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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Alle Artikel zu Installation · Performance · Objektkunst

Das Musée d’Arts de Nantes und eine filgrane Installation von Susanne Fritscher

2017, Juli 17.

Das ehemalige Musée des Beaux Arts von Nantes wurde als Musée d’Arts de Nantes  zum Sommeranfang 2017 nach 6-jähriger Renovierung wieder eröffnet. 

Eindrücke und Fotos von Petra Kammann

 

Die frisch renovierte Fassade des Musée d’Arts de Nantes

Nantes ist seit einigen Jahren eine dynamische Stadt, die auf Innovation und Kreativindustrie gesetzt hat. „Le voyage à Nantes“ – so der stadteigene Slogan – ist immer eine Reise wert, besonders aber auch der Kunst wegen. Dabei hat die einstige Hafenstadt an der Loiremündung ihre Geschichte nicht vernachlässigt, so auch nicht das Musée des Beaux Arts, das bislang in einem mächtigen Palais des ausgehenden 19. Jahrhunderts seine kostbare Kunstsammlung vom 13. bis zum 20. Jahrhundert beherbergte.

Doch war das Museum in die Jahre gekommen und mehr als renovierungsbedürftig, u.a. weil die Fassade angegriffen, die Oberlichter, von denen das Licht auf die Kunstwerke fiel, nicht mehr dicht waren und weil sich die Verbindung von alter und neuer Kunst heute anders erschließt. Nach sechs Jahren Museumsschließung, Überarbeitung und einem zusätzlichen Neubau hat das Museum, das inzwischen Musée d’Arts de Nantes heißt, in diesem Sommer seine Tore wieder für das Publikum geöffnet.

Das ursprüngliche Gebäude, das 1900 in der Rue Clemenceau eröffnet worden war, war inzwischen für die Sammlung mit 12.000 Werken, die sich in den letzten Jahren durch bedeutende zeitgenössische Werke vergrößert hat, zu klein geworden. Nun können zusätzlich weitere 900 Werke gezeigt werden, von der alten Malerei aus dem 13. Jahrhundert bis zur zeitgenössischen Videoinstallation. Dabei macht die Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts inzwischen 55% der Sammlung aus. Da mussten neue Verbindungswege gefunden werden.

Die bisherige Ausstellungsfläche wurde vom britischen Architekturbüro Stanton Williams um 30% erweitert, auf dessen Konto auch das Royal National Theater, der Tower of London oder das Theater in Belgrad geht. Nun flutet ein 3 500 m2 große Glasfläche das Licht ins Innere des Museums. Ursprünglich gab es keine Verbindung zwischen den früheren und den heutigen Werken. Das hat sich nun gründlich geändert.

Da die Architekten das Palais auf geschickte Weise mit der dahinterliegenden Gebetskapelle, die früher nur über den Museumsgarten zugänglich war, verbunden haben, wirkt das Ensemble schon zur Straße hin heute sehr einladend, zumal sie einen minimalistischen vom lokalen Tuffstein inspirierten Kubus aus hellem Marmor wie einen Bindestrich in den Gebäudekomplex eingeschoben haben. Das gelungene neue 2 000 m2 große Gebäude, der „Cube“ ist dabei ausschließlich der zeitgenössischen Kunst gewidmet.

Verbindungsgang zum White Cube

 „Die Transformation des alten Palais mit seinem neuen Vorplatz ebenso wie die neue Erweiterung, welche das Museum mit der Kapelle miteinander verbindet, ergeben ein museales Ensemble, das sich zur Straße hin öffnet, zum Viertel wie auch zur Stadt und ihren Bewohnern hin. Durch dieses Projekt wollten wir das wunderbare Licht des Atlantik sichtbar machen, in das die verschiedenen Galerien getaucht sind“, erläutert Patrick Richard, einer der beiden Architekten. Das ist den Baumeistern wirklich geglückt.

Blick in das Souterrain des Museums, wo vor allem pädagogische Räume, Restaurierungsateliers, ein Konferenzsaal, eine Salle blanche und das Depot untergebracht sind

Außerdem wurde sowohl ein Museumscafé wie auch eine Buchhandlung in den Eingangsbereich integriert. Die Kosten der aufwändigen Renovierung betrugen insgesamt erstaunlicherweise „nur“ 88,5 Millionen Euro inklusive der Fassadenrenovierung und der Restaurierung einiger historisch bedeutender Kunstwerke.

Patio im Musée d’arts de Nantes mit der Installation „De l’air, de la lumière et du temps“ von Susanne Fritscher

Beim Betreten des Gebäudes gibt es auch gleich eine weitere Überraschung, wenn der Blick auf den minimalistisch in Weiß gehaltenen 15 Meter hohen und Patio mit den übereinandergestaffelten Rundbögen fällt. Er lädt unmittelbar zum Besuch ein. Von weitem hat man den Eindruck, als rieselten unaufhörlich feine Wassertropfen von der Decke herab. Da öffnet und verwandelt sich ganz diskret ein Raum aus nichts als Licht, Luft und Atem. Und das durch eine höchst subtile Installation mit schwingenden Tönen der österreichischen Künstlerin Susanna Fritscher, die den Dialog mit dem hohen Raum des Patios aufgenommen hat: „Nur mit Luft, mit Licht und mit Zeit“.

