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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Alle Artikel zu Oper

„Rigoletto“ von Giuseppe Verdi an der Oper Frankfurt

2017, März 23.

Ein Narr in der Welt des Irrsinns, bewohnt von Elenden –
Gilda, zur Madonna stilisiert

Von Renate Feyerbacher
Fotos: Monika Rittershaus / Oper Frankfurt und Renate Feyerbacher

Rigoletto“, ein Renner auf den Opernbühnen, hatte am 19. März 2017 an der Oper Frankfurt eine umjubelte Premiere – durchsetzt durch einige Buhrufe für das Regieteam.

Bei der Ouvertüre kniet Rigoletto auf einer Betbank vor einem kleinen Hausaltar. Massig mit wuchtigem Umhang und tiaraförmiger Narrenkappe. Er steht auf, nimmt das Marien-Bild aus dem vor ihm stehenden Rahmen und verspeist es. Masslosigkeit und Herrschaftsanspruch sind spürbar. Dramaturg Zsolt Horpácsy nennt Rigoletto einen „Beauftragten Gottes“, und für Regisseur Hendrik Müller ist er ein „selbsternannter Mann der Kirche“ (Oper extra). Arrigo Boito, Komponist und Librettist, bezeichnet seinen Freund Giuseppe Verdi als grossen Christen „im idealen, moralischen und sozialen Sinn“, nicht aber „im strengen Wortsinn theologischer Hinsicht als Katholik“ (Zitat Programmheft).

Dieser Sicht ist das kathedrale Bühnenbild geschuldet, das gleichzeitig die Mauer um den Herzogpalast bedeutet und durch das Lichtspiel von Jan Hartmann verändert wird. Käfigähnliche „Aufzüge“ rechts und links bewegen sich auf und ab und transportieren sowohl den Herzog als auch die weiblichen Opfer. Es bleibt nicht bei dem Einheitsbühnenbild, das Bühnenbildner Rifail Ajdarpasic ablehnt. In einer Sackgasse liegt Rigolettos Wohnung, wo er seine Tochter Gilda versteckt hält, bewacht von einer verräterischen Gouvernante (Nina Tarandek). Das Wohnungs-Plateau schwebt in das kathedrale Bühnenbild hinein, hat grosse gläserne Flügeltüren, die aufklappbar sind. Gilda steht zunächst die Hände an die Scheiben gepresst und blickt nach draussen. Ein starkes Bild ihres Gefangenseins. Als der Vater erscheint, wird eine Treppe herabgelassen und wieder hochgezogen. Später gelangen der vermeintliche Student alias Herzog und die Entführer über eine eilig herangeschobene Wendeltreppe in Rigolettos Wohnung. An diesem Vorgängen haben sich nach der Aufführung einige Kritiker gestört – dennoch ist das eine Lösung. Auch das christliche Stilleben verstörte und lenkte von Rigolettos starkem Auftritt ab.

oben v.l.n.r. Nina Tarandek (Giovanna) und Brenda Rae (Gilda), vorne v.l.n.r. Iurii Samoilov (Marullo), Mikołaj Trabka (Ceprano), Michael McCown (Borsa) und Quinn Kelsey (Rigoletto) sowie im Hintergrund Ensemble; Foto © Monika Rittershaus Weiterlesen

Hector Berlioz: „Die Trojaner“ an der Oper Frankfurt

2017, Februar 23.

Tod zweier starker Frauen und Untergang ihrer Städte –
zwei fantastische Mezzosopranistinnen des Ensembles

Von Renate Feyerbacher
Fotos: Barbara Aumüller / Oper Frankfurt

Nach über 30 Jahren war die Grand Opéra in fünf Akten von Hector Berlioz wieder an der Oper Frankfurt zu sehen. Gefeiert wurde das Sängerteam bei der Premiere am 19. Februar 2017.

Hector Berlioz (1803 – 1869) war es nicht vergönnt, zu Lebzeiten eine vollständige Aufführung seiner Oper zu erleben. Es hat über 100 Jahre gedauert bis zur ersten vollständigen Gesamtaufführung an der Scottish Opera Glasgow (1969). Die Gesamtpartitur hatte bereits 1890 in Karlsruhe ihre Weltpremiere erlebt.

