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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Alle Artikel zu Schauspiel

Das New Yorker Lincoln Center Festival: Theaterschwerpunkt auf Kompanien aus dem Nahen Osten

2017, August 2.

Das Lincoln Center Festival in New York gibt es seit nunmehr 50 Jahren. Es zeigt herausragende Produktionen aus Tanz, Theater und Musik. In diesem Jahr hat das Festival seinen Theaterschwerpunkt auf Kompanien aus dem Nahen Osten gelegt. Künstler aus Israel, aus dem Maghreb, aus Syrien sind zu Gast.

Ein Beitrag aus New York von

Simone Hamm

In „To The End of The Land“:  Efrat Ben Zur und Dror, Performance Images_credit Stephanie Berger 

Aus Israel kommt „To the End of the Land“. 60 amerikanische Künstler hatten gegen die Gemeinschaftsproduktion des Ha`Bima National Theaters und des Cameri Theaters protestiert – sie wollten das Stück boykottieren und trafen damit die Falschen. Der israelische Schriftsteller David Grossman, dessen Roman die Vorlage für das Theaterstück bildete, ist Friedensaktivist. Noch während David Grossmann an seinem Roman „To the End of the Land“ – „Eine Frau flieht vor einer Nachricht“ arbeitete, starb sein Sohn bei einem Militäreinsatz im Libanon.

„To the end of the Land“ ist eine kritische Auseinandersetzung mit der israelischen Politik. Denn selbst eine Liebesgeschichte kann in Tel Aviv nicht völlig unpolitisch sein.

„To The End of The Land“ Dror Kern und Amnon Wolf, Foto: Gérard Allon

Ein junger Mann meldet sich freiwillig zu einem Militäreinsatz im Westjordanland. Seine Mutter befürchtet, dass ihr Sohn fallen wird. Diese Nachricht will sie nicht hören. Sie flieht, macht sich mit ihrem Geliebten auf in die Berge. Hanan Snir hat nun den Roman „To the end of the Land“ fürs Theater adaptiert.

David Grossman ist nach New York gekommen, um seine Geschichte im Theater zu erleben, die Geschichte von einer Frau, die verzweifelt versucht, so etwas wie Normalität oder gar Privatheit im Krieg herzustellen. David Grossmann sagt, er wolle mit seiner Protagonistin eine Frau darstellen, welche die zerbrechliche Realität einer Familie schaffen wolle – und das inmitten von Gewalt und Brutalität. Er wollte die Intimität einer Familie, die Zärtlichkeit der Beziehung zwischen Brüdern, zwischen Mann und Frau zeigen.

Reham Kassar and Mohammad Alrefai, Foto: Stavros Habakis

Auch das syrische Stück: „While I was waiting“ von Mohammad al Attar ist im privaten Bereich angesiedelt. Ein junger Mann liegt in einem Krankenhausbett. Seine Mutter sitzt neben ihm. Taim ist an einem Checkpoint von syrischen Geheimpolizisten ins Koma geprügelt worden.

Das Koma, so der Autor Mohammad al Attar, sei eine brillante Metapher für Syrien. Denn das Syrien von heute liege in einer Grauzone zwischen Leben und Tod. Zwischen Hoffnung und Verzweiflung. Zwischen Agonie und einer bitteren Zukunft.

Taims Schwester, seine Freundin, ein Freund kommen zu Besuch. Dann klettert Taim auf ein Gerüst. Von dort beobachtet er – zusammen mit einem anderen Folteropfer, einem DJ, die Szene. Das wirkt sehr eindrücklich, bisweilen geradezu gespenstisch.

Der syrische Regisseur Omar Abusaada

In „While I was waiting“ läßt Regisseur Omar Abusaada alle Akteure ständig auf der Bühne und damit will er das Thema „Überwachung“ in Syrien ansprechen. In diesem Stück beachtet jeder jeden.

In Rückblenden wird die Geschichte von Taim erzählt, er ist Filmemacher. Der Syrienkrieg beherrscht das Leben der Protagonisten. Dokumentarfilmaufnahmen von Demonstrationen in Damaskus werden gezeigt. Die ultimativen Fragen sind: Ins Exil gehen? Bleiben? Theater spielen oder Filme machen?

Doch Al Attar zeigt keine Kriegsgräuel. Sein Syrien ist ein anderes Syrien als das, was da täglich via CNN oder über die Tagesschau in die Wohnzimmer flimmert. Er zeigt eine ganz und gar durchschnittliche Mittelstandsfamilie mit ganz normalen Wünschen und Sorgen: eine unglückliche Ehefrau, eine aufmüpfige Tochter, einen Sohn, der noch nicht so genau weiß, was er will und das Elternhaus flieht, einen Joint rauchenden Freund. In den Zeiten des Krieges ist diese „Normalität“ beeindruckend. Die Schauspieler stellen sie ganz behutsam dar. Bisweilen treten sie geradezu lässig auf, bisweilen gedankenverloren.