Susanna Fritscher, Objekt „Souffle“ (Atem) im Musée d’Arts de Nantes

Begibt man sich in diesen 500 Quadratmeter großen Raum, so nimmt man ganz feine von der Decke herabrieselnde, so leicht bewegliche wie durchsichtige Silokonfäden wahr, welche einen in eine Art schleierhaftes Labyrinth führen. Sie strukturieren den Raum, den sich der Besuche  sinnesgeschärft erobert und in dem er die anderen Besucher zu Schemen verschwinden lässt. Da wird der Betrachter zum Akteur, indem er neue Räume innerhalb des Raumes schafft. Und er ist für die verschiedensten Weißschattierungen geradezu äolischen Klänge sensibilisiert. Durch die  mundgeblasenen Glasskulpturen an den Rändern erlebt man so etwas wie den Hauch eines Atems.

Die fragile und ganz leicht wirkende Installation ist ein sowohl zeitgenössisch architektonisches Entreeerlebnis als auch ein poetischer Eingang in die Welt der Kunst des Museums, das durch die Blicke von oben aus der ersten und zweiten Etage auf die Installation noch gesteigert wird. Vergangenheit und Gegenwart werden hier auf höchst raffinierte Weise miteinander verknüpft.

 

Susanna Fritscher Installation „De l’air, de la lumière et du temps“

Musée d‘Art de Nantes
10, Rue Georges Clemenceau
44000 Nantes

→ Die Passage Pommeraye: Ein magisch-nostalgischer Ort in Nantes
→ Tolle Tage – „La folle Journée 2016“ in Nantes

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→ Nantes und die „Küste der Liebe“ – ein Familienziel

documenta 14 in Kassel (2): Arnold-Bode-Preis 2017 an Olu Oguibe

2017, Juli 10.

„Monument für Fremdlinge und Flüchtlinge“ auf dem Kasseler Königsplatz

Von Erhard Metz

Alle zwei Jahre sowie auch in jedem „documenta-Jahr“ wird der renommierte, derzeit mit 10.000 Euro dotierte, nach dem documenta-Gründer benannte Arnold-Bode-Preis verliehen. Über die Preisvergabe entscheidet der Magistrat der Stadt Kassel als Vorstand der Arnold-Bode-Stiftung, und zwar auf einen Vorschlag des Kuratoriums. Ihm gehören dieses Jahr unter dem Vorsitz von Professor Heiner Georgsdorf E. R. Nele geb. Bode, die Tochter von Arnold Bode, Professorin Julia Voss, Ingo Buchholz und Adam Szymczyk, der künstlerische Leiter der documenta 14 an. Die förmliche Preisverleihung erfolgt am 10. September 2017 im Kasseler Rathaus. Preisträger ist der nigerianische Künstler, Kunsthistoriker, Hochschullehrer und Kurator Olu Oguibe. Im Vordergrund steht neben einer weiteren Arbeit in Athen sein monumentaler Obelisk „Monument für Fremdlinge und Flüchtlinge“ auf dem Kasseler Königsplatz. Der Entscheidungsprozeß zur Preisvergabe dürfte nicht viel Zeit in Anspruch genommen haben, zählt der Obelisk doch nach dem „Parthenon der Bücher“ in der öffentlichen Wahrnehmung zu den Attraktionspunkten der documenta 14. Und man dürfte nicht sehr falsch mit der Vermutung liegen, dass die Stadt das Werk ankaufen und auf dem kreisrunden Platz belassen könnte.

Das Fremdlinge und Flüchtlinge Monument (2017), Beton, 3 × 3 × 16,3 m; Königsplatz, Kassel

Ein Zitat aus dem Matthäus-Evangelium in deutscher, englischer, arabischer und türkischer Sprache ziert die vier Seiten des Obelisken. Für die weniger Bibelfesten hier der Text aus der klassischen Luther-Bibel:

Matthäus 25, 35-36:
Denn ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mich gespeist. Ich bin durstig gewesen, und ihr habt mich getränkt. Ich bin ein Gast gewesen, und ihr habt mich beherbergt.
Ich bin nackt gewesen, und ihr habt mich bekleidet. Ich bin krank gewesen, und ihr habt mich besucht. Ich bin gefangen gewesen, und ihr seid zu mir gekommen.

Olu Oguibe wählte für seine Arbeit die Form eines klassischen Obelisken, wie sie aus Assyrien und dem alten Ägypten überliefert sind und von dort nicht selten als Kriegsbeute und Siegestrophäe geraubt und nach Europa verbracht wurden (allein die Römer entführten eine größere Zahl ägyptischer Obelisken nach Rom, acht dieser Exemplare können noch heute dort bewundert werden).

„Es ist eine Arbeit, die eines der brennenden Themen der Gegenwart aufnimmt und mit der Formgebung einen Bezug zur Geschichte herstellt“, sagte der scheidende Oberbürgermeister Bertram Hilgen. Und Kuratoriums-Vorsitzender Professor Heiner Georgsdorf erläuterte die Empfehlung dieses Gremiums: „Traditionell ein herrschaftliches Zeichen, weigert sich dieser [Oguibes] Obelisk zudem, die königliche Mitte des kreisrunden Platzes zu besetzen, und konterkariert damit subversiv jeglichen absolutistischen Machtanspruch“.

