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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

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Nachlese Buchmesse: Sprachkultur in Frankreich und Deutschland: Une nation une langue? Unterschiede, Berührungen, Grenzgänge

2017, Oktober 18.

Tout va bien? Über die Basis von Missverständnissen

Unterschiede, Berührungen und Grenzgänge

Eindrücke von Petra Kammann

↑ v.l.n.r.: Prof. Roland Kaehlbrandt, Polytechnische Stiftung, Prof. Hélène Carrière d’Encausse, Académie française und Prof. Heinrich Detering, Akademie für Sprache und Dichtung, Walther von Wietzlow†, Präsident der Polytechnischen Gesellschaft

Wer Deutschland und Frankreich kennt, ist immer wieder erstaunt, sind doch die Unterschiede so befremdend wie faszinierend und anregend. Frankreichs Sprachkultur ist eine ganz besondere, jahrhundertelang geprägt von Hof und Staat und von den Regeln der Académie Française. Ganz anders als bei uns. Die deutsche Sprache wurde als Volkssprache gegen Klerus und Adel „von unten“ auf den Weg gebracht, indem man dem Volk und nicht den Regeln „aufs Maul schaute“. Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung sieht heute anders als ihre „vornehme Schwester in Paris“ ihre Aufgabe darin, die deutsche Sprache und Dichtung durch das, was maßgeblich zu sein scheint, zu fördern mit Hilfe von Konferenzen, Veröffentlichungen und Auszeichnungen. Unter dem Titel „Unser Bezug zur Sprache – Sprachkultur in Frankreich und Deutschland: Unterschiede, Berührungen, Grenzgänge“ wurde auf einem bemerkenswerten Kolloquium der Versuch unternommen, die unterschiedlichen Sprachkulturen in Deutschland und Frankreich mit Hilfe von „Grenzgängern“ beider Kulturen einander näher zu bringen. Nur so können auch gemeinsame Zukunftsperspektiven sinnvoll herausgearbeitet werden. Zu dieser Veranstaltung der Polytechnischen Stiftung hatte das Organisationskommittee „Frankfurt auf Französisch“, das Institut Franco-Allemand de Sciences Historiques et Sociales (IFRA/SHS) in Zusammenarbeit mit dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels eine besonders kompetente und hochrangige Sprachexpertenrunde zusammengestellt, die sich im Vorfeld der Buchmesse im „Haus des Buches“ in Frankfurt nachhaltig austauschen konnte.

 

↑ Professor Pierre Monnet, Leiter des Institut Franco-Allemand (IFRA), moderierte die Veranstaltung und nahm auch an einer Diskussionsrunde „So verschieden und doch so nah: Berührungen und Grenzgänge – Sprachkontakte zwischen Französisch und Deutsch in Literatur, Geschichte, Philosophie“ teil

Liebeserklärung an das Französische?

„Ich erinnere mich noch genau an den ersten französischen Satz, den ich las. Kurz vor den Sommerferien. Mit fünfzehn. Ich war mit meinen Frankfurter Freundinnen in den Stadtwald geradelt. Wir hatten an einer Lichtung gehalten und uns ins Gras gelegt. Und während sie den Proviant auspackten und eine karierte Wolldecke ausbreiteten, die irgendwie nach Hund roch, schlug ich das Buch voller Ungeduld auf.“ …Es klingt verführerisch, wenn die heute in Paris lebende Autorin Gila Lustiger im nüchternen Buchhändlerhaus ihre ersten französischen Worte, denen ein Zauber innewohnte, mit ihrer sonoren Stimme spricht: „Eh bien, prince, que vous disais-je ?“

→ Gila Lustiger

Dieser Ausspruch ist jedoch nicht etwa einer Szene aus einem französischen Roman entnommen, sondern aus Tolstois „Krieg und Frieden“, wo die Hofdame Anna Pawlowna Scherer die Gäste in ihrem Salon in der Umgangssprache des Adels begrüßt, als nämlich der dekorierte Fürst Wassil in den Salon tritt und sie ihm diese Frage stellt und er „sein kahles, parfümiertes Haupt der hingereichten Hand entgegenneigt, um sie zu küssen.“ Die Liebe zur französischen Sprache hat für Gila Lustiger hier einen Umweg über ein drittes Medium genommen, den russischen Roman, den die Jugendliche auf Deutsch las und in den Tolstoi etliche französische Sätze eingestreut hat, um die damaligen Umgangsformen so getreu wie möglich wiederzuspiegeln.

Eine ähnliche Erfahrung machte die in Israel geborene, in Frankfurt aufgewachsene und heute in Paris lebende Autorin, deren Essay „Erschütterung – Über den Terror“ kürzlich im Berlin Verlag erschienen ist, als sie vor vielen Jahren  Thomas Manns „Zauberberg“ las. Darin fragt Joachim seinen Vetter Hans Castorp: „Meinst du, dass er Mut genug hätte, de se perdre ou même de se laisser dépérir?“, woraufhin der gerade in den Schweizer Bergen Angekommene empört erwidert: „Was fängst du an, französisch zu sprechen?“

Gila Lustiger findet etliche weitere Beispiele aus der Literaturgeschichte, in der mehrsprachige Dialoge auch ein Mittel der Ästhetik und Welterfahrung sind. Denn der mehrsprachige Dialog sei nicht nur für Thomas Mann ein Kunstmittel, wenngleich „Vielsprachigkeit mit all den Problemen, die damit auch verbunden sein können“, zu Manns Lebenserfahrung und Ästhetik gehörte.

