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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Empathische Systeme I: Thomas Jansen, ein moderner da Vinci, und seine Strandgeschöpfe

Frischer Wind im Frankfurter Kunstverein

Empathische Systeme. Kinetische Skulpturen von Theo Jansen

von Petra Kammann

Faszinierend: Theo Jansens Strandbeest, „Umerus” 2009 ©the artist, Courtesy: the artist and Media Force /Kunstverein

„Das Meer und der Wind haben mich immer schon inspiriert“, sagt der niederländische Künstler Theo Jansen. „Ich bin am Strand geboren“. Aufgewachsen ist er in Scheveningen. Der gelernte Physiker baut insektenartige riesige Skelette aus Polyurethan-Röhren, Kabelbindern und Flaschen für den Strand und erweckt seine Fantasiegebilde zum Leben, indem er diese Objekte an der Nordseeküste den Kräften des Windes und den Gezeiten aussetzt, so dass sie sich eigenständig“ in Bewegung setzen.

Thomas Jansen erläutert seine Konstruktion, den „Umerus“, Foto: Petra Kammann

Die tierhaften Wesen Theo Jansens lassen sich auch manuell steuern, Foto: Petra Kammann

Sturmerprobt waren diese kinetischen Lebewesen von Anfang an aber nicht. Doch der Tüftler, der sich mit mathematisch-physikalischen Gesetzen auskennt und seit vielen Jahren an der Schnittstelle von Kunst, Ingenieurwissenschaften und Bionik arbeitet, und der  1975 zunächst als Maler, als bildender Künstler begonnen hatte, hat seine Objekte im Laufe der Zeit perfektioniert. Auch schon früh hat er für eine gewisse Aufmerksamkeit gesorgt, als er an seinem Studienort Delft 1980 eine „fliegende Tasse“ über der Stadt hatte aufsteigen lassen. Dabei war ihm die Idee zu seinen „Strandbiestern“, den tierähnlichen Maschinen gekommen, die sich mittels Wind am Strand frei bewegen konnten, für die er eigens ein Computerprogramm geschrieben hat. 15 Jahre später wurde er dafür mit dem „Prix Ars Eletronica 2005“ ausgezeichnet. Er hatte seine archetypischen, sich fortbewegenden Objekte aus recycelten Materialien geschaffen, mit deren hauchzarten segelähnlichen Flügeln der Wind eingefangen wird und sie ihre Laufrichtung ändern können, sobald sie unter ihren „Pfoten“ lockeren Sand oder Wasser erspüren, so dass sie nicht einfach „kopflos“ ins Meer laufen.

Theo Jansen, Skizzen, Ausstellungsansicht Frankfurter Kunstverein, Foto: Norbert Miguletz ©Frankfurter Kunstverein, Courtesy: the artist

„Es sind Gerippe, die mit dem Wind gehen und deshalb nichts essen müssen“, kommentiert Theo Jansen ihre Fortbewegungsart, womit er die ökologische Nachhaltigkeit seiner Fantasiegeschöpfe unterstreicht, denn sie tanken Energie, indem sie sich „aufpumpen“, ohne gleichzeitig Strom zu fressen… Wenn Jansen das Plastikgestänge auseinandernimmt, denkt man, er schnallt es sich gleich vor, um selbst wie Daedalus in die Lüfte zu entschwinden. Auf einem Film im Hintergrund, der ihn am Strand zeigt, bekommt man einen Eindruck von der Arbeit vor Ort, auch von der Heftigkeit des Windes und der herannahenden Wellen. Bei Jansens Konstruktionszeichnungen, die ebenfalls im Kunstverein ausgestellt sind, wird man unwillkürlich an selbige von Leonardo da Vinci erinnert, welche er für seine futuristischen Ideen von Flugmaschinen angefertigt hat. Darin visualisiert Jansen die mathematischen Gleichungen, auf deren Grundlage die Bewegung der Maschinen funktioniert.

Komplexe Bewegungsmuster, die organisch anmuten, Foto: Petra Kammann

Jansen demonstriert an einem typischen Gestänge, das in einer präzisen Proportion konstruiert wurde, damit die Bewegung auf dem platten Strand garantiert ist, was sich an der organisch entstehenden Zeichnung ablesen lässt. Jansens raumgreifende bewegliche Skulpturen, diese futuristischen Wesen, stehen symbolisch für nachhaltige Kunst. Jansen verfolgt dabei die Vision, neue artifizielle Lebensformen zu schaffen, und vermittelt gleichzeitig anhand seiner Objekte ein sinnliches und emotionales Erlebnis.

Neue Formen nichtbiologischen Lebens im Frankfurter Kunstverein: Theo Jansens kinetische Skulptur „Ordis“, Foto: Petra Kammann

Im dritten Obergeschoss kann das Gestänge per Hand bewegt werden, und im vierten Obergeschoss des Kunstvereins muss der Wind für die Bewegung von „Umerus“ freilich künstlich erzeugt werden. Ein Kompressor wird dem beweglichen Tier donnerstags abends und am Wochenende die nötige Luft über die leeren Plastikflaschen zuführen. Mensch und Maschine gehen in seinen Geschöpfen eine besondere sinnliche Beziehung ein. So beginnt das Begreifen der physikalischen Dinge ganz unmittelbar.

Es gehört zu den Besonderheiten des Kunstvereins, dass hier die Verbindung zwischen der zeitgenössischen Kunstproduktion und aktuellen gesellschaftlichen Phänomenen gezeigt, reflektiert und ästhetisch erfahrbar gemacht wird. Mit der Forschung und Entwicklung artifizieller Intelligenz gewinnt die Emotionsforschung somit eine immer zentralere Rolle. Dass die NASA den niederländischen Künstler zu einem Workshop zur Venus-Mission eingeladen hat, verwundert daher nicht. Der kenntnisreichen Kuratorin und Direktorin des Kunstvereins Franziska Nori verdanken wir, dass die für Künstliche Intelligenz begabte Künstler von den verschiedenen Ecken der Welt hier im Frankfurter Kunstverein zu sehen sind. Zurecht erhält sie und damit der Frankfurter Kunstverein erhält den Binding-Kulturpreis 2019, einen der renommiertesten Kunstpreise Deutschlands. Gratulation, Franziska Nori!

Theo Jansen, Kunstverein-Direktorin Franziska Nori, Takayuki Todo und Yves Netzhammer

Jansen ist einer der drei Künstler, deren Werke in der Ausstellung „Empathische Systeme“ zu derzeit erleben sind. Der Bericht über die beiden anderen Künstler, Yves Netzhammer und Takayuki Todo, die derzeit im Kunstverein ausstellen, folgt….

Theo Jansen 
Empathische Systeme
Frankfurter Kunstverein
Steinernes Haus am Römerberg

www.fkv.de

bis zum 08.09.2019

 

Verleihung des Binding-Kulturpreises 2019 an den Frankfurter Kunstverein Dankesrede von Franziska Nori am 15.06.2019 im Kaisersaal, Römer Frankfurt

FKV_Dankesrede-Franziska-Nori_Binding-Kulturpreis-2019-1

Würdigung folgt

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