Es hat jedoch lange gedauert, bis die Schauspieler ihre Einreisegenehmigung erhalten haben. Einige von ihnen leben schon länger in Europa, andere im Libanon, der Autor des Stückes Mohammad al Attar in Berlin, während der Regisseur Omar Abusaada in Damaskus geblieben ist. Dem Lichtdesigner wurde es ohne Angabe von Gründen nicht gestattet, in die USA zu kommen. Trumps neues Einwanderungsgesetz zeigt bereits Wirkung.

Autor Mohammad al Attar kritisiert, dass bei der Berichterstattung über Syrien das ganz normale Leben der Syrier kaum Beachtung findet. Er aber will betonen, dass Syrer nicht nur Opfer, Flüchtlinge, Kämpfer, Warlords, Terroristen, Waisenkinder sind. Sie sind zuallererst einmal Menschen.

Mohammad al Attar hat mit „While I was waiting“ auch ein Drama über das Scheitern geschrieben. Dem Scheitern des Staates Syrien, dem Scheitern der Opposition, dem Scheitern einer Familie. Die Bühnenfigur Taim ist ohne Hoffnung. Seine Familie hingegen versucht, Momente der Hoffnung zu finden in dieser überwältigenden Agonie der Dunkelheit – Menschen, die im dunklen Walde pfeifen.

Anders kann man offenbar in Syrien nicht leben. Das zeigen Mohammad al Attar, Omar Abusaada und das Ensemble von „While I was waiting“ auf höchst eindrückliche Weise.

Alle Fotos wurden großzügigerweise vom Lincoln Center Festival zur Verfügung gestellt. 

Zur Debatte um die Zukunft von Schauspiel/Oper in Frankfurt

2017, Juni 28.

Schock? – Chance!

Ein Zwischenruf von Uwe Kammann 

DANKE FRANKFURT FÜR 8 GLÜCKLICHE THEATERJAHRE: Riesengroß der Schriftzug am Frankfurter Schauspielhaus. Er markiert das Ende der Intendanz Oliver Reeses am Main, vor dem Wechsel an die Spree. Die Abschiedsparty, so die Bekundungen, war fröhlich, ausgelassen. Und die Bilanz: allenthalben positive Stimmen.

Optisches Dankeschön zum Abschied von Oliver Reese (Fotos: Uwe Kammann)

Ein Abschied, der zusammenfällt mit einer Debatte, die schon einige Jahre nicht nur die Insider beschäftigt, die aber erst jetzt, mit der Vorlage eines Gutachtens, kräftig Fahrt aufgenommen und viel Wirbel ausgelöst hat. Wobei, keine Frage, der Aussagekern der nun vorliegenden Machbarkeitsstudie einem schon den Atem verschlagen kann. Denn auf sage und schreibe gut 900 Millionen Euro schätzen die Autoren die Kosten, die für die bauliche Zukunft von Schauspiel und Oper zu veranschlagen sind. Und dies ganz unabhängig von den Modellen, die denkbar sind.

Sie reichen von der Sanierung beider Häuser – die in der bürokratisch getauften Theaterdoppelanlage am Willy-Brandt-Platz wie siamesische Zwillinge verbunden sind – bis zum Abriss beider Einrichtungen und zum Neubau an anderer Stelle. Auch hier wieder mit Variationen. So ist weiter ein gemeinsames Haus denkbar, ebenso aber eine klare Trennung mit zwei neuen Bauten. Dabei kämen verschiedene Standorte in Frage.

Wobei weiter zu überlegen ist: Wie lässt sich das jetzige Doppelhaus mit der gemeinsamen, verbindenden Fassade überhaupt sanieren: bei laufendem Betrieb oder besser mit einem zeitweiligen Umzug von Theater und Oper, also einer Auslagerung an andere Spielorte? Ist es günstiger, dies für beide Häuser gleichzeitig zu praktizieren, oder geht es besser Zug um Zug? Und: Wohin könnte man in der Zwischenzeit ausweichen, wie lange würde die Interimslösung dauern? Und was wäre dafür an Kosten zu veranschlagen?

Jede Frage, die beantwortet wird, wirft mindestens drei neue auf. Das alles steht unter den großen Fragezeichen: Welche Maßnahmen sind unbedingt notwendig, welcher Aufwand scheint dafür angemessen? Welcher Stellenwert – und damit: welcher Wert – wird dem Theater beigemessen? Und schließlich: In welchem Zeitraum soll die Aufgabe bewältigt werden, die städtischen Großbühnen zukunftsfähig zu machen?

Ist der gegenwärtige Zustand wirklich so schlecht?

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Oliver Reese geht – Anselm Weber kommt

2017, Juni 23.

