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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Der Verlag der Autoren – seit 50 Jahren in Frankfurt

Ein Verlag, der den Autoren gehört. Und ein Lesefest aus „Fundus“ im Schauspiel Frankfurt.

von Renate Feyerbacher (Text und Fotos)

Karlheinz Braun und Wim Wenders nach der Gala

Das Haus, in dem dieser außergewöhnliche Verlag residiert, liegt bahnhofsnah, kein Prunkstück von außen. Dafür innen klar und hell, zweckmäßig eingerichtet. Außergewöhnlich – wieso?

Da gab es mal einen Verlag in der Stadt, der hieß Suhrkamp, sein Verleger bis 2002, da starb er, Siegfried Unseld. Seine Witwe Ulla Unseld-Berkéwicz bestand nach geschäftlichen Turbulenzen auf dem Umzug nach Berlin, dort ist er nun seit Januar 2010.

Aber darum geht es in diesem Beitrag nicht, sondern um den sogenannten ‚Lektorenaufstand‘ von 1968, bei dem führende Lektoren des Suhrkamp Verlags von Verleger Siegfried Unseld Mitsprache bei der Programmgestaltung und Teilhabe am Verlag forderten. Eine Idee, die damals en vogue war.

An eine Trennung war zunächst nicht gedacht, dazu kam es dann aber. Die ‚Rebellen‘ gründeten ihren eigenen Verlag, den Verlag der Autoren, der denselben auch gehört und in diesem Jahr sein sage und schreibe 50jähriges Bestehen feiern konnte.

Walter Boehlich, Karlheinz Braun, Peter Reichert, Peter Urban und Urs Widmer waren die ‚Rebellen‘. Sie veröffentlichten 2011: die „Chronik der Lektoren. Von Suhrkamp zum Verlag der Autoren“.

Walter Boehlich, Karlheinz Braun, Klaus Reichert, Peter Urban, Urs Widmer: Chronik der Lektoren. Von Suhrkamp zum Verlag der Autoren. Verlag der Autoren, Frankfurt am Main 2011, 216 Seiten, ISBN 978-3-88661-345-8

Marion Victor und Karl Heinz Braun am 31.10.2015 im Gallus Theater – szenische Lesung von „Der Müll, die Stadt und der Skandal“…. 

Marion Victor, (Dr. Dr.h.c.) Kunstakademie und Universität Stuttgart, Dramaturgin, ab 1985 Lektorin, und von 1989 bis 2010 Geschäftsführerin des Verlags, hat zusammen mit Wolfgang Schopf, dem gerade mit der Ehrendoktorwürde der Universität Oldenburg ausgezeichneten Leiter des Literaturarchivs der Goethe-Universität, ein Mammut-Buchwerk namens „FUNDUS – Das Buch vom Verlag der Autoren 1969-2019“ herausgegeben. Sibylle Weiß hat die archivarische Arbeit der beiden Herausgeber ideenreich gestaltet.

Renate Feyerbacher schöpft aus dem FUNDUS-Buch, Foto: Beatrice Feyerbacher

Die spritzige, witzige, originelle, einfach tolle Feier, eine Performance, im Schauspielhaus Frankfurt am 14. Juni eröffnete Annette Reschke, Lektorin, Herausgeberin und Vorsitzende der Autorenstiftung, erinnerte an wichtige Ereignisse im Jahre 1969 wie die Mondlandung, an Woodstock, an die Bundestagswahl mit dem SPD-Kandidaten Willy Brandt und kündigt den einzigen Autor des Verlages mit Q, nämlich Michael Quast, als Moderator an.

Annette Reschke am 14. Juni 2019

Dann übergibt sie das Rednerpult an einen „der dienstältesten Gesellschafter, die immer noch aktiv mit dem Verlag verbunden sind“, an den 1971 eingetretenen Wim Wenders, den Filmemacher, Buchautor und Fotografen. Seine futuristische Laudatio mit dem Titel: „Ich ziehe meinen Hut vor Euch“ wurde vom Publikum überschwänglich gefeiert.

