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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Archiv für Oktober, 2016

Laure Prouvost im Frankfurter MMK 3

2016, Oktober 30.

„all behind, we’ll go deeper, deep down and she will say:“

lautet der Titel der ersten umfassenden Einzelausstellung von Laure Prouvost in Deutschland. Wir sehen ein „Environment“, eine raumausfüllende Installation mit filmischen, skulpturalen und malerischen Arbeiten, insgesamt 15 an der Zahl mit jeweils verschiedenen Titeln, wie eine gut betextete und illustrierte Handreichung des Museums ausweist.

Geben Ausstellungseröffnungen im MMK 3 meist Anlass zu einem quirligen Stelldichein eines jungen Publikums, zu dem massgeblich auch Studierende der Städelschule und der Hochschule für Gestaltung Offenbach gehören, so war seinerzeit das Eröffnungspublikum der nun leider am kommenden Wochenende schliessenden Ausstellung von Laure Prouvost, im Jahr 2013 Laureatin des hoch renommierten Turner Prize, in seiner Quantität ziemlich überschaubar. Das konnte nicht verwundern, hatten damals just für den selben Abend „AtelierFrankfurt“ zu seinem Spätsommerfest und der Kunstverein Familie Montez zu einer Ausstellungseröffnung ebenfalls sommerfestlichen Charakters eingeladen – „Locations“, mit denen der dröge, kleine, baustellenflankierte Vorplatz vor dem alten Zollamtsgebäude nun wirklich nicht mithalten kann. Schade – , die Vernissage hätte ein grösseres Eröffnungspublikum verdient gehabt, aber das Angebot in der Kunst- und Kulturstadt Frankfurt am Main ist eben erfreulicherweise überaus gross. Wer die Ausstellung noch nicht gesehen haben sollte, sollte dies jetzt unbedingt und alsbald nachholen – nicht allein deshalb, weil man schliesslich nicht alle Tage, wenn nicht Jahre das aktuelle Werk einer Turner-Preisträgerin zu sehen bekommt.

Zunächst sollte man die Worte beherzigen, die auf einer spiegelnden Tafel – zu Beginn des Ausstellungsparcours bereits an der Hausfassade platziert – zum „alles Hintersichlassen“ auffordert.

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IDEALLY YOU WOULD LEAVE EVERYTHING BEHIND, 2016, Installationsansicht, © Laure Prouvost, Courtesy of the Artist, Foto: FeuilletonFrankfurt Weiterlesen

„Kommen und Gehen – von Courbet bis Kirkeby“ im Museum Giersch (2)

2016, Oktober 28.

Künstleraufenthalte in der Region Frankfurt/RheinMain aufgespürt

Von Hans-Bernd Heier

Unter dem Titel „Kommen und Gehen – von Courbet bis Kirkeby. Künstleraufenthalte in der Region Frankfurt/RheinMain“ beleuchtet das  Museum Giersch der Goethe-Universität das facettenreiche Thema. An über 50 ausgewählten Künstlerpersönlichkeiten von Mitte des 19. bis Ende des 20. Jahrhunderts thematisiert die Ausstellung die spannenden Wechselbeziehungen zwischen den Kunstschaffenden und ihrer temporären Wahlheimat. Neben monografischen Räumen bieten in der klar strukturierten Schau sogenannte „Themenräume“ wie beispielsweise „Freilichtmalerei“, „Künstlerfreundschaften“, „Künstlerkolonie Darmstadt“, „Rheinländische Künstler in Frankfurt“, „Vertreibung“ oder „Anschluss an die internationale Moderne nach 1945“ Einblicke in die lebendige Kunstszene

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Hans Thoma „Wächter vor dem Liebesgarten“, 1895; Öl auf Leinwand, 79 x 68,5 cm; Privatbesitz; Foto: Uwe Dettmar, Frankfurt a. M. Weiterlesen

Friedenspreis des Deutschen Buchhandels für Carolin Emcke

2016, Oktober 27.

