home

FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Der junge russische Pianist Alexander Koryakin im Hauskonzert von Viviane Goergen

Text und Fotos: Renate Feyerbacher

Zum Hauskonzert hatte Pianistin Viviane Goergen, die sich nach ihrer Weltkarriere der Förderung jungen pianistischen Nachwuchses widmet, Alexander Koryakin eingeladen. Den russischen Pianisten hatte sie erst Ende Juni 2017 im Rahmen der Konzertreihe „Transitition Classic – Excellence 2017“ in der Alten Oper Frankfurt gehört. Ihre Begeisterung für sein Spiel wollte sie daraufhin mit Freunden und einflußreichen Musikkennern teilen, die sie in ihre Frankfurter Wohnung gebeten und um Spenden für den Künstler gebeten hatte. Denn Alexander Koryakin besaß kein eigenes Klavier, um zu üben. Bei dem Konzert kam so viel Geld zusammen, dass ein Klavier geliehen werden  und es dann auch noch in die Wohnung des Pianisten in die vierte Etage transportiert werden konnte.

Alexander Koryakin und Viviane Goergen

Was für ein fast unglaubliches Talent, was für ein einzigartiges Können steckt in dem Neunundzwanzigjährigen! Alexander Koryakin lernt die Noten unmittelbar von der Lektüre her auswendig und verfügt über die Gabe, ihren Klang nicht nur in seinem Inneren zu hören, sondern die Stücke ohne Instrument mit seinen Fingern auf einer imaginierten Tastatur sozusagen auf der Tischplatte zu üben, um sie anschließend auf einem Flügel fehlerfrei und mit außerordentlicher Brillanz zu spielen!

Der weltberühmte Klavierpädagoge Lev Natochenny nahm Koryakin in seine Meisterklasse auf und und ließ ihn in seinen Meisterklasse-Konzerten spielen. Der 1950 in Moskau geborene Professor, der 1981 den zweiten Preis beim renommierten Internationalen Klavierwettbewerb Ferruccio Busoni erspielte, lehrte in den USA und von 1994 bis zu seiner Emeritierung 2015 an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst (HfMDK) Frankfurt am Main. Noch ein Jahr darüber hinaus wollte der Professor in seinem Lehramt verbleiben, was ihm die Schulleitung („kein dienstliches Interesse“) und der Hessische Verwaltungsgerichtshof verwehrten. Seine heute prominenten Schüler, darunter sechs Echo-Klassik-Preisträger, die er in Frankfurt unterrichtet hatte, appellierten an die Hochschulleitung, ihm dieses eine längere Jahr nicht zu verwehren – so auch Martin Stadtfeld . Heute lehrt Lev Natochenny in der Schweiz und an seinem privaten Institut.

Alexander Koryakin

Ein anspruchvolles Programm hatte Alexander Koryakin für das Hauskonzert bei Viviane Goergen zusammengestellt. Mit der Barcarolle op. 60 von Frédéric Chopin gelang ihm ein wunderbarer Einstieg. Der bescheidene junge Mann begann zunächst etwas zögerlich, dann aber gelangen ihm brillant die Triller, gekonnt die Passagen und einfühlsam die grazilen Übergänge.Es folgten Lieder von Franz Schubert, der an die 600 komponiert hatte, von denen die meisten jedoch nicht zu seinen Lebzeiten publiziert wurden. Komponistenkollege Franz Liszt, der Schubert bewunderte, bearbeitete einige seiner Lieder für Klavier, unter anderem „Der Müller und der Bach“, „Gretchen am Spinnrad“, „Die Forelle“, „Auf dem Wasser zu singen“ und „Erlkönig“. Liszt, einer der besten Klavierinterpreten seiner Zeit, gestaltete diese Stücke virtuos. Wie Alexander Koryakin den „Erlkönig“ interpretierte, nahm einem förmlich den Atem. Man fühlte sich ins Geschehen von Johann Wolfgang Goethes berühmter Ballade versetzt: die Ängste des Kindes, der Trost des Vaters, die Schmeichelei des Todes standen einem buchstäblich vor Augen: Feinheit und Dramatik fanden sich in Koryakins Technik und in der Dynamik seiner Präsentation nuanciert wieder.

Zu Herzen ging „Gretchen am Spinnrad“, ihr Gesang aus Goethes „Faust“. Das Plätschern der “Forelle“, Schuberts Kunstlied, basierend auf dem dem Sturm und Drang verbundenen Text von Christian Friedrich Daniel Schubart, war regelrecht wahrzunehmen. (Schubert hat der Forelle auch sein berühmtes „Forellenquintett“ gewidmet.) Empathisch-leidenschaftlich deutete der junge Pianist schließlich die „Paraphrase de concert sur Rigoletto“ von Giuseppe Verdi, bearbeitet von Franz Liszt.

Nach der Pause erläuterte Koryakin zunächst die “Suite Bergamasque“ von Claude Debussy, zu der das von vielen Musikfreunden geschätzte „Claire de Lune“ gehört. Dabei gelang es ihm, den typisch Debussyschen Klang zu treffen. Gekrönt wurde der Konzertnachmittag von der „Nussknacker-Suite“ seines Landsmanns Peter Tschaikowsky, bearbeitet vom russischen Konzertpianisten Mikhail Pletnev (geb. 1957). In diesem Werk ist Koryakin ganz zu Hause, unverkennbar ist die russische Schule, die er seit Kindesbeinen in Jakutsk, in Moskau und heute in Frankfurt durchlaufen hat.

