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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

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Hauptwerke von Matisse und Bonnard demnächst im Städel

2017, August 17.

„Mein lieber Matisse“, „Mein lieber Bonnard“ – „Mein lieber Freund“

In knapp einem Monat ist es soweit. Da werden vom 13. September 2017 an bis zum 14. Januar 2018 zwei herausragende Protagonisten der Klassischen Moderne erstmals gemeinsam in Deutschland im Frankfurter Städel ausgestellt sein: Henri Matisse (1869–1954) und Pierre Bonnard (1867– 1947). Die Ausstellung ist der Künstlerfreundschaft zweier Pioniere der Modernen Kunst gewidmet und sie beleuchtet neue Perspektiven der Entwicklung der europäischen Avantgarde, vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges. Der bisweilen erstaunlich enge Austausch zwischen den Künstlerkollegen zeigt sich vor allem an ihrer intensiven Auseinandersetzung mit so zentralen Themen wie dem Interieur, dem Stillleben, der Landschaft und dem Akt. 

Die hochkarätigen Exponate aus international bedeutenden Sammlungen, u.a. aus dem Art Institute of Chicago, der Tate Modern in London, dem Museum of Modern Art in New York, dem Centre Pompidou und dem Musée d’Orsay in Paris, aus der Eremitage in Sankt Petersburg sowie aus der National Gallery of Art in Washington sind allesamt Zeugen eines langjährigen Dialogs zwischen den beiden französischen Malern, darunter auch „Großer liegender Akt“ von Matisse.
→ Der Katalog erscheint bei Prestel.

Von Petra Kammann

↑ An der Côte d’Azur tauschten sich die Künstler Henri Matisse und Pierre Bonnard aus: Matisse bewohnte bis zum Ende seines Lebens  diese Villa aus dem 18. Jahrhundert inmitten der Olivenhaine von Cimiez. Dort befindet sich heute im ersten Stock das Matisse-Museum von Nizza

↓ 1926 kauft sich Pierre Bonnard ein Haus in Le Cannet oberhalb von Cannes. Er zieht sich dort von 1939 bis zu seinem Tode 1947 zurück. In der Abgeschiedenheit und Ruhe der letzten Lebensjahre entstanden hier besondere Werke. Heute kann man in dem kleinen Bonnard-Museum auf dem Hügel in Le Cannet einige anschauen (Alle Fotos: Petra Kammann)

 

„Es lebe die Malerei!“ – Dieser programmatische Ausruf von Henri Matisse auf einer Postkarte an Pierre Bonnard, die er 1925 aus Amsterdam schickte, hat nicht nur eine 62 Briefe umfassende Korrespondenz der beiden Künstler in Gang gesetzt, die bis 1946 andauern sollte. Dieser Satz wurde für die Ausstellung im Städel auch titelgebend. In der Korrespondenz kam die gegenseitige Wertschätzung der Kollegen zum Ausdruck, die sich häufig auch im Atelier besuchten.

So unterschiedlich die beiden Künstler auf den ersten Blick erscheinen mögen, so ging es ihnen in ihrem Dialog stets um das gemeinsame Nachdenken über künstlerische Probleme der Malerei und um ihre jeweiligen Standpunkte ihr gegenüber. Anders als die von Rivalität geprägte Beziehung zu Picasso war dessen Verhältnis zu Bonnard von echter Freundschaft und gegenseitiger Unterstützung geprägt. Das lässt sich u.a. in den Motiven und Perspektiven verfolgen, die sich teils in ihren Werken wechselseitig ergänzen.

Wie also Matisse auf Bonnard reagiert und umgekehrt, davon wird die Schau „Matisse – Bonnard. Es lebe die Malerei!“ handeln, auf der schon vor der Eröffnung im September eine große Aufmerksamkeit liegt. Denn sie wird zahlreiche Hauptwerke dieser beiden Protagonisten der französischen Moderne aus den verschiedenen Ecken der Welt im Städel versammeln. Ein Hintergrundgespräch mit Daniel Zamani, einem der beiden Städel-Kuratoren, gab erste Einblicke, wie diese Ausstellung zustande kam und was in ihr zu erwarten sein wird.

→ Daniel Zamani, einer der beiden Kuratoren der Matisse-Bonnard-Ausstellung 

 

In der Zeitschrift Cahiers d’art 1947 hatte der Kunstkritiker Christian Zervos 1947 einen sehr gehässigen Artikel über Bonnard verfasst, der dessen angemessene Rezeption zunächst sehr behinderte, weswegen man Bonnard weder in den USA noch in Deutschland zur zeitgenössischen Kunst zählte. Seine Malweise passte nach Meinung der Kritiker  überhaupt nicht ins 20. Jahrhundert.  Zamani sieht den Grund darin, dass Bonnard keinem –ismus oder einer der Schulen, die sich seit dem Impressionismus entwickelt hatten, zuzuordnen war. Matisse jedoch wird zu einem seiner ganz großen Verteidiger.

Der reagierte nämlich auf die Kritik mit einem 2-seitigen Beschwerdebrief. „Wenn ich jemals an Bonnard gezweifelt habe, dann hat mich der Anblick eines seiner Werke an die Wahrheit erinnert, selbst in einer Schwarz-Weiß-Abbildung. Bonnard ist wesentlich tiefsinniger, als es den Anschein hat. Ich bin sicher, dass sein Werk überdauern wird,“ und quer über den gedruckten Text schrieb der Künstler demonstrativ: „Ja! Ich bezeuge, dass Pierre Bonnard ein großer Maler ist, für heute und bestimmt auch für die Zukunft.“

Felix Krämer, der wegen der von ihm kuratierten Monet-Ausstellung im Städel bestens mit der französischen Malerei und den Museen Frankreichs vertraut ist, und Daniel Zamani, der auch zuvor schon mit ihm zusammengearbeitet hatte, ließ dieses Thema nicht ruhen. Sie begannen, die Sache intensiver zu recherchieren und wollen mit einer Ausstellung überzeugen, die diesem Vorurteil ein Ende macht.

Bislang waren laut Zamani tatsächlich gezielt erst zwei Expositionen diesem Thema nachgegangen: 2006/07 in der Ausstellung in Rom Matisse e Bonnard. Viva la pittura! und eine weitere 2008 Matisse et Bonnard: Lumière de la Méditerranée im Kawamura Memorial Museum of Art und Museum of Modern Art in Hayama, allerdings mit einer begrenzten Auswahl von Exponaten. Vor allem aber kamen die beiden Kuratoren zu dem Schluss, dass man das Thema insofern vertiefen müsse, als die Bilder, welche die Künstler voneinander besaßen, in diesen Ausstellungen fehlten. Also machten sie sich auf, um sie an den verschiedenen Orten aufzutreiben.

→ Es wird die letzte von Felix Krämer betreute Ausstellung im Städel sein, bevor er die Leitung des Museum Kunstpalast in Düsseldorf als Generaldirektor übernimmt.

 

Wegen der eben schon guten vorhandenen Beziehungen zu den französischen Museen fingen sie in Paris an, Leihgaben zu erbitten: im Centre Pompidou, im Musée d’Orsay und auch bei der Ville de Paris. Nachdem klar war, dass diese bedeutenden Institutionen sie in der Aufarbeitung des Themas unterstützen würden, fuhr Felix Krämer weiter an die Tate Gallery nach London, während sich Daniel Zamani zunächst in die USA aufmachte, um die Reise für Felix Krämer in den jeweiligen Sammlungen zu recherchieren und vorzubereiten; später verhandelte dann Felix Krämer. Es ging nach New York ans Museum of Modern Art und ins Metropolitan Museum of Art und dann nach Chicago, nach Philadelphia, in die National Gallery nach Washington und zur Philipps Collection, um das Dialogkonzept jeweils vor Ort zu erläutern.