Eine Grenze zwischen einem Mahnmal als politischem Statement und einem schöpferischem Kunstwerk ist seit längerem kaum mehr auszumachen; der „Kasseler“ Obelisk ist ein weiteres Beispiel hierfür. Die documenta 14 ist eine überwiegend politische.

Olu Oguibe, 1964 in Aba, Nigeria geboren, studierte an der University of Nigeria, Nsukka, Fine and Applied Arts und erwarb an der School of Oriental and African Studies – University of London den PhD-Grad in Kunstgeschichte. Für einige Jahre lehrte er als Professor für Kunst und African-American Studies an der University of Connecticut, um sich anschließend allein seiner künstlerischen, wissenschaftlichen und kuratorischen Arbeit zu widmen. Oguibe stellte weltweit aus und nahm 2007 an der Biennale in Venedig teil. Er lebt und arbeitet in Rockville, Connecticut.

Fotos: Erhard Metz

– wird fortgesetzt –

→ documenta 14 in Kassel (1): Der „Parthenon der Bücher“ von Marta Minujín

 

documenta 14 in Kassel (1): Der „Parthenon der Bücher“ von Marta Minujín

2017, Juli 6.

Von Erhard Metz

Eine kurze Präambel erscheint angebracht:

Die documenta 14 unter der künstlerischen Leitung von Adam Szymczyk, vormals Direktor der Kunsthalle Basel, findet bekanntlich zum ersten Mal in ihrer Geschichte neben Kassel an einem zweiten Ausstellungsort, in Athen, statt, wo sie bereits am 8. April 2017 eröffnet wurde; Kassel folgte am 10. Juni nach. Die größte Weltkunstschau ist dieses Jahr – sie steht entsprechend unter dem Motto „Von Athen lernen“ – eine sehr politische. Szymczyk rekurriert auf Athen als „Wiege der Demokratie“ (der plebiszitären?, der parlamentarisch-repräsentativen?, der „gelenkten“?) einerseits, als Inbegriff der Schuldenkrise innerhalb der EU und als ein Zentrum der Migration andererseits. Letzteres spiegelt sich in zahlreichen der ausgestellten Arbeiten wieder, was in Fachwelt, Presse und Öffentlichkeit ein geteiltes Echo fand. Rund 160 Künstlerinnen und Künstler – die meisten unter ihnen tragen noch keine „großen Namen“ und sind noch nicht Subjekte bzw. Objekte des internationalen Kunstbetriebs – hat Szymczyk eingeladen. Zu den Höhepunkten der Schau zählt sicherlich die Präsentation zahlreicher Werke aus dem EMST, dem National Museum of Contemporary Art in Athen, für die das Museum Fridericianum exklusiv geräumt wurde.

The Parthenon of Books (2017), Stahl, Bücher, Kunststoffolie, 19,5 × 29,5 × 65,5 m; in Auftrag gegeben von der documenta 14, mit Unterstützung des Ministeriums für Medien und Kultur von Argentinien

Nun aber zum absoluten „Hingucker“ und Publikumsmagneten der diesjährigen documenta 14 in Kassel: dem „Parthenon der Bücher“ der argentinischen Konzeptkünstlerin Marta Minujín auf dem zentralen Friedrichsplatz.

Schöner noch gegen den regenverhangenen als einen knallblauen Himmel: das zarte Mosaik der vollends mit Büchern behängten rückwärtigen Giebelfassade des „Tempels“ scheint im unbestimmten Grau fast zu verschwimmen

Die Stahlrohrkonstruktion mit ihren stattlichen Ausmaßen von rund 70 mal 30 Metern ist dem im 5. Jahrhundert v. Chr. errichteten Tempel für die Stadtgöttin Pallas Athena Parthenos auf der Athener Akropolis – einer Ikone des heutigen weltweiten Massentourismus – nachempfunden. Fast alle im 19. Jahrhundert noch vor Ort erhaltenen Skulpturen, insbesondere auch aus dem Giebelfries, wurden Opfer britischer und französischer „Raubkunst“, zu Zeiten, als man diesen Begriff noch nicht kannte, und sind heute vor allem im British Museum und im Louvre zu bewundern.

Alexander Kalderach (1880-1995), Der Parthenon (1939), Öl auf Leinwand, Belvedere Wien

Der von Alexander Kalderach im Jahr 1939 auf der Leinwand festgehaltene Parthenon hängt beziehungsreich in der Kasseler Neuen Galerie. Das Werk des heute weitgehend unbekannten Malers brandmarkt die documenta-Leitung als einen „Tiefpunkt des deutschen Philhellenismus“.

Behängt ist die Konstruktion auf dem Friedrichsplatz mit inzwischen wohl tausenden von in Folie geschweißten Büchern – und zwar solchen, die irgendwo und irgendwann einmal auf irgendeinem Index standen – verbotenen Büchern also. Die Öffentlichkeit, Verlage und Autoren sind eingeladen, entsprechende Bücher zu spenden und so selbst Teil des Werkes zu werden. Der Kontext erschließt sich rasch: Bücher und deren freie Verbreitung sind Voraussetzung und ein unverzichtbares Element von Demokratie.

