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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Alle Artikel zu Darstellende Künste

Betulia Liberata – Mozarts „Kirchenbegehung“ an der Oper Frankfurt

2017, Juni 25.

Heilige Handlung – sehr irdisch menschlich turbulent

Von Renate Feyerbacher
Fotos: Barbara Aumüller / Oper Frankfurt

Schon beim Betreten des Bockenheimer Depots, der einstigen Straßenbahnhalle, ist man in Erstaunen versetzt. Die „Azione sacra“ von Wolfgang Amadeus Mozart, die am 21. Juni 2017 Premiere und Frankfurter Erstaufführung hatte, hatte diesen profanen Ort in eine Kirche verwandelt. In den alten Kirchenbänken sitzen einige Betende. Wenn der Zuschauer sozusagen im Chor hinter dem Altar seinen Platz eingenommen hat, hat er noch ein Aha- Erlebnis: die Kirchenempore (Westportal) schmückt eine Nachbildung des Gemäldes mit Judith und Holofernes, das der Barock-Maler Giovanni Battista Piazzetta um 1720 schuf. Das Frankfurter Opern- und Museumsorchester, mit historischen Blasinstrumenten und auf Darmsaiten musizierend, ist seitlich rechts plaziert. Mit musikalischer Wucht setzt die Ouvertüre ein. Kaum zu glauben, dass sie von einem 15-Jährigen komponiert wurde.

Theo Lebow (Tenor) und Sydney Mancasola (Sopran II) sowie im Hintergrund Brandon Cedel (Bass) und Karen Vuong (Sopran I); Foto © Barbara Aumüller

Die biblische Geschichte von Judit (in der Bibel ohne h) und Holofernes eigenet sich durchaus als Opernstoff. Doch Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791) komponierte keine Oper, sondern ein Oratorium, eine Gattung, die er nur insgesamt dreimal schuf.

„La Betulia Liberata“ ist das fünfte von sieben Oratorienlibretti, die der Universalgelehrte, Schriftseller, Librettist und Komponist Pietro Metastasio (1698 -1782) in Wien verfasste. Fünfzigmal wurde es vertont – zuerst 1734, zuletzt im 19. Jahrhundert. Der bereits 72-jährige Librettist wird den heranwachsenden Mozart gekannt haben. Ob es wohl sein Wunsch war, dass das inzwischen hochgerühmte Wunderkind seinen Text vertonte? Immerhin ist es die berühmteste musikalische Umsetzung seines dürftigen Textes geworden, der wenig Spannung hat und handlungsarm ist.

Das erotische Geschehen zwischen Judit und Holofernes ist ausgespart, weil unpassend für ein Oratorium. Das Libretto spiegelt jedoch die Konflikte in Betulia. Betulia ist ein fiktiver Ort in Israel, der nur aus dem Buch Judit bekannt ist, in einer militärstrategisch wichtigen Lage, weshalb das Heer von Holofernes ihn belagerte. Durch Judits Tat, die Tötung des Heerführers Holofernes, wird Betulia befreit. Judit, die Witwe, war schön und verführerisch. Sie ging unbewaffnet in des Feindes Lager und hatte ständig Zugang zu Holofernes. Bei einem Festmahl ihr zu Ehren tötete sie den betrunkenen assyrischen Heeresführer mit seinem Schwert.

Ezgi Kutlu (Mezzosopran) und im Hintergrund Ensemble; Foto © Barbara Aumüller

Metastasio formuliert Glaubensbekenntnisse, schürt Glaubenszweifel, verkündet Durchhalteparolen und predigt Frömmigkeit. Ein seltsames Libretto, das erst nach und nach zur eigentlichen Geschichte gelangt, nämlich zu Judith und Holofernes. Siebzehn Szenen sind aufgeführt: da werden beispielsweise Kämpfer vom Priester in den Kreuzzug geschickt, eine Mutter beweint ihr verstorbenes Kind, die ehemalige Geliebte des Priesters kämpft um dessen Gefühle, eine Sterbende geht angesichts Gottes fröhlich in den Tod, ein Ehekonflikt bricht sich in der Kirche Bahn, die Mutter verlässt die Familie mit drei Kindern, kehrt aber wieder reumütig zurück; endlich erscheint Judith und erzählt vom Attentat auf Holofernes, während ein Säufer den Gott Alkohol lobt und die Kirche zum Schluss verkauft wird. Immobilienhaie sind im Anmarsch …

Großartig, was für ein gelungenes Konzept dem Regisseur Jan Philipp Gloger und seinem Team, der Bühnenbildnerin Franziska Bornkamm, der Kostümschöpferin Katharina Tasch und dem Lichtdesigner Jan Hartmann, eingefallen ist. Herausgekommen ist dabei ein amüsantes kirchenkritisches Stück, an dem Dramaturg Zsolt Horpácsy sicher viel mitgewirkt hat.

