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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Alle Artikel zu Kultur Frankfurt

Line Krom: „Cutting Back to Look Better“ – Installation im Frankfurter Ausstellungsraum Becker

2017, April 28.

Von Erhard Metz

Sparen ist angesagt – koste es, was es wolle. Auch wenn aktuell manche Kommunal- oder Länderhaushalte und auch der Bundeshaushalt nach der Einnahmen-Ausgaben-Rechnung relevante Überschüsse erwirtschaften, wie es derzeit der Fall ist.

Sparen ist angesagt – in einem so „reichen Land“ wie Deutschland, nicht dort, wo es um Agglomeration und Vermehrung privater Vermögen geht (wie sie der jüngst erschienene „Fünfte Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung (5. ARB) ‚Lebenslagen in Deutschland‘ “ dokumentiert), sondern um öffentliche Haushalte. Und was geschieht, wenn dort – vermeintlich oder tatsächlich – gespart werden muß? Der Rotstift wird angesetzt. Und wo? Zu allererst bei der Kultur, wie seit jeher schon Beobachtungen und Analysen belegen. Und was ist Kultur? Bildende, darstellende Künste allemal.

Ein heikles Thema, (polit)parteilich umstritten. Die Frankfurter Künstlerin Line Krom nimmt sich ihm an. Nicht mit Verbalattacken, sondern auf leise und sanfte Weise, auf bildend-künstlerischen Pfaden, sublim eben und doch beredt und erkennbar jedem, der sich auf ihre Arbeiten einlässt, die derzeit in einer installativen Ausstellung in der Frankfurter (Zimmer-)Galerie Ralf Becker zu sehen sind.

Hier überzeugt uns wieder einmal konzeptuelle Kunst, wo – und weil! – sie sich nicht auf verschrobene und ins künstlerische „Wolkenkuckucksheim“ verschobene Ideen kapriziert, sondern mit sehr viel Wahrnehmbarkeit und großer Sinnlichkeit gepaart ist. Gepaart zumal auch mit einem rechten Maß an Süffisanz wie zugleich humorvoll vorgetragener Kritik am vorherrschenden Kulturbetrieb, was den Kunstgenuß vollkommnet, wenn nicht gar erst ermöglicht. Line Krom ist mit „Cutting Back to Look Better“ ein veritabel geglücktes Beispiel solcher Kunst gelungen.

Line Krom in Ralf Beckers White cube-Ausstellungsraum – bereits bekannt als „Frankfurts kleinste Galerie“; Fotos: Erhard Metz

Zum Thema Sparen wie zu eben jener erwähnten Geglücktheit passt natürlich der Genius loci des Ausstellungsraums, der (im engeren Sinne betrachtet) aus einem nicht gerade üppig bemessenem Geviert einer Art Duschkabine mit einer Glaswand und einer Glastüre besteht. Aber dann gibt es in Ralf Beckers kleinem, feinen Kunstreich unter der Dachschräge denn doch noch einen weiteren, mit Line Kroms Exponaten bestückten Raum.

Was sehen wir – so und nicht anders muß die erste Frage lauten. Wir sehen im Ausstellungsraum: Holzspäne. „Wo gehobelt wird, fallen Späne“, sagt uns ein kluges Sprichwort, und wo wird augenscheinlich gehobelt? An den Kosten des Kulturbetriebs? Nun, das sehen wir in der Ausstellung nicht (wohl aber im Atelier der Künstlerin): den Herkunftsort der Holzspäne, das Behobelte also!

Line Krom wählt in ihrer künstlerischen Aussage ein wundervoll einfaches wie einleuchtendes Beispiel: den herkömmlichen Keilrahmen, den Träger und Malgrund für ein Kunstwerk, als ein Symbol für die Basis von Kunst. Der wird zu teuer. Also wird der Hobel angesetzt, der Rahmen wird dünner, leichter und billiger. Die Leinwand wird wieder aufgespannt, fertig – und nun? Na ja, malen kann man noch darauf, wenn’s denn sein muß, aber wie soll das Kunstwerk „Bild“ dann am Ende aussehen?

R1
↑ Rahmen 50,5 %, Keilrahmen, Leinwand
↓ Ersparnis 49,5 %, Holzspäne, verschiedene Größen
Fotos: Thomas Braunsberger

Der abgehobelte Rahmen steht also zu Hause bei der Künstlerin, die Späne – die „Ersparnis“ – liegen als Skulptur auf einem Podestal im Ausstellungsraum. Line Krom setzt noch einen drauf und bewertet dieses Ergebnis monetär: der Kaufpreis – am Beispiel des obigen Werkes R1 – für den 50,5 %-Rahmen beträgt 268,13 Euro, derjenige für die Späne als 49,5 %-„Ersparnis“ 262,81 Euro.

