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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Das Forum Neues Frankfurt – Eröffnung eines Hotspots in der Hadrianstraße 5

Bauen und Schauen für Alle

Altes Neues Frankfurt – Ein historischer Schritt in die Zukunft

Wenn 2019 das „Bauhaus-Jahr“ beginnt, wird Frankfurt seine Stärken mit einer ähnlichen Tradition ausspielen, denn die Mainmetropole hat ästhetisch durchaus Adäquates zum Bauhaus zu bieten. „Das neue Frankfurt“, das Stadtplanungsprogramm zwischen 1925 und 1930, dessen Ziel es vor allem war, die Lebensbedingungen vieler Menschen zu verbessern, umfasste alle Bereiche der städtischen Gestaltung. In der Hadrianstraße 5 in der Römerstadt entstand nun ein neuer Raum, das „Forum Neues Frankfurt“, das von den Mitgliedern der ernst-may-gesellschaft am 5. Februar 2018 als neue Anlaufstelle eröffnet wurde. Quer durch die Bevölkerungsschichten sollen hier Menschen angelockt werden, die sich für das ganzheitlich angelegte Gesamtkonzept moderner Städteplanung mit Licht, Luft und Grün interessieren.

Von Petra Kammann

Die neuen Räume des Forum Frankfurt im ehemaligen Ladenlokal  in der Hadrianstraße 5, in der Römerstadt

Das Forum für das „Neue Frankfurt“ ist also eröffnet. Zuletzt hatte der Ladenraum in dem elegant geschwungenen Rundbau in der Wohnungsanlage der Römerstadt, die unter dem damaligen Frankfurter Stadtrat Ernst May (1886-1970) entstand, als Notariat und Rechtsanwaltbüro gedient. Das architektonische Konzept der Siedlungsanlage hatte seinerzeit eine Durchmischung von Lebenswelten zum Prinzip: oben Wohnungen, unten Geschäfte, drumherum Natur, inklusive Blick auf die Nidda. Die Römerstadt ist jedoch nur eine der 22 Siedlungen, die der damalige Stadtbaurat Ernst May innerhalb von fünf Jahren mit insgesamt 15.000 Wohnungen schuf, was dann als das „Neue Frankfurt“ etikettiert wurde. Geschickt begleitete er die Aktion auch publizistisch. „Das Neue Frankfurt“ war nämlich der Titel eines von Ernst May initiierten Journals, das wegweisend die baukulturellen, künstlerischen und sozialpolitischen Ideen vieler Protagonisten der Epoche zwischen 1926 und 1931 dokumentierte.

In der Ära des liberalen Oberbürgermeisters Ludwig Landmann zwischen 1924 und 1933 war der Stadt damit ein beispielloser Schub in die Moderne gelungen, von dem neben der Architektur auch die Bildenden und Darstellenden Künste profitierten. Wenn heute die May-Siedlungen zu den bedeutenden bauhistorischen Beispielen der Weimarer Zeit zählen, so werden sie meist im Kontext mit dem Dessauer Bauhaus, den Bruno Taut-Siedlungen in Berlin und der Weißenhofsiedlung in Stuttgart genannt.

Die May’sche Siedlungsanlage in der Römerstadt mit den charakteristischen Bullaugen 

Auf den ersten Blick scheint es auch viele Parallelen zu den Frankfurter May-Siedlungen und zum ernst-may-haus zu geben, das in der Römerstadt als Musterhaus renoviert wurde. Doch schon der Ausgangspunkt der Entstehung unterscheidet sich deutlich: während etwa die Weißenhofsiedlung aus einer Bauausstellung hervorging, welche die Stadt Stuttgart und der Deutsche Werkbund 1927 ausgeschrieben hatten, musste in Frankfurt zur Bewältigung der dramatischen Wohnungsnot von 1925-1930 unter gewaltigem Druck ein öffentliches Bauprogramm mit 22 Siedlungen und ca. 15 000 Wohnungen aufgelegt werden. Die Parallelen zur aktuellen Situation sind augenfällig. Auch heute soll wegen des starken Zuzugs in Frankfurt innerhalb kürzester Zeit bezahlbarer Wohnraum geschaffen werden.

