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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

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Hauptwerke von Matisse und Bonnard demnächst im Städel

2017, August 17.

„Mein lieber Matisse“, „Mein lieber Bonnard“ – „Mein lieber Freund“

In knapp einem Monat ist es soweit. Da werden vom 13. September 2017 an bis zum 14. Januar 2018 zwei herausragende Protagonisten der Klassischen Moderne erstmals gemeinsam in Deutschland im Frankfurter Städel ausgestellt sein: Henri Matisse (1869–1954) und Pierre Bonnard (1867– 1947). Die Ausstellung ist der Künstlerfreundschaft zweier Pioniere der Modernen Kunst gewidmet und sie beleuchtet neue Perspektiven der Entwicklung der europäischen Avantgarde, vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges. Der bisweilen erstaunlich enge Austausch zwischen den Künstlerkollegen zeigt sich vor allem an ihrer intensiven Auseinandersetzung mit so zentralen Themen wie dem Interieur, dem Stillleben, der Landschaft und dem Akt. 

Die hochkarätigen Exponate aus international bedeutenden Sammlungen, u.a. aus dem Art Institute of Chicago, der Tate Modern in London, dem Museum of Modern Art in New York, dem Centre Pompidou und dem Musée d’Orsay in Paris, aus der Eremitage in Sankt Petersburg sowie aus der National Gallery of Art in Washington sind allesamt Zeugen eines langjährigen Dialogs zwischen den beiden französischen Malern, darunter auch „Großer liegender Akt“ von Matisse.
→ Der Katalog erscheint bei Prestel.

Von Petra Kammann

↑ An der Côte d’Azur tauschten sich die Künstler Henri Matisse und Pierre Bonnard aus: Matisse bewohnte bis zum Ende seines Lebens  diese Villa aus dem 18. Jahrhundert inmitten der Olivenhaine von Cimiez. Dort befindet sich heute im ersten Stock das Matisse-Museum von Nizza

↓ 1926 kauft sich Pierre Bonnard ein Haus in Le Cannet oberhalb von Cannes. Er zieht sich dort von 1939 bis zu seinem Tode 1947 zurück. In der Abgeschiedenheit und Ruhe der letzten Lebensjahre entstanden hier besondere Werke. Heute kann man in dem kleinen Bonnard-Museum auf dem Hügel in Le Cannet einige anschauen (Alle Fotos: Petra Kammann)

 

„Es lebe die Malerei!“ – Dieser programmatische Ausruf von Henri Matisse auf einer Postkarte an Pierre Bonnard, die er 1925 aus Amsterdam schickte, hat nicht nur eine 62 Briefe umfassende Korrespondenz der beiden Künstler in Gang gesetzt, die bis 1946 andauern sollte. Dieser Satz wurde für die Ausstellung im Städel auch titelgebend. In der Korrespondenz kam die gegenseitige Wertschätzung der Kollegen zum Ausdruck, die sich häufig auch im Atelier besuchten.

So unterschiedlich die beiden Künstler auf den ersten Blick erscheinen mögen, so ging es ihnen in ihrem Dialog stets um das gemeinsame Nachdenken über künstlerische Probleme der Malerei und um ihre jeweiligen Standpunkte ihr gegenüber. Anders als die von Rivalität geprägte Beziehung zu Picasso war dessen Verhältnis zu Bonnard von echter Freundschaft und gegenseitiger Unterstützung geprägt. Das lässt sich u.a. in den Motiven und Perspektiven verfolgen, die sich teils in ihren Werken wechselseitig ergänzen.

Wie also Matisse auf Bonnard reagiert und umgekehrt, davon wird die Schau „Matisse – Bonnard. Es lebe die Malerei!“ handeln, auf der schon vor der Eröffnung im September eine große Aufmerksamkeit liegt. Denn sie wird zahlreiche Hauptwerke dieser beiden Protagonisten der französischen Moderne aus den verschiedenen Ecken der Welt im Städel versammeln. Ein Hintergrundgespräch mit Daniel Zamani, einem der beiden Städel-Kuratoren, gab erste Einblicke, wie diese Ausstellung zustande kam und was in ihr zu erwarten sein wird.

→ Daniel Zamani, einer der beiden Kuratoren der Matisse-Bonnard-Ausstellung 

 

In der Zeitschrift Cahiers d’art 1947 hatte der Kunstkritiker Christian Zervos 1947 einen sehr gehässigen Artikel über Bonnard verfasst, der dessen angemessene Rezeption zunächst sehr behinderte, weswegen man Bonnard weder in den USA noch in Deutschland zur zeitgenössischen Kunst zählte. Seine Malweise passte nach Meinung der Kritiker  überhaupt nicht ins 20. Jahrhundert.  Zamani sieht den Grund darin, dass Bonnard keinem –ismus oder einer der Schulen, die sich seit dem Impressionismus entwickelt hatten, zuzuordnen war. Matisse jedoch wird zu einem seiner ganz großen Verteidiger.

Der reagierte nämlich auf die Kritik mit einem 2-seitigen Beschwerdebrief. „Wenn ich jemals an Bonnard gezweifelt habe, dann hat mich der Anblick eines seiner Werke an die Wahrheit erinnert, selbst in einer Schwarz-Weiß-Abbildung. Bonnard ist wesentlich tiefsinniger, als es den Anschein hat. Ich bin sicher, dass sein Werk überdauern wird,“ und quer über den gedruckten Text schrieb der Künstler demonstrativ: „Ja! Ich bezeuge, dass Pierre Bonnard ein großer Maler ist, für heute und bestimmt auch für die Zukunft.“

Felix Krämer, der wegen der von ihm kuratierten Monet-Ausstellung im Städel bestens mit der französischen Malerei und den Museen Frankreichs vertraut ist, und Daniel Zamani, der auch zuvor schon mit ihm zusammengearbeitet hatte, ließ dieses Thema nicht ruhen. Sie begannen, die Sache intensiver zu recherchieren und wollen mit einer Ausstellung überzeugen, die diesem Vorurteil ein Ende macht.

Bislang waren laut Zamani tatsächlich gezielt erst zwei Expositionen diesem Thema nachgegangen: 2006/07 in der Ausstellung in Rom Matisse e Bonnard. Viva la pittura! und eine weitere 2008 Matisse et Bonnard: Lumière de la Méditerranée im Kawamura Memorial Museum of Art und Museum of Modern Art in Hayama, allerdings mit einer begrenzten Auswahl von Exponaten. Vor allem aber kamen die beiden Kuratoren zu dem Schluss, dass man das Thema insofern vertiefen müsse, als die Bilder, welche die Künstler voneinander besaßen, in diesen Ausstellungen fehlten. Also machten sie sich auf, um sie an den verschiedenen Orten aufzutreiben.

→ Es wird die letzte von Felix Krämer betreute Ausstellung im Städel sein, bevor er die Leitung des Museum Kunstpalast in Düsseldorf als Generaldirektor übernimmt.

 

Wegen der eben schon guten vorhandenen Beziehungen zu den französischen Museen fingen sie in Paris an, Leihgaben zu erbitten: im Centre Pompidou, im Musée d’Orsay und auch bei der Ville de Paris. Nachdem klar war, dass diese bedeutenden Institutionen sie in der Aufarbeitung des Themas unterstützen würden, fuhr Felix Krämer weiter an die Tate Gallery nach London, während sich Daniel Zamani zunächst in die USA aufmachte, um die Reise für Felix Krämer in den jeweiligen Sammlungen zu recherchieren und vorzubereiten; später verhandelte dann Felix Krämer. Es ging nach New York ans Museum of Modern Art und ins Metropolitan Museum of Art und dann nach Chicago, nach Philadelphia, in die National Gallery nach Washington und zur Philipps Collection, um das Dialogkonzept jeweils vor Ort zu erläutern.

