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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

„(An-)Sichten. Das Künstlerische im Dokumentarischen“ in der DZ BANK

Traumhaft entrückt und dokumentarisch

von Petra Kammann

„Die Kunst des Sehens“ – Barbara Klemm lehrt sie uns nicht nur durch ihre eigenen Fotografien. Sie macht uns auch mit der Kunst des Sehens vertraut, wenn sie die besonderen An-Sichten ihrer Fotografenkollegen vorstellt. Aus der rund 8000 Bilder umfassenden fotografischen Sammlung der DZ BANK wählte sie 72 fotografische Kunstwerke von 22 internationalen Künstlerinnen und Künstlern zwischen 1933 bis 2007 aus, die jetzt im ART FOYER der Bank zu sehen sind: analoge Fotografien, mit denen wir die Zeit neu erleben… Eine puristisch-überzeugende Auswahl der mehrfach preisgekrönten Bildautorin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung Barbara Klemm, die sich vorwiegend mit dem künstlerischen Potenzial des Dokumentarischen befasst hat.

Ausstellungsansicht im ART FOYER der DZ BANK mit Laurenz Berges Foto „Hannover“ von 2006 am Ende, Foto: Petra Kammann

Steigt man die steile Treppe im ART FOYER nach oben in den Ausstellungsraum, fällt der Blick sogleich auf eine sich am Boden spiegelnde Fotografie von Laurenz Berges (*1966), der einst als Meisterschüler von Bernd Becher an der Düsseldorfer Kunstakademie Fotografie studierte. Können wir uns dem beunruhigend stillen Bild entziehen, schimmert doch der Umriss einer undefinierbaren Gestalt durch ein Tapetenmuster hinter einer Glastür? Die Gestalt scheint zu verschwinden, sobald man sich dem Bild nähert. Stattdessen rücken zwei Lichtschalter am linken Bildrand in den Fokus, deren konkrete Verortung man nicht ausmachen kann.

Öffnet sich die Tür ins undefinierbar Dunkle oder in die Leere? An der linken Wand hängen Fotos von alten, verlassenen, russischen Kasernen in Ostdeutschland, die wie leere Hüllen einer Vergangenheit wirken. Sucht Laurenz Berges die Spuren längst verschwundener Bewohner? Oder was verbirgt sich hinter dem ersten Eindruck dieses zwie­späl­tig anmu­tend kargen Bildes?

Die Frage, ob Fotografie nur die schlichte Realität dokumentiert oder ob es neben dem Dokumentarischen ein „zweites Sehen“ gibt, durchzieht die Ausstellung. Sie gibt unterschiedliche Antworten darauf – in vielfältigen und verschiedenartigen Bildern, mal grafisch, mal malerisch, mal skulptural, je nach Künstler. Das Verbindende ist jeweils die strenge Form der Komposition und das Behaupten des Fotos im Raum, und wie es von dort aus die Bezüge zu den anderen Fotos aufnimmt. Daher exemplarisch nur einige Eindrücke.

Die Fotografin Barbara Klemm und Dr. Christina Leber, Leiterin DZ BANK Kunstsammlung, erläutern die Ausstellungskonzeption

Christina Leber, die Sammlungsleiterin der DZ BANK, erwähnt in ihrem Gespräch mit der Gastkuratorin Barbara Klemm, dass es ihr ein Anliegen gewesen sei, in dieser Ausstellung auch die künstlerische Arbeit ihrer Kollegen und Kolleginnen aus dem früher anderen Teil des Landes zu würdigen, wie zum Beispiel Arno Fischer (1927 – 2011) und Sibylle Bergemann (1941 – 2010). Bei ihren frühen Reportagereisen für die FAZ war Barbara Klemm neben vielen anderen auch diesen beiden Ost-Fotografen begegnet.

Deren offenes Haus, eine Atelierwohnung am Berliner Schiffbauerdamm, war außerdem in DDR-Zeiten sowohl eine beliebte Anlaufstelle als auch ein angesehener Treffpunkt für Fotografen und Künstler aus der ganzen Welt. So verkehrten dort auch so internationale Größen wie Henri Cartier-Bresson oder Helmut Newton, und eben auch Barbara Klemm.

