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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Pianistin Maki Wiederkehr zu Gast im Hauskonzert von Viviane Goergen

Von Erhard Metz

Wer Joseph Haydns Klaviersonate in D-Dur Hob. XVI:24 kennt, wusste um deren markantes 3/4-Takt-Aufspiel. Dennoch überraschte Maki Wiederkehr im Hauskonzert von Viviane Goergen das Auditorium: Länger, als man es vielleicht gewohnt sein mag, verharrte sie in sich gekehrt über der Klaviatur, um plötzlich-eruptiv, fast einem Auf- und Weckruf ähnlich, mit einem Fortissimo dominant und präsent in den Kopfsatz einzusteigen: furiose Eröffnung eines grossen musikalischen Nachmittags, an dessen Beginn die Sonate mit den Sätzen Allegro – Adagio – Finale: Presto stand.

Haydn komponierte dieses Werk im Jahr 1773 – in der Mitte seines Lebens und künstlerischen Schaffens – als eine von sechs Sonaten des seinem Dienstherrn, dem Fürsten Nikolaus Esterhazy, gewidmeten Zyklus (op. 13). Es erinnert mit seinen toccatenhaften Passagen an die Zeit barocker Kompositionen. Sehr weich, warmtönig und kantilenenhaft führt Maki Wiederkehr das Adagio in d-Moll aus, das ohne Unterbrechung in das synkopenreiche Finale-Presto in D-Dur mit Thema und Variation einmündet. Erwartungsgemäß markant und mit hartem Anschlag geniesst die Pianistin zum Ende des Satzes den frechen, schräg-dissonanten Akkord – man könnte durchaus an Haydns 94. Sinfonie (mit dem Paukenschlag) denken, mit der er der Legende nach ein schläfriges höfisches Publikum wieder in den Wachzustand zurückrufen wollte. Wie auch immer es sich damals mit dem berühmten Paukenschlag verhalten haben mag – das Auditorium des nachmittäglichen Recitals im Haus von Viviane Goergen jedenfalls lauschte Maki Wiederkehrs Spiel hellwach und applaudierte begeistert!

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(li.) Joseph Haydn (1732-1809), Gemälde von Ludwig Guttenbrunn um 1770; (re.) Claude Debussy (1862-1918), Fotografie von Nadar (Gaspard-Félix Tournachon) um 1908; Bildnachweis jeweils wikimedia commons

Mit der bekannten, zu Recht berühmt-populären „Suite Bergamasque“ von Claude Debussy setzte die Künstlerin ihr attraktives, im Schwierigkeitsgrad sich allerdings steigerndes Programm fort. Debussy schrieb sie im Jahr 1890, doch wurde sie erst sehr viel später – 1905 – veröffentlicht.

Das komplexe Prélude mit der Bezeichnung „Moderato (tempo rubato)“ in F-Dur wird in der Klavierliteratur mitunter als „schwer“ (spielbar) eingestuft. Maki Wiederkehr lässt solcherlei Bewertungen vergessen – leicht, mühelos, wie von allein scheint sich ihr Spiel in den Raum hinein zu verbreiten. Einfühlsam, still dem Werk und sich selbst lauschend ihr Andantino im nachfolgenden Menuet in a-Moll. Dann der „Clair de Lune“ in Des-Dur – Andante très expressif – , man hättte im Publikum eine Stecknadel zu Boden fallen gehört. In das Leben des Jetzt und Heute zurück führt das Allegretto ma non troppo des vierten Satzes in fis-Moll im Stil eines Passepied. Lang anhaltender Applaus! Eine Pause ist hernach angesagt.