„Wir mussten mit unserer Konzeption überzeugen, indem wir das Ausstellungsprojekt vorstellen und klarmachen, dass wir inhaltlich einen neuen Blick auf die Leihgaben haben“. Sind dafür tatsächlich so aufwändige Reisen nötig? Es ist offenbar der effektivere Weg. “ Das ist auf jeden Fall sehr hilfreich, weil man vieles vor Ort direkt klären kann. Man weiß dann sofort, was geht und was auf gar keinen Fall, weil zum Beispiel bestimmte Werke aus konservatorischen Gründen ohnehin nicht reisen können, und manchmal kommt man dann vor Ort auch auf andere Ideen“, kontert Zamani und ergänzt: „Glücklicherweise hat das Städel einen guten Ruf und ist wegen der französischen Moderne mit dem Schwerpunkt Malerei renommiert, so dass man uns entgegenkommt.“

Und er fährt fort: „Im ersten Jahr haben wir insgesamt sehr hart an den Leihgaben gearbeitet. Schließlich kann man weder mit dem Inhalt noch mit dem Katalog beginnen, wenn man die Bilder nicht hat. Daher: je schneller man Zusagen bekommt, desto besser. Unser Glück war es, dass wir sehr bald Zusagen für das erste Interieur, das Bonnard von Matisse gekauft hat, bekamen wie auch für das Interieur, das Matisse von Bonnard gekauft hat. Das ging innerhalb von einer bis drei Wochen, weil das Konzept so stimmig war.“

Und dann begann natürlich auch sehr viel Denkarbeit für die beiden Kuratoren. Zamani hat dann erst einmal viel Zeit in Pariser Archiven zugebracht: in der Bibliothèque Nationale, im Matisse-Archiv, in der Bibliothèque Richelieu, im Atelier, in dem viele Kunstwerke entstanden sind und wo der Künstler 1909 gewohnt hat, manche Hinweise kamen aus dem Umfeld der Erben. So bleibt die Arbeit von Charles Terrasse, dem verstorbenen Neffen Bonnards, ein wichtiger Impuls für das Verständnis des Werkes. Und der rege Austausch mit den Héritiers Matisse bei Paris tat ein übriges.

Trotz aller sorgfältigen Vorarbeiten gab es natürlich auch Absagen, die seien allerdings  – so Zamani –  immer sehr freundlich gewesen wie im Falle von „Stillleben mit Geranien“ aus dem Jahre 1910 aus der Münchener Pinakothek, das so gut wie nie reist. Da ist zum Beispiel in Amerika auch eine fünfjährige Vorlaufplanung zu berücksichtigen, während man, wenn im Städel das Thema einmal festgeklopft ist, etwa zweieinhalb Jahre Zeit für die Realisierung hat. Natürlich kann man die Pläne der anderen Museen nicht immer kennen. Und da kann es auch passieren, dass schon alles ausgeliehen ist, was man gerne dabei gehabt hätte. Dann muss man halt schnell umdisponieren und neu recherchieren.

Eine Reihe von Werken kamen auch aus Privatbesitz. Da muss man sich an Auktionshäuser wie Sotheby’s und Christie’s wenden, die das Interesse dann weiterleiten. Dort wiederum kann man aber erst anfragen, wenn man schon andere bedeutende Zusagen hat. Dann gibt es einen Blankoleihvertrag. Häufig wollen Privatsammler auch nicht genannt werden, und da bleibt alles strikt anonym.

Insgesamt hilfreich war es sicher, dass das Städel schon im Besitz eines wichtigen Gemäldes von Matisse und eines Bonnard war. Das Bonnard-Gemälde Liegender Akt auf weißblau kariertem Grund, um 1909 war 1988 noch unter der Leitung von Klaus Gallwitz gekauft worden – drei Jahre nach einer großen Bonnard-Retrospektive. Einige der nun gezeigten Bilder waren auch schon einmal als Leihgaben im Städel, nun kommen sie in einem neuen Zusammenhang zurück. Den Matisse, Blumen und Keramik von 1913, der zu den bedeutenden frühen Stillleben des Künstlers gehört, hatte das Städel einst als Schenkung von Robert von Hirsch bekommen. Es war unter den Nazis beschlagnahmt worden und wurde 1962 unter großer Kraftanstrenung zurückerworben. Diese beiden Bilder werden nun übrigens neu gerahmt werden, was eher den historischen Rahmen entspricht, welche die Künstler selbst ausgewählt hätten.

Des weiteren gibt es im Haus eine komplett und gut erhaltene Matisse-Suite von „Jazz“ sowie auch Bonnards Hauptwerk der Druckgrafik ‚Einige Ansichten aus dem Pariser Leben‘. –  13 Lithografien, die der legendäre Kunsthändler Ambroise Vollard seinerzeit in Auftrag gegeben hatte. Allein dieses Beispiel beweist, dass das Städel schon früh angefangen hat, die französische Moderne strategisch zu sammeln.

Eine gute Basis im eigenen Haus, kompetente Vorarbeit und intensive Bemühungen im Umgang mit den Leihgebern vorausgesetzt, die Kuratoren hatten auch Glück:  34 Ölgemälde von Matisse und 36 Ölgemälde von Bonnard haben sie bekommen, dazu eine Statue von Matisse, eine von Bonnard, 18 Fotografien und ungefähr 33 Grafiken von Matisse und 16 Grafiken von Bonnard. Angefragt hatten sie zunächst 250 Werke; 140 werden nun zu sehen sein: „Mehr hätten wir vom Platz hier auch gar nicht handlen können. Die Bilder müssen luftig hängen, um entsprechend wahrgenommen zu werden. Wir haben z.B. zwei Odalisken von Matisse, die zwar relativ klein sind, aber so stark, dass sie eine Wand für sich brauchen“, sagt Zamani.

Testen von Farbtafeln für die Wandfarben in den verschiedenen Kabinetten

Natürlich bestimmt die Auswahl und Zusage dann auch die Ausstellungskonzeption. „Deswegen haben wir zum Beispiel für die thematisch aufbereiteten Kabinette neutrale Farben in zartem Grauton als Hintergrundfarben gewählt. Denn die Farbigkeit der Malerei soll darauf besonders zum Ausdruck kommen.“ Wichtig erschien es ihnen auch,  die  Dialogstruktur in der Städel-Ausstellung durchgängig erkennbar zu machen.

Bereichert wird die Schau durch eine Reihe von Werken des französischen Fotografen Henri Cartier-Bresson, der beide Maler in ihren Häusern in Südfrankreich besuchte und sie in seinen legendären Schwarzweiß-Aufnahmen verewigte. Er hatte beide Künstler an zwei aufeinanderfolgenden Tagen in Nizza und Le Cannet besucht. „Da war innerhalb von zwei Tagen eine Fotoserie entstanden, welche die beiden Künstler ausdrucksvoll darstellt. So sieht man etwa Matisse, wie er ein schönes Modell im Pelzmantel malt, überhaupt auch seine luxuriöse Behausung im Hotel Régina in Nizza und die Villa „Le Rêve“ bei Vence, während es bei Bonnard auf dem Hügel in Le Cannet wesentlich rustikaler und bescheidener zugeht.“ Diese Fotos werden im Halbrund  im unteren Teil des Peichel-Baus mit 18 Schwarz-weiß-Fotografien den Auftakt bilden, bevor man in die Welt der Malerei eintaucht.