„Wir mussten mit unserer Konzeption überzeugen, indem wir das Ausstellungsprojekt vorstellen und klarmachen, dass wir inhaltlich einen neuen Blick auf die Leihgaben haben“. Sind dafür tatsächlich so aufwändige Reisen nötig? Es ist offenbar der effektivere Weg. “ Das ist auf jeden Fall sehr hilfreich, weil man vieles vor Ort direkt klären kann. Man weiß dann sofort, was geht und was auf gar keinen Fall, weil zum Beispiel bestimmte Werke aus konservatorischen Gründen ohnehin nicht reisen können, und manchmal kommt man dann vor Ort auch auf andere Ideen“, kontert Zamani und ergänzt: „Glücklicherweise hat das Städel einen guten Ruf und ist wegen der französischen Moderne mit dem Schwerpunkt Malerei renommiert, so dass man uns entgegenkommt.“

Und er fährt fort: „Im ersten Jahr haben wir insgesamt sehr hart an den Leihgaben gearbeitet. Schließlich kann man weder mit dem Inhalt noch mit dem Katalog beginnen, wenn man die Bilder nicht hat. Daher: je schneller man Zusagen bekommt, desto besser. Unser Glück war es, dass wir sehr bald Zusagen für das erste Interieur, das Bonnard von Matisse gekauft hat, bekamen wie auch für das Interieur, das Matisse von Bonnard gekauft hat. Das ging innerhalb von einer bis drei Wochen, weil das Konzept so stimmig war.“

Und dann begann natürlich auch sehr viel Denkarbeit für die beiden Kuratoren. Zamani hat dann erst einmal viel Zeit in Pariser Archiven zugebracht: in der Bibliothèque Nationale, im Matisse-Archiv, in der Bibliothèque Richelieu, im Atelier, in dem viele Kunstwerke entstanden sind und wo der Künstler 1909 gewohnt hat, manche Hinweise kamen aus dem Umfeld der Erben. So bleibt die Arbeit von Charles Terrasse, dem verstorbenen Neffen Bonnards, ein wichtiger Impuls für das Verständnis des Werkes. Und der rege Austausch mit den Héritiers Matisse bei Paris tat ein übriges.

Trotz aller sorgfältigen Vorarbeiten gab es natürlich auch Absagen, die seien allerdings  – so Zamani –  immer sehr freundlich gewesen wie im Falle von „Stillleben mit Geranien“ aus dem Jahre 1910 aus der Münchener Pinakothek, das so gut wie nie reist. Da ist zum Beispiel in Amerika auch eine fünfjährige Vorlaufplanung zu berücksichtigen, während man, wenn im Städel das Thema einmal festgeklopft ist, etwa zweieinhalb Jahre Zeit für die Realisierung hat. Natürlich kann man die Pläne der anderen Museen nicht immer kennen. Und da kann es auch passieren, dass schon alles ausgeliehen ist, was man gerne dabei gehabt hätte. Dann muss man halt schnell umdisponieren und neu recherchieren.

Eine Reihe von Werken kamen auch aus Privatbesitz. Da muss man sich an Auktionshäuser wie Sotheby’s und Christie’s wenden, die das Interesse dann weiterleiten. Dort wiederum kann man aber erst anfragen, wenn man schon andere bedeutende Zusagen hat. Dann gibt es einen Blankoleihvertrag. Häufig wollen Privatsammler auch nicht genannt werden, und da bleibt alles strikt anonym.

Insgesamt hilfreich war es sicher, dass das Städel schon im Besitz eines wichtigen Gemäldes von Matisse und eines Bonnard war. Das Bonnard-Gemälde Liegender Akt auf weißblau kariertem Grund, um 1909 war 1988 noch unter der Leitung von Klaus Gallwitz gekauft worden – drei Jahre nach einer großen Bonnard-Retrospektive. Einige der nun gezeigten Bilder waren auch schon einmal als Leihgaben im Städel, nun kommen sie in einem neuen Zusammenhang zurück. Den Matisse, Blumen und Keramik von 1913, der zu den bedeutenden frühen Stillleben des Künstlers gehört, hatte das Städel einst als Schenkung von Robert von Hirsch bekommen. Es war unter den Nazis beschlagnahmt worden und wurde 1962 unter großer Kraftanstrenung zurückerworben. Diese beiden Bilder werden nun übrigens neu gerahmt werden, was eher den historischen Rahmen entspricht, welche die Künstler selbst ausgewählt hätten.

Des weiteren gibt es im Haus eine komplett und gut erhaltene Matisse-Suite von „Jazz“ sowie auch Bonnards Hauptwerk der Druckgrafik ‚Einige Ansichten aus dem Pariser Leben‘. –  13 Lithografien, die der legendäre Kunsthändler Ambroise Vollard seinerzeit in Auftrag gegeben hatte. Allein dieses Beispiel beweist, dass das Städel schon früh angefangen hat, die französische Moderne strategisch zu sammeln.

Eine gute Basis im eigenen Haus, kompetente Vorarbeit und intensive Bemühungen im Umgang mit den Leihgebern vorausgesetzt, die Kuratoren hatten auch Glück:  34 Ölgemälde von Matisse und 36 Ölgemälde von Bonnard haben sie bekommen, dazu eine Statue von Matisse, eine von Bonnard, 18 Fotografien und ungefähr 33 Grafiken von Matisse und 16 Grafiken von Bonnard. Angefragt hatten sie zunächst 250 Werke; 140 werden nun zu sehen sein: „Mehr hätten wir vom Platz hier auch gar nicht handlen können. Die Bilder müssen luftig hängen, um entsprechend wahrgenommen zu werden. Wir haben z.B. zwei Odalisken von Matisse, die zwar relativ klein sind, aber so stark, dass sie eine Wand für sich brauchen“, sagt Zamani.

Testen von Farbtafeln für die Wandfarben in den verschiedenen Kabinetten

Natürlich bestimmt die Auswahl und Zusage dann auch die Ausstellungskonzeption. „Deswegen haben wir zum Beispiel für die thematisch aufbereiteten Kabinette neutrale Farben in zartem Grauton als Hintergrundfarben gewählt. Denn die Farbigkeit der Malerei soll darauf besonders zum Ausdruck kommen.“ Wichtig erschien es ihnen auch,  die  Dialogstruktur in der Städel-Ausstellung durchgängig erkennbar zu machen.

Bereichert wird die Schau durch eine Reihe von Werken des französischen Fotografen Henri Cartier-Bresson, der beide Maler in ihren Häusern in Südfrankreich besuchte und sie in seinen legendären Schwarzweiß-Aufnahmen verewigte. Er hatte beide Künstler an zwei aufeinanderfolgenden Tagen in Nizza und Le Cannet besucht. „Da war innerhalb von zwei Tagen eine Fotoserie entstanden, welche die beiden Künstler ausdrucksvoll darstellt. So sieht man etwa Matisse, wie er ein schönes Modell im Pelzmantel malt, überhaupt auch seine luxuriöse Behausung im Hotel Régina in Nizza und die Villa „Le Rêve“ bei Vence, während es bei Bonnard auf dem Hügel in Le Cannet wesentlich rustikaler und bescheidener zugeht.“ Diese Fotos werden im Halbrund  im unteren Teil des Peichel-Baus mit 18 Schwarz-weiß-Fotografien den Auftakt bilden, bevor man in die Welt der Malerei eintaucht.

„Wir wollten eben die sehr unterschiedlichen Künstlerpersönlichkeiten darstellen, die letztlich auch einen Einfluss auf ihre Kunst hatte“, kommentiert Zamani und weiter: „Dann wird es Wände geben, wo wir sehr plakative Dialogpaare haben. In anderen Räumen wiederum hängen keine Gemälde, sondern Fotografie und Grafik. Manchmal vermischen sich die Farben. Im Obergeschoss werden ganz prominent nur die beiden Bilder Henri Matisse, Großer liegender Akt (Grand Nu couché) von 1935 aus dem Baltimore Museum of Art 
und Pierre Bonnards Liegender Akt auf weißblau kariertem Grund um 1909 aus dem 
Städel hängen, zusammen mit einem weiteren Werk von Bonnard, das sehr ähnlich ist, „um dem Besucher ein ganz besonderes Dialogerlebnis zu vermitteln“. Die beiden Bilder markieren übrigens auch die Vorder- und Rückseite des Katalogs.

