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FeuilletonFrankfurt

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PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Museum für Moderne Kunst MMK: „Weil ich nun mal hier lebe“ im TOWER

Arbeiten von Harun Farocki, Azin Feizabadi, Forensic Architecture, Natasha A. Kelly, Erik van Lieshout, Henrike Naumann, Emeka Ogboh, spot_the_silence, SPOTS, Hito Steyerl und Želimir Žilnik

Von Erhard Metz

Bei aller Eigenständigkeit einer jeden der drei Ausstellungen, die MMK-Direktorin Susanne Pfeffer Ende Oktober 2018 zeitgleich in allen drei Häusern des Frankfurter Museums für Moderne Kunst eröffnete, spannt sich über diese „Ausstellungstrilogie“ ein umfassender Bogen: Setzt sich Cady Noland in ihrem Werk im Haupthaus MUSEUMMMK mit dem Mythos des amerikanischen Traums und verschiedenen Ausdrucksformen von struktureller Gewalt auseinander und ging es in der mächtigen Videoarbeit von Marianna Simnett im ZOLLAMTMMK um Gewalt in Form medizinischer, technologischer und pharmakologischer Innovationen wie auch deren unmittelbare Eingriffe in den menschlichen und tierischen Körper, oft in Korrespondenz mit ökonomischen, gesellschaftlichen und patriarchalischen Machtstrukturen, so drehen sich die (Video-)Arbeiten im TOWERMMK vornehmlich um einen in Teilen der Gesellschaft immer noch alltäglich anzutreffenden Rassismus und Antisemitismus, um Fremdsein und gesellschaftliche Ab- und Ausgrenzung.

Eingang zum TOWERMMK

Es ist, geradeheraus gesagt, der schwierigste, auch sozusagen mitunter sprödeste Teil der Ausstellungstrilogie. Die Videos sowie zwei mit ihnen kombinierte installative Arbeiten, zum Teil eigens für die Werkschau entwickelt, werden in der weitläufigen, fast völlig verdunkelten Ausstellungslandschaft zwar in einer übergreifenden Ästhetik präsentiert, verlangen dem – oft stehenden – Betrachter jedoch einiges an Konzentration und Durchhaltevermögen ab. Der Form nach handelt es sich bei den Videos mehrheitlich um Dokumentationen und dokumentierende Statements, wobei unseres Erachtens nicht jedwede Dokumentation den Anspruch erheben kann, zugleich zwingend auch ein „Kunstwerk“ zu sein. Auch dürfte sich gerade ein solcher Betrachter, der sich im – in der Mitte der demokratischen Gesellschaft in der notwendigen konstruktiven Differenziertheit geführten – migrations- und integrationspolitischen Diskurs durchweg Orientierung vermittelnder Qualitätsmedien bedient, mit dem einen oder anderen Ausstellungsbeitrag einer manchmal allzu gutgemeint erscheinenden Lehrstunde ausgesetzt sehen. Dabei soll keinesfalls das Verdienst der Ausstellung verkannt werden, gerade die unterschwelligen, auch Nichtbetroffenen oft nicht gegenwärtigen Erscheinungen von strukturellem und institutionellem Rassismus und ebensolcher Gewalt aufzudecken und wahrnehmbar zu machen.

Jedenfalls handelt es sich um eine durchwegs politische Ausstellung, politisch im engeren Sinn, in der es ebenso vorrangig um gesellschaftliche Ab- und Ausgrenzungen, namentlich von Immigranten geht. So berichten sogenannte Gastarbeiter und andere Zugewanderte von ihrer Herkunft, Ankunft und gegenwärtigen gesellschaftlichen Situation. Thematisiert werden die Mordtaten des sogenannten NSU wie in diesem Kontext die Anwesenheit des ehemaligen Verfassungsschützers Andreas Temme zum Zeitpunkt des Mordes an Halit Yozgat am Kasseler Tatort, ebenso antisemitisch und rassistisch motivierte Grabschändungen, Übergriffe und andere einschlägige Gewalttaten, auch Erscheinungen von Rassismus im Kunst- und Medienbetrieb. Eindringlich, berührend und erweckend manche Statements, etwa im Rahmen von „SPOTS“ das einer jungen Frau mit dem titelgebende „Weil ich nun mal hier lebe“ (1995/2017).

Nun ließe sich die Ausstellung insgesamt und im Weitesten als eine große Videoinstallation verstehen. Zwei dieser Videos sind jedoch jeweils in eine Installation im engeren Sinn von einiger Opulenz und Sinnlichkeit eingebettet: die eine des nigerianischen Video-, Klang- und Eat Art-Künstlers Emeka Ogboh, 1977 in Enugu geboren, die andere der 1984 in Zwickau geborenen Künstlerin Henrike Naumann. Beide Arbeiten zeichnet – in einem Ausstellungsumfeld, in dem es ansonsten wahrlich nichts zu lachen gibt – immerhin ein gewisser, bei Ogboh schalkhafter, bei Naumann bitterer Humor aus.

