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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Archiv für September, 2017

Frankfurt auf Französisch: Märchenerzähler – Von Charles Perrault zu den Brüdern Grimm

2017, September 19.

Die diesjährige Frankfurter Buchmesse hat Frankreich zum Gastland. Das war der Anlass für das Hanauer Historische Museum, im Schloss Philippsruhe eine Kabinettausstellung zu einer besonderen deutsch-französischen Kunst- und Literaturbeziehung zu zeigen. Man präsentiert dort die Verbindung zwischen Charles Perrault und den Brüdern Grimm sowie zwischen dem Künstler Ludwig Emil Grimm und Gustave Doré. Diese besondere Ausstellung ist bis zum 28.1. 2018 zu sehen.

von Winfred Kaminski


Der Clou der Schau ist nicht zuletzt die Doppelung von Märchenautoren und Märchenillustratoren. Auf diese Weise wird die Überlieferung seit dem 17. Jahrhundert bis weit ins 19. Jahrhundert hinein nachvollziehbar. Voller Spannung erlaubt die Hanauer Ausstellung zu sehen und zu lesen, wie und was von Perrault zu Jacob und Wilhelm Grimm vermittelt worden ist.

Zudem können die Besucher in Augenschein nehmen, wie die romantisch-biedermeierlichen Motive des Malerbruders L.E. Grimm bei Gustave Doré viel deutlicher das Drastisch-Grausliche betonen, nicht die feinziselierten Blumenranken stehen bei ihm im Vordergrund, sondern Doré lässt seine Betrachter vor dem menschenfressenden Riesen erschauern.

Der Unterschied zwischen Perraults französischen, an den Pariser Hofadel adressierten Märchen „avec des moralitéz“ und den an die aufkommende bürgerliche Kleinfamilie der Grimms wird hier faßbar. Bis heute populär waren und sind die „contes de fées“ des einen, genauso wie die „Kinder- und Hausmärchen“ der anderen. Aber es zeigen sich auch interessante Spannungen zwischen den Märchen des späten 17. Jahrhunderts, die oftmals sarkastisch-ironisch daherkommen und mit den Verhaltenszumutungen der Oberschichten kokettieren, und denen des frühen 19, Jahrhunderts, die von den Grimms entsexualisiert, verchristlicht und verharmlost worden sind.

Historische Ausgabe von Charles Perraults „Geschichte der Märchen“

 

Daneben leistet die Hanauer Ausstellung einen anregenden Beitrag zur Aufdeckung der spezifischen Überlieferungswege der Märchen von Frankreich nach Deutschland. Hierzu findet sich in der Kabinettausstellung eine hilfreiche Nachzeichnung der Wege der Märchen. Es war die Vertreibung der protestantischen Hugenotten durch Ludwig XIV., die diesen Kulturtransfer erzwungen hatte. Einige hugenottische Familien siedelten sich in der Folge in Hanau an und dort war es dann Marie Hassenpflug (1788-1856), die hugenottische Vorfahren hatte, und die deren Überlieferungen auch an die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm vermittelte. Deshalb darf es nicht verwundern, wenn es zahlreiche Übereinstimmungen zwischen den „Contes de fées“ und den „Kinder- und Hausmärchen“ gibt.

 

Der Malerbruder Ludwig Emil Grimm

Diese familiären Überlieferungswege genauestens nachzuzeichnen, ist ein großes Verdienst dieser Ausstellung. Sie bestätigt einmal mehr, was zuvor schon über eine andere Märchenbeiträgerin der Grimms nämlich Dorothea Viehmann – die „Viehmännin“ – herausgefunden worden ist. Diese war nämlich nicht die Bäuerin aus Niederzwehren bei Kassel, und auch nicht allein Handwerksgattin, sondern ebenfalls hugenottischer Herkunft. Ihr Geburtsname war Pierson. Und auch die zahlreichen von ihr berichteten Märchen hatten französischen Ursprung.