Schon als Kind las Berlioz, Sohn eines Arztes, unter anderem Texte von Goethe, Shakespeare und das Heldenepos „Aeneis“ des römischen Dichters Vergil (70 – 19 v. Chr.), der als Führer in der Unterwelt Dantes Werk (Divina Commedia) beeinflusste. Die Geschichte um den Trojanischen Krieg wirkte nachhaltig ein auf die Literatur des Mittelalters. Sie ist gleichsam eine Ansammlung menschlicher Gefühle und ihrer Folgen: Liebe, Hass, Verrat, Triumph, Täuschung, Verfluchung. Die „Aeneis“ erzählt von den Irrfahrten des Aeneas, Sohn der Venus, seiner Flucht aus Troja, seiner Ankunft im nordafrikanischen Karthago, wo Königin Dido regiert, und schliesslich von der Ankunft in Rom. Er wird der Stammvater Roms genannt. Dieser mythologische Stoff liess Berlioz zeitlebens nicht mehr los. Sein Vorname Hector, der gefallene Held der Trojaner, lässt auf seine Eltern schliessen. Der Komponist, der gerne in Deutschland auf Konzertreisen ging, wo seine Werke besonders geschätzt wurden, wurde durch Prinzessin Carolyne von Sayn-Wittgenstein in Weimar ermutigt, „Les Troyens“ („Die Trojaner“), sein letztes grosses Werk, in Angriff zu nehmen. Berlioz, der auch ein brillanter Schriftsteller war, schrieb das Libretto selbst nach Teilen aus den zwölf Büchern des Vergil.

In der Sekundärliteratur wird vom Dichterkomponisten gesprochen. „Die Synthese von Text und Musik ist perfekt“ … „Die Musik ist gleichsam der Dialog, den der Komponist mit seinem Text führt“ (Zitate aus „Berlioz, der Trojaner“ von Hermann Hofer im Programmheft).

vorne v.l.n.r. Martin Dvořák (Tänzer) und Tanja Ariane Baumgartner (Cassandre) sowie im Hintergrund Chor und Extrachor der Oper Frankfurt mit Chorgästen; Foto © Barbara Aumüller Weiterlesen

„Ernani“ von Giuseppe Verdi konzertant an der Oper Frankfurt

2017, Januar 22.

Rettung und Katastrophe – Ein Sängerfest

Von Renate Feyerbacher
Fotos: Wolfgang Runkel / Oper Frankfurt

Nur noch einmal, am heutigen Sonntag, 22. Januar 2017, wird Verdis Oper, die in Frankfurt vor zwei Tagen ihre konzertante Erstaufführung hatte, dargeboten: ein umjubelter Opernabend dank der ausgezeichneten Sängerriege, einem hervorragenden Frankfurter Opern- und Museumsorchester unter Leitung von Simone Young und einem stimmgewaltigen Chor (Einstudierung Tilman Michael).

Eine konzertante Aufführung ist nicht jedermanns Sache, hat aber den Vorteil, dass man sich ganz auf das Musikalische und das Interpretatorische konzentrieren kann. Durch eine szenische Umsetzung hätte der komplexe Inhalt natürlich besser verstanden werden können, zumal die deutschen Übertitel der italienisch gesungenen Partien nicht von allen Plätzen aus lesbar sind – so die Klage einer Dame in der Pause.

Ernani (Oper Frankfurt, 2017)

vorne v.l.n.r.: Tilman Michael (Chordirektor), Ingyu Hwang (Don Riccardo), Kihwan Sim (Don Ruy Gomez de Silva), Franco Vassallo (Don Carlos), Simone Young (Musikalische Leiterin), Alfred Kim (Ernani), Elza van den Heever (Elvira), Maria Pantiukhova (Giovanna) und Thomas Faulkner (Jago) sowie im Hintergrund das Frankfurter Opern- und Museumsorchester und den Chor der Oper Frankfurt; Foto © Wolfgang Runkel
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„Xerxes“ von Georg Friedrich Händel an der Oper Frankfurt

2017, Januar 12.