Kaum zu glauben, was der Perfektion einer Ausstellung vorausgeht: Zamani erläutert das erste provisorische Modell für die Raumkonzeption und Hängung der Bilder, die sich noch ständig verändern kann

„Dann wiederum haben wir Räume gebaut, in denen keine Gemälde hängen, sondern nur Fotografien und Grafik. Und wenn man die Maler nicht kennt, dann könnte man fast den Eindruck gewinnen, die Grafiken könnte vom selben Maler sein. Und in anderen Räumen wiederum ging es uns um die Atmosphäre. In einem weiteren Kabinett wiederum werden Intérieurs gegenübergestellt und zwei Fensterbilder. Über die geöffneten Fenster läuft der Besucher dann geradewegs in die Landschaft hinein. Die Landschaft wiederum führt dann zu den Stillleben. Es folgen Akte und dann die Gegenüberstellung der beiden.“

Prominente Hauptzitate aus dem Briefwechsel werden den Besucher mit Bonnards Auffassung zur Kunst vertraut machen. Da vor allem Matisse sich theoretisch äußerte, kommt das künstlerische Anliegen den Besuchern so viel näher. „Das Schwebende, das bei Bonnard in der Darstellung von Tischen und Decken zum Ausdruck kommt“ zu zeigen sowie den für die Moderne so wichtigen „dräuenden Unterton“, daran vor allem lag den Kuratoren viel.

Warum Bonnard als Schlusslicht des Impressionismus und Matisse als Vorreiter der Moderne gilt, das jedenfalls soll durch die konkreten  künstlerischen Beispiele konterkariert werden. Außerdem werden auch ästhetische Ähnlichkeiten sichtbar werden. Bei den zahlreichen gegenseitigen Atelierbesuchen in Südfrankreich haben beide Maler schließlich voneinander gelernt. Diese Wechselwirkung demnächst im Städel in Augenschein zu nehmen, wird sicher für manch freudige Überraschung sorgen.

 

Mit jungen Flüchtlingsfrauen im Dom und Dommuseum und ein Porträt der Gründerin Nadia Qani

2017, August 15.

Der  Verein ZAN – die Hilfsorganisation zur Förderung der Rechte afghanischer Frauen e.V. in Frankfurt

Text und Fotos Renate Feyerbacher

Gespannt lauschen die jungen Frauen den Erklärungen der Führerin im Dom

„Die Frauen wollen lernen. Wir wollen, das ist unser ganzes Bemühen, den Frauen zeigen, in welcher Stadt sie leben. Wenn sie auch abgeschoben werden sollten, so haben sie Deutsch gelernt und die Stadt Frankfurt mit dem gesamten Kulturangebot kennengelernt. Aber wenn sie hier bleiben, einen Job gefunden haben, dann wissen sie, wo sie leben“, erklärt die Deutsche, in Kabul geborene Nadia Qani, Gründerin von ZAN e.V. (eine Hilfsorganisation zur Förderung der Rechte Afghanischer Frauen) ihr Konzept.

Nadia Qani engagiert sich für die Flüchtlingsfrauen

Eine gute, eine stimmige Idee. Nach der europäischen Kunstbewegung, die Neues ausprobieren wollte, nennt sich das Projekt DADA, also Aufbruch. Zwei Gruppen à 12 Frauen über 25 Jahre, deren Asylantrag noch nicht anerkannt wurde und die nach Frankfurt geschickt wurden, profitieren von DADA. Diese Frauen haben nämlich keinen Zugang zu Integrationskursen. Ihr Ziel ist die Vorbereitung auf den Arbeitsmarkt und die Vermittlung von weiterführenden integrierenden Schritten, wenn es mit der Anerkennung des Asylantrags denn klappen sollte. Das Modellprojekt wird von der Stadt Frankfurt unterstützt. Natürlich sind es nicht diese wenigen Frauen, die ZAN aufsuchen, sondern um die 150, die ohne Termine kommen. Außerdem kommen mittlerweile 45 Frauen und Männer zur Musiktrauma-Therapie.

Schon zweimal wurde im Hafen 2 – dort stellte der Süßwasserverein seine Räume zur Verfügung – ein großes Fest gefeiert. Am 18. März 2017 kamen etwa 2000 afghanische, syrische, iranische, kurdische und türkische Menschen, manche sogar aus München und Berlin. Vier Gruppen machten Musik. Das Essen war unentgeltlich. Das gelungene Fest hat seinen Preis. Der Verein wünscht sich, für solche aufwändige Projekte mehr Unterstützung durch die Stadt zu bekommen. Das jedenfalls ist auch Nadia Qanis Wunsch.

Im Haus am Dom. Im Hintergrund ein Portrait von Nadia Qani

Das DADA-Projekt – unterwegs mit den Frauen

Die Frauen des DADA-Projekts haben eine normale Schulbildung, einige von ihnen haben das Abitur, fünf haben studiert, z.B. fünf Semester Chemie, eine ist Geographie-Lehrerin, eine andere wurde in der Polizeischule in Kabul ausgebildet und arbeitete als Krankenschwester. Die Sprachschule findet täglich von 9 bis 12.30 Uhr statt. Die Frauen investieren viel Geld, um voran zu kommen und besuchen auch andere Sprachkurse. Außerdem lernen sie, mit dem Computer umzugehen.

Jeden Mittag wird gekocht. Der Nähmaschinenkurs muss leider ausfallen, da er mit zwei Maschinen für zwölf Kursteilnehmerinnen nicht möglich ist. Dass sie nähen können, wäre aber hilfreich, vor allem, wenn sie wieder in ihr Land zurückkehren müssten. Für die Anschaffung weiterer Nähmaschinen fehlt dem Verein jedoch das Geld.

Alles wird den Frauen beigebracht: Tischmanieren, wie man mit Messer und Gabel isst und wie man sich schminkt. „Viele dieser Frauen glauben: je mehr Schminke desto besser. Denen müssen wir zeigen, dass manchmal weniger mehr ist. Auch über angemessene Kleidung wird gesprochen“, betont Nadia Qani. Begeistert ist sie, dass die afghanischen Männer ihre Frauen unterstützen, indem sie auf die Kinder aufpassen, putzen und ihnen auch andere Arbeiten abnehmen.

Regelmäßig  werden mit den DADA-Frauen Stadtausflüge organisiert. So wurde ich eingeladen, die Frauen bei ihrer Exkursion ins Dommuseum und in den Dom zu begleiten. Bevor es losging, haben wir gemeinsam in der Küche des Vereins ZAN in der Eckenheimer Landstrasse gegessen. Die Frauen hatten selbst gekocht. Sehr köstlich!  Die Frauen, mit denen ich am Tisch sitze, sind bereit, offen mit mir zu reden. Eine der jungen Frauen erzählt mir stolz , dass sie nun eine Brille besitze. Sie ist übrigens die Einzige, die kein schwarzes, sondern ein farbiges Kopftuch trägt und hell gekleidet ist.

Nach dem Essen kommen weitere Frauen – teils ohne Kopftuch – hinzu. Es sind schließlich elf. Gemeinsam fahren wir mit der U-Bahn zur Konstabler Wache, um zu Fuß den Dombereich zu erreichen. Einige bitten darum, nicht fotografiert zu werden, einige sind verschlossen. Aber wer weiß schon, was sie mitgemacht haben?

„Mehrere dieser Frauen waren als Flüchtlinge im Iran, in Pakistan und in der Türkei. Sie haben wie der letzte Dreck in diesen Ländern gelebt“, kommentiert Nadia Qani das. Eine der Frauen, die Krankenschwester, zeigt mir die Verletzungen in ihrem Gesicht, die ihr die Taliban zugefügt haben. Das Auge ist betroffen und müsste behandelt werden.

Exkursion der jungen Frauen ins Dommuseum. Respektvoll betrachten sie die christlichen Kostbarkeiten, stellen viele Fragen.

Nach der Herrschaft der Taliban (1996 bis 2001) durften die Mädchen und Frauen zwar wieder zur Schule gehen und arbeiten, aber das Haus nur mit Burka verlassen. Nach wie vor entscheiden die Männer, wie sie sich zu verhalten haben und was ihrer Meinung nach moralisch ist. Ein selbstbestimmtes Leben wird den Afghaninnen nicht zugestanden. Gleichberechtigung steht nur auf dem Papier, die Gewalt gegenüber Frauen ist an der Tagesordnung.

