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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Alle Artikel zu Kultur und Gesellschaft

Hauptwerke von Matisse und Bonnard demnächst im Städel

2017, August 17.

„Mein lieber Matisse“, „Mein lieber Bonnard“ – „Mein lieber Freund“

In knapp einem Monat ist es soweit. Da werden vom 13. September 2017 an bis zum 14. Januar 2018 zwei herausragende Protagonisten der Klassischen Moderne erstmals gemeinsam in Deutschland im Frankfurter Städel ausgestellt sein: Henri Matisse (1869–1954) und Pierre Bonnard (1867– 1947). Die Ausstellung ist der Künstlerfreundschaft zweier Pioniere der Modernen Kunst gewidmet und sie beleuchtet neue Perspektiven der Entwicklung der europäischen Avantgarde, vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges. Der bisweilen erstaunlich enge Austausch zwischen den Künstlerkollegen zeigt sich vor allem an ihrer intensiven Auseinandersetzung mit so zentralen Themen wie dem Interieur, dem Stillleben, der Landschaft und dem Akt. 

Die hochkarätigen Exponate aus international bedeutenden Sammlungen, u.a. aus dem Art Institute of Chicago, der Tate Modern in London, dem Museum of Modern Art in New York, dem Centre Pompidou und dem Musée d’Orsay in Paris, aus der Eremitage in Sankt Petersburg sowie aus der National Gallery of Art in Washington sind allesamt Zeugen eines langjährigen Dialogs zwischen den beiden französischen Malern, darunter auch „Großer liegender Akt“ von Matisse.
→ Der Katalog erscheint bei Prestel.

Von Petra Kammann

↑ An der Côte d’Azur tauschten sich die Künstler Henri Matisse und Pierre Bonnard aus: Matisse bewohnte bis zum Ende seines Lebens  diese Villa aus dem 18. Jahrhundert inmitten der Olivenhaine von Cimiez. Dort befindet sich heute im ersten Stock das Matisse-Museum von Nizza

↓ 1926 kauft sich Pierre Bonnard ein Haus in Le Cannet oberhalb von Cannes. Er zieht sich dort von 1939 bis zu seinem Tode 1947 zurück. In der Abgeschiedenheit und Ruhe der letzten Lebensjahre entstanden hier besondere Werke. Heute kann man in dem kleinen Bonnard-Museum auf dem Hügel in Le Cannet einige anschauen (Alle Fotos: Petra Kammann)

 

„Es lebe die Malerei!“ – Dieser programmatische Ausruf von Henri Matisse auf einer Postkarte an Pierre Bonnard, die er 1925 aus Amsterdam schickte, hat nicht nur eine 62 Briefe umfassende Korrespondenz der beiden Künstler in Gang gesetzt, die bis 1946 andauern sollte. Dieser Satz wurde für die Ausstellung im Städel auch titelgebend. In der Korrespondenz kam die gegenseitige Wertschätzung der Kollegen zum Ausdruck, die sich häufig auch im Atelier besuchten.

So unterschiedlich die beiden Künstler auf den ersten Blick erscheinen mögen, so ging es ihnen in ihrem Dialog stets um das gemeinsame Nachdenken über künstlerische Probleme der Malerei und um ihre jeweiligen Standpunkte ihr gegenüber. Anders als die von Rivalität geprägte Beziehung zu Picasso war dessen Verhältnis zu Bonnard von echter Freundschaft und gegenseitiger Unterstützung geprägt. Das lässt sich u.a. in den Motiven und Perspektiven verfolgen, die sich teils in ihren Werken wechselseitig ergänzen.

Wie also Matisse auf Bonnard reagiert und umgekehrt, davon wird die Schau „Matisse – Bonnard. Es lebe die Malerei!“ handeln, auf der schon vor der Eröffnung im September eine große Aufmerksamkeit liegt. Denn sie wird zahlreiche Hauptwerke dieser beiden Protagonisten der französischen Moderne aus den verschiedenen Ecken der Welt im Städel versammeln. Ein Hintergrundgespräch mit Daniel Zamani, einem der beiden Städel-Kuratoren, gab erste Einblicke, wie diese Ausstellung zustande kam und was in ihr zu erwarten sein wird.

→ Daniel Zamani, einer der beiden Kuratoren der Matisse-Bonnard-Ausstellung 

 

In der Zeitschrift Cahiers d’art 1947 hatte der Kunstkritiker Christian Zervos 1947 einen sehr gehässigen Artikel über Bonnard verfasst, der dessen angemessene Rezeption zunächst sehr behinderte, weswegen man Bonnard weder in den USA noch in Deutschland zur zeitgenössischen Kunst zählte. Seine Malweise passte nach Meinung der Kritiker  überhaupt nicht ins 20. Jahrhundert.  Zamani sieht den Grund darin, dass Bonnard keinem –ismus oder einer der Schulen, die sich seit dem Impressionismus entwickelt hatten, zuzuordnen war. Matisse jedoch wird zu einem seiner ganz großen Verteidiger.

Der reagierte nämlich auf die Kritik mit einem 2-seitigen Beschwerdebrief. „Wenn ich jemals an Bonnard gezweifelt habe, dann hat mich der Anblick eines seiner Werke an die Wahrheit erinnert, selbst in einer Schwarz-Weiß-Abbildung. Bonnard ist wesentlich tiefsinniger, als es den Anschein hat. Ich bin sicher, dass sein Werk überdauern wird,“ und quer über den gedruckten Text schrieb der Künstler demonstrativ: „Ja! Ich bezeuge, dass Pierre Bonnard ein großer Maler ist, für heute und bestimmt auch für die Zukunft.“

Felix Krämer, der wegen der von ihm kuratierten Monet-Ausstellung im Städel bestens mit der französischen Malerei und den Museen Frankreichs vertraut ist, und Daniel Zamani, der auch zuvor schon mit ihm zusammengearbeitet hatte, ließ dieses Thema nicht ruhen. Sie begannen, die Sache intensiver zu recherchieren und wollen mit einer Ausstellung überzeugen, die diesem Vorurteil ein Ende macht.

Bislang waren laut Zamani tatsächlich gezielt erst zwei Expositionen diesem Thema nachgegangen: 2006/07 in der Ausstellung in Rom Matisse e Bonnard. Viva la pittura! und eine weitere 2008 Matisse et Bonnard: Lumière de la Méditerranée im Kawamura Memorial Museum of Art und Museum of Modern Art in Hayama, allerdings mit einer begrenzten Auswahl von Exponaten. Vor allem aber kamen die beiden Kuratoren zu dem Schluss, dass man das Thema insofern vertiefen müsse, als die Bilder, welche die Künstler voneinander besaßen, in diesen Ausstellungen fehlten. Also machten sie sich auf, um sie an den verschiedenen Orten aufzutreiben.