Reese: „Es waren acht glückliche Theaterjahre. Wir hatten eine tolle Zeit.“
Publikumslieblinge gehen

Von Renate Feyerbacher

Am 24. Juni 2017, verabschiedet sich Oliver Reese mit „One Song for the Road – ein musikalischer Rückblick auf acht Jahre Intendanz“ vom Frankfurter Publikum. Zwei Monate zuvor hatte er Bilanz gezogen: 1.375.000 Besucher haben in den Jahren von 2009 bis heute die Sprechtheater besucht. Das ist ein Zuwachs von 61 Prozent. Auch die Einnahmen konnten um 150 Prozent gesteigert werden. 255 Premieren – ohne die „Box“ – mit 5.250 Vorstellungen in Frankfurt und 150 Gastspielen ausserhalb der Stadt gab es.

So manche hatten ihn anfangs bedauert. Frankfurt sei schwierig, das Publikum verstockt, die finanzielle Situation angespannt und Querelen alltäglich. Reese, der seinen Intendantenposten am Deutschen Theater in Berlin aufgegeben hatte, verhehlt nicht, dass der Anfang schwierig war. Für jede Anschaffung habe angefragt werden müssen. Das wurde jedoch geändert und habe ihn mit Opernintendant Bernd Loebe gleichgestellt.

Foto: Oliver Reese am 6. Juni 2017. In Reeses Ära wurden ein Schauspiel-, ein Regie- und ein Autorenstudio gegründet; Foto: Renate Feyerbacher Weiterlesen

Der Rosenkavalier an der New Yorker MET

2017, Mai 7.

Sebastian Weigle steht am Pult. Neben Renée Fleming ist die Besetzung deutsch und österreichisch. Günther Groissböck singt den Ochs, Markus Brück den Faninal.

Von Simone Hamm

Renée Fleming als Marschallin in Strauss’s Der Rosenkavalier. Photo by Ken Howard/Metropolitan Opera

Renée Fleming ist die Marschallin, die Frau eines österreichischen Prinzen und Offiziers, ihr junger Liebhaber Octavian. Sie sagt ihm voraus, dass er sie bald verlassen wird für eine Jüngere, Schönere. Ihr Cousin Baron Ochs (Günther Groissböck) stürmt herein, ein lüsterner, gieriger Rüpel. Er erzählt ihr, dass er die junge, neureiche Sophie heiraten will – Geld gegen Adel – und einen Rosenkavalier sucht, der Sophie in seinem Namen eine silberne Rose überbringen soll. Die Marschallin schlägt Octavian vor, eine fatale Entscheidung: ein Blick und Sophie und Octavian haben sich ineinander verliebt.

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Gertrud-Eysoldt-Ring und Kurt-Hübner-Regiepreis 2016

2017, April 21.

Gertrud-Eysoldt-Ring 2016 an Schauspielerin Jana Schulz
Kurt-Hübner-Regiepreis an Alexander Eisenach

Von Renate Feyerbacher

Die Crème de la Crème der Theaterleute kam im März 2017 nach Bensheim, wo zum 31. Mal, seit 1986, der Gertrud-Eysoldt-Ring für außergewöhnliche schauspielerische Leistungen verliehen wurde. Der Preis, den die Stadt Bensheim zusammen mit der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste vergibt, ist mit 10.000 Euro dotiert und nach der Schauspielerin und Regisseurin Gertrud Eysoldt (1870-1955) benannt, die in Berlin, in München und an Theatern anderer Städte spielte. Der Stifter des Preises, der Theaterkritiker Wilhelm Ringelband (Johanna-, Friedrich Wilhelm- und Will-Ringelband-Stiftung), war ihr eng verbunden. Theaterfrau und Kritiker pflegten einen intensiven Briefwechsel.

Jana Schulz, 1977 in Bielefeld geboren, ist die neue Preisträgerin. Sie erhielt den Ring für ihre Rolle als Rose Bernd im gleichnamigen Stück von Nobelpreisträger Gerhard Hauptmann (1862-1946). Das naturalistische Drama (1903) hatte 2015 am Schauspielhaus Bochum Premiere.

Die Jury – Wilfried Schulz, Intendant des Düsseldorfer Schauspielhauses, Marion Tiedtke, Ausbildungsdirektorin und Professorin für Schauspiel an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt am Main, und Stefan Bachmann, Intendant des Schauspiels Köln – begründete ihre Entscheidung: „Jana Schulz sucht mit aller Radikalität, mit kämpferischem Elan und größter Leidenschaft die je eigene Menschlichkeit ihrer Figuren. Sie sprengt in den vielen weiblichen und männlichen Hauptrollen die Grenzen jedes gendergebundenen Spiels. Sie ist in den letzten Jahren zu einer der ausdrücklichsten, wandelbarsten und wahrhaftigsten Schauspielerinnen geworden.“

Professor Hans-Jürgen Drescher, Präsident der Akademie der Darstellenden Künste, überreicht Jana Schulz die Preisurkunde

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