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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

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Hauptwerke von Matisse und Bonnard demnächst im Städel

2017, August 17.

„Mein lieber Matisse“, „Mein lieber Bonnard“ – „Mein lieber Freund“

In knapp einem Monat ist es soweit. Da werden vom 13. September 2017 an bis zum 14. Januar 2018 zwei herausragende Protagonisten der Klassischen Moderne erstmals gemeinsam in Deutschland im Frankfurter Städel ausgestellt sein: Henri Matisse (1869–1954) und Pierre Bonnard (1867– 1947). Die Ausstellung ist der Künstlerfreundschaft zweier Pioniere der Modernen Kunst gewidmet und sie beleuchtet neue Perspektiven der Entwicklung der europäischen Avantgarde, vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges. Der bisweilen erstaunlich enge Austausch zwischen den Künstlerkollegen zeigt sich vor allem an ihrer intensiven Auseinandersetzung mit so zentralen Themen wie dem Interieur, dem Stillleben, der Landschaft und dem Akt. 

Die hochkarätigen Exponate aus international bedeutenden Sammlungen, u.a. aus dem Art Institute of Chicago, der Tate Modern in London, dem Museum of Modern Art in New York, dem Centre Pompidou und dem Musée d’Orsay in Paris, aus der Eremitage in Sankt Petersburg sowie aus der National Gallery of Art in Washington sind allesamt Zeugen eines langjährigen Dialogs zwischen den beiden französischen Malern, darunter auch „Großer liegender Akt“ von Matisse.
→ Der Katalog erscheint bei Prestel.

Von Petra Kammann

↑ An der Côte d’Azur tauschten sich die Künstler Henri Matisse und Pierre Bonnard aus: Matisse bewohnte bis zum Ende seines Lebens  diese Villa aus dem 18. Jahrhundert inmitten der Olivenhaine von Cimiez. Dort befindet sich heute im ersten Stock das Matisse-Museum von Nizza

↓ 1926 kauft sich Pierre Bonnard ein Haus in Le Cannet oberhalb von Cannes. Er zieht sich dort von 1939 bis zu seinem Tode 1947 zurück. In der Abgeschiedenheit und Ruhe der letzten Lebensjahre entstanden hier besondere Werke. Heute kann man in dem kleinen Bonnard-Museum auf dem Hügel in Le Cannet einige anschauen (Alle Fotos: Petra Kammann)

 

„Es lebe die Malerei!“ – Dieser programmatische Ausruf von Henri Matisse auf einer Postkarte an Pierre Bonnard, die er 1925 aus Amsterdam schickte, hat nicht nur eine 62 Briefe umfassende Korrespondenz der beiden Künstler in Gang gesetzt, die bis 1946 andauern sollte. Dieser Satz wurde für die Ausstellung im Städel auch titelgebend. In der Korrespondenz kam die gegenseitige Wertschätzung der Kollegen zum Ausdruck, die sich häufig auch im Atelier besuchten.

So unterschiedlich die beiden Künstler auf den ersten Blick erscheinen mögen, so ging es ihnen in ihrem Dialog stets um das gemeinsame Nachdenken über künstlerische Probleme der Malerei und um ihre jeweiligen Standpunkte ihr gegenüber. Anders als die von Rivalität geprägte Beziehung zu Picasso war dessen Verhältnis zu Bonnard von echter Freundschaft und gegenseitiger Unterstützung geprägt. Das lässt sich u.a. in den Motiven und Perspektiven verfolgen, die sich teils in ihren Werken wechselseitig ergänzen.

Wie also Matisse auf Bonnard reagiert und umgekehrt, davon wird die Schau „Matisse – Bonnard. Es lebe die Malerei!“ handeln, auf der schon vor der Eröffnung im September eine große Aufmerksamkeit liegt. Denn sie wird zahlreiche Hauptwerke dieser beiden Protagonisten der französischen Moderne aus den verschiedenen Ecken der Welt im Städel versammeln. Ein Hintergrundgespräch mit Daniel Zamani, einem der beiden Städel-Kuratoren, gab erste Einblicke, wie diese Ausstellung zustande kam und was in ihr zu erwarten sein wird.

→ Daniel Zamani, einer der beiden Kuratoren der Matisse-Bonnard-Ausstellung 

 

In der Zeitschrift Cahiers d’art 1947 hatte der Kunstkritiker Christian Zervos 1947 einen sehr gehässigen Artikel über Bonnard verfasst, der dessen angemessene Rezeption zunächst sehr behinderte, weswegen man Bonnard weder in den USA noch in Deutschland zur zeitgenössischen Kunst zählte. Seine Malweise passte nach Meinung der Kritiker  überhaupt nicht ins 20. Jahrhundert.  Zamani sieht den Grund darin, dass Bonnard keinem –ismus oder einer der Schulen, die sich seit dem Impressionismus entwickelt hatten, zuzuordnen war. Matisse jedoch wird zu einem seiner ganz großen Verteidiger.

Der reagierte nämlich auf die Kritik mit einem 2-seitigen Beschwerdebrief. „Wenn ich jemals an Bonnard gezweifelt habe, dann hat mich der Anblick eines seiner Werke an die Wahrheit erinnert, selbst in einer Schwarz-Weiß-Abbildung. Bonnard ist wesentlich tiefsinniger, als es den Anschein hat. Ich bin sicher, dass sein Werk überdauern wird,“ und quer über den gedruckten Text schrieb der Künstler demonstrativ: „Ja! Ich bezeuge, dass Pierre Bonnard ein großer Maler ist, für heute und bestimmt auch für die Zukunft.“

Felix Krämer, der wegen der von ihm kuratierten Monet-Ausstellung im Städel bestens mit der französischen Malerei und den Museen Frankreichs vertraut ist, und Daniel Zamani, der auch zuvor schon mit ihm zusammengearbeitet hatte, ließ dieses Thema nicht ruhen. Sie begannen, die Sache intensiver zu recherchieren und wollen mit einer Ausstellung überzeugen, die diesem Vorurteil ein Ende macht.

Bislang waren laut Zamani tatsächlich gezielt erst zwei Expositionen diesem Thema nachgegangen: 2006/07 in der Ausstellung in Rom Matisse e Bonnard. Viva la pittura! und eine weitere 2008 Matisse et Bonnard: Lumière de la Méditerranée im Kawamura Memorial Museum of Art und Museum of Modern Art in Hayama, allerdings mit einer begrenzten Auswahl von Exponaten. Vor allem aber kamen die beiden Kuratoren zu dem Schluss, dass man das Thema insofern vertiefen müsse, als die Bilder, welche die Künstler voneinander besaßen, in diesen Ausstellungen fehlten. Also machten sie sich auf, um sie an den verschiedenen Orten aufzutreiben.

→ Es wird die letzte von Felix Krämer betreute Ausstellung im Städel sein, bevor er die Leitung des Museum Kunstpalast in Düsseldorf als Generaldirektor übernimmt.

 

Wegen der eben schon guten vorhandenen Beziehungen zu den französischen Museen fingen sie in Paris an, Leihgaben zu erbitten: im Centre Pompidou, im Musée d’Orsay und auch bei der Ville de Paris. Nachdem klar war, dass diese bedeutenden Institutionen sie in der Aufarbeitung des Themas unterstützen würden, fuhr Felix Krämer weiter an die Tate Gallery nach London, während sich Daniel Zamani zunächst in die USA aufmachte, um die Reise für Felix Krämer in den jeweiligen Sammlungen zu recherchieren und vorzubereiten; später verhandelte dann Felix Krämer. Es ging nach New York ans Museum of Modern Art und ins Metropolitan Museum of Art und dann nach Chicago, nach Philadelphia, in die National Gallery nach Washington und zur Philipps Collection, um das Dialogkonzept jeweils vor Ort zu erläutern.

