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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Alle Artikel zu Bildende Künste

Laura J. Padgett: somehow real

2017, Juli 27.

Eine Kooperation der Marielies-Hess-Stiftung mit dem Museum Giersch der Goethe-Universität Frankfurt am Main

Hier die Laudatio von Brigitta Amalia Gonser

↑ Preisverleihung im Museum Giersch – v.l.n.r.: Manfred Großkinsky, Direktor des Museum Giersch der Goethe-Universität, Saxofonist Ralf Frohnhöfer, Professor Michael Crone, Marielies Hess-Stiftung

↓ Professor Michael Crone und Laura Padgett bei der Preisverleihung; Laura Padgett und Brigitta Amalia Gonser, Kuratorin und Laudatorin; Beide Fotos: Erhard Metz

Als Marielies-Hess-Kunstpreisträgerin 2017 präsentiert die herausragende Frankfurter Fotografie- und Film-Künstlerin Laura J. Padgett unter dem Motto „somehow real“ in der für ihr Werk repräsentativen retrospektiven Ausstellung ihr spezifisches Thema der sensiblen Rolle der Wahrnehmung in der ästhetischen Realitätsspiegelung  des öffentlichen und privaten Lebensraumes.

Ihre Fotografien und Filme sind vielschichtige Beobachtungen unserer Alltagswelt. Als Meisterin der Linse integriert sie Architektur und Kunstgeschichte in ihre eigenständigen zeitgenössischen Kunstwerke, die zwischen Nüchternheit und Traum oszillieren.

Zu sehen sind Farbfotografien aus fünf formal unterschiedlichen aber stets malerisch narrativen Zyklen der letzten fünfzehn Jahre: vom Entréebild „What does it mean when you say you have been there?“ über die ambivalenten „Diptychen“ und die atmosphärischen Libanonfotografien in „Confined Space“ zur fotografischen Interpretation des Universums Peter Zumthors in „Architektur denken“ und zu ihren fotografischen Betrachtungen über Vergänglichkeit, Beständigkeit und abstrakte Schönheit der spektakulären baulichen Erweiterung des Städels in „Raum über Zeit“. Sie alle erzählen vielschichtige und simultane Geschichten, die vom Betrachter dechiffriert werden müssen.

Dabei fotografierte Laura J. Padgett bis 2012 weitgehend analog und erst danach digital.

Laura J. Padgetts breit angelegtes Œuvre umfasst seit den 1990er Jahren so unterschiedliche Genres wie Architekturfotografie, Stillleben und Urban Street Photography. Die Grenzen sind aber fließend. Sie arbeitet in Zyklen und liebt die Narration. Begleiten Sie mich also auf einem virtuellen Rundgang zu den einzelnen repräsentativen Stationen dieser Ausstellung im Museum Giersch der Goethe-Universität.

Werkzentral ist der Zyklus ihrer ambivalenten Diptychen, in denen Laura J. Padgett stets zwei analoge Fotografien mit sehr unterschiedlichen Sujets zu Doppelbildern verschränkt, so dass jeweils Außen- und Innenräume divergierender Provenienz miteinander konfrontiert werden. Somit steht der Betrachter vor einem beunruhigenden Geheimnis, das er entschlüsseln möchte. Wobei Wahrnehmungsprozesse aktiviert werden, bei denen Identität und Diversität, Raum und Zeit, Licht und Reflexion, Illusion und Realität eine Rolle spielen. Darin liegt die Qualität dieser poetischen Bildpaare. Sie erzählen zugleich von An- und Abwesenheit der Dinge oder Personen, von der Wahrnehmung und der Erinnerung.

„Wolke“, 2005, C-Prints, Diasec, 2-tlg., 50 x33 cm, 50 x 74 cm, aus: „Diptychen“.

© Laura J. Padgett

 Manchmal setzt Laura J. Padgett unter ihre Fotografien gezielt kurze Phrasen oder Slogans, die in kompakter Form eine dialektisch ergänzende Aussage zur Bildgeschichte vermitteln. Diese Textelemente evozieren zusätzliche visuelle Vorstellungen und sind nicht als Bilduntertitel gedacht. Dabei versucht der Betrachter Bild und Text in Einklang zu bringen.

Architektur und Spurensuche spielen auch im Zyklus „Confined Space” eine Rolle, mit dem Laura J. Padgett 2011 begonnen und den sie 2013 und 2015 weitergeführt hat. In diese Zeit fallen drei Aufenthalte in den Libanon, vor allem in Beirut, die es ihr ermöglichten, nach und nach tiefer in die libanesische Gesellschaft einzutauchen und mit ihren Fotografien auf die Umgebung und auf die Spannungen, die auf dem Land lasteten, zu reagieren.

 

Another kind of vacuum, 2013/2015, Lichtechter Pigmentdruck, Photo Rag, Ultra Smooth, 80 x 60 x 3 cm, aus: “Confined Space”. © Laura J. Padgett

Diese atmosphärischen Libanonfotografien sind keine Momentaufnahmen, sondern Aufnahmen von Zuständen und Sachlagen. Sie zeigen die Verletzungen und die Gefährdung einer ehemals als „Paris des Ostens“ genannten Kulturmetropole, die nachhaltigen Folgen von Bürgerkrieg, von Aufbau und Wiederaufbau, das Leben in Provisorien und fügen sich zu einer komplexen Geschichte, die einen spezifischen Eindruck vom Ort und seinen Menschen vermittelt.