Es ist noch sehr viel Platz für tausende weiterer verbotener Bücher: ein jedes, das die Voraussetzungen erfüllt, wird hinauf bis in schwindelnde Höhe angebracht; Landgraf Friedrich II. – sein Denkmal errichteten 1783 Johann August Nahl der Ältere und Jüngere – schaut dem Geschehen auf dem zu seinen Ehren benannten Platz mit Gelassenheit zu

Reizvoll die Position des „Parthenons der Bücher“ vis-à-vis dem Fridericianum, 1955 Ausstellungsort der ersten documenta, initiiert und realisiert vom documenta-Vater, dem unvergessenen Künstler, Kunstpädagogen und Hochschullehrer Professor Arnold Bode (1900-1977).

Die spektakuläre Arbeit von Marta Minujín, 1943 in Buenos Aires geboren, geht auf ihre Installation „El Partenón de libros“ aus dem Jahr 1983 auf einem öffentlichen Platz in Buenos Aires zurück als ein Zeichen gegen das Verbot von Texten und die Verfolgung ihrer Verfasser in der argentinischen Militärdiktatur. In Buenos Aires wurde damals die Konstruktion bei Ausstellungsende seitlich gekippt, damit das Publikum die Bücher mitnehmen konnte. Eine vergleichbare Aktion ist dem Vernehmen nach zum Ende der aktuellen documenta geplant.

Aus einigem Abstand betrachtet erschließt sich die Dimension des in seinen originalen Ausmaßen nachempfundenen Parthenons gegenüber dem Fridericianum, das 1779 als weltweit erstes öffentliches Museum in einem dafür speziell konzipierten Bau eröffnet wurde.

Fotos: Erhard Metz

→ documenta 14 in Kassel (2): Arnold-Bode-Preis 2017 an Olu Oguibe

→ documenta Kassel

Max Hollein in San Francisco

2017, Juli 4.

Museale Blaupause für die neue Welt

Seit Sommer 2016 ist Max Hollein Direktor der Fine Arts Museums of San Francisco, den nach seiner Auskunft „beliebtesten und größten Museen an der gesamten Westküste“. Das Legion of Honor ist ein eurozentrisches Museum mit klassischer Gemäldegalerie, während das de Young aus der Idee des Weltausstellungspavillons entstanden ist. Mehr als 1,5 Millionen Menschen besuchen die Museen jährlich, doch Max Hollein will sein Publikum auch jenseits der Häuser im digitalen Raum erreichen. Denn für ihn ist ein Museum mehr als ein Ort, den man besuchen kann. Durch Modernisierung will der Leiter des Fine Arts Museum of San Francisco und frühere Direktor des Frankfurter Städel, des Liebieghauses und der Schirn den Museen eine Stimme in der gesellschaftlichen Diskussion sichern. An einer der beiden neuen Wirkungsstätten, in der Legion of Honor, wird vom 28. Oktober 2017 bis zum 7. Januar 2018 das Frankfurter Forschungsprojekt und die erfolgreiche Schau „Bunte Götter“ aus dem Frankfurter Liebieghaus zu sehen sein.

Tatjana Kimmel hat sich in San Francisco umgesehen. Sie sprach mit Max Hollein. 

↑ Der frühere Städeldirektor Max Hollein an seinem neuen Wirkungsort in Kalifornien
↓ Er leitet dort das Fine Arts Museum of San Francisco;
 Fotos: Courtesy of the Fine Arts Museums of San Francisco

 ↑ Beide Museen sind in die Stadt und gleichzeitig in die Landschaft eingebettet: Das klassizistische Legion of Honor steht im Lincoln Park mit Blick auf die Pazifikküste und der Skulpturengarten des von Herzog & de Meuron entworfenen de Young geht direkt in den Golden Gate Park über. 

↓Vorderfront des Legion of honor ; beide Fotos: Courtesy of the Fine Arts Museums of San Francisco

Tatjana Kimmel: San Francisco gilt als die Stadt der Pioniere und liegt keine Autostunde vom Silicon Valley entfernt. Welche digitalen Strategien haben Sie in den Fine Arts Museums of San Francisco vorgefunden?

Max Hollein: Es war per se keine eindeutige digitale Strategie der Museen vorhanden, deshalb habe ich sie justiert und klarer definiert. Denn es ist wichtig, dass wir taktisch und zielorientiert vorgehen, da es im Moment keinen Bereich gibt, der sich so schnell verändert und so rasch immer neue Möglichkeiten bietet. Wir wollen digitale Mittel für Distributions- und Skalierungsplattformen einsetzen und mit dem Publikum auch außerhalb des Museums kommunizieren. Es geht darum, einen großen Museumskomplex innerhalb eines kulturellem Raumes zu gestalten, der sich rasant verändert und dessen Aktivitäten aktuell große globale Auswirkungen haben. Andere Regionen der Welt entwickeln sich ähnlich und ich sehe daher unsere Strategie als eine Case Study dafür, wie sich ein Museum in einem solchen Kontext behaupten kann, wie es davon profitieren kann und welche Stimme es in der gesellschaftlichen Diskussion hat. Das ist es, was mich an dieser Aufgabe besonders reizt.

Was kennzeichnet das Umfeld der Fine Arts Museums of San Francisco?

