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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Alle Artikel zu Darstellende Künste

Das Schloss Clos Lucé, Leonardo da Vinci und Gonzague Saint Bris, der Dandy der Literatur

2017, August 10.

Der französische Autor, Historiker und Journalist Gonzague Saint Bris (1948-2017) ist auf dem Manoir Clos Lucé aufgewachsen, etwa 500 Meter entfernt vom Loireschloss Amboise, der „Wiege der Renaissance in Frankreich“,  zu dem eine unterirdische Verbindung besteht. Hier verbrachte auch Leonardo da Vinci, das toskanische Universalgenie, bis 1519 die letzten drei Jahre seines Lebens. Heute ist das Haus ein Museum, in dem man sowohl die Fresken des Malers als auch Modelle nach seinen Erfindungen und Entwürfen finden kann.

Von Petra Kammann

Typisch für den Baustil der Renaissance: das Schloss Clos Lucé aus zartrotem Backstein mit Sandsteineinfassungen  

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„Francfort en français / Frankfurt auf Französisch“

2017, August 9.

Wir wollen Ihre Sommerpause nicht stören, Sie aber bereits auf einen Teil dessen, was Sie im Herbst im Rahmen von „Frankfurt auf Französisch“ erwartet, aufmerksam machen. Vom 11. bis zum 15. Oktober 2017 ist Frankreich Ehrengast der 69. Frankfurter Buchmesse, dem bedeutendsten Treffpunkt für die internationale Verlags- und Buchbranche.

Das französische vorbereitende Komitee in Anwesenheit der neuen französischen Botschafterin Anne-Marie Descôtes und der Generalkonsulin in Frankfurt auf der Pressekonferenz im Juni 2017. Das Organisationskomitee ist der Verantwortung des Institut français unterstellt und wird von Paul de Sinety geleitet, der das Projekt – in enger Zusammenarbeit mit dem Centre National du Livre, der Französischen Botschaft in Deutschland und allen übrigen beteiligten Akteuren – definieren und verwalten wird.

Der Ehrengast-Auftritt von Frankreich bei der diesjährigen Buchmesse dürfte einige Rekorde brechen. Mehr als 130 französischsprachige Autoren werden in Frankfurt erwartet, zudem gibt es mit aktuell 473 Büchern aus verschiedenen Genres eine beeindruckende Anzahl von Übersetzungen. Im Mittelpunkt des Ehrengastauftritts steht dabei die französische Sprache.

Der Ehrengastauftritt Frankreich bildet aber auch den Höhepunkt eines französischen Kulturjahrs in ganz Deutschland mit einem vielfältigen und spartenübergreifenden Programm, das gemeinsam mit dem Institut français Deutschland umgesetzt wird.

Mehr als 350 Veranstaltungen finden 2017 unter dem Label „Francfort en français / Frankfurt auf Französisch“ bundesweit bereits vorher statt: Theater, aktuelle Musik, Bildende Kunst, Kino, Literaturbegegnungen und vieles mehr mit 250 beteiligten Künstlern und französischsprachigen Autoren.

Vorab daher ein paar französische Highlights für den Monat August

Schleswig-Holstein Musik Festival 2017

Hommage à Maurice Ravel

Jeden Tag gibt es ein Konzert verschiedener Ensembles zu Ehren des französischen Komponisten Maurice Ravel.

AUSSTELLUNGEN

bis zum 13. August 2017

„Meisterwerke der französischen Kunst aus dem Puschkin-Museum Moskau“

Ausstellung im Herzoglichen Museum in Gotha


Die französische Kunst bildet einen bedeutenden Schwerpunkt im berühmten Moskauer Museum für Bildende Künste A. S. Puschkin. Hauptwerke etwa von Claude Lorrain, Nicolas Poussin, François Boucher und Jacques-Louis David zeigen einen repräsentativen Überblick der Malerei Frankreichs vom frühen 17. bis in das späte 18. Jahrhundert.

