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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Alle Artikel zu Skulptur

„Vom Licht gestreift: Himmelskörper und Erdenstele“: Aloys Rump und Gisela Weber im KunstRaum Bernusstrasse

2017, Juni 21.

Von Erhard Metz

Gemeinschaftsausstellungen haben ihren spezifischen Reiz. Noch dazu, wenn sie verschiedene Werkgattungen wie „Bilder und Skulpturen“ – so lautet der Untertitel der sehenswerten Schau im Frankfurter KunstRaum Bernusstrasse – in einen Dialog miteinander bringen. Im konkreten Fall könnte man jedoch bereits wieder ins Grübeln geraten: Während Gisela Webers spindeldünne, abenteuerlich in die Höhe strebende Marmorstelen zweifelsohne der Skulptur zuzurechnen sind, fragen wir uns bei den Rumpschen „Bildern“ doch nach deren Kanonisierbarkeit unter einen bestimmten Zweig der bildenden Künste – handelt es sich bei ihnen zwar um Arbeiten auf Leinen, Papier oder Holz, doch in aller Regel um ebenfalls dreidimensionale Objekte.

↑ Ausstellungsansicht, im Vordergrund: Gisela Weber, Im Kreis, Gruppe 2004-Ia
↓ Gisela Weber, Stelenköpfe (aus der obigen Gruppe)

Leserinnen und Leser von FeuilletonFrankfurt konnten einen Ausschnitt aus dem bemerkenswerten wie eigenwilligen Œuvre von Aloys Rump – seinerzeit präsentiert in einer Doppelausstellung in den „KunstRäumen“ Riedberg und ebenfalls Bernusstrasse – bereits kennenlernen: Von Schiefermehl und Marmorstaub als Werkstoffen war die Rede, schwarzes Oxid (Rump schreibt absichtsvoll Oxyd), Phosphor, Pigmente und Spachtel kommen hinzu. Den Werkgrund bildet weiterhin das Leinen, ergänzt um Bütten und Holz.

Aloys Rump, Himmelskörper XXI, 2016, Schwarzes Oxyd, Marmorstaub auf Holz, 150 x 130 cm

Rump scheint in seinen Arbeiten der Reihe „Himmelskörper“ nach den Sternen zu greifen – je länger man ein solches Objekt betrachtet, umso mehr stellt sich der Eindruck eines kugelförmigen Raumkörpers ein, eines fernen Gestirns, seine geheimvolle Bahn ziehend, von Gebirgszügen und Kratern – wie von Meteoriteneinschlägen verursacht – durchsetzt. Doch ebenso erscheinen immer wieder amphitheatrische oder landebahnähnliche Strukturen auf diesen Himmelskörpern, die von außerirdischer Intelligenz erschaffen sein könnten – Erich von Däniken lässt grüßen.

Eine Arbeit (unten bei Nacht phosphorisierend) aus der Serie Himmelskörper, 2017, Schwarzes Oxyd, Marmorstaub, Phosphor auf Bütten, 60 x 60 cm

In seinen neuesten Arbeiten fügt Rump dem schwarzen Oxyd und Marmorstaub auch Phosphor hinzu – in hinreichender bis völliger Dunkelheit fangen sie an zu leuchten und lassen geheimnisvoll fluoreszierende Bildwelten entstehen.

Auch die Werke der Serie Noctis Labyrinthus sind von reliefartiger Struktur, kleine Aufwerfungen oder Krater im schmalen Streiflicht lassen an Gebirgszüge oder einsame Landschaften ferner Welten denken. Man kann sich in sie hineinträumen und ist beim Erwachen dann doch dankbar, auf unserer heimischen Erdkugel zu stehen.

Noctis Labyrinthus XI, 2017, Schwarzes Oxyd, Marmorstaub auf Leinen, 120 x 160 cm (unten Ansicht vom Bildrand aus)

Rumps Fragmente-Wandstücke schließlich könnten an Verfallenes lange vergangener Kulturen erinnern, ihrer Morbidität eignet eine ruhige – ja durchaus – Schönheit.