→ Es wird die letzte von Felix Krämer betreute Ausstellung im Städel sein, bevor er die Leitung des Museum Kunstpalast in Düsseldorf als Generaldirektor übernimmt.

 

Wegen der eben schon guten vorhandenen Beziehungen zu den französischen Museen fingen sie in Paris an, Leihgaben zu erbitten: im Centre Pompidou, im Musée d’Orsay und auch bei der Ville de Paris. Nachdem klar war, dass diese bedeutenden Institutionen sie in der Aufarbeitung des Themas unterstützen würden, fuhr Felix Krämer weiter an die Tate Gallery nach London, während sich Daniel Zamani zunächst in die USA aufmachte, um die Reise für Felix Krämer in den jeweiligen Sammlungen zu recherchieren und vorzubereiten; später verhandelte dann Felix Krämer. Es ging nach New York ans Museum of Modern Art und ins Metropolitan Museum of Art und dann nach Chicago, nach Philadelphia, in die National Gallery nach Washington und zur Philipps Collection, um das Dialogkonzept jeweils vor Ort zu erläutern.

„Wir mussten mit unserer Konzeption überzeugen, indem wir das Ausstellungsprojekt vorstellen und klarmachen, dass wir inhaltlich einen neuen Blick auf die Leihgaben haben“. Sind dafür tatsächlich so aufwändige Reisen nötig? Es ist offenbar der effektivere Weg. “ Das ist auf jeden Fall sehr hilfreich, weil man vieles vor Ort direkt klären kann. Man weiß dann sofort, was geht und was auf gar keinen Fall, weil zum Beispiel bestimmte Werke aus konservatorischen Gründen ohnehin nicht reisen können, und manchmal kommt man dann vor Ort auch auf andere Ideen“, kontert Zamani und ergänzt: „Glücklicherweise hat das Städel einen guten Ruf und ist wegen der französischen Moderne mit dem Schwerpunkt Malerei renommiert, so dass man uns entgegenkommt.“

Und er fährt fort: „Im ersten Jahr haben wir insgesamt sehr hart an den Leihgaben gearbeitet. Schließlich kann man weder mit dem Inhalt noch mit dem Katalog beginnen, wenn man die Bilder nicht hat. Daher: je schneller man Zusagen bekommt, desto besser. Unser Glück war es, dass wir sehr bald Zusagen für das erste Interieur, das Bonnard von Matisse gekauft hat, bekamen wie auch für das Interieur, das Matisse von Bonnard gekauft hat. Das ging innerhalb von einer bis drei Wochen, weil das Konzept so stimmig war.“

Und dann begann natürlich auch sehr viel Denkarbeit für die beiden Kuratoren. Zamani hat dann erst einmal viel Zeit in Pariser Archiven zugebracht: in der Bibliothèque Nationale, im Matisse-Archiv, in der Bibliothèque Richelieu, im Atelier, in dem viele Kunstwerke entstanden sind und wo der Künstler 1909 gewohnt hat, manche Hinweise kamen aus dem Umfeld der Erben. So bleibt die Arbeit von Charles Terrasse, dem verstorbenen Neffen Bonnards, ein wichtiger Impuls für das Verständnis des Werkes. Und der rege Austausch mit den Héritiers Matisse bei Paris tat ein übriges.

Trotz aller sorgfältigen Vorarbeiten gab es natürlich auch Absagen, die seien allerdings  – so Zamani –  immer sehr freundlich gewesen wie im Falle von „Stillleben mit Geranien“ aus dem Jahre 1910 aus der Münchener Pinakothek, das so gut wie nie reist. Da ist zum Beispiel in Amerika auch eine fünfjährige Vorlaufplanung zu berücksichtigen, während man, wenn im Städel das Thema einmal festgeklopft ist, etwa zweieinhalb Jahre Zeit für die Realisierung hat. Natürlich kann man die Pläne der anderen Museen nicht immer kennen. Und da kann es auch passieren, dass schon alles ausgeliehen ist, was man gerne dabei gehabt hätte. Dann muss man halt schnell umdisponieren und neu recherchieren.

Eine Reihe von Werken kamen auch aus Privatbesitz. Da muss man sich an Auktionshäuser wie Sotheby’s und Christie’s wenden, die das Interesse dann weiterleiten. Dort wiederum kann man aber erst anfragen, wenn man schon andere bedeutende Zusagen hat. Dann gibt es einen Blankoleihvertrag. Häufig wollen Privatsammler auch nicht genannt werden, und da bleibt alles strikt anonym.

Insgesamt hilfreich war es sicher, dass das Städel schon im Besitz eines wichtigen Gemäldes von Matisse und eines Bonnard war. Das Bonnard-Gemälde Liegender Akt auf weißblau kariertem Grund, um 1909 war 1988 noch unter der Leitung von Klaus Gallwitz gekauft worden – drei Jahre nach einer großen Bonnard-Retrospektive. Einige der nun gezeigten Bilder waren auch schon einmal als Leihgaben im Städel, nun kommen sie in einem neuen Zusammenhang zurück. Den Matisse, Blumen und Keramik von 1913, der zu den bedeutenden frühen Stillleben des Künstlers gehört, hatte das Städel einst als Schenkung von Robert von Hirsch bekommen. Es war unter den Nazis beschlagnahmt worden und wurde 1962 unter großer Kraftanstrenung zurückerworben. Diese beiden Bilder werden nun übrigens neu gerahmt werden, was eher den historischen Rahmen entspricht, welche die Künstler selbst ausgewählt hätten.

Des weiteren gibt es im Haus eine komplett und gut erhaltene Matisse-Suite von „Jazz“ sowie auch Bonnards Hauptwerk der Druckgrafik ‚Einige Ansichten aus dem Pariser Leben‘. –  13 Lithografien, die der legendäre Kunsthändler Ambroise Vollard seinerzeit in Auftrag gegeben hatte. Allein dieses Beispiel beweist, dass das Städel schon früh angefangen hat, die französische Moderne strategisch zu sammeln.

