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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Impressionen vom Saisonstart 2018 der Frankfurter Galerien (1)

Frankfurter Westend Galerie: Paolo Iacchetti
Galerie Söffing: Julia Roppel
Galerie Greulich: Sebastian Meschenmoser
Galerie Perpétuel: Thaddäus Hüppi

Von Erhard Metz

55 Galerien einschließlich einiger nichtinstitutioneller Ausstellungsräume nahmen am diesjährigen Saisonstart der Frankfurter Galerien teil, es war der 24. seiner Art, organisiert von der 1984 gegründeten „Interessengemeinschaft der Frankfurter Galerien“ (der jedoch nur 32 Galerien als Mitglieder angehören). Etwas verwundert hat uns, wie die Gemeinschaft „Off-Spaces“ definiert, zu denen sie den (vom gleichnamigen Kunstverein geführten) Ausstellungsraum Eulengasse, die Heussenstamm-Galerie, das Fotografie Forum Frankfurt oder den Frankfurter Künstlerclub im Nebbienschen Gartenhaus rechnet. Gefühlt „halb Frankfurt“ war unterwegs, und der Veranstalterin gebührt das Lob, neben dem üblichen Galeriepublikum auch eine Armada von Eventsuchenden bis hin zu eher kunstfernen, primär an Sekt und Häppchen interessierten Zeitgenossen mobilisiert zu haben. Aus dem kaum mehr überschaubaren breiten Spektrum an bildender Kunst können wir im vorhandenen Rahmen nur einige, dafür höchst unterschiedliche Positionen – pars pro toto – aufgreifen:

Paolo Iacchetti – „La forma della pittura (Die Form der Malerei)“

Movimenti notte, 2015, Öl auf Leinwand, 100 x 95 cm

Paolo Iacchetti, 1953 in Mailand geboren und Student an der berühmten Accademia di Brera, zeigt in seiner aktuellen – es ist seine fünfte – Einzelausstellung in der moderner und zeitgenössischer italienischer Kunst verpflichteten Frankfurter Westend Galerie neben seinen diesjährigen Arbeiten Werke überwiegend aus den letzten drei Jahren, darunter erstmals auch Skulpturen aus bemaltem Eisenblech. Es sind wie stets ungegenständliche, koloristische Bilder in vielschichtigem Farbauftrag, nach einem vom Künstler geheim gehaltenen Rezept, das auch Techniken des Wischens einbezieht.

Frazioni, 2015, Öl auf Leinwand, 80 x 75 cm

Expressive Farben und feinst konstruierte wie auch handwerklich ausgeführte, oft erst im Nähertreten erkennbare Strukturen prägen Iacchettis Arbeiten aus jüngerer Zeit. Es wird sicht- und erlebbar: Auch „Farbe“ gewinnt „Form“.

Numerazioni solide, 2018, Öl auf Leinwand, 100 x 95 cm

Frankfurter Westend Galerie, bis 27. Oktober 2018

Julia Roppel – „Weißt Du, was ein Wald ist?“

Weißt Du, was ein Wald ist?, 2018, Öl auf Leinwand, ca. 140 x 162 cm, ungerahmt

Zum zweiten Mal „bespielt“ die Frankfurter Malerin und Zeichnerin Julia Roppel eine den Ausstellungsräumen benachbarte veritable kommerzielle Litfaßsäule: schräg gegenüber der Galerie Söffing in der an dieser Stelle durch einen mittigen Grünstreifen geteilten Hamburger Allee. Der Autor dieser Zeilen muß gestehen, kurz vor Betreten der Galerie just an dieser Säule vorbeigefahren zu sein, ohne das temporäre Kunstwerk wahrzunehmen, wie kann so etwas sein! Was lehrt uns dies? Frankfurterinnen und Frankfurter aufgepaßt, nicht nur auf der institutionell betriebenen Kunstsäule in Sachsenhausen, sondern überall kann ein Kunstwerk lauern!

Litfaßsäule Hamburger Allee / Ecke Schloßstraße

Zurück zur 1961 in Bremervörde geborenen Künstlerin, die an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig studierte und in Frankfurt am Main lebt und arbeitet: Die bekannte Natur- und Landschaftsmalerin überrascht und überzeugt unter anderem mit ihren mittel- bis großformatigen Leinwänden und Zeichnungen, die sie bewußt ungerahmt läßt. Wie die lebendige und wachsende, einem ständigen witterungsbedingtem Wechsel ausgesetzte Natur kann sich die Leinwand frei an der Wand hängend im Luftzug bewegen, ohne in institutionell-konservativer, das Werk „beengender“ Rahmung „eingesperrt“ zu sein. Bemerkenswert auch ihre im Stadtwald unmittelbar vor Ort auf der Erde gefertigten großformatigen Zeichnungen, in die sich die Unebenheiten des natürlichen Waldbodens mit kleineren Schrammen und Verletzungen des leichten Kartons eingeprägt haben: schöne, zarte, subtile, „lebende“ Werke!