„Wir wollten eben die sehr unterschiedlichen Künstlerpersönlichkeiten darstellen, die letztlich auch einen Einfluss auf ihre Kunst hatte“, kommentiert Zamani und weiter: „Dann wird es Wände geben, wo wir sehr plakative Dialogpaare haben. In anderen Räumen wiederum hängen keine Gemälde, sondern Fotografie und Grafik. Manchmal vermischen sich die Farben. Im Obergeschoss werden ganz prominent nur die beiden Bilder Henri Matisse, Großer liegender Akt (Grand Nu couché) von 1935 aus dem Baltimore Museum of Art 
und Pierre Bonnards Liegender Akt auf weißblau kariertem Grund um 1909 aus dem 
Städel hängen, zusammen mit einem weiteren Werk von Bonnard, das sehr ähnlich ist, „um dem Besucher ein ganz besonderes Dialogerlebnis zu vermitteln“. Die beiden Bilder markieren übrigens auch die Vorder- und Rückseite des Katalogs.

Kaum zu glauben, was der Perfektion einer Ausstellung vorausgeht: Zamani erläutert das erste provisorische Modell für die Raumkonzeption und Hängung der Bilder, die sich noch ständig verändern kann

„Dann wiederum haben wir Räume gebaut, in denen keine Gemälde hängen, sondern nur Fotografien und Grafik. Und wenn man die Maler nicht kennt, dann könnte man fast den Eindruck gewinnen, die Grafiken könnte vom selben Maler sein. Und in anderen Räumen wiederum ging es uns um die Atmosphäre. In einem weiteren Kabinett wiederum werden Intérieurs gegenübergestellt und zwei Fensterbilder. Über die geöffneten Fenster läuft der Besucher dann geradewegs in die Landschaft hinein. Die Landschaft wiederum führt dann zu den Stillleben. Es folgen Akte und dann die Gegenüberstellung der beiden.“

Prominente Hauptzitate aus dem Briefwechsel werden den Besucher mit Bonnards Auffassung zur Kunst vertraut machen. Da vor allem Matisse sich theoretisch äußerte, kommt das künstlerische Anliegen den Besuchern so viel näher. „Das Schwebende, das bei Bonnard in der Darstellung von Tischen und Decken zum Ausdruck kommt“ zu zeigen sowie den für die Moderne so wichtigen „dräuenden Unterton“, daran vor allem lag den Kuratoren viel.

Warum Bonnard als Schlusslicht des Impressionismus und Matisse als Vorreiter der Moderne gilt, das jedenfalls soll durch die konkreten  künstlerischen Beispiele konterkariert werden. Außerdem werden auch ästhetische Ähnlichkeiten sichtbar werden. Bei den zahlreichen gegenseitigen Atelierbesuchen in Südfrankreich haben beide Maler schließlich voneinander gelernt. Diese Wechselwirkung demnächst im Städel in Augenschein zu nehmen, wird sicher für manch freudige Überraschung sorgen.

 

Katrin Ströbel: „A woman’s place“ in der Galerie Heike Strelow

2017, August 11.

Von Erhard Metz

„A women’s place is in the revolution“ – so lautet der Titel einer Sammlung von Aufrufen, herausgegeben von Natasha Sorell in der Sheffield Marxist Society in Ansehung des „International Working Women’s Day“ – gleichlautend der Überschrift eines in der „Prawda“ veröffentlichten Manifestes von Lenin vom 4. März 1921. Nun zieht beileibe nicht gleich der Marxismus in die Galerie Heike Strelow ein, Gott bewahr‘ uns, wenn sich Katrin Ströbel in ihrer aktuellen Ausstellung auf die ersten Worte der Kampfschrift bezieht. Aber um Frauen geht es der in Stuttgart, Marseille und Rabat lebenden Künstlerin schon – genauer gesagt um das Bild, die Rolle und den Platz der Frau in der Gesellschaft, um die „Beziehungen“ zwischen dem weiblichen Körper und dem öffentlichen Raum, um die Position von Frauen in der Welt der Kunst (im Künstlergespräch erinnert sie an die Diskussion z.B. um Sexismus an Kunstakademien), nicht zuletzt um die Stellung der Frau in der Kolonialgeschichte. Aus Reisen durch Afrika und Amerika, durch Frankreich, Marokko, Nigeria, Senegal, Südafrika, die USA und Peru bezog sie ihre künstlerischen Inspirationen.

↑ Body politics I, 14,4 x 20,5, 2016, Drawing, Collage on paper;
↓ Villa, 2017, Collage, 30 x 16,5 cm
Fotos: Erhard Metz

Wie „Body politics“ und „Villa“ deutlich machen, stehen im Vordergrund der aktuellen Ausstellung Themen der Verhüllung – und damit der Bekleidung – , des Verbergens – und damit eines „Geborgenseins im Verborgensein“ – , der Entblößung und des Schutzes vor Blicken in der Öffentlichkeit wie auch der eigene Blick als Frau nach innen. So gerät das Bild des unbekleideten weiblichen Körpers vor der Kulisse von Frauen in einer vielleicht revolutionär-emanzipatorischen Versammlung in der Collage zum Röntgenblick. Die bodenlange Haarpracht einer europäischen Frau verhüllt den Körper einer nichteuropäischen und erinnert an die Debatten um das Tragen der Burka hier und in anderen Kulturkreisen. „Indem sie sowohl Kritik als auch Ironie benutzt, hinterfragen ihre Werke auch den Standpunkt der Künstlerin selbst, die als weiße privilegierte Frau in nicht-europäischen Ländern arbeitet und koloniale und historische Erzählungen mit aktuellen Debatten über die Immigrationspolitik in Deutschland verbindet“, schreibt Adela Demetja, Mitarbeiterin der Galerie.

Die Künstlerin in der Vernissage mit ihrer Arbeit „Shelter“, 2017, Mantel (Acryl auf Leinen), ca. 200 x 280 cm; Foto: Erhard Metz

Im Kontext von Verhüllung und Schutz stehen sowohl der gemalte Mantel als auch der mit Zeichnungen bedeckte Paravent: Hinter den scheinbar gleichförmigen Fassaden von seelenlos erscheinenden Hochhaussiedlungen – wir denken an die Banlieues etwa von Paris oder Marseille – verbergen sich kleine Heimaten, menschliche Schicksale und individuelles Leben der Bewohner – kleines Glück ebenso wie Leid, Not und Elend. Wohl dringt ein wenig vom Innen in das Außen – in der unterschiedlichen „Möblierung“ der Balkone. Ein Blick aus dem Öffentlichen ins Innere gewähren die Fenster nicht. Individualität und Persönliches werden erkennbar in dem Kleid, das die Künstlerin lässig, fast schon ein wenig neckisch-provozierend über den Paravent wirft. Überhaupt der Paravent – diese kleine, Fantasien freisetzende, verbergende wie provozierende Begrenzung in Boudoirs und allerlei Etablissements: Entkleidet sich hinter ihm eine Frau, erwartet vor ihm jemand den Blick auf die Blöße? Hinter dem Schirm trägt das Kleid ein Bild – ein Mann schaut verstohlen-voyeuristisch aus ihm, seinerseits umhüllt mit einem seiner Bestimmung nach vor Blicken schützenden Vorhang, aus dem Fenster. Ein virtuoses Spiel mit Bildern, Symbolen und Deutungsmöglichkeiten.

↑↓ Belsunce/Saint-Saens, 2017, Paravent, Tusche, Acrylfarbe, Kleid, 4-C Druck auf Baumwollstoff, ca. 175 x 200 x 5 cm; Fotos: Erhard Metz

Der Ausstellungsdramaturgie folgend führt der Parcours den Besucher in den hinteren Teil der Galerieräume, gewissermaßen in das Chambre séparée, an einer Reihe unter anderem symbolhaltiger erotischer Darstellungen vorbei zum Hauptwerk der Künstlerin, einem nostalgisch anmutenden, dreiteiligen klappbaren Spiegel.