Eine gute Basis im eigenen Haus, kompetente Vorarbeit und intensive Bemühungen im Umgang mit den Leihgebern vorausgesetzt, die Kuratoren hatten auch Glück:  34 Ölgemälde von Matisse und 36 Ölgemälde von Bonnard haben sie bekommen, dazu eine Statue von Matisse, eine von Bonnard, 18 Fotografien und ungefähr 33 Grafiken von Matisse und 16 Grafiken von Bonnard. Angefragt hatten sie zunächst 250 Werke; 140 werden nun zu sehen sein: „Mehr hätten wir vom Platz hier auch gar nicht handlen können. Die Bilder müssen luftig hängen, um entsprechend wahrgenommen zu werden. Wir haben z.B. zwei Odalisken von Matisse, die zwar relativ klein sind, aber so stark, dass sie eine Wand für sich brauchen“, sagt Zamani.

Testen von Farbtafeln für die Wandfarben in den verschiedenen Kabinetten

Natürlich bestimmt die Auswahl und Zusage dann auch die Ausstellungskonzeption. „Deswegen haben wir zum Beispiel für die thematisch aufbereiteten Kabinette neutrale Farben in zartem Grauton als Hintergrundfarben gewählt. Denn die Farbigkeit der Malerei soll darauf besonders zum Ausdruck kommen.“ Wichtig erschien es ihnen auch,  die  Dialogstruktur in der Städel-Ausstellung durchgängig erkennbar zu machen.

Bereichert wird die Schau durch eine Reihe von Werken des französischen Fotografen Henri Cartier-Bresson, der beide Maler in ihren Häusern in Südfrankreich besuchte und sie in seinen legendären Schwarzweiß-Aufnahmen verewigte. Er hatte beide Künstler an zwei aufeinanderfolgenden Tagen in Nizza und Le Cannet besucht. „Da war innerhalb von zwei Tagen eine Fotoserie entstanden, welche die beiden Künstler ausdrucksvoll darstellt. So sieht man etwa Matisse, wie er ein schönes Modell im Pelzmantel malt, überhaupt auch seine luxuriöse Behausung im Hotel Régina in Nizza und die Villa „Le Rêve“ bei Vence, während es bei Bonnard auf dem Hügel in Le Cannet wesentlich rustikaler und bescheidener zugeht.“ Diese Fotos werden im Halbrund  im unteren Teil des Peichel-Baus mit 18 Schwarz-weiß-Fotografien den Auftakt bilden, bevor man in die Welt der Malerei eintaucht.

„Wir wollten eben die sehr unterschiedlichen Künstlerpersönlichkeiten darstellen, die letztlich auch einen Einfluss auf ihre Kunst hatte“, kommentiert Zamani und weiter: „Dann wird es Wände geben, wo wir sehr plakative Dialogpaare haben. In anderen Räumen wiederum hängen keine Gemälde, sondern Fotografie und Grafik. Manchmal vermischen sich die Farben. Im Obergeschoss werden ganz prominent nur die beiden Bilder Henri Matisse, Großer liegender Akt (Grand Nu couché) von 1935 aus dem Baltimore Museum of Art 
und Pierre Bonnards Liegender Akt auf weißblau kariertem Grund um 1909 aus dem 
Städel hängen, zusammen mit einem weiteren Werk von Bonnard, das sehr ähnlich ist, „um dem Besucher ein ganz besonderes Dialogerlebnis zu vermitteln“. Die beiden Bilder markieren übrigens auch die Vorder- und Rückseite des Katalogs.

Kaum zu glauben, was der Perfektion einer Ausstellung vorausgeht: Zamani erläutert das erste provisorische Modell für die Raumkonzeption und Hängung der Bilder, die sich noch ständig verändern kann

„Dann wiederum haben wir Räume gebaut, in denen keine Gemälde hängen, sondern nur Fotografien und Grafik. Und wenn man die Maler nicht kennt, dann könnte man fast den Eindruck gewinnen, die Grafiken könnte vom selben Maler sein. Und in anderen Räumen wiederum ging es uns um die Atmosphäre. In einem weiteren Kabinett wiederum werden Intérieurs gegenübergestellt und zwei Fensterbilder. Über die geöffneten Fenster läuft der Besucher dann geradewegs in die Landschaft hinein. Die Landschaft wiederum führt dann zu den Stillleben. Es folgen Akte und dann die Gegenüberstellung der beiden.“

Prominente Hauptzitate aus dem Briefwechsel werden den Besucher mit Bonnards Auffassung zur Kunst vertraut machen. Da vor allem Matisse sich theoretisch äußerte, kommt das künstlerische Anliegen den Besuchern so viel näher. „Das Schwebende, das bei Bonnard in der Darstellung von Tischen und Decken zum Ausdruck kommt“ zu zeigen sowie den für die Moderne so wichtigen „dräuenden Unterton“, daran vor allem lag den Kuratoren viel.

Warum Bonnard als Schlusslicht des Impressionismus und Matisse als Vorreiter der Moderne gilt, das jedenfalls soll durch die konkreten  künstlerischen Beispiele konterkariert werden. Außerdem werden auch ästhetische Ähnlichkeiten sichtbar werden. Bei den zahlreichen gegenseitigen Atelierbesuchen in Südfrankreich haben beide Maler schließlich voneinander gelernt. Diese Wechselwirkung demnächst im Städel in Augenschein zu nehmen, wird sicher für manch freudige Überraschung sorgen.

 

Mit jungen Flüchtlingsfrauen im Dom und Dommuseum und ein Porträt der Gründerin Nadia Qani

2017, August 15.

Der  Verein ZAN – die Hilfsorganisation zur Förderung der Rechte afghanischer Frauen e.V. in Frankfurt

Text und Fotos Renate Feyerbacher

Gespannt lauschen die jungen Frauen den Erklärungen der Führerin im Dom

„Die Frauen wollen lernen. Wir wollen, das ist unser ganzes Bemühen, den Frauen zeigen, in welcher Stadt sie leben. Wenn sie auch abgeschoben werden sollten, so haben sie Deutsch gelernt und die Stadt Frankfurt mit dem gesamten Kulturangebot kennengelernt. Aber wenn sie hier bleiben, einen Job gefunden haben, dann wissen sie, wo sie leben“, erklärt die Deutsche, in Kabul geborene Nadia Qani, Gründerin von ZAN e.V. (eine Hilfsorganisation zur Förderung der Rechte Afghanischer Frauen) ihr Konzept.