Dem undramatischen Libretto-Stoff hat Mozart eine aufregend-risikofreudige Musik zuteil werden lassen: Arien und Chöre entziehen sich sakraler Unterwürfigkeit. Die Ouvertüre mit vier Hörnern, zwei Trompeten, Oboen, Fagotten und Streichern zieht den Zuschauer sofort in Bann. Dirigent Titus Engel, Spezialist für barocke und zeitgenössiische Musik („Orpheus oder die wunderbare Beständigkeit der Liebe“ von Telemann), ist fasziniert von der Expressivität des jungen Mozart und lobt die Dramatik der Arien mit ihrem differenzierten Wechsel von Farben und Klangfarben. Mit Enthusiasmus wird dieses Credo vom Frankfurter Opern- und Museumsorchester umgesetzt und macht es zu einem vergnüglichen Musikereignis. Mit dem insgesamt flotten Oratorium werden die Kirchen-Puristen aber möglicherweise hadern.

Insgesamt nur fünf Gesangsinterpreten teilen sich die verschiedenen Rollen: der Tenor ist zuständig für den Priester, ein Fanatiker, aber auch ein Mutmachender, der gegen sündige Momente nicht gefeit ist. Gelegentlich kommt er lutherisch daher – sicher als Anspielung auf das Lutherjahr. Theo Lebow, der junge amerikanische Sänger, meistert diese Partie, die auch schauspielerisches Talent verlangt, mit Bravour. Gleich in seiner ersten Arie gleitet er mühelos in Koloraturhöhen. Die türkische Mezzosopranistin Ezgi Kutlu, die ihr Debüt an der Oper Frankfurt gibt, sorgt mit ihrer Erzählung der Judith für den Höhepunkt des Oratoriums. Als der Librettist, dessen Text bis dahin allgemein formuliert ist, endlich auf den Punkt der biblischen Geschichte kommt, glüht Ezgi Kutlu förmlich in dieser Arie.

v.l.n.r. Karen Vuong (Sopran I) und Ezgi Kutlu (Mezzosopran); Foto © Barbara Aumüller

Die Sopranistin Karen Vuong („Carmen“) verkörpert eindrücklich die leidenden Frauen, ihre Kollegin Sydney Mancasola die leidenschaftlichen. Als verlassene Geliebte des Priesters kämpft die Stalkerin kess um dessen Gefühle. Den drei Sängerinnen gelingt es schnell und ohne Brüche, stimmlich jeweils in die verschiedenen Rollen zu wechseln.

Brandon Cedal leiht seinen wohlklingenden Bass dem Obdachlosen, der dem Messwein huldigt. Theo Lebow, Sydney Mancasola und Brandon Cedel gehören seit der Spielzeit 2016/17 zum Ensemble. Nicht zu vergessen das vorzügliche Vokalensemble der Oper Frankfurt, das Felice Venanzoni einstudiert hat. Schauspieler Marek Sarnowski muss für verschiedene Partien herhalten, was ihm ohne Zweifel gelingt. Daneben beleben einige Statisten, darunter auch Kinder, das Geschehen, das schauspielerisch fulminant ist. Das weitläufige Depot lässt da viel zu. Nach fast zwei schwülen Stunden öffnen sich zum Schluss die hölzernen Türen zum Platz vor der Bockenheimer Warte, während die Vorbeigehenden und die Stehenbleibenden einbezogen werden und die Immobilienhaie im Seitenschiff der Kirche mit einer Limousine hereinfahren.

Das Publikum – leider waren bei der Premiere einige Plätze frei – spendet üppigen Beifall. Angst vor einem langweiligen Oratorium ist also keinesfalls begründet.

Weitere Aufführungen im Bockenheimer Depot am 26., 28. und 29. Juni, am 1. und 2. Juli 2017 jeweils um 19.30 Uhr.

 

Oliver Reese geht – Anselm Weber kommt

2017, Juni 23.

