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FeuilletonFrankfurt

Das Online-Magazin von Erhard Metz

Erst Hollein und nun auch Gaensheimer

Wird die Stadt Frankfurt am Main ihren Ruf als Kunst- und Museumsmetropole behaupten?

Von Erhard Metz

Um es vorwegzunehmen: Mit Philipp Demandt hat Frankfurt am Main – wir erinnern uns noch gut an die Worte von Professor Nikolaus Schweikart, dem Vorsitzenden der Städel-Administration, in der seinerzeitigen Pressekonferenz – zwar keinen „Hollein-Klon“, aber einen brillanten Kenner der Kunst- und Museumsszene in Deutschland gewonnen. „Liefern“ (wie es im Zeitgeistjargon heisst) konnte Demandt naturgemäss noch nicht, weil Ausstellungen einen zeitlichen Vorlauf zwischen ein und drei Jahren bedingen, aber die Art und Weise, wie er sich mit den noch von Hollein in die Wege geleiteten Präsentationen sachlich und emotional auseinandersetzt und identifiziert, beeindruckte von Anfang an.

Liess Schweikhart in besagter Pressekonferenz sozusagen „zwischen den Zeilen“ einen Anklang von „not amused“ über den trotz jahrelanger Gerüchte dann doch allzu abrupt erscheinenden Weggang Holleins durchblicken, tritt Frankfurts Kulturdezernentin Ina Hartwig aktuellen Pressespekulationen mit der Feststellung entgegen, Gaensheimer habe sie bereits „vor einigen Wochen über ihre Pläne informiert“, nach Düsseldorf zu gehen.

Nun geht auch sie also, die MMK-Direktorin und Professorin Susanne Gaensheimer – zum 1. September 2017 nach Düsseldorf, als Direktorin an die Stiftung Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen mit den drei Häusern „K20“ am Grabbeplatz, einem 1986 eröffneten postmodernen und inzwischen erweiterten Bau, „K21“ im Ständehaus und „F3“ im Schmela-Haus. Die Bestände geniessen den Ruf, zu den international bedeutendsten Sammlungen der klassischen Moderne, der Nachkriegsmoderne und der Gegenwartskunst zu gehören. Vergleichbares kann auch das Frankfurter MMK für sich in Anspruch nehmen, jedenfalls mit einer grossen Zahl an geradezu „Ikonen“ der amerikanischen Pop-Art und des Minimalismus, darunter Werke von Andy Warhol, Claes Oldenburg oder Roy Lichtenstein, um nur einige zu nennen.

Professorin Susanne Gaensheimer; Bildnachweis: MMK, Foto: Frank Blümler

Für die scheidende MMK-Direktorin Susanne Gaensheimer dürfte sich – jenseits des Hesseschen „jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“ – unter dem Strich betrachtet so manches verbessern. Auch dies kann eine Rolle spielen: Das MMK ist genau betrachtet eine Dienststelle der Stadt Frankfurt am Main, ressortierend im Dezernat Kultur und Wissenschaft und im Produkthaushalt 2016/2017 der Stadt etatisiert unter dem eher komisch anmutenden Titel „Kultur, Freizeit und Sport“. Die Direktorin ist eine Beamtin der Stadt – über deren Eingruppierung in das Besoldungsschema kann sich jedermann im veröffentlichten Stellenplan informieren. Dass dort die Spielräume allseits eng sind, ist bekannt. Und dass es sich unter einer privatrechtlichen „Stiftung Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen“ besser leben lässt, liegt auf der Hand. Vergleichbares gilt im übrigen für die Stiftung Städelsches Kunstinstitut mit der Administration als Vertretungsorgan. Vielleicht noch gewichtiger: Der Ankaufsetat dieser städtischen „Kunsttempel-Behörde“ beträgt sage und schreibe 0,- Euro, man mag es wirklich kaum fassen und doch ist es bittere Realität – in einer der reichsten Städte Deutschlands! Schliesslich und nicht zuletzt mag sich wohl auch Enttäuschung darüber eingestellt haben, dass es nicht zu einem nach Weggang Holleins durchaus diskutierten Verbund von MMK und der ebenfalls städtischen Schirn Kunsthalle kam. Verständlich, dass Gaensheimer für ihr Haus kaum mehr hinreichende Entwicklungsperspektiven sah.