Besondere Aufmerksamkeit widmet Laura J. Padgett der Architektur des 21. Jahrhunderts mit der ihr innewohnenden vermeintlichen Trennung zwischen privatem und öffentlichem Raum. So faszinierte sie im Zyklus „Architektur denken“ die besondere bauliche Situation von Peter Zumthors neuem Wohn- und Atelierhaus, in dem sich Erinnerungen, Stimmungen und Sehnsüchte verdichten.

Blüten, 10. Juli 2005/2017, Dye Transfer Print, semi-glossy Barytkarton, 54,5 x 36,5 cm, aus: „Architektur denken“. © Laura J. Padgett

Das auf ihn selbst zugeschnittene Haus verkörpert nicht nur Peter Zumthors Entwurfsstrategien und Raumkonzepte; es drücken sich darin ebenso unmittelbar bewusste oder unbewusste Wünsche, Sehnsüchte und Gefühle aus.

Sieben der dazu kongenialen Fotografien von Laura J. Padgett werden hier zum ersten Mal in einer Ausstellung gezeigt. Dabei werden Relationen zwischen dem Außen und dem Innen, Spiegelungen, Transparenz und Schatten taktil wahrnehmbar. Scheinbar befestigte Betonmauern aber auch Fenster, in denen sich die Umwelt spiegelt, hindern den Betrachter am Eindringen. Doch dann öffnen sich dezent schmale Einblicke ins Private.

Der im Juli 2005 dazu entstandene Zyklus von analogen Fotografien wurde zwischen 2006 und 2010 bisher nur in Peter Zumthors Essaysammlung „Architektur denken“ sowie in seiner Monografie 2014 veröffentlicht.

Das Städel Museum in Frankfurt am Main diente Laura J. Padgett als Muse für ihre fotografischen Betrachtungen über Vergänglichkeit, Beständigkeit und abstrakte Schönheit in ihrem Zyklus „Raum über Zeit“. Zwei Jahre lang, von Januar 2010 bis Januar 2012, fotografierte sie die spektakuläre bauliche Erweiterung des Museums und Renovierung des Altbaus durch das Frankfurter Architekturbüro schneider+schumacher.

 

„Oberlicht im II. OG Städel Mainflügel“, Februar 2011, aus: „Raum über Zeit“ © Laura J. Padgett

Dabei ging es der Künstlerin als Malerin und Filmemacherin primär nicht um Dokumentation, sondern um das Sammeln von Momenten, die wie scheinbare Fragmente zu etwas neuem zusammengefügt werden: sensible Beobachtungen von Flüchtigkeit, von greifbarer Materialität und Licht. Der Wechsel zwischen Innen und Außen, die Wahl des Unscheinbaren, aber auch die Wahl einer seltenen Perspektive, einer ungewöhnlichen Sichtweise auf das Objekt macht ihre Arbeiten interessant und faszinierend.

 

„Deckenbewehrungsmatten“, August 2010, aus: „Raum über Zeit“. © Laura J. Padgett

Die in dieser Zeit entstandenen analogen Fotografien gewähren daher Einblick in Raum und Zeit und in die Poesie der Wahrnehmung, ohne jemals die konkrete Realität des untersuchten Objekts aus dem Blick zu verlieren.

Im Frühjahr 2012 wurden achtzig davon als Buch mit dem Titel „Raum über Zeit“ im Kehrer-Verlag veröffentlicht. Außerdem erwarb die Kunstsammlung der DZ BANK eine erlesene Auswahl dieser Fotografien. Exemplarisch werden mit dem Plakatmotiv sieben der Arbeiten in dieser Ausstellung so zum ersten Mal gezeigt.

Als Pendant zu ihren Fotografien werden in der Ausstellung „somehow real“ auch zwei repräsentative Digitalvideos der talentierten Film-Künstlerin Laura J. Padgett als Endlosschleifen gezeigt: „ambient noise“, von 2004, eine indirekte Hommage an den Film „Wavelength“ von Michael Snow, an das Erlebnis Kino und unsere Beziehung zur Innen- und Außenwelt sowie der speziell für diese Ausstellung produzierte Found-Footage-Film „Solitaire“, von 2017. Dieser beleuchtet zwischen privatem und öffentlichem Raum angesiedelte, sich auflösende soziale und kulturelle Grenzbereiche der sechziger Jahre, die sich durch die filmische Umsetzung als fundamental erweisen. Ausgehend von gezielter Recherche im Archiv des Hessischen Rundfunks besteht er hauptsächlich aus Dokumentarfilm-Material der Zeit.

„Dem Prozess des Fotografierens geht immer das tiefe Verständnis meiner Erfahrungen voraus“, sagt Laura J. Padgett und fügt hinzu: “Was mich immer interessiert, ist die Art und Weise, wie sich das Humane im Alltäglichen offenbart. Es ist diese vermeintlich beiläufige oder anonyme Geschichte, die tatsächlich unsere Welt ausmacht.“

Dabei konzentriert sie sich auf Überlagerung und Dichte. Sie schaut lange hin und fotografiert oft Dinge, die es nicht ewig geben kann: Spuren.