Da kann das Beispiel von Ernst Mays Stadtplanung, mit industriellen funktionalen Fertigteilen zu arbeiten, die eine eigene ästhetische Qualität entwickeln, durchaus als Vorbild dienen. Lange Zeit wurde seinen Bauten wenig Beachtung geschenkt, viele von ihnen waren im Laufe der Zeit ästhetisch verhunzt oder verwahrlost und wurden schäbig, weil sich niemand für sie verantwortlich fühlte. Doch inzwischen hat sich die Frankfurter ABG Holding, die größtenteils Eigentümer der Bauten ist, dieser Aufgabe angenommen.

Um über die Erfahrung mit der Vergangenheit und zeitgenössische ähnliche Fragestellungen zu diskutieren, bietet sich ein öffentliches Forum an diesem Ort an. Der engagierten ernst-may-gesellschaft ist also ein wunderbarer Coup gelungen, dafür einen Raum mitten in der Siedlung der Römerstadt zu finden. Hier wird es augenfällig, was die Akteure des „Neuen Frankfurt“ in kurzer Zeit geschafft haben, aber auch, dass bis heute wenig über die Details und die Akteure des Zusammenspiels erforscht ist, und dass es bislang an einer Darstellung und einer entsprechenden Plattform gefehlt hat, auf der auf das Wirken dieser Gruppe im Gesamtzusammenhang und in ihren Vernetzungen, breitenwirksam aufmerksam gemacht wird. Mit der Eröffnung des Forums ist also schon mal ein guter Anfang gemacht worden, wobei auch alltägliche Erfahrungen der Bewohner des Viertels mit einbezogen werden können.

Das Exponat des Monats im Schaufenster: die minimalistisch-funktionalen Türklinken des Designers und Architekten Ferdinand Kramer (1898–1985)

Zur Eröffnung des Forums waren dann vor allem diskutierfreudige Gestalter, Zeitzeugen, Museumsleiter und Kenner herbeigeströmt. Als Vertreter der Stadt und Eröffnungsredner waren der Baudezernent Mike Josef sowie die Kulturdezernentin Ina Hartwig erschienen. Allein die Anwesenden – eine illustre muntere Gesellschaft – bildeten schon ein in sich interessantes Netzwerk: den Hut ziehen muss man vor der inzwischen 91-jährigen Produktgestalterin Prof. Lore Kramer, ehemalige Dozentin an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach (HfG) und Witwe des legendären Ferdinand Kramer, der damals als Architekt und Designer vorwiegend Objekte für den Innenausbau entwarf, und das in zeitlosem Design bei niedrigen Herstellungskosten, die außerdem auch noch den dominierenden, engen Räumlichkeiten gerecht wurden.

Prof. Lore Kramer, Witwe des Architekten und Designers Ferdinand Kramer (1898–1985) im Gespräch mit dem Museumsleiter des Museums Angewandte Kunst, Mathias Wagner K (li)

Kramer, der zunächst am Bauhaus ausgebildet war, hatte während der Inflationszeit in Frankfurt zunächst vor allem Kleinmöbel und Gebrauchsgegenstände aus Metall entworfen, u. a. den bekannten „Kramer-Ofen“, einen Allesbrenner, der ab 1925 von der Firma Buderus produziert wurde. Seine Türbeschläge, die in vielen der Ernst-May-Bauten verwendet wurden, waren zur Eröffnung auf ausstruckstarkem roten Tuch als „Exponat des Monats“ ins Schaufenster gelegt worden.

Lore Kramer selbst aber hat durchaus eine eigene Stimme. In ihren Texten sowie in ihrer Lehre an der HfG hat sie sich immer schon um das Verständnis von Gestaltung als Prozess in sozialen Funktionszusammenhängen verdient gemacht.