Reese: „Es waren acht glückliche Theaterjahre. Wir hatten eine tolle Zeit.“
Publikumslieblinge gehen

Von Renate Feyerbacher

Am 24. Juni 2017, verabschiedet sich Oliver Reese mit „One Song for the Road – ein musikalischer Rückblick auf acht Jahre Intendanz“ vom Frankfurter Publikum. Zwei Monate zuvor hatte er Bilanz gezogen: 1.375.000 Besucher haben in den Jahren von 2009 bis heute die Sprechtheater besucht. Das ist ein Zuwachs von 61 Prozent. Auch die Einnahmen konnten um 150 Prozent gesteigert werden. 255 Premieren – ohne die „Box“ – mit 5.250 Vorstellungen in Frankfurt und 150 Gastspielen ausserhalb der Stadt gab es.

So manche hatten ihn anfangs bedauert. Frankfurt sei schwierig, das Publikum verstockt, die finanzielle Situation angespannt und Querelen alltäglich. Reese, der seinen Intendantenposten am Deutschen Theater in Berlin aufgegeben hatte, verhehlt nicht, dass der Anfang schwierig war. Für jede Anschaffung habe angefragt werden müssen. Das wurde jedoch geändert und habe ihn mit Opernintendant Bernd Loebe gleichgestellt.

Foto: Oliver Reese am 6. Juni 2017. In Reeses Ära wurden ein Schauspiel-, ein Regie- und ein Autorenstudio gegründet; Foto: Renate Feyerbacher

Reese ist überzeugt, dass alle Regisseure hier glücklich wurden, ebenso die Schauspielerinnen und Schauspieler, die wesentlich zum Erfolg und guten Ruf des Theaters beitrugen. Sie stehen für ihn im Mittelpunkt. Er habe die Fähigkeit zu begeistern, Feuer und Liebe zu diesem Beruf zu entfachen, schwärmt Schauspielerin Josefin Platt. Wichtig war für den Intendanten das feste Ensemble, das wie eine Familie zusammenwuchs. Eine seiner letzten Inszenierungen im Januar war das Stück „Eine Familie“.

Eine Familie. Regie Oliver Reese; Ensemble, Foto © Birgit Hupfeld

Die Bühnen-Familie, die ist allerdings total zerstritten. Einige der zehn Ensemblemitglieder, die bei der letzten Reese-Premiere dabei waren, gehen nun mit ihm zum Berliner Ensemble (BE), dessen neuer Intendant er ab September wird. Abschiedsstimmung lag schon über den Aufführungen.

Frankfurt verlassen werden mit ihm Constanze Becker („Ödipus/Antigone“, „Medea“, „Penthesilea“), Corinna Kirchhoff („Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“), Josefin Platt („Königin Lear“), Carina Zichner („Der zerbrochene Krug“, „Eine Familie“), Oliver Kraushaar („Wir lieben und wissen nichts“, „Totentanz“), Nico Holonics („Kleiner Mann, was nun?“, „Die Blechtrommel“), Martin Rentzsch („Kunst“), Wolfgang Michael („Kunst“), Sascha Nathan („Die Physiker“, „Kunst“) und Felix Rech („Penthesilea“, „Prinz Friedrich von Homburg“). Bettina Hoppe („Die Frau, die gegen die Türen rannte“, „Nora“, „Antigone“) und Stephanie Eidt („Phädra“, „Maria Stuart“), die das Frankfurter Ensemble bereits vor Jahren verlassen hatten, werden ebenso zum Berliner Ensemble gehören wie Judith Engel, wie auch Constanze Becker, Trägerin des Gertrud-Eysoldt-Rings. 28 Darstellerinnen und Darsteller hat Oliver Reese in Berlin fest verpflichtet. Ein festes Ensemble ist ihm eben auch am Berliner Ensemble wichtig.

Oliver Reese war nicht nur Theaterintendant und Geschäftsführer, sondern auch ein innovativer, ideenreicher, textorientierter Regisseur. Und er setzte immer wieder politische Akzente. Einige seiner hier erfolgreichen Inszenierungen wie zum Beispiel „Die Blechtrommel“, „Eine Familie“, „Die Wiedervereinigung der beiden Koreas“ und „Die Frau, die gegen die Türen rannte“ wird er mit auf die Berliner Bühne nehmen ebenso Michael Thalheimers „Medea“ und „Pentesilea“ sowie „Macbeth“ von Dave St-Pierre.

Unter den Gast-Regisseuren sind Frank Casdorf, der scheidende Intendant der Volksbühne Berlin, und Claus Peymann, der mit 80 Jahren das Berliner Ensemble verlassen musste und der gegen Reese eine unwürdige Pressekampagne initiierte. Michel Friedman, nun ebenfalls im BE, werden wir hier vermissen.