Folgen Sie diesen Spuren in der Ausstellung „somehow real“ und beglückwünschen Sie mit mir die Künstlerin Laura J. Padgett dafür.

Laura J. Padgett, 1958 in Cambridge, Massachussetts, USA geboren, weist ein außergewöhnliches künstlerisches Profil auf.

Sie studierte von 1976 bis 1980 zuerst Malerei und Film am Pratt Institute in New York, dann nach ihrer Umsiedlung 1981 nach Europa ab 1983 bis 1985 Film und Fotografie an der Frankfurter Städelschule bei Peter Kubelka und Herbert Schwöbel sowie von 1991 bis 1994 Kunstgeschichte und Ästhetik an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main.

Als Dozentin lehrt sie seit 1990 an mehreren Hochschulen Fotografie, Film, Kunstgeschichte und Kunsttheorie. Seit 2010 unterrichtet sie an der Hochschule Rhein-Main in Wiesbaden.

Sie ist in öffentlichen Sammlungen vertreten und hat seit den neunziger Jahren in Deutschland, Frankreich, Schweiz, Österreich, Italien, Türkei und Zypern in Museen und Galerien einzeln ausgestellt. Außerdem war sie als Artist in Residence in England, der Schweiz, in Libanon aber auch auf Schloss Balmoral in Bad Ems.

Laura J. Padgett lebt und arbeitet in Frankfurt am Main.

Ein Künstlergespräch zwischen Laura J. Padgett, der Kuratorin und den geladenen Gästen, wird am So. den 13. August 2017 um 11 Uhr in der Ausstellung „somehow real“ im Museum Giersch der Goethe-Universität stattfinden. Ebenda hält am 27. August 2017 um 15 Uhr Laura J. Padgett einen Workshop zur Fotografie als Prozess. Außerdem gibt es auch zwei Führungen der Kuratorin am 26. August um 15 Uhr und am 27. August 2017 um 11 Uhr.

Picknick-Zeit – auch im Museum, im Frankfurter MAK

2017, Juli 19.

Summer in the city – Eine Reise durch verschiedene Zeiten und Räume einer Esskultur im Freien

Petra Kammann hat sich die Schau „Picknick-Zeit“ im Museum für Angewandte Kunst in Frankfurt angesehen 

 

Balázs Vesszösi, Gündem Gözpinar, Déjeuner sur l’herbe 2.0, Foto: Anja Jahn, © Museum Angewandte Kunst

In Anspielung auf Edouard Manets berühmtes Gemälde „Déjeuner sur l’herbe“ von 1863 prangt einladend gleich am Eingang des Museums eine gesprayte Version des Originals. Damals galt Manets Bild als das erste provokative Kunst-Event. Es wurde von den Juroren des Pariser Salons abgelehnt, da dort nur „anständige“ Tableaus hängen sollten. Doch die Freude an der neu empfundenen Freizügigkeit war unaufhaltsam und machte Furore. Heute hängt das Bild im Pariser Musée d’Orsay und zieht die Touristen an. Und getafelt wird nach wie vor mit großer Lust im Grünen.

In der Schau „Picknick-Zeit“ erzählen bis zum 17. September 2017 auf über 1.000 Quadratmetern Ausstellungsfläche zahlreiche Objekte, Installationen, Fotografien und Filme sowie die verschiedensten Picknick-Utensilien vom Variantenreichtum der beliebten Kulturpraxis Picknick in den verschiedensten Ecken der Welt. Denn der Kult ums entspannte Speisen im Freien zieht sich rund um den Globus und machte nicht erst im 19. Jahrhundert Geschichte; schon die alten Griechen schätzten das Mahl unter freiem Himmel.

Auch in anderen Kulturen reicht diese Tradition viele Jahrhunderte weiter zurück bis ins 8. Jahrhundert zum Beispiel bei den Japanern. Sie schufen feinste Lack-Utensilien und eigene Sake-Fläschchen für das höfische Kirschblütenfest, das im Freien gefeiert wurde. Die älteste Darstellung eines Picknicks in der Schau ist eine sizilianische Jagddarstellung in einem antiken Mosaik aus dem 4. Jahrhundert, bei dem Männer, auf einem Stibadion (eine Art Bett) lagernd, rund um einen Rost genüsslich ein Hähnchen grillen.

→ Picknickkoffer für 4 Personen von Barret’s & Sons, London, 1900, Korpus aus Leder, Textil, Geschirr aus Porzellan und Metall emailliert, Glas, Bast. Sammlung Axel Plambeck, Zürich, Foto: Uwe Dettmar, © Museum Angewandte Kunst

Spätestens mit der Erfindung des Picknickkorbs im England des 18. Jahrhunderts ging es zunächst ganz royal und auch snobbish zu. Und das sogar bis heute. Man denke nur an die britischen Kultorte Goodwood, Ascot, Epsom, Henley, auf denen das Picknickvergnügen mit sportlichen Ereignissen verbunden ist oder an Glyndebourne, in Südengland,  wo seit der Gründung 1934 eine Opernaufführung fester Bestandteil des Essgelages ist.