Die Gothaer Ausstellung präsentiert nun eine bedeutende Auswahl dieser Meisterwerke, die zum großen Teil noch nie in Deutschland zu sehen waren. Die Werke bieten dem Besucher die einmalige Gelegenheit, ein Herzstück der prachtvollen Kollektion des Puschkin-Museums zu besichtigen.

bis zum 16. August 2017

„This is my body, This is my software“


in La Plaque tournante, Berlin

Die französische Künstlerin Orlan bekommt in diesem Sommer erstmals eine Einzelausstellung in Berlin im multimedialen, multidisziplinären Projektraum La Plaque Tournante. Die Ausstellung wird unter anderem Arbeiten aus den Serien „Self-Hybridisation“ (ab 1998) und „Exogene“ (1997) enthalten wie auch das originale „Birth of War“ (1989).

bis zum 31. August 2017

„Eclats DDRDA – Splitter“ – Verlängerung


Ausstellung in der Galerie des Institut français Berlin

Das Ende der DDR kam so plötzlich wie unumkehrbar. Der Staat hatte alles geplant – mit Ausnahme seines Zusammenbruchs. Bedingt durch die damit verbundenen beschleunigten Prozesse, zerfielen mit dem politischen System auch mehr oder weniger schnell die Dinge des Alltags sowie die Orte, die damit verknüpft waren. Pierre-Jérôme Adjedj bringt durch seine Fotografien diese unbedeutend erscheinenden Orte zum Sprechen.

bis zum 2. September 2017

„Tête-à-tête – Kopf an Kopf“


im Institut français Hamburg

Im tête-à-tête zeigt die Ausstellung fünfzig spielerische bis gesellschaftskritische Zeichnungen deutscher und französischer Politiker und Literaten. Portraitiert werden die deutsch-französischen Liaisonen von renommierten deutschen (Rainer Ehrt, Walter Hanel, Frank Hoppmann) und französischen Karikaturisten und Pressezeichnern (Daniel Maja, Pancho, Honoré, Nicolas Vial). Kurator: Walther Fekl.

bis zum 7. September 2017

„Paris sera toujours Paris“)

im Institut français Bonn


Der Bonner Fotograf Jörg Balthasar ist der Promenade Plantée in Paris gefolgt, einem gut 4 Kilometer langen Eisennbahndamm mit Viadukten, dekorativen Rosenbögen, plätscherndem Wasser und Skulpturen. Der wohl schmalste und längste Park der Welt nimmt nahe der Place de la Bastille seinen Anfang und bietet besondere Ausblicke auch auf die Dächer und Häuserfassaden der Stadt.

bis zum 15. Oktober 2017

„Kartografie der Träume. Die Kunst des Marc-Antoine Mathieu“

im Museum für Angewandte Kunst Frankfurt

Der Franzose Marc-Antoine Mathieu gilt als einer der innovativsten Comic-Schöpfer der Gegenwart. Mit konkurrenzloser zeichnerischer Brillanz und furioser Kreativität definiert er die Grenzen des Mediums Comic immer wieder neu und fordert seine Leserinnen und Leser auf hohem Niveau heraus. Mit genialen spielerischen Grenzüberschreitungen zerlegt er die gewohnten Verhältnisse unserer Wirklichkeit radikal zu surrealistischen Visionen, in denen Traum und Realität ebenso verschwimmen wie Innen und Außen, Allmacht und Ohnmacht. Absolute Vernetztheit, absolutes Wissen oder die Frage nach Gott? Mathieu antwortet mit einer freien Verknüpfung der Dinge, Darstellungsweisen und Sprachen. Die Ausstellung Kartografie der Träume knüpft intermedial an seine Textkunst an und lässt die Besucherinnen und Besucher Teil einer Inszenierung werden.

→ Interview mit Paul de Sinety, dem französischen Commissaire Général der Buchmesse

Das New Yorker Lincoln Center Festival: Theaterschwerpunkt auf Kompanien aus dem Nahen Osten

2017, August 2.

Das Lincoln Center Festival in New York gibt es seit nunmehr 50 Jahren. Es zeigt herausragende Produktionen aus Tanz, Theater und Musik. In diesem Jahr hat das Festival seinen Theaterschwerpunkt auf Kompanien aus dem Nahen Osten gelegt. Künstler aus Israel, aus dem Maghreb, aus Syrien sind zu Gast.

Ein Beitrag aus New York von

Simone Hamm

In „To The End of The Land“:  Efrat Ben Zur und Dror, Performance Images_credit Stephanie Berger 

Aus Israel kommt „To the End of the Land“. 60 amerikanische Künstler hatten gegen die Gemeinschaftsproduktion des Ha`Bima National Theaters und des Cameri Theaters protestiert – sie wollten das Stück boykottieren und trafen damit die Falschen. Der israelische Schriftsteller David Grossman, dessen Roman die Vorlage für das Theaterstück bildete, ist Friedensaktivist. Noch während David Grossmann an seinem Roman „To the End of the Land“ – „Eine Frau flieht vor einer Nachricht“ arbeitete, starb sein Sohn bei einem Militäreinsatz im Libanon.