„Wir mussten mit unserer Konzeption überzeugen, indem wir das Ausstellungsprojekt vorstellen und klarmachen, dass wir inhaltlich einen neuen Blick auf die Leihgaben haben“. Sind dafür tatsächlich so aufwändige Reisen nötig? Es ist offenbar der effektivere Weg. “ Das ist auf jeden Fall sehr hilfreich, weil man vieles vor Ort direkt klären kann. Man weiß dann sofort, was geht und was auf gar keinen Fall, weil zum Beispiel bestimmte Werke aus konservatorischen Gründen ohnehin nicht reisen können, und manchmal kommt man dann vor Ort auch auf andere Ideen“, kontert Zamani und ergänzt: „Glücklicherweise hat das Städel einen guten Ruf und ist wegen der französischen Moderne mit dem Schwerpunkt Malerei renommiert, so dass man uns entgegenkommt.“

Und er fährt fort: „Im ersten Jahr haben wir insgesamt sehr hart an den Leihgaben gearbeitet. Schließlich kann man weder mit dem Inhalt noch mit dem Katalog beginnen, wenn man die Bilder nicht hat. Daher: je schneller man Zusagen bekommt, desto besser. Unser Glück war es, dass wir sehr bald Zusagen für das erste Interieur, das Bonnard von Matisse gekauft hat, bekamen wie auch für das Interieur, das Matisse von Bonnard gekauft hat. Das ging innerhalb von einer bis drei Wochen, weil das Konzept so stimmig war.“

Und dann begann natürlich auch sehr viel Denkarbeit für die beiden Kuratoren. Zamani hat dann erst einmal viel Zeit in Pariser Archiven zugebracht: in der Bibliothèque Nationale, im Matisse-Archiv, in der Bibliothèque Richelieu, im Atelier, in dem viele Kunstwerke entstanden sind und wo der Künstler 1909 gewohnt hat, manche Hinweise kamen aus dem Umfeld der Erben. So bleibt die Arbeit von Charles Terrasse, dem verstorbenen Neffen Bonnards, ein wichtiger Impuls für das Verständnis des Werkes. Und der rege Austausch mit den Héritiers Matisse bei Paris tat ein übriges.

Trotz aller sorgfältigen Vorarbeiten gab es natürlich auch Absagen, die seien allerdings  – so Zamani –  immer sehr freundlich gewesen wie im Falle von „Stillleben mit Geranien“ aus dem Jahre 1910 aus der Münchener Pinakothek, das so gut wie nie reist. Da ist zum Beispiel in Amerika auch eine fünfjährige Vorlaufplanung zu berücksichtigen, während man, wenn im Städel das Thema einmal festgeklopft ist, etwa zweieinhalb Jahre Zeit für die Realisierung hat. Natürlich kann man die Pläne der anderen Museen nicht immer kennen. Und da kann es auch passieren, dass schon alles ausgeliehen ist, was man gerne dabei gehabt hätte. Dann muss man halt schnell umdisponieren und neu recherchieren.

Eine Reihe von Werken kamen auch aus Privatbesitz. Da muss man sich an Auktionshäuser wie Sotheby’s und Christie’s wenden, die das Interesse dann weiterleiten. Dort wiederum kann man aber erst anfragen, wenn man schon andere bedeutende Zusagen hat. Dann gibt es einen Blankoleihvertrag. Häufig wollen Privatsammler auch nicht genannt werden, und da bleibt alles strikt anonym.

Insgesamt hilfreich war es sicher, dass das Städel schon im Besitz eines wichtigen Gemäldes von Matisse und eines Bonnard war. Das Bonnard-Gemälde Liegender Akt auf weißblau kariertem Grund, um 1909 war 1988 noch unter der Leitung von Klaus Gallwitz gekauft worden – drei Jahre nach einer großen Bonnard-Retrospektive. Einige der nun gezeigten Bilder waren auch schon einmal als Leihgaben im Städel, nun kommen sie in einem neuen Zusammenhang zurück. Den Matisse, Blumen und Keramik von 1913, der zu den bedeutenden frühen Stillleben des Künstlers gehört, hatte das Städel einst als Schenkung von Robert von Hirsch bekommen. Es war unter den Nazis beschlagnahmt worden und wurde 1962 unter großer Kraftanstrenung zurückerworben. Diese beiden Bilder werden nun übrigens neu gerahmt werden, was eher den historischen Rahmen entspricht, welche die Künstler selbst ausgewählt hätten.

Des weiteren gibt es im Haus eine komplett und gut erhaltene Matisse-Suite von „Jazz“ sowie auch Bonnards Hauptwerk der Druckgrafik ‚Einige Ansichten aus dem Pariser Leben‘. –  13 Lithografien, die der legendäre Kunsthändler Ambroise Vollard seinerzeit in Auftrag gegeben hatte. Allein dieses Beispiel beweist, dass das Städel schon früh angefangen hat, die französische Moderne strategisch zu sammeln.

Eine gute Basis im eigenen Haus, kompetente Vorarbeit und intensive Bemühungen im Umgang mit den Leihgebern vorausgesetzt, die Kuratoren hatten auch Glück:  34 Ölgemälde von Matisse und 36 Ölgemälde von Bonnard haben sie bekommen, dazu eine Statue von Matisse, eine von Bonnard, 18 Fotografien und ungefähr 33 Grafiken von Matisse und 16 Grafiken von Bonnard. Angefragt hatten sie zunächst 250 Werke; 140 werden nun zu sehen sein: „Mehr hätten wir vom Platz hier auch gar nicht handlen können. Die Bilder müssen luftig hängen, um entsprechend wahrgenommen zu werden. Wir haben z.B. zwei Odalisken von Matisse, die zwar relativ klein sind, aber so stark, dass sie eine Wand für sich brauchen“, sagt Zamani.

Testen von Farbtafeln für die Wandfarben in den verschiedenen Kabinetten

Natürlich bestimmt die Auswahl und Zusage dann auch die Ausstellungskonzeption. „Deswegen haben wir zum Beispiel für die thematisch aufbereiteten Kabinette neutrale Farben in zartem Grauton als Hintergrundfarben gewählt. Denn die Farbigkeit der Malerei soll darauf besonders zum Ausdruck kommen.“ Wichtig erschien es ihnen auch,  die  Dialogstruktur in der Städel-Ausstellung durchgängig erkennbar zu machen.

Bereichert wird die Schau durch eine Reihe von Werken des französischen Fotografen Henri Cartier-Bresson, der beide Maler in ihren Häusern in Südfrankreich besuchte und sie in seinen legendären Schwarzweiß-Aufnahmen verewigte. Er hatte beide Künstler an zwei aufeinanderfolgenden Tagen in Nizza und Le Cannet besucht. „Da war innerhalb von zwei Tagen eine Fotoserie entstanden, welche die beiden Künstler ausdrucksvoll darstellt. So sieht man etwa Matisse, wie er ein schönes Modell im Pelzmantel malt, überhaupt auch seine luxuriöse Behausung im Hotel Régina in Nizza und die Villa „Le Rêve“ bei Vence, während es bei Bonnard auf dem Hügel in Le Cannet wesentlich rustikaler und bescheidener zugeht.“ Diese Fotos werden im Halbrund  im unteren Teil des Peichel-Baus mit 18 Schwarz-weiß-Fotografien den Auftakt bilden, bevor man in die Welt der Malerei eintaucht.