Nadia Qani engagiert sich für die Flüchtlingsfrauen

Eine gute, eine stimmige Idee. Nach der europäischen Kunstbewegung, die Neues ausprobieren wollte, nennt sich das Projekt DADA, also Aufbruch. Zwei Gruppen à 12 Frauen über 25 Jahre, deren Asylantrag noch nicht anerkannt wurde und die nach Frankfurt geschickt wurden, profitieren von DADA. Diese Frauen haben nämlich keinen Zugang zu Integrationskursen. Ihr Ziel ist die Vorbereitung auf den Arbeitsmarkt und die Vermittlung von weiterführenden integrierenden Schritten, wenn es mit der Anerkennung des Asylantrags denn klappen sollte. Das Modellprojekt wird von der Stadt Frankfurt unterstützt. Natürlich sind es nicht diese wenigen Frauen, die ZAN aufsuchen, sondern um die 150, die ohne Termine kommen. Außerdem kommen mittlerweile 45 Frauen und Männer zur Musiktrauma-Therapie.

Schon zweimal wurde im Hafen 2 – dort stellte der Süßwasserverein seine Räume zur Verfügung – ein großes Fest gefeiert. Am 18. März 2017 kamen etwa 2000 afghanische, syrische, iranische, kurdische und türkische Menschen, manche sogar aus München und Berlin. Vier Gruppen machten Musik. Das Essen war unentgeltlich. Das gelungene Fest hat seinen Preis. Der Verein wünscht sich, für solche aufwändige Projekte mehr Unterstützung durch die Stadt zu bekommen. Das jedenfalls ist auch Nadia Qanis Wunsch.

Im Haus am Dom. Im Hintergrund ein Portrait von Nadia Qani

Das DADA-Projekt – unterwegs mit den Frauen

Die Frauen des DADA-Projekts haben eine normale Schulbildung, einige von ihnen haben das Abitur, fünf haben studiert, z.B. fünf Semester Chemie, eine ist Geographie-Lehrerin, eine andere wurde in der Polizeischule in Kabul ausgebildet und arbeitete als Krankenschwester. Die Sprachschule findet täglich von 9 bis 12.30 Uhr statt. Die Frauen investieren viel Geld, um voran zu kommen und besuchen auch andere Sprachkurse. Außerdem lernen sie, mit dem Computer umzugehen.

Jeden Mittag wird gekocht. Der Nähmaschinenkurs muss leider ausfallen, da er mit zwei Maschinen für zwölf Kursteilnehmerinnen nicht möglich ist. Dass sie nähen können, wäre aber hilfreich, vor allem, wenn sie wieder in ihr Land zurückkehren müssten. Für die Anschaffung weiterer Nähmaschinen fehlt dem Verein jedoch das Geld.

Alles wird den Frauen beigebracht: Tischmanieren, wie man mit Messer und Gabel isst und wie man sich schminkt. „Viele dieser Frauen glauben: je mehr Schminke desto besser. Denen müssen wir zeigen, dass manchmal weniger mehr ist. Auch über angemessene Kleidung wird gesprochen“, betont Nadia Qani. Begeistert ist sie, dass die afghanischen Männer ihre Frauen unterstützen, indem sie auf die Kinder aufpassen, putzen und ihnen auch andere Arbeiten abnehmen.

Regelmäßig  werden mit den DADA-Frauen Stadtausflüge organisiert. So wurde ich eingeladen, die Frauen bei ihrer Exkursion ins Dommuseum und in den Dom zu begleiten. Bevor es losging, haben wir gemeinsam in der Küche des Vereins ZAN in der Eckenheimer Landstrasse gegessen. Die Frauen hatten selbst gekocht. Sehr köstlich!  Die Frauen, mit denen ich am Tisch sitze, sind bereit, offen mit mir zu reden. Eine der jungen Frauen erzählt mir stolz , dass sie nun eine Brille besitze. Sie ist übrigens die Einzige, die kein schwarzes, sondern ein farbiges Kopftuch trägt und hell gekleidet ist.

Nach dem Essen kommen weitere Frauen – teils ohne Kopftuch – hinzu. Es sind schließlich elf. Gemeinsam fahren wir mit der U-Bahn zur Konstabler Wache, um zu Fuß den Dombereich zu erreichen. Einige bitten darum, nicht fotografiert zu werden, einige sind verschlossen. Aber wer weiß schon, was sie mitgemacht haben?

„Mehrere dieser Frauen waren als Flüchtlinge im Iran, in Pakistan und in der Türkei. Sie haben wie der letzte Dreck in diesen Ländern gelebt“, kommentiert Nadia Qani das. Eine der Frauen, die Krankenschwester, zeigt mir die Verletzungen in ihrem Gesicht, die ihr die Taliban zugefügt haben. Das Auge ist betroffen und müsste behandelt werden.

Exkursion der jungen Frauen ins Dommuseum. Respektvoll betrachten sie die christlichen Kostbarkeiten, stellen viele Fragen.

Nach der Herrschaft der Taliban (1996 bis 2001) durften die Mädchen und Frauen zwar wieder zur Schule gehen und arbeiten, aber das Haus nur mit Burka verlassen. Nach wie vor entscheiden die Männer, wie sie sich zu verhalten haben und was ihrer Meinung nach moralisch ist. Ein selbstbestimmtes Leben wird den Afghaninnen nicht zugestanden. Gleichberechtigung steht nur auf dem Papier, die Gewalt gegenüber Frauen ist an der Tagesordnung.

Die Situation hat sich in den letzten Monaten für alle Afghanen dramatisch zugespitzt. Taliban und Warlords beherrschen das Land mit ihren Attentaten. Die UNO meldet, dass im 1. Halbjahr 2017  etwa 150.000 Afghanen aus dem Land flohen. Das hat die Bundesregierung bewogen, die Abschiebungen zu stoppen. Für wie lange, ist fraglich. Die Attentate häufen sich. 2016 lebten etwa 250.000 Afghanen in Deutschland. Derzeit kommen ständig welche hinzu.

 

Die Gründerin Nadia Qani

Das persische Wort ZAN bedeutet ‚Frau‘. In Kabul wurde in diesem Jahr der gleichnamige Frauensender ZAN TV gegründet.

Nadia Qani, die Gründerin des Vereins ZAN in Frankfurt, ist selbst Flüchtling, wenngleich sie schon seit etlichen Jahren in Frankfurt lebt. Sie weiß, was die Frauen, die sich ZAN anvertrauen, mitgemacht haben. Als junge Frau musste sie aus ihrem Land fliehen. Sie war emanzipiert, arbeitete als Chefsekretärin im afghanischen Wirtschaftsministerium und danach als Lehrerin. Außerdem war sie mit einem betuchten Mann aus besten Verhältnissen verheiratet und daher privilegiert.

