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FeuilletonFrankfurt

Das Online-Magazin von Erhard Metz

Archiv für August, 2016

Wenn Kopenhagen swingt

Mittwoch, 31. August 2016

Von Elke Backert

Was braucht man mehr als eine Gitarre, eine Harke, eine Kordel und eine Holzkiste. Dazu noch zwei skurrile Typen mit Clownsnase und Hut. Der eine haut auf die Saiten, der andere zupft die Kordel und entlockt Harke samt Resonanzkörper-Kiste swingende Töne. Und dänische Kronen füllen das Danke-Töpfchen. Kopenhagen swingt vom Beginn der Ströget, also vom Rathausplatz gleich hinter dem Hauptbahnhof, bis zum Ende beim königlichen Hotel d`Angleterre. Die älteste Fußgängerzone der Welt und noch dazu die längste (1,8 km, mit Nebenstraßen 3,2 km) ist das Herz der dänischen Hauptstadt.

Kopenhagen Strassenmusik-600

Strassenmusik, Strassenkunst …

Kopenhagen Stroeget Strassenkunst-600

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Malverwandtschaften: Sarah Schoderer und Xue Liu in der Weißfrauen Diakoniekirche

Freitag, 19. August 2016

Orgelspiel empfängt uns beim Betreten der Weißfrauen Diakoniekirche in der Gutleutstrasse. Es ist gewiss kein Orgelschüler, der dort oben auf der Empore am Spieltisch Manuale und Pedal bedient, sondern jemand, der sein erlerntes Können trainieren und vervollkommnen möchte. Wir sind angenehm überrascht und lauschen. Diese Musik ist uns sehr willkommen.

An diesem Tag an diesen Ort geführt haben uns aber „Malverwandschaften“. So der Titel einer gemeinsamen Gemälde- und Skulpturenausstellung in der Diakoniekirche. Malverwandschaften? „Gleich zu gleich gesellt sich gern“ oder „Gegensätze ziehen sich an“: alte deutsche Spruchweisheiten, vielen der heutigen Gesellschaft leider längst abhanden gekommen. Aber abgesehen davon: Was von beiden stimmt denn nun?

Vielleicht stimmt ja beides. Jedenfalls, wenn wir die Malerei von Sarah Schoderer und Xue Liu nebeneinander sehen, wie dies bereits im Sommer 2012 in der Galerie Perpétuel der Fall war – damals ergänzte Sabine Rak das Duo zu einem Trio. Beide sind Städelschüler, beide hatten eine Ausbildung auch bei einer weiteren Kunsthochschule: Schoderer an der Akademie für Bildende Künste in Mainz, Liu an der HfG Offenbach (und zuvor bereits an der Sichuan Kunstakademie in China). Und doch: Die Arbeiten beider sind bereits auf den ersten Blick voneinander verschieden, ja so grundverschieden, dass eine Verwechselung ausgeschlossen ist!

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↑ Xue Liu, Graue Serie, 2010, Acryl auf Leinwand, 100 x 140 cm
↓ Sarah Schoderer, Grosser Tisch, 2016, Öl auf Leinwand, 130 x 120 cm

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Bambusskulptur „Big trees“ von Joko Avianto am Haus des Frankfurter Kunstvereins

Donnerstag, 18. August 2016

Bleiben oder gehen – der Name eines Albums der deutschen Punkband „Feine Sahne Fischfilet“. Zugegeben – wir kennen es nicht unmittelbar, dies mag generationsbedingt sein, zählen wir doch beileibe nicht mehr zu den Jüngsten dieser Republik.  Aber bleiben oder gehen – dies gilt, im Allgemeinen wie im Besonderen, auch für die Bambus-Skulptur am Haus des Frankfurter Kunstvereins, die Einheimische wie Touristen aus aller Welt seit Mitte September 2015 immer wieder staunend bewundern. Fast könnte man darüber spekulieren, was derzeit der grössere Publikumsmagnet der globalen Tourismusströme in Frankfurt am Main ist: der Römerberg, die Paulskirche, die sich immer deutlicher abzeichnende „neue Altstadt“ – oder eben jene gegenüber alldem so exotisch erscheinende, nicht so recht passen wollende Skulptur am Steinernen Haus des Kunstvereins?

„Big trees (Pohon besar)“ lautet der Titel der Skulptur, der indonesische Künstler Joko Avianto hatte sie im Herbst 2015 in wochenlanger Arbeit aus 1500 jeweils sechs Meter langen Bambusstäben geflochten. Sie war Teil der Ausstellung „Roots. Indonesian Contemporary Art“, die im Zusammenhang mit der letztjährigen Frankfurter Buchmesse (mit Indonesien als Gastland) eröffnet wurde und bis Anfang Januar dieses Jahres lief. Danach sollte das wuchernde Werk wie all die anderen Arbeiten der indonesischen Künstler abgebaut werden. Aber: Sie blieb! Nun bereits seit über einem halben Jahr!