Reese war in Frankfurt ein Sucher neuer Theaterstücke, er wird es auch in Berlin wieder sein, zusammen mit dem Schriftsteller Moritz Rinke, dessen Theaterstück „Wir lieben und wissen nichts“ schon am Frankfurter Schauspiel ein Renner wurde. Die Schauspielerehepaare Constanze Becker – Oliver Kraushaar und Marc Oliver Schulze – Claude de Demo führten authentisch alltägliches Eheleben vor.

Plakat zu „Ödipus – vor der Stadt“, Foto: Renate Feyerbacher

In der Ära Reese gab es großartige Theaterabende mit unvergesslichen Momenten. Einen davon gleich zu Beginn 2009 mit „Ödipus“ / „Antigone“ in der Inszenierung von Michael Thalheimer, der in Berlin Hausregisseur wird. Mit „Ödipus – vor der Stadt“ – „open air an der Weseler Werft“ – wird die Reese-Intendanz im Juni ihren Abschluss finden – in Originalbesetzung von 2009 mit Constanze Becker und Marc Oliver Schulze.

Oliver Reese hat das Frankfurter Publikum fürs Schauspiel begeistert. „Ausverkauft“ stand auf den Plakaten der meisten Vorstellungen. Publikumslieblinge gehen, andere Publikumslieblinge werden kommen.

„WIR“ – Themen der Spielzeit in vielen Sprachen
Weber: „Der Schauspieler ist das Gesicht des Theaters – das Ensemble das Theater“

Anselm Weber, bisher Chef im Schauspielhaus Bochum, wird ab September das Zepter am Schauspiel Frankfurt führen. Er ist kein Unbekannter hier. In der Oper Frankfurt verantwortete er zuletzt die Regie von „Die Passagierin“ des Komponisten Mieczyslaw Weinberg im März 2015.

Beeindruckend so respektvoll wie souverän und einfallsreich setzte Weber den Holocaust-Stoff um. Auch schon viel früher, von 1991 bis 1993 , war er in Frankfurt aktiv, als  Hausregisseur unter Intendant Peter Eschberg, von 2001 bis 2003 als Oberspielleiter unter der Intendantin Elisabeth Schweeger. Kein Wunder also, dass er bei der Pressekonferenz einen Frankfurt-Joker nach dem andern ziehen konnte.

Gemeinsam mit Marion Tiedtke, der stellvertretenden Intendantin, Chefdramaturgin und bisher Professorin an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt (HfMDK), stellte er daher souverän den Spielplan 2017/2018 vor. Augenscheinlich haben die beiden schon längere Zeit nach Kontakten zu anderen Institutionen gesucht: zum Literaturhaus, zum Künstlerhaus Mousonturm, zur HfMDK. Sie wollen zum Wertekanon dieser Stadt beitragen, sich den Institutionen, den Stadtteilen öffnen, „um dort die Menschen zu treffen, die wir einladen.“

Anselm Weber am 25. April 2017 in den Städtischen Bühnen Frankfurt, Foto: Renate Feyerbacher

Marion Tiedtke ist begeistert von der Großstadt der kurzen Wege, die für sie zweifellos Vielfalt und Globalität unserer Welt abbildet und sich dennoch dörflich bei „Äppelwoi und Handkäs“ gibt.

31 Premieren wird es im Großen Haus, in den Kammerspielen / „Box & Klassenzimmer“, im Bockenheimer Depot, in der Panorama Bar, im Museum für Moderne Kunst (MMK) und im Mousonturm geben.

Zunächst werden Schauspiel und Oper Frankfurt am 17. September gemeinsam feiern. Elf Tage später folgt dann die erste Premiere im Großen Haus: „Richard III.“ von William Shakespeare unter der Regie von Jan Bosse. Den Richard wird der in Frankfurt wohnende Wolfram Koch spielen, der hier an der HfMDK studierte, schon auf der Frankfurter Bühne stand und der Millionen Fernsehzuschauern als Tatort-Kommissar des Hessischen Rundfunks bekannt ist. Er verkörperte zahlreiche Rollen auf den bedeutenden deutschsprachigen Bühnen. In Berlin erhielt er mit anderen Darstellern den Berliner Theaterpreis und zusammen mit Samuel Finzi 2015 für seine Rolle in „Warten auf Godot“ den Gertrud-Eysoldt-Ring in Bensheim.