Porzellangeschirr, Silberbesteck und mundgeblasene Champagnerflöten lassen dabei keine Wünsche offen. Und in Frankreich etwa wurden für Auto- und Motorradfahrten ins Grüne eigens elegant-stabile Lederkoffer von Louis Vuitton entwickelt. Bei den Briten wurde absurderweise sogar auch im Krimkrieg zum gesellschaftlichen Ereignis Champagner serviert, bevor das Picknick durch die Industrialisierung der Städte und dank der zunehmenden Mobilität breiter Gesellschaftsschichten zum Gemeingut wurde.

Da erwies sich etwa leichtes Aluminiumgeschirr als überaus praktisch, wenn es zum Beispiel zum Bergwandern in die Schweiz ging. Mit der Demokratisierung ging auch die Produktion von Kunststoffgeschirr einher. Wunderbare Beispiele sind hier aus den skandinavischen Ländern zu sehen. Denn für die Mahlzeiten im Freien wurden spezielle Utensilien entwickelt. So stehen Designprodukte aus Kunststoff für pragmatischen Komfort. Speziell erdachte Tische und Stühle, Kleidung, Fächer und Schirme ergänzen die Auswahl der Ausstellungsexponate.

In einer eigens für die „Picknick-Zeit“ angefertigten Serie von Karikaturen spießt der Maler, Cartoonist und Illustrator Hans Traxler, dem ein kleines Häuschen in der Ausstellung gewidmet ist, die kleinen Absurditäten des britischen Picknicks mit spitzer Feder auf: Die Briten lassen sich sogar die Mahlzeiten nicht am, sondern im! Swimmingpool servieren … Und aus Frankfurt steuerte der Ruderclub Germania, der an der Regatta in Henley teilgenommen hat, sogar ein Rennruderboot bei .

Mit einem solchen Rennruderboot des Ruderclubs Germania waren die Frankfurter bei der Royal Henley Regatta auch dabei… Foto: Petra Kammann

Ob beim High Society Event in der feinen britischen Gesellschaft oder der fröhlichen Landpartie: das ungezwungene Picknicken in der Natur erweist sich stets als gemeinschaftsstiftend; so zieht sich die Lust an der spielerischen Freiheit quer durch die gesellschaftlichen Schichten und wirkt entspannend. Auch heute erfreut es sich großer Beliebtheit. Und in den westlichen Metropolen zeichnet sich ein Trend zum Revival des arrangierten Picknicks ab, sei es beim stilvollen „Dîner en Blanc“, wo alle Gäste weißgekleidet kommen, oder bei schlichten und fröhlichen Ausflügen mit Kind, Kegel und Klappgrill ins Grüne.

Unterschiedliches ist ausgestellt: Picknick in den Bergen (Jean Troillet und Nicole Niquille beim Vorbereiten eines Fondues auf der K2-Expedition, Pakistan, 1985, © Alpines Museum der Schweiz, Bern) und bei der Henley Royal Regatta, mit dem Foto von Julian Gregor, 2016, Museumsansicht, Foto: Petra Kammann

Die Frankfurter Fotografin Barbara Klemm hat in den letzten 40 Jahren weltweit zahlreiche Picknick-Szenen aufgenommen, die erstmals in dieser Ausstellung dem Publikum gezeigt werden. Auf Reisen, die sie auf ihren FAZ-Reportagen etwa nach Kapstadt, China, in die Ukraine oder den Iran führten, bannte sie die Szenen dieses geselligen Beisammenseins poetisch auf ihre schwarzweißen Rollfilme.

In China ging es 1985 noch sehr schlicht zu… (Peking, China, 1985, © Barbara Klemm). Die Fotografin steuerte insgesamt 35 Schwarz-Weiß-Fotografien mit Picknick-Szenen aus verschiedenen Ländern bei. 

Aber auch andere künstlerische Aktionen lassen sich in der variationsreichen Schau im Museum für Angewandte Kunst ausmachen wie in dem groß angelegten partizipativen Kunstprojekt BIGNIK der Riklin-Brüder, die seit 2012  in der einstigen Textilregion Appenzell AR-St. Gallen-Bodensee mit Hilfe der Bevölkerung eine überdimensionale Picknickdecke für die ganze Region herstellen.

Nähwerkstatt der BIGNIK-Aktion der Aktionskünstler Frank und Patrik Riklin: Auf der Rampe beim Bahnhof Goldstatt werden die gesammelten Decken auf eine Größe gebracht, damit sie anschließend zu einer Riesen-Picknickdecke ausgelegt werden. Foto der Museumsansicht: Petra Kammann

Oder das „Déjeuner sous l’herbe“ des Eat Art-Künstlers und Nouveau Réaliste Daniel Spoerri. Er hatte im Jahre 1983 hundert Personen aus der Pariser Kunstszene zu einem Picknick-Bankett in den Park des Schlosses Montcel in Jouy-en-Josas an eine eine 40 Meter lange Tafel geladen, zu der Geschirr und Besteck mitgebracht werden sollten. Nach dem Tafeln im Freien ließ er die Überreste dieses Events vor Ort vergraben (daher „sous l’herbe“). Erst 2010 wurden Teile von Spoerris Aktion als erstes zeitgenössisches Kunstwerk von Archäologen wieder ausgegraben. Ein vom Künstler angefertigter Bronzeabguss der Ausgrabungsobjekte ist in der Ausstellung ebenso zu bestaunen wie eine Fotodokumentation von BIGNIK.