Illustration von Gustave Doré “ Der gestiefelte Kater“

Nachdem über viele Jahrzehnte hinweg die „Kinder- und Hausmärchen“ als typisch deutsch vorgestellt worden sind, kann seit den jüngsten Forschungen dies nicht länger aufrechterhalten werden. Überdies hatten Jacob und Wilhelm Grimm selbst nie einen Zweifel daran gelassen, daß ihre Märchen ihnen zwar mündlich mitgeteilt worden waren, aber genauso oft legten sie darüber Zeugnis ab, welche literarischen Vorlagen sie benutzt hatten, um daraus „ihre“ Märchen zu formen. Beiden Wissenschaftlern war ohnehin bewusst, dass ihre Geschichten europäische und internationale Wurzeln hatten und nicht einfach nur einer Nationalliteratur zuzuschlagen wären.

Die Kabinettausstellung im Schloß Philippsruhe ist ein Augenschmaus, dank der Kunst eines Ludwig Emil Grimm und Gustave Dorés, und sie ist ein philologisches Erlebnis dank der klaren Überlieferungskritik von Charles Perrault zu Jacob und Wilhelm Grimm.

Die Hanauer Kabinettausstellung ist noch bis zum 28.1. 2018 (Di-So 11-18Uhr) zugänglich im Schloß Philipssruhe in der Bel Etage im nördlichen Corps de Logis, wo man übrigens auch einen Blick auf die Malerei von Moritz Oppenheim werfen kann.

Die Abbildungen wurden vom Historischen Museum Schloss Philippsruhe in Hanau zur Verfügung gestellt.

Saisoneröffnung an der Oper Frankfurt: Il Trovatore von Giuseppe Verdi

2017, September 15.

Albtraum der Vergangenheit, brennendes Kind, brennende Liebe, brennender Hass

Text: Renate Feyerbacher und Fotos: Barbara Aumüller / Oper Frankfurt

Verdis Dramma lirico eröffnete am Sonntag, den 10. September, die Saison an der Oper Frankfurt. Die Koproduktion mit dem Royal Opera House Covent Garden in London, wo die Premiere bereits im Dezember 2016 stattfand, erfreute sich vieler Bravos, aber auch einiger Buh-Rufe.

Kihwan Sim (Ferrando; in der Mitte stehend) sowie Chor und Statisterie der Oper Frankfurt

Dumpfe Töne, kein Vorspiel, ein Bühnen-Prospekt voll bekritzelt, in grossen Lettern der Name LEONORA mit Pfeilen zu Querverweisen. Dann flattern ominöse Vögel, Noten schlängeln sich als Troubadour Manrico, der hinter der Bühne ein Liebeslied singt. Seltsam und verwirrend. Ein Panzer, Symbol für die Partei des Grafen Luna, der auf Seiten des Königs gegen den Herzog von Urgel kämpft und dessen Anführer Manrico ist, fährt auf die Bühne. Hauptmann Ferrando (markant das Ensemblemitglied Kihwan Sim) muntert die träge herum lungernden Soldaten mit der Vorgeschichte des Operngeschehens auf. Zwei Söhne hatte der Vater des jetzigen Grafen: Luna und Manrico. 15 Jahre zuvor hatte der Vater eine Zigeunerin, die angeblich sein Kind verhext hatte, verbrennen lassen. Ihre junge Tochter Azucena musste das mit ansehen. Sie schwor Rache, entführte Manrico, das jüngere Kind des Grafen, um es ins Feuer zu werfen. In ihrer brennenden Wut warf sie allerdings das eigene Kind in die Flammen. Manrico zog sie auf und behütete ihn mit überschwänglicher Mutterliebe, die Manrico ohne wenn und aber erwidert. Graf Luna hatte nie aufgehört, den Bruder zu suchen wie auch die Tochter der Zigeunerin.

v.l.n.r. Piero Pretti (Manrico), Elza van den Heever (Leonora) und Brian Mulligan (Conte di Luna)

Früh begegnen sich die Brüder und sehen sich in doppelter Hinsicht als Gegner, nämlich als Kämpfer und als Liebende, denn Graf Luna brennt ebenso in Liebe zu Leonora wie Manrico.