„To the end of the Land“ ist eine kritische Auseinandersetzung mit der israelischen Politik. Denn selbst eine Liebesgeschichte kann in Tel Aviv nicht völlig unpolitisch sein.

„To The End of The Land“ Dror Kern und Amnon Wolf, Foto: Gérard Allon

Ein junger Mann meldet sich freiwillig zu einem Militäreinsatz im Westjordanland. Seine Mutter befürchtet, dass ihr Sohn fallen wird. Diese Nachricht will sie nicht hören. Sie flieht, macht sich mit ihrem Geliebten auf in die Berge. Hanan Snir hat nun den Roman „To the end of the Land“ fürs Theater adaptiert.

David Grossman ist nach New York gekommen, um seine Geschichte im Theater zu erleben, die Geschichte von einer Frau, die verzweifelt versucht, so etwas wie Normalität oder gar Privatheit im Krieg herzustellen. David Grossmann sagt, er wolle mit seiner Protagonistin eine Frau darstellen, welche die zerbrechliche Realität einer Familie schaffen wolle – und das inmitten von Gewalt und Brutalität. Er wollte die Intimität einer Familie, die Zärtlichkeit der Beziehung zwischen Brüdern, zwischen Mann und Frau zeigen.

Reham Kassar and Mohammad Alrefai, Foto: Stavros Habakis

Auch das syrische Stück: „While I was waiting“ von Mohammad al Attar ist im privaten Bereich angesiedelt. Ein junger Mann liegt in einem Krankenhausbett. Seine Mutter sitzt neben ihm. Taim ist an einem Checkpoint von syrischen Geheimpolizisten ins Koma geprügelt worden.

Das Koma, so der Autor Mohammad al Attar, sei eine brillante Metapher für Syrien. Denn das Syrien von heute liege in einer Grauzone zwischen Leben und Tod. Zwischen Hoffnung und Verzweiflung. Zwischen Agonie und einer bitteren Zukunft.

Taims Schwester, seine Freundin, ein Freund kommen zu Besuch. Dann klettert Taim auf ein Gerüst. Von dort beobachtet er – zusammen mit einem anderen Folteropfer, einem DJ, die Szene. Das wirkt sehr eindrücklich, bisweilen geradezu gespenstisch.

Der syrische Regisseur Omar Abusaada

In „While I was waiting“ läßt Regisseur Omar Abusaada alle Akteure ständig auf der Bühne und damit will er das Thema „Überwachung“ in Syrien ansprechen. In diesem Stück beachtet jeder jeden.

In Rückblenden wird die Geschichte von Taim erzählt, er ist Filmemacher. Der Syrienkrieg beherrscht das Leben der Protagonisten. Dokumentarfilmaufnahmen von Demonstrationen in Damaskus werden gezeigt. Die ultimativen Fragen sind: Ins Exil gehen? Bleiben? Theater spielen oder Filme machen?

Doch Al Attar zeigt keine Kriegsgräuel. Sein Syrien ist ein anderes Syrien als das, was da täglich via CNN oder über die Tagesschau in die Wohnzimmer flimmert. Er zeigt eine ganz und gar durchschnittliche Mittelstandsfamilie mit ganz normalen Wünschen und Sorgen: eine unglückliche Ehefrau, eine aufmüpfige Tochter, einen Sohn, der noch nicht so genau weiß, was er will und das Elternhaus flieht, einen Joint rauchenden Freund. In den Zeiten des Krieges ist diese „Normalität“ beeindruckend. Die Schauspieler stellen sie ganz behutsam dar. Bisweilen treten sie geradezu lässig auf, bisweilen gedankenverloren.

Es hat jedoch lange gedauert, bis die Schauspieler ihre Einreisegenehmigung erhalten haben. Einige von ihnen leben schon länger in Europa, andere im Libanon, der Autor des Stückes Mohammad al Attar in Berlin, während der Regisseur Omar Abusaada in Damaskus geblieben ist. Dem Lichtdesigner wurde es ohne Angabe von Gründen nicht gestattet, in die USA zu kommen. Trumps neues Einwanderungsgesetz zeigt bereits Wirkung.