„Wir wollten eben die sehr unterschiedlichen Künstlerpersönlichkeiten darstellen, die letztlich auch einen Einfluss auf ihre Kunst hatte“, kommentiert Zamani und weiter: „Dann wird es Wände geben, wo wir sehr plakative Dialogpaare haben. In anderen Räumen wiederum hängen keine Gemälde, sondern Fotografie und Grafik. Manchmal vermischen sich die Farben. Im Obergeschoss werden ganz prominent nur die beiden Bilder Henri Matisse, Großer liegender Akt (Grand Nu couché) von 1935 aus dem Baltimore Museum of Art 
und Pierre Bonnards Liegender Akt auf weißblau kariertem Grund um 1909 aus dem 
Städel hängen, zusammen mit einem weiteren Werk von Bonnard, das sehr ähnlich ist, „um dem Besucher ein ganz besonderes Dialogerlebnis zu vermitteln“. Die beiden Bilder markieren übrigens auch die Vorder- und Rückseite des Katalogs.

Kaum zu glauben, was der Perfektion einer Ausstellung vorausgeht: Zamani erläutert das erste provisorische Modell für die Raumkonzeption und Hängung der Bilder, die sich noch ständig verändern kann

„Dann wiederum haben wir Räume gebaut, in denen keine Gemälde hängen, sondern nur Fotografien und Grafik. Und wenn man die Maler nicht kennt, dann könnte man fast den Eindruck gewinnen, die Grafiken könnte vom selben Maler sein. Und in anderen Räumen wiederum ging es uns um die Atmosphäre. In einem weiteren Kabinett wiederum werden Intérieurs gegenübergestellt und zwei Fensterbilder. Über die geöffneten Fenster läuft der Besucher dann geradewegs in die Landschaft hinein. Die Landschaft wiederum führt dann zu den Stillleben. Es folgen Akte und dann die Gegenüberstellung der beiden.“

Prominente Hauptzitate aus dem Briefwechsel werden den Besucher mit Bonnards Auffassung zur Kunst vertraut machen. Da vor allem Matisse sich theoretisch äußerte, kommt das künstlerische Anliegen den Besuchern so viel näher. „Das Schwebende, das bei Bonnard in der Darstellung von Tischen und Decken zum Ausdruck kommt“ zu zeigen sowie den für die Moderne so wichtigen „dräuenden Unterton“, daran vor allem lag den Kuratoren viel.

Warum Bonnard als Schlusslicht des Impressionismus und Matisse als Vorreiter der Moderne gilt, das jedenfalls soll durch die konkreten  künstlerischen Beispiele konterkariert werden. Außerdem werden auch ästhetische Ähnlichkeiten sichtbar werden. Bei den zahlreichen gegenseitigen Atelierbesuchen in Südfrankreich haben beide Maler schließlich voneinander gelernt. Diese Wechselwirkung demnächst im Städel in Augenschein zu nehmen, wird sicher für manch freudige Überraschung sorgen.

 

Schätze im Musée d‘ Arts in Nantes (2)

2017, Juli 29.

Einladung zu einer Zeitreise durch das Museum

Text und Fotos: Petra Kammann

Einladend die bewegliche Lichtplastik von Dominique Blais vor dem Museum ©D.Blais, „Sans titre“

Text und Fotos: Petra Kammann

Ende Juni eröffnete das ehemalige Musée des Beaux-Arts in Nantes, eines der größten französischen Kunstmuseen, nach einer mehrere Jahre andauernden Renovierung und Erweiterung unter dem neuen Namen Musée d’arts de Nantes seine Türen. Der im Herzen von Nantes gelegene typische Beaux-Arts-Palais aus dem 19. Jahrhundert und eine bereits im 17. Jahrhundert erbaute Kapelle, die nun miteinander verbunden wurden –, repräsentieren den tradierten Bürgerstolz der Stadtbewohner. Die wertvolle und erweiterte Sammlung ist nun sowohl  für die Bewohner wie für die Besucher der Stadt ein neuer Anziehungspunkt. Die auf das Gebäude fein abgestimmte Museografie der Sammlung wie auch das umfangreiche Educationprogramm sollen fortan auch für die demokratische Öffnung des Museums stehen.

Die Architektur ist inspiriert vom Ort, den Materialien und vom Licht. Der historische Teil ist in dem für Nantes so charakteristischen  Tuffstein gehalten und strahlt nun Helligkeit und Frische aus. Aufgang in die erste Etage des durch das Londoner Büro Stanton Williams renovierten Museums

„Kultur ist kein Luxus, es ist eine dringende Notwendigkeit und die Basis für alles“. Als die neue französische Kulturministerin Françoise Nyssen das renovierte und erweiterte Kunstmuseum in Nantes mit diesen Worten  eröffnete, stand dahinter ein ganzes Programm. Ihre Aussage bezog sich zweifellos auf das vorbildliche Beispiel der kunstaffinen Stadt, die ihrer Meinung nach nicht nur Strahlkraft besitzt, sondern auch Zusammenhalt stiftet: das soll es sowohl für die Besucher wie auch für die Nantaiser,  welche schon lange nicht mehr die Kunstwerke des einstigen Musée des Beaux Arts gesehen hatten. Es sollte eine Art Renaissance und Wiedererweckung der Wahrnehmung werden und der Beginn eines Gesprächs darüber, was die Dinge im Innersten zusammenhält. Denn nicht allein der Bau ist frisch. Die Kunstwerke  – darunter auch einige restaurierte – sind in neue thematische Zusammenhänge gestellt worden, was auch einem größeren Publikum den Zugang zu neuen wie zu den älteren Kunstwerken erleichtern wird.

Der Rundgang des 1801 von Napoleon gegründeten Museums, in dem schon früh gesammelt wurde, ist zunächst einmal chronologisch angelegt, wird an den verschiedensten Stellen immer wieder thematisch verknüpft und lässt Sprünge zu. Im Erdgeschoss des einstigen Palais können die Besucher die Meisterwerke vergangener Jahrhunderte, angefangen mit der italienischen Malerei aus dem 13. Jahrhundert, wiedersehen oder entdecken – je nach Ausgangslage.

↑ Die frühe italienische Kunst wird effektvoll auf blauem Hintergrund präsentiert, so dass der Betrachter thematische wie stilistische Eigenschaften und Parallelen erkennen kann

Hier wurde in einem Gang die flämische Malerei des Goldenen Zeitalters zusammenfassend präsentiert – mit der Entdeckung des Innenraums und der Landschaftsmalerei (darunter auch ein Jan Breughel) sowie Stilleben 

Etwa die Hälfte der im Erdgeschoss ausgestellten Kunstwerke stammen aus der Zeit bis ca. 1900, darunter einige künstlerische Leuchttürme aus der italienischen Renaissance wie Peruginos „Der Hl. Sebastian und der Hl. Franziskus“, Orazio Genitleschis „Diana, Göttin der Jagd“ aus dem 17. Jahrhundert, aus demselben Jahrhundert auch „Der Engel erscheint dem Hl. Joseph im Traum“ von Georges de La Tour, dem französischen Maler des Clair-obscur, dann das geheimnisvolle „Portrait der Madame de Senonnes“ von Jean-Auguste-Dominique Ingres und Jean-Antoine Watteaus „L‘ Arlequin empéreur dans la lune“ aus dem 18. Jahrhundert.

Klar strukturiert und gegliedert für die Säle sind jeweils die italienische, flämische und niederländische und französische Schule zwischen dem 13. und 18. Jahrhundert. Für die großformatigen Werke des 17. Jahrhundert, etwa denen von Rubens, ist viel Umraum geschaffen. Ein weiterer neuer Saal ist den antikisierierenden Statuen der „Musée-école“ von Clisson, einem italianisierten Ort in der Nähe von Nantes, gewidmet.

Ein Saal mit den kopierten antiken Skulpturen

In der Kunst des 19. Jahrhunderts, die vorzugsweise in der ersten Etage präsentiert wird, wurde die damals trendige Kunst aus Paris vom Museum gesammelt wie die Vertreter der Schule von Barbizon, aber auch großformatige Genreszenen. Nach und nach setzte man sich in der Sammlung kritisch mit dem Akademismus auseinander, zunächst mit dem eskapistischen Orientalismus wie bei Delacroix und Gustave Doré. Heute wird Jean-Auguste-Dominique Ingres Werk „Madame de Sennonnes“ von 1814 im Museum einem zeitgenössischen Werk von Sigmar Polke gegenübergestellt.