Die spätere Studentin der Komparatistik entdeckt natürlich auch die französische Literatur und ganz besonders den Großmeister der Erzählung Gustave Flaubert, den sie vor allem liebte. Auf dessen Genauigkeit in der Beschreibungskunst macht sie  besonders aufmerksam und stellte sich dabei die Frage:„Ist das, was er schreibt, typisch französisch? Vielleicht. Doch nur einer, der schaut, bis es schmerzt, der sich nicht ablenken lässt, der alles registriert, nur einer, der das, was er sieht, auch aufzuzeichnen weiß, der es notiert, skizziert, diagnostiziert, datiert, katalogisiert. Wie schaut dieser Schriftsteller denn, fragte ich mich. Wie konnte man überhaupt so schauen? Mit solch einem feinen Blick. Und wie konnte man das alles so akribisch festhalten? Bis ins allerkleinste, unerheblichste Detail. Und wie schaffte man es, die Einzelheiten durch eine einfache Aneinanderreihung emotional so aufzuladen? Ja, wie ging das denn, dass dadurch ein Sittenbild entstand?“„Nur einer, der das was er sieht, so bedachtsam, so lakonisch beschreibt wie er, der das zuvor Notierte verwirft und es neu formuliert, neu beleuchtet, nur einer, der ganze Seiten füllt, bis die Augen schmerzen und der Rücken schmerzt, nur so einer bannt die Wirklichkeit mit Sprache.“ Nicht die Reinheit der Sprache ist es also, welche die Autorin fasziniert, sondern das Aufnehmen der Realität durch die angemessene Sprache.

Allmähliche Annäherung an das Deutsche

Ganz anders sieht die erste Begegnung mit der deutschen Sprache für Alain Lance, den renommierten Übersetzer ins Französische, aus. Sie ähnelte eher einem Schockerlebnis. Das war nämlich in den 40er Jahren, als in Frankreich das Wort Achtung ! (wohlgemerkt mit Ausrufungszeichen) kursierte, das ihm wohl durch die Besatzungssoldaten in Paris und durch die intuitive Wiederholung aus dem Mund der Mutter vertraut war. So schilderte Lance mehr die Ursprünge der wachsenden Zuneigung zur deutschen Sprache und vermied das Wort „Liebeserklärung“, weil das Wort „Erklärung“ (déclaration“) für ihn belegt war, spricht man  doch auch von „Kriegserklärung“. Lance hat sehr viel später nicht nur Christa Wolf, Volker Braun oder Ingo Schulze ins Französische übertragen. Als Leiter des Institut français hat er 1989 gemeinsam mit seinem damaligen „Praktikanten“ Pierre Monnet (s.o.) das Schwerpunktthema Frankreich für die Frankfurter Buchmesse vorbereitet und ist daher bestens mit dem Thema der wechselseitigen Beziehung vertraut.

 → Alain Lance

Sein Vater wiederum, der in der Nähe von Trier Kriegsgefangener gewesen war, hatte eine herzliche Beziehung zu einem wackeren schwäbischen Bauernnamens Hermann entwickelt, der ihm ein rudimentäres Deutsch beigebracht hatte, weswegen der Vater seinem Sohn riet, im Gymnasium doch Deutsch zu lernen, auch wenn der Vater immer noch von den „chleus“ (etwa: die Barbaren, die schleuh sprechen) sprach. Aber er unterschied zwischen den Greueltaten der Nazis und individuellen Deutschen.

So geriet Alain Lance dann auch mit 16 nach Tübingen. Da kannte er bereits deutsche Gedichte wie „Das Heidenröslein“ oder „Die Loreley“ auswendig. Um sich aber auch dem Alltagsdeutsch anzunähern, verbrachte er nach und nach die Sommer in Deutschland, studierte Germanistik und bekam nach dem Algerienkrieg auch Lust, die DDR, als das „andere Deutschland“ für sich zu erkunden, studierte zwei Semester lang bei Hans Mayer in Leipzig, kurz bevor dieser wiederum nach Tübingen ausreiste, lernte den sächsischen Akzent, die musikalische Tradition des Gewandhauses und der Thomaskirche kennen, bekam ein musikalisches Ohr.

Durch Günter Mieth kam er mit dem Hyperion von Hölderlin in Berührung und lernte später an der Ost-Berliner Akademie 1964 den ostdeutschen Schriftsteller Stephan Hermlin kennen und mit ihm die literarische Zeitschrift „Sinn und Form“, in der er wiederum den Lyriker Volker Braun entdeckte, den er seither übersetzte und dessen Texte 1970, nachdem Lance zwei Jahre zusätzlich im Iran verbracht hatte, unter dem Titel Provocations pour moi et d’autres endlich auch in Frankreich erschienen.

Zurück in Paris, unterrichtete Lance Deutsch als erste Fremdsprache am Gymnasium. Da hatte er bereits auch den Reiz des gesungenen Deutsch entdeckt, etwa durch die Brecht-Vertonungen und durch den rauhen Charme der Chansonniere Gisela May: Nimms von den Pflaumen im Herbste/ Wo reif zum Pflücken sind/ Und haben Furcht vorm mächt’gen Sturm/ und Lust auf’n kleinen Wind … Beeindruckt war er ebenfalls von dem elsässischen Schriftsteller und Renaudot-Preisträger Alfred Kern. In Paris dann begegnete Lance seiner späteren Frau Renate, einer Marburger Studentin, die zum Studium an das Centre national de la recherche scientifique gekommen war, um über Heinrich Heine und Louis Aragons Briefwechsel zu arbeiten, der damals folgende Zeilen schrieb: „J’aimais déjà les étrangères quand j’étais un petit enfant…/ Schon als kleines Kind liebte ich die Ausländer“. Es wurde eine folgenreiche Begegnung.

Die Autoren Volker Braun und Alfred Kern wurden Renate und Alains Trauzeugen. Beruflich wurden die beiden ebenfalls ein Paar. Als Alain Lance „Kein Ort. Nirgends“ von Christa Wolf ins Französische übersetzte, wurde der Austausch der beiden über Sprachnuancen so intensiv, dass er von einer Übersetzerarbeit zu vier Händen sprach. Trotz dieser intensiven Erfahrung bekannte Lance auf dem Frankfurter Kolloqium, dass das Deutsche für ihn bis heute sowohl etwas Vertrautes und zugleich auch etwas Fremdes geblieben sei, was nicht bedeutet, dass er deshalb etwa den Rückgang des Deutschen in Frankreich sehr bedauere und sich daran störe, wenn er im Radio auf dem Sender „France-Culture“ den Schriftsteller auf „Englisch“ als „Piter Handke“ oder „Qualter Benjamin“ präsentiert bekommt.

