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FeuilletonFrankfurt

Das Online-Magazin von Erhard Metz

Alle Artikel zu Schauspiel

„Qualitätskontrolle“ von Rimini Protokoll im Mousonturm Frankfurt

Montag, 23. November 2015

Kopfüber ins Nichtschwimmerbecken
Rimini Protokolls „Qualitätskontrolle“ gastiert im Dezember 2015 im Mousonturm

Von Dietmar Zimmermann

Die Bühne deutet die Architektur eines Swimmingpools an. Die heute 40jährige Maria-Cristina Hallwachs hatte gerade ihr Abitur gemacht, als sie zu Pfingsten 1993 voller Lebenslust kopfüber in den Pool sprang. Leider an der falschen Seite. Im Kinderbecken betrug die Wassertiefe 50 Zentimeter.

„Heute fangen wir mit dem Ende an“, sagt Maria-Cristina Hallwachs: „Mit dem Tod.“ Der sei unspektakulär: „Kein Königinnenmord, nicht triumphal, nicht hässlich. Einfach ein Resultat.“ Und immer präsent: 22 Jahre nach dem Unglück wird Maria-Cristina Hallwachs immer noch künstlich beatmet; sie ist vom Kopf abwärts querschnittsgelähmt und niemals allein. 24 Stunden lang ist ein Pfleger oder eine Pflegerin um sie herum. In Frankfurt werden Sie am 5. und 6. Dezember Timea Mihályi sehen, die ihr Temperament nur mühsam zügeln kann. Sie steht gemeinsam mit ihrer Patientin in einem der wichtigsten, aber auch der emotional berührendsten Theaterabende der letzten Jahre auf der Bühne im Mousonturm. Das heißt: Maria-Cristina Hallwachs steht nicht – sie kann nur noch sitzen, ist an den Rollstuhl gefesselt. Der Schreiber dieser Zeilen sah die im Juni 2013 am Schauspiel Stuttgart uraufgeführte Inszenierung beim Stücke-Festival 2014 in Mülheim an der Ruhr, und damals musste ein zweiter Pfleger, der gelassene, zugewandte und mit einem milden Humor ausgestattete Admir Džinic Maria-Cristina die Nase putzen. Timmy klebte ihr das Pflaster neu, das den Schlauch für die Zufuhr von Atemluft festhält. Alltagseinsätze – für eine Frau, die ohne Hilfe nicht mehr lebensfähig wäre. Würden wir so leben wollen?

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Rimini Protokoll, „Qualitätskontrolle“, Bildnachweis: Künstlerhaus Mousonturm Frankfurt am Main, Foto © Cecilia Gläsker

Wer die Frage vor Beginn der Aufführung verneint, könnte zum Umdenken gezwungen werden. Weiterlesen

25 Jahre Shakespeare-Festival: das Globe Theatre Neuss nach dem Vorbild des Londoner Shakespeare-Theaters

Freitag, 8. Mai 2015

„Was ihr wollt“ und „Wie es euch gefällt“ … im rheinischen „Wooden O“
25 Jahre Shakespeare-Kosmos in einer der ältesten Städte Deutschlands, in Neuss. Das kommende Festival findet vom 28. Mai bis zum 27. Juni 2015 statt. Ein Bericht von

Petra Kammann

Auf Londons Southbank wurde die Rekonstruktion des Shakespearean Globe Theatre 1987 eröffnet. Dort kann man nicht nur einen herrlichen Blick auf die Themse genießen, sondern nebenbei noch etwas über Shakespeare und das elisabethanische London, in dem der Dichter lebte und arbeitete, erfahren. In einer Ausstellung wird dort Shakespeares Welt wieder zum Leben erweckt – und mit einer Reihe interaktiver Ausstellungsstücke und Live-Präsentationen bereichert.

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Shakespeare-Büste vor dem Globe in Neuss, Foto: Christoph Krey

Die Konstruktion des Globe, in Form eines hölzernen O („The wooden O“) war der Urform des antiken Amphitheaters nachempfunden, welche sich durch den unmittelbaren Kontakt von Schauspielern und Zuschauern auszeichnet. Der Begriff Globe sollte den neuen Weg, die Welt als Ganzes vorzustellen, dokumentieren. Von der Tribüne und den zwei übereinander gebauten Rängen ließ sich das Bühnengeschehen vom Publikum unmittelbar verfolgen ganz nach Shakespeares Maxime: „Die ganze Welt ist eine Bühne und alle Fraun und Männer nichts als Spieler“. Ganz „Wie es euch gefällt“. Weiterlesen

„Patentöchter“ am Stadttheater Gießen

Montag, 7. Dezember 2015

Eine Reflexion über Schuld und Verantwortung am Beispiel des RAF-Mordes an Jürgen Ponto

Von Dietmar Zimmermann

Furchtbar banale Sätze sind es manchmal, die sich in das kollektive Gedächtnis einer Generation eingraben. Denn furchtbar banale Sätze haben manchmal furchtbare Konsequenzen. „Hier ist die Susanne“ ist solch ein Satz, der bei der Generation Ü60 noch heute ein Unwohlsein, wenn nicht gar Anflüge von Panik hervorruft. „Hier ist die Susanne“, hatte die RAF-Terroristin Susanne Albrecht am 30. Juli 1977 durch die Sprechanlage gerufen, und prompt öffneten sich die Türen zur Villa von Jürgen Ponto, dem Vorstandssprecher der Dresdner Bank und Patenonkel ihrer Schwester. Brigitte Mohnhaupt und Christian Klar ziehen ihre Waffen und eröffnen das Feuer. Sekunden später ist Ponto tot. Albrechts Satz aber wird zur Metapher für einen erschütternden Anschlag auf Vertrauen, Moral und Anstand.

