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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

„OPEN STUDIOS“ im ATELIERFRANKFURT (2)

Temporär für eine Woche: Gruppenausstellung „facing“
Eine Nachlese

Neben zahlreichen künstlerischen Aktivitäten präsentierte ATELIERFRANKFURT zu seinen diesjährigen „Open Studios“ eine bemerkenswerte Gruppenausstellung mit dem Titel „facing“, kuratiert von Nina Reichert und Marie Schaarschmidt. Beteiligt waren die sechs Künstlerinnen und Künstler Jo Albert, Jörg Ahrnt, Girmachew Getnet, Matthias Grübel, Dieter Mammel und Mirjam Martinovic, die sämtlich ihre Ateliers im Künstlerhaus haben.

Sechs höchst unterschiedliche Positionen vereinte die Ausstellung, die sich jeweils mit dem Begriff „facing“ auseinandersetzten. Durchaus vieldeutig lässt sich das Wort übersetzen oder deuten – von Angesicht zu Angesicht, jemanden ansehen, aber auch jemandem (friedfertig) begegnen oder (unfriedlich) gegenübertreten, sich jemandem (empathisch) zuwenden oder sich mit ihm (abweisend) auseinandersetzen. Stets stand in den Arbeiten der Ausstellung – so die kuratorische Intention – das menschliche Gesicht im Zentrum des künstlerischen Werkes.

Dieter Mammel hatte mit einem eigenen Raum eine grosszügige Präsentationsplattform erhalten, in der er fünf Tusche-Arbeiten zeigte; ferner gestaltete er gemeinsam mit Matthias Grübel die aktuelle Videoarbeit „Erzähl mir, woher Du kommst“ (22 min.) mit Zeichnungen und Gemälden von Flüchtlingskindern; in besagtem Film sprechen auch die Kinder über ihre Bilder. „Facing“: in der aktuellen gesellschaftspolitischen Diskussion, namentlich in Zeiten der Flüchtlingskrise, stellen sich Assoziationen ein: an Begegnungen mit neuen, anderen Kulturen, aber auch an das Zeigen seines Gesichts wie umgekehrt an dessen Verhüllen und Verbergen.

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Dieter Mammel
↑ Sandsturm, 2016, Tusche auf Leinwand, 100 x 220 cm, Courtesy of Galerie Hübner + Hübner, Frankfurt; © VG Bild-Kunst, Bonn
↓ Blind Date, 2008, Tusche auf Leinwand, 90 x 190 cm; © VG Bild-Kunst, Bonn

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Von Dieter Mammel, einem Meister feiner, ins Malerische übergehender Tusche-Zeichnungen (hier sämtlich auf Leinwand), zeigen wir zwei der ausgestellten Arbeiten – beide haben mit dem Thema „facing“ zu tun – hier des absichtslosen wie dort des absichtsvollen Verbergens. Im Sandsturm liesse sich das Gesicht der Person kaum erkennen, die eilig ausschreitend vielleicht das Schutz verheissende Gebäude oder wenigstens den eigenartig in das Bild ragenden Pick-up erreichen will. Die Person ist in einem gewissen Sinne auf der Flucht – wie der Bildtitel suggeriert vor einer elementalen Naturgewalt. Anders wiederum die Frau in „Blind Date“, deren Augen- und Nasenpartie eine von links über das Gesicht geführte Hand verbirgt – weniger vielleicht eine Schmerzensgeste als der Ausdruck eines Etwas-nicht-sehen-wollens. Ein Spannungsfeld eröffnet die Frage, ob es die eigene Hand der Frau oder die eines Fremden ist, was zu unterschiedlichsten Deutungen führen kann.

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Jo Albert, hypóstatis, 2015, Klebefolie auf Holz, 300 x 175 cm

Jo Albert zeigte sein grossformatiges dreiteiliges Werk „hypóstasis“, das Brigitta Amalia Gonser aus Anlass der seinerzeitigen Präsentation im Ausstellungsraum EULENGASSE bereits in diesem Magazin ausführlich vorgestellt hat.

Von Jörg Ahrnt sahen wir ein Video mit dem Titel „Face to Face (10:42 min) mit verschiedenen in Persien aufgenommenen (Porträt)Fotos, ferner einen Digitaldruck gleichen Titels, beide aktuell aus diesem Jahr.