In einem Land Modeaufnahmen zu machen, dem es an Glamour fehlte, in dem es keine Vogue und keine Elle gab, die mit hohem technischen Aufwand Models tagelang vor der Kamera posieren und ausleuchten lassen, war für die DDR-Fotografen eine echte Herausforderung. Aber sie beherrschten bestens ihr Handwerk. So hat Sibylle Bergemann mit Fotos wie „Allerleihrauh“ eine hohe Aufmerksamkeit erzielt. Fotos, die mit einfachen Mitteln produziert wurden, aber großartig inszeniert waren. Da posiert etwa ihr Mannequin Heike in einem üppig barock drapierten Kleid mit übereinander geschichteten Stoffbahnen vor der herunterge-kommenen Mauer eines Ost-Berliner Hinterhofs.

Stolz, schlicht und prächtig sitzt Heike in königlicher Haltung da. Die marode Mauer verschafft ihr zusätzlich einen malerischen Fond. Dieses und ähnlich sehnsüchtig machende Fotos erschienen meistens in der Modezeitschrift Sibylle, die ihr Mann Arno Fischer, einer der bedeutendsten Fotografen der DDR, zur herausragenden Mode- und Kulturzeitschrift der DDR entwickelt hatten und sie wurden zu Ikonen. Dabei kam auch ein Stück trister DDR-Realität zum Vorschein, vor deren Hintergrund dem Individuum ein Denkmal gesetzt wurde. Ob das den Herren vom ZK gefallen hat, die von der Stilisierung des Individuums nicht viel hielten?

„Allerleirauh“, Heike, Modefotografie, 1988, Ost-Berlin, DDR, Silbergelatine-Abzug auf Barytpapier, 47 x 34,5 cm

Das Skulpturale dieser schönen Bildes, gehängt neben den kontrastreichen Schwarzweiß-Fotos des italienischen Fotografen Mario Giacomelli (1925 – 2000) mit den ausgelassen tanzenden Priesterseminaristen in ihren schwarzen Kutten, kommt an diesem Ort besonders gut zur Geltung.“Ich habe keine Hände, die mein Gesicht streicheln“ nannte Giacomelli eine zwischen 1961 und 1963 entstandene Fotoserie, die junge, im Schnee spielende Priester zeigt.

Die Priesteranwärter in schwarzer Kutte verströmen dabei eine melancholische Heiterkeit, wirken sie doch auf dem weißen Hintergrund des Fotopapiers wie hingetupft und erinnert die Komposition doch strukturell an den tänzerischen „Reigen“ des französischen Malers Henri Matisse. Von erhöhten Stellen im Gelände, bisweilen auch vom Flugzeug aus hat Giacomelli Äcker und Landschaften fotografiert, die abstrakten Gemälden ähneln. Sie hängen auf der Querwand gegenüber. Flächen wie Kreise, Rechtecke, Quadrate, Dreiecke und Rauten führen bei Giacomelli ebenso wie Striche, Linien und Punkte zur Abstraktion der Bildinhalte. 

Ohnehin sei es eine „Wanderung durch die kunsthistorischen Blickachsen“ geworden, als Barbara Klemm um die 700 Bilder angeschaut und dann eine Auswahl getroffen habe. Die Tochter des Malers Fritz Klemm ist überzeugt, dass der Besuch von Museen für Fotografen allemal anregend für die Komposition von Aufnahmen ist. „Maler haben es leichter, weil sie eine Komposition anlegen können, wie sie es möchten. Wir Fotografen sind viel abhängiger von den äußeren Bedingungen (…), eine gute Komposition hinzubekommen, ist ziemlich schwierig“, sagt sie. Für diese Ausstellung fand sie Arbeiten, die sie zwar mit „fremdem Blick“ angeschaut habe, die ihr aber nicht fremd gewesen seien.

Arno Fischer, „Müritz“, 1956, DDR, Silbergelatine-Abzug auf Barytpapier, 46 x 34,5 cm

Arno Fischer, sowohl Starfotograf der DDR als auch Vertreter des klassischen Bildjournalismus und Mentor für den Nachwuchs, arbeitete in der Zeit vor der Wende intensiv in Berlin als Fotograf und Publizist, immer die Situation der geteilten Stadt im Hinterkopf. In den sechziger Jahren hat er zudem maßgeblich die Bildsprache der legendären Mode- und Kulturzeitschrift Sibylle geprägt. Er fotografierte Menschen in Städten und Landschaften wie in „Müritz, 1956“.