Autor Mohammad al Attar kritisiert, dass bei der Berichterstattung über Syrien das ganz normale Leben der Syrier kaum Beachtung findet. Er aber will betonen, dass Syrer nicht nur Opfer, Flüchtlinge, Kämpfer, Warlords, Terroristen, Waisenkinder sind. Sie sind zuallererst einmal Menschen.

Mohammad al Attar hat mit „While I was waiting“ auch ein Drama über das Scheitern geschrieben. Dem Scheitern des Staates Syrien, dem Scheitern der Opposition, dem Scheitern einer Familie. Die Bühnenfigur Taim ist ohne Hoffnung. Seine Familie hingegen versucht, Momente der Hoffnung zu finden in dieser überwältigenden Agonie der Dunkelheit – Menschen, die im dunklen Walde pfeifen.

Anders kann man offenbar in Syrien nicht leben. Das zeigen Mohammad al Attar, Omar Abusaada und das Ensemble von „While I was waiting“ auf höchst eindrückliche Weise.

Alle Fotos wurden großzügigerweise vom Lincoln Center Festival zur Verfügung gestellt. 

Glanzvolles Abschieds-Konzert für Gesangsprofessorin Hedwig Fassbender

2017, Juli 31.

Familienfeier mit Studierenden und Alumni

Text und Fotos: Renate Feyerbacher

Was für ein „Klassenabend Plus / Abschiedskonzert“ haben Studierende und Absolventen am 12.Juli ihrer Professorin an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt (HfMDK) bereitet! Als ich die HfMDK betrat, erschrak ich. Das Foyer war brechend voll, viele hatten keine Karte auch ich nicht, ich hatte vergessen, sie zu bestellen. Hedwig Fassbender kam im langen schwarzen Kleid mit dunkelblauem Schultertuch, begrüßte Freunde, umarmte Studierende und Ehemalige, eilte umher, kümmerte sich um Kartensucher. Auch um mich. Die Atmosphäre war persönlich und herzlich.

Hedwig Fassbender am 12. Juli 2017 nach dem Konzert

Beeindruckende Opernkarriere

Hedwig Fassbender studierte zuerst Klavier und Schulmusik in Köln, dann Gesang an der Musikhochschule München und gewann noch während ihrer Studienzeit den Hugo-Wolf-Preis für Liedgesang in Wien und beim Mozartwettbewerb in Würzburg. Nach dem Studium hatte sie fünf Jahre lang feste Engagements an den Opernhäusern in Freiburg und Basel. Vor 30 Jahren löste sie sich aus den Verträgen, um freischaffend an internationalen Produktionen teilnehmen zu können. Sie war Gast an zahlreichen europäischen Opernhäusern.

Anfangs hatte sich Hedwig Fassbender den wichtigsten Partien des lyrischen Mezzosopran-Fachs gewidmet, Rollen wie Cherubino und Octavian zum Beispiel. Nach und nach kam der Wechsel ins dramatische Fach; und seit 1997 sang sie auch Partien des dramatischen Sopran- bzw. Charakterfachs: zum Beispiel als Judit (Herzog Blaubarts Burg), an der Mailänder Scala als Marie in Wozzeck und als Mère Marie (Dialogue des Carmélites) in Straßburg, Savonlinna und London. Ihre Interpretation der Isolde (Wagner „Tristan und Isolde“) am Staatstheater Saarbrücken 2000 machte Furore. Für die Rolle der Sieglinde in Wagners „Walküre“ („Der Ring des Nibelungen“) in Lüttich wurde sie zur ‚Sängerin des Jahres‘ nominiert.

Heute singt sie zum Beispiel die Küsterin in „Jenufa“ von Leoš Janácek, die Herodias in „Salome“ von Richard Strauss, Die Frau über 60 in „Der Goldene Drache“ von Peter Eötvös. In einer Kritik zur Frankfurter Aufführung 2014 hieß es: „Und eine Hedwig Fassbender mit weitem Registerzug zwischen großer Oper und scharfkantigem Sprechen. Die dramatischen Höhepunkte des Abends.“ Sie ist schlicht eine beeindruckende Sänger-Schauspielerin.

Zukünftige Projekte sind die Rolle der Mrs. Sedley in der Premiere „Peter Grimes“ von Benjamin Britten im Oktober an der Oper Frankfurt, im Januar 2018 die der „Sage Femme“ (Hebamme) im „Der Kreidekreis“ von Alexander von Zemlinsky an der Oper in Lyon. Und in Janáceks „Die Sache Makropoulos“ bereitet sie die Emilia Marty vor. Außerdem plant sie zusammen mit ihren beiden Töchtern–  Tänzerin die eine, Schauspielerin die andere, – ein gemeinsames Projekt. Sie ist voller Ideen, voller Elan.

