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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Archiv für Juni, 2017

Tobias Schnotale: „Intervention II“ im Frankfurter Dommuseum

2017, Juni 30.

Interventionen: so sensibel, so zwiespältig, so bedroht wie das Leben

Von Erhard Metz

Von einer weiteren Ausstellung im sakralen Raum wird hier zu berichten sein – nach der Installation von Yasuaki Kitagawa in der Weißfrauen Diakoniekirche nun eine solche im Museum des Frankfurter Kaiserdoms – unterschiedlicher könnten die Orte, aber auch der Gegenstand der Werkschauen allerdings kaum sein.

Eigentlich mag dem Besucher die Ausstellungssituation als geradezu himmlisch erscheinen: Im Herzen Frankfurts, im altehrwürdigen Frankfurter Kaiserdom, dort im ehemaligen Kreuzgang, der von drei Seiten das sogenannte Quadrum umschließt, im Frankfurter Dommuseum also. Was vom einst reichen mittelalterlichen Frankfurter Kirchenschatz die Wirren der Zeitläufte überstanden hat, ist in diesem Kreuzgang versammelt: herrliche Gold- und Silberschmiedearbeiten, prachtvolle Messgewänder, kleine mit Bändern und Siegeln versehene Reliquienschächtelchen und vieles andere mehr – genug noch, um von der Bedeutung des Doms als Ort der Königswahl und später auch der Krönung der Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation beredtes Zeugnis abzulegen. Ein von Religiosität und Glauben wie historischer Bedeutung gleichermaßen aufgeladener Ort also. Und dazu dies: Hier finden seit langem und regelmäßig Ausstellungen zeitgenössischer Kunst statt.

Bettina Schmitt, in Frankfurt bereits zuvor von ihrer Arbeit an der Frankfurter Liebieghaus Skulpturensammlung bekannt, seit Frühjahr 2015 Nachfolgerin von Professor August Heuser als Direktorin dieses wundervollen Dommuseums, wagt das Besondere. Sie bespielt nicht nur, wie dies bislang schon geschah, das Quadrum, sondern auch den Kreuzgang: mit „Interventionen“. Der „Intervention“ vom Sommer 2016 mit Werken der in Frankfurt bekannten und von ihren zahlreichen Studierenden verehrten Dozentin der Städel-Abendschule und heutigen Professorin an der Hochschule Mannheim Vroni Schwegler folgt nun derzeit die installative Ausstellung „Intervention II“ des Künstlers Tobias Schnotale. Mit großer Sensibilität und Behutsamkeit fügte und fügt Bettina Schmitt die Arbeiten der beiden zwischen die unschätzbar wertvollen Exponate der Dauerausstellung ein.

↑ Vroni Schwegler, aus: „Intervention“ (Ausstellung im Dommuseum Juli/September 2016), Foto: Erhard Metz
↓ Tobias Schnotale, aus: „Intervention II“ im Dommuseum 2017: ohne Titel (Frau im Wasser), 2017, Bleistift auf Papier, 21 x 29,7 cm; Foto: Tobias Schnotale

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Kunst privat – Die Kunst der EZB

2017, Juni 29.

„Vielfalt in der Einheit“

Bereits seit ihrer Gründung präsentiert die Europäische Zentralbank in einer Ausstellungsreihe zeitgenössische Kunst aus den Mitgliedsstaaten der Europäischen Union, in der einmal jährlich die aktuelle Kunstszene eines EU-Landes vorgestellt wird. Die meisten der in der Sammlung vertretenen Arbeiten wurden im Rahmen der Ausstellungsreihe zu zeitgenössischer Kunst aus den einzelnen EU-Mitgliedsstaaten angekauft, welche die EZB seit 1997 organisiert. Durch die Werke von Künstlern, die in diesen Ausstellungen präsentiert werden, erhält der Besucher eine Vorstellung von der künstlerischen Vielfalt Europas. Einen kleinen Einblick in die so entstandene Sammlung konnte man am vergangenen Wochenende erhalten. 

Von Petra Kammann

Giuseppe Penone, Gravity and Growth”, 2015 © ECB and the artist, Ausschnitt; Foto: Petra Kammann Weiterlesen

Zur Debatte um die Zukunft von Schauspiel/Oper in Frankfurt

2017, Juni 28.

Schock? – Chance!

Ein Zwischenruf von Uwe Kammann 

DANKE FRANKFURT FÜR 8 GLÜCKLICHE THEATERJAHRE: Riesengroß der Schriftzug am Frankfurter Schauspielhaus. Er markiert das Ende der Intendanz Oliver Reeses am Main, vor dem Wechsel an die Spree. Die Abschiedsparty, so die Bekundungen, war fröhlich, ausgelassen. Und die Bilanz: allenthalben positive Stimmen.