Noch schlechter ergeht es dem Rahmen der Arbeit R7: Er ist nach der Wiederbespannung mit der Leinwand nicht mehr recht brauchbar, seine 27 % kosten zwar nur noch 153,51 Euro, die weggehobelte 73 %-„Ersparnis“ hingegen macht 415,06 Euro aus. Ja, sparen ist angesagt – koste es, was es wolle!

R7
↑ Rahmen (27 %), Keilrahmen, Leinwand
↓ Ersparnis (73 %), Holzspäne, verschiedene Größen
Fotos: Thomas Braunsberger

Und auch insoweit wird gespart: Es fügt sich, dass Kunstliebhaber und Ausstellungsraum-Betreiber Ralf Becker in seinem Hauptberuf Schreiner ist und die zur Realisierung der Werkidee notwendige Hobelei, Bohrerei und Fräserei eigenhändig vollzog!

Nun wäre Line Krom nicht Line Krom, wenn sie ihre Arbeit auf eine Kritik am Kunstbetrieb beschränkte: Sie untersucht zugleich die Frage, ob mit einem Einsparungspotential und -zwang nicht vielleicht auch künstlerische Energien freigesetzt werden könnten, ja sie spricht sogar von einer möglichen „Ästhetik des Sparens“. Man denkt an die Arte Povera-Bewegung und nicht zuletzt auch an Aspekte der Minimal Art. Zur Diskussion dieser Fragenkomplexe haben Krom und Becker eine Gesprächsreihe im Ausstellungsraum organisiert, die noch bis zum 22. Mai 2017 läuft, und wir verweisen an dieser Stelle auf Line Kroms Essay „Untersuchung zur Ästhetik des Sparens“ (s.u.).

↑↓ Die „Ersparnisse“ im Ausstellungsraum Becker; Fotos: Erhard Metz

Line Krom studierte an der Frankfurter Goethe-Universität Kunst- und Kulturwissenschaften mit Schwerpunkt Zeichnung und dem Abschluß Magistra Artium, ferner an der Universität der Künste Berlin (Art in Context) und an der University of the Arts London (Fine Art Drawing, MA). Sie bestritt eine Vielzahl von Einzel- und Gruppenausstellungen in Deutschland, im europäischen Ausland sowie in Kitakyushu und New York und erhielt zahlreiche Preise; in Lehraufträgen und Seminarleitungen erwarb sie sich einen guten Ruf als Kunstvermittlerin. Line Krom lebt und arbeitet in Frankfurt am Main.

Line Krom mit den „Ersparnissen“; Foto: Erhard Metz

Line Krom

Untersuchung zur Ästhetik des Sparens, Frankfurt a.M. im März 2017

Das Projekt „Metric as souvereign“ (Arbeitstitel), beschäftigt sich mit der Ästhetik des Sparens im Kunstbetrieb. In sinnlich nachvollziehbarer Weise wird erforscht, welche Auswirkungen Sparmaßnahmen auf die Trägerstrukturen von Kunst haben. Dafür werden Keilrahmen gekürzt und im Belastungstest auf ihre Funktionalität hin untersucht. Ergänzend zur Forschung an den Rahmen lädt die Künstlerin Kunstraum/Off Space-Betreiber ein, über das Sparen und dessen Auswirkungen auf ihre Arbeit zu reflektieren.

Der Begriff Sparen gehört zum System Wirtschaft. Der Begriff ist historischem Wandel unterworfen und hat je nach Zusammenhang verschiedene Definitionen. Zunächst bedeutet Sparen den teilweisen Verzicht auf den Verbrauch von aktuell zur Verfügung stehenden Ressourcen, um diese in der Zukunft nutzen zu können. In kapitalistischen Wirtschaftskonzepten dient Sparen der Wohlstandssteigerung. Der post-kapitalistische/neo-liberale Ansatz des Sparens betont den spekulativen Einsatz beim Sparen: je größer das Risiko, desto größer der Gewinn. Wenn in der deutschen Presse seit den 1990er und Ende der 2000er Jahre über das Sparen im Hinblick auf den öffentlichen Haushalt geschrieben wird, handelt es sich insofern um einen Euphemismus: Gespart wird hier nicht im konventionellen Sinn an etwas, von dem man zu viel hat, es wird auch nichts zur Seite gelegt, was in der Zukunft den gleichen Wert beibehält oder gar mehr werden kann. Sparen im Hinblick auf den öffentlichen Haushalt wird im Englischen als Austerity (Austeritätspolitik), im Deutschen in der Regel als Haushaltskonsolidierung bezeichnet. Und um eben dieses Phänomen des Sparens soll es in meiner ästhetischen Forschung gehen: Produziert das Sparen an Rahmenbedingungen (Austerity) eine spezifische Ästhetik?