Die Situation hat sich in den letzten Monaten für alle Afghanen dramatisch zugespitzt. Taliban und Warlords beherrschen das Land mit ihren Attentaten. Die UNO meldet, dass im 1. Halbjahr 2017  etwa 150.000 Afghanen aus dem Land flohen. Das hat die Bundesregierung bewogen, die Abschiebungen zu stoppen. Für wie lange, ist fraglich. Die Attentate häufen sich. 2016 lebten etwa 250.000 Afghanen in Deutschland. Derzeit kommen ständig welche hinzu.

 

Die Gründerin Nadia Qani

Das persische Wort ZAN bedeutet ‚Frau‘. In Kabul wurde in diesem Jahr der gleichnamige Frauensender ZAN TV gegründet.

Nadia Qani, die Gründerin des Vereins ZAN in Frankfurt, ist selbst Flüchtling, wenngleich sie schon seit etlichen Jahren in Frankfurt lebt. Sie weiß, was die Frauen, die sich ZAN anvertrauen, mitgemacht haben. Als junge Frau musste sie aus ihrem Land fliehen. Sie war emanzipiert, arbeitete als Chefsekretärin im afghanischen Wirtschaftsministerium und danach als Lehrerin. Außerdem war sie mit einem betuchten Mann aus besten Verhältnissen verheiratet und daher privilegiert.

Kurz vor der russischen Invasion im Dezember 1979 floh der Ehemann dann alleine nach Europa, zunächst nach Frankreich, dann nach Deutschland. In der Firma hatte ihn ein Freund vor seiner bevorstehenden Verhaftung gewarnt. Der junge links orientierte Jamil, der kein Kommunist war, hatte zusammen mit seiner Frau gegen die diktatorische Herrschaft protestiert.

Nadia Qani entschloss sich ebenfalls, bald ihre Heimatstadt Kabul zu verlassen. Das war am 20. Mai 1980. Mit anderen  floh sie zunächst nach Pakistan, schaffte es, mit gefälschten Papieren in ein Flugzeug nach London mit Zwischenstopp in Frankfurt zu gelangen, wo ihr Mann sie erwartete. In Frankfurt durfte sie aber das Flugzeug nicht verlassen, weil das Visum auf Großbritannien ausgestellt war. In London erkannte der Beamte aber sofort, dass ihr Pass gefälscht war, die Abschiebung nach Pakistan drohte. Dann erschienen, mobilisiert von ihrem Mann Jamil, zwei Damen der englischen Sektion von Amnesty International und  und besorgten ihr schließlich ein Visum für Deutschland. Die dramatische Flucht schildert Nadia Qani in dem Buch “Ich bin eine Deutsche aus Afghanistan – von der Drachenläuferin zur Unternehmerin“, an dem die Lektorin Doris Mendlewitsch mitarbeitete.

In Deutschland erwarteten die Frau, die in Afghanistan vornehm gewohnt hatte, desolate Asylantenheime. Ihr erster Sohn wurde 1981 in Frankfurt geboren, da war Nadia Qani gerade mal 21 Jahre alt. 1988 bekam sie ihren zweiten Sohn. Durch Putzarbeiten verdiente sie Geld, so dass die erste eigene Wohnung in Bonames bezogen werden konnte. Ihr Mann, in Afghanistan einst Direktor einer Zuckerfabrik, schaffte es nach verschiedenen Anläufen zum Laboranten. Nadia Qani schuftete, hatte mehrere Jobs, gründete einen Ambulanten Häuslichen Pflegedienst (AHP), der 2008 als Bester Arbeitgeber ausgezeichnet wurde.

Nach 23 Jahren, das war im Jahr 2000, zerbrach ihre Ehe und Nadia Qani versank so tief in einen „Sumpf „aus Depression und Alkohol, „so dass ich beinahe nicht mehr da herausgekommen wäre“. Unvorstellbar, dass diese aktive emanzipierte Frau in eine solche Krise geraten konnte! Sie, die heute Unternehmerin ist, ist inzwischen wieder selbstbewusst, packt an und unterstützt andere.

Eine Freundin und die Arbeit bei ZAN halfen ihr damals aus dem Sumpf. Es war 1996, als sie mit afghanischen und deutschen Frauen die Idee hatte, ZAN, die Hilfsorganisation zur Förderung der Rechte afghanischer Frauen e.V., zu gründen. 2001 war es dann soweit. Der Verein war gegründet. Ein fast symbolisches Jahr. Zur Erinnerung: Am 11. September 2001 zerstörten Terroristen die Türme des World Trade Centers in New York. ZAN machte nur wenig später, am 5. Februar 2002, in der Frankfurter Stadtbücherei durch die eindrucksvolle Ausstellung mit 130 großformatigen Fotos zur Situation afghanischer Frauen und Kinder auf sich aufmerksam. Neun Jahre später wurden Fotos von Steve McCurry erneut im English Theatre gezeigt.

Unter den Exponaten war auch das Foto eines zwölfjährigen afghanischen Flüchtlingsmädchens mit grünen Augen und angstvollem Blick, das Weltruhm erlangte. Der Fotograf Steve McCurry fotografierte es 1984 in einem pakistanischen Flüchtlingscamp. Nach 18 Jahren hat er dieses Mädchen, inzwischen eine junge Frau, ausfindig gemacht.

Unsere Autorin Renate Feyerbacher, links im Bild in der Ausstellung von Steve McCurry; Foto: Reza Shirmohammadi 

Immer wieder bereist McCurry Afghanistan, von dem er fasziniert ist – zuletzt 2016. Er erzählt in einem Gespräch, dass er sich frei bewegen konnte. Jedoch war ihm immer bewusst, dass die meisten Regionen unsicher sind und die Möglichkeit groß, dass einem etwas passiert. (Steve McCurry: „Afghanistan“ , Taschen-Verlag)

Die Aufmerksamkeit, die aufgrund der Ausstellung Nadia Qani und der Gruppe ZAN entgegen gebracht wurde, schürte bei Afghanen hier wie dort, Misstrauen. Es gab Drohanrufe und Briefe, in denen ihr vorgeworfen wurde, Geld einzusammeln, um afghanische Frauen gegen ihre Männer aufzuwiegeln, beziehungsweise das Geld, das ihr gespendet wurde, für sich zu behalten.

Seit 1999 ist Nadia Qani Deutsche. Eine „Musterdeutsche“ nennt sie sich, „nicht blond und hell, sondern mit dunkler Haut, schwarzem Haar und dunkelbraunen, fast schwarzen Augen“ – eine schöne Frau, die aufgrund ihrer Andersartigkeit hier oft bedroht, angepöbelt und sogar körperlich attackiert wurde.„Ich bin sogar so deutsch, dass ich 2005  ,Frankfurterin des Jahres‘ wurde und in Berlin das Bundesverdienstkreuz am Bande erhielt.“ Ein Wermutstropfen: „Ich bin nie mehr nach Afghanistan zurückgekehrt.“ Sie wollte es zwar, aber es war und ist nach wie vor politisch zu gefährlich für sie.

 

Glanzvolles Abschieds-Konzert für Gesangsprofessorin Hedwig Fassbender

2017, Juli 31.

Familienfeier mit Studierenden und Alumni

Text und Fotos: Renate Feyerbacher

Was für ein „Klassenabend Plus / Abschiedskonzert“ haben Studierende und Absolventen am 12.Juli ihrer Professorin an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt (HfMDK) bereitet! Als ich die HfMDK betrat, erschrak ich. Das Foyer war brechend voll, viele hatten keine Karte auch ich nicht, ich hatte vergessen, sie zu bestellen. Hedwig Fassbender kam im langen schwarzen Kleid mit dunkelblauem Schultertuch, begrüßte Freunde, umarmte Studierende und Ehemalige, eilte umher, kümmerte sich um Kartensucher. Auch um mich. Die Atmosphäre war persönlich und herzlich.