Stadtwald/große Zeichnung, 2014, Kohle, Aquarell auf Fabrianopapier, ca. 150 x 123 cm

Galerie Söffing, bis 3. November 2018 (Litfaßsäule nur bis 10. September)

Sebastian Meschenmoser – „Eden“

Es ist nicht Alexander Gerst, den wir hier sehen, der zur Zeit von der Weltraumstation ISS aus den nur noch vermeintlichen, weil von Menschenhand geschundenen „Garten Eden“ betrachtet. Hat sich der Künstler selbst den Raumfahreranzug angetan, um als Astronaut, als Forscher unbekanntes, ja unwirtliches Terrain zu erkunden, gar zu erobern? Mit dem Gewehr in der Hand geht er auf Jagd, bückt er sich nur oder ist er gestürzt vor einem Gewässer, aus welchem ein halb untergetauchtes Etwas ragt, eine Botschaften enthaltende Rolle, ein Teleskop, ein in Unterwelten führendes Rohr?

↑ Verlorene Welt, 2018, Öl auf Leinwand, 90 x 100 cm
↓ Eden, 2018, Öl auf Leinwand, 120 x 160 cm

Kulissenhaft die illusionistische, irreal anmutende „Landschaft“, in der sich der Jäger-Raumfahrer bewegt, kulissenhaft das aus weiten Stoffbahnen gebaut erscheinende Tal, über dem weiße Vögel großer Flügelspannweite kreisen. Nein, Menschen werden dort keine Heimstatt finden.

Sebastian Meschenmoser, ein dem Publikum seit längerem bekannter Galeriekünstler von Andreas Greulich, 1980 in Frankfurt am Main geboren, studierte Freie Bildende Kunst mit Diplomabschluß an der Akademie für Bildende Künste Mainz und an der „École National Supérieure d´Art Dijon“. Der 2007 für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominierte Künstler und Autor lebt und arbeitet in Berlin.

Tal, 2017, Öl auf Leinwand, 100 x 140 cm

Galerie Greulich, bis 13. Oktober 2018

Thaddäus Hüppi – „He Guru geh“

In ein wahres Zauberreich entführt uns die Malerei von Thaddäus Hüppi in der Sachsenhäuser Galerie Perpétuel, schier unendlich Lustiges, Komisches und Groteskes gibt es zu sehen. Der Maler, Bildhauer und Kunstprofessor spielt und irritiert mit dem Wilden, Ungezähmten, Unangepaßten – und doch verbirgt sich hinter all dem Comicnahen das Ernste.

↑ He Guru geh, 2018, Acryl auf Leinwand, 80 x 60 x 5 cm
↓ Weiche dem Übel nicht aus, nur tapferer geh ihm entgegen, 2017/18, Acryl auf Leinwand, 50 x 70 x 5 cm

Es ist ein großes Welttheater, eine Bühne voll Clownerie und Narretei in diesen wundervollen Bildern, wie wir sie auch im richtigen Leben in Kunst und Kunstbetrieb, Politik und Gesellschaft antreffen. „Ernst ist das Leben, heiter ist die Kunst“, lesen wir bei Friedrich Schiller, aber „Ernst ist die Kunst und heiter das Leben“ formte daraus der Dada-Maler-Dichter Kurt Schwitters. Da gibt es nur eines: unbedingt hingehen zu Perpétuel, der weiteste Weg belohnt den Kunstsuchenden auf das Reichlichste!

Affentaler, 2013/17, Acryl auf Leinwand, 90 x 70 cm

Thaddäus Hüppi, 1963 in Hamburg geboren, studierte an der dortigen Hochschule für Bildende Künste, bevor er in Frankfurt am Main an der renommierten Städelschule Student bei den Professoren Stephan Balkenhol und Ulrich Rückriem wurde. Hüppi lehrte als Gastprofessor für Bildhauerei und als Professor für „künstlerische Selbstorganisation, Wertsteigerung und Ausstellungskonzeption“ an der Kunsthochschule Weißensee in Berlin. Der Künstler lebt und arbeitet in Baden-Baden.

Galerie Perpétuel, bis 13. Oktober 2018

Abgebildete Werke © jeweilige Künstlerinnen/Künstler; Fotos: Erhard Metz

→ Impressionen vom Saisonstart 2018 der Frankfurter Galerien (2)

 

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