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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Interview mit Paul de Sinety, dem französischen Commissaire General der Buchmesse

En marche: Die französische Sprache, die Gastfreundschaft und die Geselligkeit

Vom 11. bis zum 15. Oktober 2017 wird Frankreich Ehrengast der 69. Frankfurter Buchmesse sein. Dieser Auftritt Frankreichs auf der Frankfurter Buchmesse bildet den Höhepunkt eines französischen Kulturjahrs in ganz Deutschland mit einem vielfältigen und spartenübergreifenden Programm. Ein FeuilletonFrankfurt-Gespräch mit Paul de Sinety, dem Verantwortlichen für das Gastland Frankreich auf der kommenden Frankfurter Buchmesse und eine Vorschau auf das, was uns im Herbst erwartet.

Von Petra Kammann

Petra Kammann: Sie sind Generalkommissar für das Ehrengastland Frankreich der kommenden Frankfurter Buchmesse. In Deutschland ist Paul de Sinety noch nicht ganz so bekannt wie der neue Präsident Emmanuel Macron. Daher meine erste Frage: Wer eigentlich ist Paul de Sinety und was hat ihn motiviert, dieses Amt zu übernehmen in einer Zeit, die politisch nicht ganz unkompliziert war, zumal doch Europa und die deutsch-französische Freundschaft fast schon auf der Kippe zu stehen schienen? 

Paul de Sinety: In den letzten zehn Jahren habe ich die Förderung des französischen Buches auf internationaler Ebene betrieben. Zuletzt war ich als Berater für Kultur in Marokko verantwortlich. Zu dem Zeitpunkt, als die Entscheidung fiel, dass Frankreich das Gastland der Frankfurter Buchmesse sein würde, ist der damalige Premierminister auf mich zugekommen und hat mich gebeten, mich um das Programm zu kümmern.

Was heißt: Sie waren Berater? Was genau haben Sie gemacht? Und welche Auswirkung hat das auf Ihre jetzige Tätigkeit als Kurator des Frankreichthemas auf der Buchmesse? 

Ich habe die verschiedensten Veranstaltungen mit Autoren und anderen Intellektuellen organisiert. Und das eben auch international. So bin ich beispielsweise mit rund 40 französischen Schriftstellern quer durch Russland gereist, in einem Zug von Moskau nach Wladiwostok, wo ich dann jeweils intellektuelle Debatten organisiert habe. Etwas Ähnliches habe ich eben auch in New York oder in Los Angeles oder auch in Peking betrieben. Bei dieser internationalen Arbeit, die mit der Vermittlung französischer Literatur und Sprache zusammenhing, ist mir bewusst geworden, was es mit der Frankophonie auf sich hat, vor allem zuletzt in Marokko. Daneben habe ich die französischen Autoren und literarischen Strömungen ebenso kennengelernt wie die Verlegerszene oder auch die Kultur der Diplomatie. Wenn also bei der Buchmesse in Frankfurt die französische Sprache im Mittelpunkt stehen soll, sind die verschiedenen Facetten der Sprache und ihre vielfältigen Dimensionen zu beachten.

Auf einer Messe geht es natürlich auch um den wirtschaftlichen Aspekt. Erst dann um die Förderung der Literatur…

Ihr muss aber vor allem ein wichtiger Platz eingeräumt werden und dies besonders in Frankfurt. Und zwar einerseits im Kontext des deutschen Literaturmarktes und andererseits auf der internationalen Ebene. Natürlich ist es da besonders wichtig, dass man sich auf eine solide Kenntnis der französischen Literatur verlassen kann und zudem die neue Generation im Blick hat. Darüberhinaus sollte man die deutsche Buchszene kennen und sich ihr verbunden fühlen. Und mit beidem kann ich mich identifizieren.

Da haben Sie doch sicher in der Vergangenheit auch schon mit dem Goethe-Institut und dem Institut français zusammengearbeitet?