Seit 1950 vergibt der Börsenverein des Deutschen Buchhandels zum Abschluss der Frankfurter Buchmesse den mit 25.000 Euro dotierten Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. In diesem Jahr ging der Preis an die Journalistin, Philosophin und Schriftstellerin Carolin Emcke, die viele Jahre als Redakteurin und Krisengebietsreporterin beim „Spiegel“ und für „Die Zeit“ arbeitete, seit 2008 als freie Publizistin, u.a. als Kolumnistin für die Süddeutsche Zeitung. Ehmke wurde mehrfach für ihre journalistische Arbeit ausgezeichnet, am Ende der Frankfurter Buchmesse nun mit dem renommierten Friedenspreis. Unter den rund 1000 Gästen der Feier waren auch Bundespräsident Joachim Gauck und dessen Lebensgefährtin Daniela Schadt sowie ihre eigene Lebensgefährtin Silvia Fehrmann. Die Laudatio hielt die Philosophin Seyla Benhabib.

Ein Beitrag von Petra Kammann

„Wow!“ So begann die zunächst scheinbar so improvisierte Wucht und Überraschung einer sehr frischen Rede der diesjährigen Preisträgerin Carolin Emcke. Als sie mit „Wow!“ endete, schloss sich ein klug komponierter Kreis aus Fragen, Argumenten und Antworten, mit dem sich das angesprochene Publikum auseinandersetzen konnte. Carolin Emcke ist in jeder Hinsicht eine moderne, wachsame und behutsam formulierende Frau. Angesprochen auf die Maximen der Französischen Revolution formulierte sie kürzlich in ihrer Rede zur Eröffnung der diesjährigen Ruhrtriennale: „Es braucht Erzählungen davon, wie die Freiheit schmeckt, wie die Gleichheit sich anfühlt, wie die Brüderlichkeit klingt.“

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Verleihung des Friedenspreises in der Frankfurter Paulskirche: Bundespräsident Joachim Gauck, Preisträgerin Carolin Emcke und Oberbürgermeister Peter Feldmann; Foto: Petra Kammann Weiterlesen

Il-Jin Atem Choi in der Frankfurter Galerie Heike Strelow

2016, Oktober 25.

„Are you a ginger?“

Von Erhard Metz

„You are a ginger“ hat wohl mal jemand, wenn wir es recht verstanden haben, zu Il-Jin Atem Choi gesagt. Ginger: ein genetisch bedingt rothaariger Mensch mit blasser, sommersprossiger Haut; als Slang-Wort gebraucht, um jemanden als minderwertig herabzuwürdigen, böse Zungen behaupten gar, ein „ginger“ habe keine Seele. Eine Beleidigung. Und nun stellt der Künstler mit dem Titel seiner Ausstellung in der Galerie Heike Strelow die Frage „Are you a ginger?“ Befragt er reflexiv sich selbst? Fragt er den Besucher der Ausstellung, den Betrachter seiner Arbeiten? Ist das alles nur eine Metapher für etwas anderes?

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Untitled, 2016, Tusche, Sprühfarbe, Plexiglas, Holz, Kunstharz, je 190 x 124 cm Weiterlesen

Pianistin Maki Wiederkehr zu Gast im Hauskonzert von Viviane Goergen

2016, Oktober 23.

Von Erhard Metz

Wer Joseph Haydns Klaviersonate in D-Dur Hob. XVI:24 kennt, wusste um deren markantes 3/4-Takt-Aufspiel. Dennoch überraschte Maki Wiederkehr im Hauskonzert von Viviane Goergen das Auditorium: Länger, als man es vielleicht gewohnt sein mag, verharrte sie in sich gekehrt über der Klaviatur, um plötzlich-eruptiv, fast einem Auf- und Weckruf ähnlich, mit einem Fortissimo dominant und präsent in den Kopfsatz einzusteigen: furiose Eröffnung eines grossen musikalischen Nachmittags, an dessen Beginn die Sonate mit den Sätzen Allegro – Adagio – Finale: Presto stand.