Im ersten Stock dann sind im Wesentlichen Werke zwischen dem 19. und dem beginnenden 20. Jahrhundert bis zur klassischen Moderne wie etwa Delacroix, Courbets „Cribleuses de blé“ („Die Kornsieberinnen“), Ingres zu erleben. Mit Claude Monets gelbgrünlichen „Nymphéas à Giverny“ („Seerosen aus Giverny“) , Kandinskys „Schwarzer Raster“ , den Photographien der surrealistischen Nantaiser Künstlerin Claude Cahun und mit Chaissac ist der Beginn der Moderne unübersehbar.

Monet, der dem Museum in Nantes 1922 bereits eines seiner Tableaus vermacht hatte, verweist mit seiner die Konturen auflösenden Malerei unaufhaltsam auf die neue Ausdruckskunst. Das betraf auch die Bildhauerei. Und so erscheint die Einrichtung eines Monet-Rodin-Saals sehr schlüssig. Und es war sicher ein geschickter Schachzug der Nantaisaer Museumsleiterin Sophie Lévy, dem Rodin-Museum in Paris einen konstruktiven Vorschlag zu machen. Dort lagerte nämlich im Depot das unrestaurierte  Gipsmodell der eindrucksvollen Skulptur „Les trois ombres“ („Die drei Schatten“) von Auguste Rodin (1840 – 1917).

Das Museum in Nantes schlug nun im Rahmen der Restaurierungsmaßnahmen vor, auch dieses für die Moderne so bedeutende Werk sorgfältig wieder aufzuarbeiten, geknüpft an die Bedingung, dass es dann auch für einen längeren Zeitraum in Nantes bleiben könne. „Die drei Schatten“ stellen die verdammten Seelen am Eingang der Hölle dar. Diese Szene aus dem „Inferno“ von Dantes „Göttlicher Komödie“ hatte den Bildhauer besonders fasziniert.

Imposant in Szene gesetzt: „Les trois ombres“ am Eingang zur Hölle, von Auguste Rodin , Foto: Petra Kammann (©Musée d’Arts de Nantes) 

Das gewaltige, 2 Meter hohe und 800 kg schwere Gipsmodell wird nun hier den berühmten „Seerosen aus Giverny“ von Claude Monet (1840 – 1926) gegenübergestellt.  Denn die beiden Künstler verband eine bewegende persönliche wie auch künstlerische   Freundschaft. Beider Werke waren auch schon 1889 in Paris zusammen ausgestellt worden und seinerzeit gemeinsam gegen die gängige Meinung der Akademie von den Kritikern Oktave Mirbeau und Gustave Geffroye  verteidigt worden.

Einleuchtend erscheint daher nicht nur die Sichtbeziehung zwischen dem starken Bildhauer und dem impressionistischen Maler als Marksteine der Moderne, sondern auch der Dialog zweier verschiedener Genres miteinander, die dem Publikum nicht so vertraut sind. So stehen im Monet-Rodin-Saal dann auch Monets „Gondoles à Venise“ aus dem Jahre 1908 und die „Seerosen“ aus dem Jahre 1917 neben Rodins Büsten von Jules Salou, Jean-Paul Laurens, Victor Hugo und Gustave Geffroye ebenbürtig Seite an Seite.

Außerdem hat das Pariser Rodin-Museum wegen dieser konzeptionellen Verbindung beider Künstlerpioniere großzügigerweise neben dem Gipsmodell auch noch die Bronzeplastik „La mort d’Adonis“ („Tod des Adonis“) und den Gips „La main crispée“ („Die angespannte Hand“) aus dem Ensemble „Die Bürger von Calais“  dem Museum zur Verfügung gestellt.

Aber auch andere Nationalmuseen haben das Ihre dazu getan, um die hier aufgezeigte und ablesbare künstlerische Entwicklung zu unterstützen: der Louvre mit dem Selbstporträt von Nicolas Poussin und „Le jeune martyre“ von Paul Delaroche, dann das Musée d’Orsay mit Pierre Bonnards „Marine à Arcachon“ sowie mit Gemälden von Félix Valloton und Edouard Vuillard und weiterer Bilder von Manet.

Das Centre Pompidou stellte dem Museum für die nächsten drei Jahre Werke von Max Ernst, Francis Picabia und Jean Arp zur Verfügung, weil sich in Nantes im 20. Jahrhundert mit Yves Tanguy, André Masson, Claude Zaun, Wilfredo Kam oder auch Matta ein surrealistischer Schwerpunkt herausgebildet hat und dieser sich für die Ausstellung anbot. Die surrealistischen Werken werden denen von Jean Dubuffet und Gaston Choissac gegenübergestellt.

Die Strömungen des 20. Jahrhunderts, repräsentiert etwa durch Auguste Herbin und Georges Vantangerloo, sind gruppiert um ein Ensemble von 11 Kandinsky-Werken aus der Zeit seines Wirkens am Bauhaus zwischen 1922 und 1933. Es folgen in der großen Galerie die Werke der abstrakten Kunst nach 1945 mit einem sehr expressiv- dynamischen Bild von Pierre Soulages, Werken von Roger Bissière, Hans Hartung und einiger Op-Art-Künstler wie Victor Vasarély sowie François Morellet.

Blick in den Saal der Kunst nach 1945, der Luft und Licht atmet

Im zweiten Stock und im sogenannten Cube, dem Neubau, geht es dann unmittelbar in die Jetztzeit und in die damit verbundene zeitgenössische Kunst mit den neuen Realisten, den Künstlern der Arte Povera und den Pionieren der Videokunst. Seit 2011 hat das Museum insgesamt 185 meist hochkarätige neue Arbeiten erworben, wie zum Beispiel Duane Hansons realistisches Environment „Fleamarket-Lady“ was deutlich zeigt, dass den Nantaisern besonders an der Teilhabe der Zeitgenossenschaft liegt, die den Anschluss an die internationale Kunstszene nicht verschlafen hat.

Bill Violas eindrucksvolles Video „Nantes Triptych“– eine archetypische Allegorie von Geburt und Tod – ist bis zum 18. März 2018 in der Chapelle de l’Oratoire zu sehen

Die komplett renovierte Kapelle aus dem 17. Jahrhundert, die seit 1952 unter Denkmalschutz steht und die einst dem Gebet gewidmet war, ist vollständig den zeitgenössischen Videoinstallationen vorbehalten und löst nun andere Nachdenklichkeit aus. Dort ist bis 2018 das Video „Nantes Triptych“ des amerikanischen Künstlers Bill Viola zu sehen ist.

Da sind in der dunklen Kapelle drei Bildschirme parallel geschaltet, auf denen man unmittelbar und simultan die Szenen von Geburt und Tod verfolgen kann: den Prozess einer realen Geburt zur Linken, eines Menschen unter Wasser schnorchelnden Mannes in der Mitte und dem allmählichen Tod einer alten Frau – für den New Yorker Künstler eine Allegorie des Lebenszyklus‘, von der Geburt, zur Wiedergeburt bis hin zum Tod  – einsichtig für jedermann.

→ Das Musée d’Arts de Nantes und eine filgrane Installation von Susanne Fritscher

→ Die Passage Pommeraye: Ein magisch-nostalgischer Ort in Nantes
→ Tolle Tage – „La folle Journée 2016“ in Nantes

→ Nantes – Reise in die innovative Stadt“>Voyage à Nantes – Reise in die innovative Stadt

Laura J. Padgett: somehow real

2017, Juli 27.