Auch historisch ist die variationsreiche Ausstellung interessant und lehrreich. So steht  in einer Ecke das Tor vom Stacheldrahtzaun des Eisernen Vorhangs sowie ein halber Trabi, der, stehen gelassen bei der Flucht am 19. August 1989 nach Österreich, an ein Ereignis im ungarischen Sopron erinnert, nämlich an das „Paneuropäische Picknick“, an dem  die ersten DDR-Bürger den Zaun, der sie vom Westen abtrennte, überwanden – weil niemand sie mehr aufhielt und auf sie schoss!

Die Spanne des Dargestellten ist äußerst breit. Sie verweist sowohl auf ungewöhnliche Aspekte der Picknick-Kultur wie auf den Frankfurter Wäldchestag oder auf die einmalige Sperrung des Ruhrschnellwegs im Jahre 2010, als die Metropole Ruhr auf diese Weise zum Kulturhauptstadtevent zusammenfand wie auch auf Traditionen in anderen Erdteilen. Da wirft die Ausstellung einen Blick auf den Totentag in Mexiko, wo in einem mehrtägigen Fest auf den Friedhöfen zwischen tanzenden Skeletten gepicknickt wird.

Fondueland Gstaad, Riesen-Caquelon, Installation in der Ausstellung Picknick-Zeit, 2017, Foto: Anja Jahn, © Museum Angewandte Kunst, Frankfurt am Main

Und wenn dann am 1. August 2017  die Schweiz ihren 726. Geburtstag feiert, lädt das Schweizer Generalkonsulat in Frankfurt am Main in Kooperation mit dem Museum für Angewandte Kunst und Gstaad Saanenland Tourismus zu einem gemeinsamen Picknick in den Museumspark ein, wo auch das Riesen-Caquelon unübersehbar ist. Da werden dann im Metzlerpark kulinarische Besonderheiten aus der Schweiz wie Biokäse-Raclette aus der Region Gstaad oder Schweizer Wein, Bier oder helvetische Limo aus Milchserum zum Selbstkostenpreis angeboten.

Ob man sich am Main dann wie in den Alpen fühlt, wird man sehen oder besser hören, wenn nämlich das Alphorn-Duo Alpcologne zu jeder vollen Stunde und zu jeder halben Stunde ertönt.

Als besonderes Geschenk an Frankfurt ist der Eintritt in das Museum während der Öffnungszeit von 10 Uhr bis 18 Uhr für alle Besucherinnen und Besucher frei.

Im Rahmenprogramm der Schau „Picknick-Zeit“ und in Kooperation mit dem Deutschen Filmmuseum lädt das Museum Angewandte Kunst im August zu einer thematischen Filmreihe ein. In den fünf ausgewählten Filmen spielt das Picknick eine Schlüsselrolle: Sie zeigen die Lust und Sinnlichkeit, die kollektive Vergnügtheit oder aber das komische Misslingen der Mahlzeit in der Natur. Neben zwei Klassikern von Jean Renoir führen die Filme nach England Anfang des 19. Jahrhunderts, folgen dem geheimnisvollen Ausflug australischer Schülerinnen Anfang des 20. Jahrhunderts oder zeigen den Konflikt des französischen Bürgertums mit dem Leben in freier Natur im Mai 1968.

Den Auftakt der Reihe bildet am 2. August um 18 Uhr der impressionistische Film „Eine Landpartie“ von Jean Renoir aus dem Jahr 1936. Eine junge Frau aus Paris erlebt bei einem Tagesausflug aufs Land ihre erste Liebe. Renoir gelang es eindrucksvoll, die literarische Vorlage von Guy de Maupassants mit viel Liebe zum Detail nachzugestalten. 

Veranstaltungsort ist das Deutsche Filmmuseum.

 

Das Musée d’Arts de Nantes und eine filgrane Installation von Susanne Fritscher

2017, Juli 17.

Das ehemalige Musée des Beaux Arts von Nantes wurde als Musée d’Arts de Nantes  zum Sommeranfang 2017 nach 6-jähriger Renovierung wieder eröffnet. 

Eindrücke und Fotos von Petra Kammann

 

Die frisch renovierte Fassade des Musée d’Arts de Nantes

Nantes ist seit einigen Jahren eine dynamische Stadt, die auf Innovation und Kreativindustrie gesetzt hat. „Le voyage à Nantes“ – so der stadteigene Slogan – ist immer eine Reise wert, besonders aber auch der Kunst wegen. Dabei hat die einstige Hafenstadt an der Loiremündung ihre Geschichte nicht vernachlässigt, so auch nicht das Musée des Beaux Arts, das bislang in einem mächtigen Palais des ausgehenden 19. Jahrhunderts seine kostbare Kunstsammlung vom 13. bis zum 20. Jahrhundert beherbergte.

Doch war das Museum in die Jahre gekommen und mehr als renovierungsbedürftig, u.a. weil die Fassade angegriffen, die Oberlichter, von denen das Licht auf die Kunstwerke fiel, nicht mehr dicht waren und weil sich die Verbindung von alter und neuer Kunst heute anders erschließt. Nach sechs Jahren Museumsschließung, Überarbeitung und einem zusätzlichen Neubau hat das Museum, das inzwischen Musée d’Arts de Nantes heißt, in diesem Sommer seine Tore wieder für das Publikum geöffnet.