Selbstverständlich. Mit dem Institut français habe ich immer zusammengearbeitet, aber auch mit der Botschaft in Berlin oder mit dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels. D. h die deutschen Partner sind mir durchaus vertraut. Und „isch kann natürlisch auch Deutsch spreschen.“

Also geht es zunächst einmal um das richtige Marketing für das Buch und die Buchszene. Doch haben die Franzosen nicht dieselbe Tradition, was Lesungen angeht. Wenn französische Autoren auf der Messe oder in der Buchhandlung auftreten, dann signieren sie häufig nur ihre Bücher. Sehen Sie darin kein Problem?

Ich finde das ganz wunderbar, was sich in Deutschland zwischen den Autoren und dem Publikum abspielt: die hohe Qualität der Lesungen, die auch das Werk des Autors in den Mittelpunkt stellen, dann die Beziehung zum Publikum, die sich daraus entspinnt. Das gibt es bei uns in Frankreich tatsächlich in dieser Form nicht. Wir haben eine andere Tradition und Kultur. Sicher wird auf Buchmessen in der Regel ein Buch von den Autoren signiert. Andrerseits aber gibt es stärker die Tradition der intellektuellen Debatte. Man  debattiert einfach sehr gern in Frankreich. Besonders unter Schriftstellern wird bei uns oft sehr heiß diskutiert. In Deutschland liest man sehr viel. Und da sind Autorenlesungen sehr beliebt. Man geht ins Literaturhaus, um die authentische Stimme des Autors oder die Stimme eines professionellen Schauspielers zu hören. Manchmal tauscht sich anschließend das Publikum auch noch aus. Aber das ist meiner Erfahrung nach dann eher selten. In Deutschland hat die Lesung oft die Funktion, das Werk eines Autors zu entdecken, während in Frankreich die Diskussion nicht zwangsläufig zur Förderung eines literarischen Werkes führt.

 

Diskutiert man in Frankreich eher mit einem Autor, weil man, wenn er sich präsentiert, das Werk schon gelesen hat? In Deutschland führen Lesungen eben auch oft dazu, dass man erst einmal Tuchfühlung mit dem Werk aufnimmt.

Das sind tatsächlich unterschiedliche Traditionen und nicht die gleichen Annäherungen an Literatur. Ich glaube, dass die Lesung vor großem Publikum in Deutschland bisweilen sogar etwas Sakrales hat. So etwas gibt es in Frankreich einfach gar nicht. Vielleicht hängt das in Deutschland auch mit der Tradition der Bibel-Übersetzung zusammen, schon seit Luther. In dessen Zeit ist immerhin der Buchdruck entstanden. Frankreich kann sich da allenfalls auf Straßburg berufen. So steht sicher auch die Verbreitung der Reformation, die es in dieser Form in Frankreich nicht gegeben hat, in der deutschen Tradition. In Frankreich war die Lektüre nie etwas, was die Öffentlichkeit beschäftigt hat. Es hat allenfalls mal kleine Eliten wie Chateaubriand oder andere Schriftsteller beschäftigt. Es betraf immer nur kleine eingeschworene Zirkel.

Aber es gibt doch auch die Tradition des französischen Salons?

Ja, es gab schon die Salons im 18. Jahrhundert. Aber das hat natürlich nichts mit einer Publikumsveranstaltung zu tun, in der sich auch viele anonyme Teilnehmer befinden. Aber gerade jetzt entdeckt man bestimmte Werke wieder neu. Und die werden dann auf literarischen Festivals mit Performances präsentiert.

Vielleicht wird die Literatur in Frankreich eher dramatisiert und auf die Bühne gebracht? Wie hält es denn die Maison de la poésie in Paris?

Diese Art Pariser Literaturhaus ist bemerkenswert und neuartig. Da werden echte Performances gestaltet und inszeniert.

Bei uns gibt es schon seit mehr als dreißig Jahren Literaturhäuser, in denen so etwas stattfindet.