Chourotism, 2016, Aquarell, Materialdruck (Kohl), 70 x 50 cm; pages de gloire, Collage, Zeichnung, 2015, 49,4 x 34,8 cm; Arabic Love Story, 2016, Collage, Materialdruck; Foto: Galerie Heike Strelow (Ksenija Jovisevic / Michaela Schwarzer)

↑↓ Reversion, 2015/2016, Zeichnung auf klappbarem Spiegel, 142 x 92 x 14 cm; Fotos: Erhard Metz

Kein Selbstporträt der Künstlerin und wiederum doch wohl eines, natürlich nicht im fotografisch abbildenden, sondern im übertragenen Sinn. Selbstbespiegelung, Selbsterforschung, aus der Sicht einer Frau, die eigene Person wie deren symbolisches Abbild befragend, hinterfragend. Neben dem Spiegelbild wiederum, kaum wahrnehmbar, ein weiteres Gesicht. Eine auf den ersten Blick sperrige Arbeit, die sich bei genauerem Hinsehen in einer ungeahnten Bedeutungstiefe entfaltet, zumal der Betrachter in all dem selbst sein eigenes Spiegelbild wahrnimmt.

Katrin Ströbel, 1975 in Pforzheim geboren, studierte an der Staatlichen Akademie der bildenden Künste in Stuttgart Freie Kunst und Intermediales Gestalten sowie Literaturwissenschaft an der Universität Stuttgart. Ihr Studium schloß sie mit der Promotion zum PhD am kunstwissenschaftlichen Institut der Universität Marburg ab. Seit 2013 lehrt sie als Professorin für Zeichnung an der École Nationale Supérieure d´Art „Villa Arson“ in Nizza.

Abgebildete Werke © Katrin Ströbel

Katrin Ströbel, A Woman´s Place, Galerie Heike Strelow, bis 2. September 2017

 

„Francfort en français / Frankfurt auf Französisch“

2017, August 9.

Wir wollen Ihre Sommerpause nicht stören, Sie aber bereits auf einen Teil dessen, was Sie im Herbst im Rahmen von „Frankfurt auf Französisch“ erwartet, aufmerksam machen. Vom 11. bis zum 15. Oktober 2017 ist Frankreich Ehrengast der 69. Frankfurter Buchmesse, dem bedeutendsten Treffpunkt für die internationale Verlags- und Buchbranche.

Das französische vorbereitende Komitee in Anwesenheit der neuen französischen Botschafterin Anne-Marie Descôtes und der Generalkonsulin in Frankfurt auf der Pressekonferenz im Juni 2017. Das Organisationskomitee ist der Verantwortung des Institut français unterstellt und wird von Paul de Sinety geleitet, der das Projekt – in enger Zusammenarbeit mit dem Centre National du Livre, der Französischen Botschaft in Deutschland und allen übrigen beteiligten Akteuren – definieren und verwalten wird.

Der Ehrengast-Auftritt von Frankreich bei der diesjährigen Buchmesse dürfte einige Rekorde brechen. Mehr als 130 französischsprachige Autoren werden in Frankfurt erwartet, zudem gibt es mit aktuell 473 Büchern aus verschiedenen Genres eine beeindruckende Anzahl von Übersetzungen. Im Mittelpunkt des Ehrengastauftritts steht dabei die französische Sprache.

Der Ehrengastauftritt Frankreich bildet aber auch den Höhepunkt eines französischen Kulturjahrs in ganz Deutschland mit einem vielfältigen und spartenübergreifenden Programm, das gemeinsam mit dem Institut français Deutschland umgesetzt wird.

Mehr als 350 Veranstaltungen finden 2017 unter dem Label „Francfort en français / Frankfurt auf Französisch“ bundesweit bereits vorher statt: Theater, aktuelle Musik, Bildende Kunst, Kino, Literaturbegegnungen und vieles mehr mit 250 beteiligten Künstlern und französischsprachigen Autoren.

Vorab daher ein paar französische Highlights für den Monat August

Schleswig-Holstein Musik Festival 2017

Hommage à Maurice Ravel

Jeden Tag gibt es ein Konzert verschiedener Ensembles zu Ehren des französischen Komponisten Maurice Ravel.

AUSSTELLUNGEN

bis zum 13. August 2017

„Meisterwerke der französischen Kunst aus dem Puschkin-Museum Moskau“

Ausstellung im Herzoglichen Museum in Gotha


Die französische Kunst bildet einen bedeutenden Schwerpunkt im berühmten Moskauer Museum für Bildende Künste A. S. Puschkin. Hauptwerke etwa von Claude Lorrain, Nicolas Poussin, François Boucher und Jacques-Louis David zeigen einen repräsentativen Überblick der Malerei Frankreichs vom frühen 17. bis in das späte 18. Jahrhundert.

Die Gothaer Ausstellung präsentiert nun eine bedeutende Auswahl dieser Meisterwerke, die zum großen Teil noch nie in Deutschland zu sehen waren. Die Werke bieten dem Besucher die einmalige Gelegenheit, ein Herzstück der prachtvollen Kollektion des Puschkin-Museums zu besichtigen.

bis zum 16. August 2017

„This is my body, This is my software“


in La Plaque tournante, Berlin

Die französische Künstlerin Orlan bekommt in diesem Sommer erstmals eine Einzelausstellung in Berlin im multimedialen, multidisziplinären Projektraum La Plaque Tournante. Die Ausstellung wird unter anderem Arbeiten aus den Serien „Self-Hybridisation“ (ab 1998) und „Exogene“ (1997) enthalten wie auch das originale „Birth of War“ (1989).

bis zum 31. August 2017

„Eclats DDRDA – Splitter“ – Verlängerung


Ausstellung in der Galerie des Institut français Berlin

Das Ende der DDR kam so plötzlich wie unumkehrbar. Der Staat hatte alles geplant – mit Ausnahme seines Zusammenbruchs. Bedingt durch die damit verbundenen beschleunigten Prozesse, zerfielen mit dem politischen System auch mehr oder weniger schnell die Dinge des Alltags sowie die Orte, die damit verknüpft waren. Pierre-Jérôme Adjedj bringt durch seine Fotografien diese unbedeutend erscheinenden Orte zum Sprechen.

bis zum 2. September 2017

„Tête-à-tête – Kopf an Kopf“


im Institut français Hamburg

Im tête-à-tête zeigt die Ausstellung fünfzig spielerische bis gesellschaftskritische Zeichnungen deutscher und französischer Politiker und Literaten. Portraitiert werden die deutsch-französischen Liaisonen von renommierten deutschen (Rainer Ehrt, Walter Hanel, Frank Hoppmann) und französischen Karikaturisten und Pressezeichnern (Daniel Maja, Pancho, Honoré, Nicolas Vial). Kurator: Walther Fekl.

bis zum 7. September 2017

„Paris sera toujours Paris“)

im Institut français Bonn


Der Bonner Fotograf Jörg Balthasar ist der Promenade Plantée in Paris gefolgt, einem gut 4 Kilometer langen Eisennbahndamm mit Viadukten, dekorativen Rosenbögen, plätscherndem Wasser und Skulpturen. Der wohl schmalste und längste Park der Welt nimmt nahe der Place de la Bastille seinen Anfang und bietet besondere Ausblicke auch auf die Dächer und Häuserfassaden der Stadt.

bis zum 15. Oktober 2017

„Kartografie der Träume. Die Kunst des Marc-Antoine Mathieu“

im Museum für Angewandte Kunst Frankfurt

Der Franzose Marc-Antoine Mathieu gilt als einer der innovativsten Comic-Schöpfer der Gegenwart. Mit konkurrenzloser zeichnerischer Brillanz und furioser Kreativität definiert er die Grenzen des Mediums Comic immer wieder neu und fordert seine Leserinnen und Leser auf hohem Niveau heraus. Mit genialen spielerischen Grenzüberschreitungen zerlegt er die gewohnten Verhältnisse unserer Wirklichkeit radikal zu surrealistischen Visionen, in denen Traum und Realität ebenso verschwimmen wie Innen und Außen, Allmacht und Ohnmacht. Absolute Vernetztheit, absolutes Wissen oder die Frage nach Gott? Mathieu antwortet mit einer freien Verknüpfung der Dinge, Darstellungsweisen und Sprachen. Die Ausstellung Kartografie der Träume knüpft intermedial an seine Textkunst an und lässt die Besucherinnen und Besucher Teil einer Inszenierung werden.

