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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Autokunst in Frankfurt und Düsseldorf – als Museumsattraktion

Von Uwe Kammann

Ein Hingucker, in jeder Hinsicht, dieser Kühlergrill eines Luxuswagens vom Ende der 20er Jahre. Fast niemand, der in der fulminanten Ausstellung zur Frankfurter Moderne im Museum Angewandte Kunst an diesem Ausstellungsstück vorbeiginge. Und der nicht die Fotos studieren würde, die näheren Aufschluss geben: das Schmuckstück gehört zu einer Kleinstauflage einer Marke, die inzwischen längst verschwunden ist – Adler –, damals aber zum Exklusivsten gehörte, was zu kaufen war. „Er ist ein fahrbares Zuhause, das auf der Reise das unbedingte Gefühl der Geborgenheit verleiht“: Mit diesem Spruch bewarb die Marke ihr Modell Standard 8 – noch heute dürften viele Autofahrer mit dieser Versprechung ihre Sehnsucht nach einer eigenen Karosse beflügelt und ihr Auto-Glück grundiert sehen.

Kühlergrill der Frankfurter Luxusmarke Adler, gestaltet von Walter Gropius, ausgestellt im Museum Angewandte Kunst Frankfurt, Foto: Petra Kammann

Niemand Geringerer als Walter Gropius war gewonnen worden, um die Karosserie zu zeichnen. Ein Auto für die Schönen, die Reichen, die Besonderen – als Statussymbol funktionierte das schön eingekleidete Automobil damals genauso wie heute. Auch bei denen, die das Wohlergehen des Proletariats auf ihre Fahnen geschrieben hatten. So Bertolt Brecht, der sogar für die Marke Steyr Reklame machte, um mit einem Auto bedient zu werden. Von Daimler bis BMW reichte das automobile Spektrum des Dichters, der nicht nur die Frauen, sondern auch die stählernen Pferdestärken liebte.

Weil das Museum Angewandte Kunst sich dem vielfältigen und dynamischen Aufbruch in Frankfurt widmet, lag und liegt es natürlich nahe, ein Prunkstück aus der heimischen Produktion zu zeigen und den von Gropius hochelegant gestalteten Kühler wie eine Tempel-Ikone herauszustellen. Aber das Auto als Kultobjekt in einem veritablen Kunstmuseum: Kann das auch gehen? Ja, tatsächlich. Gut 200 Kilometer weiter nördlich, in Düsseldorf. Dort, im Museum „Kunstpalast“, kann jeder vergleichen, wie sich das Autodesign im hochklassigen Segment gut drei Jahrzehnte nach dem Höhenflug des Frankfurter Adler weiterentwickelt hat. Er muss sich allerdings beeilen: Denn nur noch bis Sonntag, 10. Februar, lautet das Motto im Kunstpalast am Düsseldorfer Ehrenhof: „PS: Ich liebe dich!“

Beflügeltes Auto-Design des Mercedes 300 SL, Foto: Uwe Kammann

Ja, das Ausrufezeichen gehört für die Kuratoren Dieter Castenow und Barbara Til unbedingt dazu, wenn 30 berühmte Sportwagen aus den 60er Jahren gezeigt werden, als „Ikonen der Design- und Technikgeschichte“, wie es begründend heißt. Und stolz wird vermerkt: „Die Ausstellung ist die erste ihrer Art, in der das Auto als Kunstwerk aus Form, Technik, Design und Emotionen im Mittelpunkt steht“.

Da haben auch viele Düsseldorfer – dem Schönen in der Regel alles andere als abgeneigt – erst einmal gestaunt. Und nicht wenige haben die Stirn gerunzelt: das Auto als Kunstwerk, gleich unter einem Dach mit Rubens und Zero-Kunst, mit Cranach und Slevogt, von der einschlägigen Malerschule ganz zu schweigen? Doch, so hat Felix Krämer, der im Herbst 2017 vom Sammlungsleiter der Kunst der Moderne des Frankfurter Städel zum Generaldirektor des rheinischen Kunstpalast avancierte, gedacht und gesagt, doch, das geht. Ob er da schon/noch im Kopf hatte, was jüngst auch in der Schirn für Furore und Kopfschütteln zugleich gesorgt hat: nämlich afrikanische Großjägerei aus deutscher Provenienz zu zeigen und gleichsam mit populären königlichen Löwen ein Publikum anzuziehen, das sonst kaum den Weg ins Museum findet?