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Joko Avianto, „Big trees (Pohon besar)“, 2015, Fassadeninstallation am Gebäude des Frankfurter Kunstvereins Weiterlesen

Das Kunstwerk der Woche (20)

Dienstag, 16. August 2016


Die Arbeit einer Künstlerin oder eines Künstlers
aus den Atelierhäusern in Frankfurt am Main

Bea Emsbach, AtelierFrankfurt

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Bea Emsbach, Noli me tangere, Kolbenfülleraquarell; Foto: die Künstlerin; © VG Bild-Kunst, Bonn

Es ist eines der bekanntesten Worte des Neuen Testaments: das „Noli me tangere“, „Rühre mich nicht an“, im Evangelium des Johannes, Kapitel 20, Vers 17. Der auferstandene Jesus sagt es zu Maria Magdalena. Er ist seh- und erlebbar, aber nicht mehr körperlich erfassbar. Im christlich-geschichtlichen Diskurs wird ein mögliches erotisches bzw. familiäres Verhältnis der beiden zueinander immer wieder erwogen und thematisiert. Die „Noli me tangere“-Szene ging als eines der Hauptmotive in die christlich-abendländische Malerei ein. Und man denke in der Folge an Pablo Picassos psychologisierendes Gemälde „La Vie“.

Bea Emsbach übersetzt in ihrer Arbeit das überlieferte Geschehen in eine neue Welt: Eine unbekleidete Person kniet vor einer ebenso unbekleideten stehenden, will diese mit den Händen berühren, erfassen. Doch die stehende Person hält ein rechteckiges, transparentes Tuch vor ihren Körper, ein Kontakt kommt nicht zustande. Wir vermuten in der knienden Gestalt einen Mann, in der stehenden eine Frau. Eine Szene nunmehr von sexualpsychologischer Dimension: Der Mann kann die begehrte Frau nicht erfassen; die begehrte Frau kann sich dem vor ihr Knienden nicht öffnen. Ihr Blick geht in eine unbestimmte Ferne ausserhalb des Bildgeschehens, in ihrem Gesicht spiegelt sich Traurigkeit. Besonders bemerkenswert ist die Transparenz des die beiden trennenden Tuches.

Das Werk könnte durchaus auch genderneutral verstanden werden: als Versinnbildlichung eines letztendlichen Alleinseins des Menschen, seiner „Sprachlosigkeit“, seiner Ferne gegenüber dem anderen.

Die Künstlerin versetzt die Szene in eine – im Grunde kontrastierende – unschuldig wildwuchernde, üppige Vegetation. Fast könnte man an die Erzählung vom Paradies und dem Garten Eden denken – und damit an das uralte mythische Bild von Adam und Eva. Dem Gegenentwurf zum „Noli me tangere“.

Bea Emsbach schrieb uns – zu ihrem künstlerischen Wirken ganz allgemein – folgende fast schon poetische Zeilen:

„Ereignisse im Schatten – bergen und verbergen.

Die Ideen erscheinen an den Grenzen von Licht und Schatten, zwischen unheimlich und schön:
Zeichnen als das Ringen um die Bilder aus dem Bodensatz des allgemeinen Unterbewussten und der Mythen, aber auch aus einer bewussten Beschäftigung mit Anthropologie und Psychologie.

Es ist der Versuch, sie zu bergen im Bewusstsein, dass das meiste unsagbar bleibt.

Was der Betrachter schließlich zu sehen bekommt, sind die Forschungsergebnisse eines subjektivistischen Naturstudiums, Anthropomorphe Pflanzen und Protagonisten eines inneren Naturvolkes, dessen Riten ein Stück weit rätselhaft bleiben und zugleich eine Vielzahl an Assoziationen hervorrufen.
Hier ist das Zeichnen ein Ringen zwischen Greifbar-Machen und Sich-Entziehen und ein sowohl intuitiver als auch gesteuerter Prozess.
Das Format ist das der Intimität des Schreibens und des Schreibtisches: DIN A4.“

 

→ Bea Emsbach
→ Bea Emsbach: „Zeichen und Wunder“ (1 bis 7) in der Weissfrauen Diakoniekirche
→ Marielies Hess-Kunstpreis 2013 an Bea Emsbach
→ Fides Becker und Bea Emsbach in der Oberfinanzdirektion Frankfurt

→ Das Kunstwerk der Woche (1)

„Legal Limbo“: Radierung und Lithografie von Dominik Gussmann im Ausstellungsraum EULENGASSE

Sonntag, 14. August 2016

Von Volker Steinbacher
Dozent für Freie Druckgrafik an der Hochschule für Gestaltung (HfG) Offenbach

Das Werk von Dominik Gussmann umkreist Themen abendländischen Denkens im Spannungsfeld von klassisch-humanistischem Ideal und seiner Kehrseite in Form militärischer Gewalt.

Sein Medium ist die Druckgrafik, insbesondere die Radierung und die Lithografie. Bei ihm wird erkennbar, welche Wandlungen die traditionellen drucktechnischen Verfahren im Verlaufe der letzten Jahrzehnte genommen haben. Waren früher die rechteckige Druckformen obligatorisch, zerlegt, teilt und formt Gussmann seine Radierplatten neu, so dass sie meist der Kontur des Dargestellten folgen. Auch die Lithografieplatten zeigen Formen jenseits des Bildgevierts: Es sind zerbrochene Steine, gelegentlich auch mit einem Hammer zertrümmerte Stücke, die auf der Presse zum Drucken erneut zusammengefügt werden. Die Bruchlinien bleiben erkennbar und thematisieren das inhaltliche Anliegen Gussmanns.

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↑ „Mythos und Aufklärung (Odysseus)“, 2016, Fotoradierung, 90 x 60 cm
„Judith und Holofernes“, 2015/2016, Fotoradierung, 100 x 70 cm
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