Maki Wiederkehr: „Clair de Lune“ von Claude Debussy
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Maki Wiederkehr im Hauskonzert von Viviane Goergen; Foto: FeuilletonFrankfurt

Maki Wiederkehr, 1986 in Solothurn geboren, begann im Alter von drei Jahren Klavier und von vier Jahren Violine zu spielen. Noch vor ihrem Abitur wurde sie in die Solistenklasse bei Klavier-Professor Homero Francesch an der Zürcher Hochschule der Künste aufgenommen. Nach dem Abitur begann sie an der Hochschule sogar ein Parallelstudium für Violine; erst 2005 entschied sie sich endgültig für das Klavier. 2009 erlangte sie das Lehr- und das Konzertdiplom mit Auszeichnung, 2011/2012 schloss sie das Studium mit dem Solistendiplom und dem CAS (Certificate of Advanced Studies) ab. Als Solistin erhielt Maki Wiederkehr in der Schweiz und im Ausland zahlreiche erste Preise: Zuletzt gewann sie den Rahn-Musikpreis-Wettbewerb in Zürich, der ihr das Debüt im grossen Tonhalle-Saal und weitere Konzerteinladungen eröffnete. 2010 erhielt sie den Werkjahrespreis der Curt und Marianne Dienemann-Stiftung in Luzern, 2009 wurde sie mit dem Kiwanis Kammermusikpreis und auch dem „Werkjahr“ des Kantons Solothurn ausgezeichnet. 2009/2010 erhielt sie zudem den Migros Studienpreis in Zusammenarbeit mit der Ernst Göhner-Stiftung, 2007/2008 Studienpreise der Kiefer Hablitzel-Stiftung. 2006 wurde sie mit dem Friedl Wald-Studienpreis ausgezeichnet. Sie konzertierte u.a. an der Berliner Philharmonie, der Alten Oper Frankfurt, beim Internationalen Musikfestival Prager Frühling, in der Wigmore Hall London, am Galway Festival in Dublin, an den „December Nights of Sviatoslav Richter“ in Moskau oder am Menuhin Festival in Gstaad.

Was gab ihr bei ihrer Doppelbegabung den Ausschlag für das Klavier? „Es war nicht der einzige Punkt, der für meine Entscheidung ausschlaggebend war, aber mein Professor – Homero Francesch – war doch wegweisend dafür. Ich fand ihn faszinierend, ich habe seine Publikationen bewundert, ich fand ihn einfach einen unglaublich inspirierenden Musiker. Denn schlussendlich wird man ja Musiker und nicht nur Instrumentalist. Und Klavier ist sehr vielseitig, mit dem Klavier kann man auch sehr gut Kammermusik machen. Zur Zeit spiele ich aber auch in einem Laienorchester Geige, das bereitet mir ausserordentlich Spass.“

Nicht minder erfolgreich ist Maki Wiederkehr mit ihrem Klavier-Trio „Rafale“ (Daniel Meller, Geige, und Flurin Cuonz, Violoncello), mit dem sie am Osaka International Chamber Music Competition 2014 den ersten Preis gewann, ebenso wie 2011 am prestigeträchtigen Melbourne International Chamber Music Competition. Weitere Auszeichnungen: 2013 Migros Kulturprozent Kammermusikwettbewerb und Publikumspreis; 2014 „Werkjahr“ der Stadt Zürich. Im vergangenen Jahr konzertierte das Trio auf einer ausgedehnten Tournee in Japan mit einem anschliessenden Konzert in Korea.

Spiegelt sich ihre Zuneigung zur Violine vor allem in der Gründung des „Trio Rafale“? „Ich liebe den Streicherklang“, sagt Maki Wiederkehr, „ich mag die Wärme, die von ihm ausgeht, und ich versuche ein wenig, sie auf das Spiel am Klavier zu übertragen. Und ich weiss als Geigerin natürlich um die Komplexität des Umgangs mit dem Streichinstrument.“ Das Klavier-Trio steht namentlich gegenüber dem Streichquartett etwas im Schatten dieser Gattung der Kammermusik? „Leider ja, ich würde dieses Genre sehr gern noch stärker in die Öffentlichkeit tragen, etwa nach dem Beispiel des Beaux Arts Trios.“ Der Terminkalender des Ensembles sieht im kommenden Jahr für Deutschland Konzerte bislang in Berlin (19. April 2017), Bonn (12. Mai) und Hamburg (1. September) sowie in Wachenheim und der Villa Rot (Burgrieden) vor.