Der Konflikt ist vorgezeichnet, als Leonora als fröhlich-verliebter Teenager auftretend, ihrer Freundin Ines (Alison King) von ihrer Liebe zum Troubadour vorschwärmt und sich plötzlich zwischen beiden Männer-Fronten befindet. Beide wollen verhindern, dass Leonora, die Manrico für tot hält, ins Kloster eintritt. Leonora und Manrico fliehen schließlich. Azucena, die Manrico endlich die Wahrheit sagte, wird festgenommen, Manricos Truppen werden besiegt, ihr Anführer Manrico wird gefangen genommen. Nato-Stacheldraht ist das einzige Requisit in der Szene des Gefangenenlagers. Das spartanische Bühnenbild von Patrik Bannwart, der auch die Videos verantwortet, ist stark, die Feuerszene am Ende faszinierend. Der Panzer ist das Symbol der Königstreuen unter Graf Luna, der Wohnwagen das Symbol der Zigeuner, der Rebellen unter Manrico. Witzig das kuriose Auto mit Pferdedeichsel, das sich die Männer zusammengebastelt hatten. Die Buh-Rufe haben sich vermutlich vor allem auf die Regie bezogen.

Marianne Cornetti (Azucena; Bildmitte) und Ensemble

Regisseur David Bösch (Der Fliegende Holländer“ von Richard Wagner an der Oper Frankfurt) führt die Figuren nicht und lässt sie fast nur an der Rampe singen. Das wirkt sehr statisch. Die Oper spielt zu Beginn des 15. Jahrhunderts, Bösch hat sie in die Jetztzeit versetzt. Das ist nachvollziehbar, ist doch das Motiv Rache, die Liebe sowieso auch heute immer noch Thema. Es geht ihm nicht um Geschichte, sondern um Emotionen. Sein Gedankengang ums Feuer, um das brennende Kind, die brennende Zigeunerin, durchzieht die ganze Inszenierung. Ein großes Spannungsfeld. Es müssen keine opulenten Kostüme (Meentje Nielsen) vergangener Zeit sein wie vor einigen Jahren in Salzburg getragen werden. Aber Leonora war dann doch zu kess und Azucena zu ungünstig ausstaffiert.

Elza van den Heever (Leonora)

Die Begeisterung für die Sängerinnen und Sänger war total. Man brauche nur die vier besten Sänger der Welt zu nehmen, meinte seinerzeit der weltberühmte Sänger Enrico Caruso. Dann wäre „Il trovatore“ schon leicht zu realisieren. Dabei ist die Oper ein ganz schöner Kraftakt vor allem für die Sängerin der Leonora. Sopranistin Elza van den Heever, einst Ensemblemitglied, hat die Partie überwältigend gesungen und eindrucksvoll gespielt.

Um Manrico zu befreien, versprach sich Leonora dem Grafen Luna und nahm Gift. Manrico fühlt sich verraten. Er versteht nicht, was passiert ist. Das erste Bild des vierten Aktes wird von den Arien Leonoras beherrscht. Mit „D’amor sul’ali rose – Auf den Rosenflügeln der Liebe“ wühlt Elza van den Heever geradezu auf. Der sardische Tenor Piero Pretti, erstmals an der Oper Frankfurt, singt Manrico. Eine schöne, klare Stimme, die die kniffligen Höhen problemlos erklimmt. Brian Mulligan, regelmäßiger Gast an der hiesigen Oper,  s.:Die Passagierin“ von Mieczyslaw Weinberg an der Oper Frankfurt“>„Die Passagierin“ von Mieczyslaw Weinberg an der Oper Frankfurt, überzeugt als Graf Luna mit sonorer Stimmkraft. Die Amerikanerin Marianne Cornetti sprang kurzfristig für die erkrankte Tanja Ariane Baumgartner ein. Cornetti zählt zu den führenden Mezzosopranistinnen ihres Landes. Anfangs mit zu viel Vibrato steigerte sie sich dann aber zunehmend. In den Duetten mit Manrico am Ende der Oper entfaltet sie ganz ihre wunderbare Stimme. Auch stimmgewaltig die Chöre, die Tilman Michael einstudierte.