Das ursprüngliche Gebäude, das 1900 in der Rue Clemenceau eröffnet worden war, war inzwischen für die Sammlung mit 12.000 Werken, die sich in den letzten Jahren durch bedeutende zeitgenössische Werke vergrößert hat, zu klein geworden. Nun können zusätzlich weitere 900 Werke gezeigt werden, von der alten Malerei aus dem 13. Jahrhundert bis zur zeitgenössischen Videoinstallation. Dabei macht die Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts inzwischen 55% der Sammlung aus. Da mussten neue Verbindungswege gefunden werden.

Die bisherige Ausstellungsfläche wurde vom britischen Architekturbüro Stanton Williams um 30% erweitert, auf dessen Konto auch das Royal National Theater, der Tower of London oder das Theater in Belgrad geht. Nun flutet ein 3 500 m2 große Glasfläche das Licht ins Innere des Museums. Ursprünglich gab es keine Verbindung zwischen den früheren und den heutigen Werken. Das hat sich nun gründlich geändert.

Da die Architekten das Palais auf geschickte Weise mit der dahinterliegenden Gebetskapelle, die früher nur über den Museumsgarten zugänglich war, verbunden haben, wirkt das Ensemble schon zur Straße hin heute sehr einladend, zumal sie einen minimalistischen vom lokalen Tuffstein inspirierten Kubus aus hellem Marmor wie einen Bindestrich in den Gebäudekomplex eingeschoben haben. Das gelungene neue 2 000 m2 große Gebäude, der „Cube“ ist dabei ausschließlich der zeitgenössischen Kunst gewidmet.

Verbindungsgang zum White Cube

 „Die Transformation des alten Palais mit seinem neuen Vorplatz ebenso wie die neue Erweiterung, welche das Museum mit der Kapelle miteinander verbindet, ergeben ein museales Ensemble, das sich zur Straße hin öffnet, zum Viertel wie auch zur Stadt und ihren Bewohnern hin. Durch dieses Projekt wollten wir das wunderbare Licht des Atlantik sichtbar machen, in das die verschiedenen Galerien getaucht sind“, erläutert Patrick Richard, einer der beiden Architekten. Das ist den Baumeistern wirklich geglückt.

Blick in das Souterrain des Museums, wo vor allem pädagogische Räume, Restaurierungsateliers, ein Konferenzsaal, eine Salle blanche und das Depot untergebracht sind

Außerdem wurde sowohl ein Museumscafé wie auch eine Buchhandlung in den Eingangsbereich integriert. Die Kosten der aufwändigen Renovierung betrugen insgesamt erstaunlicherweise „nur“ 88,5 Millionen Euro inklusive der Fassadenrenovierung und der Restaurierung einiger historisch bedeutender Kunstwerke.

Patio im Musée d’arts de Nantes mit der Installation „De l’air, de la lumière et du temps“ von Susanne Fritscher

Beim Betreten des Gebäudes gibt es auch gleich eine weitere Überraschung, wenn der Blick auf den minimalistisch in Weiß gehaltenen 15 Meter hohen und Patio mit den übereinandergestaffelten Rundbögen fällt. Er lädt unmittelbar zum Besuch ein. Von weitem hat man den Eindruck, als rieselten unaufhörlich feine Wassertropfen von der Decke herab. Da öffnet und verwandelt sich ganz diskret ein Raum aus nichts als Licht, Luft und Atem. Und das durch eine höchst subtile Installation mit schwingenden Tönen der österreichischen Künstlerin Susanna Fritscher, die den Dialog mit dem hohen Raum des Patios aufgenommen hat: „Nur mit Luft, mit Licht und mit Zeit“.

Susanna Fritscher, Objekt „Souffle“ (Atem) im Musée d’Arts de Nantes

Begibt man sich in diesen 500 Quadratmeter großen Raum, so nimmt man ganz feine von der Decke herabrieselnde, so leicht bewegliche wie durchsichtige Silokonfäden wahr, welche einen in eine Art schleierhaftes Labyrinth führen. Sie strukturieren den Raum, den sich der Besuche  sinnesgeschärft erobert und in dem er die anderen Besucher zu Schemen verschwinden lässt. Da wird der Betrachter zum Akteur, indem er neue Räume innerhalb des Raumes schafft. Und er ist für die verschiedensten Weißschattierungen geradezu äolischen Klänge sensibilisiert. Durch die  mundgeblasenen Glasskulpturen an den Rändern erlebt man so etwas wie den Hauch eines Atems.

Die fragile und ganz leicht wirkende Installation ist ein sowohl zeitgenössisch architektonisches Entreeerlebnis als auch ein poetischer Eingang in die Welt der Kunst des Museums, das durch die Blicke von oben aus der ersten und zweiten Etage auf die Installation noch gesteigert wird. Vergangenheit und Gegenwart werden hier auf höchst raffinierte Weise miteinander verknüpft.

 

Susanna Fritscher Installation „De l’air, de la lumière et du temps“

Musée d‘Art de Nantes
10, Rue Georges Clemenceau
44000 Nantes

→ Die Passage Pommeraye: Ein magisch-nostalgischer Ort in Nantes
→ Tolle Tage – „La folle Journée 2016“ in Nantes

→ Nantes – Reise in die innovative Stadt“>Voyage à Nantes – Reise in die innovative Stadt

→ Nantes und die „Küste der Liebe“ – ein Familienziel

documenta 14 in Kassel (2): Arnold-Bode-Preis 2017 an Olu Oguibe

2017, Juli 10.