Im Spotlight, mitten auf der Spielfläche der taT-Studiobühne des Theaters Gießen liegt ein Blumengebinde. Ein Rosenstrauß, ähnlich demjenigen, hinter dem die Terroristen ihre wahren Absichten verbargen. Vielleicht aber auch schon ein Gebinde für Jürgen Pontos Trauerfeier. „Für die RAF war er das System, für mich war er der Vater“, hören wir Petra Soltau als Corinna Ponto sagen. Corinna ist die Tochter des Mordopfers, und auch sie war eine Patentochter, nämlich die von Susanne Albrechts Vater Hans-Christian. Zwanzig Jahre alt war sie, als ihr Vater den Terroristen zum Opfer fiel; Julia Albrecht, Jürgen Pontos Patentochter, war dreizehn. Ihre Lieblingsschwester hatte den Mördern den Zugang zum Haus verschafft, aber Julia war sich sicher: „Die Susi hat nicht geschossen!“ Recht hatte sie, doch wie skrupellos Susanne den Lockvogel gespielt hat, welcher Gehirnwäsche sie aber auch von ihren Terror-Compañeros unterzogen worden war, lässt sich den Gerichtsprotokollen entnehmen.

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(von links) Petra Soltau (Corinna Ponto), Carolin Weber (Julia Albrecht), Foto © Katrina Friese

Die Albrechts und die Pontos waren ziemlich beste Freunde. Nach dem Attentat war das Band zwischen den Familien zerschnitten. Bei Albrechts hat jedes einzelne Familienmitglied den Fall individuell verarbeitet. Weiterlesen

„Transit“ von Anna Seghers – ein Projekt im Theater Willy Praml

Dienstag, 6. Oktober 2015

Damals – heute – morgen: ein Menschheitsthema

Von Renate Feyerbacher

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Foto: Renate Feyerbacher

„Transit“ heisst der Roman, den Anna Seghers 1940/1941 in Marseille begann und im mexikanischen Exil vollendete. Regisseur, Autor und Schauspielpädagoge Paul Binnerts hat eine Bühnenfassung erarbeitet, die im Theater Willy Praml in der Naxos-Halle gezeigt wird. Eingebunden ist das Projekt in den Themenschwerpunkt „Transit 2015-2017“ des Kulturfonds Frankfurt RheinMain.

Transit – Durchreise. Ein alltägliches Geschehen? Ja und Nein! Derzeit nimmt sie an Dramatik zu. Transit erhoffen sich hunderttausende Flüchtlinge durch Ungarn, Slowenien, Kroatien. Sie wollen nach Österreich, nach Schweden, vor allem aber nach Deutschland, wo sie aufgenommen werden und bleiben wollen. Sie kommen vor allem aus dem Kriegsgebiet Syrien, sie kommen aus Afghanistan, aus Eritrea, aber auch aus osteuropäischen Ländern. Das Theaterprojekt „Transit“ hat eine aufrüttelnde Aktualität. Die Geschichten wiederholen sich heute.

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Theater Willy Praml und Wu Wei Theater: „Transit“, Ensemble, Foto © Seweryn Zelazny Weiterlesen

Der Angriff der Killer-Köter: „Die Show“ am Schauspiel Dortmund

Montag, 12. Oktober 2015

Von Dietmar Zimmermann

Im Dezember 2014 stellte sich der Dortmunder Schauspiel-Intendant Kay Voges zum ersten Mal am Schauspiel Frankfurt vor. Renate Feyerbacher hat an dieser Stelle seine Inszenierung von Tennessee Williams‘ „Endstation Sehnsucht“ rezensiert und beschrieben, wie die riesigen Leinwände, auf denen das Geschehen live übertragen wurde, die kleinen Schauspieler auf der Bühne zu erdrücken drohten. Dieser Effekt war durchaus gewollt. Seit Jahren experimentiert Kay Voges am Schauspiel Dortmund mit der Verschmelzung von Film und Theater. In einer langen Reihe von unterschiedlichen Versuchen zu diesem ästhetischen Ansatz ist der jüngste Coup des Regisseurs am Schauspiel Dortmund einer der konventionelleren. Aber er gerät auch zu einem der unterhaltsamsten Abende seit langem, der auch eher weniger theateraffine Zuschauer ansprechen wird.

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Julia Schubert und Frank Genser in: „Die Show“ am Theater Dortmund; Foto © Birgit Hupfeld

Erinnern Sie sich noch an Wolfgang Menges „Millionenspiel“? Im Jahre 1970 war es, als die so zynische wie visionäre Parodie einer Fernseh-Show über die damals noch sehr biedere Kost gewöhnten bundesdeutschen Mattscheiben flimmerte. In der (fiktiven) Show gab es für den Kandidaten den damals ungeheuerlichen Betrag von einer Million D-Mark zu gewinnen. Voraussetzung: Er musste eine einwöchige Jagd durch ein Killer-Kommando überleben, das im Falle eines erfolgreichen Blattschusses selbst die Million unter sich aufteilen durfte. Wenige Tage nach der Ausstrahlung der Satire hatten sich mehrere Bewerber beim WDR gemeldet, die für eine Million ihr Leben aufs Spiel setzen wollten … Weiterlesen