Denglisches Navigieren

Dass es zwischen den verschiedenen Kulturen, die einerseits nach wie vor von den Folgen der einschneidenden Kriege, andrerseits von dem Verlust der Sprach- und Kulturkenntnisse insgesamt geprägt sind, immer noch oder schon wieder knirscht, konnte man in den verschiedensten Ausprägungen der Beiträge erleben, die ich selbst leider nicht alle habe wahrnehmen können. Das fremde Wort oder das Fremdwort, von dem der Frankfurter Philosoph Theodor W. Adorno als vom „Wort aus der Fremde“ sprach, scheint sich heute eher aus dem globalen und bisweilen missverstandenen Englisch zu speisen. So steuerte der zum Kolloquium geladene Prof. Heinrich Detering, Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, mit einem so köstlichen wie bezeichnenden Beispiel aus der Navgiationssprache bei und schilderte seine Kulturreise in einem Mietwagen mit Navigationsgerät von Vence über Saint Paul ins südfranzösische Nizza.

→ Prof. Heinrich Detering

„Man bewundert die Architektur der alten Dörfer und Städte, die herrlichen Ausblicke von den Bergen aufs Meer, man ist entzückt über die Fresken Chagalls und die Kirchenfenster von Matisse. Einer der vier, der Mieter des Wagens, hat klugerweise daran gedacht, aus Deutschland sein eigenes Navigationsgerät mitzubringen, damit man sich auf den verschlungenen Landstraßen nicht verfährt. So ertönt während der Fahrt aus dem kleinen Lautsprecher immer wieder die freundliche Frauenstimme, die ihre gewohnten Anweisungen gibt. Nur – was sagt sie da eigentlich? „An der nächsten Kreuzung abbiegen in die Avenu-e dess Alpess“, sagt sie. „Nach einem Kilometer nach rechts in die Ru-e Henry Matis-se, Richtung Saint [wie ‚weint‘] Paul [wie in ‚Peter und Paul‘]“. Kein Zweifel, unsere deutsche Navigationsdame, die freundliche Stimme aus dem Weltall, kann kein Französisch. Sie weiß offenkundig noch nicht einmal, weil kein Mensch es ihr einprogrammiert hat, dass diese Sprache überhaupt existiert. Sie weiß davon so wenig wie von, mit ihren Worten, Mar-sei-le und Seint Tropp-etz. Für diese Stimme gibt es kein Frankreich.

Also, das ließe sich folgern, gibt es in ihrem für deutsche Autobahnen gemachten Programm einfach keine Fremdsprache? Weit gefehlt. Als wir uns der Hauptstadt nähern, sagt die Stimme tatsächlich (ich habe es nicht erfunden): „Nach acht Kilometern erreichen sie Nais.“ Das ist der Tiefpunkt unter dem Tiefpunkt: dass sie dieses eine Mal wirklich den französischen Ortsnamen statt des deutschen sagen will und dass sie ihn für einen englischen hält. „Nizza“, das heißt auf Fremd nicht „Nice“, sondern nice.“

Der Akademiepräsident, der anlässlich der Tagung sein durchaus elaboriertes Schulfranzösisch in seinem Grußwort herausgeholt hatte, hatte ebenfalls geschworen, dass er sich aufgrund dieser Erfahrung wieder dem Gebrauch der Vervollkommnung seiner Französischkenntnisse widmen würde. Damit wäre er in beiden Ländern ein leuchtendes Vorbild.

Dass Sprache und Kultur unmittelbar miteinander verbunden sind, und das Verstehen der anderen auch immer mit Hintergrundwissen verbunden ist, machte diese herausragende Tagung der Polytechnischen Stiftung deutlich. Hätte diese Erkenntnis sich in dem kaleidoskopartigen Europa durchgesetzt, wäre vermutlich manch heftige Auseinandersetzung anders ausgegangen. Und wie lautete das abschließende Thema, mit dem Barbara Cassin sich beschäftigte: „Eine Sprache kann man nicht besitzen“. Das wiederum hat uns der französische Philosoph Derrida gelehrt. Und man möchte ergänzen: aber man kann sie sich erarbeiten.

Eben erfuhren wir vom plötzlichen Tod des Präsidenten der Polytechnischen Gesellschaft Walther von Wietzlow, der noch am Kolloquium teilgenommen hat (s. Foto) und sind bestürzt. Die von ihm gestaltete Feier zum 200-jährigen Jubiläum der Polytechnischen Gesellschaft 2016 wird vielen in bester Erinnerung bleiben. Unter dem Motto ‚Zukunft entdecken‘ konzipierte er zahlreiche Vortragsveranstaltungen von hohem Niveau.

Alle Fotos: Petra Kammann

Die Buchmesse schließt ihre Tore – Ein Résumé

2017, Oktober 15.

↑ Europa-Diskussion mit Staatspräsident Emmanuel Macron in der Frankfurter Goethe-Universität mit Daniel Cohn-Bendit und Gilles Kepel

Was aber bleibet…

Zahlreiche Politiker, darunter die französische Kulturministerin Françoise Nyssen, die Staatsministerin für Kultur und Medien Monika Grütters, die Bundesministerin für Arbeit und Soziales Andrea Nahles, der SPD-Vorsitzende Martin Schulz und der Präsident der Europäischen Linken Gregor Gysi, besuchten die Frankfurter Buchmesse. Mit einem Besucherplus von 6,5 Prozent am Messewochenende und einem leichten Rückgang von 0,2 Prozent an den Fachbesuchertagen ist die Frankfurter Buchmesse 2017 am heutigen Sonntag zu Ende gegangen. 286.425 Besucherinnen und Besucher kamen zur Frankfurter Buchmesse, das entspricht einem Zuwachs von 3 Prozent gegenüber dem Vorjahr. 7.300 Aussteller aus 102 Ländern nahmen in diesem Jahr teil. Insgesamt fanden in der Messewoche rund 4.000 Veranstaltungen statt. Bei der Eröffnung der Frankfurter Buchmesse durch die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel und den französischen Staatspräsidenten Emmanuel Macron wurde ein starkes Zeichen für ein Europa der Kultur gesetzt.