In San Francisco und im Silicon Valley findet eine neue Form der Industrialisierung statt, die den urbanen Raum grundlegend prägt. Es akkumuliert sich hier ein Wohlstand, der stetig wächst. Das ist per se ein gutes Umfeld für die Fortentwicklung einer kulturellen Einrichtung, insbesondere hier in den USA, wo sie auf private Finanzierung angewiesen sind. Auf der anderen Seite erzeugt dieser extreme Wohlstand aber Probleme, die wir auch in Europa kennen, in akzelerierter Form. Beim Thema Gentrifizierung passiert hier im Halbjahrestakt, was in Berlin innerhalb von fünf Jahren geschieht. Das hat wiederum Auswirkungen auf die Künstlerszene und auf die Möglichkeit überhaupt in der Nähe eines Museums zu leben. Es geht also nicht nur darum, zu klären, welche technischen Möglichkeiten uns das Silicon Valley bietet, sondern vor allem um die Frage, was es bedeutet, im Zentrum einer ökonomischen und industriellen Revolution zu agieren.

 Das de Young: Zeitgenössische Architektur von Herzog und de Meuron; Foto: Courtesy of the Fine Arts Museums of San Francisco

Als Museumdirektor in Frankfurt waren Sie bekannt für kreative Sponsoring-Ideen sowie für einen engen Draht zur Bürgerschaft und zu den Unternehmen. Welche Erfahrungen machen Sie in San Francisco?

Das amerikanische Museumsprinzip ist extrem abhängig vom privaten Engagement. Dabei spielt weniger das Unternehmer-Sponsoring eine Rolle als das Mäzenatentum vieler Privatspender. Das zeigt sich schon in der Struktur unseres Förderkreises: Wir haben über 100.000 Mitglieder, deren Mitgliedsbeiträge zwischen 150 und 25.000 Dollar im Jahr rangieren. Die großen Ausstellungen werden also von privaten Mäzenen finanziert und nicht so stark von Firmen. Wir wollen aber das Unternehmens-Sponsoring ausbauen, auch in Form von Kooperationen.

Wie groß ist das Interesse der digitalen Industrie an den Museen?

Wir sind per se sicher nicht der wichtigste User-Case, da fokussiert sich die Industrie auf ganz andere Nutzerkreise. Wir sind aber insofern interessant, weil wir gewohnt sind, Wissen in der Öffentlichkeit attraktiv darzustellen und Objekte zum Sprechen zu bringen. Zurzeit gibt es in rascher Folge neue Ideen zu den Themen VR (Vertial Reality) und Artificial Intelligence und gerade in diesen Bereichen sind Firmen wie Google sehr an der musealen Nutzung interessiert. Denn das Museum bietet ihnen die Möglichkeit, ihre Ideen und Anwendungen in einem kontrollierten und doch öffentlichen Raum auszuprobieren.

Wie können sie von den Ideen profitieren?

Wir werden die Möglichkeiten der digitalen Instrumente insbesondere zur Distribution unseres Wissens im Hinblick auf exakt bestimmte Zielgruppen nutzen, zum Beispiel durch Online-Angebote und Kurse. Mit VR und Artificial Intelligence werden wir für das Museum neue Formen der Narration entwickeln, die unsere gewohnte Art etwas darzustellen in und außerhalb des Museumsraums grundlegend verändern werden. So bieten wir zum Beispiel Digital Stories, die frei verfügbar sind, überall abgerufen werden können und so den kulturellen Kontext auch außerhalb des Museums präsentieren.

↑ Klassisch das Innere des Legion of honor wie im Shornstein Court;  Foto: Courtesy of the Fine Arts Museums of San Francisco

Müssen die Leute also gar nicht mehr ins Museum kommen, weil sie die Kunst auch in den digitalen Räumen erleben können?

Selbstverständlich machen Digital Stories und Virtual Reality einen Museumsbesuch nicht obsolet. Die digitale Strategie hat damit und mit der Orientierung am Original nichts zu tun, denn es geht um eine ganz andere Form, Kontext zu vermitteln, Geschichten zu erzählen und Verbindungen herzustellen. Für mich ist eine Ausstellung ein langjähriges Forschungsprojekt, das dann in der Ausstellung eine physische Präsenz entwickelt. Es stecken viel Wissen und spezifische Perspektiven darin. Wenn Sie sich bislang zum Beispiel zuhause die Abbildungen der Sixtinische Kapelle in einem Bildband anschauen, erhalten sie einen speziellen Eindruck jenseits eines Besuches in Rom. Wenn Sie die Sixtinische Kapelle mit VR-Technik betrachten, wird Ihnen die ursprüngliche Kraft und die Idee des Kunstwerkes viel stärker vermittelt. Denkbar ist auch, dass mit Hilfe von VR Kunstwerke oder Settings virtuell wieder rekonstruiert werden, die real gar nicht mehr existieren.

Sehen Sie die Vermittlung von Wissen und Bildung als vorrangige Aufgabe der Museen?

Ja, und wir sollten die digitalen Publikationen oder auch edukativen Computerspiele für Kinder nicht nur den kommerziellen Anbietern überlassen. Denn es hat einen großen Einfluss auf Inhalte und Qualität. ob ein Museum als kulturelles Non-Profit-Unternehmen oder ein kommerzieller Anbieter eine Publikation verantwortet, Wenn die gesamten Kunstbuchpublikationen nur von kommerziellen Anbietern geprägt wären, würden unsere Kunstbücher vollkommen anders aussehen. Die zu 90 bis 95 Prozent subventionierten Publikationen der Museen gewährleisten ein breites wissenschaftliches Angebot. Das werden wir noch breiter ausbauen.