  

Piero Pretti (Manrico) und Elza van den Heever (Leonora)

Und die Musik: Der Italiener Jader Bignamini leitet das Frankfurter Opern- und Museumsorchesters einsichtig und sehr differenziert, die Sänger behutsam begleitend.

Giuseppe Verdi (1813 – 1901) war vierzig Jahre alt, als „Il Trovatore“ endlich auf die Bühne kam, begeistert gefeiert vom Publikum. Das war am 19.Januar 1853 im Teatro Apollo in Rom. Am 6. März des gleichen Jahres wurde „La Traviata“ am „Teatro La Fenice“ in Venedig uraufgeführt und fiel zunächst durch. Sein „Rigoletto“, den er als gelungenste Oper schätzte, durch den er Weltruhm erlangte, war am 11.März 1851 in Venedig ein großer Erfolg beschert.Rigoletto“ von Giuseppe Verdi an der Oper Frankfurt“>„Rigoletto“ von Giuseppe Verdi an der Oper Frankfurt

Es war eine der fruchtbarsten Schaffensperioden des Komponisten. Dass „Il trovatore“ Rükschläge erleben musste, lag auch am Libretto von Salvatore Cammarano, der mit dem Sujet nicht klarkam und vor der Fertigstellung starb. „Im Übrigen ist mein ursprünglicher Verdacht, dass Euch dieses Drama nicht zusagen würde, nun vielleicht bestätigt.“ (aus dem Brief Verdis vom 9. April 1851 an Cammarano – Zitat Programmheft.) Verdis Musik jedoch fängt die Schwächen des Librettos auf. Ein Meisterwerk, das in der Oper Frankfurt musikalisch hervorragend und kompetent erklang.

Weitere Vorstellungen am 17., 23., 30. September, am 3., (15,30 Uhr) 7. Oktober, am 15., 23., 25 (18 Uhr)., und 31. Dezember jeweils um 19,30 Uhr und weitere drei Vorstellungen im Januar 2018.

Richtfest: Das Deutsche Romantik-Museum hat Boden unter den Füßen und ein Dach überm Kopf

2017, September 11.

Mit Literatur den öffentlichen Raum erobern. Rund um die Baustelle prangt der Appell des romantischen Dichter Novalis 

Zum Richtfest des Deutschen Romantikmuseums versammelte sich am 11. September 2017 im Großen Hirschgraben ein Teil der engagierten Frankfurter Stadtgesellschaft, bestehend aus Politikern, Sponsoren und Kulturschaffenden. Man könnte meinen, alle Anwesenden hätten schon immer an einem Strang gezogen. Die anfänglichen Querelen jedenfalls schienen beim Richtfest vergessen. Zu groß war die Freude. Denn ab sofort – darin waren sich die Festredner einig – schaut man vertrauensvoll in die Zukunft. Was 2010 schon von Anne Bohnenkamp-Renken, der Direktorin des Freien Deutschen Hochstifts geplant war und mit einigen Hindernissen auf den Weg gebracht wurde, geht nun zügig voran, weswegen die Hausherrin auch strahlte. Die Basisfinanzierung steht erst einmal. Und sowohl die Planung als auch die Kosten wurden bislang eingehalten, in anderen Städten durchaus keine Selbstverständlichkeit!