„A very Good Evening, ladies and gentlemen, wünsche ich Ihnen an diesem denkwürdigen hundersten Anniversary des ‚Verlag der Autoren‘ im Juni 2069“, so beginnt Wenders seine Rede. [..] „How could such a gathering of authors and creative minds survive, wie konnte sich ein solches eigentlich utopische Unterfangen so lange halten, hundert Jahre lang?“ [..] Am Hundertsten Geburtstag von Karlheinz Braun, am 4.Juli 2032, gab er seiner Enttäuschung Ausdruck, dass die Vereinigte Europäische Staatengemeinschaft das alte europäische Autorengesetz zugunsten des amerikanischen Copyright aufgegeben hatte.“ „United Authors“ so hieß der Verlag der Autoren kurze Zeit später.

Dann geht Wenders auf die half-time ceremony, die 50. Geburtstagsfeier, ein  und blickt zurück: „als nämlich ein Haufen ratloser Filmautoren und Regisseure sich in München zusammentun wollte, um gemeinsam stärker zu sein als jeder für sich allein und die damit hoffnungslos verloren waren in einer maroden Filmwirtschaft, die mit uns nichts zu tun haben wollte.“

Karlheinz Braun (KHB) kam als Hoffnungsträger zu der langhaarigen Revoluzzer-Bande nach München mit gesellschaftlichem Wissen und Coolness, wie Wenders, der sich „der letzte Mohikaner“ nennt, erzählt und lobt Brauns „ansteckenden Mut, die bestehenden Verhältnisse zu ändern und die Autoren hinter das Steuer zu setzen, statt sie immer nur als Trittbrettfahrer und Tramper am Straßenrand stehen zu lassen.“

Wim Wenders am 14. Juni 2019 auf der Bühne sitzend

Dann ging es los mit den Kurzbeiträgen aus dem FUNDUS. Der vielfach ausgezeichnete Kinderbuchautor und Regisseur Ulrich Hub, meist gelesen, meist verkauft, eröffnete den Lesereigen mit Jochen Ziems Tagebuchnotiz von 1969 „Nach zweieinhalb Stunden ist der Verlag gegründet.“ (FUNDUS S,14)

Kinderbuchautor Ulrich Hub

Der isländisch-deutsche Schriftsteller Kristof Magnusson („Männerhort“) liest einen Text von Gerlind Reinshagen (1926 – 8. Juni 2019) in Theater heute 3/1969 „[..] was heute wichtig wäre – auch im Theater – ist Gedankenproduktion und Mitverantwortung von vielen, nicht Perfektion einiger weniger.“ Anfangs beim Verlag der Autoren, verlegte sie zuletzt bei Suhrkamp.

Unmut kochte im Verlag hoch, als Karlheinz Braun 1976 den Verlag als Geschäftsführer verließ, um für drei Jahre Direktor des Schauspiels Frankfurt zu werden. Dramatikerin Dea Loher zitiert aus dem Brief, den Rainer Werner Fassbinder Januar 1977 an den Verlag schrieb und mit Kündigung drohte: „Unter den von Ihnen gewählten Delegierten ist keiner, der meine Sprache spricht, keiner, der die Köstlichkeiten meiner Verzweiflung in der Lage zu verstehen oder etwa gar zu genießen weiß.“ Hybride Fassbinder-Worte, der aber den Verlag nicht verließ, KHB kehrte zurück.

Die junge, bereits preisgekrönte Sasha Marianna Salzmann („Außer sich“– Roman 2017) – ihre Theaterstücke sind im Verlag der Autoren erschienen –, erinnert an den Theaterskandal 1981 in Hamburg „Die berühmteste Ohrfeige des Deutschen Theaters“.

Das erste Stück von Friederike Roth „Klavierspiele“ kam in Hamburg zur Uraufführung. Der Beifall war mäßig. Es gab einen Eklat. Die Autorin lehnte es ab, auf die Bühne zu kommen. Der Verleger, der neben der Autorin saß, stand auf und erklärte: „“Ich heiße Karlheinz Braun. Was Sie soeben gesehen haben, war nicht das Stück ‚Klavierspiele‘ von Friederike Roth, sondern eine Paraphrase dazu von jemandem, der nicht im Programmheft steht, dem Regisseur Christof Nel. [..].