Ein Höhepunkt der Buchmesse:
Der Friedenspreis an Margret Atwood

↑ Heinrich Riethmüller und OB Peter Feldmann gratulieren der Friedenspreisträgerin in der Paulskirche

↓ Auch frühere Friedenpreisträger wie Alfred Grosser (4.v.li) und Carolin Emcke (3.v.li) waren in die Paulskirche gekommen…

Der Vorsteher des Börsenvereins Heinrich Riethmüller rief in seinem Grußwort die Gründungsmotivation des Friedenspreises in Erinnerung. Was über viele Jahre so selbstverständlich zu sein schien. Nach den Vorfällen war es von besonderer Aktualität: „Angesichts der Gräueltaten des Naziregimes und der Tatenlosigkeit, wenn nicht sogar Anbiederung der Buchbranche haben Verleger und Buchhändler 1950 den Friedenspreis ins Leben gerufen.“ Man habe eine besondere Verantwortung für die Bewahrung und Vermittlung von Frieden und Freiheit. Die Laudatio von Eva Menasse war ebenso  fein ziseliert wie die Rede der diesjährigen Friedenspreisträgerin Margret Atwood selbst,  (Hier finden Sie ihre Rede) die anspielungsreich, amüsant und ein literarisches Vergnügen war.

Au revoir Frankreisch…

Ein Höhepunkt der Frankfurter Buchmesse 2017 war der Ehrengastauftritt Frankreichs. „Francfort en Français“ war das wichtigste und größte Kulturprojekt, das Frankreich jemals mit Partnern in Deutschland umgesetzt hat. Es beruhte auf der engen deutsch-französischen Freundschaft und lebte von der Vision, gemeinsam ein Europa des Geistes, der Literatur und der Kultur zu schaffen. 180 französischsprachige Autorinnen und Autoren trafen bei rund 350 Veranstaltungen auf der Frankfurter Buchmesse und in der Stadt ihre Leser. Tausende Besucherinnen und Besucher haben in den letzten Tagen den französischen Pavillon mit seiner kunstvollen Holzkonstruktion besichtigt und mit Leben gefüllt.

↑ Merci pour ces moments… Verabschiedung des Teams von „Francfort en français“

„Hospitalité où le plaisir d’habiter la langue de l’autre est compensé
par le plaisir de recevoir
chez soi,
dans sa propre demeure
d’accueil, la parole de l’étranger.“

Sprachliche Gastfreundschaft also, bei der das Vergnügen,
die Sprache des anderen zu bewohnen, vergolten wird durch das Vergnügen,bei sich,
in seiner eigenen, gern aufnehmenden Bleibe,
das Wort des Fremden
zu empfangen.“

„Unser diesjähriger Ehrengast Frankreich öffnete uns den Blick für den französischen Sprachraum. Wir haben den Reichtum, die thematische Vielfalt und Widersprüchlichkeit der französischsprachigen Literatur kennengelernt, die weit über die Staatsgrenzen unseres Nachbarlandes hinweg geschrieben und gelesen wird“, sagte Juergen Boos, Direktor der Frankfurter Buchmesse.

Paul de Sinety, Vorsitzender von „Francfort en français / Frankfurt auf Französisch“, resümierte: „Mit dem Ehrengastauftritt Frankreichs auf der Frankfurter Buchmesse war gleichwohl auch die französische Sprache eingeladen. Dies war uns eine große Ehre und Freude und die außergewöhnliche Gelegenhei,  zusammen mit unseren deutschen Freunden das Europa der Kultur neu zu denken. Dies ist eine Vision, die wir gerne mit unseren georgischen Freunden teilen möchten. Die Einladung Georgiens als Gastland der Frankfurter Buchmesse 2018 ist in dieser Hinsicht sehr symbolträchtig und wir wünschen unserem europäischen Nachbarn über die Grenzen der Europäischen Union hinweg alles Gute.“

Jedes Jahr am letzten Tag der Frankfurter Buchmesse findet eine ganz besondere Veranstaltung statt. Am Nachmittag des Messesonntags verabschiedet sich der amtierende Ehrengast und übergibt in einer feierlichen Zeremonie an den künftigen. Eigens dafür wurde das Objekt der GastRolle kreiert, welches jährlich um einen literarischen Beitrag des folgenden Ehrengastes erweitert wird. Ehrengast 2017, Frankreich, hatte ein Zitat von Paul Ricœur gewählt: Auf der Bühne begleiteten Pénélope Bagieu, französische Autorin und Illustratorin und der georgische Autor Davit Gabunia die GastRollen-Übergabe.