Hedwig Fassbender am 12. Juli 2017 nach dem Konzert

Beeindruckende Opernkarriere

Hedwig Fassbender studierte zuerst Klavier und Schulmusik in Köln, dann Gesang an der Musikhochschule München und gewann noch während ihrer Studienzeit den Hugo-Wolf-Preis für Liedgesang in Wien und beim Mozartwettbewerb in Würzburg. Nach dem Studium hatte sie fünf Jahre lang feste Engagements an den Opernhäusern in Freiburg und Basel. Vor 30 Jahren löste sie sich aus den Verträgen, um freischaffend an internationalen Produktionen teilnehmen zu können. Sie war Gast an zahlreichen europäischen Opernhäusern.

Anfangs hatte sich Hedwig Fassbender den wichtigsten Partien des lyrischen Mezzosopran-Fachs gewidmet, Rollen wie Cherubino und Octavian zum Beispiel. Nach und nach kam der Wechsel ins dramatische Fach; und seit 1997 sang sie auch Partien des dramatischen Sopran- bzw. Charakterfachs: zum Beispiel als Judit (Herzog Blaubarts Burg), an der Mailänder Scala als Marie in Wozzeck und als Mère Marie (Dialogue des Carmélites) in Straßburg, Savonlinna und London. Ihre Interpretation der Isolde (Wagner „Tristan und Isolde“) am Staatstheater Saarbrücken 2000 machte Furore. Für die Rolle der Sieglinde in Wagners „Walküre“ („Der Ring des Nibelungen“) in Lüttich wurde sie zur ‚Sängerin des Jahres‘ nominiert.

Heute singt sie zum Beispiel die Küsterin in „Jenufa“ von Leoš Janácek, die Herodias in „Salome“ von Richard Strauss, Die Frau über 60 in „Der Goldene Drache“ von Peter Eötvös. In einer Kritik zur Frankfurter Aufführung 2014 hieß es: „Und eine Hedwig Fassbender mit weitem Registerzug zwischen großer Oper und scharfkantigem Sprechen. Die dramatischen Höhepunkte des Abends.“ Sie ist schlicht eine beeindruckende Sänger-Schauspielerin.

Zukünftige Projekte sind die Rolle der Mrs. Sedley in der Premiere „Peter Grimes“ von Benjamin Britten im Oktober an der Oper Frankfurt, im Januar 2018 die der „Sage Femme“ (Hebamme) im „Der Kreidekreis“ von Alexander von Zemlinsky an der Oper in Lyon. Und in Janáceks „Die Sache Makropoulos“ bereitet sie die Emilia Marty vor. Außerdem plant sie zusammen mit ihren beiden Töchtern–  Tänzerin die eine, Schauspielerin die andere, – ein gemeinsames Projekt. Sie ist voller Ideen, voller Elan.

 

Blick von oben auf alle Teilnehmer – Bühne

Eine exzellente Gesangspädagogin

Eine solche Bühnenerfahrung ist eine ideale Voraussetzung, um zukünftige Opernsänger zum Erfolg zu führen. Seit 1999 unterrichtet die Mezzosopranistin Hedwig Fassbender an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt, die sie Ende September verlassen wird. Sie war Dekanin, leitete ab 2001 zehn Jahre lang die Gesangsabteilung, die 2011 mit dem Hessischen Exzellenzpreis für Hochschule-Lehre ausgezeichnet wurde. Zu Recht, wenn man die Liste ihrer Studierenden und Absolventen anschaut, von denen einige Engagements in führenden Opernhäusern haben oder an Musikhochschulen unterrichten oder in Konzertsälen begeistern. Einige erhielten begehrte Preise.

16 Sängerinnen und Sänger sangen beim Abschiedskonzert. Auf dem Programm standen Arien aus Opern, Lieder – alte und moderne Kompositionen. Alle Interpreten hätten es verdient, vorgestellt zu werden. Die Qualität des Gesangs war gleichbleibend auf hohem Niveau. Drei ihrer Absolventen sind derzeit fest im Ensemble der Frankfurter Oper wie die Altistin Katharina Magiera, die 2008 ins neugegründete Opernstudio kam und ein Jahr später Ensemblemitglied wurde. Soeben gastierte sie bei den Salzburger Festspielen. Vermutlich fehlte sie an diesem Klassenabend plus genau aus diesem Grund.

Die Sopranistin Katheryna Kasper bestand 2012 ihr Konzertexamen, fand Aufnahme im Opernstudio und hat seit 2014 einen Festvertrag. (Links „Iwan Sussanin“, „An unserem Fluss“). Im gleichen Jahr gewann sie den internationalen Myriam-Helin-Wettbewerb in Helsinki. Die ukrainische Sängerin gastierte bereits bei den Bregenzer Festspielen, beim Edinburgh International Festival und an der Los Angeles Opera.

Kateryna Kasper und Björn Bürger

Pianist Otto Honeck ging am Abschiedsabend schnellen Schrittes ans Klavier und begann sofort temporeich mit dem Largo als factotum aus Giacchino Rossinis „Il Barbiere di Sivigla“. Kurz danach folgte Björn Börner, die Treppen zur Bühne hinauf stürmend und die Arie bereits trällernd. Ein grandioser Auftritt! Der in Darmstadt geborene, in Rodgau aufgewachsene Bariton Björn Bürger gewann 2012 den Ersten Preis beim Bundeswettbewerb Gesang, ein Jahr später den Ersten Preis beim Emmerich- Smola- und Anneliese-Rothenberger Wettbewerb.

Derzeit ist er für den „International Opera Award“ nominiert. Schon während seiner Studienzeit hatte der bald 32-jährige Sänger Auftritte in Genf, Bayreuth und Karlsruhe. Große Opernpartien sang er in Paris, Oslo, Glyndebourne, München und Brüssel. In der nächsten Spielzeit debütiert er an der Semperoper in Dresden. In Frankfurt ist Björn Bürger im November als Georg in der Uraufführung „Der Mieter“ von Arnulf Herrmann zu erleben. Er ist verheiratet mit Esther Dierkes, die 2015 ihr Examen bei Hedwig Fassbender absolvierte und sofort Aufnahme ins Opernstudio Stuttgart erfuhr. Ab der Spielzeit 2017 / 18 gehört sie fest zum Ensemble der Oper Stuttgart, die 2016 Opernhaus des Jahres war.

Alle 16 Teilnehmer mit Hedwig Fassbender nach dem Konzert

Wer nun vermutet, Hedwig Fassbender setze sich als Pädagogin zur Ruhe, der irrt. Vor drei Jahren entstand unter ihrer künstlerischen Leitung in Kooperation mit den „Jeunesses Musicales Deutschland“ ,gefördert von der Deutsche Bank Stiftung, das „Exzellenz-Labor Gesang“. Regelmäßig betreut sie die Opernstudios in Frankfurt und Zürich und ist als Gastdozentin auch an Opernstudios in Paris, Hannover und Moskau eingeladen. Soeben beendete sie einen internationalen Meisterkurs im Rahmen der Sommerakademie am Salzburger Mozarteum. Und einen Monat später widmet sie sich in der Musikakademie Schloss Weikersheim im Exzellenz-Labor Gesang der Oper.

Da sie mehrere Sprachen spricht wie Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch, Spanisch und auch Repertoire in ungarischer, tschechischer und russischer Sprache unterrichtet, kann sie mit den Teilnehmern ihrer Kurse, die aus der ganzen Welt kommen, bestens kommunizieren. Ihre Studentinnen und Studenten schätzten ihre herzlich-persönliche Zuwendung sehr.

Sie wird weiterhin auf Opernbühnen stehen, Meisterkurse abhalten und coachen. Hedwig Fassbender hat sich in anderthalb Jahren zum zertifizierten systemischen Coach ausbilden lassen. Diese Tätigkeit wird sie ab Herbst auch wahrnehmen. Man kann nur sagen: „Chapeau“ für diese außergewöhnliche Künstlerin!

→„Der Goldene Drache“: Musiktheater von Péter Eötvös an der Oper Frankfurt

→ „Le Cantatrici Villane“ von Valentino Fioravanti an der Oper Frankfurt

→ „Martha oder der Markt zu Richmond“ von Friedrich von Flotow an der Oper Frankfurt

 

Laura J. Padgett: somehow real

2017, Juli 27.