Aloys Rump, Fragmente-Wandstück 18, 2017, Pigmente, Spachtel auf Holz, 73 x 54 cm

Marmor und Schiefer sind die Werkstoffe auch für Gisela Webers filigrane Stelen, die sie selbst als „Zeichen“ versteht und die so verführerisch-leichtfüßig im Raum nach oben streben, dass es dem Betrachter ob der statischen Stabilität dieser Skulptur gewordenen bildhauerischen Zauberkünste die Sorgenfalten auf die Stirn schreiben kann. Manche dieser Stelen erscheinen, auf Sockeln ruhend, wie auf das Notwendigste reduzierte, fast schon entmaterialisierte Denkmäler. Andere „Zeichen“ wiederum scheinen spielerisch gleichsam aus dem Boden zu sprießen, wobei die Künstlerin – namentlich wenn sie eine Gruppe von Stelen zu einem Ensemble vereint – die von ihren Ausmaßen her ohnehin minimalisierten Bodenplatten mit organisch wirkenden Substanzen bedeckt und auf diese Weise einen verblüffenden Eindruck emporkeimender Vegetation erzeugt.

Gisela Weber, eine Sockel-Arbeit aus der Reihe „Marmor und Schiefer“

Man sieht diesen so fragil wirkenden Zeichen-Stelen auch eine gewisse Lust der Künstlerin am Experimentellen an, am Austesten der von der Statik und den Naturgesetzen begrenzten Möglichkeiten handwerklicher Fähigkeiten, an der Auseinandersetzung – und wir möchten hinzufügen am ironischen Spiel – mit dem allseits als „klassisch“ angesehenen, für Denkmäler mit nahezu Ewigkeitswert bestimmten Material Marmor. Die feinst bearbeiteten Stelen öffnen sich in ihrer Transparenz dem durchscheinenden Licht, die Reduktion der Körper auf das materialbedingt Mögliche lassen die feinen Zeichnungen und Färbungen im über Jahrmillionen durch metamorphe Prozesse „gewachsenen“ Stein umso erstaunlicher und einzigartiger hervortreten.

Gisela Weber, 1939 in Kassel geboren, examinierte und bis 1981 praktizierende Goldschmiedemeisterin, studierte an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz Kunst- und Werkerziehung und legte beide Staatsexamina ab. Sie nahm an zahlreichen Bildhauersymposien im In- und Ausland teil und präsentierte ihre Arbeiten in einer Vielzahl von Einzel- und Gruppenausstellungen, darunter 1995 in der Einzelausstellung in der Schirn Kunsthalle Frankfurt.

Gisela Weber, Arbeiten aus den Reihen „Marmor“ und „Marmor und Schiefer“

rechts im Bild: Serpentin und Plexiglas

Galeristin Marina Grützmacher ist wieder einmal und wie so oft eine faszinierende Ausstellung gelungen mit einer Künstlerin und einem Künstler, deren Werke auf den ersten Blick unterschiedlicher nicht sein könnten und die sich doch – über die Materialien Marmor und Schiefer hinaus – in einem inneren Zusammenhang von sprießendem Beginnen und Jahrmillionen alter Erstarrung, im Werden und Vergehen verbinden wie ergänzen.

Am Donnerstag, 22. Juni 2017, 19 Uhr findet im Kunstraum Bernusstrasse in gemütlicher Runde ein „Gespräch vor den Bildern“ mit der Kunsthistorikerin Hanneke Heinemann statt. Zur Finissage am Sonntag, 2. Juli 2017, 11.30 Uhr haben beide Künstler ihre Teilnahme zugesagt.

Abgebildete Werke von Aloys Rump und Gisela Weber jeweils © VG Bild-Kunst, Bonn;

Fotos: Erhard Metz

→ Schiefermehl und Marmorstaub: Aloys Rump in Frankfurt am Main

 

200 Jahre Staatliche Hochschule für bildende Künste – Städelschule – Frankfurt am Main (7)

2017, Juni 5.

Rundgang 2017
Jahresausstellung der Studierenden der Staatlichen Hochschule

für Bildende Künste – Städelschule
Letzter Tag: Pfingstmontag, 5. Juni 2017, geöffnet von 10–20 Uhr
Dürerstraße 10 und Daimlerstraße 32

(Eintritt frei)

Von Erhard Metz

Kunst, Gesellschaftskritisches und Experimentelles auch in der Daimlerstraße

Politisch geht es zu in der Galery Italy: Steigt man die steile Holztreppe hinauf in den hölzernen, auf Holzpfosten stehenden White cube-Pavillon, gewahrt man ein Transparent mit Abbildungen von sorgfältig aufeinander geschichteten und exakt ausgerichteten Euro-Noten, weiter eine transparente Euro-Skulptur mit kunterbunten Kügelchen – die Assoziation an die „Ziehung der Lottozahlen“ mit gläserner Trommel und gläsernem Auslaufrüssel liegt auf der Hand. Wer nun wird im großen Euro-Lotto gewinnen?