Welche Impulse haben sie bereits von den Start-ups vor Ort gewonnen?

Wir entwickeln aktuell ein Pilotprojekt mit VCSO, einer sehr interessanten Social-Media-Plattform im Bereich Fotografie mit bereits 30 Millionen Nutzern. Die Kooperation entstand zufällig aus einer lokalen Verbundenheit, denn einer der VSCO-Gründer ist selbst Fotograf und arbeitete früher im Legion of Honor als Hochzeitsfotograf. VSCO bringt professionelle und semi-professionelle Fotografen der Welt zusammen, die mit ihren Fotografien zu unterschiedlichen Themen in einen Dialog treten. Wir nutzen VSCO aktuell zur Recherche und als Mittel der kuratorischen Arbeit für eine Ausstellung zum Thema „Fashion of Islam“, die wir im Herbst 2018 im de Young zeigen werden. Wir stellen der gesamten VSCO-Community das Thema und erhalten ganz unterschiedliche Interpretationen und Impulse. Mit Hilfe der Fotografen-Crowd beschaffen wir uns so einen Überblick über die gesamte Szene in den muslimischen Ländern und gewinnen Aspekte, die wir sonst nie bekommen hätten. Außerdem nutzen wir die spezifischen Algorithmen von VSCO, um neue narrative Zusammenhänge zu entwickeln, die Teil der Ausstellung im Museum werden.

↑ Diller Court im de Young; Foto: Courtesy of the Fine Arts Museums of San Francisco

Und welche neuen Wege gehen Sie beim Thema Ausstellungsmarketing?

Wir nutzen nach wie vor Plakate im Stadtraum, verteilen Flyer und schalten Anzeigen. Aber darüber hinaus entwickeln wir zum Beispiel eine Kooperation mit Airbnb. Auch hier gibt es einen persönlichen Kontakt, weil Joe Gebbia, einer der Gründer von Airbnb, aus der Design-Szene kommt, in San Francisco lebt und sich den Museen verbunden fühlt. Airbnb ist für uns ein hochinteressanter Partner mit großer Reichweite. Früher haben vielleicht die Concierges der führenden Hotels die Informationen über aktuelle Ausstellungen an die Gäste weitergegeben. Jetzt ist es viel effizienter mit Airbnb einen digitalen Concierge-Service zu entwickeln.

 Arbeiten Sie bei solchen Projekten mit anderen Museen in San Francisco zusammen?

Nein, wir treiben das voran und wenn es gut ist, werden weitere Institutionen einsteigen. Andere Häuser arbeiten zeitgleich an ihren Ideen, so kooperiert das SF MOMA zum Beispiel mit Bloomberg. Wir tauschen uns aus, aber wir müssen auch immer darauf achten, dass wir die Komplexität reduzieren, um eine rasche Umsetzung zu gewährleisten. Denn viele Partner verkomplizieren und verlangsamen die Prozesse. Wer eine Abstimmungsphase von über einem Jahr benötigt, hat ohnehin schon verloren, denn die Techniken ändern und verbessern sich innerhalb von wenigen Monaten. Die Geschwindigkeit ist hier also eine absolute Notwendigkeit. Ich bin ein großer Freund davon, erst im eigenen Haus zu schauen, ein nutzbares Resultat zu genieren und es erst dann zu skalieren. Das ist der Weg, den ich wir auch in Frankfurt gegangen sind. Wir haben auch dort Verfahren implementiert, die andere Häuser mittlerweile auf ihre Weise nutzen.

Sie pflegten von Frankfurt aus einen engen Kontakt zu Wissenschaftlern unterschiedlicher Fakultäten. Wie nutzen Sie die Nähe zur Stanford University?

Wir arbeiten mit dem Kunsthistorischen Institut der Stanford University an einem Online-Kurs mit dem Titel „Understanding America“, der die amerikanische Kunst des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, die damit verbundenen kulturellen Themen und das Selbstverständnis der USA, etwa rund um die Doktrin des Manifest Destiny, darstellt. Mit einem solchen digitalen Kurs lösen wir unseren Bildungsauftrag auch ein, wenn die Leute nicht persönlich zu uns in die Museen kommen. Wir werden das weiter ausbauen, auch vor dem Hintergrund, dass das Wissen um die gesellschaftlichen und kulturellen Zusammenhänge anderswo nicht in dieser Form vermittelt wird.

Soll ein Museum politisch Stellung beziehen?

Ja, denn das Museum ist mehr als ein Ort mit klarem Bezug zum Objekt, es ist eine Institution mit einer Stimme innerhalb einer kulturellen Diskussion und es hat die Aufgabe, durch Kunst und Kultur das Verständnis für gesellschaftliche Prozesse zu schärfen. Dabei geben uns die digitalen Techniken ganz neue Möglichkeiten, auch Menschen zu erreichen, die vielleicht nie in die Museen kommen würden. Damit wird der Kreis erweitert und die Informationen erhalten eine andere Tiefe.

* Eine längere Version des Interviews erscheint in der Sommerausgabe der Museumskunde, dem Magazin des Deutschen Museumbundes.

