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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

„Point of No return“ – Eine bemerkenswerte Ausstellung im Museum der bildenden Künste Leipzig

Risse in der Mauer und Umbruch in der ostdeutschen Kunst statt Wende

Eine Neudefinition künstlerischen Schaffens vor und nach 1989

Von Petra Kammann

Das Gros der in der DDR entstandenen Kunst landete nach dem Mauerfall meist unbesehen im Depot. Nach nunmehr 30 Jahren ist es endlich Zeit, auf die Abstinenz des Ostens aufmerksam zu machen. In Leipzig dokumentiert eine grenzüberschreitende Ausstellung die Könnerschaft von 106 ostdeutschen Künstlern und Künstlerinnen in mehr als 300 Werken und garantiert die Widerstandskraft einer vielfältigen und lebendigen Kunstszene von „Hiergebliebenen“, „Rebellen und Reformern“ sowie die von „Dissidenten“. In Leipzig werden Arbeiten von ostdeutschen Künstlern aus drei Generationen präsentiert, die in der DDR in unterschiedlichen Städten, Schulen, Milieus und Szenen wirkten. Der Blick nach Leipzig ist lohnenswert.

Blick auf Doris Zieglers erstmals gezeigten Bilderzyklus „Passage“ (1988-1994), Foto: Petra Kammann

Blick in die große Halle der Ausstellung, Foto: Petra Kammann

Wie kein anderes Ereignis hat der Mauerfall vor 30 Jahren die deutsche Nachkriegsgeschichte verändert und geprägt. Für viele ostdeutsche Biografien war es zweifellos der entscheidende „Point of No Return“ und mit ihm auch die ins Kippen gekommenen Strukturen eines Kunstsystems, das es ungleich viel schwerer hatte als die Westkunst. Mühsam mussten die Künstler sich einen Freiraum für künstlerische Entwicklungen schaffen, um durch Grenzüberschreitungen und Experimente die eigene Zeitgenossenschaft unter Beweis zu stellen.

Dieses Manko spiegelte sich ebenfalls im Fehlen entsprechender ostdeutscher Positionen in den Ausstellungen der globalisierten Museen des Westens. Abgesehen vom Aachener Sammler-Ehepaar Ludwig oder einzelnen Galerien, kamen bei Retrospektiven zur zeitgenössischen Kunst  die Arbeiten der ostdeutschen Künstler häufig erst gar nicht vor.

War allein schon für den „Durchschnittsbürger“ der Übergang von einer sozialistischen in eine kapitalistische Wirtschafts- und Institutionenordnung nicht immer gerade einfach, so traf dies umso mehr auf Künstler zu, die sich durch ihr individuelles Außenseitertum oft vorher schon subversive Wege suchen mussten, um ihren kritischen Weg weiter verfolgen und überhaupt weiter arbeiten zu können. Nach dem Mauerfall zahlte sich, von wenigen Ausnahmen abgesehen, deren Haltung nicht etwa aus, sie verschwanden abermals in der Versenkung, weil sie an der über einige Jahrzehnte gewachsenen westlichen Moderne nicht nahtlos anknüpfen konnten.

Wasja Götze, Die reizende Mauer, 1998, Öl auf Pappe, 69 x 100, Halle, Museum der bildenden Künste, Leipzig

Selbst gegenüber den sonst auch häufig in der inneren Emigration arbeitenden Schriftstellern, die sehr viel schneller eine „neue Heimat“ in westdeutschen Verlagen fanden, war es für die ostdeutschen bildenden Künstler nochmal schwerer. Sie mussten sich, wenn sie wahrgenommen werden wollten, durch das Gestrüpp der westlichen Kunstszene und deren Markt einen Weg bahnen, während sie sich gleichzeitig auf den unmittelbar folgenden globalen Strukturwandel und lokal-regionalen Umbruch einlassen mussten. So sahen sie sich einem doppelten Transformationsprozess ausgesetzt und gerieten dadurch in eine neue Sackgasse. Es gab keine Zurück mehr, aber auch kein „Vorwärts“. So jedenfalls schien es.