Einigkeit macht stark: Architekt, Museumsdirektorin, Politiker, Ehrenbürger und Sponsoren „Ohne die gemeinsame Anstrengung wäre der Traum nicht wahr geworden“ 

Am 11. September, sogar noch vor dem offiziellen Herbstbeginn, war das Gebälk für das neu entstehende Museum neben dem Goethehaus schon eingeschalt. Da wird es absehbar, dass die 130 000 reichhaltigen Bücher und Manuskriptsammlungen und die herrlichen Schätze der Bildenden Kunst – wie etwa das Herzstück der Sammlung,  Caspar David-Friedrichs „Abendstern“ –, schon bald dauerhaft eine Heimstätte bekommen. In den Magazinen des Freien Deutschen Hochstifts liegen auf eine mehr als hundertjährige Sammlungstätigkeit zurückgehende Romantik-Schätze – Handschriften von Clemens Brentano, Novalis, den Brüdern Schlegel, Tieck, Eichendorff, aber auch so bekannt Gemälde von Carus und Graphiken von Philipp Otto Runge. Sie alle werden endlich einer breiten Öffentlichkeit zugänglich sein. Dabei ist das Vertrauen in den erfahrenen Frankfurter Architekten Christoph Mäckler groß. So können Architekt und Auftraggeber Hand in Hand arbeiten, um das bestmögliche Ergebnis für ein zeitgemäßes Museum zu erzielen.

Oberbürgermeister Peter Feldmann betonte die Bedeutung des Vorhabens: „Mit dem Deutschen Romantik-Museum entsteht ein Museums-Ensemble am Großen Hirschgraben – im Herzen der Stadt – das seinesgleichen sucht. Goethe-Haus und Romantik-Museum werden eine Einheit bilden, die dem Besucher einen umfassenden Einblick in eine uns bis heute prägende Zeit des Umbruchs ermöglicht und ein umfassendes Verständnis für die in Kunst, Literatur, Kultur, aber auch in den Wissenschaften bedeutende Epoche zwischen der Mitte des 18. und der Mitte des 19. Jahrhunderts weckt.“

→ Hausherrin Prof. Anne Bohnenkamp-Renken bedankte sich bei Sponsoren und Privatspendern, die allein 2,2 Mio aufgebracht haben. Sie bat um die Übernahme weiterer Patenschaften, die für die Ausstattung des Museums (4 Mio) übernommen werden können. Dabei verwies sie auf die wichtigen Schwerpunkte des Hauses: die Förderung der Wissenschaften, Künste und der allgemeinen Bildung

Kulturdezernentin Ina Hartwig skizzierte, welche Vorstellungen vom Museum sie habe, nämlich einen Raum zu schaffen, der potenziell neue Räume öffne. Und sie erinnerte in ihrer Rede an das, was uns in Auseinandersetzung mit der Aufklärung in der Folge die Romantik  geschenkt habe wie zum Beispiel „Wohn- und Lebensgemeinschaften“, „Mobilität“ und „starke Frauen“.

Sie ist überzeugt, dass durch vertrauensvolles Miteinanderreden Architektur und Museographie an diesem besonderen Ort ein auratisches Gesamtkunstwerk entstehen lassen können, das für den Alltag ein „Surplus“ sei. Die Museographie wurde im Herbst 2016 an die Arbeitsgemeinschaft der renommierten Architekten und Ausstellungsgestalter Bach Dolder + KatzKaiser (Köln / Darmstadt) vergeben, die bundesweit zahlreiche Ausstellungen in namhaften Häusern gestaltet haben; darunter in Frankfurt das Städelmuseum, das Jüdische Museum und das Goethehaus. Das Büro KatzKaiser wurde überdies durch die Erinnerungsstätte an der Frankfurter Großmarkthalle, am neuen Sitz der Europäischen Zentralbank, bekannt.

„Grundlage für das Museum ist die weltweit einzigartige Sammlung zur Literatur und die hochkarätige Sammlung bildender Kunst und Alltagskultur der deutschen Romantik, die in den vergangenen 100 Jahren vom Freien Deutschen Hochstift, dem Träger des Frankfurter Goethe-Hauses, zusammengetragen wurde. Im Deutschen Romantik-Museum können diese Sammlungen erstmals einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden“, sagte Kunst- und Kulturminister Boris Rhein.