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Jörg Ahrnt, Face to Face, 2016, Digitaldruck; Foto: Jörg Ahrnt

Allein der Titel verleiht dem Werk durchaus etwas Beklemmendes: das „face“ – begrifflich wie metaphorisch abstrahiert und auf piktogrammlich Zeichenhaftes reduziert. Eine entindividualisierte Figur in Bet- und Bittstellung, in Gelb, einer auf Verkehrs- und Hinweistafeln gebräuchlichen „Warn- und Achtung-Farbe“. Im Rücken gibt der schroff schwarz-weisse Pfeil unmissverständlich das klare Signal „Hier geht es lang!“ und „Zurück!“. Die Arbeit spricht für sich.

Ein Doppel-Werk bzw. zwei Arbeiten, die bei aller Unterschiedlichkeit nicht nur vom Material her miteinander korrespondieren, zeigte Girmachew Getnet unter dem Titel „Circle“: zum einen eine flächige Arbeit aus acht bemalten Pappkarton-Tafeln, zum anderen eine kubusartige Skulptur aus 64 farbigen Papp-Ordnern, gelagert auf zwei hölzernen Euro-Paletten.

Menschen dunkler Hautfarbe, die Körper anscheinend zum Teil geweisst, scheinen zu schweben, zu fliegen – sich an den Händen haltend, die Gliedmassen eigentümlich verrenkt; davor Pappordner, in bunten Farben gemischt zwar, aber Ausdruck bürokratischen Verwaltungswesens: Was für Akten werden sie aufnehmen oder mögen sie bereits enthalten? Werden sie, mit Folien auf den Paletten fest verschnürt, an- oder abtransportiert? Geht oder ging es dabei um Menschen, für die Girmachew Getnet auf den acht Bildtafeln einen künstlerischen Ausdruck fand? Auch diese Arbeiten sprechen für sich.

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Girmachew Getnet
(vorn) Circle, 2016, 64 x industrieller Pappkarton, 123 x 83 cm
(hinten) Circle, 2016, 8 x industrieller Pappkarton, 25 x 35 cm

„Von Angesicht zu Angesicht“ betitelt Mirjam Martinovic ihre – die Gesamtausstellung vielleicht sogar bestimmende – mehrteilige Arbeit: „Denn wir sehen jetzt mittels eines Spiegels wie in Rätsel, dann aber von Angesicht zu Angesicht; jetzt erkenne ich stückweise, dann aber werde ich erkennen, gleichwie ich erkannt bin.“ Der Text ist dem 1. Brief des Paulus an die Korinther in einer der mehreren gebräuchlichen Fassungen entnommen – der Brief gilt, um das Jahr 55 datiert, als einer der ältesten Texte des Neuen Testaments.

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Mirjam Martinovic, Von Angesicht zu Angesicht, 2016, Divers, Gesamtansicht und Details

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Mirjam Martinovic studierte an der Hochschule für jüdische Studien, Heidelberg und an der Universität Heidelberg, an der Kunsthochschule Kassel, an der Bezalel Academy of Arts and Design Jerusalem und zuletzt – als Meisterschülerin – an der Kunsthochschule Weissensee, Berlin. Ihre Installation „Von Angesicht zu Angesicht“ spiegelt diese vielfältigen Studien-, Lebens- und Erfahrungsbereiche wider. In den grossformatigen Tafelbildern links und rechts sehen wir tempelartige architektonische Strukturen. Gesäumt werden sie von an Schriftrollen erinnernde, sich auf dem Boden faltenden Bändern, an ihnen sind handgeschriebene Papierzettel mit dem bereits zitierten Text mit Büroklammern angeheftet. Zettel – wie sie in den Spalten der Jerusalemer Klagemauer wie auch an christlichen Wallfahrtsstätten anzutreffen sind. Der Text aus dem Paulusbrief mag heutigen Generationen schwer zugänglich erscheinen, und doch ist er so aktuell wie vor rund 2000 Jahren – wie auch bereits zu Zeiten des vorchristlich-altgriechischen „Gnothi seauton“ – Erkenne dich selbst – und des späteren ciceronischen „Nosce te ipsum“. Aber nicht allein um Selbsterkenntnis geht es, sondern um Erkenntnis auch des Anderen, des Fremden.

Assoziationen an Thorarollen wie an liturgische Bänder im christlichen Kultus stellen sich ein. Spuren der Rollung zeigen auch die schwarz-weissen, übereinander gefügten Arbeiten aus der Werkgruppe „Jerusalem Syndrom“ in der Mitte der Installation. Es ist ein komplexes Ensemble, mit dem man sich lange beschäftigen kann und das sehr wohl einer Einzelausstellung wert wäre!

Abgebildete Werke © jeweilige Künstlerinnen und Künstler; Fotos (soweit nicht anders angegeben): FeuilletonFrankfurt

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→ „OPEN STUDIOS“ im ATELIERFRANKFURT (3)

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