Prof. Dr. Klaus Klemp, der neue Vorstandsvorsitzende der ernst-may-gesellschaft 

Professor Klemp als neugewählter Vorstandsvorsitzender ist nahezu eine Idealbesetzung: seit 2014 Professor am Fachbereich Produktgestaltung der HfG Offenbach und Ausstellungsleiter des Museum Angewandte Kunst in Frankfurt sowie Professor für Designgeschichte an der Hochschule RheinMain in Wiesbaden, hat sich bereits seit den 1980er Jahren mit Architektur, Kommunikations- und Produktdesign beschäftigt und speziell auch mit dem Design im Rhein-Main-Gebiet seit den 1920er Jahren. Als Vorstandsmitglied der Ingeborg und Dieter Rams-Stiftung, als Kurator und als Autor zahlreicher Publikationen über Architektur, Kunst, Design und Designgeschichte ist er ein ausgewiesener Experte auf dem Gebiet des Visuellen, der das Thema des „Neuen Frankfurt“ bestens in die Zukunft zu tragen wissen wird.

Auch was die stärkere Vernetzung der beteiligten Akteure mit dem Publikum angeht, wird nun auch nicht mehr gekleckert. Im Bauhaus-Jubiläumsjahr 2019 werden nämlich gleich drei Ausstellungen zum Thema „Neues Frankfurt“ in der Mainmetropole stattfinden, im Deutschen Architekturmuseum, im Museum Angewandte Kunst sowie im Historischen Museum. Ein international besetztes Symposium wird darüberhinaus für die weitere Verbreitung der „Lehre“ sorgen. Dabei weiß Klemp die jahrelange mühevolle Aufbauarbeit, welche die May-Gesellschaft seit 2003 geleistet hat, durchaus zu schätzen, kann sich aber auch vorstellen, dass die May-Gesellschaft ihren Fokus noch erweitern kann und vielleicht auch muss. Denn 2025 steht schon das nächste, das 100-jährige Jubiläum des „Neuen Frankfurt“, an und soll bis dahin einen ähnlichen Bekanntheitsgrad wie das Bauhaus bekommen haben.

Kulturdezernentin Ina Hartwig stellte das kulturelle Gesamtkonzept des „Neuen Frankfurt“ vor, Foto: Dr. Peter Paul Schepp

„So vielschichtig wie das Neue Frankfurt war, wollen wir auch unser Programm gestalten. Die Künstler des Neuen Frankfurt leisteten Pionierarbeit auf den verschiedensten Gebieten. Ob Produktdesign, Musik, Literatur, Radio oder bildende Kunst – diese tiefgreifende Reformbewegung am Ende der Weimarer Republik durchdrang alle Lebensbereiche der damaligen Stadtgesellschaft. An dieses reiche Frankfurter Erbe für die Moderne können wir heute anschließen“, sagte Kulturdezernentin Hartwig.

Mike Josef, Planungsdezernent der Stadt Frankfurt, zog Parallelen zur heutigen Stadtentwicklungssituation

Nicht zuletzt die „Frankfurter Küche“ von Margarete Schütte-Lihotzky, die als Vorläuferin der Einbauküche so entworfen wurde, dass die Hausfrau beim Kochen nur kurze Wege zurücklegen musste. Oder vorgefertigte Wandelemente, genormte Türrahmen aus Eisen, die eingemauert wurden, genormte Holztüren, Fenster und Beschläge, die in Serie gefertigt wurden – was die Baukosten erheblich senkte, gehören ebenso dazu wie die neuen Kommunikationstechniken. So waren zum Beispiel alle May-Bauten damals schon mit Telefonanlagen ausgestattet.

Auch die Übersetzung des „Neuen Frankfurt“ in die Gegenwart haben sich die Verantwortlichen auf die Fahnen geschrieben. Und Mike Josef, Planungsdezernent der Stadt Frankfurt, sagte: „Die Fragen des sozialen und preiswerten Bauens, die Ernst May und sein Team Mitte der 1920er Jahre beschäftigten und schließlich zum ,Neuen Frankfurt‘ als einem Siedlungsbauprogramm führten, sind heute in Frankfurt aktueller denn je. Die vielen guten Lösungsbeispiele aus dieser Zeit wollen wir an die heutigen Anforderungen anpassen und weiterentwickeln“. Und dazu sei nun einmal ein politischer Wille nötig.