Kunst- und Kulturminister Boris Rhein sprach auf dem Richtfest ein Grußwort, indem er das Romantikmuseum in die historisch-romantischen Ikonen der Rhein-Main-Gegend einbettete

Das Deutsche Romantik-Museum stelle mit dem Brentanohaus und dem Osteinschen Park im Niederwald, der zu den frühesten Landschaftsparks in Deutschland gehöre und als ein wichtiges Zeugnis der Gartenkunst am südlichen Eingang zum UNESCO-Welterbe Oberes Mittelrheintal gelte, einen der wesentlichen „Bausteine der Romantik“ dar. Die Landesregierung rettete das Brentanohaus mit einem Investment von 1,2 Millionen Euro im Jahr 2014 vor dem Verfall und bewahrte damit das geistig-kulturelle Zentrum der deutschen Rheinromantik.

           

Bevor der Richtkranz (re) heruntergelassen wurde und der Zimmermann den Richtspruch sprach, der das Haus künftig vor Unbilden schützen soll, erinnerte Architekt Mäckler (li) an die soliden Handwerkstraditionen des 18. Jahrhunderts, als Goethes Elternhaus entstand, und wies auf die starken Brandmauern hin, die selbst den Kriegszerstörungen getrotzt haben

Der Neubau des Romantik-Museums, der schon vor etlichen Jahren von Ernst Beutler angestoßen worden war, wird als Bestandteil der Baumaßnahme „Goethehöfe“ durch die ABG Frankfurt Holding GmbH (ABG) als Bauherrin durchgeführt. Das Freie Deutsche Hochstift (FDH) wird das fertige Museumsgebäude dann als Eigentümerin von der ABG übernehmen. Der vom Land Hessen mit vier Millionen Euro geförderte Neubau bietet zudem auch Platz für die Gemälde der Goethezeit und die Epoche der Romantik sowie für Wechselausstellungen. Das Deutsche Romantik-Museum selbst erstreckt sich über das zweite und dritte Stockwerk. Dort soll in Zukunft mit einer zeitgemäßen Museographie die Romantik in all ihren Facetten erlebbar gemacht werden.

Beste Stimmung der Anwesenden beim Richtfest 

Mit dem Deutschen Romantik-Museum wird in Frankfurt ein einmaliger Erinnerungsort für die Schlüsselepoche der deutschen und europäischen Geistesgeschichte entstehen. Eine historische Raffinesse ist eingebaut: der Ausblick auf die für die deutsche Demokratie so bedeutsame Paulskirche. Anne Bohnenkamp-Renken, die Direktorin des Freien Deutschen Hochstifts rechnet mit der Fertigstellung des vom Architekten Christoph Mäckler entworfenen Gebäudes Anfang 2020.                         pk

Auf dem Projektareal werden unter dem Titel ‚Goethehöfe‘ neben dem Deutschen Romantik-Museum 28 Wohnungen (4.900m2 BGF) mit einem Café entstehen. Der bestehende Cantate-Saal (1.600m2 BGF) wird für die Fliegende Volksbühne umgebaut und saniert. Verantwortlich für den Städtebau des Gesamtensembles ist das Büro Michael A. Landes – Landes & Partner Architekten. Die Planung des Projektes ‚Goethehöfe‘ (Cantate-Saal, Café und Wohnbebauung) erfolgt durch das Büro Michael A. Landes – Landes & Partner Architekten im Auftrag der Frankfurter Aufbau AG und für das Deutsche Romantik-Museum (3.200m2 BGF) durch das Büro Christoph Mäckler Architekten im Auftrag der ABG FRANKFURT HOLDING. Die Fertigstellung ist für Ende 2018 vorgesehen.Bauherr für das Projekt ist die ABG FRANKFURT HOLDING. 

Tag der offenen Tür: Mit Goethe auf dem Weg zum Deutschen Romantik-Museum (Sa 30. September, 10 bis 18 Uhr. Dazu gibt es ein vielfältiges Sonderprogramm in Goethe-Haus und Goethe-Museum. Der Eintritt ist frei.

Alle Fotos: Petra Kammann

August Wilhelm Schlegel – der europäischste aller Romantiker Das Frankfurter Goethe-Museum zeigt „Aufbruch ins romantische Universum“

2017, September 9.