 

Das „Bunte Götter“-Themen-Digitorial, Foto: Liebieghaus Skulpturensammlung, Bogenschütze „Paris“ aus dem Westgiebel des Aphaiatempel auf Aegina, Farbrekonstruktion Variante B, 2005 Liebieghaus Skulpturensammlung, Forschungsprojekt Polychromie, Leihgabe der Universität Heidelberg, Foto: Liebieghaus Skulpturensammlung, Liebieghaus

Zusatzinfo:

„Bunte Götter“ – ein Frankfurter Erfolgsprojekt erobert die USA und das Netz. Die weltweite Begeisterung für das Frankfurter Forschungsprojekt zur farbigen Antike und die daraus resultierende Ausstellung „Bunte Götter“ reißt nicht ab. Die Präsentation ist seit mittlerweile bald 15 Jahren international auf Tour und beweist dabei immer wieder eindrücklich, dass die anschauliche Vermittlung von Polychromieforschung Menschen in den verschiedensten Ländern fasziniert. Die Zwischenbilanz von bisher rund 30 internationalen Stationen sowie weit über zwei Millionen Besuchern spricht für sich. Vom 28. Oktober 2017 bis zum 7. Januar 2018 wird die Schau in der Legion of Honor in San Francisco zu sehen sein und damit an einer der beiden neuen Wirkungsstätten des ehemaligen Liebieghaus Direktors Max Hollein.
Während die Ausstellung ab Herbst dieses Jahres an der Westküste der USA gastiert, läuft an der Ostküste bereits zum jetzigen Zeitpunkt ein Forschungsprojekt in Kooperation mit dem Metropolitan Museum of Art (New York). Es nimmt den sogenannten „New Yorker Kuros“ (ca. 580 v. Chr.) in den Blick, auf dem sich noch zahlreiche Farbreste finden. In Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern vor Ort führt das Polychromieprojekt des Liebieghauses unter der Leitung von Prof. Dr. Vinzenz Brinkmann naturwissenschaftliche Untersuchungen am Objekt durch. Dieser Forschungsprozess soll in eine farbige Rekonstruktion des Kuros’ münden.
Die Ausstellung mit ihren farbenprächtigen Rekonstruktionen ist bereits vor ihrer Station in San Francisco, und zwar ab sofort, für jeden im Internet dank des multimedialen „Bunte Götter“-Digitorials zugänglich. Das vom Liebieghaus entwickelte digitale Vermittlungsangebot lässt die Nutzer völlig kostenfrei und unabhängig von der physischen Ausstellung in die beeindruckende Welt der „Bunten Götter“ eintauchen. Informative Texte, spannende Audioelemente und zahlreiche Bilder mit anschaulichen Effekten geben einen facettenreichen Einblick in die Polychromieforschung und die Farbrekonstruktion. Das Themen-Digitorial ist sowohl auf Deutsch als auch auf Englisch unter buntegoetter.liebieghaus.de abrufbar.

→ Max Hollein geht nach San Francisco

 

Peace: Auf Friedenssuche in der Schirn

2017, Juli 3.

Der Taiwanesische Künstler Lee Mingwei

„PEACE“  – Die derzeitige Sammelausstel­lung in der Schirn versteht sich als Impuls, darüber nach­zu­den­ken, was Frie­den für uns heute sein kann.  12 internationale Künstler haben zu dieser Fragestellung ihr ästhetisches Statement – größtenteils Installationen – abgegeben, darunter der französische Schriftsteller Michel Houellebecq und die Künstler Jan de Cock, Minerva Cuevas, Ed Fornieles,  Surasi Kusolwong, Isabel Lewis, Katja Novitskova, Heather Phillipson, Agnieszka Polska, Timur Si-Qin, Ulay und auch der taiwanesische Künstler Lee Mingwei mit seinem seit 1998 laufenden Work in Progress: „The Letter Writing Project“. Der englische Begriff  „Peace“ wird in dieser Gruppenausstellung dabei sehr weit gefasst. Für die einen kann er die kritische Auseinandersetzung mit der globalisierten Konsumgesellschaft und ihren ökologischen und sozialen Verwerfungen bedeuten, für die anderen wiederum die Suche nach dem inneren Frieden in der Beschäftigung mit ganz privaten Dingen wie zum Beispiel Houellebecq mit seinem Hund. Daneben finden beglei­tend Live-Events wie etwa Vortra­̈ge, Lesun­gen, Poetry-Perfor­man­ces sowie Tanz- und Musik­ver­an­stal­tun­gen statt. Aber auch das Publikum ist gefordert. Die Kommentare zum Thema Frieden werden im digitalen Auftritt der Schirn weitergeschrieben. Die Ausstellung ist bis zum 24. September zu sehen.

Von Petra Kammann

Lee Mingwei in der Schirn, Foto: Petra Kammann

Mehr und mehr öffnet sich die Kunst weltweit für Formen, in denen die Besucher einbezogen werden, in denen das Werk erst in dem Moment entsteht, in dem Zuschauer ihm begegnen. In den Projek­ten des in Taiwan gebo­re­nen Küns­tlers Lee Ming­wei (*1964)  geht es um intime Begeg­nun­gen zwischen Menschen. Dabei spie­len Austausch und das Geschenk eine tragende Rolle. Was das mit Frieden zu tun hat? Aggression, Frustration und schließlich Unfrieden geschieht häufig aus einer Kränkung heraus, die einen zunächst einmal in Stockstarre versetzt und einen Abbruch der Kommunikation und der sich zusammenballenden Aggression nach sich zieht. Mit wem aber würde ich gerne wieder Frieden schließen? Und wie lassen sich dabei Hemmschwellen überwinden?

