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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Viviane Goergen spielt Werke früher Komponistinnen: Marguerite Roesgen-Champion, Mélanie Bonis, Germaine Tailleferre, Marie Jaëll, Vítezslava Kaprálová, Otilie Suková-Dvořákova

Ein Vater verweigert in den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts seiner begabten Tochter den Musikunterricht: „Ob meine Tochter das Konservatorium besucht oder auf den Strich geht, ist ein und dasselbe.“ Jene Tochter fand später als Komponistin die Bewunderung eines Paul Valéry und Paul Claudel, eines Maurice Ravel und Arthur Rubinstein.

Von Erhard Metz

Frauen wurde im 19. und noch bis weit in das 20. Jahrhundert hinein das Leben an Akademien schwergemacht, falls ihre Eltern ein Studium der Kunst oder der Musik denn zuliessen und die jungen Frauen überhaupt an diesen Institutionen Aufnahme fanden. Für die Musik galt dies in noch höherem Masse als für die bildenden Künste. So herrschte, wie Viviane Goergen jüngst in ihrem höchst informativen und musikalisch hervorragenden Gesprächskonzert berichtete, selbst unter vielen Wissenschaftlern die Meinung, Frauen mangele es an jenem „Teil“ im Gehirn, in welchem die Kreativität auf dem Gebiet der Abstraktion verortet wurde: Folglich könnten Frauen zwar Musik interpretieren, aber nicht – schöpferisch – komponieren. Erst Ende des 19. Jahrhunderts ermöglichten vereinzelt Musikhochschulen in Grossstädten in Frankreich, Osteuropa und den USA Frauen die Teilnahme an Studiengängen in Kompositionslehre. Aber bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts gewannen, so Frau Goergen, Frauen bei Kompositionswettbewerben Erste Preise noch vor ihren männlichen Kollegen. In Fachkreisen wurden Komponistinnen deshalb entsprechend alsbald hoch geschätzt, wenngleich ihre Werke demgegenüber kaum öffentlich aufgeführt wurden. Die Musikwissenschaft war jedoch hellhörig geworden und baute verschiedenenorts Forschungszentren für Kompositionen von Frauen auf.

Die vormals weltweit mit grossem Erfolg gastierende luxemburgisch-schweizerische Konzertpianistin Viviane Goergen hat es sich zu einer ihrer Aufgaben gemacht, Werke früher Komponistinnen zu entdecken, zu studieren und aufzuführen – einige unter ihnen sogar in Erstaufführung.

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Viviane Goergen spielt im Frankfurter Cronstetten-Haus Werke früher Komponistinnen; Foto: FeuilletonFrankfurt

Arbeiten sechs früher Komponistinnen stellte Viviane Goergen jetzt in ihrem Gesprächskonzert im Zusammenwirken mit der Schweizer Gesellschaft Frankfurt am Main und der Cronstett- und Hynspergischen evangelischen Stiftung – mit Unterstützung des Steinway-Hauses Frankfurt – im neuen Frankfurter Cronstetten-Haus vor.

Ihr Konzert leitete Goergen mit „Buccoliques pour Piano“, „Chant pastoral“ und „Jeux des Nymphes“ der Schweizer Cembalistin und Komponistin Marguerite Roesgen-Champion – 1894 in Genf geboren und 1976 in Hyères verstorben – ein. Nachdem Roesgen-Champion ersten Unterricht bei ihrer Mutter, einer Gesangslehrerin, erhalten hatte, studierte sie am Genfer Konservatorium Klavier, Komposition, Harmonie und Musikpädagogik. Bereits im Alter von 19 Jahren bestand sie das Konzertexamen und übernahm dort 1915 die Leitung einer Klavierklasse. 1926 übersiedelte sie nach Paris. Sie komponierte Orchesterwerke, Orgel-, Cembalo- und Klavierstücke, Kammermusik und Chorwerke, nahm barocke Kompositionen für Cembalo sowie Klavierkonzerte der Wiener Klassik auf Schallplatte auf und war als Solistin sehr erfolgreich. Roesgen-Champion zählte zu den ersten Komponistinnen, die von Fachwelt wie Öffentlichkeit beachtet wurden.