Juergen Boos, Medea Metreveli (Georgien) und Paul de Sinety bei der Übergabe der Gastrolle an den Ehrengast Georgien

Willkommen, Georgien 2018

„Mit Georgien kündigt sich nun ein Ehrengast an, dessen jahrtausendealte kulturelle Wurzeln vielen von uns noch weitgehend unbekannt sind“, so Juergen Boos.  Wir freuen uns auf die literarischen Entdeckungen und sind sehr gespannt auf die Persönlichkeiten und Geschichten, die uns das georgische Organisationskomitee im Oktober 2018 vorstellen wird.“ Medea Metreveli, Leiterin des Ehrengastkomitees Georgien 2018, versprach für das nächste Jahr weitere spannende und ungewöhnliche Begegnungen. „Unter dem Motto ‚Georgia – Made by Characters‘ wollen wir die große literarische Tradition des Landes, die bis ins 5. Jahrhundert zurückreicht und so reich an Genres ist, und die einzigartige Schrift präsentieren, in der sie niedergeschrieben wurde“, erklärte Medea Metreveli. „Wir wollen zeigen, wie sich die georgische Literatur seit der Unabhängigkeit Georgiens auf eine ganz andere und experimentelle Weise etabliert und wieder ihre eigene Identität entwickelt hat. Und schließlich möchten wir unsere historischen und kulturellen Erfahrungen und unsere Antwort auf die Herausforderungen der modernen Welt mit der ganzen Welt teilen.“

Georgien präsentierte sich auf der GastRolle mit einem Auszug aus dem Nationalepos „Der Recke im Tigerfell“ von Schota Rustaweli aus dem 12. Jahrhundert.

Wie die Sonne gleiche Lichtflut auf Gestrüpp und Rosen gießt,
sieh, dass Arm’ und Reiche du mit gleicher Fürstengnade misst.
Auch den Trotz bezwing durch Güte, die allzeit bezwingend ist
spende – wie die Flut, vom vollen Meere kommend, meerwärts fließt.

Der Beitrag Georgiens auf der GastRolle ist in den kunstvoll geschwungenen Buchstaben des georgischen Alphabets verfasst. Die einzigartige Schrift spielt auch für die britisch-georgische Sängerin Katie Melua, welche die GastRollen-Übergabe musikalisch begleitete, eine große Rolle: „Ihr verdanke ich, dass ich das Bücherlesen liebgewonnen habe und das spielte eine entscheidende Rolle bei der Herausbildung meiner Persönlichkeit“, so die Künstlerin. „Georgien ist stets in meinem Herzen. Mein Schaffen ist ein Teil meines Charakters, der nicht zuletzt aus georgischen Buchstaben geformt wurde.“

Emotionaler Auftritt mit der britisch-georgischen Sängerin Katie Melua

Die Buchmesse setzte sich auch in der Stadt weiter fort in den an fünf Orten rund um den Römer. Die OPENBOOKS, das von der Stadt Frankfurt unterstützte Lesefest, hat in diesem Jahr einen Wahrnehmungssprung gemacht. Zu den 120 kostenfreien Veranstaltungen  waren 16.00 Leser und Zuhörer geströmt. Wenn man das hört, glaubt man doch noch an die Zukunft des Buches.

OPEN BOOKS 2017

Überschattet wurde die Buchmesse selbst durch Konfrontationen zwischen rechten und linken Gruppierungen. „Auf der Frankfurter Buchmesse kommen an fünf Tagen mehr als 280.000 Besucherinnen und Besucher aus über 150 Ländern zusammen. Sie ist ein Ort, der von einer enormen Vielfalt an Meinungen lebt. Wir lehnen die politische Haltung und verlegerischen Aktivitäten der Neuen Rechten entschieden ab. Dennoch sind wir als Veranstalter der größten internationalen Messe für Bücher und Medien dem Grundrecht auf freie Meinungsäußerung verpflichtet. Konflikte bleiben hier nicht aus. In diesem Jahr wurden wir Zeugen von Handgreiflichkeiten, die von der Polizei aufgelöst wurden. Gewalt als Mittel der Auseinandersetzung verurteilen wir aufs Schärfste“, sagte Juergen Boos, Direktor der Frankfurter Buchmesse.

Alle Fotos: Petra Kammann

Weitere Infos in FeuilletonFrankfurt 

→ Frankfurt Buchmesse aktuell Teil 4

→ Buchmessesplitter 3

 Buchmesse Tag 2 – Splitter

  Frankfurt ist eine Messe wert – Die Jury des Prix Goncourt auf der Buchmesse

→ Starker Auftakt: Eröffnung der Frankfurter Buchmesse mit dem Ehrengast Frankreich

 Der Deutsche Buchpreis 2017 ist entschieden

 Der Deutsche Buchpreis 2017

→ Kultur-Brücken in und nach Frankfurt – „Francfort en français / Frankfurt auf Französisch“

→ „Struwwelpeter recoiffé“ im Frankfurter Struwwelpeter-Museum

 

Buchmesse Tag 2 – Splitter

2017, Oktober 13.

Unterwegs zu den Terminen: Business as usual bei den Fachtagen

Die Frankfurter Buchmesse ist mit über 7.300 Ausstellern aus 102 Ländern, rund 278.000 Besuchern, über 4.000 Veranstaltungen und rund 10.000 akkreditierten Journalisten, davon 2.400 Blogger, die größte Fachmesse für das internationale Publishing. Darüber hinaus ist sie ein branchenübergreifender Treffpunkt für Player aus der Filmwirtschaft und der Gamesbranche. Einen inhaltlichen Schwerpunkt bildet seit 1976 der jährlich wechselnde Ehrengast, in diesem Jahr Frankreich eben, der dem Messepublikum auf vielfältige Weise seinen Buchmarkt, seine Literatur und Kultur präsentiert. Die Frankfurter Buchmesse organisiert die Beteiligung deutscher Verlage an rund 20 internationalen Buchmessen und veranstaltet ganzjährig Fachveranstaltungen in den wichtigen internationalen Märkten. Auch die Angebote für das Publikum sind so vielfältig, dass man nur weniges herausgreifen kann, dass zum Beispiel  Martin Schulz und Gregor Gysi ihre Rundgänge machten, Autoren an ihren jeweiligen Ständen jeweils Interviews gaben, dass der Fischer Verlag sein traditionelles Buchmessefest im Literaturhaus feierte, sich das Ehrengastland Georgien des kommenden Jahr präsentierte undundund…

Eindrücke von Petra Kammann

30 Jahre Passagen Verlag. Störung erwünscht legt die Jubiläumsschrift nahe: Am Stand diskutieren Verleger Peter Engelmann mit Übersetzer (u.a. Jacques Derrida 1.v.l.), Praktikantin Carolin Pfaff und Martin Born, Lektor, Passagen Verlag und Carolin Pfaff

Treffen am Stand des Europa Verlags: v.l.n.r.: Autor Peter Matthews, Michael Goerden, Programmleiter Golkonda Verlag, Verleger Strasser, Barbara Stang

Georgien: Ehrengast der Frankfurter Buchmesse 2018

2018 ist Georgien Ehrengast der Frankfurter Buchmesse − das Motto des Auftritts lautet „Georgia − Made by Characters“. Das kommende Gastland gab einen ersten Einblick in das umfangreiche Literatur- und Kulturprogramm.