Nach kleiner Pause folgte als Höhepunkt des Recitals bei Viviane Goergen Franz Schuberts Klaviersonate in B-Dur Op. posth. Deutsch-Verzeichnis 960 mit den Sätzen Molto moderato, Andante sostenuto, Scherzo: Allegro Vivace und Allegro ma non troppo. Ein monumentales, berührendes, ja erschütterndes Werk: die letzte Komposition vor seinem Tod im Alter von nur etwas über 31 Lebensjahren. Schubert schrieb es als letzten Teil einer Trias von Klaviersonaten im August/September 1828 – doch wohl in Vorahnung seines herannahenden Todes am 19. November, wie viele vermuten? Andere Musikwissenschaftler sehen in diesen Sonaten den Ausdruck weniger von Todesbewusstsein als vielmehr höchster künstlerischer Reife. Eine Referenz und Verbeugung gegenüber dem ein Jahr zuvor verstorbenen, von Schubert verehrten Beethoven – oder ein letzter, gewaltiger emanzipatorischer Kraftakt gegenüber dem Meister? Wie auch immer: Das 19. Jahrhundert achtete diese Trias, die erstmals ein Jahrzehnt später, 1838/1839 publiziert wurde, wenig. Erst im 20. Jahrhundert wurde sie als eine der wichtigsten und reifsten Werke des Komponisten erkannt und gewürdigt.

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Franz Schubert (1797-1828); (li.) Aquarell von Wilhelm August Rieder, 1825; (re.) Gemälde neuerdings Franz Eybl zugeschrieben, 1827; Bildnachweis jeweils wikimedia commons

Es ist das Leben schlechthin in der Summe aller seiner Höhen und Tiefen, übermütiger Freuden und quälender Schmerzen, allem Überschwang und Ängsten, voll Lebensmut und zugleich in Abgründe blickender Melancholie, welches dieses um die 40 Minuten an Zeit in Anspruch nehmende Werk in sich versammelt.

Nach Verklingen des letzten Taktes ergriffenes Schweigen des Auditoriums, wieder hätte man die sprichwörtliche Stecknadel zu Boden fallen hören, bevor enthusiastischer Beifall ausbrach. Es folgten mehrfache „Vorhänge“ der Künstlerin, bis Viviane Goergen, selbst seinerzeit weltweit gefeierte Konzertpianistin, zur Einsicht gemahnte: Nach dieser posthum-Sonate des grossen Meisters verbiete sich eine Zugabe. Goergen zeigte sich beeindruckt und bewegt von Maki Wiederkehrs stets sehr präsentem, klarem, einfühlsamem und souverän geführtem Spiel.

Was bewegt eine immer noch junge Pianistin, sich mit einem solchen Opus auseinanderzusetzen? „Es ist ein unglaubliches Werk von Schubert“, sagt Maki Wiederkehr, „es ist die beste von allen seinen Klaviersonaten. Ich habe mir sehr lange Zeit genommen, mich ihr anzunähern.“ Ab welchem Lebensalter, wenn man denn diese Frage überhaupt so stellen will, darf oder kann man sich dieses Werkes – oder Vermächtnisses – annehmen? „Das ist schwierig zu sagen. Sobald man das Gefühl hat, sich darauf einlassen zu müssen, zu verstehen, was der Komponist sagen möchte.“ Eine Zwanzigjährige wird es kaum spielen können? „Das muss jeder selbst entscheiden, was ’spielen‘ heisst. Den Gedanken des Komponisten folgen zu können. Wann die Zeit dafür reif ist. Ich bin jetzt etwa in dem Alter, in welchem Schubert dieses Werk geschrieben hat.“ Überzeugender kann eine Antwort nicht sein.

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Die Pianistinnen Viviane Goergen und Maki Wiederkehr im Hauskonzert Mitte Oktober 2016; Foto: FeuilletonFrankfurt

→ Pianist Xi Zhai im Hauskonzert von Viviane Goergen
→ Pianistin Patricia Hase zu Gast im Hauskonzert von Viviane Goergen
→ Pianist Jean Muller im Hauskonzert von Viviane Goergen und in der Alten Oper Frankfurt

 

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