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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Städelschule: Rundgang 2018 (2)

Von Erhard Metz

Hat eine Rundgangsveranstaltung der Frankfurter Hochschule für Bildende Künste – Städelschule – nun (endlich) mal einen Skandal?

„Frankfurter Hauptschule (FHS) is an art collective affiliated with the Hochschule für Bildende Künste – Städelschule Frankfurt am Main in Germany. Since 2013, they explore the frontiers of art and pain within the public sphere, (social) media and art spaces“ ist auf der Website der „Frankfurter Hauptschule“ zu lesen. Wer sie aufruft, weiß damit sofort, worum es dem Künstlerkollektiv – zumindest auch – geht: um Anstoß zu erregen, um Provokation, um das Ausloten von Grenzen nicht nur der Kunst, sondern auch des Rechtsstaats. Bekannt wurde das Kollektiv bereits durch mehrere spektakuläre Aktionen am Rande der Legalität wie beispielweise die Verbreitung (vielleicht nicht dem einschlägigen Bayreuth-Pubkikum, aber jedem genauer Hinschauenden) erkennbar gefälschter Eintrittskarten für die Bayreuther Festspiele, um ein Zeichen der Kritik zu setzen an manchen als antisemitisch kritisierten Aussagen Richard Wagners. Wer sich also das Kollektiv sozusagen ins Haus holt, muss wissen, was auf ihn zukommt.

Worum geht es? Um dieses gleich an der Einfahrt zur Städelschule unübersehbar aufgestellte Objekt:

Ein demolierter und ausgebrannter – vermeintlicher – Streifenwagen der Polizei; Foto: Erhard Metz

Dort hingestellt hat ihn besagtes Künstlerkollektiv „Frankfurter Hauptschule“ (Haupt-, nicht Städelschule, schon dieser selbstgewählte Name lädt zu reichlichem Nachdenken über die Situation an Hauptschulen und die aus dieser Situation zu erwartenden gesellschaftlichen Folgen ein!). Das – natürlich – „frisierte“ corpus delicti (wie auch die Polizei weiß, handelt es sich um eine Filmrequisite) stand bereits unlängst im Frankfurter Bahnhofsviertel, wo es alsbald von der Polizei entfernt wurde. Passend zum Objekt gibt es in Raum H5 des Hochschulgebäudes als noch größere „Steine des Anstoßes“ Videos der Gruppe zu sehen, die auch über YouTube verbreitet werden. Die „Frankfurter Hauptschule“ filmte nämlich das Objekt und die Reaktionen des Publikums darauf. Die damalige Aktion stand im Zusammenhang mit den bekannten Maßnahmen der Stadt Frankfurt gegenüber der Drogenszene. Inzwischen haben sich die Medien des neuerlichen Themas bemächtigt.

Nachdem die Polizei auf die „Drogen-Aktion“ des Künstlerkollektivs im Bahnhofsviertel noch gelassen reagiert hatte, zeigt sich der Frankfurter Polizeipräsident Gerhard Bereswill nunmehr empört und entsetzt über die Präsentation von Videos und Objekt im Rahmen der Rundgangsveranstaltung und sieht die „Grenze des Erträglichen überschritten“. Dies ist sein gutes Recht, wenn nicht seine Pflicht als Dienstvorgesetzter der ihm unterstellten Beamten. „Wir sehen Horden von vercrackten Zombies mit abgesägten Schrotflinten durch die Münchener Straße patrouillieren, wir sehen den Rauch ausbrennender Einsatzwagen, der sich mit dem warmen Licht der Abendsonne mischt“, lautet eine Passage des besonders inkriminierten Videos, und weiter, am Ende „und wir lächeln“. Polizeipräsident Bereswill sieht darin einen „Aufruf, der Übergriffen und Gewalttaten auf Polizeibeamtinnen und -beamte den Boden bereitet. An dieser Stelle endet für mich künstlerische Freiheit und ist nicht hinnehmbar. Zudem ist es eine absolute Respektlosigkeit gegenüber unseren Kolleginnen und Kollegen, insbesondere denjenigen, die im Bahnhofsviertel tagtäglich für Sicherheit sorgen. Hinzu kommt, dass diese Aktion die hilfebedürftigen Suchtkranken zum bloßen Objekt herabwürdigt und sie als ‚Zombies‘ diskreditiert. Ich finde es auch befremdlich, dass die Städelschule eine solche Aktion offensichtlich unterstützt und fördert.“

In der Tat erscheinen die Aussagen des Kollektivs insoweit nicht nur missverständlich, sondern mehr als fragwürdig und auch geschmacklos. Ein mögliches Überschreiten rechtlicher Grenzen sollten indes die dafür zuständigen Institutionen des Rechtsstaats prüfen, falls dies notwendig werden sollte, über Fragen des Geschmacks wird ohnehin das Publikum mit Kritik, Zustimmung oder Ablehnung entscheiden. Kunst bzw. künstlerisches Handeln in all seinen Erscheinungsformen hat seit jeher – in der Regel eher vermeintliche – „Skandale“ geboren, die Skandalisierung der zugrunde liegenden Sachverhalte generierte oft erst den Skandal. Die grundgesetzlich geschützte Freiheit der Kunst ist ein äußerst hohes Rechtsgut, das der Leiter einer Kunstakademie zu verteidigen die Pflicht hat. So vermag auch ein klärendes Gespräch zwischen Rektor und Polizeipräsident womöglich hilfreicher zu sein als Presseerklärungen, bevor die Debatte in der Öffentlichkeit weiter eskaliert. Und wie heißt es im Liedtext: Am Aschermittwoch ist alles vorbei … und der ist schon in vier Tagen.

→ Städelschule: Rundgang 2018 (3)
→ Städelschule: Rundgang 2018 (1)

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