Die kulturellen Räume literarisch neu vermessen

Von Hans-Bernd Heier

Am 5. September 2017 jährte sich der Geburtstag von August Wilhelm Schlegel (1767–1845), einer der Hauptvertreter der deutschen und europäischen Romantik, zum 250. Mal. Der Schriftsteller, Übersetzer, Philologe und Begründer der Indologie in Deutschland war nicht nur äußerst vielseitig und sein Leben lang außerordentlich produktiv, er war auch der europäischste von allen Romantikern sowie National- und Universalpoet in einem. Als Übersetzer – seine Shakespeare-Übersetzungen gelten bis heute als mustergültig – genoss er höchste Anerkennung. Darüber hinaus war er ein ebenso begnadeter wie gefürchteter Kritiker, Satiriker und Essayist.

August Wilhelm Schlegel um 1800 / 1802, unbekannter Maler; © Freies Deutsches Hochstift / Frankfurter Goethe-Museum, Foto: Ursula Edelmann

Nicht zuletzt war er es, der die Gedanken der Romantik einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich machte und den interkulturellen Dialog weit über die deutschen Grenzen hinaus immer wieder aufs Neue suchte. Seinem Wirken ist es zu verdanken, dass sich das romantische Gedankengut in ganz Europa verbreitete und auch in Frankreich, Italien, England, Russland und Skandinavien entfaltete.

„August Wilhelm Schlegels Weg als Romantiker richtete sich – anders als bei seinem Bruder Friedrich oder bei Novalis – weniger nach innen als vielmehr nach außen, sah er doch seine Aufgabe darin, die kulturellen Räume Europas im Zeichen des „Romantischen“ literarisch neu zu vermessen und bis nach Indien auszuweiten“, sagen die Kurtorinnen Dr. Claudia Bamberg, Philipps-Universität Marburg, und Dr. Cornelia Ilbrig vom Freien Deutschen Hochstift, Frankfurt am Main. Weiterlesen

Kultur und Kunst – Religion und Kunst?

2017, September 5.

Essay über die Kunst als zweitmächtigste Ausprägung der Kultur

Von Gunnar Schanno

→  Kultur und Kunst: das Museum als Ersatz für den Kirchgang?

 

Wir sprachen davon, dass wir den Kulturbegriff ein wenig aus seiner Begriffslosigkeit befreien können, wenn wir seine Unbestimmtheit eingrenzen, sein Alles-und-Nichts, seine Gestaltlosigkeit, seine Verführung zur Bequemlichkeit in lockerer definitorischer Ungenauigkeit, seine Kalkülhaftigkeit beim Gebrauch als Missbrauchsbegriff im Berufen auf ihn, wenn im schlimmsten Falle in Schützenhilfe mit dem Unterbegriff dessen, was Tradition genannt wird, auch Verletzendes an Mensch, Tier oder Natur gerechtfertigt werden kann. Wir können des Begriffs ein wenig habhaft werden, wenn wir ihn besagterweise in seinen beiden mächtigsten Ausprägungen bestimmen und unterscheiden: der Religion und der Kunst.

Freilich überwölbt der Begriff der Kultur wie ein Gewebeteppich synthesebildend eine ganze Gemeinschaft, eine Ethnie, eine Region, eine Nation, einen Staat, ein Volk im Sinne der Gesamtkultur. Es sind also nicht allein ihre beiden mächtigsten Ausprägungen, es sind auch interagierend die Formen von Sitten und Brauchtum, von Zeitgeist und Mode. Es sind auch ihre Ausprägungen im Sinne emotional gestimmter Verarbeitung des rein Sachlichen, Wirklichen, Realen, des Nützlich-Utilitären, ganz allgemein des Zivilisatorischen. Kultur ist all das, was für Individuum und Gemeinschaft subjektiv-individualisierend, geradezu epigenetisch, über das Funktionale des Lebenserhaltenden hinausführt und all den kulturellen Einzelphänomen in eben jener Synthese den Charakter einer „Kultur“ genannten Einheit verleiht. Weiterlesen