Kurz vor der russischen Invasion im Dezember 1979 floh der Ehemann dann alleine nach Europa, zunächst nach Frankreich, dann nach Deutschland. In der Firma hatte ihn ein Freund vor seiner bevorstehenden Verhaftung gewarnt. Der junge links orientierte Jamil, der kein Kommunist war, hatte zusammen mit seiner Frau gegen die diktatorische Herrschaft protestiert.

Nadia Qani entschloss sich ebenfalls, bald ihre Heimatstadt Kabul zu verlassen. Das war am 20. Mai 1980. Mit anderen  floh sie zunächst nach Pakistan, schaffte es, mit gefälschten Papieren in ein Flugzeug nach London mit Zwischenstopp in Frankfurt zu gelangen, wo ihr Mann sie erwartete. In Frankfurt durfte sie aber das Flugzeug nicht verlassen, weil das Visum auf Großbritannien ausgestellt war. In London erkannte der Beamte aber sofort, dass ihr Pass gefälscht war, die Abschiebung nach Pakistan drohte. Dann erschienen, mobilisiert von ihrem Mann Jamil, zwei Damen der englischen Sektion von Amnesty International und  und besorgten ihr schließlich ein Visum für Deutschland. Die dramatische Flucht schildert Nadia Qani in dem Buch “Ich bin eine Deutsche aus Afghanistan – von der Drachenläuferin zur Unternehmerin“, an dem die Lektorin Doris Mendlewitsch mitarbeitete.

In Deutschland erwarteten die Frau, die in Afghanistan vornehm gewohnt hatte, desolate Asylantenheime. Ihr erster Sohn wurde 1981 in Frankfurt geboren, da war Nadia Qani gerade mal 21 Jahre alt. 1988 bekam sie ihren zweiten Sohn. Durch Putzarbeiten verdiente sie Geld, so dass die erste eigene Wohnung in Bonames bezogen werden konnte. Ihr Mann, in Afghanistan einst Direktor einer Zuckerfabrik, schaffte es nach verschiedenen Anläufen zum Laboranten. Nadia Qani schuftete, hatte mehrere Jobs, gründete einen Ambulanten Häuslichen Pflegedienst (AHP), der 2008 als Bester Arbeitgeber ausgezeichnet wurde.

Nach 23 Jahren, das war im Jahr 2000, zerbrach ihre Ehe und Nadia Qani versank so tief in einen „Sumpf „aus Depression und Alkohol, „so dass ich beinahe nicht mehr da herausgekommen wäre“. Unvorstellbar, dass diese aktive emanzipierte Frau in eine solche Krise geraten konnte! Sie, die heute Unternehmerin ist, ist inzwischen wieder selbstbewusst, packt an und unterstützt andere.

Eine Freundin und die Arbeit bei ZAN halfen ihr damals aus dem Sumpf. Es war 1996, als sie mit afghanischen und deutschen Frauen die Idee hatte, ZAN, die Hilfsorganisation zur Förderung der Rechte afghanischer Frauen e.V., zu gründen. 2001 war es dann soweit. Der Verein war gegründet. Ein fast symbolisches Jahr. Zur Erinnerung: Am 11. September 2001 zerstörten Terroristen die Türme des World Trade Centers in New York. ZAN machte nur wenig später, am 5. Februar 2002, in der Frankfurter Stadtbücherei durch die eindrucksvolle Ausstellung mit 130 großformatigen Fotos zur Situation afghanischer Frauen und Kinder auf sich aufmerksam. Neun Jahre später wurden Fotos von Steve McCurry erneut im English Theatre gezeigt.

Unter den Exponaten war auch das Foto eines zwölfjährigen afghanischen Flüchtlingsmädchens mit grünen Augen und angstvollem Blick, das Weltruhm erlangte. Der Fotograf Steve McCurry fotografierte es 1984 in einem pakistanischen Flüchtlingscamp. Nach 18 Jahren hat er dieses Mädchen, inzwischen eine junge Frau, ausfindig gemacht.

Unsere Autorin Renate Feyerbacher, links im Bild in der Ausstellung von Steve McCurry; Foto: Reza Shirmohammadi 

Immer wieder bereist McCurry Afghanistan, von dem er fasziniert ist – zuletzt 2016. Er erzählt in einem Gespräch, dass er sich frei bewegen konnte. Jedoch war ihm immer bewusst, dass die meisten Regionen unsicher sind und die Möglichkeit groß, dass einem etwas passiert. (Steve McCurry: „Afghanistan“ , Taschen-Verlag)

Die Aufmerksamkeit, die aufgrund der Ausstellung Nadia Qani und der Gruppe ZAN entgegen gebracht wurde, schürte bei Afghanen hier wie dort, Misstrauen. Es gab Drohanrufe und Briefe, in denen ihr vorgeworfen wurde, Geld einzusammeln, um afghanische Frauen gegen ihre Männer aufzuwiegeln, beziehungsweise das Geld, das ihr gespendet wurde, für sich zu behalten.

Seit 1999 ist Nadia Qani Deutsche. Eine „Musterdeutsche“ nennt sie sich, „nicht blond und hell, sondern mit dunkler Haut, schwarzem Haar und dunkelbraunen, fast schwarzen Augen“ – eine schöne Frau, die aufgrund ihrer Andersartigkeit hier oft bedroht, angepöbelt und sogar körperlich attackiert wurde.„Ich bin sogar so deutsch, dass ich 2005  ,Frankfurterin des Jahres‘ wurde und in Berlin das Bundesverdienstkreuz am Bande erhielt.“ Ein Wermutstropfen: „Ich bin nie mehr nach Afghanistan zurückgekehrt.“ Sie wollte es zwar, aber es war und ist nach wie vor politisch zu gefährlich für sie.

 

Das Schloss Clos Lucé, Leonardo da Vinci und Gonzague Saint Bris, der Dandy der Literatur

2017, August 10.

Der französische Autor, Historiker und Journalist Gonzague Saint Bris (1948-2017) ist auf dem Manoir Clos Lucé aufgewachsen, etwa 500 Meter entfernt vom Loireschloss Amboise, der „Wiege der Renaissance in Frankreich“,  zu dem eine unterirdische Verbindung besteht. Hier verbrachte auch Leonardo da Vinci, das toskanische Universalgenie, bis 1519 die letzten drei Jahre seines Lebens. Heute ist das Haus ein Museum, in dem man sowohl die Fresken des Malers als auch Modelle nach seinen Erfindungen und Entwürfen finden kann.