Meiner ästhetischen Forschung liegt der Ansatz der Institutionskritik, insbesondere der Ansatz von Shannon Jackson (2011) zu Grunde. In ihrer Arbeit betont die Kunsthistorikerin die Notwendigkeit der „Supporting Structures“ („Unterstützende/tragende Struktur“; angelehnt an die „Primary Structures“ in der Minimal Art). Da im Zuge von Haushaltskonsolidierung an der Infrastruktur (Institutionelle Ausstattung, Arbeitsbedingungen) gekürzt wird, setze ich meinen Fokus auf die „Aussagen des Materials“ (Keilrahmen/Menschen, die im Kunstbetrieb tätig sind). Zur Beantwortung meiner Forschungsfrage werden Funktionstests an Keilrahmen durchgeführt und die sinnlich wahrnehmbaren Materialqualitäten aus Künstlerperspektive (Expertenwissen) interpretiert. Insofern grenzt sich meine Studie klar zur wirtschaftlichen Perspektive ab, bei der das Augenmerk auf den gesparten Euro als Ergebnis liegt (Kategorien: Profit vs. Mangel). In meiner Bewertung gelten die Kategorien des Systems Ästhetik: Schön vs. Hässlich.

Meine Recherche reflektiert die Materialbeschaffenheit des Trägersystems (Supporting Structure), das Vorhersehbare und Unvorhersehbare bei Materialtransformationen. Ästhetische Experimente zum Sparen und Auflösen (von Konventionen) werden auf die Frage hin untersucht, ob Sparen zum Verlust von Freiheit (spielerisch-freier Umgang) führt oder ob gerade dieser Umgang mit dem Material das Aushandeln neuer Freiräume (subversive Praktiken) bewirkt.

* * *

Gesprä­che zu der Thematik finden im Ausstellungsraum Becker an folgen­den Terminen, jeweils um 20.30 Uhr, statt:

8. Mai mit Harald Etze­mül­ler vom Ausstel­lungs­raum Eulen­gasse
15. Mai mit Corne­lia Kube-Drue­ner und Wolf­gang Klee von der Klos­ter­presse
22. Mai mit Line Krom und Ekke­hard Tanner, Abschluß­ge­spräch

 

Die Ausstel­lung läuft bis zum 22. Mai 2017

Abgebildete Werke © Line Krom

 

Französischer Abend des International Women’s Club of Frankfurt

2017, April 26.

L’Europe aime la France!
Und es lebe die deutsch-französische Freundschaft!

Französischer Abend des IWC in der Villa Bonn: die französische Generalkonsulin Sophie Laszlo (li.) und die IWC-Präsidentin Susanne Held

Von Petra Kammann

Kurz vor der französischen Präsidentschaftswahl hatte der International Women’s Club of Frankfurt IWC zu einem französischen Abend in die Villa Bonn geladen mit Live-Musik des Chanson-Duos Winterer & Fox und einem Vortrag der französischen Generalkonsulin Sophie Laszlo, die seit 2013 für das Land Hessen und Rheinland-Pfalz zuständig ist. Am Wochenende darauf kamen für sie weitere Aufgaben hinzu, weil sie auch für die Stimmenauszählung der in Deutschland lebenden Franzosen in Hessen, im Saarland und in Nordrhein-Westfalen zuständig ist.

Atmosphärisch bestens eingestimmt wurde der Abend mit französischen und deutschen Chansonklassikern von Edith Piaf über Kurt Weill und Chansonniers des 21. Jahrhunderts des jungen Chanson-Duos Winterer & Fox, bestehend aus Theresa Winterer (Gesang) und Benedikt Fox (Klavier). Das Duo, gefördert vom Yehudi Menuhin Live Music Now Frankfurt e.V., trat auch bereits im Internationalen Theater in Frankfurt auf mit dem Programm „Eine Katastrophe“ – einige werden sich daran erinnern.