→ Interview mit Paul de Sinety, dem französischen Commissaire Général der Buchmesse

Schätze im Musée d‘ Arts in Nantes (2)

2017, Juli 29.

Einladung zu einer Zeitreise durch das Museum

Text und Fotos: Petra Kammann

Einladend die bewegliche Lichtplastik von Dominique Blais vor dem Museum ©D.Blais, „Sans titre“

Text und Fotos: Petra Kammann

Ende Juni eröffnete das ehemalige Musée des Beaux-Arts in Nantes, eines der größten französischen Kunstmuseen, nach einer mehrere Jahre andauernden Renovierung und Erweiterung unter dem neuen Namen Musée d’arts de Nantes seine Türen. Der im Herzen von Nantes gelegene typische Beaux-Arts-Palais aus dem 19. Jahrhundert und eine bereits im 17. Jahrhundert erbaute Kapelle, die nun miteinander verbunden wurden –, repräsentieren den tradierten Bürgerstolz der Stadtbewohner. Die wertvolle und erweiterte Sammlung ist nun sowohl  für die Bewohner wie für die Besucher der Stadt ein neuer Anziehungspunkt. Die auf das Gebäude fein abgestimmte Museografie der Sammlung wie auch das umfangreiche Educationprogramm sollen fortan auch für die demokratische Öffnung des Museums stehen.

Die Architektur ist inspiriert vom Ort, den Materialien und vom Licht. Der historische Teil ist in dem für Nantes so charakteristischen  Tuffstein gehalten und strahlt nun Helligkeit und Frische aus. Aufgang in die erste Etage des durch das Londoner Büro Stanton Williams renovierten Museums

„Kultur ist kein Luxus, es ist eine dringende Notwendigkeit und die Basis für alles“. Als die neue französische Kulturministerin Françoise Nyssen das renovierte und erweiterte Kunstmuseum in Nantes mit diesen Worten  eröffnete, stand dahinter ein ganzes Programm. Ihre Aussage bezog sich zweifellos auf das vorbildliche Beispiel der kunstaffinen Stadt, die ihrer Meinung nach nicht nur Strahlkraft besitzt, sondern auch Zusammenhalt stiftet: das soll es sowohl für die Besucher wie auch für die Nantaiser,  welche schon lange nicht mehr die Kunstwerke des einstigen Musée des Beaux Arts gesehen hatten. Es sollte eine Art Renaissance und Wiedererweckung der Wahrnehmung werden und der Beginn eines Gesprächs darüber, was die Dinge im Innersten zusammenhält. Denn nicht allein der Bau ist frisch. Die Kunstwerke  – darunter auch einige restaurierte – sind in neue thematische Zusammenhänge gestellt worden, was auch einem größeren Publikum den Zugang zu neuen wie zu den älteren Kunstwerken erleichtern wird.

Der Rundgang des 1801 von Napoleon gegründeten Museums, in dem schon früh gesammelt wurde, ist zunächst einmal chronologisch angelegt, wird an den verschiedensten Stellen immer wieder thematisch verknüpft und lässt Sprünge zu. Im Erdgeschoss des einstigen Palais können die Besucher die Meisterwerke vergangener Jahrhunderte, angefangen mit der italienischen Malerei aus dem 13. Jahrhundert, wiedersehen oder entdecken – je nach Ausgangslage.

↑ Die frühe italienische Kunst wird effektvoll auf blauem Hintergrund präsentiert, so dass der Betrachter thematische wie stilistische Eigenschaften und Parallelen erkennen kann

Hier wurde in einem Gang die flämische Malerei des Goldenen Zeitalters zusammenfassend präsentiert – mit der Entdeckung des Innenraums und der Landschaftsmalerei (darunter auch ein Jan Breughel) sowie Stilleben 

Etwa die Hälfte der im Erdgeschoss ausgestellten Kunstwerke stammen aus der Zeit bis ca. 1900, darunter einige künstlerische Leuchttürme aus der italienischen Renaissance wie Peruginos „Der Hl. Sebastian und der Hl. Franziskus“, Orazio Genitleschis „Diana, Göttin der Jagd“ aus dem 17. Jahrhundert, aus demselben Jahrhundert auch „Der Engel erscheint dem Hl. Joseph im Traum“ von Georges de La Tour, dem französischen Maler des Clair-obscur, dann das geheimnisvolle „Portrait der Madame de Senonnes“ von Jean-Auguste-Dominique Ingres und Jean-Antoine Watteaus „L‘ Arlequin empéreur dans la lune“ aus dem 18. Jahrhundert.

Klar strukturiert und gegliedert für die Säle sind jeweils die italienische, flämische und niederländische und französische Schule zwischen dem 13. und 18. Jahrhundert. Für die großformatigen Werke des 17. Jahrhundert, etwa denen von Rubens, ist viel Umraum geschaffen. Ein weiterer neuer Saal ist den antikisierierenden Statuen der „Musée-école“ von Clisson, einem italianisierten Ort in der Nähe von Nantes, gewidmet.

Ein Saal mit den kopierten antiken Skulpturen

In der Kunst des 19. Jahrhunderts, die vorzugsweise in der ersten Etage präsentiert wird, wurde die damals trendige Kunst aus Paris vom Museum gesammelt wie die Vertreter der Schule von Barbizon, aber auch großformatige Genreszenen. Nach und nach setzte man sich in der Sammlung kritisch mit dem Akademismus auseinander, zunächst mit dem eskapistischen Orientalismus wie bei Delacroix und Gustave Doré. Heute wird Jean-Auguste-Dominique Ingres Werk „Madame de Sennonnes“ von 1814 im Museum einem zeitgenössischen Werk von Sigmar Polke gegenübergestellt.

Im ersten Stock dann sind im Wesentlichen Werke zwischen dem 19. und dem beginnenden 20. Jahrhundert bis zur klassischen Moderne wie etwa Delacroix, Courbets „Cribleuses de blé“ („Die Kornsieberinnen“), Ingres zu erleben. Mit Claude Monets gelbgrünlichen „Nymphéas à Giverny“ („Seerosen aus Giverny“) , Kandinskys „Schwarzer Raster“ , den Photographien der surrealistischen Nantaiser Künstlerin Claude Cahun und mit Chaissac ist der Beginn der Moderne unübersehbar.

Monet, der dem Museum in Nantes 1922 bereits eines seiner Tableaus vermacht hatte, verweist mit seiner die Konturen auflösenden Malerei unaufhaltsam auf die neue Ausdruckskunst. Das betraf auch die Bildhauerei. Und so erscheint die Einrichtung eines Monet-Rodin-Saals sehr schlüssig. Und es war sicher ein geschickter Schachzug der Nantaisaer Museumsleiterin Sophie Lévy, dem Rodin-Museum in Paris einen konstruktiven Vorschlag zu machen. Dort lagerte nämlich im Depot das unrestaurierte  Gipsmodell der eindrucksvollen Skulptur „Les trois ombres“ („Die drei Schatten“) von Auguste Rodin (1840 – 1917).