Kochs schauspielerische Klaviatur ist breit: er kann sowohl komödiantisch, sanft, verführerisch sein, aber auch tragisch, schuldbeladen, depressiv wie in dem ARD-Film „Dead Man Walking“ (November 2016), in dem er einen Investment-Banker auf dem Höhepunkt seiner Karriere darstellt, der sich in den Tod stürzt. Er kann aus der Haut fahren. Seine Darstellung als Richard III. könnte eine Wucht werden.

Es fällt auf, dass die meisten Stücke auf der Hauptbühne zum klassischen Werke-Repertoire gehören. Will die neue Leitung auf Nummer sicher gehen oder war die Zeit der Vorbereitung doch zu knapp, um Neues auszugraben? Auf dem Spielplan stehen zum Beispiel „Woyzeck“ von Georg Büchner und „Rose Bernd“ von Gerhart Hauptmann, die im September Premiere haben. Beide werden vom jungen preisgekrönten Schweizer Regisseur Roger Vontobel realisiert. Er könnte so etwas wie ein Hausregisseur werden. „Rose Bernd“ hat er bereits am Schauspiel Bochum produziert in der Titelrolle mit Jana Schulz, die dafür mit dem Gertrud- Eysoldt-Ring 2016 ausgezeichnet wurde. Sie wird auch den Woyzeck spielen.

Das neue Schauspiellogo in Farbe, Foto: Renate Feyerbacher

Das Ensemble ist für Weber und Tiedtke das Herzstück des Theaters. Vier Ensemblemitglieder aus der Reese-Ära bleiben in Frankfurt: Peter Schröder, Christoph Pütthoff, Isaak Dentler, Heidi Ecks, und zwei Schauspielerinnen kehren zurück: Katharina Bach und Claude de Demo, die zeitweilig wegen ihrer kleinen Kinder die Frankfurter Bretter verlassen hatte. Ihr Slogan für die kommende Saison: „Für die Kinder gegen den Hass.“

Geplant sind Uraufführungen in den Kammerspielen / Box, zum Beispiel „Stimmen einer Stadt – 3 Monodramen“ vom Frankfurter Büchner-Preisträger Wilhelm Genanzino, eine weitere von der russisch-jüdischen Autorin Olga Grjasnowa (Chamisso-Preisträgerin) und von der aus Wien kommenden bildenden Künstlerin und Autorin Teresa Präauer (Regie Anselm Weber), von Marius von Mayenburg, der auch Regie führen wird, von Laura Naumann und von Duo Nele Stuhler und Jan Koslowski. Péter Kárpáti und Forced Entertainment werden das Bockenheimer Depot bespielen.

Anselm Weber hat sich den bearbeiteten Roman „Das Siebte Kreuz“ von Anna Seghers vorgenommen sowie „Alle meine Söhne“ von Arthur Miller. Andreas Kriegenburg, Regisseur von „Der Sturm“ 2016, und David Bösch, Regisseur von „Der fliegende Holländer“ 2015 in der Oper Frankfurt, sowie Rüdiger Pape, der das Jugendstück „Tintenherz“ von Cornelia Funke gestaltet, werden wir im künftigen Programm begrüßen können.

Theaterpädagogin Martina Droste, seit sieben Jahren hier und Leiterin des Jungen Schauspiels, wird zusammen mit Dramaturg Alexander Leiffheidt das Frankfurter Stadtteil-Projekt „All Our Futures“ über drei Jahre lang mit 220 Jugendlichen an drei verschiedenen Orten entwickeln. Dieses Mammutvorhaben beginnt im September.

Anselm Weber hält es für wichtig, die Mitte der Gesellschaft zu stärken, damit sie sich dem Populismus entgegenstellen kann.

Termine:

„Ödipus – vor der Stadt“, bis 23. Juni – an der Weseler Werft; am 24. Juni die Abschiedsvorstellung Oliver Reeses „One Song for the Road“ im Großen Haus, anschließend Party. Der Eintritt ist frei.

Die neue Saison beginnt mit einem gemeinsamen Fest von Schauspiel und Oper Frankfurt am 17. September 2017.

 

„LA DAMOISELLE ÉLUE“ und „JEANNE D‘ARC AU BȖCHER“ an der Oper Frankfurt.

2017, Juni 16.