Da sehen wir, eingerahmt von der Brüstung einer Seebrücke, vier einzelne Menschen in kalter Jahreszeit, deren Blicke aneinander vorbei in den leeren Horizont starren. Fischers Beschäftigung mit dem Menschen und seiner Existenz führte zu Bildern, die wie offene Erzählungen wirken, die das Leben schreibt. Es macht die Bilder einerseits so politisch, lässt sie aber auch über die Entstehungszeit hinaus ihre starke Wirkung entfalten. An anderer Stelle fällt der Blick auf seine „Marlene Dietrich 1964 in Moskau“. Da spürt man förmlich die Vereinsamung des einstigen Glamourstars Marlene Dietrich, die sich in ihrem Glitzerkleid im halben Scheinwerferlicht geradezu scheu hinter dem Vorhang versteckt.

Christina Leber, die während des Auswahlverfahrens in ständigem Austausch mit Barbara Klemm stand, unterstreicht das Erzählerische vieler Arbeiten, verweist dabei auf die besondere Bedeutung der ostdeutschen Fotografie und erinnert an eine Ausstellung der DZ BANK vor 10 Jahren: „Denk ich an Deutschland…“. Die DDR sei immer ein Land der Fotografie gewesen. Und es stimmt: Obwohl dort Mangel herrschte, gab es  vergleichsweise viele Fotografinnen und Fotografen, Betriebsfotogruppen, Fotozirkel, fotografische Lehranstalten, Fachverbände, zentrale Fotowettbewerbe, Leistungsschauen bei den Arbeiterfestspielen, Ausstellungen, Foto-Bücher usw…

Fotografen waren gefragt. Schon wie bei der damaligen Ausstellung, das wird klar, geht es auch jetzt bei Bildern aus der ehemaligen DDR um den subjektiven Blick auf die Alltagsverhältnisse unter sozialistischen Bedingungen, nicht aber, wie es vor zehn Jahren hieß, „um die Jubelbilder der Propaganda-Fotografen“, sondern  um „die ungeschminkten Zeugnisse nicht-korrumpierter Individualisten“. Außerdem gebe es eine künstlerische Tradition. So habe man bereits 20 Jahre vor der Fotoschule der Düsseldorfer Akademie in Leipzig an der legendären Hochschule für Grafik und Buchkunst Fotografie studieren können.

Pietro Donzelli, Reti sul Canal Bianco, 1954/1994, Silbergelatine-Abzug auf Barytpapier, Blatt 39,9 x 50,3

Im Zeitalter der Handyfotografie scheint auch ein wichtiges Motiv bei der Auswahl der Fotos das „Stillstehen der Zeit“ gewesen zu sein, das uns ein genaues, intensives Hinschauen abverlangt. Das erlebt man besonders bei den Fotografien des Mailänder Fotografen Pietro Donzelli (1915-1998). Völlig unsentimental und ganz unmittelbar hat er in den fünfziger Jahren in seiner Serie „Terra senz’ombra“ die Abgeschiedenheit der Poebene und die Ferne jeglicher Modernität in seinen Schwarz-weiß-Fotografien eingefangen. Auf seinen Bildern scheinen alle Uhren angehalten zu sein. Im „Licht der Einsamkeit“ herrscht auf seinen Bildern mit den den verschiedenen Bildebenen und Wasserspiegelungen die totale Stille und und eine genießerische Einsamkeit, die das Foto einer Alltagsszene zu einem poetischen Bild machen.

Claus Bury, „Bauernarchitektur“, 2005

Nicht nur skulptural, sondern geradezu architektonisch wirken dagegen die Fotografien der Heuballen von Claus Bury (*1946 in Gelnhausen). Bekannt wurde Bury vor allem durch seine monumentalen architektonischen Skulpturen im öffentlichen Raum wie z.B. die zehn Meter hohe architektonische Skulptur „Wir sitzen alle in einem Boot“ in Gelnhausen aus dem Jahre 1996, wofür er ausschließlich Holz aus Windbrüchen oder Umweltschäden verarbeitet hat.