1988 in Jakutien (Sacha, einer Teilrepublik im russischen Föderationskreis Fernost) geboren, bekam Alexander Koryakin den ersten Klavierunterricht mit neun Jahren. Ein Schulfreund hatte ihn motiviert, mit in die Musikschule zu gehen. Er war begeistert. Koryakins Mutter, eine Ärztin – die Eltern waren geschieden -, kam seinem Wunsche nach und erlaubte ihm den Besuch der Musikschule. Die dortige Klavierpädagogin erkannte sehr schnell seine Begabung und ließ ihn bereits im zweiten Unterrichtsjahr bei einem Klavierabend auftreten. Schon ein Jahr später gewann er einen Klavierwettbewerb und wurde an der Hochschule für Musik der Republik Sacha in Jakutsk aufgenommen. Mit dreizehn Jahren kam er ins Internat. Schnell erkannten die Professoren der Hochschule sein Talent und schickten ihn von 2001 bis 2006 zu Wettbewerben nach Dänemark und Litauen und ließen ihn bei internationalen Wettbewerben gastieren. Mit sechzehn Jahren wurde er mit dem Akademiker-Lichatschow-Goldenen Stern der Stadt Sankt Petersburg (benannt nach dem Pädagogen und Slawisten Dmitri Sergejewitsch Lichatschow) ausgezeichnet. Von 2006 bis 2012 studierte er in Moskau am Gnessin-Institut, der renommierten Elitehochschule, die 1895 von Jelena Gnessina und ihren beiden Schwestern gegründet wurde. Professorin Wera Nossina sandte den jungen Absolventen zu mehreren internationalen pianistischen „Wettkämpfen“: nach Kiew zum Wladimir Horowitz-Klavierwettbewerb (5. Preis), zum Concours international de piano „Les nuits pianistiques“ in Aix-en-Provence (3. Preis), zum Semyon Beneditski-Wettbewerb in Saratow (Grand Prix) und zum Emil Gilels-Klavierwettbewerb in Odessa (Finalist). Seit 2014 nun wird der junge Pianist von Lev Natochenny unterrichtet; gleichzeitig setzt er sein Studium an der Kronberg Academy als Kammermusiker fort, wo er berühmte junge Geigerinnen begleitet.

Neben seiner Konzerttätigkeit, die ihn in viele Länder brachte (unter anderem auch in den Großen Saal der UNESCO in Paris), arbeitete er seit 2012 bereits an der Oper von Jakutsk als Korrepetitor. Mit dem Opern-Ensemble gastierte er in Kirgisistan und Südkorea. Gerne begleitet er auch hier herausragende Sänger und Sängerinnen wie die Mezzosopranistin Nina Tarandek (Oper Frankfurt), die Sopranistin Guanqun Yu (u.a. Metropolitan Opera, Oper Frankfurt, Royal Opera House) und den Tenor Dmitri Ivanchey (Oper Zürich, Aalto Musiktheater Essen).

Professor Lev Natochenny charakterisiert Koryakins Leidenschaft treffend : „Alexander can sit at the instrument and play Mozart‘s „Marriage of Figaro“ in Klavier-Auszug with singing all parts simultaneously and without music in front of their eyes for hours! Then smoothly going into Richard Strauss‘ „Salome“ and then transferring smoothly into Strauss‘ „Rosenkavalier“ in the same fashion: all without music, and singing along with text in original languages! The repertoire of this young man knows no limit, and his piano repertoire is the same. Anything, he did not play yet, he can learn in a matter of DAYS. And all is ready to be performed.”[Alexander versteht es, am Instrument zu sitzen und Mozarts „Hochzeit des Figaro“ als Klavierauszug zu spielen und gleichzeitig zu singen,  alle Partien stundenlang ohne Begleitung von Instrumenten vor Augen! Dann geht er leicht über zu Richard Straussens Salome und  wechselt sodann in gleicher Weise fließend über zu Straussens Rosenkavalier: alles ohne musikalische Begleitung singt er den Text in den Originalsprachen! Das Repertoire dieses jungen Mannes kennt keine Grenzen, so wenig wie sein Piano-Repertoire. Alles, was er zuvor noch nicht gespielt hat, ist für ihn eine Sache von Tagen, in denen er es erlernen kann. Und alles ist bereits aufführungsreif.“]

Im Vorgespräch erzählt Alexander Koryakin von seiner Frau, auch sie Pianistin, er kennt sie seit der Schulzeit. Lächelnd, fast verschmitzt erzählt er von seinem älteren Bruder, einem Tierarzt, der soeben Bürgermeister seines Dorfes geworden war.

Am 26. November 2017 konzertiert Alexander Koryakin bei der Meisterklasse von Lev Natochenny in der Alten Oper und bei seinem Klaviermeisterkurs INTERNATIONAL PIANO INSTITUTE for SUPERIOR PERFORMANCE STUDIES vom 1. bis 3.Dezember in der Englischen Kirche von Bad Homburg.

 

Comments are closed.