Wen habe ich gekränkt und wem würde ich einen Brief schreiben, und das am besten ganz neutral, ohne das Gesicht zu verlieren? Habe ich im entscheidenen Moment den Zeitpunkt verpasst, die richtigen Worte zu finden? Da muss dem Künstler Lee Mingwei, der zeitweise in Tokio und in New York lebte, der partizipatorische Gedanke für seine langfristig angelegte Aktion gekommen sein. Für ihn bedeutet „Peace“ zunächst einmal, über die innere Ruhe und das Denken oder gar über das Meditieren zur Ruhe kommen, zu sich selbst zu finden: „Erst wenn ich eine Balance zwischen schön und hässlich, zwischen schlecht und gut finde, kann ich mich zunächst vertrauten Freunden und der Familie zuwenden und dann erst wieder nach außen, in die Öffentlichkeit, gehen. “

In der Ausstellung PEACE sind zwei Arbei­ten von ihm zu erle­ben. Seine parti­zi­pa­tive Instal­la­tion „The Letter Writing Project“, seit 1998 ein work in progress, bildet den Auftakt zur Gesamtpräse­nt­at­ion in der Schirn:  bestehend aus drei puristischen, Ruhe ausstrahlenden klösterlichen Zen-Zellen, die der Künstler mit einem Handwerker aus Kyoto sorgfältig entworfen und gebaut hat.

Handwerklich sorgfältig ist nach altjapanischer Tradition ein Schreibplatz in der zenartigen Zelle angelegt

Wer sich hinein begibt, kann in der Begegnung mit sich selbst auf den Ursprung seiner Wünsche, Sehn­süc­hte und Bedür­fni­sse stoßen, aber auch auf die Angst, diese zu arti­ku­lie­ren.

Die Besu­cher können dann diese für sie nicht beherrschbaren Emotionen, für die sie sich nie die Zeit genommen haben, in Brie­fen formu­lie­ren und diese in die Schlitze der in der Instal­la­tion angebrachten Holzhalterungen stecken, wo dann andere Besucher sie entweder lesen oder sie der Schirn übergeben, um sie an bestimmte Adres­sa­ten verschi­cken zu lassen. Das Schreiben selbst hat für Mingwee eine reinigende Funktion. Im Laufe der Jahre hat der inzwischen in Paris lebende Künstler an die 60 000 Briefe zusammengetragen.

„Getting connected to the world“ – Die Beziehung, die mittels des Mediums Brief mit der Außenwelt geschaffen wird, wie auch das so entstandene Netzwerk zwischen Menschen gelten dem Künstler als die eigentlichen Kunstwerke, die bewusst machen, wie sehr wir alle von unseren Emotionen bestimmt sind.

Ein so unaufgeregtes wie fragiles Projekt. Ob es Kriegstreiber abhält, ist fraglich. Und doch zeigt es Alternativen auf, die so so offen sind wie der Friede selbst.

Das Statement von Lee Mingwei

„When my maternal grandmother passed away, I still had many things to say to her but it was too late. For the next year and a half I wrote many letters to her, as if she were still alive, in order to share my thoughts and feelings with her.

For The Letter Writing Project, I invited visitors to write the letters they had always meant to but never taken time for. Each of three writing booths, constructed of wood and translucent glass, contained a desk and writing materials. Visitors could enter one of the three booths and write a letter to a deceased or otherwise absent loved one, offering previously unexpressed gratitude, forgiveness or apology.

They could then seal and address their letters (for posting by the museum) or leave them unsealed in one of the slots on the wall of the booth, where later visitors could read them. Many later visitors come to realise, through reading the letters of others that they too carried unexpressed feelings that they would feel relieved to write down and perhaps share. In this way, a chain of feeling was created, reminding visitors of the larger world of emotions in which we all participate. In the end, it was the spirit of the writer that was comforted, whether the letter was ever read by the intended recipient or others.’ – Lee Mingwei

In Zusam­men­ar­beit mit dem Städel Museum, dem Deut­schen Archi­tek­tur­mu­seum, dem Museum Ange­wandte Kunst und dem Museum für Moderne Kunst sowie mit orts­an­säs­si­gen Sänger/innen arran­giert die Arbeit „Sonic Blos­som“ (2013) eine Geschenk­si­tua­tion. Dabei stel­len Sänger/innen  Besu­chern die Frage: „Darf ich Ihnen ein Lied schen­ken?“ Beide sitzen und stehen sich gegen­über, während eines von fünf Liedern von Franz Schu­bert vorge­sun­gen wird. Sonic Blos­som ist im Städel (4.–9. Juli), im Deut­schen Archi­tek­tur­mu­seum  (11.–16. Juli), im MMK Museum für Moderne Kunst Frank­furt am Main (15.–20. August), im Museum Ange­wandte Kunst (22.–27. August) und in der SCHIRN (19.–24. Septem­ber) zu erle­ben. Das gültige Ticket für das jewei­lige Haus garantiert für den Einlass.