Die Leipziger Ausstellung „Point of No return. Wende und Umbruch in der ostdeutschen Kunst“ hat sich diesem Phänomen gewidmet und stellt nun noch bis zum 3. November 2019 etwa 300 Werke verschiedenster Gattung von 106 Ost-Künstlern und Künstlerinnen, deren Namen bei uns oft unbekannt sind, im Museum der bildenden Künste Leipzig (MdbK) aus. Drei Kuratoren wie der Direktor des Dresdner Instituts für Kulturstudien, Paul Kaiser, der Leiter des Berliner Künstlerhauses Bethanien, Christoph Tannert, als auch Alfred Leidinger, Direktor des MdbK, haben sich aus diesem Grund zusammengetan, um Abhilfe zu schaffen und ein möglichst weit gefächertes Bild von der künstlerischen Auseinandersetzung der ostdeutschen Künstler zu zeichnen.

Dabei beziehen sie sich sowohl auf die unmittelbare Vorgeschichte der Friedlichen Revolution als auch auf die Transformationzeit nach 1989. Da werden in einigen Gemälden die „Risse in der Mauer“ förmlich greifbar wie bei den visionären Grenzgängern im „Niemandsland“ eines  Roland Nicolaus oder Wolfgang Pauker. Wer, wie der Hallenser Wasja Götze, an der westlichen Tradition der Pop Artisten anknüpfen wollte, fiel natürlich gleich durchs Raster und wurde ausgegrenzt.

Die Schau versucht insgesamt, einen umfassenden Überblick von Werken der „Hiergebliebenen“, der „Rebellen und Reformer“ wie auch denen der „Dissidenten“ zu vermitteln.

Blick in die Ausstellung, Foto: Petra Kammann

Verblüffend ist nicht allein die Vielfalt der Stile der Künstler, die früher gern mit dem Generaletikett „Sozialistischer Realismus“ abgetan wurden. Deutlich wird in den Exponaten ebenfalls die durch die politische Lage hervorgerufene riskante Ernsthaftigkeit der häufig existenziell betroffenen Künstler und Künstlerinnen, die der Lage durch teils ironische Auseinandersetzung, teils durch hintergründige Anspielungen versuchten, die Stirn zu bieten. Bemerkenswert ist dabei die größtenteils hervorragende handwerkliche Qualität und Tiefe der Arbeiten, die zwischen absurd-surrealen und stark expressiven Elementen changieren.

Da werden Zweifel vor und nach der Maueröffnung thematisiert und, ob die Selbstbefreiung wirklich gelingen kann. Vom einstigen Heisig-Schüler Trak Wendisch sehen wir aus dem Jahr 1983 den düster wirkenden „Mann mit Koffer“ zwischen Weggang und Ankunft, der eigentlich schon gedanklich bei der Ausreise ist, aus dem Jahr 1988 dann die in sich zusammengekauerte verzweifelte Gestalt mit dem Titel „Zungenabschneider“ und schließlich aus dem Jahr 1989 „Das befreite Volk auf der Bornholmer Brücke“, auf dem sich unter der überwältigenden grünen Brückenkonstruktion die Menschen in Tausenden von Farbtupfern aufzulösen scheinen…

Im erstmals gezeigten Passagenwerk der Leipziger Künstlerin Doris Ziegler, die vor 1989 vergeblich einen Ausreiseantrag gestellt hatte, erleben wir den „Aufbruch auf der Straße“ im Jahr 1989, dann aber auch die „Musikanten“ aus der Serie „Übergangsgesellschaft“ von 1993, die wie eine verhärmte Companie von Commedia dell’Arte-Gestalten wirkt, weil ihr Spiel nichts mehr wert zu sein scheint.