„Georgien ist eine der ältesten Kulturnationen der Welt und verfügt über eine für solch ein kleines Land unglaubliche Fülle an Kulturschätzen“, so Mikheil Giorgadze, Minister für Kultur und Denkmalschutz Georgiens. „Wir freuen uns, dass wir 2018, wenn Georgien den 100. Jahrestag seiner Unabhängigkeit feiert, in Deutschland unsere einzigartige kulturelle Identität zeigen können. Wir wollen ‚Georgia – Made by Characters‘ zu einer Feier der georgischen Literatur, Kultur und Kreativität machen.“ Einen Eindruck von der großen Kulturnation vermitteln bereits die Veranstaltungen, die derzeit im Rahmen des Deutsch-Georgischen Jahres 2017 stattfinden.

Rund 500 Lesungen und Events im deutschsprachigen Raum stimmen ab jetzt auf den Ehrengastauftritt ein. 70 Schriftsteller aus Georgien werden mit ihren Büchern in bis zu 30 Städte in Deutschland, der Schweiz und Österreich reisen und an rund 20 literarischen Festivals wie der lit.COLOGNE, dem Harbour Front Literaturfestival Hamburg sowie den Literaturtagen Zofingen teilnehmen. Die hierzulande wohl bekannteste Autorin ist Nino Haratischwili. Die in Hamburg lebende Georgierin, die ihre Bücher in deutscher Sprache verfasst, hat mit ihrem vielbeachteten Roman „Das achte Leben (Für Brilka)“ interessante Einblicke in die georgische Geschichte und Lebensart vermittelt.

Juergen Boos, Geschäftsführer der Frankfurter Buchmesse, sagte: „Georgien blickt auf eine 15 Jahrhunderte lange literarische Tradition und eine bewegte Geschichte zurück. Dieses kulturelle Erbe prägt und inspiriert zeitgenössische Autorinnen und Autoren auch heute noch. Auf der Frankfurter Buchmesse 2018 werden unsere Besucherinnen und Besucher aus aller Welt die lebendige Literaturszene des kaukasischen Landes entdecken.“

Im nächsten Jahr werde die georgische literarische Szene in ihrer ganzen Vielfalt in Frankfurt vertreten sein und bei einer Vielzahl an Lesungen, Workshops und Konferenzen spannende Einblicke in die georgische Literatur, Kultur und Lebensart geben. 90 Neuübersetzungen in deutscher Sprache sind geplant. Die Palette reicht von klassischen bis zu zeitgenössischen Autorinnen und Autoren, von Erzählungen, georgischen Epen und Anthologien georgischer Poesie über Sachbücher, Kinder- und Jugendliteratur, Krimis bis hin zu einer Sammlung von kritischen Essays.

Hinzu kommt ein umfangreiches Rahmenprogramm mit Ausstellungen, Musik-, Theater- oder Filmvorführungen. Auf der Frankfurter Buchmesse 2018 lädt das Georgische Nationale Filmzentrum zu 15 Filmvorführungen und Diskussionen ein.

Katharina und Andreas J. Meyer, Foto: © Roger von Heereman/Merlin Verlag

Und heute: Zauber des Merlin Verlags

Die Freiheit der Kunst und der gewitzten Verlegerei wird heute mit Autoren wie Fouad Laroui und Boualem Sansal am Merlin Stand gefeiert. Der von Vater Andreas Meyer und Tochter Katharina E. Meyer Inhaber- geführte Verlag wird 60 Jahre alt und  30 Jahre die Verlagsschwester mit den Tigerenten Little Tiger. Wir gratulieren!

Frankfurt ist eine Messe wert – Die Jury des Prix Goncourt auf der Buchmesse

2017, Oktober 12.

Messeimpressionen mit französischen Autoren am Tag 1 nach der Eröffnung

von Petra Kammann

↑“Monsieur Apostrophe“ Bernard Pivot, Vorsitzender der Jury des renommierten Prix Goncourt. Seine beliebte Büchersendung „Apostrophe“ im Französischen Fernsehen wurde auch Namensgeber der
↓ französischen Brasserie auf der Messe. In Paris wird beim traditionellen Mittagessen im Restaurant Drouant getagt. Cela change. In Frankfurt war die Ästhetik des Pavillon français stilbildend. 

Das war wohl einmalig und eine echte Premiere! Die Jury der Académie Goncourt, die seit 1903 für den legendären französischen Buchpreis stimmt, die sich in Paris regelmäßig zum Mittagessen im Restaurant „Drouant“ trifft, tagte in Frankfurt im Ehrengast-Pavillon: Wer in die engere Auswahl des prestigeträchtigen mit symbolischen 10 Euro dotierten französischen Literaturpreises „Prix Goncourt” kommt, wurde in diesem Jahr von der gesamten Jury und ihres Vorsitzenden Bernard Pivot auf der Frankfurter Buchmesse bekannt gegeben.