 

Blick von oben auf alle Teilnehmer – Bühne

Eine exzellente Gesangspädagogin

Eine solche Bühnenerfahrung ist eine ideale Voraussetzung, um zukünftige Opernsänger zum Erfolg zu führen. Seit 1999 unterrichtet die Mezzosopranistin Hedwig Fassbender an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt, die sie Ende September verlassen wird. Sie war Dekanin, leitete ab 2001 zehn Jahre lang die Gesangsabteilung, die 2011 mit dem Hessischen Exzellenzpreis für Hochschule-Lehre ausgezeichnet wurde. Zu Recht, wenn man die Liste ihrer Studierenden und Absolventen anschaut, von denen einige Engagements in führenden Opernhäusern haben oder an Musikhochschulen unterrichten oder in Konzertsälen begeistern. Einige erhielten begehrte Preise.

16 Sängerinnen und Sänger sangen beim Abschiedskonzert. Auf dem Programm standen Arien aus Opern, Lieder – alte und moderne Kompositionen. Alle Interpreten hätten es verdient, vorgestellt zu werden. Die Qualität des Gesangs war gleichbleibend auf hohem Niveau. Drei ihrer Absolventen sind derzeit fest im Ensemble der Frankfurter Oper wie die Altistin Katharina Magiera, die 2008 ins neugegründete Opernstudio kam und ein Jahr später Ensemblemitglied wurde. Soeben gastierte sie bei den Salzburger Festspielen. Vermutlich fehlte sie an diesem Klassenabend plus genau aus diesem Grund.

Die Sopranistin Katheryna Kasper bestand 2012 ihr Konzertexamen, fand Aufnahme im Opernstudio und hat seit 2014 einen Festvertrag. (Links „Iwan Sussanin“, „An unserem Fluss“). Im gleichen Jahr gewann sie den internationalen Myriam-Helin-Wettbewerb in Helsinki. Die ukrainische Sängerin gastierte bereits bei den Bregenzer Festspielen, beim Edinburgh International Festival und an der Los Angeles Opera.

Kateryna Kasper und Björn Bürger

Pianist Otto Honeck ging am Abschiedsabend schnellen Schrittes ans Klavier und begann sofort temporeich mit dem Largo als factotum aus Giacchino Rossinis „Il Barbiere di Sivigla“. Kurz danach folgte Björn Börner, die Treppen zur Bühne hinauf stürmend und die Arie bereits trällernd. Ein grandioser Auftritt! Der in Darmstadt geborene, in Rodgau aufgewachsene Bariton Björn Bürger gewann 2012 den Ersten Preis beim Bundeswettbewerb Gesang, ein Jahr später den Ersten Preis beim Emmerich- Smola- und Anneliese-Rothenberger Wettbewerb.

Derzeit ist er für den „International Opera Award“ nominiert. Schon während seiner Studienzeit hatte der bald 32-jährige Sänger Auftritte in Genf, Bayreuth und Karlsruhe. Große Opernpartien sang er in Paris, Oslo, Glyndebourne, München und Brüssel. In der nächsten Spielzeit debütiert er an der Semperoper in Dresden. In Frankfurt ist Björn Bürger im November als Georg in der Uraufführung „Der Mieter“ von Arnulf Herrmann zu erleben. Er ist verheiratet mit Esther Dierkes, die 2015 ihr Examen bei Hedwig Fassbender absolvierte und sofort Aufnahme ins Opernstudio Stuttgart erfuhr. Ab der Spielzeit 2017 / 18 gehört sie fest zum Ensemble der Oper Stuttgart, die 2016 Opernhaus des Jahres war.

Alle 16 Teilnehmer mit Hedwig Fassbender nach dem Konzert

Wer nun vermutet, Hedwig Fassbender setze sich als Pädagogin zur Ruhe, der irrt. Vor drei Jahren entstand unter ihrer künstlerischen Leitung in Kooperation mit den „Jeunesses Musicales Deutschland“ ,gefördert von der Deutsche Bank Stiftung, das „Exzellenz-Labor Gesang“. Regelmäßig betreut sie die Opernstudios in Frankfurt und Zürich und ist als Gastdozentin auch an Opernstudios in Paris, Hannover und Moskau eingeladen. Soeben beendete sie einen internationalen Meisterkurs im Rahmen der Sommerakademie am Salzburger Mozarteum. Und einen Monat später widmet sie sich in der Musikakademie Schloss Weikersheim im Exzellenz-Labor Gesang der Oper.