Aber auch die jüngere Generation ist vertreten wie Henrike Naumann, die 1984 in Zwickau geborene Enkelin des in der DDR nichtkonformen Künstlers Karl Heinz Jakob (1929 – 1997). Ein Detail aus der Großinstallation „DDR Noir“ macht die „Vollmöblierung“ mit den Imitatflächen als Sinnbild der Wende sichtbar. Die bei Designsaccountern Anfang der 1990er Jahre von ihr zusammengekaufte bizarre Second-Hand-Welt aus Regalelementen stellte sie konzeptionell jeweils in neue Zusammenhänge wie zuletzt in Frankfurt in der Ausstellung „Weil ich nun mal hier lebe“. In Leipzig schlägt sie den Bogen zu ihrer Familie, vor allem zum geliebten inzwischen verstorbenen Großvater, der als Porträtbüste von Berthold Dietz auf einem ausrangierten Regal anwesend ist oder mit seinem Gemälde „Paar mit schwangerer Frau“ mit ihrer Großmutter aus dem Jahre 1959.

Blick auf: „DDR noir“ von Henrike Naumann, Nele Jakob, Daniel Jakob, integriert: Karl Heinz Jakob, Paar mit schwangerer Frau, 1959, Foto: Petra Kammann

Henrike Naumann, Enkelin des Malers Karl Heinz Jakob, stellte kürzlich im MMK Tower in Frankfurt aus, Foto: Petra Kammann

Natürlich sind auch die bei uns bekannteren Künstler präsent wie die Vertreter der Leipziger Schule oder der Neuen Leipziger Schule mit Bernd Heisig, Sigard Gille, Arno Rink, Neo Rauch, Volker Stelzmann, dann der Ost-Berliner Maler Hans Ticha, der derzeit noch bis zum 6. November in der Frankfurter Galerie Hanna Bekker vom Rath ausstellt. Einar Schleef mit seinem eindringlichen zwischen 1978 und 1983 entstandenen „Klage“- Zyklus der klaustrophoben Telefonzellen, die für Kammerspielszenen taugen, wurde bei uns vor allem durch seine Inszenierungen am Schauspiel Frankfurt bekannt. Etliche Namen sollte man sich aber ebenfalls merken wie Micha Brendel, Kurt Buchwald, Hartwig Ebersbach, Lutz Fleischer, Thomas Florschuetz, Lutz Friedel, Ellen Fuhr, Klaus Hähner-Springmühl, die Dresdnerin Angela Hampel, Eberhard Havekost, Johannes Heisig, Sabine Herrmann, Frenzy Höhne, Via Lewandowsky, Walter Libuda, Peggy Meinfelder, Gudrun Petersdorff, Wolfgang Petrovsky, Wolfgang Peuker, Christine Schlegel, Cornelia Schleime, Annette Schröter oder Ulla Walter, Strawalde. Unmöglich, sie alle aufzulisten…

Stupend ist das meisterlich in Renaissance-Manier gemalte eher kleinformatige Mauerbild vom „Herbst 89“ des Malerfürsten der DDR Werner Tübke, das geradezu religiöse Dimensionen hat, schwankt es doch zwischen Apokalypse und Erlösung mit den auf der Mauer antikisierenden musizierenden Engeln.

Soviel jedenfalls steht fest: In der Rezeption ostdeutscher Kunst ist auf jeden Fall noch Luft nach oben, diese Werke können es mühelos mit manch fader Installation in den globalisierten Museen des Westens aufnehmen. Der informative Katalog „Point of No return“ aus dem Hirmer Verlag, hrsg. von Alfred Weidinger, Paul Kaiser und Christoph Tanner, bietet eine erste Orientierung. Verstärkend wirken zudem auch die den Kunstwerken teils so eigenständigen wie erläuternden zugeordneten Texte ostdeutscher Schriftsteller wie die von Volker Braun, Durs Grünbein oder Kurt Drawert.

„Sturzlage 2019“: Im Eingang des Museums erregt ein Ensemble von umgekippten Stühlen die Aufmerksamkeit der Besucher. Die Denkmalpflegerin Gabi Dolff-Bohnekämper hat die einstigen Stühle vom zentralen Runden Tisch der DDR, von dem aus seinerzeit mit Vertretern etablierter Parteien über eine Erneuerung der DDR diskutiert wurde, total verstaubt im Lager der Bundesakademie für Sicherheitspolitik vorgefunden, Foto: Petra Kammann

 

Der Katalog wurde ermöglicht von der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung. Im Museumsshop für 35 € und im Buchhandel für 45 € erhältlich.

 

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