„Monument für Fremdlinge und Flüchtlinge“ auf dem Kasseler Königsplatz

Von Erhard Metz

Alle zwei Jahre sowie auch in jedem „documenta-Jahr“ wird der renommierte, derzeit mit 10.000 Euro dotierte, nach dem documenta-Gründer benannte Arnold-Bode-Preis verliehen. Über die Preisvergabe entscheidet der Magistrat der Stadt Kassel als Vorstand der Arnold-Bode-Stiftung, und zwar auf einen Vorschlag des Kuratoriums. Ihm gehören dieses Jahr unter dem Vorsitz von Professor Heiner Georgsdorf E. R. Nele geb. Bode, die Tochter von Arnold Bode, Professorin Julia Voss, Ingo Buchholz und Adam Szymczyk, der künstlerische Leiter der documenta 14 an. Die förmliche Preisverleihung erfolgt am 10. September 2017 im Kasseler Rathaus. Preisträger ist der nigerianische Künstler, Kunsthistoriker, Hochschullehrer und Kurator Olu Oguibe. Im Vordergrund steht neben einer weiteren Arbeit in Athen sein monumentaler Obelisk „Monument für Fremdlinge und Flüchtlinge“ auf dem Kasseler Königsplatz. Der Entscheidungsprozeß zur Preisvergabe dürfte nicht viel Zeit in Anspruch genommen haben, zählt der Obelisk doch nach dem „Parthenon der Bücher“ in der öffentlichen Wahrnehmung zu den Attraktionspunkten der documenta 14. Und man dürfte nicht sehr falsch mit der Vermutung liegen, dass die Stadt das Werk ankaufen und auf dem kreisrunden Platz belassen könnte.

Das Fremdlinge und Flüchtlinge Monument (2017), Beton, 3 × 3 × 16,3 m; Königsplatz, Kassel

Ein Zitat aus dem Matthäus-Evangelium in deutscher, englischer, arabischer und türkischer Sprache ziert die vier Seiten des Obelisken. Für die weniger Bibelfesten hier der Text aus der klassischen Luther-Bibel:

Matthäus 25, 35-36:
Denn ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mich gespeist. Ich bin durstig gewesen, und ihr habt mich getränkt. Ich bin ein Gast gewesen, und ihr habt mich beherbergt.
Ich bin nackt gewesen, und ihr habt mich bekleidet. Ich bin krank gewesen, und ihr habt mich besucht. Ich bin gefangen gewesen, und ihr seid zu mir gekommen.

Olu Oguibe wählte für seine Arbeit die Form eines klassischen Obelisken, wie sie aus Assyrien und dem alten Ägypten überliefert sind und von dort nicht selten als Kriegsbeute und Siegestrophäe geraubt und nach Europa verbracht wurden (allein die Römer entführten eine größere Zahl ägyptischer Obelisken nach Rom, acht dieser Exemplare können noch heute dort bewundert werden).

„Es ist eine Arbeit, die eines der brennenden Themen der Gegenwart aufnimmt und mit der Formgebung einen Bezug zur Geschichte herstellt“, sagte der scheidende Oberbürgermeister Bertram Hilgen. Und Kuratoriums-Vorsitzender Professor Heiner Georgsdorf erläuterte die Empfehlung dieses Gremiums: „Traditionell ein herrschaftliches Zeichen, weigert sich dieser [Oguibes] Obelisk zudem, die königliche Mitte des kreisrunden Platzes zu besetzen, und konterkariert damit subversiv jeglichen absolutistischen Machtanspruch“.

Eine Grenze zwischen einem Mahnmal als politischem Statement und einem schöpferischem Kunstwerk ist seit längerem kaum mehr auszumachen; der „Kasseler“ Obelisk ist ein weiteres Beispiel hierfür. Die documenta 14 ist eine überwiegend politische.

Olu Oguibe, 1964 in Aba, Nigeria geboren, studierte an der University of Nigeria, Nsukka, Fine and Applied Arts und erwarb an der School of Oriental and African Studies – University of London den PhD-Grad in Kunstgeschichte. Für einige Jahre lehrte er als Professor für Kunst und African-American Studies an der University of Connecticut, um sich anschließend allein seiner künstlerischen, wissenschaftlichen und kuratorischen Arbeit zu widmen. Oguibe stellte weltweit aus und nahm 2007 an der Biennale in Venedig teil. Er lebt und arbeitet in Rockville, Connecticut.

Fotos: Erhard Metz

– wird fortgesetzt –

→ documenta 14 in Kassel (1): Der „Parthenon der Bücher“ von Marta Minujín

 

documenta 14 in Kassel (1): Der „Parthenon der Bücher“ von Marta Minujín

2017, Juli 6.