Bei allem ist es Gaensheimer als hervorragender Kunstwissenschaftlerin und unermüdlich um das Wohl der ihr anvertrauten Kunstschätze rackernder Kulturmanagerin gelungen, das ursprünglich auf den postmodernen, von Hans Hollein entworfenen Bau verwiesene MMK um die Dependancen MMK2 im TaunusTurm und MMK3 (im ehemaligen Zollamtssaal) zu erweitern. Vor dem Hintergrund, dass Max Hollein nahezu sämtliche mäzenatischen Potentiale in Rhein-Main für die Städel-Erweiterung und für spektakuläre Sonderausstellungen gehoben hat, konnte Gaensheimer im neuen MMK2, finanziert durch die Gruppe Tishman Speyer und den Unternehmer Stefan Quandt sowie mit Unterstützung u. a. der Ernst-Max-von-Grunelius-Stiftung und der Helaba zunächst für 15 Jahre miet- und nebenkostenfrei 2000 m² Ausstellungsfläche hinzugewinnen. Eine grossartige Leistung!

„Mit Susanne Gaensheimer haben wir eine zugleich erfahrene wie engagierte und äusserst kompetente Museumsleiterin gewinnen können“, freut sich NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft, nachdem das Kuratorium der Kunstsammlung und das Landeskabinett der Berufung zugestimmt haben. Mit ihr freut sich Kulturministerin Christina Kampmann: „Susanne Gaensheimer ist der klassischen Moderne ebenso verpflichtet wie der zeitgenössischen Kunst. Eine ihrer grossen Herausforderungen wird es sein, die Sammlung Dorothee und Konrad Fischer, die wir mit grossem finanziellen Kraftaufwand erwerben konnten, zu präsentieren und zu erforschen.“

Susanne Gaensheimer begann ihre Karriere als Direktorin des Westfälischen Kunstvereins in Münster. Anschliessend leitete sie sieben Jahre lang die Sammlung „Internationale Kunst nach 1945“ in der Städtischen Galerie im Münchner Lenbachhaus, bevor sie im Januar 2009 Direktorin des MMK wurde. Nicht zu vergessen: Auf der Kunstbiennale Venedig 2011 gewann sie als Kuratorin des Deutschen Pavillons mit ihrem Ausstellungsbeitrag den „Goldenen Löwen“! „Die Kunstsammlung NRW“, so Gaensheimer jetzt über ihre neue Aufgabe, „gehört zu den international bedeutendsten Sammlungen der klassischen Moderne, der Nachkriegsmoderne und der Gegenwartskunst, und es ist für mich eine grosse Freude und Ehre, die Verantwortung für diese besondere Sammlung sowie für das K20 und das K21 übernehmen zu können“.

Frankfurts Kulturdezernentin Ina Hartwig dankte der im August scheidenden Direktorin, die dem MMK „eine interessante, prägende Handschrift verliehen“ habe. „Ihren Weggang bedauere ich sehr … Der Wechsel an ein Landesmuseum ist zweifellos eine attraktive Perspektive. Im Übrigen ist ein Wechsel nach acht Jahren in unserer Museumslandschaft ein normaler Vorgang, und die Berufung als Leiterin der Kunstsammlung NRW dürfen wir auch als Kompliment für Frankfurt verstehen“, so die Dezernentin weiter. „Frankfurt hat Susanne Gaensheimer viel zu verdanken. Ich wünsche ihr für ihre Zukunft alles Gute und weiterhin grosse Erfolge für ihr künstlerisches Schaffen“.

Susanne Gaensheimer verlässt das MMK – für die Kunst- und Museumsstadt Frankfurt am Main keine gute Nachricht.

 

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