Theresa Winterer vom Chanson-Duo Winterer & Fox beim französischen IWC-Abend in der Frankfurter Villa Bonn

Bemerkenswert war der Charme und die Überzeugungskraft im Dinnerspeech der französischen Sophie Laszlo, die als gestandene Diplomatin politisch nicht zu den anstehenden Wahlen in Frankreich Stellung beziehen konnte. Aber dafür ließ sie keinen Zweifel an ihren Wertevorstellungen. Sie trat für eine offene Gesellschaft, für ein liberales Miteinander und eine innovative Grundhaltung ein und sie beschwor eine demokratische Zukunft Europas. Frankfurt empfand sie als die europäischste Stadt.

Die studierte Politikwissenschaftlerin und ENA-Absolventin (École Nationale d’Administration) war zuvor Kulturrätin und Direktorin des Institut français in Portugal, arbeitete dort auch an der Botschaft  und war stellvertretende Direktorin für Internationale Beziehungen an der ENA in Straßburg, dann Büroleiterin des Botschafters in Bonn und Botschaftsrätin an der Botschaft in Berlin, wo sie sich bei der Direktion der Vereinten Nationen und anderen internationalen Organisationen für Menschenrechte, Frauenrechte, Kinderrechte einsetzte. Auch war sie an der Direktion für afrikanische und madagassische Angelegenheiten im französischen Außenministerium in Paris tätig, bevor sie 2013 als Generalkonsulin nach Frankfurt berufen wurde. Wir veröffentlichen ihre auf Deutsch gehaltene Rede im Wortlaut:

Sehr geehrte Frau Präsidentin Held,
Liebe Mitgliederinnen,
Mesdames et Messieurs,

es ist mir eine große Freude heute das Wort an Sie richten zu dürfen zu einem Thema, das mir selbst sehr am Herzen liegt: „Frankreich und Deutschland, Partner in Europa in 2017“.

Die deutsch-französischen Beziehungen waren über Jahrhunderte von einem Hin und Her zwischen Zerwürfnis und gegenseitiger Bewunderung geprägt. Doch heute sind diese einst schwierigen Beziehungen zu einer engen Partnerschaft geworden, die seit 1950 der Grundstein der europäischen Einigung ist. Frankreich und Deutschland bleiben auch in Zukunft Partner.

An dieser Stelle möchte ich Heinrich Heine erwähnen. Bereits im Vormärz war es ihm nicht entgangen, dass wir einen gemeinsamen Auftrag für Europa haben. Ich zitiere aus seinem Werk Französische Zustände: „Wenn wir es dahin bringen, dass die große Menge die Gegenwart versteht, so lassen die Völker sich nicht mehr […] zu Haß und Krieg verhetzen, das große Völkerbündniß, die heilige Allianz der Nationen, kommt zu Stande, […] und wir erlangen Friede und Wohlstand und Freiheit. Dieser Wirksamkeit bleibt mein Leben gewidmet; es ist mein Amt.“

Friede, Wohlstand, Freiheit – das sind die Ziele, die wir für unsere Länder, für Europa und für die ganze Welt verfolgen. Genau das ist der Kern unserer Gemeinschaft: diese Freiheitsliebe, die uns heute immer noch bewegt. Man darf die Geschichte nicht außer Acht lassen: Die deutsch-französische Partnerschaft soll weiter wachsen, um unserem gemeinsamen historischen und kulturellen Erbe gerecht zu sein.

Die Aufgabe unserer Länder, in Europa eine Vorreiterrolle zu übernehmen, wurde im letzten Jahr dringender denn je und wird es in den kommenden Monaten sicher bleiben: Fast in ganz Europa haben sich Stimmen erhoben, die den Sinn und den Zweck der europäischen Gemeinschaft in Frage stellen. Unsere beiden Länder, vor wie nach den Wahlen in Frankreich und in Deutschland, werden dafür verantwortlich sein, die Einigung unserer Länder und Europas zu bestätigen und zu vertiefen, um den großen Herausforderungen der Zeit gerecht zu werden.

Letztes Jahr wurde sowohl von Unsicherheit als auch von Hoffnungen beherrscht, nicht zuletzt weil 2016 unerwartete politische Ergebnisse hervorgebracht hat. Kein Ereignis hat das europäische Projekt stärker auf die Probe gestellt als die Entscheidung der britischen Bevölkerung, die europäische Gemeinschaft zu verlassen. Die letzte amerikanische Wahl muss auch Europa dazu bewegen, enger zusammenzurücken und handlungsfähiger zu werden. Diese Herausforderung anzunehmen, das Vertrauen und die Einheit wiederherzustellen, verlangte zunächst eine Einigung auf begrenzte und starke Prioritäten, die Definition konkreter und präziser Maßnahmen sowie eines straffen Zeitplans.