Plötzlich stand er da, ein Kerl von einem Mann, 190 Zentimeter lang und mindestens ebenso viele Pfunde schwer, schlug Braun, dem Verleger des Stücks, fürchterlich brutal ins Gesicht – und war gleich darauf spurlos verschwunden.“ (Zitat: Zeit Nr. 09/1981)

Friederike Roth wurde von Schauspielern attackiert: „Ich habe das nicht für möglich gehalten, diese Geballtheit der männlichen Schauspieler, daß sie plötzlich zusammen standen und zusammenstehend ihre Wut auf mich losließen.“ (Gespräch gedruckt in Theater heute 3/1981 – zitiert aus FUNDUS S.78). „Klavierspiele“ von Friederike Roth wurde dann ein Erfolg.

Matthias Altenburg / Jan Seghers (Kommissar Marthaler) widmet sich dem Hörspiel- und Drehbuchautor Peter Steinbach (1938-2019), der in Leipzig geboren, ab 1953 im Westen, ein überzeugter Linker war und gegen die Wiedervereinigung wetterte. (Drehbuch zum Hunsrück-Epos „Heimat“ mit Edgar Reitz, Adaption der Tagebücher von Victor Klemperer fürs Fernsehen)

„Der Sozialismus ist tot, der Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit also aufgehoben. Wenn man schon lügt, kommt es auf die Unterschiede auch nicht mehr an:“(18. Juni 1990 – zitiert nach FUNDUS S.120)

Die Gründungsdiskussionen, die Vollversammlungen, fanden in Karlheinz Brauns leergeräumtem Wohnzimmer statt. Er hatte Stühle, Hocker und Sessel an den Wänden postiert. Peter Handke, so bemerkt Jochen Ziem in seiner schon erwähnten Tagebuchnotiz, habe bescheiden in einer Ecke gehockt, „als warte er darauf, eine Anstellung als Stenotypistin zu bekommen.

Deichsel erinnert mich an einen frühen gealterten Kontoristen, der gerade von einer Beerdigung kommt. Hartmut Lange sieht auch in diesem Kreis wie ein KGB-Agent aus, der Verhaftungsbefehle für einige der Anwesenden bereits in der Tasche trägt “ (FUNDUS S.14)

Wie muss es damals wohl zugegangen sein? Immerhin wurde schnell ein Verlag ins Leben gerufen.

Wolfgang Deichsel (1939 -2011), der hessische Molière, war Gründungsmitglied des Verlags der Autoren. Er wurde so genannt, weil er die Molièreschen Komödien in die hessische Mundart übertrug. Das kam beim Publikum an, zum Beispiel in Bad Vilbel, wo die Stücke „Tartüff“, „Schule der Frauen“ und „Der eingebildete Kranke“ (Erstaufführung), mit Michael Quast unter der Regie von Deichsel in der Wasserburg gezeigt wurden. Von 1999 bis 2003 war er mit den Bad Vilbeler Festspielen verbunden. Dort lernte ich Deichsel und Quast bei Dreharbeiten für die Hessenschau kennen.

Am 14. Juni 2019 bei der Feier im Schauspielhaus Frankfurt erinnert Michael Quast in seiner unnachahmlichen Art an Deichsels Protokoll „Vollversammlung“ von 1980. Da hat Deichsel die kuriose Diskussion zwischen der Autorin und Regisseurin Erika Runge – ebenfalls ein Gründungsmitglied – und Karlheinz Braun aufgezeichnet.

Es gab herrliche Momente an dem Abend im Schauspiel, an denen man einfach schmunzeln musste.