Keine familiäre Förderung erhielt demgegenüber die Französin Mélanie Hélène Bonis, 1858 in Paris geboren und 1937 im nördlich der Metropole gelegenen Sarcelles verstorben. Zunächst blieb ihr nichts anderes übrig, als das Klavierspiel autodidaktisch zu erlernen. Durch Vermittlung von César Franck konnte sie dann aber am Pariser Konservatorium studieren (übrigens gemeinsam in einer Klasse mit u. a. Claude Debussy). Auf Veranlassung ihrer Eltern musste sie jedoch wegen einer Liebe zu einem Mitstudenten das Konservatorium wieder verlassen und wurde in eine Ehe mit einem über zwei Jahrzehnte älteren Industriellen gedrängt. Ein späteres Kind mit dem Geliebten musste versteckt aufwachsen, was Bonis sehr belastete. Etwa ab der Jahrhundertwende wandte sie sich verstärkt dem Komponieren postromantischer, teils impressionistisch beinflusster Werke zu – um erfolgreich sein zu können unter dem beidgeschlechtlichen Vornamen Mel. Bei Kompositionswettbewerben erhielt sie mehrere Preise, und sie wurde in die Société des Compositeurs aufgenommen (allerdings lediglich als Sekretärin!). Ihre letzten 15 Lebensjahre verbrachte Mélanie Bonis liegend, aber komponierend auf dem Bett. „Was mich am traurigsten macht ist,“ so schrieb sie, „dass ich meine Werke nie zu hören bekomme.“

Rund 300 Kompositionen hinterliess Bonis – unter ihnen 60 Klavier- und 30 Orgelwerke, ferner Kammermusiken, geistliche Vokalwerke und Werke für Orchester. Viviane Goergen spielte „Une flute soupire“ und „La Cathédrale blessée“, eine ergreifende Komposition, in der sich das Lebensschicksal der unglücklichen Mélanie widerspiegelt.

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(li.) Mélanie Hélène „Mel“ Bonis, um 1898; (re.) Germaine Tailleferre, Foto „FH“; Bildnachweis jeweils wikimedia commons

Die Französin Germaine Tailleferre (1892 in Saint-Maur-des-Fossés geboren und 1983 in Paris verstorben) ist jene Tochter, von der wir eingangs handelten; aus Trotz gegen ihren Vater änderte sie später ihren ursprünglichen Familiennamen Taillefesse in Tailleferre. Ihre Mutter ermöglichte ihr – heimlich – Klavierunterricht. Bereits 1904 kam sie als „Wunderkind“ an das Pariser Konservatorium, wo sie Komponisten wie Darius Milhaud und Arthur Honegger traf. Sie gewann Erste Preise und studierte bei Maurice Ravel, mit dem sie befreundet war, Instrumentation. Als einzige Frau wurde sie Mitglied der berühmten, von Erik Satie ins Leben gerufenen Komponistengemeinschaft „Groupe de Six“.

Von ihrem auf ihre Musik eifersüchtigen Ehemann, mit dem sie Nach New York gezogen war, trennte sie sich nach ihrer Rückkehr nach Frankreich wieder: „Dass ich komponiere oder Klavier spiele“, so wird von ihr überliefert, „kam nicht in Frage. Das Klavier stand im Atelier meines Mannes. Ich verbrachte meine Zeit mit dem Studium von Kochbüchern.“ Nach Kriegsausbruch zog sie ein zweites Mal in die USA, kehrte aber erneut nach Frankreich zurück. Auch ihre zweite Ehe mit einem Mann ohne Verständnis für ihre Arbeit verlief unglücklich. Sie liess sich aber davon nicht mehr beirren. Am Ende wurde Germaine Tailleferre äusserst erfolgreich: Sie komponierte Werke für Klavier-, Kammer- und Orchestermusik, Lieder, kleine Opern, Ballette, Bühnen- und Filmmusiken (u.a. für Charlie Chaplin). Der grösste Teil ihres Œuvres wurde allerdings erst posthum veröffentlich. Maurice Ravel sprach von ihrem „sicheren musikalischen Instinkt“ und ihrem „vollendeten handwerklichen Können“. Stilistisch sind die Kompositionen dem Pariser Neoklassizismus zuzuordnen. In ihrem Gesprächskonzert trug Vivianne Goergen eine wunderbare „Sicilienne“ der Komponistin vor.

Die Französin Marie Jaëll, 1846 im elsässischen Steinseltz geboren und 1925 in Paris verstorben, war eine bedeutende Pianistin, Komponistin und Klavierprofessorin. Ihrer musikalischen Ausbildung legte niemand Steine in den Weg: Sie studierte bereits Klavier in Stuttgart und Paris, bis sie in das dortige Konservatorium aufgenommen und alsbald – im Alter von 16 Jahren – mit dem Premier Prix de piano ausgezeichnet wurde. Zu ihren Lehrern gehörten Camille Saint-Saëns und César Franck. Mit ihrem Ehemann, dem Pianisten Alfred Jaëll, gastierte sie in Russland und ganz Europa. Nach dessen Tod wurde ihr weiterer künstlerischer Weg von Franz Liszt geprägt, mit dem sie in den Jahren zwischen 1883 und 1885 jeweils einige Monate in Weimar verbrachte. Liszt zählte Marie Jaëll zu den führenden Pianisten ihrer Zeit und machte sie u.a. mit Johannes Brahms bekannt. Wie Mélanie Hélène Bonis wurde sie als eine der ersten Frauen in die Pariser Société des compositeurs aufgenommen. Ihre Werke enthalten Anklänge an die Lisztschen Harmonien und den Impressionismus.