Die Karossen lockten das nicht übliche kunstaffine Publikum herbei, Foto: Petra Kammann

Ob es solche Vorprägungen gab, ob solches Neu-Marketing eine Rolle spielte, das wird sich nicht ergründen lassen. Die Pressechefin des Kunstpalastes, Marina Schuster, stellte schlicht fest, das die vom neuen Museumsleiter stammende Idee von der Kuratorin Barbara Til – die im Kunstpalast die Abteilung Skulptur und Angewandte Kunst leitet – gemeinsam mit dem verantwortlichen Ausstellungs- und Technikteam „mit großer Begeisterung aufgenommen und mit großem Engagement innerhalb von zehn Monaten realisiert“ worden sei. Allerdings räumt sie ein, dass es schon für alle Beteiligten ein ungewöhnliches Projekt war, mit einiger Unsicherheit, „ob alles so gelingt wie geplant“. Jetzt, natürlich, seien alle sehr glücklich, sowohl über das Ergebnis, als auch den sehr positiven Besucherzuspruch und die breite mediale Resonanz.

Blick in die Parallelausstellung von Walther Ophey: „Farbe bekennen“, Foto: Petra Kammann

Wie sich das einspielte, das war in der Tat nicht zu übersehen. Während die Parallelausstellung zum Werk des lange eher vergessenen rheinischen Künstlers Walter Ophey im überschaubaren Maße das einschlägig-neugierige Kunstpublikum anzog, wirkte die gegenüberliegende Schau der prächtigen Sportwagen-PS-Welt wie ein Magnet – mit der positiven Feldausstrahlung nicht zuletzt auf eine generationenübergreifende Männerwelt. Vom Opa bis zum Enkel reichte das Spektrum, mit natürlich altersgeprägter Fachsimpelei über die Finessen des Mercedes 300 mit seinen Flügeltüren bis zur Vergaserkonstellation eines Jaguar E-Typs, die schwungvolle Türfuge eines Alfa Romeo, die elegante Dachkonstruktion eines Facel Vega oder die Designursprünge eines Porsche 911. Doch, Frauen trauten sich auch in die beiden Stockwerke dieser speziellen Ikonenschau, spötteln spitze Zungen – hier könnten die Exponate auch als Katalysatoren einer Single-Börse dienen.

Elegante Linie des Facel Vega, Foto: Petra Kammann

Wie auch immer: Natürlich bleibt die Frage, ob die berühmten Karossen nun wirklich als „Kunstwerk“ (vielleicht: als bewegliche Skulpturen?) zu sehen und zu begreifen sind, oder ob es nicht doch eher um Kunst(hand-)Werkliches geht, um etwas, was natürlich mit aller Bewunderung für das Design und die bestechende Ausführung gesehen werden kann, aber doch ein Gegenstand der Produktwelt bleibt. Wie wären sonst gestalterische Meisterwerke wie eine Braun-Atelieranlage von Dieter Rams, ein iPod von Jonathan Ive oder ein Barcelona-Sessel von Mies van der Rohe einzustufen: auch im Sinne der Kunstpalast-Kuratoren als Kunstwerke? Oder haben sie ihren richtigen Platz nicht doch in einem Museum für angewandte Kunst, wie es heute in der Regel heißt?

Das Unfallauto des Künstlers Bertrand Lavier als Ready Made, ausgestellt in Rennes im Couvent des Jacobins in der Ausstellung „Debout!“ , Foto: Uwe Kammann

Aber vielleicht ist eine solche Fragestellung im falschen Sinne akademisch und überholt. Denn nicht zu übersehen ist ja, dass Ausstellungshäuser und Museen bisherige Grenzziehungen auflösen möchten, dass sie angestammte (Begriffs-)Areal ineinander übergehen lassen. Auch dafür bot das Museum Kunstpalast in Düsseldorf einen schlagenden Beleg. Weil die Schau für den Maler Walter Ophey das Ausstellungsmotto „Farbe bekennen“ auch auf dem Fußboden ausspielte.

Denn statt einer neutralen Farbgebung, wie gewohnt (sei es Betoneanstrich, sei es Parkett, sei es ein grauer Belag), überraschte die Besucher ein in großen schwingenden Farbkurven angelegter Teppichboden – in geradezu verblüffend perfekter Verarbeitung. Alle Übergänge ohne den geringsten Fugensprung, alle Farbanschlüsse millimetergenau: ein handwerkliches Meisterwerk. Zu den Kosten schweigt das Museum. Sie lägen, heißt es, im üblichen Rahmen. Und Künstler hätten bereits für die weitere Verwendung ihr Interesse angemeldet.