Von Erhard Metz

Eine kurze Präambel erscheint angebracht:

Die documenta 14 unter der künstlerischen Leitung von Adam Szymczyk, vormals Direktor der Kunsthalle Basel, findet bekanntlich zum ersten Mal in ihrer Geschichte neben Kassel an einem zweiten Ausstellungsort, in Athen, statt, wo sie bereits am 8. April 2017 eröffnet wurde; Kassel folgte am 10. Juni nach. Die größte Weltkunstschau ist dieses Jahr – sie steht entsprechend unter dem Motto „Von Athen lernen“ – eine sehr politische. Szymczyk rekurriert auf Athen als „Wiege der Demokratie“ (der plebiszitären?, der parlamentarisch-repräsentativen?, der „gelenkten“?) einerseits, als Inbegriff der Schuldenkrise innerhalb der EU und als ein Zentrum der Migration andererseits. Letzteres spiegelt sich in zahlreichen der ausgestellten Arbeiten wieder, was in Fachwelt, Presse und Öffentlichkeit ein geteiltes Echo fand. Rund 160 Künstlerinnen und Künstler – die meisten unter ihnen tragen noch keine „großen Namen“ und sind noch nicht Subjekte bzw. Objekte des internationalen Kunstbetriebs – hat Szymczyk eingeladen. Zu den Höhepunkten der Schau zählt sicherlich die Präsentation zahlreicher Werke aus dem EMST, dem National Museum of Contemporary Art in Athen, für die das Museum Fridericianum exklusiv geräumt wurde.

The Parthenon of Books (2017), Stahl, Bücher, Kunststoffolie, 19,5 × 29,5 × 65,5 m; in Auftrag gegeben von der documenta 14, mit Unterstützung des Ministeriums für Medien und Kultur von Argentinien

Nun aber zum absoluten „Hingucker“ und Publikumsmagneten der diesjährigen documenta 14 in Kassel: dem „Parthenon der Bücher“ der argentinischen Konzeptkünstlerin Marta Minujín auf dem zentralen Friedrichsplatz.

Schöner noch gegen den regenverhangenen als einen knallblauen Himmel: das zarte Mosaik der vollends mit Büchern behängten rückwärtigen Giebelfassade des „Tempels“ scheint im unbestimmten Grau fast zu verschwimmen

Die Stahlrohrkonstruktion mit ihren stattlichen Ausmaßen von rund 70 mal 30 Metern ist dem im 5. Jahrhundert v. Chr. errichteten Tempel für die Stadtgöttin Pallas Athena Parthenos auf der Athener Akropolis – einer Ikone des heutigen weltweiten Massentourismus – nachempfunden. Fast alle im 19. Jahrhundert noch vor Ort erhaltenen Skulpturen, insbesondere auch aus dem Giebelfries, wurden Opfer britischer und französischer „Raubkunst“, zu Zeiten, als man diesen Begriff noch nicht kannte, und sind heute vor allem im British Museum und im Louvre zu bewundern.

Alexander Kalderach (1880-1995), Der Parthenon (1939), Öl auf Leinwand, Belvedere Wien

Der von Alexander Kalderach im Jahr 1939 auf der Leinwand festgehaltene Parthenon hängt beziehungsreich in der Kasseler Neuen Galerie. Das Werk des heute weitgehend unbekannten Malers brandmarkt die documenta-Leitung als einen „Tiefpunkt des deutschen Philhellenismus“.

Behängt ist die Konstruktion auf dem Friedrichsplatz mit inzwischen wohl tausenden von in Folie geschweißten Büchern – und zwar solchen, die irgendwo und irgendwann einmal auf irgendeinem Index standen – verbotenen Büchern also. Die Öffentlichkeit, Verlage und Autoren sind eingeladen, entsprechende Bücher zu spenden und so selbst Teil des Werkes zu werden. Der Kontext erschließt sich rasch: Bücher und deren freie Verbreitung sind Voraussetzung und ein unverzichtbares Element von Demokratie.

Es ist noch sehr viel Platz für tausende weiterer verbotener Bücher: ein jedes, das die Voraussetzungen erfüllt, wird hinauf bis in schwindelnde Höhe angebracht; Landgraf Friedrich II. – sein Denkmal errichteten 1783 Johann August Nahl der Ältere und Jüngere – schaut dem Geschehen auf dem zu seinen Ehren benannten Platz mit Gelassenheit zu

Reizvoll die Position des „Parthenons der Bücher“ vis-à-vis dem Fridericianum, 1955 Ausstellungsort der ersten documenta, initiiert und realisiert vom documenta-Vater, dem unvergessenen Künstler, Kunstpädagogen und Hochschullehrer Professor Arnold Bode (1900-1977).

Die spektakuläre Arbeit von Marta Minujín, 1943 in Buenos Aires geboren, geht auf ihre Installation „El Partenón de libros“ aus dem Jahr 1983 auf einem öffentlichen Platz in Buenos Aires zurück als ein Zeichen gegen das Verbot von Texten und die Verfolgung ihrer Verfasser in der argentinischen Militärdiktatur. In Buenos Aires wurde damals die Konstruktion bei Ausstellungsende seitlich gekippt, damit das Publikum die Bücher mitnehmen konnte. Eine vergleichbare Aktion ist dem Vernehmen nach zum Ende der aktuellen documenta geplant.

Aus einigem Abstand betrachtet erschließt sich die Dimension des in seinen originalen Ausmaßen nachempfundenen Parthenons gegenüber dem Fridericianum, das 1779 als weltweit erstes öffentliches Museum in einem dafür speziell konzipierten Bau eröffnet wurde.

Fotos: Erhard Metz

→ documenta 14 in Kassel (2): Arnold-Bode-Preis 2017 an Olu Oguibe

→ documenta Kassel