Bei uns ist das tatsächlich etwas total Neues. Ein literarisches Ereignis ist mit einer echten Raum- und Bühnenarbeit verbunden – eine eigene künstlerische Produktion mit einer ganz eigenen Dramaturgie, ganz anders als die frontale und direkte Gegenüberstellung von Autor, Lesendem und Publikum wie in Deutschland. Häufig wird eine solche Inszenierung auch musikalisch begleitet. Oder es werden neue Räume – auch poetische – erschlossen.

Unabhängig von der künstlerischen Vermittlung herrscht in Frankreich auch eine komplett andere Vertriebsstruktur auf dem Buchmarkt. Wenn wir einmal Amazon ausklammern, so bekommt man in der Regel in deutschen Buchhandlungen ein bestelltes Buch in einem Tag.

Das hat mich wirklich überrascht. Als ich einen gelehrten Text, eine Art Reportage aus dem 16. Jahrhundert, von dem großen französischen Intellektuellen und Verleger Etienne de la Boétie las, war ich sehr erstaunt. Der Text handelte von einer Art Buchmesse in Frankfurt, über die er mit großer Bewunderung spricht. Er beschreibt sie als „Salon de la Muse et de la Paix“, als Messe der Muse und des Friedens. Diese Buchtradition scheint in Deutschland schon fest verankert zu sein.

Eine weitere deutsche Tradition ist die der Übersetzung. Es wird sehr viel aus anderen Sprachen ins Deutsche übersetzt, was auch den Begriff der Weltliteratur geprägt hat. In den vergangenen Jahren scheinen mir allerdings die Übersetzungen aus dem Französischen zurückgegangen zu sein, nimmt man mal so Bestseller-Autoren wie Michel Houellebecq aus. Welche Rolle werden Übersetzungen auf der kommenden Buchmesse spielen, vom Französischen ins Deutsche, und umgekehrt vom Deutschen ins Französische?

Die Übersetzungen sind wieder im Aufwind. Tendenz: steigend. Natürlich wird eine Reihe von französischsprachigen Autoren nach Frankfurt kommen. Das bereiten wir schon seit zwei Jahren vor. Und natürlich beschäftigen wir uns im Vorfeld damit, was die Verleger und das Publikum interessieren könnte. Diese Situation hat sich seither auch stabilisiert. Immerhin ist nach dem Englischen das Französische immer noch die zweitstärkste Übersetzungssprache in Deutschland. Aber man kann auch beobachten, dass es etwa seit sieben / acht Jahren einen leichten Anstieg von Übersetzungen aus dem Französischen gibt, vor allem was das Kinder- und Jugendbuch anbelangt. Da wurde nämlich das französische Jugendbuch in Deutschland entdeckt. Und dieses Interesse ist seit zwei Jahren aufgrund des Schwerpunktthemas der Buchmesse um 15 % angestiegen.

Handelt es sich dabei vor allem um illustrierte „Bücher“ oder um erzählte Geschichten?

Es betrifft beide Genres. Was die steigende Tendenz angeht, so trifft das eher auf die Literatur zu. Und daran hat Frankfurt natürlich einen großen Anteil. Das Thema der Buchmesse hat bewirkt, dass zwischen Januar und Oktober insgesamt 450 Veranstaltungen in ganz Deutschland stattfinden, welche dieses Thema tangieren.

Also bedeutet der Slogan „Frankfurt auf Französisch“ in Wirklichkeit „Deutschland auf Französisch“?

Sagen wir so: das betrifft im innersten Kern die französische Sprache, die sich in ihrer ganzen Vielfalt in Frankfurt und an verschiedenen Orten in Deutschland zeigen soll.

Könnte man da nicht von Frankophonie sprechen?

Nein. Da machen wir einen ganz klaren Unterschied. Wenn jemand frankophon ist, so hat er sich das nicht zwangsläufig frei ausgesucht. In den frankophonen Ländern ist das Französische lediglich eine Kolonialsprache, die aufgezwungen wurde, während Autoren, die sich für das Französische entschieden haben, sich damit global verständlich machen können. Das Französische betrifft die Autoren, welche die französische Sprache freiwillig gewählt haben, um sich in dieser Sprache auszudrücken, weil sie sich darin zu Hause fühlen. Das können mal Inder, Bulgaren, Iraner, Afghanen oder auch Argentinier sein.