Eine Kooperation der Marielies-Hess-Stiftung mit dem Museum Giersch der Goethe-Universität Frankfurt am Main

Hier die Laudatio von Brigitta Amalia Gonser

Preisverleihung im Museum Giersch – v.l.n.r.: Manfred Großkinsky, Direktor des Museum Giersch der Goethe-Universität, Saxofonist Ralf Frohnhöfer, Professor Michael Crone, Marielies Hess-Stiftung; Fotos: Erhard Metz

Als Marielies-Hess-Kunstpreisträgerin 2017 präsentiert die herausragende Frankfurter Fotografie- und Film-Künstlerin Laura J. Padgett unter dem Motto „somehow real“ in der für ihr Werk repräsentativen retrospektiven Ausstellung ihr spezifisches Thema der sensiblen Rolle der Wahrnehmung in der ästhetischen Realitätsspiegelung  des öffentlichen und privaten Lebensraumes.

Ihre Fotografien und Filme sind vielschichtige Beobachtungen unserer Alltagswelt. Als Meisterin der Linse integriert sie Architektur und Kunstgeschichte in ihre eigenständigen zeitgenössischen Kunstwerke, die zwischen Nüchternheit und Traum oszillieren.

Zu sehen sind Farbfotografien aus fünf formal unterschiedlichen aber stets malerisch narrativen Zyklen der letzten fünfzehn Jahre: vom Entréebild „What does it mean when you say you have been there?“ über die ambivalenten „Diptychen“ und die atmosphärischen Libanonfotografien in „Confined Space“ zur fotografischen Interpretation des Universums Peter Zumthors in „Architektur denken“ und zu ihren fotografischen Betrachtungen über Vergänglichkeit, Beständigkeit und abstrakte Schönheit der spektakulären baulichen Erweiterung des Städels in „Raum über Zeit“. Sie alle erzählen vielschichtige und simultane Geschichten, die vom Betrachter dechiffriert werden müssen.

Dabei fotografierte Laura J. Padgett bis 2012 weitgehend analog und erst danach digital.

Laura J. Padgetts breit angelegtes Œuvre umfasst seit den 1990er Jahren so unterschiedliche Genres wie Architekturfotografie, Stillleben und Urban Street Photography. Die Grenzen sind aber fließend. Sie arbeitet in Zyklen und liebt die Narration. Begleiten Sie mich also auf einem virtuellen Rundgang zu den einzelnen repräsentativen Stationen dieser Ausstellung im Museum Giersch der Goethe-Universität.

Werkzentral ist der Zyklus ihrer ambivalenten Diptychen, in denen Laura J. Padgett stets zwei analoge Fotografien mit sehr unterschiedlichen Sujets zu Doppelbildern verschränkt, so dass jeweils Außen- und Innenräume divergierender Provenienz miteinander konfrontiert werden. Somit steht der Betrachter vor einem beunruhigenden Geheimnis, das er entschlüsseln möchte. Wobei Wahrnehmungsprozesse aktiviert werden, bei denen Identität und Diversität, Raum und Zeit, Licht und Reflexion, Illusion und Realität eine Rolle spielen. Darin liegt die Qualität dieser poetischen Bildpaare. Sie erzählen zugleich von An- und Abwesenheit der Dinge oder Personen, von der Wahrnehmung und der Erinnerung.

„Wolke“, 2005, C-Prints, Diasec, 2-tlg., 50 x33 cm, 50 x 74 cm, aus: „Diptychen“.

© Laura J. Padgett

 Manchmal setzt Laura J. Padgett unter ihre Fotografien gezielt kurze Phrasen oder Slogans, die in kompakter Form eine dialektisch ergänzende Aussage zur Bildgeschichte vermitteln. Diese Textelemente evozieren zusätzliche visuelle Vorstellungen und sind nicht als Bilduntertitel gedacht. Dabei versucht der Betrachter Bild und Text in Einklang zu bringen.

Architektur und Spurensuche spielen auch im Zyklus „Confined Space” eine Rolle, mit dem Laura J. Padgett 2011 begonnen und den sie 2013 und 2015 weitergeführt hat. In diese Zeit fallen drei Aufenthalte in den Libanon, vor allem in Beirut, die es ihr ermöglichten, nach und nach tiefer in die libanesische Gesellschaft einzutauchen und mit ihren Fotografien auf die Umgebung und auf die Spannungen, die auf dem Land lasteten, zu reagieren.

 

Another kind of vacuum, 2013/2015, Lichtechter Pigmentdruck, Photo Rag, Ultra Smooth, 80 x 60 x 3 cm, aus: “Confined Space”. © Laura J. Padgett

Diese atmosphärischen Libanonfotografien sind keine Momentaufnahmen, sondern Aufnahmen von Zuständen und Sachlagen. Sie zeigen die Verletzungen und die Gefährdung einer ehemals als „Paris des Ostens“ genannten Kulturmetropole, die nachhaltigen Folgen von Bürgerkrieg, von Aufbau und Wiederaufbau, das Leben in Provisorien und fügen sich zu einer komplexen Geschichte, die einen spezifischen Eindruck vom Ort und seinen Menschen vermittelt.

Besondere Aufmerksamkeit widmet Laura J. Padgett der Architektur des 21. Jahrhunderts mit der ihr innewohnenden vermeintlichen Trennung zwischen privatem und öffentlichem Raum. So faszinierte sie im Zyklus „Architektur denken“ die besondere bauliche Situation von Peter Zumthors neuem Wohn- und Atelierhaus, in dem sich Erinnerungen, Stimmungen und Sehnsüchte verdichten.

Blüten, 10. Juli 2005/2017, Dye Transfer Print, semi-glossy Barytkarton, 54,5 x 36,5 cm, aus: „Architektur denken“. © Laura J. Padgett

Das auf ihn selbst zugeschnittene Haus verkörpert nicht nur Peter Zumthors Entwurfsstrategien und Raumkonzepte; es drücken sich darin ebenso unmittelbar bewusste oder unbewusste Wünsche, Sehnsüchte und Gefühle aus.

Sieben der dazu kongenialen Fotografien von Laura J. Padgett werden hier zum ersten Mal in einer Ausstellung gezeigt. Dabei werden Relationen zwischen dem Außen und dem Innen, Spiegelungen, Transparenz und Schatten taktil wahrnehmbar. Scheinbar befestigte Betonmauern aber auch Fenster, in denen sich die Umwelt spiegelt, hindern den Betrachter am Eindringen. Doch dann öffnen sich dezent schmale Einblicke ins Private.

Der im Juli 2005 dazu entstandene Zyklus von analogen Fotografien wurde zwischen 2006 und 2010 bisher nur in Peter Zumthors Essaysammlung „Architektur denken“ sowie in seiner Monografie 2014 veröffentlicht.

Das Städel Museum in Frankfurt am Main diente Laura J. Padgett als Muse für ihre fotografischen Betrachtungen über Vergänglichkeit, Beständigkeit und abstrakte Schönheit in ihrem Zyklus „Raum über Zeit“. Zwei Jahre lang, von Januar 2010 bis Januar 2012, fotografierte sie die spektakuläre bauliche Erweiterung des Museums und Renovierung des Altbaus durch das Frankfurter Architekturbüro schneider+schumacher.

 

„Oberlicht im II. OG Städel Mainflügel“, Februar 2011, aus: „Raum über Zeit“ © Laura J. Padgett

Dabei ging es der Künstlerin als Malerin und Filmemacherin primär nicht um Dokumentation, sondern um das Sammeln von Momenten, die wie scheinbare Fragmente zu etwas neuem zusammengefügt werden: sensible Beobachtungen von Flüchtigkeit, von greifbarer Materialität und Licht. Der Wechsel zwischen Innen und Außen, die Wahl des Unscheinbaren, aber auch die Wahl einer seltenen Perspektive, einer ungewöhnlichen Sichtweise auf das Objekt macht ihre Arbeiten interessant und faszinierend.