Die Jurymitglieder diskutierten auch darüber, welche Auswirkungen der Preis im Ausland hat und welche Folgen für den Autor, dessen Romane häufig verfilmt werden. Der französische Roman „La Disparition de Josef Mengele“ („Das Verschwinden von Josef Mengele“) von Olivier Guez sei als einer von acht Titeln in die engere Wahl genommen worden. Zuletzt hatte die französisch-marokkanische Autorin Leïla Slimani, die mit diskutierte, den Prix Goncourt für ihren provokativen Roman „Chanson douce“–  ein Drama von existenzieller Wucht – bekommen, der gerade auch auf Deutsch unter dem Titel „Dann schlaf auch du“ erschienen ist. Ihr Roman wird nicht nur in verschiedene Sprachen übersetzt, er wird wohl auch verfilmt werden.

Die prominent besetzte Jury mit Pierre Assouline, Françoise Chandernagor, Philippe Claudel, Paule Constant, Didier Decoin, Virginie Despentes, Tahar Ben Jelloun, Patrick Rambaud und Éric-Emmanuel Schmitt und ihrem Präsidenten Bernard Pivot, stellte dem Publikum Erfahrungen der Autoren vor

„Escales littéraires“ – Lesen und Schreiben im Hotel

„Literarische Reise nach Frankreich“  –  „Escales littéraires“ war ein anderes Format, das außerhalb der Buchmesse stattfand und in Frankreich schon seit 10 Jahren Schule gemacht hat. In Zusammenarbeit mit Atout France lasen im Sofitel Frankfurt Opera zwei Schriftstellerinnen, deren Geschichten in Regionen Frankreichs verankert sind.

Carole Martinez’, welche 2011 den Prix Goncourt des lycéens, für „Du domaine  des Murmures“ erhalten hatte, erzählte in ihrem bildreichen  und mit verschiedenen Preisen bedachten Roman „Le coeur cousu“(Das genähte Herz) die Geschichte der Frasquita Carasco, die sich in der Enge ihres abgelegenen andalusischen Dorfes gefangen fühlt – bis ein unscheinbares Nähkästchen ihr eine völlig neue Welt eröffnet und sie erkennt, dass sie aus der Enge ihres Dorfes entfliehen musste. Kongenial las der deutsch-französische  Regisseur und Schauspieler Stéphane Bittoun längere Passagen auf deutsch. Köstlich die Beschreibung eines Hühnerhofs mit der ihm eigenen Hackordnung…

Die literarischen Gäste: Carole Martinez las ein Kapitel des Romans auf Französisch 

Christine Cazon im Gespräch mit der Feuilleton-Redakteurin der FAZ, Lena Bopp

Ganz anders war die Lektüre aus „Stürmische Côte d’azur“ und ein Gespräch, das FAZ-Kritikerin Lena Bopp führte mit Christine Canon, Erfinderin des Commissaire Léon Duval, der reif für die Insel ist, und sie sprachen über die Erfahrungen der in Cannes lebenden Autorin. Der dritte Fall der Côte-d’Azur-Krimireihe um den Kommissar Léon Duval führt den Ermittler auf die Insel Sainte Marguerite. Unmittelbar vor Cannes gelegen, ist sie ein beliebtes Naherholungsgebiet und völlig anders als das glamouröse Cannes. Im Sommer pendeln die Fähren unablässig zwischen der Stadt und dem kleinen Inselhafen hin und her. Doch inzwischen ist es Herbst geworden, ein Sturmtief liegt über der Bucht, als auf einer Yacht im Hafen von Sainte Marguerite…

Starker Auftakt: Eröffnung der Frankfurter Buchmesse mit dem Ehrengast Frankreich

2017, Oktober 11.

Eine besondere Stunde für Europa

Kultur lebt vom Austausch: Der Beginn der Buchmesse

Impressionen von Petra Kammann

„Frankreich als Ehrengast der 69. Frankfurter Buchmesse: Das ist ein Fest für die französische Sprache, mit 180 Autorinnen und Autoren, die aus der ganzen Welt anreisen, um ihre Bücher in Frankfurt zu präsentieren. Der Auftritt Frankreichs bringt uns unser Nachbarland näher, und er lenkt zugleich unseren Blick in die Welt, weil in vielen Ländern Französisch gesprochen wird. Und es hat die wichtigen Politiker Europas auf den Plan gerufen. Am Tag der Eröffnung wurde es dann auch ein Macron-Merkel-Tag. 

v.l.n.r.: Buchmessedirektor Juergen Boos, Staatspräsident Emmanuel Macron, Bundeskanzlerin Angela Merkel und Heinrich Riethmüller, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, dahinter die neue französische Botschafterin Anne-Marie Descôtes

Der Auftritt setzte ein starkes Zeichen! Neben dem französischen Staatspräsidenten und der deutschen Kanzlerin waren weitere Würdenträger aus dem In- und Ausland zur Eröffnungsfeier gekommen: zum Beispiel die Sécrétaire Perpétuel“ der legendären Académie française Prof. Hélène Carrère d’Encausse sowie zahlreiche LiteratInnen, KünstlerInnen, SchauspielerInnen und VerlegerInnen.

Erwähnenswert ist die Rede des Börsenvereinsvorsteher Riethmüller, der vehement für die Freiheit des Wortes eintrat und darauf hinwies, dass man im letzten Jahr die Rede der in der Türkei inhaftierten regimekritischen türkischen Physikerin, Journalistin und Schriftstellerin Asli Erdogan noch verlas und sie nun anwesend sei. Applaus! Besonders eindrucksvoll war bei der Eröffnungszeremonie die künstlerisch-szenische Darstellung der Sprachlosigkeit „L’hospitalité des langues“ statt einer literarischen Rede, die der libanesischstämmige Franzose, Autor, Schriftsteller und Regisseur Wajdi Mouawad auf die Eröffnungsbühne provokant in den dunklen Zuschauerraum stellte und konterkarierte durch das eindringlich gesungene Lacrimosa. Die Reaktion des hündischen Bellens in der Verzweiflung des Leids ließ die Sehnsucht nach Sprache umso stärker werden. Selbst der redebewusste Macron hielt für einen Moment inne und entschuldigte sich fast dafür, dass er nun doch zum protokollarischen Teil übergehen müsse.