Eine Kooperation der Marielies-Hess-Stiftung mit dem Museum Giersch der Goethe-Universität Frankfurt am Main

Hier die Laudatio von Brigitta Amalia Gonser

Preisverleihung im Museum Giersch – v.l.n.r.: Manfred Großkinsky, Direktor des Museum Giersch der Goethe-Universität, Saxofonist Ralf Frohnhöfer, Professor Michael Crone, Marielies Hess-Stiftung; Fotos: Erhard Metz

Als Marielies-Hess-Kunstpreisträgerin 2017 präsentiert die herausragende Frankfurter Fotografie- und Film-Künstlerin Laura J. Padgett unter dem Motto „somehow real“ in der für ihr Werk repräsentativen retrospektiven Ausstellung ihr spezifisches Thema der sensiblen Rolle der Wahrnehmung in der ästhetischen Realitätsspiegelung  des öffentlichen und privaten Lebensraumes.

Ihre Fotografien und Filme sind vielschichtige Beobachtungen unserer Alltagswelt. Als Meisterin der Linse integriert sie Architektur und Kunstgeschichte in ihre eigenständigen zeitgenössischen Kunstwerke, die zwischen Nüchternheit und Traum oszillieren.

Zu sehen sind Farbfotografien aus fünf formal unterschiedlichen aber stets malerisch narrativen Zyklen der letzten fünfzehn Jahre: vom Entréebild „What does it mean when you say you have been there?“ über die ambivalenten „Diptychen“ und die atmosphärischen Libanonfotografien in „Confined Space“ zur fotografischen Interpretation des Universums Peter Zumthors in „Architektur denken“ und zu ihren fotografischen Betrachtungen über Vergänglichkeit, Beständigkeit und abstrakte Schönheit der spektakulären baulichen Erweiterung des Städels in „Raum über Zeit“. Sie alle erzählen vielschichtige und simultane Geschichten, die vom Betrachter dechiffriert werden müssen.

Dabei fotografierte Laura J. Padgett bis 2012 weitgehend analog und erst danach digital.

Laura J. Padgetts breit angelegtes Œuvre umfasst seit den 1990er Jahren so unterschiedliche Genres wie Architekturfotografie, Stillleben und Urban Street Photography. Die Grenzen sind aber fließend. Sie arbeitet in Zyklen und liebt die Narration. Begleiten Sie mich also auf einem virtuellen Rundgang zu den einzelnen repräsentativen Stationen dieser Ausstellung im Museum Giersch der Goethe-Universität.

Werkzentral ist der Zyklus ihrer ambivalenten Diptychen, in denen Laura J. Padgett stets zwei analoge Fotografien mit sehr unterschiedlichen Sujets zu Doppelbildern verschränkt, so dass jeweils Außen- und Innenräume divergierender Provenienz miteinander konfrontiert werden. Somit steht der Betrachter vor einem beunruhigenden Geheimnis, das er entschlüsseln möchte. Wobei Wahrnehmungsprozesse aktiviert werden, bei denen Identität und Diversität, Raum und Zeit, Licht und Reflexion, Illusion und Realität eine Rolle spielen. Darin liegt die Qualität dieser poetischen Bildpaare. Sie erzählen zugleich von An- und Abwesenheit der Dinge oder Personen, von der Wahrnehmung und der Erinnerung.

„Wolke“, 2005, C-Prints, Diasec, 2-tlg., 50 x33 cm, 50 x 74 cm, aus: „Diptychen“.

© Laura J. Padgett

 Manchmal setzt Laura J. Padgett unter ihre Fotografien gezielt kurze Phrasen oder Slogans, die in kompakter Form eine dialektisch ergänzende Aussage zur Bildgeschichte vermitteln. Diese Textelemente evozieren zusätzliche visuelle Vorstellungen und sind nicht als Bilduntertitel gedacht. Dabei versucht der Betrachter Bild und Text in Einklang zu bringen.

Architektur und Spurensuche spielen auch im Zyklus „Confined Space” eine Rolle, mit dem Laura J. Padgett 2011 begonnen und den sie 2013 und 2015 weitergeführt hat. In diese Zeit fallen drei Aufenthalte in den Libanon, vor allem in Beirut, die es ihr ermöglichten, nach und nach tiefer in die libanesische Gesellschaft einzutauchen und mit ihren Fotografien auf die Umgebung und auf die Spannungen, die auf dem Land lasteten, zu reagieren.

 

Another kind of vacuum, 2013/2015, Lichtechter Pigmentdruck, Photo Rag, Ultra Smooth, 80 x 60 x 3 cm, aus: “Confined Space”. © Laura J. Padgett

Diese atmosphärischen Libanonfotografien sind keine Momentaufnahmen, sondern Aufnahmen von Zuständen und Sachlagen. Sie zeigen die Verletzungen und die Gefährdung einer ehemals als „Paris des Ostens“ genannten Kulturmetropole, die nachhaltigen Folgen von Bürgerkrieg, von Aufbau und Wiederaufbau, das Leben in Provisorien und fügen sich zu einer komplexen Geschichte, die einen spezifischen Eindruck vom Ort und seinen Menschen vermittelt.

Besondere Aufmerksamkeit widmet Laura J. Padgett der Architektur des 21. Jahrhunderts mit der ihr innewohnenden vermeintlichen Trennung zwischen privatem und öffentlichem Raum. So faszinierte sie im Zyklus „Architektur denken“ die besondere bauliche Situation von Peter Zumthors neuem Wohn- und Atelierhaus, in dem sich Erinnerungen, Stimmungen und Sehnsüchte verdichten.

Blüten, 10. Juli 2005/2017, Dye Transfer Print, semi-glossy Barytkarton, 54,5 x 36,5 cm, aus: „Architektur denken“. © Laura J. Padgett

Das auf ihn selbst zugeschnittene Haus verkörpert nicht nur Peter Zumthors Entwurfsstrategien und Raumkonzepte; es drücken sich darin ebenso unmittelbar bewusste oder unbewusste Wünsche, Sehnsüchte und Gefühle aus.

Sieben der dazu kongenialen Fotografien von Laura J. Padgett werden hier zum ersten Mal in einer Ausstellung gezeigt. Dabei werden Relationen zwischen dem Außen und dem Innen, Spiegelungen, Transparenz und Schatten taktil wahrnehmbar. Scheinbar befestigte Betonmauern aber auch Fenster, in denen sich die Umwelt spiegelt, hindern den Betrachter am Eindringen. Doch dann öffnen sich dezent schmale Einblicke ins Private.

Der im Juli 2005 dazu entstandene Zyklus von analogen Fotografien wurde zwischen 2006 und 2010 bisher nur in Peter Zumthors Essaysammlung „Architektur denken“ sowie in seiner Monografie 2014 veröffentlicht.

Das Städel Museum in Frankfurt am Main diente Laura J. Padgett als Muse für ihre fotografischen Betrachtungen über Vergänglichkeit, Beständigkeit und abstrakte Schönheit in ihrem Zyklus „Raum über Zeit“. Zwei Jahre lang, von Januar 2010 bis Januar 2012, fotografierte sie die spektakuläre bauliche Erweiterung des Museums und Renovierung des Altbaus durch das Frankfurter Architekturbüro schneider+schumacher.

 

„Oberlicht im II. OG Städel Mainflügel“, Februar 2011, aus: „Raum über Zeit“ © Laura J. Padgett

Dabei ging es der Künstlerin als Malerin und Filmemacherin primär nicht um Dokumentation, sondern um das Sammeln von Momenten, die wie scheinbare Fragmente zu etwas neuem zusammengefügt werden: sensible Beobachtungen von Flüchtigkeit, von greifbarer Materialität und Licht. Der Wechsel zwischen Innen und Außen, die Wahl des Unscheinbaren, aber auch die Wahl einer seltenen Perspektive, einer ungewöhnlichen Sichtweise auf das Objekt macht ihre Arbeiten interessant und faszinierend.

 

„Deckenbewehrungsmatten“, August 2010, aus: „Raum über Zeit“. © Laura J. Padgett

Die in dieser Zeit entstandenen analogen Fotografien gewähren daher Einblick in Raum und Zeit und in die Poesie der Wahrnehmung, ohne jemals die konkrete Realität des untersuchten Objekts aus dem Blick zu verlieren.