Von Petra Kammann

Typisch für den Baustil der Renaissance: das Schloss Clos Lucé aus zartrotem Backstein mit Sandsteineinfassungen  

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Das New Yorker Lincoln Center Festival: Theaterschwerpunkt auf Kompanien aus dem Nahen Osten

2017, August 2.

Das Lincoln Center Festival in New York gibt es seit nunmehr 50 Jahren. Es zeigt herausragende Produktionen aus Tanz, Theater und Musik. In diesem Jahr hat das Festival seinen Theaterschwerpunkt auf Kompanien aus dem Nahen Osten gelegt. Künstler aus Israel, aus dem Maghreb, aus Syrien sind zu Gast.

Ein Beitrag aus New York von

Simone Hamm

In „To The End of The Land“:  Efrat Ben Zur und Dror, Performance Images_credit Stephanie Berger 

Aus Israel kommt „To the End of the Land“. 60 amerikanische Künstler hatten gegen die Gemeinschaftsproduktion des Ha`Bima National Theaters und des Cameri Theaters protestiert – sie wollten das Stück boykottieren und trafen damit die Falschen. Der israelische Schriftsteller David Grossman, dessen Roman die Vorlage für das Theaterstück bildete, ist Friedensaktivist. Noch während David Grossmann an seinem Roman „To the End of the Land“ – „Eine Frau flieht vor einer Nachricht“ arbeitete, starb sein Sohn bei einem Militäreinsatz im Libanon.

„To the end of the Land“ ist eine kritische Auseinandersetzung mit der israelischen Politik. Denn selbst eine Liebesgeschichte kann in Tel Aviv nicht völlig unpolitisch sein.

„To The End of The Land“ Dror Kern und Amnon Wolf, Foto: Gérard Allon

Ein junger Mann meldet sich freiwillig zu einem Militäreinsatz im Westjordanland. Seine Mutter befürchtet, dass ihr Sohn fallen wird. Diese Nachricht will sie nicht hören. Sie flieht, macht sich mit ihrem Geliebten auf in die Berge. Hanan Snir hat nun den Roman „To the end of the Land“ fürs Theater adaptiert.

David Grossman ist nach New York gekommen, um seine Geschichte im Theater zu erleben, die Geschichte von einer Frau, die verzweifelt versucht, so etwas wie Normalität oder gar Privatheit im Krieg herzustellen. David Grossmann sagt, er wolle mit seiner Protagonistin eine Frau darstellen, welche die zerbrechliche Realität einer Familie schaffen wolle – und das inmitten von Gewalt und Brutalität. Er wollte die Intimität einer Familie, die Zärtlichkeit der Beziehung zwischen Brüdern, zwischen Mann und Frau zeigen.

Reham Kassar and Mohammad Alrefai, Foto: Stavros Habakis

Auch das syrische Stück: „While I was waiting“ von Mohammad al Attar ist im privaten Bereich angesiedelt. Ein junger Mann liegt in einem Krankenhausbett. Seine Mutter sitzt neben ihm. Taim ist an einem Checkpoint von syrischen Geheimpolizisten ins Koma geprügelt worden.

Das Koma, so der Autor Mohammad al Attar, sei eine brillante Metapher für Syrien. Denn das Syrien von heute liege in einer Grauzone zwischen Leben und Tod. Zwischen Hoffnung und Verzweiflung. Zwischen Agonie und einer bitteren Zukunft.

Taims Schwester, seine Freundin, ein Freund kommen zu Besuch. Dann klettert Taim auf ein Gerüst. Von dort beobachtet er – zusammen mit einem anderen Folteropfer, einem DJ, die Szene. Das wirkt sehr eindrücklich, bisweilen geradezu gespenstisch.

Der syrische Regisseur Omar Abusaada

In „While I was waiting“ läßt Regisseur Omar Abusaada alle Akteure ständig auf der Bühne und damit will er das Thema „Überwachung“ in Syrien ansprechen. In diesem Stück beachtet jeder jeden.

In Rückblenden wird die Geschichte von Taim erzählt, er ist Filmemacher. Der Syrienkrieg beherrscht das Leben der Protagonisten. Dokumentarfilmaufnahmen von Demonstrationen in Damaskus werden gezeigt. Die ultimativen Fragen sind: Ins Exil gehen? Bleiben? Theater spielen oder Filme machen?

Doch Al Attar zeigt keine Kriegsgräuel. Sein Syrien ist ein anderes Syrien als das, was da täglich via CNN oder über die Tagesschau in die Wohnzimmer flimmert. Er zeigt eine ganz und gar durchschnittliche Mittelstandsfamilie mit ganz normalen Wünschen und Sorgen: eine unglückliche Ehefrau, eine aufmüpfige Tochter, einen Sohn, der noch nicht so genau weiß, was er will und das Elternhaus flieht, einen Joint rauchenden Freund. In den Zeiten des Krieges ist diese „Normalität“ beeindruckend. Die Schauspieler stellen sie ganz behutsam dar. Bisweilen treten sie geradezu lässig auf, bisweilen gedankenverloren.

Es hat jedoch lange gedauert, bis die Schauspieler ihre Einreisegenehmigung erhalten haben. Einige von ihnen leben schon länger in Europa, andere im Libanon, der Autor des Stückes Mohammad al Attar in Berlin, während der Regisseur Omar Abusaada in Damaskus geblieben ist. Dem Lichtdesigner wurde es ohne Angabe von Gründen nicht gestattet, in die USA zu kommen. Trumps neues Einwanderungsgesetz zeigt bereits Wirkung.

Autor Mohammad al Attar kritisiert, dass bei der Berichterstattung über Syrien das ganz normale Leben der Syrier kaum Beachtung findet. Er aber will betonen, dass Syrer nicht nur Opfer, Flüchtlinge, Kämpfer, Warlords, Terroristen, Waisenkinder sind. Sie sind zuallererst einmal Menschen.

Mohammad al Attar hat mit „While I was waiting“ auch ein Drama über das Scheitern geschrieben. Dem Scheitern des Staates Syrien, dem Scheitern der Opposition, dem Scheitern einer Familie. Die Bühnenfigur Taim ist ohne Hoffnung. Seine Familie hingegen versucht, Momente der Hoffnung zu finden in dieser überwältigenden Agonie der Dunkelheit – Menschen, die im dunklen Walde pfeifen.

Anders kann man offenbar in Syrien nicht leben. Das zeigen Mohammad al Attar, Omar Abusaada und das Ensemble von „While I was waiting“ auf höchst eindrückliche Weise.

