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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Archiv für April, 2016

Das Kunstwerk der Woche (17)

2016, April 30.


Die Arbeit einer Künstlerin oder eines Künstlers
aus den Atelierhäusern in Frankfurt am Main

Sascha Boldt, AtelierFrankfurt

Sascha Boldt- Reality Check 2-500

Reality Check 2 (higher and higher), 2015, Mixed Media auf Leinwand, 115 x 85 cm; Foto: Sascha Boldt

Es ist gewiss kein „Wimmelbild“, dieses pop-artige, für seinen schier unglaublichen und unerschöpflichen Detailreichtum auffallende Werk, und bei aller sorgfältig inszenierter „Unordnung“ ist es von kompositorischer Stringenz. Der vielfach mit Preisen und Stipendien ausgezeichnete Absolvent der Kunstakademie Düsseldorf mit „Akademiebrief mit Ehrentitel“ versetzt mit seinem Bild aus der 2014 begonnenen Reihe „Hybrid Constructions“ – Arbeiten in Mischtechnik auf Leinwand – den Betrachter in ein fantasievolles Panoptikum von Gegenständen aus einer globalisierten Welt, deren Uhren, wie man sieht, zugleich die zweite, dritte und neunte Stunde anzeigen. Da fehlen weder Ernõ Rubiks Zauberwürfel noch ein reich „gepatchworktes“ marokkanisches Ledersitzkissen. Nicht ohne eine Portion feinen Humors geschieht dies alles – der Schlauch der Fussluftpumpe scheint das dicke Tau aufzublasen, das sich nach Art eines indischen Fakir-Seiltricks in die Höhe windet und das – hol ’s der Teufel – auch noch einen erleuchteten Lampenschirm trägt. Und auch Tiere fehlen bei Sascha Boldt selbstverständlich nicht! Da schaut ein klitzekleines Hündchen dem etwas grösseren zu, dem der Luftstrom eines Haarföns – sogar die Marke, ein „Dry Care“ aus dem Hause Trisa electronics kann man erkennen – arg kräftig um das Näschen weht!

Sehr vieles nun gäbe es noch zu sehen, zu erzählen, Geschichten zu lesen und andere zu spinnen – von der seilspringenden jungen Frau und der bei Betreten mit Sicherheit knarrenden hölzernen Treppe, eine jede Stufe mit allerlei Sächelchen belegt, war ja noch gar nicht die Rede – aber das soll dem Betrachter überlassen bleiben, denn Sascha Boldt möchte uns etwas zu dem sehr aufwändigen Herstellungsprozess seiner zwei- und dreidimensionalen Collagen erzählen:

„Ausgangspunkt der dargestellten Motive sind archivierte Bildquellen aus den verschiedensten Medien und Genres, die hauptsächlich aus dem Internet, Bildbänden, Zeitschriften oder eigenen Fotografien zusammengetragen wurden. In einem mehrschichtigem Verfahren werden diese verschiedenen Quellen dann miteinander kombiniert und überarbeitet. Die Anhäufung der Motive ist hierbei ein stark ausgeprägtes Grundelement und zieht sich durch mein gesamtes Werk, weswegen ich diese Vorgehensweise auch ‚Akkumulatismus‘, ‚Akkumulationismus‘ oder ‚Accumulation Pop‘ (je nach Tageszeit) nenne. ‚Hybridismus‘ ist ein weiterer Begriff, der die Bildprinzipien treffend beschreibt. Die Hauptkomposition entwickelt sich aus der Gewichtung der einzelnen erzählerischen Elemente im Bildraum. Diese sollen dem Betrachter quasi wie Türen den Einstieg in Assoziationszusammenhänge bieten, durch die sich eine mögliche, aber nicht unbedingt festgeschriebene Geschichte erschliessen läßt. Versatzstückhaft kann den einzelnen Elementen inhaltlich gefolgt werden.

Als Schöpfer dieser Kompositionen habe ich eine für mich klare Bedeutungsebene der einzelnen Bildinhalte, die jedoch changiert und in der Schöpfungsphase zusätzlich mit einer gewissen Prise an Ungewissheit oder Irritation angereichert wird, damit das Bild weiterhin frisch, offen und interrogativ herausfordernd auf mich und die Betrachter wirkt.

Geprägt durch das Sampling und die Videoclipkultur von Musikfernsehsendern wie MTV in den 80er und 90er Jahren sind die Bilder wie angehäufte Stills einer vielfältigen Geschichte zu verstehen, in denen Raum und Zeit aufgelöst werden. Die dargestellten Inhalte stehen nicht zwangsläufig in einem direkten räumlichen oder inhaltlichen Zusammenhang miteinander, sondern treffen in einem Bildraum aufeinander, der eine eigene Entität bildet und der Entfaltung der beschriebenen Dynamik dienen soll. Dieser Bildraum wird auf verschiedenen Ebenen geöffnet und neu zusammengefügt. Die hybride Verschmelzung verschiedener künstlerischer Techniken verdichtet sich in diesen Werken zu einem Endergebnis, das in seiner finalen Erscheinungsform als Leinwand auf einem Keilrahmen erscheint. Die wesentlichen Motive werden zunächst im Computer arrangiert und vorbereitet. Ausgedruckt auf Papier überführe ich diese als Ausschnitte dann haptisch in den realen Raum, um sie daraufhin mit unterschiedlichen Überschneidungen, Lichteinfällen oder anderen Collageelementen oder Gegenständen zu arrangieren und schliesslich zu fotografieren. Diese Fotos werden dann wieder in den Computer übertragen. Hierbei ensteht eine irritierende Dopplung – eine Abbildung der Abbildung sozusagen mit eingearbeiteter radialer Unschärfe.