Das Museum in Nantes schlug nun im Rahmen der Restaurierungsmaßnahmen vor, auch dieses für die Moderne so bedeutende Werk sorgfältig wieder aufzuarbeiten, geknüpft an die Bedingung, dass es dann auch für einen längeren Zeitraum in Nantes bleiben könne. „Die drei Schatten“ stellen die verdammten Seelen am Eingang der Hölle dar. Diese Szene aus dem „Inferno“ von Dantes „Göttlicher Komödie“ hatte den Bildhauer besonders fasziniert.

Imposant in Szene gesetzt: „Les trois ombres“ am Eingang zur Hölle, von Auguste Rodin , Foto: Petra Kammann (©Musée d’Arts de Nantes) 

Das gewaltige, 2 Meter hohe und 800 kg schwere Gipsmodell wird nun hier den berühmten „Seerosen aus Giverny“ von Claude Monet (1840 – 1926) gegenübergestellt.  Denn die beiden Künstler verband eine bewegende persönliche wie auch künstlerische   Freundschaft. Beider Werke waren auch schon 1889 in Paris zusammen ausgestellt worden und seinerzeit gemeinsam gegen die gängige Meinung der Akademie von den Kritikern Oktave Mirbeau und Gustave Geffroye  verteidigt worden.

Einleuchtend erscheint daher nicht nur die Sichtbeziehung zwischen dem starken Bildhauer und dem impressionistischen Maler als Marksteine der Moderne, sondern auch der Dialog zweier verschiedener Genres miteinander, die dem Publikum nicht so vertraut sind. So stehen im Monet-Rodin-Saal dann auch Monets „Gondoles à Venise“ aus dem Jahre 1908 und die „Seerosen“ aus dem Jahre 1917 neben Rodins Büsten von Jules Salou, Jean-Paul Laurens, Victor Hugo und Gustave Geffroye ebenbürtig Seite an Seite.

Außerdem hat das Pariser Rodin-Museum wegen dieser konzeptionellen Verbindung beider Künstlerpioniere großzügigerweise neben dem Gipsmodell auch noch die Bronzeplastik „La mort d’Adonis“ („Tod des Adonis“) und den Gips „La main crispée“ („Die angespannte Hand“) aus dem Ensemble „Die Bürger von Calais“  dem Museum zur Verfügung gestellt.

Aber auch andere Nationalmuseen haben das Ihre dazu getan, um die hier aufgezeigte und ablesbare künstlerische Entwicklung zu unterstützen: der Louvre mit dem Selbstporträt von Nicolas Poussin und „Le jeune martyre“ von Paul Delaroche, dann das Musée d’Orsay mit Pierre Bonnards „Marine à Arcachon“ sowie mit Gemälden von Félix Valloton und Edouard Vuillard und weiterer Bilder von Manet.

Das Centre Pompidou stellte dem Museum für die nächsten drei Jahre Werke von Max Ernst, Francis Picabia und Jean Arp zur Verfügung, weil sich in Nantes im 20. Jahrhundert mit Yves Tanguy, André Masson, Claude Zaun, Wilfredo Kam oder auch Matta ein surrealistischer Schwerpunkt herausgebildet hat und dieser sich für die Ausstellung anbot. Die surrealistischen Werken werden denen von Jean Dubuffet und Gaston Choissac gegenübergestellt.

Die Strömungen des 20. Jahrhunderts, repräsentiert etwa durch Auguste Herbin und Georges Vantangerloo, sind gruppiert um ein Ensemble von 11 Kandinsky-Werken aus der Zeit seines Wirkens am Bauhaus zwischen 1922 und 1933. Es folgen in der großen Galerie die Werke der abstrakten Kunst nach 1945 mit einem sehr expressiv- dynamischen Bild von Pierre Soulages, Werken von Roger Bissière, Hans Hartung und einiger Op-Art-Künstler wie Victor Vasarély sowie François Morellet.

Blick in den Saal der Kunst nach 1945, der Luft und Licht atmet

Im zweiten Stock und im sogenannten Cube, dem Neubau, geht es dann unmittelbar in die Jetztzeit und in die damit verbundene zeitgenössische Kunst mit den neuen Realisten, den Künstlern der Arte Povera und den Pionieren der Videokunst. Seit 2011 hat das Museum insgesamt 185 meist hochkarätige neue Arbeiten erworben, wie zum Beispiel Duane Hansons realistisches Environment „Fleamarket-Lady“ was deutlich zeigt, dass den Nantaisern besonders an der Teilhabe der Zeitgenossenschaft liegt, die den Anschluss an die internationale Kunstszene nicht verschlafen hat.

Bill Violas eindrucksvolles Video „Nantes Triptych“– eine archetypische Allegorie von Geburt und Tod – ist bis zum 18. März 2018 in der Chapelle de l’Oratoire zu sehen

Die komplett renovierte Kapelle aus dem 17. Jahrhundert, die seit 1952 unter Denkmalschutz steht und die einst dem Gebet gewidmet war, ist vollständig den zeitgenössischen Videoinstallationen vorbehalten und löst nun andere Nachdenklichkeit aus. Dort ist bis 2018 das Video „Nantes Triptych“ des amerikanischen Künstlers Bill Viola zu sehen ist.

Da sind in der dunklen Kapelle drei Bildschirme parallel geschaltet, auf denen man unmittelbar und simultan die Szenen von Geburt und Tod verfolgen kann: den Prozess einer realen Geburt zur Linken, eines Menschen unter Wasser schnorchelnden Mannes in der Mitte und dem allmählichen Tod einer alten Frau – für den New Yorker Künstler eine Allegorie des Lebenszyklus‘, von der Geburt, zur Wiedergeburt bis hin zum Tod  – einsichtig für jedermann.

→ Das Musée d’Arts de Nantes und eine filgrane Installation von Susanne Fritscher

→ Die Passage Pommeraye: Ein magisch-nostalgischer Ort in Nantes
→ Tolle Tage – „La folle Journée 2016“ in Nantes

→ Nantes – Reise in die innovative Stadt“>Voyage à Nantes – Reise in die innovative Stadt

Max Hollein in San Francisco

2017, Juli 4.

Museale Blaupause für die neue Welt

Seit Sommer 2016 ist Max Hollein Direktor der Fine Arts Museums of San Francisco, den nach seiner Auskunft „beliebtesten und größten Museen an der gesamten Westküste“. Das Legion of Honor ist ein eurozentrisches Museum mit klassischer Gemäldegalerie, während das de Young aus der Idee des Weltausstellungspavillons entstanden ist. Mehr als 1,5 Millionen Menschen besuchen die Museen jährlich, doch Max Hollein will sein Publikum auch jenseits der Häuser im digitalen Raum erreichen. Denn für ihn ist ein Museum mehr als ein Ort, den man besuchen kann. Durch Modernisierung will der Leiter des Fine Arts Museum of San Francisco und frühere Direktor des Frankfurter Städel, des Liebieghauses und der Schirn den Museen eine Stimme in der gesellschaftlichen Diskussion sichern. An einer der beiden neuen Wirkungsstätten, in der Legion of Honor, wird vom 28. Oktober 2017 bis zum 7. Januar 2018 das Frankfurter Forschungsprojekt und die erfolgreiche Schau „Bunte Götter“ aus dem Frankfurter Liebieghaus zu sehen sein.

Tatjana Kimmel hat sich in San Francisco umgesehen. Sie sprach mit Max Hollein. 