Alle Fotos wurden großzügigerweise vom Lincoln Center Festival zur Verfügung gestellt. 

Schätze im Musée d‘ Arts in Nantes (2)

2017, Juli 29.

Einladung zu einer Zeitreise durch das Museum

Text und Fotos: Petra Kammann

Einladend die bewegliche Lichtplastik von Dominique Blais vor dem Museum ©D.Blais, „Sans titre“

Text und Fotos: Petra Kammann

Ende Juni eröffnete das ehemalige Musée des Beaux-Arts in Nantes, eines der größten französischen Kunstmuseen, nach einer mehrere Jahre andauernden Renovierung und Erweiterung unter dem neuen Namen Musée d’arts de Nantes seine Türen. Der im Herzen von Nantes gelegene typische Beaux-Arts-Palais aus dem 19. Jahrhundert und eine bereits im 17. Jahrhundert erbaute Kapelle, die nun miteinander verbunden wurden –, repräsentieren den tradierten Bürgerstolz der Stadtbewohner. Die wertvolle und erweiterte Sammlung ist nun sowohl  für die Bewohner wie für die Besucher der Stadt ein neuer Anziehungspunkt. Die auf das Gebäude fein abgestimmte Museografie der Sammlung wie auch das umfangreiche Educationprogramm sollen fortan auch für die demokratische Öffnung des Museums stehen.

Die Architektur ist inspiriert vom Ort, den Materialien und vom Licht. Der historische Teil ist in dem für Nantes so charakteristischen  Tuffstein gehalten und strahlt nun Helligkeit und Frische aus. Aufgang in die erste Etage des durch das Londoner Büro Stanton Williams renovierten Museums

„Kultur ist kein Luxus, es ist eine dringende Notwendigkeit und die Basis für alles“. Als die neue französische Kulturministerin Françoise Nyssen das renovierte und erweiterte Kunstmuseum in Nantes mit diesen Worten  eröffnete, stand dahinter ein ganzes Programm. Ihre Aussage bezog sich zweifellos auf das vorbildliche Beispiel der kunstaffinen Stadt, die ihrer Meinung nach nicht nur Strahlkraft besitzt, sondern auch Zusammenhalt stiftet: das soll es sowohl für die Besucher wie auch für die Nantaiser,  welche schon lange nicht mehr die Kunstwerke des einstigen Musée des Beaux Arts gesehen hatten. Es sollte eine Art Renaissance und Wiedererweckung der Wahrnehmung werden und der Beginn eines Gesprächs darüber, was die Dinge im Innersten zusammenhält. Denn nicht allein der Bau ist frisch. Die Kunstwerke  – darunter auch einige restaurierte – sind in neue thematische Zusammenhänge gestellt worden, was auch einem größeren Publikum den Zugang zu neuen wie zu den älteren Kunstwerken erleichtern wird.

Der Rundgang des 1801 von Napoleon gegründeten Museums, in dem schon früh gesammelt wurde, ist zunächst einmal chronologisch angelegt, wird an den verschiedensten Stellen immer wieder thematisch verknüpft und lässt Sprünge zu. Im Erdgeschoss des einstigen Palais können die Besucher die Meisterwerke vergangener Jahrhunderte, angefangen mit der italienischen Malerei aus dem 13. Jahrhundert, wiedersehen oder entdecken – je nach Ausgangslage.

↑ Die frühe italienische Kunst wird effektvoll auf blauem Hintergrund präsentiert, so dass der Betrachter thematische wie stilistische Eigenschaften und Parallelen erkennen kann

Hier wurde in einem Gang die flämische Malerei des Goldenen Zeitalters zusammenfassend präsentiert – mit der Entdeckung des Innenraums und der Landschaftsmalerei (darunter auch ein Jan Breughel) sowie Stilleben 

Etwa die Hälfte der im Erdgeschoss ausgestellten Kunstwerke stammen aus der Zeit bis ca. 1900, darunter einige künstlerische Leuchttürme aus der italienischen Renaissance wie Peruginos „Der Hl. Sebastian und der Hl. Franziskus“, Orazio Genitleschis „Diana, Göttin der Jagd“ aus dem 17. Jahrhundert, aus demselben Jahrhundert auch „Der Engel erscheint dem Hl. Joseph im Traum“ von Georges de La Tour, dem französischen Maler des Clair-obscur, dann das geheimnisvolle „Portrait der Madame de Senonnes“ von Jean-Auguste-Dominique Ingres und Jean-Antoine Watteaus „L‘ Arlequin empéreur dans la lune“ aus dem 18. Jahrhundert.

Klar strukturiert und gegliedert für die Säle sind jeweils die italienische, flämische und niederländische und französische Schule zwischen dem 13. und 18. Jahrhundert. Für die großformatigen Werke des 17. Jahrhundert, etwa denen von Rubens, ist viel Umraum geschaffen. Ein weiterer neuer Saal ist den antikisierierenden Statuen der „Musée-école“ von Clisson, einem italianisierten Ort in der Nähe von Nantes, gewidmet.

Ein Saal mit den kopierten antiken Skulpturen

In der Kunst des 19. Jahrhunderts, die vorzugsweise in der ersten Etage präsentiert wird, wurde die damals trendige Kunst aus Paris vom Museum gesammelt wie die Vertreter der Schule von Barbizon, aber auch großformatige Genreszenen. Nach und nach setzte man sich in der Sammlung kritisch mit dem Akademismus auseinander, zunächst mit dem eskapistischen Orientalismus wie bei Delacroix und Gustave Doré. Heute wird Jean-Auguste-Dominique Ingres Werk „Madame de Sennonnes“ von 1814 im Museum einem zeitgenössischen Werk von Sigmar Polke gegenübergestellt.

Im ersten Stock dann sind im Wesentlichen Werke zwischen dem 19. und dem beginnenden 20. Jahrhundert bis zur klassischen Moderne wie etwa Delacroix, Courbets „Cribleuses de blé“ („Die Kornsieberinnen“), Ingres zu erleben. Mit Claude Monets gelbgrünlichen „Nymphéas à Giverny“ („Seerosen aus Giverny“) , Kandinskys „Schwarzer Raster“ , den Photographien der surrealistischen Nantaiser Künstlerin Claude Cahun und mit Chaissac ist der Beginn der Moderne unübersehbar.