 

„Deckenbewehrungsmatten“, August 2010, aus: „Raum über Zeit“. © Laura J. Padgett

Die in dieser Zeit entstandenen analogen Fotografien gewähren daher Einblick in Raum und Zeit und in die Poesie der Wahrnehmung, ohne jemals die konkrete Realität des untersuchten Objekts aus dem Blick zu verlieren.

Im Frühjahr 2012 wurden achtzig davon als Buch mit dem Titel „Raum über Zeit“ im Kehrer-Verlag veröffentlicht. Außerdem erwarb die Kunstsammlung der DZ BANK eine erlesene Auswahl dieser Fotografien. Exemplarisch werden mit dem Plakatmotiv sieben der Arbeiten in dieser Ausstellung so zum ersten Mal gezeigt.

Als Pendant zu ihren Fotografien werden in der Ausstellung „somehow real“ auch zwei repräsentative Digitalvideos der talentierten Film-Künstlerin Laura J. Padgett als Endlosschleifen gezeigt: „ambient noise“, von 2004, eine indirekte Hommage an den Film „Wavelength“ von Michael Snow, an das Erlebnis Kino und unsere Beziehung zur Innen- und Außenwelt sowie der speziell für diese Ausstellung produzierte Found-Footage-Film „Solitaire“, von 2017. Dieser beleuchtet zwischen privatem und öffentlichem Raum angesiedelte, sich auflösende soziale und kulturelle Grenzbereiche der sechziger Jahre, die sich durch die filmische Umsetzung als fundamental erweisen. Ausgehend von gezielter Recherche im Archiv des Hessischen Rundfunks besteht er hauptsächlich aus Dokumentarfilm-Material der Zeit.

„Dem Prozess des Fotografierens geht immer das tiefe Verständnis meiner Erfahrungen voraus“, sagt Laura J. Padgett und fügt hinzu: “Was mich immer interessiert, ist die Art und Weise, wie sich das Humane im Alltäglichen offenbart. Es ist diese vermeintlich beiläufige oder anonyme Geschichte, die tatsächlich unsere Welt ausmacht.“

Dabei konzentriert sie sich auf Überlagerung und Dichte. Sie schaut lange hin und fotografiert oft Dinge, die es nicht ewig geben kann: Spuren.

Folgen Sie diesen Spuren in der Ausstellung „somehow real“ und beglückwünschen Sie mit mir die Künstlerin Laura J. Padgett dafür.

Laura J. Padgett; Bildnachweis: die Künstlerin

Laura J. Padgett, 1958 in Cambridge, Massachussetts, USA geboren, weist ein außergewöhnliches künstlerisches Profil auf.

Sie studierte von 1976 bis 1980 zuerst Malerei und Film am Pratt Institute in New York, dann nach ihrer Umsiedlung 1981 nach Europa ab 1983 bis 1985 Film und Fotografie an der Frankfurter Städelschule bei Peter Kubelka und Herbert Schwöbel sowie von 1991 bis 1994 Kunstgeschichte und Ästhetik an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main.

Als Dozentin lehrt sie seit 1990 an mehreren Hochschulen Fotografie, Film, Kunstgeschichte und Kunsttheorie. Seit 2010 unterrichtet sie an der Hochschule Rhein-Main in Wiesbaden.

Sie ist in öffentlichen Sammlungen vertreten und hat seit den neunziger Jahren in Deutschland, Frankreich, Schweiz, Österreich, Italien, Türkei und Zypern in Museen und Galerien einzeln ausgestellt. Außerdem war sie als Artist in Residence in England, der Schweiz, in Libanon aber auch auf Schloss Balmoral in Bad Ems.

Laura J. Padgett lebt und arbeitet in Frankfurt am Main.

Ein Künstlergespräch zwischen Laura J. Padgett, der Kuratorin und den geladenen Gästen, wird am So. den 13. August 2017 um 11 Uhr in der Ausstellung „somehow real“ im Museum Giersch der Goethe-Universität stattfinden. Ebenda hält am 27. August 2017 um 15 Uhr Laura J. Padgett einen Workshop zur Fotografie als Prozess. Außerdem gibt es auch zwei Führungen der Kuratorin am 26. August um 15 Uhr und am 27. August 2017 um 11 Uhr.

→ Laura J. Padgett erhält den Kunstpreis 2017 der Marielies Hess-Stiftung

Picknick-Zeit – auch im Museum, im Frankfurter MAK

2017, Juli 19.

Summer in the city – Eine Reise durch verschiedene Zeiten und Räume einer Esskultur im Freien

Petra Kammann hat sich die Schau „Picknick-Zeit“ im Museum für Angewandte Kunst in Frankfurt angesehen 

 

Balázs Vesszösi, Gündem Gözpinar, Déjeuner sur l’herbe 2.0, Foto: Anja Jahn, © Museum Angewandte Kunst

In Anspielung auf Edouard Manets berühmtes Gemälde „Déjeuner sur l’herbe“ von 1863 prangt einladend gleich am Eingang des Museums eine gesprayte Version des Originals. Damals galt Manets Bild als das erste provokative Kunst-Event. Es wurde von den Juroren des Pariser Salons abgelehnt, da dort nur „anständige“ Tableaus hängen sollten. Doch die Freude an der neu empfundenen Freizügigkeit war unaufhaltsam und machte Furore. Heute hängt das Bild im Pariser Musée d’Orsay und zieht die Touristen an. Und getafelt wird nach wie vor mit großer Lust im Grünen.

In der Schau „Picknick-Zeit“ erzählen bis zum 17. September 2017 auf über 1.000 Quadratmetern Ausstellungsfläche zahlreiche Objekte, Installationen, Fotografien und Filme sowie die verschiedensten Picknick-Utensilien vom Variantenreichtum der beliebten Kulturpraxis Picknick in den verschiedensten Ecken der Welt. Denn der Kult ums entspannte Speisen im Freien zieht sich rund um den Globus und machte nicht erst im 19. Jahrhundert Geschichte; schon die alten Griechen schätzten das Mahl unter freiem Himmel.

Auch in anderen Kulturen reicht diese Tradition viele Jahrhunderte weiter zurück bis ins 8. Jahrhundert zum Beispiel bei den Japanern. Sie schufen feinste Lack-Utensilien und eigene Sake-Fläschchen für das höfische Kirschblütenfest, das im Freien gefeiert wurde. Die älteste Darstellung eines Picknicks in der Schau ist eine sizilianische Jagddarstellung in einem antiken Mosaik aus dem 4. Jahrhundert, bei dem Männer, auf einem Stibadion (eine Art Bett) lagernd, rund um einen Rost genüsslich ein Hähnchen grillen.

→ Picknickkoffer für 4 Personen von Barret’s & Sons, London, 1900, Korpus aus Leder, Textil, Geschirr aus Porzellan und Metall emailliert, Glas, Bast. Sammlung Axel Plambeck, Zürich, Foto: Uwe Dettmar, © Museum Angewandte Kunst

Spätestens mit der Erfindung des Picknickkorbs im England des 18. Jahrhunderts ging es zunächst ganz royal und auch snobbish zu. Und das sogar bis heute. Man denke nur an die britischen Kultorte Goodwood, Ascot, Epsom, Henley, auf denen das Picknickvergnügen mit sportlichen Ereignissen verbunden ist oder an Glyndebourne, in Südengland,  wo seit der Gründung 1934 eine Opernaufführung fester Bestandteil des Essgelages ist.