Aber steckt hinter dieser Vorliebe für das Französische nicht auch immer eine Geschichte der Migration?

Ja, aber genau das ist ja das Interessante, wie sich die Sprache unter solchen Umständen entwickelt. Und all die damit zusammenhängenden Geschichten, welche die Autoren zu erzählen haben. Wir sind also mit ganz verschiedenen Sprachen konfrontiert: zum einen mit der Sprache als Erbe des Kolonialismus, zum anderen mit der gewählten Sprache, der nachhaltigen Sprache, der Sprache des Leidens, der Sprache der Liebe und der Sprache der Freiheit. Für das Publikum bedeutet das jeweils eine Reise in ein anderes Land, in eine andere Domäne, ein anderes politisches Umfeld – und das dank der Sprache.

Also spielt das Thema Reise für Sie auch eine Rolle? Sie selbst haben ja Anthologien dazu herausgegeben. Andererseits war die Reise ja auch ein Thema der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, bei Baudelaire oder Rimbaud, oder auch in der Romantik…

Für mich ist es darüber hinaus ein europäisches Thema. Einer der charakteristischen Autoren ist für mich in dieser Hinsicht der Triestiner Claudio Magris, der in seinem Buch „Die Donau“ die Wege und Kreuzungen von Kulturen, die das heutige Europa ausmachen, auf ganz wunderbare Weise beschreibt. Und nun wird es Reisen zwischen Frankreich und Deutschland geben, die einer neuen Generation Geschichten an die Hand geben wird, den Nachbarn besser kennenzulernen und sich anders verständigen zu können. Man wird im Umfeld der Messe eine Menge über die mobile Intellektuellen- und Studentengeneration erfahren, der es um die französische Vielfalt geht, um Teilhabe, um Solidarität und Gastfreundschaft, eine der wichtigen Voraussetzung für eine gelungene Kultur Europas.

Ist für die jungen Leute die Reise zum Nachbarn denn überhaupt attraktiv? Nach dem Abitur fahren viele, selbst AbiBac-Schüler, die das Abitur in beiden Sprachen abgelegt haben, nicht in ein Nachbarland, sondern erst einmal in die weite Ferne: nach Asien, Afrika, Amerika oder Australien, wobei in einigen dieser Länder ja auch Französisch gesprochen wird. Werden sie auch auf der Buchmesse präsent sein?

Wir haben Partnerschaften mit allen französischsprachigen Ländern, natürlich auch mit Belgien oder der Schweiz.

Und wie sieht es mit dem französischsprachigen Kanada aus?

Das wird in einem der nächsten Jahre Gastland der Frankfurter Buchmesse sein. Die anderen französischsprachigen Länder sind aber natürliche Partner. Unser Ziel ist es, frei wählen zu können unter den Autoren, die wir für interessant halten, auch unter denen, die nicht aus einem frankophonen Land stammen. Und natürlich sollte auch die französisch-deutsche Achse nicht vernachlässigt werden. Es wird wichtige Debatten zwischen deutschen und französischen Intellektuellen geben. Unser Ziel ist es, die deutsch-französische Beziehung mit Hilfe der Sprache um weitere Räume zu öffnen, um andere Gespräche in Gang zu bringen. Wenn ich daran denke, dass Autoren aus dem nordafrikanischen Maghreb, aus Schwarzafrika oder aus Asien mit deutschen oder deutschsprachigen Autoren, zum Beispiel aus der Türkei, ins Gespräch kommen, dann ist das meiner Meinung nach ein echter Mehrwert.

Wie sieht es denn mit der Sprache des jeweils anderen aus? Lernen Deutsche überhaupt noch Französisch und Franzosen deutsch?