Optisches Dankeschön zum Abschied von Oliver Reese (Fotos: Uwe Kammann)

Ein Abschied, der zusammenfällt mit einer Debatte, die schon einige Jahre nicht nur die Insider beschäftigt, die aber erst jetzt, mit der Vorlage eines Gutachtens, kräftig Fahrt aufgenommen und viel Wirbel ausgelöst hat. Wobei, keine Frage, der Aussagekern der nun vorliegenden Machbarkeitsstudie einem schon den Atem verschlagen kann. Denn auf sage und schreibe gut 900 Millionen Euro schätzen die Autoren die Kosten, die für die bauliche Zukunft von Schauspiel und Oper zu veranschlagen sind. Und dies ganz unabhängig von den Modellen, die denkbar sind.

Sie reichen von der Sanierung beider Häuser – die in der bürokratisch getauften Theaterdoppelanlage am Willy-Brandt-Platz wie siamesische Zwillinge verbunden sind – bis zum Abriss beider Einrichtungen und zum Neubau an anderer Stelle. Auch hier wieder mit Variationen. So ist weiter ein gemeinsames Haus denkbar, ebenso aber eine klare Trennung mit zwei neuen Bauten. Dabei kämen verschiedene Standorte in Frage.

Wobei weiter zu überlegen ist: Wie lässt sich das jetzige Doppelhaus mit der gemeinsamen, verbindenden Fassade überhaupt sanieren: bei laufendem Betrieb oder besser mit einem zeitweiligen Umzug von Theater und Oper, also einer Auslagerung an andere Spielorte? Ist es günstiger, dies für beide Häuser gleichzeitig zu praktizieren, oder geht es besser Zug um Zug? Und: Wohin könnte man in der Zwischenzeit ausweichen, wie lange würde die Interimslösung dauern? Und was wäre dafür an Kosten zu veranschlagen?

Jede Frage, die beantwortet wird, wirft mindestens drei neue auf. Das alles steht unter den großen Fragezeichen: Welche Maßnahmen sind unbedingt notwendig, welcher Aufwand scheint dafür angemessen? Welcher Stellenwert – und damit: welcher Wert – wird dem Theater beigemessen? Und schließlich: In welchem Zeitraum soll die Aufgabe bewältigt werden, die städtischen Großbühnen zukunftsfähig zu machen?

Ist der gegenwärtige Zustand wirklich so schlecht?

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Die wunderbare Welt des Hugo Gernsback in Bingen

2017, Juni 27.

Auf der Route der Industriekultur

Von Winfried Kaminski

Das Bingener Museum am Strom hat sich einer naturheilkundlichen Visionärin verschrieben: der Ortsheiligen Hildegard. Seit wenigen Tagen jedoch nähert sich im selben Museum eine Ausstellung einem technischen Visionär: Hugo Gernsback (1884-1967)

Einer „Kathedrale des Fortschritts“ gleicht das ehemalige Elektrizitätswerk, Foto: Stadt Bingen 

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Betulia Liberata – Mozarts „Kirchenbegehung“ an der Oper Frankfurt

2017, Juni 25.

Heilige Handlung – sehr irdisch menschlich turbulent

Von Renate Feyerbacher
Fotos: Barbara Aumüller / Oper Frankfurt

Schon beim Betreten des Bockenheimer Depots, der einstigen Straßenbahnhalle, ist man in Erstaunen versetzt. Die „Azione sacra“ von Wolfgang Amadeus Mozart, die am 21. Juni 2017 Premiere und Frankfurter Erstaufführung hatte, hatte diesen profanen Ort in eine Kirche verwandelt. In den alten Kirchenbänken sitzen einige Betende. Wenn der Zuschauer sozusagen im Chor hinter dem Altar seinen Platz eingenommen hat, hat er noch ein Aha- Erlebnis: die Kirchenempore (Westportal) schmückt eine Nachbildung des Gemäldes mit Judith und Holofernes, das der Barock-Maler Giovanni Battista Piazzetta um 1720 schuf. Das Frankfurter Opern- und Museumsorchester, mit historischen Blasinstrumenten und auf Darmsaiten musizierend, ist seitlich rechts plaziert. Mit musikalischer Wucht setzt die Ouvertüre ein. Kaum zu glauben, dass sie von einem 15-Jährigen komponiert wurde.

Theo Lebow (Tenor) und Sydney Mancasola (Sopran II) sowie im Hintergrund Brandon Cedel (Bass) und Karen Vuong (Sopran I); Foto © Barbara Aumüller

Die biblische Geschichte von Judit (in der Bibel ohne h) und Holofernes eigenet sich durchaus als Opernstoff. Doch Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791) komponierte keine Oper, sondern ein Oratorium, eine Gattung, die er nur insgesamt dreimal schuf.

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