Porzellangeschirr, Silberbesteck und mundgeblasene Champagnerflöten lassen dabei keine Wünsche offen. Und in Frankreich etwa wurden für Auto- und Motorradfahrten ins Grüne eigens elegant-stabile Lederkoffer von Louis Vuitton entwickelt. Bei den Briten wurde absurderweise sogar auch im Krimkrieg zum gesellschaftlichen Ereignis Champagner serviert, bevor das Picknick durch die Industrialisierung der Städte und dank der zunehmenden Mobilität breiter Gesellschaftsschichten zum Gemeingut wurde.

Da erwies sich etwa leichtes Aluminiumgeschirr als überaus praktisch, wenn es zum Beispiel zum Bergwandern in die Schweiz ging. Mit der Demokratisierung ging auch die Produktion von Kunststoffgeschirr einher. Wunderbare Beispiele sind hier aus den skandinavischen Ländern zu sehen. Denn für die Mahlzeiten im Freien wurden spezielle Utensilien entwickelt. So stehen Designprodukte aus Kunststoff für pragmatischen Komfort. Speziell erdachte Tische und Stühle, Kleidung, Fächer und Schirme ergänzen die Auswahl der Ausstellungsexponate.

In einer eigens für die „Picknick-Zeit“ angefertigten Serie von Karikaturen spießt der Maler, Cartoonist und Illustrator Hans Traxler, dem ein kleines Häuschen in der Ausstellung gewidmet ist, die kleinen Absurditäten des britischen Picknicks mit spitzer Feder auf: Die Briten lassen sich sogar die Mahlzeiten nicht am, sondern im! Swimmingpool servieren … Und aus Frankfurt steuerte der Ruderclub Germania, der an der Regatta in Henley teilgenommen hat, sogar ein Rennruderboot bei .

Mit einem solchen Rennruderboot des Ruderclubs Germania waren die Frankfurter bei der Royal Henley Regatta auch dabei… Foto: Petra Kammann

Ob beim High Society Event in der feinen britischen Gesellschaft oder der fröhlichen Landpartie: das ungezwungene Picknicken in der Natur erweist sich stets als gemeinschaftsstiftend; so zieht sich die Lust an der spielerischen Freiheit quer durch die gesellschaftlichen Schichten und wirkt entspannend. Auch heute erfreut es sich großer Beliebtheit. Und in den westlichen Metropolen zeichnet sich ein Trend zum Revival des arrangierten Picknicks ab, sei es beim stilvollen „Dîner en Blanc“, wo alle Gäste weißgekleidet kommen, oder bei schlichten und fröhlichen Ausflügen mit Kind, Kegel und Klappgrill ins Grüne.

Unterschiedliches ist ausgestellt: Picknick in den Bergen (Jean Troillet und Nicole Niquille beim Vorbereiten eines Fondues auf der K2-Expedition, Pakistan, 1985, © Alpines Museum der Schweiz, Bern) und bei der Henley Royal Regatta, mit dem Foto von Julian Gregor, 2016, Museumsansicht, Foto: Petra Kammann

Die Frankfurter Fotografin Barbara Klemm hat in den letzten 40 Jahren weltweit zahlreiche Picknick-Szenen aufgenommen, die erstmals in dieser Ausstellung dem Publikum gezeigt werden. Auf Reisen, die sie auf ihren FAZ-Reportagen etwa nach Kapstadt, China, in die Ukraine oder den Iran führten, bannte sie die Szenen dieses geselligen Beisammenseins poetisch auf ihre schwarzweißen Rollfilme.

In China ging es 1985 noch sehr schlicht zu… (Peking, China, 1985, © Barbara Klemm). Die Fotografin steuerte insgesamt 35 Schwarz-Weiß-Fotografien mit Picknick-Szenen aus verschiedenen Ländern bei. 

Aber auch andere künstlerische Aktionen lassen sich in der variationsreichen Schau im Museum für Angewandte Kunst ausmachen wie in dem groß angelegten partizipativen Kunstprojekt BIGNIK der Riklin-Brüder, die seit 2012  in der einstigen Textilregion Appenzell AR-St. Gallen-Bodensee mit Hilfe der Bevölkerung eine überdimensionale Picknickdecke für die ganze Region herstellen.

Nähwerkstatt der BIGNIK-Aktion der Aktionskünstler Frank und Patrik Riklin: Auf der Rampe beim Bahnhof Goldstatt werden die gesammelten Decken auf eine Größe gebracht, damit sie anschließend zu einer Riesen-Picknickdecke ausgelegt werden. Foto der Museumsansicht: Petra Kammann

Oder das „Déjeuner sous l’herbe“ des Eat Art-Künstlers und Nouveau Réaliste Daniel Spoerri. Er hatte im Jahre 1983 hundert Personen aus der Pariser Kunstszene zu einem Picknick-Bankett in den Park des Schlosses Montcel in Jouy-en-Josas an eine eine 40 Meter lange Tafel geladen, zu der Geschirr und Besteck mitgebracht werden sollten. Nach dem Tafeln im Freien ließ er die Überreste dieses Events vor Ort vergraben (daher „sous l’herbe“). Erst 2010 wurden Teile von Spoerris Aktion als erstes zeitgenössisches Kunstwerk von Archäologen wieder ausgegraben. Ein vom Künstler angefertigter Bronzeabguss der Ausgrabungsobjekte ist in der Ausstellung ebenso zu bestaunen wie eine Fotodokumentation von BIGNIK.

Auch historisch ist die variationsreiche Ausstellung interessant und lehrreich. So steht  in einer Ecke das Tor vom Stacheldrahtzaun des Eisernen Vorhangs sowie ein halber Trabi, der, stehen gelassen bei der Flucht am 19. August 1989 nach Österreich, an ein Ereignis im ungarischen Sopron erinnert, nämlich an das „Paneuropäische Picknick“, an dem  die ersten DDR-Bürger den Zaun, der sie vom Westen abtrennte, überwanden – weil niemand sie mehr aufhielt und auf sie schoss!

Die Spanne des Dargestellten ist äußerst breit. Sie verweist sowohl auf ungewöhnliche Aspekte der Picknick-Kultur wie auf den Frankfurter Wäldchestag oder auf die einmalige Sperrung des Ruhrschnellwegs im Jahre 2010, als die Metropole Ruhr auf diese Weise zum Kulturhauptstadtevent zusammenfand wie auch auf Traditionen in anderen Erdteilen. Da wirft die Ausstellung einen Blick auf den Totentag in Mexiko, wo in einem mehrtägigen Fest auf den Friedhöfen zwischen tanzenden Skeletten gepicknickt wird.

Fondueland Gstaad, Riesen-Caquelon, Installation in der Ausstellung Picknick-Zeit, 2017, Foto: Anja Jahn, © Museum Angewandte Kunst, Frankfurt am Main

Und wenn dann am 1. August 2017  die Schweiz ihren 726. Geburtstag feiert, lädt das Schweizer Generalkonsulat in Frankfurt am Main in Kooperation mit dem Museum für Angewandte Kunst und Gstaad Saanenland Tourismus zu einem gemeinsamen Picknick in den Museumspark ein, wo auch das Riesen-Caquelon unübersehbar ist. Da werden dann im Metzlerpark kulinarische Besonderheiten aus der Schweiz wie Biokäse-Raclette aus der Region Gstaad oder Schweizer Wein, Bier oder helvetische Limo aus Milchserum zum Selbstkostenpreis angeboten.

Ob man sich am Main dann wie in den Alpen fühlt, wird man sehen oder besser hören, wenn nämlich das Alphorn-Duo Alpcologne zu jeder vollen Stunde und zu jeder halben Stunde ertönt.

Als besonderes Geschenk an Frankfurt ist der Eintritt in das Museum während der Öffnungszeit von 10 Uhr bis 18 Uhr für alle Besucherinnen und Besucher frei.