Monet, der dem Museum in Nantes 1922 bereits eines seiner Tableaus vermacht hatte, verweist mit seiner die Konturen auflösenden Malerei unaufhaltsam auf die neue Ausdruckskunst. Das betraf auch die Bildhauerei. Und so erscheint die Einrichtung eines Monet-Rodin-Saals sehr schlüssig. Und es war sicher ein geschickter Schachzug der Nantaisaer Museumsleiterin Sophie Lévy, dem Rodin-Museum in Paris einen konstruktiven Vorschlag zu machen. Dort lagerte nämlich im Depot das unrestaurierte  Gipsmodell der eindrucksvollen Skulptur „Les trois ombres“ („Die drei Schatten“) von Auguste Rodin (1840 – 1917).

Das Museum in Nantes schlug nun im Rahmen der Restaurierungsmaßnahmen vor, auch dieses für die Moderne so bedeutende Werk sorgfältig wieder aufzuarbeiten, geknüpft an die Bedingung, dass es dann auch für einen längeren Zeitraum in Nantes bleiben könne. „Die drei Schatten“ stellen die verdammten Seelen am Eingang der Hölle dar. Diese Szene aus dem „Inferno“ von Dantes „Göttlicher Komödie“ hatte den Bildhauer besonders fasziniert.

Imposant in Szene gesetzt: „Les trois ombres“ am Eingang zur Hölle, von Auguste Rodin , Foto: Petra Kammann (©Musée d’Arts de Nantes) 

Das gewaltige, 2 Meter hohe und 800 kg schwere Gipsmodell wird nun hier den berühmten „Seerosen aus Giverny“ von Claude Monet (1840 – 1926) gegenübergestellt.  Denn die beiden Künstler verband eine bewegende persönliche wie auch künstlerische   Freundschaft. Beider Werke waren auch schon 1889 in Paris zusammen ausgestellt worden und seinerzeit gemeinsam gegen die gängige Meinung der Akademie von den Kritikern Oktave Mirbeau und Gustave Geffroye  verteidigt worden.

Einleuchtend erscheint daher nicht nur die Sichtbeziehung zwischen dem starken Bildhauer und dem impressionistischen Maler als Marksteine der Moderne, sondern auch der Dialog zweier verschiedener Genres miteinander, die dem Publikum nicht so vertraut sind. So stehen im Monet-Rodin-Saal dann auch Monets „Gondoles à Venise“ aus dem Jahre 1908 und die „Seerosen“ aus dem Jahre 1917 neben Rodins Büsten von Jules Salou, Jean-Paul Laurens, Victor Hugo und Gustave Geffroye ebenbürtig Seite an Seite.

Außerdem hat das Pariser Rodin-Museum wegen dieser konzeptionellen Verbindung beider Künstlerpioniere großzügigerweise neben dem Gipsmodell auch noch die Bronzeplastik „La mort d’Adonis“ („Tod des Adonis“) und den Gips „La main crispée“ („Die angespannte Hand“) aus dem Ensemble „Die Bürger von Calais“  dem Museum zur Verfügung gestellt.

Aber auch andere Nationalmuseen haben das Ihre dazu getan, um die hier aufgezeigte und ablesbare künstlerische Entwicklung zu unterstützen: der Louvre mit dem Selbstporträt von Nicolas Poussin und „Le jeune martyre“ von Paul Delaroche, dann das Musée d’Orsay mit Pierre Bonnards „Marine à Arcachon“ sowie mit Gemälden von Félix Valloton und Edouard Vuillard und weiterer Bilder von Manet.

Das Centre Pompidou stellte dem Museum für die nächsten drei Jahre Werke von Max Ernst, Francis Picabia und Jean Arp zur Verfügung, weil sich in Nantes im 20. Jahrhundert mit Yves Tanguy, André Masson, Claude Zaun, Wilfredo Kam oder auch Matta ein surrealistischer Schwerpunkt herausgebildet hat und dieser sich für die Ausstellung anbot. Die surrealistischen Werken werden denen von Jean Dubuffet und Gaston Choissac gegenübergestellt.

Die Strömungen des 20. Jahrhunderts, repräsentiert etwa durch Auguste Herbin und Georges Vantangerloo, sind gruppiert um ein Ensemble von 11 Kandinsky-Werken aus der Zeit seines Wirkens am Bauhaus zwischen 1922 und 1933. Es folgen in der großen Galerie die Werke der abstrakten Kunst nach 1945 mit einem sehr expressiv- dynamischen Bild von Pierre Soulages, Werken von Roger Bissière, Hans Hartung und einiger Op-Art-Künstler wie Victor Vasarély sowie François Morellet.

Blick in den Saal der Kunst nach 1945, der Luft und Licht atmet

Im zweiten Stock und im sogenannten Cube, dem Neubau, geht es dann unmittelbar in die Jetztzeit und in die damit verbundene zeitgenössische Kunst mit den neuen Realisten, den Künstlern der Arte Povera und den Pionieren der Videokunst. Seit 2011 hat das Museum insgesamt 185 meist hochkarätige neue Arbeiten erworben, wie zum Beispiel Duane Hansons realistisches Environment „Fleamarket-Lady“ was deutlich zeigt, dass den Nantaisern besonders an der Teilhabe der Zeitgenossenschaft liegt, die den Anschluss an die internationale Kunstszene nicht verschlafen hat.

Bill Violas eindrucksvolles Video „Nantes Triptych“– eine archetypische Allegorie von Geburt und Tod – ist bis zum 18. März 2018 in der Chapelle de l’Oratoire zu sehen

Die komplett renovierte Kapelle aus dem 17. Jahrhundert, die seit 1952 unter Denkmalschutz steht und die einst dem Gebet gewidmet war, ist vollständig den zeitgenössischen Videoinstallationen vorbehalten und löst nun andere Nachdenklichkeit aus. Dort ist bis 2018 das Video „Nantes Triptych“ des amerikanischen Künstlers Bill Viola zu sehen ist.

Da sind in der dunklen Kapelle drei Bildschirme parallel geschaltet, auf denen man unmittelbar und simultan die Szenen von Geburt und Tod verfolgen kann: den Prozess einer realen Geburt zur Linken, eines Menschen unter Wasser schnorchelnden Mannes in der Mitte und dem allmählichen Tod einer alten Frau – für den New Yorker Künstler eine Allegorie des Lebenszyklus‘, von der Geburt, zur Wiedergeburt bis hin zum Tod  – einsichtig für jedermann.

→ Das Musée d’Arts de Nantes und eine filgrane Installation von Susanne Fritscher

→ Die Passage Pommeraye: Ein magisch-nostalgischer Ort in Nantes
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→ Nantes – Reise in die innovative Stadt“>Voyage à Nantes – Reise in die innovative Stadt