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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

„Nathan der Weise“ von Gotthold Ephraim Lessing im Theater Willy Praml in der Naxoshalle

Die Fähigkeit, sich gegenseitig in die Arme zu fallen

von Renate Feyerbacher

Nathan der Weise: Sittah, Schwester des Sultans, und Sultan Aladin, Alle Fotos: Seweryn Zelazny/ Theater Willy Praml

Das Theater Willy Praml in der Naxoshalle beheimatet, hat „Nathan der Weise“, das Dramatische Gedicht  von Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781), nach zwei Jahren wieder aufgenommen. Es ist Lessings letztes Bühnenwerk – geschrieben 1779, uraufgeführt 1783 in Berlin. Heute noch spielbar? Lessings analytisch-klare Dialoge, die sich um die drei großen Weltreligionen Judentum, Christentum, Islam drehen und das dramatische Geschehen, könnten zeitnäher und aktueller nicht sein.

Präambel: Als Nathan die Ring-Parabel erzählt, dringen Rauchschwaden durch die Ritzen. Auschwitz erinnernd. Alarm geht los und die Besucher werden aufgefordert, den Zuschauerraum zu verlassen und in die große Halle zu gehen. Wen wundert es, so mein Gedanke, da doch die Naxoshalle wegen des Brandschutzes Probleme hatte und 2018 von Schließung bedroht war. Abends zuvor hatte es im TV-Magazin „quer“ des Bayerischen Rundfunks einen Beitrag über die vielen Fehlalarme gegeben, und ich erinnerte mich an den Fehlalarm in der Oper Frankfurt vor Jahren während der Arie der Donna Anna aus Mozarts „Don Giovanni“.

Nein, es war kein Fehlalarm gleich zu Beginn des Nathan, sondern ein Regieeinfall.

Immer wieder ist im Stück von Feuer die Rede: der Brand von Nathans Haus oder später der Patriarch, der auf seiner Forderung beharrt: „Der Jude wird verbrannt“. Wie der Schauspieler Reinhold Behling diesen Satz mehrfach in die große Halle schleudert, das geht unter die Haut und macht deutlich, dass es Willy Praml, der 2011 den Binding Kulturpreis erhielt, http://www.feuilletonfrankfurt.de/2018/05/12/kafkas-amerika-fragment-der-verschollene-im-theater-willy-praml/- , nicht nur um multikulturelle Toleranzgedanken, sondern auch um die Erinnerung an die Jahrhunderte währenden Gewaltszenarien an den Juden geht.

Feuerwehrwagen Recha, Nathan und Mitglieder des arabischen Chors

Als Feuerwehrleute verkleidet, wuseln die Schauspieler des arabischen Chors herum, ein großer Feuerwehrwagen postiert sich am Ende der Halle. So erfährt Nathan, dass seine Tochter Recha, wie sich später herausstellt, nicht seine eigene ist, von einem deutschen Tempelherrn gerettet wurde. Der aber sofort nach der Rettungsaktion verschwand und Recha aufgrund des weißen Kreuzrittermantels überzeugt ist, dass sie von einem Engel gerettet wurde.

Die Geschichte spielt in Jerusalem, was Juden, Muslime und Christen als ihre heilige Stätte, als „Die Heilige“ ansehen. Sultan Saladin hatte 1187 die christlichen Kreuzritter besiegt. Erneut gibt es Unruhen. Nathan verlor in einer Pogromnacht seine Frau und seine sieben Söhne, der Tempelherr klagt über die Hinrichtung von neunzehn seiner Mitstreiter. Wieso wurde er vom Sultan  verschont? Ähnlichkeit mit seinem Bruder, heißt es im Gefolge. Sultan Saladin (Muawia Harb) wechselt zwischen arabischer und deutscher Sprache. Sehr eindringlich und authentisch. Ein Hebräisch singender Chor kommt später dazu. Überhaupt  wird viel Wert auf die Sprache gelegt.

Arbeitstische, Rampen aus dem Fabrikbestand werden herangefahren. Auf ihnen agieren die Protagonisten für alle gut sichtbar. Die Requisiten – es sind nur wenige – sind groß dimensioniert, so das leicht gekippte Kreuz, das der hitzige Tempelherr (Michael Weber) vor sich her schiebt, sich darauf legt und später Recha (Hannah Bröder) besteigen lässt. Stühle werden auf einer Transportkarre aufeinander gestapelt, und dienen als fahrbarer ‚Prunkstuhl‘ für den Derwisch Al-Hafi (Mohammed Ismail). Michael Weber, der auch für Dramaturgie, Bühne und Kostüme zuständig ist, überrascht mit außergewöhnlichen Ideen.

Daja, Nathans christliche Gesellschafterin (Birgit Heuser, die auch Sittah spielt), gibt das Geheimnis der Christin Recha preis, die von Nathan, dem reichen Juden (Jakob Gail), als Jüdin erzogen wird. Woraufhin der Patriarch fordert: „Der Jude wird verbrannt.“

Vielstimmig im Schein von Fackeln wird die Ringparabel deklariert. Ein eindrucksvoller, besinnlicher Moment in diesem turbulenten Geschehen mit seinem eigenwilligen Schluß.

Der mehrsprachige Abend verlangt dreieinhalb Stunden absolute Aufmerksamkeit. Sieben Stunden soll der Original-Lessingsche Text dauern.

Willy Praml und seinem Team ist wieder eine außergewöhnliche Interpretation – Wiederaufnahme – gelungen, die noch bis zum 8. Oktober in der denkmalgeschützten Naxoshalle zu sehen ist.

 

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