Haydn komponierte dieses Werk im Jahr 1773 – in der Mitte seines Lebens und künstlerischen Schaffens – als eine von sechs Sonaten des seinem Dienstherrn, dem Fürsten Nikolaus Esterhazy, gewidmeten Zyklus (op. 13). Es erinnert mit seinen toccatenhaften Passagen an die Zeit barocker Kompositionen. Sehr weich, warmtönig und kantilenenhaft führt Maki Wiederkehr das Adagio in d-Moll aus, das ohne Unterbrechung in das synkopenreiche Finale-Presto in D-Dur mit Thema und Variation einmündet. Erwartungsgemäß markant und mit hartem Anschlag geniesst die Pianistin zum Ende des Satzes den frechen, schräg-dissonanten Akkord – man könnte durchaus an Haydns 94. Sinfonie (mit dem Paukenschlag) denken, mit der er der Legende nach ein schläfriges höfisches Publikum wieder in den Wachzustand zurückrufen wollte. Wie auch immer es sich damals mit dem berühmten Paukenschlag verhalten haben mag – das Auditorium des nachmittäglichen Recitals im Haus von Viviane Goergen jedenfalls lauschte Maki Wiederkehrs Spiel hellwach und applaudierte begeistert!

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(li.) Joseph Haydn (1732-1809), Gemälde von Ludwig Guttenbrunn um 1770; (re.) Claude Debussy (1862-1918), Fotografie von Nadar (Gaspard-Félix Tournachon) um 1908; Bildnachweis jeweils wikimedia commons

Mit der bekannten, zu Recht berühmt-populären „Suite Bergamasque“ von Claude Debussy setzte die Künstlerin ihr attraktives, im Schwierigkeitsgrad sich allerdings steigerndes Programm fort. Debussy schrieb sie im Jahr 1890, doch wurde sie erst sehr viel später – 1905 – veröffentlicht. Weiterlesen

„Kommen und Gehen – von Courbet bis Kirkeby“ im Museum Giersch (1)

2016, Oktober 22.

Künstleraufenthalte in der Region Frankfurt/RheinMain aufgespürt

Von Hans-Bernd Heier

„Transit“ ist der derzeitige Themenschwerpunkt des Kulturfonds Frankfurt RheinMain. Als der Kulturfonds im Sommer 2015 das umfangreiche Programm startete, „war noch nicht abzusehen, welche gesellschaftliche Bedeutung es durch die aktuelle Situation der Flüchtlingsströme nach Deutschland bekommen würde“, so Geschäftsführer Helmut Müller. „Aber ‚Transit‘ ist mehr als Tagesaktualität, es spielt schon seit jeher eine wichtige Rolle und ist ein Begriff, der die Region unter vielen Gesichtspunkten charakterisiert“.  Ständige Zu- und Abwanderung prägten schon immer das Rhein-Main-Gebiet. Da ist es nicht weiter erstaunlich, dass auch viele Künstlerinnen und Künstler kamen und gingen. Sie verbrachten hier eine zeitlich begrenzte Lebens- und Schaffensphase, die von wenigen Wochen bis zu mehreren Jahrzehnten dauern konnte.

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Armin Stern „Eschenheimer Turm, 1920er Jahre“, Öl auf Leinwand, 65,5 x 56 cm; Jüdisches Museum Frankfurt; Foto: Herbert Fischer, Frankfurt Weiterlesen

„Martha oder der Markt zu Richmond“ von Friedrich von Flotow an der Oper Frankfurt

2016, Oktober 21.

Heiratsmarkt damals und heute – komisch und ernsthaft

Von Renate Feyerbacher
Fotos: Barbara Aumüller / Oper Frankfurt (3), Renate Feyerbacher (1)

Vor 169 Jahren wurde die romantisch-komische Oper „Martha oder der Markt zu Richmond“ von Friedrich von Flotow (1812-1883) in Wien uraufgeführt. 120 Jahre hielt sie sich tapfer auf deutschen und auch auf internationalen Bühnen. Selbst Enrico Caruso sang die Partie des Lyonel. „Martha“ war sogar eines der meistgespielten Stücke bis in die 60er Jahre des letzten Jahrhunderts. In Erinnerung ist mir eine hübsche, leichte Aufführung an der Kölner Oper. „Martha, Martha, Du entschwandest“ und „Die letzte Rose“ blieben zeitlebens im Kopf. Welch musikalische Neuentdeckung des Werkes beschert nun die Oper Frankfurt, das am 16. Oktober Premiere hatte, dirigiert von Generalmusikdirektor Sebastian Weigle. Er soll der Motor für die Neuentdeckung gewesen sein, Intendant Bernd Loebe liess sich mitreissen, ebenso die Regisseurin Katharina Thoma, die das Opus nicht kannte. Für sie wurde es ein „Goldklumpen“, den es zu heben galt, was ihr gelang.