Die Interdependenz zwischen innerer und äußerer Sicherheit ist eines der Hauptmerkmale der heutigen Umwelt. Die Herausforderung des internationalen Terrorismus ist somit für die Europäische Union nicht mehr nur eine abstrakte Bedrohung, was uns in den letzten Jahren auf schmerzliche Weise bewusst wurde. Die Bekämpfung des Terrorismus und die Sicherheit unserer Mitbürger gelten zu den obersten gemeinsamen Prioritäten unserer Politik. Die Notwendigkeit, die enge Kooperation und den Informationsaustausch fortzuführen und zu intensivieren, wurde bei einem Treffen zwischen unseren beiden Innenministern am Tag des schrecklichen Anschlags auf den Weihnachtsmarkt in Berlin erneut hervorgehoben.

Neben politischer Geschlossenheit hängt die Zukunft der Europäischen Union natürlich stark von ihrer wirtschaftlichen Leistung ab. Es geht um den Erhalt unseres Platzes im internationalen Wettbewerb. Durch ihn können wir soziale Gerechtigkeit und Chancengleichheit garantieren. Wir dürfen stolz sein auf dieses Modell, das heute in der ganzen Welt als „soziale Marktwirtschaft“ bewundert wird. Wir wollen Unternehmergeist mit Gerechtigkeit verbinden, Belohnung der individuellen Leistung mit Beteiligung aller an den Früchten des Wohlstandes, Einzelverantwortung mit sozialem Zusammenhalt. Wir müssen dieses Modell weiter in der Welt behaupten und dafür die notwendigen Strukturreformen durchsetzen, die unsere Wettbewerbsfähigkeit bewahren. Damit ist das Ziel auch, das Wachstum durch Investitionen zu fördern.

Die Widerstandsfähigkeit der Eurozone bleibt eine wichtige Herausforderung, auch wenn wir gemeinsam die akute Finanzkrise der vergangenen Jahre überwunden haben. Wir stehen ein für eine bessere Koordinierung der Wirtschaftspolitiken in der EU, die noch – wir müssen ehrlich sein – einen gewissen Verbesserungsbedarf aufweist. Selbstverständlich sind auch die Energiewende sowie die digitale Revolution von großer Bedeutung für die Zukunft der Europäischen Union.

Europa, das ist aber nicht nur eine kluge Politik, das heißt auch, die Menschen mitnehmen und begeistern zu können, insbesondere die jungen Generationen. Frankfurt ist dafür die perfekte Stadt: tastsächlich ist Frankfurt die europäischste Stadt Deutschland und sie ist stolz darauf.

Wir haben schon wirksame Mittel, um das Bewusstsein für eine europäische Identität zu entwickeln. Dazu gehören auch die zahlreichen Städtepartnerschaften und deutsch-französische Gesellschaften, die sich seit über 50 Jahren zwischen unseren beiden Ländern entfalten. Es gibt so viele freundschaftliche Bande zwischen den Menschen in Frankreich und in Deutschland, so viele Jugendaustausche im Rahmen der Schulpartnerschaften oder des DFJW, die heutzutage ein wertvolles Kapital darstellen. Die gewachsene und gelebte Freundschaft zwischen Deutschland und Frankreich ist auch deshalb so einzigartig, weil sie eben nicht nur politisch motiviert ist.

2017 ist ein ereignisvolles Jahr für das deutsch-französische Tandem, nicht nur als Wahljahr, sondern auch als französisches Kultur- und Sportjahr in Deutschland. Im Oktober ist Frankreich Ehrengast bei der Frankfurter Buchmesse. Und bis dahin feiern wir bundesweit mit vielen Veranstaltungen unsere Sprache und Kultur. Ein französisches Kulturjahr, bei dem vor allem die Jugend im Mittelpunkt stehen soll. Und 2017 wird eine weitere Brücke entstehen, wenn die Tour de France in Düsseldorf am 1. Juli ihren „Grand Départ“ nimmt.

Meine Damen und Herren, Frankreich und Deutschland sind zwei Partnerländer, die sich unterscheiden, aber vor allen Dingen ergänzen! Zwei Länder, die eine gemeinsame Aufgabe haben: Europa zu stärken.