Im Rahmenprogramm der Schau „Picknick-Zeit“ und in Kooperation mit dem Deutschen Filmmuseum lädt das Museum Angewandte Kunst im August zu einer thematischen Filmreihe ein. In den fünf ausgewählten Filmen spielt das Picknick eine Schlüsselrolle: Sie zeigen die Lust und Sinnlichkeit, die kollektive Vergnügtheit oder aber das komische Misslingen der Mahlzeit in der Natur. Neben zwei Klassikern von Jean Renoir führen die Filme nach England Anfang des 19. Jahrhunderts, folgen dem geheimnisvollen Ausflug australischer Schülerinnen Anfang des 20. Jahrhunderts oder zeigen den Konflikt des französischen Bürgertums mit dem Leben in freier Natur im Mai 1968.

Den Auftakt der Reihe bildet am 2. August um 18 Uhr der impressionistische Film „Eine Landpartie“ von Jean Renoir aus dem Jahr 1936. Eine junge Frau aus Paris erlebt bei einem Tagesausflug aufs Land ihre erste Liebe. Renoir gelang es eindrucksvoll, die literarische Vorlage von Guy de Maupassants mit viel Liebe zum Detail nachzugestalten. 

Veranstaltungsort ist das Deutsche Filmmuseum.

 

Das Musée d’Arts de Nantes und eine filgrane Installation von Susanne Fritscher

2017, Juli 17.

Das ehemalige Musée des Beaux Arts von Nantes wurde als Musée d’Arts de Nantes  zum Sommeranfang 2017 nach 6-jähriger Renovierung wieder eröffnet. 

Eindrücke und Fotos von Petra Kammann

 

Die frisch renovierte Fassade des Musée d’Arts de Nantes

Nantes ist seit einigen Jahren eine dynamische Stadt, die auf Innovation und Kreativindustrie gesetzt hat. „Le voyage à Nantes“ – so der stadteigene Slogan – ist immer eine Reise wert, besonders aber auch der Kunst wegen. Dabei hat die einstige Hafenstadt an der Loiremündung ihre Geschichte nicht vernachlässigt, so auch nicht das Musée des Beaux Arts, das bislang in einem mächtigen Palais des ausgehenden 19. Jahrhunderts seine kostbare Kunstsammlung vom 13. bis zum 20. Jahrhundert beherbergte.

Doch war das Museum in die Jahre gekommen und mehr als renovierungsbedürftig, u.a. weil die Fassade angegriffen, die Oberlichter, von denen das Licht auf die Kunstwerke fiel, nicht mehr dicht waren und weil sich die Verbindung von alter und neuer Kunst heute anders erschließt. Nach sechs Jahren Museumsschließung, Überarbeitung und einem zusätzlichen Neubau hat das Museum, das inzwischen Musée d’Arts de Nantes heißt, in diesem Sommer seine Tore wieder für das Publikum geöffnet.

Das ursprüngliche Gebäude, das 1900 in der Rue Clemenceau eröffnet worden war, war inzwischen für die Sammlung mit 12.000 Werken, die sich in den letzten Jahren durch bedeutende zeitgenössische Werke vergrößert hat, zu klein geworden. Nun können zusätzlich weitere 900 Werke gezeigt werden, von der alten Malerei aus dem 13. Jahrhundert bis zur zeitgenössischen Videoinstallation. Dabei macht die Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts inzwischen 55% der Sammlung aus. Da mussten neue Verbindungswege gefunden werden.

Die bisherige Ausstellungsfläche wurde vom britischen Architekturbüro Stanton Williams um 30% erweitert, auf dessen Konto auch das Royal National Theater, der Tower of London oder das Theater in Belgrad geht. Nun flutet ein 3 500 m2 große Glasfläche das Licht ins Innere des Museums. Ursprünglich gab es keine Verbindung zwischen den früheren und den heutigen Werken. Das hat sich nun gründlich geändert.

Da die Architekten das Palais auf geschickte Weise mit der dahinterliegenden Gebetskapelle, die früher nur über den Museumsgarten zugänglich war, verbunden haben, wirkt das Ensemble schon zur Straße hin heute sehr einladend, zumal sie einen minimalistischen vom lokalen Tuffstein inspirierten Kubus aus hellem Marmor wie einen Bindestrich in den Gebäudekomplex eingeschoben haben. Das gelungene neue 2 000 m2 große Gebäude, der „Cube“ ist dabei ausschließlich der zeitgenössischen Kunst gewidmet.

Verbindungsgang zum White Cube

 „Die Transformation des alten Palais mit seinem neuen Vorplatz ebenso wie die neue Erweiterung, welche das Museum mit der Kapelle miteinander verbindet, ergeben ein museales Ensemble, das sich zur Straße hin öffnet, zum Viertel wie auch zur Stadt und ihren Bewohnern hin. Durch dieses Projekt wollten wir das wunderbare Licht des Atlantik sichtbar machen, in das die verschiedenen Galerien getaucht sind“, erläutert Patrick Richard, einer der beiden Architekten. Das ist den Baumeistern wirklich geglückt.

Blick in das Souterrain des Museums, wo vor allem pädagogische Räume, Restaurierungsateliers, ein Konferenzsaal, eine Salle blanche und das Depot untergebracht sind

Außerdem wurde sowohl ein Museumscafé wie auch eine Buchhandlung in den Eingangsbereich integriert. Die Kosten der aufwändigen Renovierung betrugen insgesamt erstaunlicherweise „nur“ 88,5 Millionen Euro inklusive der Fassadenrenovierung und der Restaurierung einiger historisch bedeutender Kunstwerke.

Patio im Musée d’arts de Nantes mit der Installation „De l’air, de la lumière et du temps“ von Susanne Fritscher

Beim Betreten des Gebäudes gibt es auch gleich eine weitere Überraschung, wenn der Blick auf den minimalistisch in Weiß gehaltenen 15 Meter hohen und Patio mit den übereinandergestaffelten Rundbögen fällt. Er lädt unmittelbar zum Besuch ein. Von weitem hat man den Eindruck, als rieselten unaufhörlich feine Wassertropfen von der Decke herab. Da öffnet und verwandelt sich ganz diskret ein Raum aus nichts als Licht, Luft und Atem. Und das durch eine höchst subtile Installation mit schwingenden Tönen der österreichischen Künstlerin Susanna Fritscher, die den Dialog mit dem hohen Raum des Patios aufgenommen hat: „Nur mit Luft, mit Licht und mit Zeit“.

Susanna Fritscher, Objekt „Souffle“ (Atem) im Musée d’Arts de Nantes

Begibt man sich in diesen 500 Quadratmeter großen Raum, so nimmt man ganz feine von der Decke herabrieselnde, so leicht bewegliche wie durchsichtige Silokonfäden wahr, welche einen in eine Art schleierhaftes Labyrinth führen. Sie strukturieren den Raum, den sich der Besuche  sinnesgeschärft erobert und in dem er die anderen Besucher zu Schemen verschwinden lässt. Da wird der Betrachter zum Akteur, indem er neue Räume innerhalb des Raumes schafft. Und er ist für die verschiedensten Weißschattierungen geradezu äolischen Klänge sensibilisiert. Durch die  mundgeblasenen Glasskulpturen an den Rändern erlebt man so etwas wie den Hauch eines Atems.

Die fragile und ganz leicht wirkende Installation ist ein sowohl zeitgenössisch architektonisches Entreeerlebnis als auch ein poetischer Eingang in die Welt der Kunst des Museums, das durch die Blicke von oben aus der ersten und zweiten Etage auf die Installation noch gesteigert wird. Vergangenheit und Gegenwart werden hier auf höchst raffinierte Weise miteinander verknüpft.

 

Susanna Fritscher Installation „De l’air, de la lumière et du temps“

Musée d‘Art de Nantes
10, Rue Georges Clemenceau
44000 Nantes

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