Installationsansicht TOWERMMK, Emeka Ogboh, Sufferhead Original (Frankfurt edition), 2018, Courtesy Emeka Ogboh; unten das Exemplar des Autors

Emeka Ogboh braut Sufferhead (Brummschädel)-Bier, ein schwarzes Stout – wir kennen es von der documenta 14 (im Jahr 2017) in Kassel. Wohl einige hundert schwarze Flaschen sind fein säuberlich in einem ebenfalls schwarzen offenen Regal ausgestellt, nach dem Presserundgang konnten wir ein Exemplar mit nach Hause nehmen (geöffnet haben wir es vorsichtshalber noch nicht). Der Künstler preist es in einem witzig-intelligenten werbespotähnlichen Video (einschließlich einem Ohrwurm-Liedchen) an, aufgenommen pikanterweise ausgerechnet in der alteingesessenen Frankfurter Apfelweinwirtschaft Dauth-Schneider. Weiße Männer sitzen dort bei hellem „blondem“ Bier, das sie wegschütten, als eine attraktive dunkelhäutige Kellnerin im Dirndlkleid das schwarze Sufferhead anbietet, das allein sie von nun an trinken wollen.

Bildschirmfotografien des Autors: Emeka Ogboh, Sufferhead Original (Frankfurt edition), 2018, Courtesy Emeka Ogboh

Emeka Ogboh karikiert lustvoll-ironisch so eindeutig wie doppelbödig das „deutsche Reinheitsgebot“, er prangert auf süffisant „umgekehrte“ Weise im Bild der erst helles „blondes“ und dann schwarzes Bier Trinkenden manch gesellschaftliche Verlogenheit und damit einen unterschwellig vorhandenen „umgekehrt funktionierenden“ Rassismus an – ebenso wie den hier rassistisch unterlegten Sexismus in der Werbung. Die Folge des kulturellen Wandels ist – Sufferhead. Am Ende steht beim empfänglichen Betrachter eine mit fast schon Freudschem Lustgewinn verbundene Selbsterkenntnis und Selbstentlarvung: besser als – jede pädagogische Lehrkraft wird es bestätigen – „Frontalunterricht“.

MMK-Direktorin Susanne Pfeffer und Henrike Naumann am 25. Oktober 2018 im Presserundgang

Auf andere Weise opulent die Arbeit „14 words“ von Henrike Naumann: Wir mussten Wikipedia bemühen, um zu lernen, was der Titel bedeutet: ein aus den USA stammender chiffrierter Code für den 14 Worte umfassenden Satz „We must secure the existence of our people and a future for white children“ in rechtsextremistischen Kreisen. Die Formel „14“ taucht ebenso in vergleichbaren deutschen Milieus wie auch in einem sogenannten Bekennervideo des NSU auf. Naumann baut mit billig wirkendem Resopalinventar ein leeres ehemaliges Blumengeschäft in Neugersdorf im Landkreis Görlitz nach. Es mag für die jeweiligen Geschäftslokale der neun vom NSU ermordeten migrantischen Kleinunternehmer stehen und wird, so das MMK, „zum Dekor für die Verschränkung von Gestaltung und Ideologie“. Ein Video, auf einem kleinen Monitor nur in gebeugter Haltung betrachtbar, visualisiert, auf welche Weise entsprechende Vorstellungen codiert in Kommunikation und Design vermittelt werden.

Henrike Naumann, „14 Words“, 2018, Courtesy Henrike Naumann und KOW Berlin

Das schäbige Mobiliar steht, wie die Künstlerin erläuterte, ebenso für die Gewohnheit der Menschen in den ostdeutschen Ländern nach der Wende, ihr Mobiliar gegen billigen westdeutschen Möbelmarkt-Plunder auszutauschen, der das sogenannte Beitrittsgebiet überschwemmte. Eine Installation, die eine Fülle an Assoziationen eröffnet, nicht gänzlich ohne einen Hauch an Humor und Komik, allerdings der bitteren Art.

Henrike Naumann

Auch für diese dritte der im Oktober 2018 neu in den Häusern des MMK eröffneten Ausstellung gilt das gleiche wie für die beiden anderen eingangs genannten: Wer zur Kunst geht, muss sich seiner Bereitschaft vergewissern und sich die dafür notwendige Zeit nehmen.

„Weil ich nun mal hier lebe“, TOWERMMK, bis 31. März 2019

Fotos: Erhard Metz

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