Da sie mehrere Sprachen spricht wie Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch, Spanisch und auch Repertoire in ungarischer, tschechischer und russischer Sprache unterrichtet, kann sie mit den Teilnehmern ihrer Kurse, die aus der ganzen Welt kommen, bestens kommunizieren. Ihre Studentinnen und Studenten schätzten ihre herzlich-persönliche Zuwendung sehr.

Sie wird weiterhin auf Opernbühnen stehen, Meisterkurse abhalten und coachen. Hedwig Fassbender hat sich in anderthalb Jahren zum zertifizierten systemischen Coach ausbilden lassen. Diese Tätigkeit wird sie ab Herbst auch wahrnehmen. Man kann nur sagen: „Chapeau“ für diese außergewöhnliche Künstlerin!

→„Der Goldene Drache“: Musiktheater von Péter Eötvös an der Oper Frankfurt

→ „Le Cantatrici Villane“ von Valentino Fioravanti an der Oper Frankfurt

→ „Martha oder der Markt zu Richmond“ von Friedrich von Flotow an der Oper Frankfurt

 

Zur Debatte um die Zukunft von Schauspiel/Oper in Frankfurt

2017, Juni 28.

Schock? – Chance!

Ein Zwischenruf von Uwe Kammann 

DANKE FRANKFURT FÜR 8 GLÜCKLICHE THEATERJAHRE: Riesengroß der Schriftzug am Frankfurter Schauspielhaus. Er markiert das Ende der Intendanz Oliver Reeses am Main, vor dem Wechsel an die Spree. Die Abschiedsparty, so die Bekundungen, war fröhlich, ausgelassen. Und die Bilanz: allenthalben positive Stimmen.

Optisches Dankeschön zum Abschied von Oliver Reese (Fotos: Uwe Kammann)

Ein Abschied, der zusammenfällt mit einer Debatte, die schon einige Jahre nicht nur die Insider beschäftigt, die aber erst jetzt, mit der Vorlage eines Gutachtens, kräftig Fahrt aufgenommen und viel Wirbel ausgelöst hat. Wobei, keine Frage, der Aussagekern der nun vorliegenden Machbarkeitsstudie einem schon den Atem verschlagen kann. Denn auf sage und schreibe gut 900 Millionen Euro schätzen die Autoren die Kosten, die für die bauliche Zukunft von Schauspiel und Oper zu veranschlagen sind. Und dies ganz unabhängig von den Modellen, die denkbar sind.

Sie reichen von der Sanierung beider Häuser – die in der bürokratisch getauften Theaterdoppelanlage am Willy-Brandt-Platz wie siamesische Zwillinge verbunden sind – bis zum Abriss beider Einrichtungen und zum Neubau an anderer Stelle. Auch hier wieder mit Variationen. So ist weiter ein gemeinsames Haus denkbar, ebenso aber eine klare Trennung mit zwei neuen Bauten. Dabei kämen verschiedene Standorte in Frage.

Wobei weiter zu überlegen ist: Wie lässt sich das jetzige Doppelhaus mit der gemeinsamen, verbindenden Fassade überhaupt sanieren: bei laufendem Betrieb oder besser mit einem zeitweiligen Umzug von Theater und Oper, also einer Auslagerung an andere Spielorte? Ist es günstiger, dies für beide Häuser gleichzeitig zu praktizieren, oder geht es besser Zug um Zug? Und: Wohin könnte man in der Zwischenzeit ausweichen, wie lange würde die Interimslösung dauern? Und was wäre dafür an Kosten zu veranschlagen?

Jede Frage, die beantwortet wird, wirft mindestens drei neue auf. Das alles steht unter den großen Fragezeichen: Welche Maßnahmen sind unbedingt notwendig, welcher Aufwand scheint dafür angemessen? Welcher Stellenwert – und damit: welcher Wert – wird dem Theater beigemessen? Und schließlich: In welchem Zeitraum soll die Aufgabe bewältigt werden, die städtischen Großbühnen zukunftsfähig zu machen?

Ist der gegenwärtige Zustand wirklich so schlecht?

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