Ich glaube, wir müssen einfach Lust darauf machen, sonst wird daraus nichts. Darüberhinaus ist dieser Dialog wirklich für das Leben in Europa von ungeheurer Wichtigkeit für die Zukunft. Was mir wirklich ganz besonders am Herzen liegt, ist, dass viele mit der Messe ein ganz anderes Frankreichbild kennen lernen, das nicht dem Klischee entspricht und vor allem auch dass sie einen völlig neuen Blick auf die Sprache Französisch werfen werden. Wir möchten Lust auf Französisch machen.

Ist das Thema nicht auf Frankreich insgesamt gerichtet, ein Land, das in vielerlei Hinsicht ganz andere Traditionen hat? Manche wurden von Deutschen auch sehr bewundert wie etwa die französische Mode oder die leichte französische Lebensart ganz allgemein. 

Die französische Lebensart wird sicher als Bezugspunkt bleiben. Das ist auch mit einer gewissen Convivialité (Geselligkeit) und Gastfreundschaft verbunden. Und natürlich wird es in dem französischen Pavillon auch ein französisches Restaurant geben. Wie ich schon sagte, brauchen wir eine neue Geselligkeit, welche die beiden Länder wieder stärker miteinander verbinden wird.

Zuletzt ist der Tourismus in Paris zum Beispiel stark geschrumpft, vor allem wegen der terroristischen Anschläge und dem damit verbundenen Ausnahmezustand.

Trotzdem sind die Deutschen immer noch die größte Gruppe der Touristen, die Frankreich bereisen. Sie fühlen sich glücklicherweise Frankreich sehr verbunden.

Hingegen kommen die Franzosen nicht so gerne nach Deutschland. Gibt es da auch Überlegungen, die Lust, Deutschland und nicht nur Berlin kennenzulernen, zu verstärken?

Wir werden mit den französischen Schriftstellern im September eine Tour d’Allemagne mit dem Fahrrad in vier oder fünf Städten veranstalten. Bei der Gelegenheit werden sie sich sicher auch mit einem neuen Deutschlandbild beschäftigen. Bislang haben schon folgende Städte zugesagt: Stuttgart, Frankfurt, Düsseldorf, Berlin, Hamburg und Straßburg.

Aus der Sicht der zentralistisch orientierten Franzosen würden diese Städte als „Provinz“ gelten, weil sie nicht wie Paris oder Berlin die Hauptstadt sind. Sie selbst waren schon in Leipzig auf der rührigen Buchmesse oder auf der Lit.Cologne, dem riesigen Lesefestival in Köln, beides große Ereignisse im Frühjahr. Wie wirkt das auf Sie?

Was mich persönlich angeht, so bin ich voll der Bewunderung, wie viele Menschen an diesen Manifestationen teilnehmen. Ich bin auch fasziniert, welch enormen Appetit auf Literatur und Lesungen, welch große Neugier und welchen Enthusiasmus das deutsche Publikum mitbringt. Jede dieser Städte ist wie ein Land mit allen spezifischen Besonderheiten.

Können Sie mal ein Beispiel nennen?

In München und Leipzig wird Deutsch gesprochen. Aber die Sprache klingt ganz anders. Und die Menschen haben auch eine ganz verschiedene Art zu sein und zu leben. In München spürt man, dass man schon ganz nah an Norditalien ist, während man sich in Leipzig schon halb in Mittel- oder Osteuropa fühlt. Das ist für uns eine eigenartige Erfahrung. Die Menschen sprechen die gleiche Sprache und doch auch nicht. Sie haben eine andere Tonalität und sind doch durch die deutsche Sprache miteinander verbunden.

Aber in Frankreich gibt es doch im Norden auch einen anderen Akzent als im Süden?

Aber das ist etwas ganz anderes. Das Provenzalische, das Bretonische, das Baskische, oder das Okzitanische: Das sind ganz eigenständige Sprachen. Im Deutschen habe ich das Gefühl, verschiedene Deklinationen ein und derselben Sprache zu hören und je nach Region jeweils eine andere Musikalität im Ohr zu haben.