Krankhafter Liebeskummer, Chaos, Intrigen, Verkleidung – eine königlich-durchgeknallte Gesellschaft

Von Renate Feyerbacher
Fotos: Barbara Aumüller / Oper Frankfurt

Die Oper ist eine der letzten und eine der meistgespielten des Komponisten. Am 8. Januar 2017 hatte sie Premiere in Frankfurt am Main. Es war eine umjubelte Erstaufführung – anders als bei der Uraufführung 1738 in London. Händel hatte „Xerxes“ nach seinem Aufenthalt in Aachen, wo er sich nach seinem Schlaganfall wieder erholt hatte, komponiert. Gefiel den Londonern diese neue Sicht auf die Gesellschaft nicht? Denn die Musik hat mehr zu bieten als das gleich zu Beginn nach der Ouvertüre gesungene Largo (Larghetto) „Ombra mai fu“ des Titelhelden, auch heute immer wieder zu hören. Ein Liebeslied an eine Platane, um deren Vergänglichkeit er bangt. Danach geht es aber rund: Xerxes demonstriert Macht. Eine Brücke zwischen Asien und Europa hat der persische Herrscher errichten lassen. Die Historie weiss, dass Xerxes den Brückenschlag nicht schaffte. Dennoch „Jubelchöre“ auf der Bühne – Missverständnisse musikalisch und inhaltlich.

Von Anfang an zeichnet sich die Einsamkeit in Sachen Liebe der sieben handelnden Personen ab sowie ihr Misstrauen gegeneinander, ihre Eifersucht, ihre Angst vor Xerxes.

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Gaëlle Arquez (Xerxes; in schwarzem Anzug) und Elizabeth Sutphen (Romilda); Foto © Barbara Aumüller Weiterlesen

„Eugen Onegin“ von Peter I. Tschaikowski an der Oper Frankfurt

2016, November 25.

Der Traum vom Märchenprinzen. Keine Versöhnung

Von Renate Feyerbacher
Fotos: Barbara Aumüller / Oper Frankfurt und Renate Feyerbacher

Die Begeisterung für die Sängerinnen und Sänger sowie für die Musiker nach der Premiere von Peter I. Tschaikowskis Werk „Eugen Onegin“ am vergangenen Sonntag wurde lediglich durch einige Buhrufe für die Inszenierung getrübt.

Während des Vorspiels blickt die Amme Filipjewna zum Publikum. Unheil ahnend? Dann werden die hohen Gitterelemente, die ein Gefängnis anzudeuten scheinen, aufgeschoben. Hoch oben kyrillische Leuchtschrift: „Wir werden gehen, uns küssen, altern …“ (Anna Achmatowa). Auf aufgetürmten Stühlen – entfernt von den andern – sitzt Tatiana, liest und träumt. Ihre lebensfrohe Schwester Olga spielt mit den Kindern; die Amme sitzt stickend abseits und erinnert sich mit Larina, Mutter der Mädchen, an die Liebesqualen, die diese als junge Frau erdulden musste. Das Zukünftige wird bereits vorausgeahnt. Dieses Frauen-Quartett ist eine musikalische Wonne.

Später dreht sich die Bühne. Eine Großbäckerei. An vielen Tischen stehen Bäckerinnen und Bäcker und kneten Teig. Der Chor an der Oper Frankfurt entfaltet sein prächtiges Volumen (Chordirektor Tilman Michael). Die reiche Larina, hier nicht Gutsbesitzerin, sondern Unternehmerin, inspiziert die Arbeiten. In diesem Ambiente empfängt sie später Lenski, den Dichter und Nachbar, der seinen Freund Eugen Onegin mitbringt. Lenski zerfliesst in Liebe zu Olga. Onegin, der seine Augen hinter einer Sonnenbrille versteckt, blickt interessiert auf Tatiana, die ihrerseits sich in den Fremden verliebt, in ihm die Erfüllung ihrer Träume sieht. Larina bittet alle in den Salon, wieder dreht sich die Bühne.

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Sara Jakubiak (Tatiana) und Daniel Schmutzhard (Eugen Onegin); Foto © Barbara Aumüller Weiterlesen