↑ Der frühere Städeldirektor Max Hollein an seinem neuen Wirkungsort in Kalifornien
↓ Er leitet dort das Fine Arts Museum of San Francisco;
 Fotos: Courtesy of the Fine Arts Museums of San Francisco

 ↑ Beide Museen sind in die Stadt und gleichzeitig in die Landschaft eingebettet: Das klassizistische Legion of Honor steht im Lincoln Park mit Blick auf die Pazifikküste und der Skulpturengarten des von Herzog & de Meuron entworfenen de Young geht direkt in den Golden Gate Park über. 

↓Vorderfront des Legion of honor ; beide Fotos: Courtesy of the Fine Arts Museums of San Francisco

Tatjana Kimmel: San Francisco gilt als die Stadt der Pioniere und liegt keine Autostunde vom Silicon Valley entfernt. Welche digitalen Strategien haben Sie in den Fine Arts Museums of San Francisco vorgefunden?

Max Hollein: Es war per se keine eindeutige digitale Strategie der Museen vorhanden, deshalb habe ich sie justiert und klarer definiert. Denn es ist wichtig, dass wir taktisch und zielorientiert vorgehen, da es im Moment keinen Bereich gibt, der sich so schnell verändert und so rasch immer neue Möglichkeiten bietet. Wir wollen digitale Mittel für Distributions- und Skalierungsplattformen einsetzen und mit dem Publikum auch außerhalb des Museums kommunizieren. Es geht darum, einen großen Museumskomplex innerhalb eines kulturellem Raumes zu gestalten, der sich rasant verändert und dessen Aktivitäten aktuell große globale Auswirkungen haben. Andere Regionen der Welt entwickeln sich ähnlich und ich sehe daher unsere Strategie als eine Case Study dafür, wie sich ein Museum in einem solchen Kontext behaupten kann, wie es davon profitieren kann und welche Stimme es in der gesellschaftlichen Diskussion hat. Das ist es, was mich an dieser Aufgabe besonders reizt.

Was kennzeichnet das Umfeld der Fine Arts Museums of San Francisco?

In San Francisco und im Silicon Valley findet eine neue Form der Industrialisierung statt, die den urbanen Raum grundlegend prägt. Es akkumuliert sich hier ein Wohlstand, der stetig wächst. Das ist per se ein gutes Umfeld für die Fortentwicklung einer kulturellen Einrichtung, insbesondere hier in den USA, wo sie auf private Finanzierung angewiesen sind. Auf der anderen Seite erzeugt dieser extreme Wohlstand aber Probleme, die wir auch in Europa kennen, in akzelerierter Form. Beim Thema Gentrifizierung passiert hier im Halbjahrestakt, was in Berlin innerhalb von fünf Jahren geschieht. Das hat wiederum Auswirkungen auf die Künstlerszene und auf die Möglichkeit überhaupt in der Nähe eines Museums zu leben. Es geht also nicht nur darum, zu klären, welche technischen Möglichkeiten uns das Silicon Valley bietet, sondern vor allem um die Frage, was es bedeutet, im Zentrum einer ökonomischen und industriellen Revolution zu agieren.

 Das de Young: Zeitgenössische Architektur von Herzog und de Meuron; Foto: Courtesy of the Fine Arts Museums of San Francisco

Als Museumdirektor in Frankfurt waren Sie bekannt für kreative Sponsoring-Ideen sowie für einen engen Draht zur Bürgerschaft und zu den Unternehmen. Welche Erfahrungen machen Sie in San Francisco?

Das amerikanische Museumsprinzip ist extrem abhängig vom privaten Engagement. Dabei spielt weniger das Unternehmer-Sponsoring eine Rolle als das Mäzenatentum vieler Privatspender. Das zeigt sich schon in der Struktur unseres Förderkreises: Wir haben über 100.000 Mitglieder, deren Mitgliedsbeiträge zwischen 150 und 25.000 Dollar im Jahr rangieren. Die großen Ausstellungen werden also von privaten Mäzenen finanziert und nicht so stark von Firmen. Wir wollen aber das Unternehmens-Sponsoring ausbauen, auch in Form von Kooperationen.

Wie groß ist das Interesse der digitalen Industrie an den Museen?

Wir sind per se sicher nicht der wichtigste User-Case, da fokussiert sich die Industrie auf ganz andere Nutzerkreise. Wir sind aber insofern interessant, weil wir gewohnt sind, Wissen in der Öffentlichkeit attraktiv darzustellen und Objekte zum Sprechen zu bringen. Zurzeit gibt es in rascher Folge neue Ideen zu den Themen VR (Vertial Reality) und Artificial Intelligence und gerade in diesen Bereichen sind Firmen wie Google sehr an der musealen Nutzung interessiert. Denn das Museum bietet ihnen die Möglichkeit, ihre Ideen und Anwendungen in einem kontrollierten und doch öffentlichen Raum auszuprobieren.

Wie können sie von den Ideen profitieren?

Wir werden die Möglichkeiten der digitalen Instrumente insbesondere zur Distribution unseres Wissens im Hinblick auf exakt bestimmte Zielgruppen nutzen, zum Beispiel durch Online-Angebote und Kurse. Mit VR und Artificial Intelligence werden wir für das Museum neue Formen der Narration entwickeln, die unsere gewohnte Art etwas darzustellen in und außerhalb des Museumsraums grundlegend verändern werden. So bieten wir zum Beispiel Digital Stories, die frei verfügbar sind, überall abgerufen werden können und so den kulturellen Kontext auch außerhalb des Museums präsentieren.

↑ Klassisch das Innere des Legion of honor wie im Shornstein Court;  Foto: Courtesy of the Fine Arts Museums of San Francisco

Müssen die Leute also gar nicht mehr ins Museum kommen, weil sie die Kunst auch in den digitalen Räumen erleben können?

Selbstverständlich machen Digital Stories und Virtual Reality einen Museumsbesuch nicht obsolet. Die digitale Strategie hat damit und mit der Orientierung am Original nichts zu tun, denn es geht um eine ganz andere Form, Kontext zu vermitteln, Geschichten zu erzählen und Verbindungen herzustellen. Für mich ist eine Ausstellung ein langjähriges Forschungsprojekt, das dann in der Ausstellung eine physische Präsenz entwickelt. Es stecken viel Wissen und spezifische Perspektiven darin. Wenn Sie sich bislang zum Beispiel zuhause die Abbildungen der Sixtinische Kapelle in einem Bildband anschauen, erhalten sie einen speziellen Eindruck jenseits eines Besuches in Rom. Wenn Sie die Sixtinische Kapelle mit VR-Technik betrachten, wird Ihnen die ursprüngliche Kraft und die Idee des Kunstwerkes viel stärker vermittelt. Denkbar ist auch, dass mit Hilfe von VR Kunstwerke oder Settings virtuell wieder rekonstruiert werden, die real gar nicht mehr existieren.

Sehen Sie die Vermittlung von Wissen und Bildung als vorrangige Aufgabe der Museen?

Ja, und wir sollten die digitalen Publikationen oder auch edukativen Computerspiele für Kinder nicht nur den kommerziellen Anbietern überlassen. Denn es hat einen großen Einfluss auf Inhalte und Qualität. ob ein Museum als kulturelles Non-Profit-Unternehmen oder ein kommerzieller Anbieter eine Publikation verantwortet, Wenn die gesamten Kunstbuchpublikationen nur von kommerziellen Anbietern geprägt wären, würden unsere Kunstbücher vollkommen anders aussehen. Die zu 90 bis 95 Prozent subventionierten Publikationen der Museen gewährleisten ein breites wissenschaftliches Angebot. Das werden wir noch breiter ausbauen.

Welche Impulse haben sie bereits von den Start-ups vor Ort gewonnen?

