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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Rundgang 2016 der Hochschule für Gestaltung Offenbach HfG (1)

Die jährliche Rundgangsveranstaltung der Hochschule für Gestaltung (HfG) in Offenbach, der Kunsthochschule des Landes Hessen, gerät regelmässig zu einem Ereignis für die städtische Bevölkerung, aber auch für zahlreiche Besucherinnen und Besucher aus Frankfurt am Main und dem Rhein-Main-Gebiet. 26 Professoren und über 100 Lehrende und Mitarbeiter betreuen rund 700 Studierende in den zwei Fachbereichen Kunst (mit den vier Fachrichtungen Kommunikationsdesign, Medien, Kunst und Bühnenbild) und Design. Mit 19 Professorinnen und Professoren sowie zusätzlichen Honorar- und Gastprofessuren, Lehrbeauftragten und Mitarbeitern ist der Fachbereich Kunst der etwas grössere gegenüber dem Design. Ein erfolgreiches Studium endet in beiden Fachbereichen mit dem Diplom. Ausserdem besitzt die Hochschule das Promotionsrecht.

Zum Vergleich die Frankfurter Staatliche Hochschule für Bildende Künste Städelschule: Dort kommen auf rund 140 Studierende im Bereich Bildende Kunst und etwa 50 Studierende im Bereich Architektur insgesamt zwölf Professorinnen und Professoren sowie zusätzlich Gastprofessuren, Lehrbeauftragte und sonstige Mitarbeiter. Sie stellt zum Studienabschluss eine Bescheinigung über ein Vollstudium aus, ferner kann der Titel Meisterschüler verliehen werden. In den Architekturklassen sowie im Masterstudiengang „Kuratieren und Kritik“ kann der Grad Magister Artium erworben werden.

Doch zurück zur HfG: Angesichts der genannten Grössenordnung kann der Rundgang an den beiden offenen Samstag- und Sonntagnachmittagen kaum bewältigt werden, und unser Zeitbudget war ohnehin auf den Samstag begrenzt: auf die Ausstellungsorte Kappus-Seifenfabrik und das sogenannte Banksy. Nebenbei bemerkt: Wer sich als Nicht-Offenbacher auf das HfG-Faltblatt verlassen hatte, der war in der Tat verlassen. „Kappus“ wurde darin weit entfernt fast schon im Offenbacher Nirwana verortet anstatt in der Ludwigstrasse, wohin die Planzeichner wiederum das „Banksy“ verlegt hatten anstatt in die Kaiserstrasse – nun ja, shit happens.

Wir können uns hier nun lediglich auf einen „Bilderbogen“ mit einigen subjektiv herausgegriffenen Arbeiten beschränken, und zwar im ersten Teil auf den Fachbereich Kunst und darin wiederum auf das Lehrgebiet „Experimentelle Raumkonzepte“ der Fachrichtung „Kunst“ (im genannten Fachbereich Kunst, so heisst das nun mal an der HfG, die hierarchische Terminologie erscheint etwas kompliziert) von Professor Heiner Blum. Präsentationsort waren hier nicht mehr genutzte Räume der Kappus-Seifenfabrik in der Ludwigstrasse. Die Beschilderung der Arbeiten war sehr übersichtlich, aber technische Angaben zu den Werken fehlten.

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Lukas Sünder, Krabbeldecken

Nicht untypisch für den 1989 in Hanau geborenen HfG-Studenten und Cusanuswerk-Stipendiaten Lukas Sünder: Blüten und Blätter, Schmusekätzchen, Teddybären, Schmetterlinge und allerlei andere Sympathieträger aus Flora und Fauna, auf – na eben – Krabbeldecken. Auch ein experimentelles Raumkonzept – die Idylle erscheint jedoch trügerisch.

Nachfolgend eine sehr schöne – nach „klassischen“ Kriterien ausbalancierte und durchkomponierte – Arbeit von Niklas Pagen:

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↑ Niklas Pagen, Ohne Titel, 2016
↓ Julian Heuser, Im Fleischerfachgeschäft Zur Wurst

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Fast könnte man Vegetarier werden … Julian Heusers auf andere Weise ebenso durchkomponierte Arbeiten lassen den Bachelor-Architekten und Schreiner in der Werkstatt von Städelschul-Professor Tobias Rehberger erkennen.