↑↓ Ryan Cullen, Galery Italy Weiterlesen

200 Jahre Staatliche Hochschule für bildende Künste – Städelschule – Frankfurt am Main (6)

2017, Juni 4.

Rundgang 2017
Jahresausstellung der Studierenden der Staatlichen Hochschule

für Bildende Künste – Städelschule
weiter geöffnet Pfingstsonntag und -montag, 4. und 5. Juni 2017, 10–20 Uhr
Dürerstraße 10 und Daimlerstraße 32

(Eintritt frei)

Von Erhard Metz

Lust an Material, Form und Raum

Kein Zweifel: Zum historischen Jubiläumsrundgang haben sich die Studierenden der Städelschule allerhand vorgenommen: Auf eine derart faszinierende Rundgangveranstaltung trifft man nicht alle Jahre.

↑ Richard Nikl, Mother, Relief, Fiberglas on polystrene
↓ Sóley Ragnarsdóttir, Untitled, Mixed media

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„SomeTime“ in Middelheim mit Richard Deacon

2017, Mai 30.

Einatmen und Ausatmen in freier Natur und sich inspirieren lassen. Das Middelheim Museum in Antwerpen ist ein Ort der Kultur und der Erholung. Hier kann man neben zahlreichen anderen Skulpturen der letzten 100 Jahre bis zum 24. September auch 31 bedeutende Arbeiten von Richard Deacon entdecken. Der britische Bildhauer nimmt schon seit den 80er Jahren einen Platz an der Spitze der europäischen Bildhauerei ein.

Von Petra Kammann

↑ Einer der 9 Zugänge zum Park. Ab dem 16. Jahrhundert hatten viele wohlhabende Antwerpener Familien ihre Sommerresidenz in Middelheim
↓ Das 2012 zuletzt restaurierte Schloss regt die Phantasie an und macht den Park komplett. Es wurde im 18. Jahrhundert im Stil Ludwigs XVI. gebaut

Das Middelheim Museum ist ein einzigartiges Refugium in der Natur in Nähe des quirligen Zentrums der Hafenstadt Antwerpen und ein Freiluftmuseum, das gegründet wurde, um dem Publikum das Zusammenspiel von Kunst und Natur nahezubringen. Bedeutende Beispiele klassisch-moderner und zeitgenössischer Kunst werden dort in einer herrlichen Parklandschaft präsentiert. Auf dem riesigen Gelände mit allein drei Haupteingängen verliert sich der Besucher nicht, weil sich dort Schaukästen mit einem übersichtlichen Grundriss des gesamten Museums befinden. Weiterlesen

Kultur, Natur und Rheinromantik: 4. Skulpturen-Triennale Bingen „NAH UND FERN“ eröffnet

2017, Mai 28.

Eine Bereicherung für die Kulturlandschaft von Rheinland-Pfalz

20 zeitgenössische künstlerische Positionen sind bei der vierten Skulpturen-Triennale in Bingen unter dem Motto „NAH UND FERN“ thematisch vereint. Erstmals werden auch einige Arbeiten in der Binger Innenstadt gezeigt. Der Ausstellungsparcours schafft damit eine Verbindung zwischen Rheinufer und Stadtkern.

Von Hans-Bernd Heier

Christian Achenbach (links) und Stifter Kuno Pieroth in der Rheingauer Landschaft; Foto: Gisela Heier

Die neue Skulpturen-Triennale der Gerda und Kuno Pieroth Stiftung in Bingen am Rhein ist im Mai 2017 feierlich eröffnet worden. Bereits zum vierten Mal seit 2008 werden auf dem Gelände der ehemaligen Landesgartenschau zeitgenössische Skulpturen entlang des Ufers am Rheinkilometer 529 gezeigt. Erstmals sind in diesem Jahr auch Arbeiten in der Binger Innenstadt zu sehen. Der Ausstellungsparcours schafft damit eine Verbindung zwischen Rheinufer und Innenstadt. „Wir freuen uns, dass die Skulpturen-Triennale 2017 in der gesamten Stadt angekommen ist. Kunstliebhaber müssen in diesem Jahr nicht nur nach Kassel oder Venedig reisen, sondern können großartige Kunstwerke auch in der romantischen Rheinlandschaft von Bingen genießen“, so Oberbürgermeister Thomas Feser. Weiterlesen