Neben ihrer pianistischen und kompositorischen Arbeit (letztere schloss Chor- und Orchesterwerke sowie Lieder ein) entwickelte Marie Jaëll als Klavierpädagogin und Professorin eine psycho-physiologisch basierte Klavierspieltechnik – die sogenannte „Méthode Jaëll“.

Viviane Goergen spielte in ihrem Gesprächskonzert Marie Jaëlls „Valses Mignonnes“ mit den Sätzen Très animé, Assez vite, Mouvement très modéré, Très décidé, Retenu Mouvement de Valse und Animé.

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(li.) Marie Jaëll, Bibliothèque nationale et universitaire de Strasbourg, Foto J. Ganz; (re.) Vítezslava Kaprálová, 1935; Bildnachweis jeweils wikimedia commons

Vítezslava Kaprálová (geboren 1915 in Brünn, verstorben 1940 in Montpellier), war Tochtes des Komponisten und Musikprofessors in Brünn Václav Kaprál, einem Schüler von Leoš Janácek. Sie studierte in Brünn, Prag und Paris Komposition (u.a. bei Bohuslav Martinu) und Dirigieren, u.a. bei Charles Münch. Auch Kaprálovás Vater hatte sich zunächst gegen ein Musikstudium seiner Tochter gewandt, ihre Mutter hatte sie jedoch heimlich zum Brünner Konservatorium angemeldet. 1935 wechselte sie von Brünn an das Prager Konservatorium und 1937 nach Paris. Im gleichen Jahr dirigierte Kaprálová in Prag die Tschechische Philharmonie und 1938 das BBC-Orchestra. 1939 entschied sie sich, endgültig in Paris zu bleiben, wurde jedoch nach der Besetzung der Stadt durch deutsche Truppen nach Montpellier evakuiert, wo sie im Alter von nur 25 Jahren an einer schweren Erkrankung starb.

Vítezslava Kaprálová schrieb über 50 Werke vorwiegend für Klavier, aber auch für Sinfonie- und Kammerorchester, Chor und Streichquartett, die nach dem Krieg weitgehend in Vergessenheit gerieten.

Viviane Goergen interpretierte Vítezslava Kaprálovás „Dubnová preludia“ (Frühlingserwachen) mit den Sätzen Allegro ma non troppo, Andante, Andante semplice und Vivo.

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Viviane Goergen nimmt den begeisterten Applaus des Publikums entgegen; Foto: FeuilletonFrankfurt

Das Auditorium nahm das Gesprächskonzert begeistert auf und erbat eine Zugabe; die Pianistin gewährte sie mit dem bezaubernd-ergreifenden „Wiegenlied“ von Otilie Suková-Dvořákova.

Über die Komponistin – sie lebte von 1878 bis 1905 – , älteste Tochter des weltbekannten Komponisten Antonín (Leopold) Dvořák, ist nur weniges überliefert. Es mag daran liegen, dass sie zeitlebens im Schatten ihres berühmten Ehemanns, des Komponisten und Geigers Josef Suk (1874-1935) stand, den sie 1898 heiratete. Sie studierte Klavier in Böhmen und von 1892 bis 1894 in den USA. Manche von Josef Suks Werken sind von seiner Frau inspiriert, so zum Beispiel das Lied Mé zene (An meine Frau).

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Pianistin Viviane Goergen und Katharina Trierscheidt, Präsidentin der Schweizer Gesellschaft Frankfurt am Main; Foto: FeuilletonFrankfurt

Es war ein Konzertabend, der in Erinnerung bleiben wird, und es ist ein grosses Verdienst Viviane Goergens, die Werke der ersten Komponistinnen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts in das Bewusstsein einer interessierten Öffentlichkeit zu rufen und nicht der Vergessenheit anheimfallen zu lassen.

→ Edmond Goergen – Kämpfer für ein freies Luxemburg und für eine Kunst des Schönen

→ Pianist Jean Muller im Hauskonzert von Viviane Goergen und in der Alten Oper Frankfurt
→ Pianistin Patricia Hase zu Gast im Hauskonzert von Viviane Goergen
→ Pianist Xi Zhai im Hauskonzert von Viviane Goergen
→ Pianistin Maki Wiederkehr zu Gast im Hauskonzert von Viviane Goergen

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