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↑↓ Julie Gaston, Sorgen

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Julie Gaston, bereits durch wundervoll poetische Arbeiten aufgefallen, sitzt in ihrer performativen Installation zentimetertief und pitschnass im Wasser, das unaufhörlich von einer komplexen ringförmigen Apparatur mit Hunderten von Gläsern an der Decke tropft, sie schöpft es mit einem Putzuch und ihren blossen Händen unaufhörlich in einen Eimer, trägt ihn hinaus und schüttet ihn im WC aus, doch alles ist vergebens – längst ist wieder genauso viel Wasser nachgelaufen. Tief in ihr Sisyphuswerk versunken, weicht sie jedwedem Blickkontakt mit ihren Betrachtern aus. Wir haben ihr lange zugesehen …

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Ina Trenk, Eine Fläche

Ina Trenk gefiel uns mit ihren kolorierten zwei- und dreidimensionalen Körperstudien. Isabell Hofmann lädt mit einem kleinen, verspielt-feminin anmutenden Arrangement mit einem exquisiten Damenschühchen in der Mitte zum Betreten eines Raums ein, den sie dick mit einer kneteartigen Masse belegt hat. Es wabbelt unter den Füssen, wenn man darauf läuft. Wer mit Stöckelabsätzen naht, dürfte ein Problem bekommen.

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Isabell Hofmann, Ohne Titel

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↑↓ Max Brück, Lückweg 19

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Max Brück, 1991 geboren, benennt seine Arbeit nach der Adresse „Lückweg 19“, wo ausweislich des aushängenden Briefkopfes „Fam. Horst und Edda Brück“ anzutreffen waren, als Absender zeichnete Arnold Brück, Bau- und Möbelschreinerei. Aus solch einer Werkstatt scheinen die beiden mit einem dicken Schlauch miteinander verbundenen Maschinen der Marke Scheppach zu stammen, eine Hobelmaschine und eine Absauganlage, leider waren sie in der Ausstellung nur zu beschränkten Zeiten in Betrieb. Bekannt wurde Max Brück bereits unter anderem durch seinen Workshop Waffenbauen aus alten Holzlatten und allerlei Krimskrams beim HfG-Rundgang 2014 und jüngst in der Ausstellung beim diesjährigen Festival der jungen Talente Ende April/Anfang Mai im Frankfurter Kunstverein.

Clara Sipf wiederum verhängt den Eingang zu einem kleinen Raum mit einem dichten schwarzen Vorhang, „Eintreten erst nach Aufforderung“ steht zu lesen. Wir lugten hinein und sahen ein helles Kabinett mit zwei Stühlen, die Künstlerin trafen wir leider nicht an. Beim „Gara de Nord“ handelt es sich übrigens um den Hauptbahnhof von Bukarest.

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↑↓ Clara Sipf, Gara de Nord

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Moritz Lapke, local area network

Interessant in einem Saal mit allerlei kinetischen Objekten ein Werk von Moritz Lapke, man blickt von beiden Enden in eine viereckige Röhre und gewahrt am Ende eines optischen Korridors sich verändernde Lichterscheinungen.

Eine Mixed-Media-Arbeit von Leopold de Champris veränderte sich mit dem Lichteinfall je nach dem Standpunkt des Betrachters.

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Leopold de Champris, Cicadia

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Theresa Ernst vor ihren Arbeiten (Ausschnitte) Lastkraftwagen und Rahmen

Abschliessend eine Werkreihe der 1992 geborenen Studentin Theresa Ernst, betitelt mit „Lastkraftwagen und Rahmen“. Unschwer können Vorder- und vor allem Rückfronten von LKW assoziiert werden, raffiniert wie praxisgeeignet ist die Methode, mittels Aluminiumflächen, markanter Farbgebung und aus geometrischen Formen entwickelter Rahmen eindrucksvolle Bildtafeln zu komponieren. „Der offene Rahmen“, schreibt die Künstlerin, „der in unterschiedliche Szenarien gesetzt werden kann, fungiert als Bühne“.

Zusammen mit Kindern der Umgebung malte Theresa Ernst übrigens zur Fussballweltmeisterschaft 2014 eine über 100 Meter lange Sichtschutzwand, die das Trainingsgelände der deutschen Nationalmannschaft im brasilianischen Santo André vor neugierigen Blicken der Konkurrenz abschirmte.

Abgebildete Werke © jeweilige Künstlerinnen und Künstler; Fotos: FeuilletonFrankfurt

→ Rundgang 2016 der Hochschule für Gestaltung Offenbach HfG (2)

 

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