Und wenn ein Afrikaner Französisch spricht wie zum Beispiel der kongolesische Autor Mabanckou, so hat er doch auch einen anderen Akzent?

Dann hat er vielleicht einen starken afrikanischen Akzent. Er kommt ja auch aus einem anderen Land. Brazzaville liegt eben nicht in Frankreich.

Gibt es über die Sprache hinaus auch andere Themen, die das Gastland begleiten? Wird man denn auch in Ihrem Pavillon oder bei anderen Veranstaltungen die unterschiedlichen Genres erkennen können?

Paul de Sinety ist ständig in Deutschland unterwegs, nicht nur zwischen Paris und Frankfurt, wo es auf dem Messegelände vorab etliches zu klären und zu koordinieren gibt

Da wird es verschiedene Abteilungen geben. Zum Beispiel einen Stand mit Jugendbüchern oder einen anderen mit Bande dessinée (Comic). Die Museen stellen ihre französischen Themen aus. Da wird sich das Städel mit der Ausstellung Matisse – Bonnard präsentieren, während die Schirn gemeinsam mit dem Palais Tokyo zeitgenössische Kunst zeigt. Die Alte Oper Frankfurt wird eine Eröffnungsgala mit dem Orchestre National de Strasbourg mit französischer und deutscher Musik veranstalten. Das Film-Museum wird die Filmfabrik des französischen Cineasten Michel Gondry in einem kleinen Raum vorstellen. Also es gibt auch jede Menge Rahmenprogramm.

Profitiert Frankfurt von der Partnerstadt Lyon? Welche Kooperation gibt es denn da?

Die Bande sind in der Tat sehr eng zwischen den beiden Städten. Natürlich wird auch der Bürgermeister von Lyon kommen. Da wird es auch einen gastronomischen Austausch geben und einen zwischen den Krimi-Autoren. Dann ist das Land Hessen mit der Region „Nouvelle Aquitaine“ verbunden. Da gibt es eine Kooperation, welche die Bande dessinée betrifft. Denn in Angoûlème findet alljährlich der bedeutendste Comic-Salon statt.

Was kann man denn sonst noch über den Ehrengast-Pavillon sagen?

Er wird 500 Quadratmeter umfassen und drei Ausstellungen zeigen: Die Geschichte des französischen Verlagswesens inklusive des Kampfes der Autoren für ihre Rechte, dann eine große Comic-Schau sowie ein digitales Trans-Media-Projekt, bei dem man die französische Literatur entdecken kann. Darüberhinaus wird es eine Veranstaltungsplattform geben, wo die eingeladenen Autoren debattieren, aber auch Schreibwerkstätten für Jugendbuchautoren und Ateliers für Comiczeichner und zur Entspannung schließlich ein französisches Bistrorant.

Wird Macron die Messe eröffnen, wo er nun Präsident geworden ist?

Davon bin ich überzeugt. Und sicher werden ihn neue Minister begleiten.

Welche drei Wünsche haben Sie für das Gelingen der Messe?

Dass diese fünf Tage von Geselligkeit (convivialité), Gastfreundschaft und Zusammengehörigkeit geprägt sind.

Dass diese fünf Tage in Frankfurt dazu beitragen, dass in Frankreich wieder mehr Deutsch und in Deutschland mehr Französisch gelernt wird.

Und zu guter Letzt, dass es eine neue Begeisterung für die kreative Seite der jeweils anderen Sprache gibt und diese in den kommenden Jahren sowohl in Deutschland als auch in Frankreich zelebriert werden.

Ich danke Ihnen für das Gespräch. Viel Erfolg!

Anm.: Das Gespräch fand am 25. April auf Französisch statt. Fotos: Petra Kammann

→Französischer Abend des International Women’s Club of Frankfurt

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→Tanguy Viel und „Le silence de la mer“ – Eine Buchhandlung

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