Im Frühjahr 2012 wurden achtzig davon als Buch mit dem Titel „Raum über Zeit“ im Kehrer-Verlag veröffentlicht. Außerdem erwarb die Kunstsammlung der DZ BANK eine erlesene Auswahl dieser Fotografien. Exemplarisch werden mit dem Plakatmotiv sieben der Arbeiten in dieser Ausstellung so zum ersten Mal gezeigt.

Als Pendant zu ihren Fotografien werden in der Ausstellung „somehow real“ auch zwei repräsentative Digitalvideos der talentierten Film-Künstlerin Laura J. Padgett als Endlosschleifen gezeigt: „ambient noise“, von 2004, eine indirekte Hommage an den Film „Wavelength“ von Michael Snow, an das Erlebnis Kino und unsere Beziehung zur Innen- und Außenwelt sowie der speziell für diese Ausstellung produzierte Found-Footage-Film „Solitaire“, von 2017. Dieser beleuchtet zwischen privatem und öffentlichem Raum angesiedelte, sich auflösende soziale und kulturelle Grenzbereiche der sechziger Jahre, die sich durch die filmische Umsetzung als fundamental erweisen. Ausgehend von gezielter Recherche im Archiv des Hessischen Rundfunks besteht er hauptsächlich aus Dokumentarfilm-Material der Zeit.

„Dem Prozess des Fotografierens geht immer das tiefe Verständnis meiner Erfahrungen voraus“, sagt Laura J. Padgett und fügt hinzu: “Was mich immer interessiert, ist die Art und Weise, wie sich das Humane im Alltäglichen offenbart. Es ist diese vermeintlich beiläufige oder anonyme Geschichte, die tatsächlich unsere Welt ausmacht.“

Dabei konzentriert sie sich auf Überlagerung und Dichte. Sie schaut lange hin und fotografiert oft Dinge, die es nicht ewig geben kann: Spuren.

Folgen Sie diesen Spuren in der Ausstellung „somehow real“ und beglückwünschen Sie mit mir die Künstlerin Laura J. Padgett dafür.

Laura J. Padgett; Bildnachweis: die Künstlerin

Laura J. Padgett, 1958 in Cambridge, Massachussetts, USA geboren, weist ein außergewöhnliches künstlerisches Profil auf.

Sie studierte von 1976 bis 1980 zuerst Malerei und Film am Pratt Institute in New York, dann nach ihrer Umsiedlung 1981 nach Europa ab 1983 bis 1985 Film und Fotografie an der Frankfurter Städelschule bei Peter Kubelka und Herbert Schwöbel sowie von 1991 bis 1994 Kunstgeschichte und Ästhetik an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main.

Als Dozentin lehrt sie seit 1990 an mehreren Hochschulen Fotografie, Film, Kunstgeschichte und Kunsttheorie. Seit 2010 unterrichtet sie an der Hochschule Rhein-Main in Wiesbaden.

Sie ist in öffentlichen Sammlungen vertreten und hat seit den neunziger Jahren in Deutschland, Frankreich, Schweiz, Österreich, Italien, Türkei und Zypern in Museen und Galerien einzeln ausgestellt. Außerdem war sie als Artist in Residence in England, der Schweiz, in Libanon aber auch auf Schloss Balmoral in Bad Ems.

Laura J. Padgett lebt und arbeitet in Frankfurt am Main.

Ein Künstlergespräch zwischen Laura J. Padgett, der Kuratorin und den geladenen Gästen, wird am So. den 13. August 2017 um 11 Uhr in der Ausstellung „somehow real“ im Museum Giersch der Goethe-Universität stattfinden. Ebenda hält am 27. August 2017 um 15 Uhr Laura J. Padgett einen Workshop zur Fotografie als Prozess. Außerdem gibt es auch zwei Führungen der Kuratorin am 26. August um 15 Uhr und am 27. August 2017 um 11 Uhr.

→ Laura J. Padgett erhält den Kunstpreis 2017 der Marielies Hess-Stiftung

Picknick-Zeit – auch im Museum, im Frankfurter MAK

2017, Juli 19.

Summer in the city – Eine Reise durch verschiedene Zeiten und Räume einer Esskultur im Freien

Petra Kammann hat sich die Schau „Picknick-Zeit“ im Museum für Angewandte Kunst in Frankfurt angesehen 

 

Balázs Vesszösi, Gündem Gözpinar, Déjeuner sur l’herbe 2.0, Foto: Anja Jahn, © Museum Angewandte Kunst

In Anspielung auf Edouard Manets berühmtes Gemälde „Déjeuner sur l’herbe“ von 1863 prangt einladend gleich am Eingang des Museums eine gesprayte Version des Originals. Damals galt Manets Bild als das erste provokative Kunst-Event. Es wurde von den Juroren des Pariser Salons abgelehnt, da dort nur „anständige“ Tableaus hängen sollten. Doch die Freude an der neu empfundenen Freizügigkeit war unaufhaltsam und machte Furore. Heute hängt das Bild im Pariser Musée d’Orsay und zieht die Touristen an. Und getafelt wird nach wie vor mit großer Lust im Grünen.

In der Schau „Picknick-Zeit“ erzählen bis zum 17. September 2017 auf über 1.000 Quadratmetern Ausstellungsfläche zahlreiche Objekte, Installationen, Fotografien und Filme sowie die verschiedensten Picknick-Utensilien vom Variantenreichtum der beliebten Kulturpraxis Picknick in den verschiedensten Ecken der Welt. Denn der Kult ums entspannte Speisen im Freien zieht sich rund um den Globus und machte nicht erst im 19. Jahrhundert Geschichte; schon die alten Griechen schätzten das Mahl unter freiem Himmel.

Auch in anderen Kulturen reicht diese Tradition viele Jahrhunderte weiter zurück bis ins 8. Jahrhundert zum Beispiel bei den Japanern. Sie schufen feinste Lack-Utensilien und eigene Sake-Fläschchen für das höfische Kirschblütenfest, das im Freien gefeiert wurde. Die älteste Darstellung eines Picknicks in der Schau ist eine sizilianische Jagddarstellung in einem antiken Mosaik aus dem 4. Jahrhundert, bei dem Männer, auf einem Stibadion (eine Art Bett) lagernd, rund um einen Rost genüsslich ein Hähnchen grillen.

→ Picknickkoffer für 4 Personen von Barret’s & Sons, London, 1900, Korpus aus Leder, Textil, Geschirr aus Porzellan und Metall emailliert, Glas, Bast. Sammlung Axel Plambeck, Zürich, Foto: Uwe Dettmar, © Museum Angewandte Kunst

Spätestens mit der Erfindung des Picknickkorbs im England des 18. Jahrhunderts ging es zunächst ganz royal und auch snobbish zu. Und das sogar bis heute. Man denke nur an die britischen Kultorte Goodwood, Ascot, Epsom, Henley, auf denen das Picknickvergnügen mit sportlichen Ereignissen verbunden ist oder an Glyndebourne, in Südengland,  wo seit der Gründung 1934 eine Opernaufführung fester Bestandteil des Essgelages ist.

Porzellangeschirr, Silberbesteck und mundgeblasene Champagnerflöten lassen dabei keine Wünsche offen. Und in Frankreich etwa wurden für Auto- und Motorradfahrten ins Grüne eigens elegant-stabile Lederkoffer von Louis Vuitton entwickelt. Bei den Briten wurde absurderweise sogar auch im Krimkrieg zum gesellschaftlichen Ereignis Champagner serviert, bevor das Picknick durch die Industrialisierung der Städte und dank der zunehmenden Mobilität breiter Gesellschaftsschichten zum Gemeingut wurde.

Da erwies sich etwa leichtes Aluminiumgeschirr als überaus praktisch, wenn es zum Beispiel zum Bergwandern in die Schweiz ging. Mit der Demokratisierung ging auch die Produktion von Kunststoffgeschirr einher. Wunderbare Beispiele sind hier aus den skandinavischen Ländern zu sehen. Denn für die Mahlzeiten im Freien wurden spezielle Utensilien entwickelt. So stehen Designprodukte aus Kunststoff für pragmatischen Komfort. Speziell erdachte Tische und Stühle, Kleidung, Fächer und Schirme ergänzen die Auswahl der Ausstellungsexponate.