Wir entwickeln aktuell ein Pilotprojekt mit VCSO, einer sehr interessanten Social-Media-Plattform im Bereich Fotografie mit bereits 30 Millionen Nutzern. Die Kooperation entstand zufällig aus einer lokalen Verbundenheit, denn einer der VSCO-Gründer ist selbst Fotograf und arbeitete früher im Legion of Honor als Hochzeitsfotograf. VSCO bringt professionelle und semi-professionelle Fotografen der Welt zusammen, die mit ihren Fotografien zu unterschiedlichen Themen in einen Dialog treten. Wir nutzen VSCO aktuell zur Recherche und als Mittel der kuratorischen Arbeit für eine Ausstellung zum Thema „Fashion of Islam“, die wir im Herbst 2018 im de Young zeigen werden. Wir stellen der gesamten VSCO-Community das Thema und erhalten ganz unterschiedliche Interpretationen und Impulse. Mit Hilfe der Fotografen-Crowd beschaffen wir uns so einen Überblick über die gesamte Szene in den muslimischen Ländern und gewinnen Aspekte, die wir sonst nie bekommen hätten. Außerdem nutzen wir die spezifischen Algorithmen von VSCO, um neue narrative Zusammenhänge zu entwickeln, die Teil der Ausstellung im Museum werden.

↑ Diller Court im de Young; Foto: Courtesy of the Fine Arts Museums of San Francisco

Und welche neuen Wege gehen Sie beim Thema Ausstellungsmarketing?

Wir nutzen nach wie vor Plakate im Stadtraum, verteilen Flyer und schalten Anzeigen. Aber darüber hinaus entwickeln wir zum Beispiel eine Kooperation mit Airbnb. Auch hier gibt es einen persönlichen Kontakt, weil Joe Gebbia, einer der Gründer von Airbnb, aus der Design-Szene kommt, in San Francisco lebt und sich den Museen verbunden fühlt. Airbnb ist für uns ein hochinteressanter Partner mit großer Reichweite. Früher haben vielleicht die Concierges der führenden Hotels die Informationen über aktuelle Ausstellungen an die Gäste weitergegeben. Jetzt ist es viel effizienter mit Airbnb einen digitalen Concierge-Service zu entwickeln.

 Arbeiten Sie bei solchen Projekten mit anderen Museen in San Francisco zusammen?

Nein, wir treiben das voran und wenn es gut ist, werden weitere Institutionen einsteigen. Andere Häuser arbeiten zeitgleich an ihren Ideen, so kooperiert das SF MOMA zum Beispiel mit Bloomberg. Wir tauschen uns aus, aber wir müssen auch immer darauf achten, dass wir die Komplexität reduzieren, um eine rasche Umsetzung zu gewährleisten. Denn viele Partner verkomplizieren und verlangsamen die Prozesse. Wer eine Abstimmungsphase von über einem Jahr benötigt, hat ohnehin schon verloren, denn die Techniken ändern und verbessern sich innerhalb von wenigen Monaten. Die Geschwindigkeit ist hier also eine absolute Notwendigkeit. Ich bin ein großer Freund davon, erst im eigenen Haus zu schauen, ein nutzbares Resultat zu genieren und es erst dann zu skalieren. Das ist der Weg, den ich wir auch in Frankfurt gegangen sind. Wir haben auch dort Verfahren implementiert, die andere Häuser mittlerweile auf ihre Weise nutzen.

Sie pflegten von Frankfurt aus einen engen Kontakt zu Wissenschaftlern unterschiedlicher Fakultäten. Wie nutzen Sie die Nähe zur Stanford University?

Wir arbeiten mit dem Kunsthistorischen Institut der Stanford University an einem Online-Kurs mit dem Titel „Understanding America“, der die amerikanische Kunst des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, die damit verbundenen kulturellen Themen und das Selbstverständnis der USA, etwa rund um die Doktrin des Manifest Destiny, darstellt. Mit einem solchen digitalen Kurs lösen wir unseren Bildungsauftrag auch ein, wenn die Leute nicht persönlich zu uns in die Museen kommen. Wir werden das weiter ausbauen, auch vor dem Hintergrund, dass das Wissen um die gesellschaftlichen und kulturellen Zusammenhänge anderswo nicht in dieser Form vermittelt wird.

Soll ein Museum politisch Stellung beziehen?

Ja, denn das Museum ist mehr als ein Ort mit klarem Bezug zum Objekt, es ist eine Institution mit einer Stimme innerhalb einer kulturellen Diskussion und es hat die Aufgabe, durch Kunst und Kultur das Verständnis für gesellschaftliche Prozesse zu schärfen. Dabei geben uns die digitalen Techniken ganz neue Möglichkeiten, auch Menschen zu erreichen, die vielleicht nie in die Museen kommen würden. Damit wird der Kreis erweitert und die Informationen erhalten eine andere Tiefe.

* Eine längere Version des Interviews erscheint in der Sommerausgabe der Museumskunde, dem Magazin des Deutschen Museumbundes.

 

Das „Bunte Götter“-Themen-Digitorial, Foto: Liebieghaus Skulpturensammlung, Bogenschütze „Paris“ aus dem Westgiebel des Aphaiatempel auf Aegina, Farbrekonstruktion Variante B, 2005 Liebieghaus Skulpturensammlung, Forschungsprojekt Polychromie, Leihgabe der Universität Heidelberg, Foto: Liebieghaus Skulpturensammlung, Liebieghaus

Zusatzinfo:

„Bunte Götter“ – ein Frankfurter Erfolgsprojekt erobert die USA und das Netz. Die weltweite Begeisterung für das Frankfurter Forschungsprojekt zur farbigen Antike und die daraus resultierende Ausstellung „Bunte Götter“ reißt nicht ab. Die Präsentation ist seit mittlerweile bald 15 Jahren international auf Tour und beweist dabei immer wieder eindrücklich, dass die anschauliche Vermittlung von Polychromieforschung Menschen in den verschiedensten Ländern fasziniert. Die Zwischenbilanz von bisher rund 30 internationalen Stationen sowie weit über zwei Millionen Besuchern spricht für sich. Vom 28. Oktober 2017 bis zum 7. Januar 2018 wird die Schau in der Legion of Honor in San Francisco zu sehen sein und damit an einer der beiden neuen Wirkungsstätten des ehemaligen Liebieghaus Direktors Max Hollein.
Während die Ausstellung ab Herbst dieses Jahres an der Westküste der USA gastiert, läuft an der Ostküste bereits zum jetzigen Zeitpunkt ein Forschungsprojekt in Kooperation mit dem Metropolitan Museum of Art (New York). Es nimmt den sogenannten „New Yorker Kuros“ (ca. 580 v. Chr.) in den Blick, auf dem sich noch zahlreiche Farbreste finden. In Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern vor Ort führt das Polychromieprojekt des Liebieghauses unter der Leitung von Prof. Dr. Vinzenz Brinkmann naturwissenschaftliche Untersuchungen am Objekt durch. Dieser Forschungsprozess soll in eine farbige Rekonstruktion des Kuros’ münden.
Die Ausstellung mit ihren farbenprächtigen Rekonstruktionen ist bereits vor ihrer Station in San Francisco, und zwar ab sofort, für jeden im Internet dank des multimedialen „Bunte Götter“-Digitorials zugänglich. Das vom Liebieghaus entwickelte digitale Vermittlungsangebot lässt die Nutzer völlig kostenfrei und unabhängig von der physischen Ausstellung in die beeindruckende Welt der „Bunten Götter“ eintauchen. Informative Texte, spannende Audioelemente und zahlreiche Bilder mit anschaulichen Effekten geben einen facettenreichen Einblick in die Polychromieforschung und die Farbrekonstruktion. Das Themen-Digitorial ist sowohl auf Deutsch als auch auf Englisch unter buntegoetter.liebieghaus.de abrufbar.

→ Max Hollein geht nach San Francisco