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Maria Bengtsson (Harriet/Martha) sowie Chor und Extrachor der Oper Frankfurt; Foto © Barbara Aumüller Weiterlesen

Flämische und niederländische Architektur im Deutschen Architekturmuseum (DAM)

2016, Oktober 20.

Maatwerk oder auf Deutsch: Maßarbeit

Von Petra Kammann

Als kürzlich der künstlerische Leiter und bekannte belgische Kinderbuchautor Bart Moeyart das Schwerpunktthema „Flandern & die Niederlande“, welche vor 25 Jahren schon einmal Ehrengastland der Frankfurter Buchmesse waren, vorstellte, sagte er: „Es gibt neue Namen, neue Menschen, eine neue Dynamik. Es ist wie das Meer, das Flandern und die Niederlande teilen: Alles ist in Bewegung, es liegen neue Schätze am Strand“. Und dies trifft nicht allein auf das Motto „Das ist, was wir teilen“ zu, sondern auch auf die jüngste Architekturentwicklung in den nordwestlichen Nachbarländern. Sie verbindet die Horizontalität der Landschaft am Meer, die gemeinsame Sprache und in manchem eben auch die Formensprache miteinander.

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Maßarbeit“ für die „Neuen Schätze am Strand“ – Blick in die Ausstellung „Maatwerk“ im Frankfurter Architekturmuseum, inszeniert von Marius Grootveld und Jantje Engels von Veldwer Architecten, Antwerpen (s.u.)

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(li.) Kuratorin Sofie de Caigny vom Centrum Vlaamse Architectuur archieven/Vlaams Architectuurinstituut (VAi) Weiterlesen

Frankfurter Westend Galerie: „Specchio Italia“

2016, Oktober 16.

50 Jahre – 50 Künstler
50 Artisti per 50 anni
Die Frankfurter Westend Galerie feiert ihren 50. Geburtstag

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↑ Elio Mariucci, Lux Veritas, 2016, Acryl auf Leinwand, 50 x 50 cm
↓ Paolo Radi, Specchio Italia, 2016, Spiegel-Perspex und Acryl, 50 x 50 cm

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„Sorry superhero“: Alisa Margolis in der Galerie Wilma Tolksdorf

2016, Oktober 14.

Con brio – con fuoco – vivace – furioso: Folgte man solchen musikalischen Vortragsbezeichnungen bis in die Galerie Wilma Tolksdorf hinein, so würde man an Ort und Stelle in der Malerei von Alisa Margolis alsbald fündig. Und wir fügen noch ein gewagtes „esplosivo“ hinzu. Die Sprengkraft, die wir dort antreffen, ist allerdings und zum Glück von überaus friedfertiger Natur: Was hier explodiert, ist Malerei in ihrer schönsten, reinsten und unschuldigsten Art. Und es geht bei allem sogar nicht ohne einen Schuss Ironie zu: Alisa Margolis setzt gleich zu Beginn des Galerieparcours ein Ausrufezeichen, indem sie ein „wunderschönes“, wenngleich „explosives“ Blumenstilleben mit einem fast schon garstigen Türkisgrün durchkreuzt! Als wolle sie den Betrachter all ihres künstlerisches Werkes von vornherein desillusionieren, vom Ballast eines „Schönen“ befreien.

Und so lässt sich auch der Bogen schlagen zum Titel der Ausstellung „Sorry superhero“, mit dem die Künstlerin allem kulinarisch-genüsslichen Streben nach rauschendem Farben- und ästhetisch-befriedigendem Formenkonsum eine ironische Absage erteilt.

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↑ tell everyone, 2016, Öl und Harz auf Leinwand, 100 x 90 cm
super duper stoneage, 2016, Öl und Harz auf Leinwand, 150 x 110 cm
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