In einer eigens für die „Picknick-Zeit“ angefertigten Serie von Karikaturen spießt der Maler, Cartoonist und Illustrator Hans Traxler, dem ein kleines Häuschen in der Ausstellung gewidmet ist, die kleinen Absurditäten des britischen Picknicks mit spitzer Feder auf: Die Briten lassen sich sogar die Mahlzeiten nicht am, sondern im! Swimmingpool servieren … Und aus Frankfurt steuerte der Ruderclub Germania, der an der Regatta in Henley teilgenommen hat, sogar ein Rennruderboot bei .

Mit einem solchen Rennruderboot des Ruderclubs Germania waren die Frankfurter bei der Royal Henley Regatta auch dabei… Foto: Petra Kammann

Ob beim High Society Event in der feinen britischen Gesellschaft oder der fröhlichen Landpartie: das ungezwungene Picknicken in der Natur erweist sich stets als gemeinschaftsstiftend; so zieht sich die Lust an der spielerischen Freiheit quer durch die gesellschaftlichen Schichten und wirkt entspannend. Auch heute erfreut es sich großer Beliebtheit. Und in den westlichen Metropolen zeichnet sich ein Trend zum Revival des arrangierten Picknicks ab, sei es beim stilvollen „Dîner en Blanc“, wo alle Gäste weißgekleidet kommen, oder bei schlichten und fröhlichen Ausflügen mit Kind, Kegel und Klappgrill ins Grüne.

Unterschiedliches ist ausgestellt: Picknick in den Bergen (Jean Troillet und Nicole Niquille beim Vorbereiten eines Fondues auf der K2-Expedition, Pakistan, 1985, © Alpines Museum der Schweiz, Bern) und bei der Henley Royal Regatta, mit dem Foto von Julian Gregor, 2016, Museumsansicht, Foto: Petra Kammann

Die Frankfurter Fotografin Barbara Klemm hat in den letzten 40 Jahren weltweit zahlreiche Picknick-Szenen aufgenommen, die erstmals in dieser Ausstellung dem Publikum gezeigt werden. Auf Reisen, die sie auf ihren FAZ-Reportagen etwa nach Kapstadt, China, in die Ukraine oder den Iran führten, bannte sie die Szenen dieses geselligen Beisammenseins poetisch auf ihre schwarzweißen Rollfilme.

In China ging es 1985 noch sehr schlicht zu… (Peking, China, 1985, © Barbara Klemm). Die Fotografin steuerte insgesamt 35 Schwarz-Weiß-Fotografien mit Picknick-Szenen aus verschiedenen Ländern bei. 

Aber auch andere künstlerische Aktionen lassen sich in der variationsreichen Schau im Museum für Angewandte Kunst ausmachen wie in dem groß angelegten partizipativen Kunstprojekt BIGNIK der Riklin-Brüder, die seit 2012  in der einstigen Textilregion Appenzell AR-St. Gallen-Bodensee mit Hilfe der Bevölkerung eine überdimensionale Picknickdecke für die ganze Region herstellen.

Nähwerkstatt der BIGNIK-Aktion der Aktionskünstler Frank und Patrik Riklin: Auf der Rampe beim Bahnhof Goldstatt werden die gesammelten Decken auf eine Größe gebracht, damit sie anschließend zu einer Riesen-Picknickdecke ausgelegt werden. Foto der Museumsansicht: Petra Kammann

Oder das „Déjeuner sous l’herbe“ des Eat Art-Künstlers und Nouveau Réaliste Daniel Spoerri. Er hatte im Jahre 1983 hundert Personen aus der Pariser Kunstszene zu einem Picknick-Bankett in den Park des Schlosses Montcel in Jouy-en-Josas an eine eine 40 Meter lange Tafel geladen, zu der Geschirr und Besteck mitgebracht werden sollten. Nach dem Tafeln im Freien ließ er die Überreste dieses Events vor Ort vergraben (daher „sous l’herbe“). Erst 2010 wurden Teile von Spoerris Aktion als erstes zeitgenössisches Kunstwerk von Archäologen wieder ausgegraben. Ein vom Künstler angefertigter Bronzeabguss der Ausgrabungsobjekte ist in der Ausstellung ebenso zu bestaunen wie eine Fotodokumentation von BIGNIK.

Auch historisch ist die variationsreiche Ausstellung interessant und lehrreich. So steht  in einer Ecke das Tor vom Stacheldrahtzaun des Eisernen Vorhangs sowie ein halber Trabi, der, stehen gelassen bei der Flucht am 19. August 1989 nach Österreich, an ein Ereignis im ungarischen Sopron erinnert, nämlich an das „Paneuropäische Picknick“, an dem  die ersten DDR-Bürger den Zaun, der sie vom Westen abtrennte, überwanden – weil niemand sie mehr aufhielt und auf sie schoss!

Die Spanne des Dargestellten ist äußerst breit. Sie verweist sowohl auf ungewöhnliche Aspekte der Picknick-Kultur wie auf den Frankfurter Wäldchestag oder auf die einmalige Sperrung des Ruhrschnellwegs im Jahre 2010, als die Metropole Ruhr auf diese Weise zum Kulturhauptstadtevent zusammenfand wie auch auf Traditionen in anderen Erdteilen. Da wirft die Ausstellung einen Blick auf den Totentag in Mexiko, wo in einem mehrtägigen Fest auf den Friedhöfen zwischen tanzenden Skeletten gepicknickt wird.

Fondueland Gstaad, Riesen-Caquelon, Installation in der Ausstellung Picknick-Zeit, 2017, Foto: Anja Jahn, © Museum Angewandte Kunst, Frankfurt am Main

Und wenn dann am 1. August 2017  die Schweiz ihren 726. Geburtstag feiert, lädt das Schweizer Generalkonsulat in Frankfurt am Main in Kooperation mit dem Museum für Angewandte Kunst und Gstaad Saanenland Tourismus zu einem gemeinsamen Picknick in den Museumspark ein, wo auch das Riesen-Caquelon unübersehbar ist. Da werden dann im Metzlerpark kulinarische Besonderheiten aus der Schweiz wie Biokäse-Raclette aus der Region Gstaad oder Schweizer Wein, Bier oder helvetische Limo aus Milchserum zum Selbstkostenpreis angeboten.

Ob man sich am Main dann wie in den Alpen fühlt, wird man sehen oder besser hören, wenn nämlich das Alphorn-Duo Alpcologne zu jeder vollen Stunde und zu jeder halben Stunde ertönt.

Als besonderes Geschenk an Frankfurt ist der Eintritt in das Museum während der Öffnungszeit von 10 Uhr bis 18 Uhr für alle Besucherinnen und Besucher frei.

Im Rahmenprogramm der Schau „Picknick-Zeit“ und in Kooperation mit dem Deutschen Filmmuseum lädt das Museum Angewandte Kunst im August zu einer thematischen Filmreihe ein. In den fünf ausgewählten Filmen spielt das Picknick eine Schlüsselrolle: Sie zeigen die Lust und Sinnlichkeit, die kollektive Vergnügtheit oder aber das komische Misslingen der Mahlzeit in der Natur. Neben zwei Klassikern von Jean Renoir führen die Filme nach England Anfang des 19. Jahrhunderts, folgen dem geheimnisvollen Ausflug australischer Schülerinnen Anfang des 20. Jahrhunderts oder zeigen den Konflikt des französischen Bürgertums mit dem Leben in freier Natur im Mai 1968.

Den Auftakt der Reihe bildet am 2. August um 18 Uhr der impressionistische Film „Eine Landpartie“ von Jean Renoir aus dem Jahr 1936. Eine junge Frau aus Paris erlebt bei einem Tagesausflug aufs Land ihre erste Liebe. Renoir gelang es eindrucksvoll, die literarische Vorlage von Guy de Maupassants mit viel Liebe zum Detail nachzugestalten. 

Veranstaltungsort ist das Deutsche Filmmuseum.