Wer den Boom bei Museumsbauten weltweit verfolgt, der weiß, wie sehr heute Designeffekte im Vordergrund stehen: Marketing first. Was mit Gehrys Bilbao-Bau einen ersten Höhepunkt des Echos erlebt hat, setzt sich jetzt mit wachsender Geschwindigkeit fort. Letztes Beispiel: das Louis-Vuitton-Museum bei Paris. Auch hier mit dem Kollateralschaden, dass der spektakuläre Baukörper die Kunstwerke in den Schatten stellt, sie tendenziell zur Bei-Dekoration degradiert werden.

Ungebrochene Anziehungskraft der Sportmodelle, Foto: Petra Kammann

Da, so lässt sich leicht zeigen, sind die Autokarossen doch ehrlicher. Ihr Design ist ein Selbstzweck, im besten Falle funktional und schön, in vielen Fällen lediglich schön – aber damit hat es schon einen wesentlichen Sinn erfüllt, nämlich die Sinne unmittelbar anzusprechen und den Betrachter zu betören. Dies funktioniert; die Düsseldorfer Ausstellung belegt es spielend. Entziehen kann sich der automobilen Schönheit kaum jemand, vorausgesetzt natürlich, er ist von dieser Art eines kunst(hand-)werklichen Gegenstands überhaupt angezogen. (Im Frankfurter Museum Moderne Kunst zelebriert Cady Noland gerade das Gegenteil: Autoteile wie Weißwandreifen, einst Inbegriff amerikanischer Straßenkreuzer-Eleganz, werden bei ihr zu Zeugnissen der puren Gewalt.)

Der Ur-Porsche, ein Klassiker,  Foto: Uwe Kammann

Das alles lässt sich, angestoßen durch die Augenschau, natürlich auch mit rationalen Überlegungen reflektieren. Deshalb sei hier noch ein jüngst erschienenes Buch empfohlen, das sehr gründlich und systematisch die Designgeschichte des Autos nachzeichnet. „Von der Kutsche zur Auto-Mobilität“ heißt entsprechend der Untertitel dieses Standardwerks, das Hans-Ulrich von Mende verfasst hat.

In seinen professionellen Eigenschaften als Architekt und als auf Design und Architektur spezialisierter Journalist (lange in Diensten auch der FAZ mit einem sehr kritischen Jahresrückblick auf die Entwicklung der Autoformen) hat von Mende das Beste all’ dieser Welten vereint: nämlich mit feinen Antennen Anschaulichkeit aufzunehmen, sie in Kombination mit weiteren Eigenschaften der Gestaltung bewerten und darstellen zu können und dabei jene Verständlichkeit in der wörtlichen Übersetzung zu finden, die es auch Ungeübten möglich macht, die Qualitäten von Formgebungen zu erkennen und sie im Vergleich einzuordnen. Was dann, im Ganzen, ein Verstehen ermöglicht und ein eigenes Urteil erleichtert. Sein Desiderat im Schlusskapitel (in vielen Fällen leider ein frommer Wunsch, wenn man die vielen Irrungen und Wirrungen des Auto-Designs nimmt): Form und Technik müssten sich einig sein.

Das BMW-Log0 – in den bayerischen Landesfarben blau/weiß

Welche Wege dazu beschritten werden müssten, welche Wege gegangen wurden, mit welchen Ergebnissen und mit welchen Missverständnissen, das beschreibt der Autor in dem schlicht „Car Design“ betitelten Buch (Edition Axel Menges) anhand exemplarischer Modelle sehr präzise, mit klarem Urteil, mit bestens begründeten Argumenten. Dass auf der Titelillustration des Buches der Mercedes-Flügeltürer einen repräsentativen Platz gefunden hat, ist nur folgerichtig. Denn tatsächlich ist diese Legende der Sportwagengeschichte ein herausragendes Beispiel dafür, was Design leisten kann. Nicht zuletzt mit dem Ziel, langlebig und nachhaltig zu sein. Leicht erschwinglich war er schon seinerzeit nicht, dieser Design-Traum. Und ist es heute, als Oldtimer, erst recht nicht. Aber er macht Lust aufs Sehen.

Deshalb die Empfehlung: Wer es noch schafft, sollte nach Düsseldorf fahren und im Kunstmuseum schönste Auto-Kunst bewundern. In der Kombination des Wortes. Ohne Anspruch, es ginge um die reine Kunst. Wenn es die denn überhaupt gibt …

INFO

PS: Die Ausstellung ICH LIEBE DICH! im Kunstpalast Düsseldorf im Ehrenhof läuf  noch bis zum 10. Februar 2019

mehr unter:

https://www.kunstpalast.de

 

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