wangen und versiegelt schliesslich mit ihr den Mund. Dann geschieht etwas Wundersames: Die Umgebung um den Berg, einem vulkanähnlichen, spitzgipfelnden erratischen Block, begrünt sich, erst eine Siedlung und dann eine Stadt mit Hochhäusern und zivilisatorischen Strukturen bilden sich heran, dann aber breiten sich Seenlandschaften, zunächst schön anzusehen, aus, sie werden zu Meeren und die städtischen Strukturen versinken in ihren Wassern. Auch der Berg beginnt zu erodieren, bildet Schründe und Schluchten, kollabiert in sich selbst und versinkt im Meer. Zurück bleibt eine dunkte, ähnlich der Anfangsszene unbestimmte Ur-Landschaft. „Die Zeit, der Ausschnitt einer kleinen Ewigkeit, Dinge, die beständig scheinen und doch vergehen“ schreibt der Künstler.

Natürlich sind wir geneigt, an die biblische Genesis zu denken („und Gott der Herr machte den Menschen aus einem Erdenkloss“, 2. Mose 7), an die evolutionäre Entwicklung der Welt, an deren zunächst konstruktive, dann aber immer mehr zerstörerische Inbesitznahme durch den Menschen, die letzten Endes, durch dessen Hybris verschuldet, in den Untergang führt. Ein gewaltiger Bogen spannt sich zwischen Schöpfung und Apokalypse.

Die Arbeit ist jedoch vielschichtig, sie könnte auch von der künstlerischen Existenz handeln, deren kreativer Entfaltung wie deren möglichem, in Selbstisolation gefangenem Untergang. Wie steht es mit der künstlerischen Existenz in der Gesellschaft? Ist auch der künstlerische Prozess von Werden und Vergehen bestimmt? Was wird einmal vom Künstler bleiben, was von seinem Werk?

Faszinierend die virtuos gehandhabte Technik der Video-Arbeit: Der Künstler Markus Walenzyk bringt sich unmittelbar körperlich in sie ein und konfrontiert sich zugleich in seiner menschlichen und künstlerischen Existenz mit dem digitalen Produktionsgeschehen.

Eine – nur unzulängliche, vom Autor von der Projektionsfläche abfotografierte – Folge an Ausstellungsansichten sollen und können nur dazu einladen, noch bis kommenden Sonntag den Frankfurter Kunstverein zu besuchen und sich dieses Video im Original anzusehen, dessen Suggestivkraft sich kaum jemand wird entziehen können:

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