Die Schriftstellerin Ursula Krechel bei einer Diskussion über ihren Roman „Landgericht“, Foto: Petra Kammann

Auch Ursula Krechel bringt einen witzigen Text, nämlich Horst Laubes „Endlich Koch“ zum Besten. Die in Trier geborene Autorin bewegt sich in allen literarischen Genres. Für ihren Roman „Landgericht – Geschichte einer Familie“, der von der Vertreibung und Heimkehr des jüdischen Richters Richard Kornitzer erzählt, erhielt sie 2012 den Deutschen Buchpreis.

Ihr Bühnenstück „Erika“, das 1973 im Verlag der Autoren erschien, war ein Stück über Frauen. Kein Mann stand auf der Bühne, dennoch waren Männer ständig präsent. Ihre Beobachtung bei der Probenarbeit hatte sie in Theater heute 8/1974 mitgeteilt. “Für die Schauspielerinnen war es neu, etwas mit einer Frau zusammen zu denken. Dem Regisseur gegenüber gingen sie leicht in Hab-acht-Stellung.“ (zitiert nach FUNDUS S.47)

Noch andere Autoren*innen gaben Texte zum Besten. Ich meine, mich noch an die Namen Titus Selge, Thomas Kirchner erinnern zu können. Beide gehören zu den Gesellschaftern. Irgendwann verlor ich den Überblick, schaffte das Mitschreiben nicht mehr.

Auf der Liste der Gesellschafter*innen – derzeit sind es 154– stehen so bedeutende Namen, wie der schon genannte Wim Wenders, Matthias Altenburg alias Jan Seghers, Elke Heidenreich, Barbara Honigmann, Felix Huby, Ursula Krechel und natürlich Karlheinz Braun und die Führungsmannschaft des Verlags der Autoren.

Drehbücher gehören zur starken Sparte des Verlags. Etliche TATORT- Krimis, aber auch das Drehbuch „Der Junge muss an die frische Luft“ von Ruth Toma, Regie Caroline Link (war für den Deutschen Filmpreis, Besucherstärkster Film Lola nominiert ) oder „ Drei Tage in Quiberon“ (Drehbuch und Regie Emily Atef mit vielen Lolas ausgezeichnet), sind letzte große Projekte. Und immer wieder ist auch der Grimme-Preis für den Verlag im Gespräch.

Übrigens hat der Verlag der Autoren kein Problem mit Netflix.

Karlheinz Braun 6.2.2019 im Literaturhaus Frankfurt

Am 6.Februar 2019 gab es für Karlheinz Braun ein wichtiges Ereignis; die Vorstellung seines Buches „Herzstücke -Leben mit Autoren“, Verlag Schöffling & Co, Frankfurt am Main 2019, 680 Seiten.

Dem Theatermann KHB ist damit eine persönlich-informative Theatergeschichte gelungen, die er selbst nicht als Autobiografie verstanden wissen will.

KHBs Lebenslauf, nach wie vor eine Gallionsfigur des Verlags der Autoren, seine Berufsstationen lieferten ihm das Material für dieses Werk in Kürze: 1932 in Frankfurt geboren, Promotion, Studententheater „neue bühne“, von 1959 bis 1969 Leiter des Theaterverlags bei Suhrkamp, gleichzeitig zusammen mit Peter Iden Sekretär der Deutschen Akademie der darstellenden Künste in Bensheim, Leiter der Frankfurter experimenta-festivals 1-5, Mitbegründer und Geschäftsführer des Verlages der Autoren 1969 bis 2003, von 1976 bis 1979 Geschäftsführender Direktor von Schauspiel Frankfurt, danach wieder Geschäftsführer im Verlag bis 1998 und bis 2003 im Verlag aktiv. Er kennt sich also aus.

Ausgezeichnet wurde er mit dem Hessischen Kulturpreis und der Ehrenplakette der Stadt Frankfurt. Die Goethe-Plakette der Stadt Frankfurt hat er noch nicht.

Eine Hauslesung „FUNDUS“ findet am 10.Oktober um 19,30h in der Goethe Universität statt.

 

Link zur Preisverleihung Autorenstiftung http://www.feuilletonfrankfurt.de/2016/08/06/preis-der-autoren-2016-an-lutz-huebner/

 

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