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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

documenta 14 in Kassel (2): Arnold-Bode-Preis 2017 an Olu Oguibe

„Monument für Fremdlinge und Flüchtlinge“ auf dem Kasseler Königsplatz

Von Erhard Metz

Alle zwei Jahre sowie auch in jedem „documenta-Jahr“ wird der renommierte, derzeit mit 10.000 Euro dotierte, nach dem documenta-Gründer benannte Arnold-Bode-Preis verliehen. Über die Preisvergabe entscheidet der Magistrat der Stadt Kassel als Vorstand der Arnold-Bode-Stiftung, und zwar auf einen Vorschlag des Kuratoriums. Ihm gehören dieses Jahr unter dem Vorsitz von Professor Heiner Georgsdorf E. R. Nele geb. Bode, die Tochter von Arnold Bode, Professorin Julia Voss, Ingo Buchholz und Adam Szymczyk, der künstlerische Leiter der documenta 14 an. Die förmliche Preisverleihung erfolgt am 10. September 2017 im Kasseler Rathaus. Preisträger ist der nigerianische Künstler, Kunsthistoriker, Hochschullehrer und Kurator Olu Oguibe. Im Vordergrund steht neben einer weiteren Arbeit in Athen sein monumentaler Obelisk „Monument für Fremdlinge und Flüchtlinge“ auf dem Kasseler Königsplatz. Der Entscheidungsprozeß zur Preisvergabe dürfte nicht viel Zeit in Anspruch genommen haben, zählt der Obelisk doch nach dem „Parthenon der Bücher“ in der öffentlichen Wahrnehmung zu den Attraktionspunkten der documenta 14. Und man dürfte nicht sehr falsch mit der Vermutung liegen, dass die Stadt das Werk ankaufen und auf dem kreisrunden Platz belassen könnte.

Das Fremdlinge und Flüchtlinge Monument (2017), Beton, 3 × 3 × 16,3 m; Königsplatz, Kassel

Ein Zitat aus dem Matthäus-Evangelium in deutscher, englischer, arabischer und türkischer Sprache ziert die vier Seiten des Obelisken. Für die weniger Bibelfesten hier der Text aus der klassischen Luther-Bibel:

Matthäus 25, 35-36:
Denn ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mich gespeist. Ich bin durstig gewesen, und ihr habt mich getränkt. Ich bin ein Gast gewesen, und ihr habt mich beherbergt.
Ich bin nackt gewesen, und ihr habt mich bekleidet. Ich bin krank gewesen, und ihr habt mich besucht. Ich bin gefangen gewesen, und ihr seid zu mir gekommen.

Olu Oguibe wählte für seine Arbeit die Form eines klassischen Obelisken, wie sie aus Assyrien und dem alten Ägypten überliefert sind und von dort nicht selten als Kriegsbeute und Siegestrophäe geraubt und nach Europa verbracht wurden (allein die Römer entführten eine größere Zahl ägyptischer Obelisken nach Rom, acht dieser Exemplare können noch heute dort bewundert werden).

„Es ist eine Arbeit, die eines der brennenden Themen der Gegenwart aufnimmt und mit der Formgebung einen Bezug zur Geschichte herstellt“, sagte der scheidende Oberbürgermeister Bertram Hilgen. Und Kuratoriums-Vorsitzender Professor Heiner Georgsdorf erläuterte die Empfehlung dieses Gremiums: „Traditionell ein herrschaftliches Zeichen, weigert sich dieser [Oguibes] Obelisk zudem, die königliche Mitte des kreisrunden Platzes zu besetzen, und konterkariert damit subversiv jeglichen absolutistischen Machtanspruch“.

Eine Grenze zwischen einem Mahnmal als politischem Statement und einem schöpferischem Kunstwerk ist seit längerem kaum mehr auszumachen; der „Kasseler“ Obelisk ist ein weiteres Beispiel hierfür. Die documenta 14 ist eine überwiegend politische.

Olu Oguibe, 1964 in Aba, Nigeria geboren, studierte an der University of Nigeria, Nsukka, Fine and Applied Arts und erwarb an der School of Oriental and African Studies – University of London den PhD-Grad in Kunstgeschichte. Für einige Jahre lehrte er als Professor für Kunst und African-American Studies an der University of Connecticut, um sich anschließend allein seiner künstlerischen, wissenschaftlichen und kuratorischen Arbeit zu widmen. Oguibe stellte weltweit aus und nahm 2007 an der Biennale in Venedig teil. Er lebt und arbeitet in Rockville, Connecticut.

Fotos: Erhard Metz

– wird fortgesetzt –

→ documenta 14 in Kassel (1): Der „Parthenon der Bücher“ von Marta Minujín

 

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