Seine Fotografien aber entstanden, als er die gigantischen Blöcke – die aus zig Pressbündeln zusammengesetzten Strohstapelungen – per Zufall auf umliegenden Feldern entdeckte. Er nahm die Bilder als Ausgangspunkt für seine Großplastiken auf. Irritierend sind die leicht versteckten Eingänge, die durch ihre spezifische und vielseitig „geöffnete“ Gestalt eine räumliche und optische Durchdringung von Architektur und Umraum bewirken und somit einen Bezug zur Topografie der Umgebung herstellen, so als könne man durch diese Gebilde hindurchgehen.

Burys Überzeugung: Würden die Betrachter diese „Skulpturen“ erwandern, so würden sich ihnen unmittelbare Möglichkeiten eröffnen, Raum und Zeit zu erfahren. Wegen seiner zahlreichen Reisen durch Europa, die USA oder Ägypten hatte sich Claus Bury von den unterschiedlichsten Urformen der Architektur wie Tempelbauten oder Pyramiden inspirieren lassen. So strahlen die Heuballen geradezu eine archaische Schönheit aus, und sie erinnern in manchem an die Ernteszenen mit Heuhaufen auf den bekannten Bildern von van Gogh, Monet oder Brueghel.

Boris Savelev, Zwei Schatten, Moskau, 1990, UltraStable Pigmentdruck auf Polyester, Blatt: 41,7 x 60 cm

Das Gros der von Barbara Klemm überzeugend ausgewählten Werke besteht aus Schwarz-Weiß-Fotografien. Einige wenige farbliche Akzente hat sie mit ihrem feinen Gespür für künstlerische Bildkompositionen allerdings auch gesetzt, so zum Beispiel mit den delikaten, bewusst unscharf gehaltenen Arbeiten des ukrainischen Fotografen Boris Savelev (*1947 in Czernowitz), wie „Zwei Schatten, Moskau“ aus dem Wendejahr 1990. Nur schemenhaft erkennbar sind zwei sich spiegelnde Schattengestalten hinter einer dunkel milchigen Scheibe und die dahinterliegende Stadt.

Zu den übereinandergelegten Schichten kommt Boris Savelev, indem er mit alternativen Druckverfahren experimentiert, sogar mit alten, aus dem 19. Jahrhundert stammenden hoch raffinierten Techniken, bei denen in mehreren Arbeitsschritten Gipsschichten auf Aluminiumplatten gebracht, getrocknet und dann händisch mit Schleifpapier geglättet werden. Maschinell werden anschließend durch eine Druckerkonstruktion die Farbsegmente in mehreren Schichten millimetergenau aufgesprüht, bis das Bild zutage tritt, das der Fotograf im Druckprozess dann noch mal korrigiert. Zum Abschluss dieses Prozesses werden die Bilder mit einer feinen Wachsschicht überzogen und poliert. Das Endprodukt wirkt wie alte Malerei.

Präsentiert werden etliche weitere Arbeiten aus der Kunstsammlung der Bank, die alle einer speziellen Wahrnehmung wert wären, die hier aber nicht erwähnt werden. Wie jene von Roger Ballen, Gabriele Basilico, Pietro Donzelli, André Gelpke, Anthony Haughey, Helen Levitt, Will McBride, Simone Nieweg, Robert Rauschenberg, Timm Rautert, Evelyn Richter, Heinrich Riebesehl, Shirana Shahbazi, Dennis Stock, Wolfgang Volz, Ulrich Wüst und und… Sprich: Der Weg ins ART FOYER lohnt sich unbedingt. Man wird durch neues Sehen reichlich beschenkt, auch durch die Zeit, die man sich für die Bilder nimmt.

[AN-]SICHTEN
Das Künstlerische im Dokumentarischen 
Eine Auswahl von Barbara Klemm
noch bis 1. Februar 2020

Eintritt frei

ART FOYER der DZ BANK
Platz der Republik
60265 Frankfurt am Main

Öffnungszeiten
Di. bis Sa. 11 bis 19 Uhr

Winterschließzeiten im ART FOYER
24.12.2019 – 01.01.2020

Kontakt: 069 7447-42030, kunst@dzbank.de

 

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