Szene aus  der Performance „L’hospitalité des langues“ des libanesischstämmigen Franzosen, Autors und Regisseurs Wajdi Mouawad

Es folgten dann die mit Leidenschaft vorgetragene Rede des Präsidenten, in der er die Horizonterweiterung beschrieb, die ihm durch Literatur und Kultur in seiner eigenen Erziehung zuteil geworden worden war, und er beschrieb, wie sehr er als Assistent durch seinen Lehrmeister, den französischen Philosophen Paul Ricoeur, geprägt worden war, der trotz seiner Leidensgeschichte mit Deutschland daran festhielt, unbeirrt Husserl ins Französische zu übersetzen. „Europa ist nichts ohne Kultur“, sagte Macron und forderte in seiner Rede mehr auch mehr europäischen Austausch für Studenten und Auszubildende.

„In der Literatur spiegelt sich die Seele unserer freiheitlich verfassten Gesellschaft wider, in der die Freiheit des Geistes und der Meinungsäußerung einher geht mit politischer Freiheit“, sagte Bundeskanzlerin Merkel mit mehr Understatement, wenn auch mit Nachdruck. Sie erinnerte an ihre eigene Erfahrung in der DDR: „Einmal erlebt zu haben, dass man nicht jedes Buch lesen kann, das man lesen möchte, bringt einen dazu dafür kämpfen, dass alle Leute alle Bücher lesen können, die sie lesen möchten.“ Auch daran zu erinnern, war ebenfalls stark, war Frankreich doch im Wendejahr 1989 Schwerpunktthema der Buchmesse und konnte auch miterleben, was die Öffnung der Mauer für Europa bedeutete.

Nach der Eröffnungszeremonie fand dann auch die erste Begehung des französischen Ehrengast-Pavillons in Anwesenheit von Merkel und Macron statt. Gemeinsam wurden auf der Gutenberg-Presse die Menschenrechte gedruckt.

Macron genoss nicht nur das „Bad in der Menge“. Er diskutierte mit Kindern und Jugendlichen im französischen Pavillon. Aus einer Ecke ertönte das gemeinsame Zitieren des Heineschen Loreley-Gedichts mit französischem Akzent

Zuvor aber hatte Macron eine kleine Lehrstunde an der Frankfurter Goethe-Universität in Sachen Europa gegeben. Er entwickelte die Vision einer Bildungs- und Kulturunion, als er auf dem Podium mit dem deutsch-französischen früheren Abgeordneten im Europa-Parlament Daniel Cohn-Bendit sowie mit dem französischen Sozialwissenschaftler Gilles Kepel diskutierte und den Studenten an der Frankfurter Goethe-Universität Mut für eine europäische Solidarität und Einheit zusprach. Er stellte hier nicht nur wirtschaftliche Argumente in den Vordergrund, sondern stellte die Bildung in den Mittelpunkt seines Räsonnierens und plädierte dafür, dass alle jungen Menschen Zugang zur Literatur bekämen. Er widersprach vehement Dany Cohn-Bendit, der ihn in guter Sponti-Tradition herausforderte, indem er  Schmidt zitierte, dass wer Visionen habe, zum Arzt gehen solle. Dem widersprach Macron vehement :„Ich will keinen Arzt, ich will Visionen!“

Gilles Kepel, Kenner des politischen Islam, wies vor allem auf die Bedrohung durch den Terrorismus hin. Macrons Ausführungen gingen jedoch dahin, dass man eben schon viel früher ansetzen müsse als mit der Organisation von Sicherheitsvorkehrungen, eben bei der Erziehung und der Ausbildung, die allen Kindern zukommen müsse. Am Ende hatte Emmanuel Macron für das studentische Publikum sogar eine offizielle Verlautbarung mitgebracht: Dass er nämlich als französischer Präsident fortan die europäische Flagge und Hymne der französischen Trikolore und Marseillaise zur Seite stellen wird.

v.l.n.r.: Daniel Cohn-Bendit, Staatspräsident Emmanuel Macron und Prof. Gilles Kepel und die Universitätspräsidentin Prof. Birgitta Wolff

„Ich freue mich auf die nächsten fünf Tage voller Begegnungen, Gespräche und Diskussionen, und wir heißen die französischsprachigen Literaten, Künstler und politischen Gäste hier herzlich willkommen“, sagte der Direktor der Frankfurter Buchmesse Juergen Boos. Und der Commissaire général von „Francfort en français / Frankfurt auf Französisch“ Paul de Sinety:„Diese Einladung zur Frankfurter Buchmesse ist eine Ehre und ein starkes Symbol für die Dynamik der deutsch-französischen Beziehung und die Lebendigkeit des europäischen Projekts. Fast 30 Jahre nach dem letzten Ehrengastauftritt Frankreichs auf der Frankfurter Buchmesse, im selben Jahr in dem die Berliner Mauer fiel, sieht sich Europa heute großen Herausforderung gegenüber. Es ist unsere Aufgabe, gemeinsam mit unseren deutschen und europäischen Partnern, ein Europa der Übersetzung, der Vielfalt und der Gastfreundschaft zu schaffen. Daher ist es der Wunsch des Präsidenten der französischen Republik, Emmanuel Macron, der Jugend unserer europäischen Länder den Zugang zur Kultur zu erleichtern“.

Auch die Musik spielte am Eröffnungsabend mit. Zum Auftakt von „Francfort en français / Frankfurt auf Französisch“ fand außerdem ein deutsch-französisches Konzert in der Alten Oper Frankfurter statt. Die Philharmonie Straßburg und ihre Solisten, Gautier Capuçon und Veronika Eberle, nahmen das Publikum mit auf eine musikalische Reise durch Frankreich und Deutschland.

Heute wird das Enfant terrible der französischen Literaturszene Michel Houellebecque erwartet und die Jury des renommierten Prix Goncourt. Die Spannung wird gehalten. A suivre…