Küchen-Designer Dr. Christos Vittoratos (li) im Gespräch mit dem Filmregisseur Dr. Otto Schweitzer (re) 

Die Mischung der Anwesenden war gelungen. So war auch Dr. Konrad Elsässer zugegen, der Großneffe Martin Elsaessers, des Architekten der spektakulären Frankfurter Großmarkthalle, der ebenfalls am „Neuen Frankfurt“ mitgewirkt hat. Er kam als Vertreter der Martin Elsaesser-Stiftung und möchte natürlich auch zum Bauhausjahr mit der ernst-may-stiftung kooperieren. Abgesehen von der grandiosen Großmarkthalle, die Elsaesser damals gebaut hatte, sind heute noch etliche Elsaesser-Bauten in Frankfurt zu bewundern: allein vier Schulen, dann das Schwimmbad in Fechenheim, das Gesellschaftshaus im Palmengarten und die Klinik für Nerven- und Gemütskranke mit Direktorenvilla. Elsaessers ehemaliges privates Wohnhaus beherbergt heute das bestens renovierte Schweizer Generalkonsulat.

Zweifellos wird auch das Konservatorische nicht zu kurz kommen. Dafür werden schon der frühere Vorstandsvorsitzende Dr. Eckhard Herrel und Landeskonservator und Kunsthistoriker Dr. Christoph Mohr sorgen, der mehr als 30 Jahre beim Landesamt für Denkmalpflege in Hessen tätig war. Beide sind Mitglieder des Wissenschaftlichen Beirats. So wie auch der Architekt und Architekturhistoriker Dr. Wolfgang Voigt, der zum Vorstand der ernst-may-gesellschaft gehört. Aber auch Kreative, die sich bildnerisch mit dem „Neuen Frankfurt“ auseinandergesetzt und dafür eine eigene Bildsprache entwickelt und gefunden haben, waren anwesend wie zum Beispiel Otto Schweitzer, der Regisseur des Filmes „Ernst May: Eine Revolution des Großstädters. Bauen in dürftiger Zeit“. Er kommentierte seine Arbeit so :„Ich wollte einen Film aus Häusern machen und zeigen, wie May ,sie gedacht hat’“. Der Film, der in Deutschland, der Sowjetunion und in Afrika gedreht wurde, macht das Vorbild noch um ein Vielfaches lebendiger. 

Designer Ulrich Helbling (li) begeistert sich an den Fotos von Matthias Matzak (re)

Der Fotokünstler Mathias Matzak, der sieben Jahre lang an seiner eindrucksvollen Dokumentation „das neue frankfurt“ (Verlag Wasmuth)  gearbeitet hat, und die er mit Kommentaren in einen großen Bildband zusammengefügt hat, schärft unseren Blick für die ästhetischen architektonischen Details der spezifischen Bauweise des „Neuen Frankfurt“. Dass hier eben auch „dicke Bretter“ gebohrt und ästhetische Entsprechungen hervorgebracht werden, das begeisterte auch Ulrich Helbling, den Sohn des Architekten Heinrich Helbling (1903-1973), der wegen seines Vaters mit dieser Architektur aufgewachsen ist, was ihn zum erfolgreichen Produktdesigner gemacht hat. Auch in der jungen Generation geht es weiter. Der frisch promovierte Dr. des. C. Julius Reinsberg hat nun ob seiner Promotionsarbeit zum Thema sogar eine von der Stadt mitfinanzierte feste Stelle bekommen, während der seit einigen Jahren engagierte stellvertretende Stellvertrende Vorsitzende und „Finanzminister“ der ernst-may-gesellschaft, Dr. Peter Paul Schepp, kompetent und ehrenamtlich über die Etats wachen wird, damit die Aktivitäten des Forums auch im Rahmen des Bezahl- und Machbaren bleiben. Zu den Spezialitäten des „Neuen Frankfurt“ gehörte eben auch, nicht über die Verhältnisse zu leben…

Der neue Geschäftsführer Dr.des. C. Julius Reinsberg vor den Fotos von Matthias Matzak

Alle Fotos: Petra Kammann

 

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