Ich danke Ihnen für ihre Aufmerksamkeit.

Fotos: Petra Kammann

→ zahlreiche weitere Beiträge zum IWC

→ Elisabeth-Norgall-Preis des IWC

 

Viviane Goergen spielt Werke von Lyonel Feininger und Kurt Dietmar Richter

2017, April 23.

Von Erhard Metz

Es ist schon etwas ganz Besonderes: im Kreise eines kleineren Auditoriums in gediegenem Ambiente einen Klavierabend zu erleben, gleichsam „in Augenhöhe“ mit einer Weltklassepianistin, die sich nach ihrer aktiven Zeit zur Ruhe gesetzt hat, aber auch jetzt noch das virtuose Klavierspiel pflegt und ihre reiche pianistische Erfahrung einem auserlesenen Zirkel von fortgeschrittenen Schülern vermittelt. Vor etwa einem halben Jahr überraschte sie – es ist keine andere als Viviane Goergen – ein Publikum mit einem Konzert, in welchem sie Werke sechs früher Komponistinnen vorstellte (sie spielt sie in diesen Wochen auf CD ein) – ein musikalisches Ereignis! Und nun eine weitere, wenn nicht noch größere Überraschung: Werke des in die Rezeptionsgeschichte überwiegend als Maler und Druckgrafiker eingegangenen Lyonel Feininger und des Komponisten Kurt Dietmar Richter, der sich mit seinem Klavierzyklus „Feininger Impulse“ auf Erstgenannten bezieht. Eingeleitet wurde der Klavierabend, den Goergen wenige Tage später vor größerem Publikum in der Städtischen Galerie Stihl Waiblingen (zur dortigen Ausstellung „Lyonel Feininger. Zwischen den Welten“) wiederholte, von zwei Präludien und Fugen Johann Sebastian Bachs.

Kurt Dietmar Richter zu Besuch bei Viviane Goergen Ende März 2017 (Foto: Erhard Metz)
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Frankfurter Küchen: Auf den Spuren der Grünen Soße

2017, April 15.

Anregungen für einen Osterspaziergang:

Raus aus der Küche, rein in die Küche.
Zwischen Dichtern und Architekten liegen vor dem Tor die Felder und dazwischen der Wochenmarkt

Von Petra Kammann

„Frankfurt stickt voller Merkwürdigkeiten“ konstatierte der große Sohn der Stadt Frankfurt, Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832), den es nicht allzu lange im Haus der Familie am Großen Hirschgraben hielt. In den Xenien schrieb er über seine Eltern: „Vom Vater hab ich die Statur, / Des Lebens ernstes Führen, / Vom Mütterchen die Frohnatur / Und Lust zu fabulieren.“ Ab 1775 lebte er in Weimar, setzte aber seiner Heimatstadt Frankfurt in der autobiographischen Schrift „Dichtung und Wahrheit“ ein wunderbares Denkmal. Seine Mutter, Catharina Elisabeth Textor, später Frau Rath Goethe, konnte nicht nur bravourös Geschichten erzählen, sie war auch eine begnadete Briefeschreiberin …

Frau Ajas Küche im Frankfurter Goethe-Haus© Freies Deutsches Hochstift / Frankfurter Goethe-Museum /  Foto: www.einfallsreich.net

Wie auch immer – alljährlich in der Osterzeit wird auch heute noch Goethes gedacht, nicht zuletzt der Verse wegen, die er im Ersten Teil seiner Faust-Tragödie den Helden auf seinem „Osterspaziergang“ sprechen lässt, was durchaus auch immer wieder parodiert wurde: „Vom Eise befreit sind Strom und Bäche …“ In der Szene „Vor dem Tor“, die Nacht ist vorbei! sehen wir dabei Faust nicht mehr in seinem Studierzimmer als einsamen Gelehrten, sondern als respektierten Bürger der Reichsstadt.

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Magritte. „Der Verrat der Bilder“ in der Schirn.

2017, April 13.

Es ist, was es ist, nicht! Das gedanklich-malerische Spiel um Schein und Sein.
Das aus den großen internationalen Museen und Privatsammlungen zusammengetragene Œuvre des belgischen Künstlers Magritte ist bis zum 5. Juni 2017 in der Frankfurter Schirn zu sehen. Eine gute Gelegenheit, die anstehenden Feiertage für einen Ausstellungsbesuch zu nutzen.

Von Petra Kammann

Eingang zur Magritte-Ausstellung in der Frankfurter Schirn Weiterlesen