Die unbequeme Heilige und Nationalheldin Frankreichs

Von Renate Feyerbacher
Fotos: © Barbara Aumüller / Oper Frankfurt

Bedrückend-eindrucksvoll war die Premiere des Poème lyrique „La damoiselle élue“ von Claude Debussy und des dramatischen Oratoriums „Jeanne d’Arc au bûcher“ von Arthur Honegger am 11. Juni 2017. Fast zwei Stunden lang schien das Publikum wie gebannt zu sein, dann feierte es enthusiastisch die Aufführung. Der Beifall galt der Musik-Interpretation, den Sängerinnen und Sängern, der Inszenierung und vor allem der Hauptdarstellerin Johanna Wokalek.

(Jeanne d’Arc au bûcher): Johanna Wokalek (Jeanne d’Arc) und Sébastien Dutrieux (Bruder Dominique) Weiterlesen

FLEXN

2017, Juni 16.

Flexing ist eine Form des Street Dance mit völlig neuen tänzerischen Ausdrucksformen, die das übliche Bewegungsrepertoire des postmodernen Tanzes radikal sprengt.  FLEXN ist die tänzerische Auseinandersetzung mit sozialer Ungleichheit und Rassismus. Wut und Frustration über die Verhältnisse werden hier auf beeindruckende Weise herausgetanzt.  Flexing nahm sich manches aus Jamaicas Reggae Clubs und Dance Halls, aber letztlich holt es sich seine innovative Kraft aus den Straßen von Brooklyn, den Vierteln New Yorks, in denen die Black Lives Matter-Bewegung Fahrt aufnahm. Um diesen unmittelbaren Ausdruck rebellischer Wut zu dramatisieren, ohne dass sich die Energie in schicker Ästhetik verliert, gibt es keinen begabteren Transmitter als Peter Sellars, das großartige, ewige amerikanische Wunderkind. Mit jeder seiner Inszenierungen hat Sellars Maßstäbe gesetzt. Mit Kraft, Anmut, Seele und purer Freude erzählen die Tänzer mit vielfältigen und elektrisierenden Flexing-Tanztechniken von Liebe, Gerechtigkeit und ihren persönlichen Geschichten.

Von Simone Hamm

Ace (Franklin Dawes) in FLEXN Evolution at Park Avenue Armory. Photo by Stephanie Berger

In der noblen Park Armory in New York werden die innovativsten Produktionen aus aller Welt gezeigt. Hier traten Martina Abramovic, Bob Wilson, Charlotte Rampling und einmal auch Heiner Goebbels mit einer Schafherde auf. Derzeit ist man nicht nur künstlerisch, sondern auch politisch auf der Höhe:

Jetzt wird „FLEXN“, gezeigt, Street Dance aus Brooklyn mit der Gruppe D.R.E.A.M. Ring. Das ist Tanz und soziales Anliegen gleichermaßen. Es geht um Rassismus, Gewalt, Masseninhaftierungen. Weiterlesen

Kulturstadt und Stadtkultur

2017, Juni 14.

Von Gunnar Schanno

Frankfurt ist Kulturstadt und hat Stadtkultur, hat eine Museums-, also eine Kulturmeile, die über den Schwung der Brücken ihre Fortsetzung nimmt auf die gegenüberliegende Mainseite bis ins Zentrum um den Dom. Eine Meile sozusagen kultureller Stars, die den Bogen spannt zwischen Städel und Schirn als die intensiv-leuchtenden Sonnen mit ihren sie umkreisenden elementereichen Planeten weiterer Museen und zahlreicher asteriod-funkelnder Galerien. Frankfurter Kultur ist so etwas wie ein Leuchtturm und eine Weltmarke. Das entspricht ihrem Ruf als Stadt besagter Museen, aber auch dem als Stadt einer imposanten Theaterwelt wie auch als Stadt ethnisch-religiöser Multikulturalität.

Die Stadt bildet einen Kulturkosmos. Im Jahr 2016 allein sahen über fünf Millionen Menschen als Reisende von auswärts die Stadt. Von ihnen wird eine Vielzahl sicher wie Pilger der Kultur im urbanen zivilisatorischen Umfeld den Blick auf die phänomenalen Emanationen und Artefakte der Frankfurter Kulturwelt gerichtet haben und nicht zuletzt auch auf ihre kulturverhafteten Architekturen der Altstadt rund um den Römerplatz.

Kulturstadt und Stadtkultur: die in der deutschen wie europäischen Theaterlandschaft einzigartige Doppelanlage: (oben) Schauspiel Frankfurt, Foto: © Birgit Hupfeld; (unten) Oper Frankfurt, Foto: © Wolfgang Runkel

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