In einem nächsten Schritt kommt nun eine weitere Ebene durch das Malen mit dem Lichtstift auf der Bildschirmoberfläche hinzu, um die Verschachtelung erneut komplexer zu gestalten. Modular und spielerisch werden die vorherigen Schritte wiederholt und erneut eingeflochten, bis das Bild soweit vorbereitet ist, um es auf Leinwand in seinem endgültigen Format auszudrucken. Anschliessend wird es auf einem Keilrahmen aufgezogen und mit Accryl- oder Ölfarbe, weiteren Collageelementen oder mitunter realen Gegenständen überarbeitet und finalisiert.

Die Verknüpfung und Herausarbeitung der verschiedenen Realitätsebenen zwischen digital und analog als Grundprinzip meiner Kunst ist mir hierbei sehr wichtig, weil unsere Gegenwart zunehmend durch die Parallelexistenz dieses Wechselspieles geprägt wird und ich eine Spiegelung dieser Zusammenhänge gerade in der Kunst als zeitgemäss und wichtig empfinde. Der Titel der Werkserie ‚Hybrid Constructions‘ unterstreicht das Wechselspiel dieser verschiedenen Realitätsebenen als hybride Mischform der eingebrachten Techniken und formalen Zusammenhänge.“

→ Salon Hansa aus Berlin zu Gast im Kunstverein Familie Montez mit Benefizkonzert
→ Kunstmesse Frankfurt 2015 – nicht Top, nicht Flop

→ Das Kunstwerk der Woche (18)
→ Das Kunstwerk der Woche (1)

„Das schlaue Füchslein“ von Leoš Janácek an der Oper Frankfurt

2016, April 29.

Realität, Mystisches, Irreales, Träumerisches –
schnelle Momentaufnahmen.
Die Natur ein Kreislauf von Werden und Vergehen

Von Renate Feyerbacher
Fotos: Barbara Aumüller/Oper Frankfurt (3), Renate Feyerbacher (1)

Am 24. April 2016 hatte „Das schlaue Füchslein“ in Frankfurt Premiere. Nachdem die Oper des tschechischen Komponisten Leoš Janácek (1854-1928) nach der Uraufführung in Brünn 1924 dort nur noch zweimal gespielt wurde, dann in Mainz drei Jahre später, dann aber selten aufgeführt wurde, ist sie derzeit auf vielen Opernbühnen präsent. Ist es die Sehnsucht nach der Natur im Zeitalter von Beton und Stahl? Der neue Film „Wild“, eine Beziehungsgeschichte zwischen einer jungen Frau und einem Wolf, macht gerade Furore.

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Jenny Carlstedt (Fuchs) und Louise Alder (Füchsin Schlaukopf) sowie im Hintergrund die Statisterie der Oper Frankfurt; Foto © Barbara Aumüller

Was für ein Glück, wenn man eine Haushälterin hat, die in der tschechischen Tageszeitung begeistert eine Fortsetzungsgeschichte mit Zeichnungen vom Füchslein Schlaukopf und Fuchs Goldentupf liest und erkennt, dass das ein Opernsujet sein könnte. So geschehen im Hause Janácek 1920: „Der gnä‘ Herr weiß doch so gut, was sich die Tiere erzählen, er notiert sich doch immer die Vogelstimmen – das hier, mein Herr, würde eine Oper abgeben!“ Janácek nahm den Tipp an und liess sich von der Erzählung „Liška Bystrouška“, geschrieben von Rudolf Tesnohlídek, ebensfalls faszinieren. Die beiden Herren, der Komponist und der Erzähler, trafen sich zwei Jahre später, da hatte der Komponist aber bereits einiges komponiert. Das Libretto schrieb er auch selbst, dessen Handlung nicht stringent ist. Weiterlesen

Bruegel in Brügge und in Brüssel

2016, April 28.

Die kleine Eiszeit und das ganze flämische Hexenwerk: Ein Bericht 

von Petra Kammann

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Wie Adern durchziehen die Grachten das flämische geschichtsträchtige Brügge. Heute erscheint die mittelalterliche Stadt als Idylle. Renommierte Maler wie Jan van Eyck und Hans Memling ließen sich hier nieder und prägten im 15. Jahrhundert das Bild vom Goldenen Zeitalter; Foto: Petra Kammann

Mittelalterliche Gebäude säumen den Weg bei einem Spaziergang durch die von Kanälen durchzogene flämische Stadt Brügge, deren Stadtkern seit 2000 zum UNESCO Weltkulturerbe gehört mit seinen historischen Kirchen, der Burg, den Museen mit den sogenannten flämischen Primitiven, dem stattlichen Belfried und den romantischen Grachten, welche das Bild der Innenstadt prägen. Dennoch ging es nicht immer ganz so romantisch zu in den vergangenen Zeiten, die uns heute so nostalgisch stimmen. Auch in Brügge scheinen sich vor gut 450 Jahren schon Hexen, mysteriöse „böse“ Wesen getroffen zu haben, um gemeinsam mit dem Teufel den Sabbat zu feiern, zum Beispiel in der Nähe der Jerusalemskirche bei der Herberge „De Zwarte kat“ (Zur schwarzen Katze) … Weiterlesen

Museum Giersch zeigt „Horcher in die Zeit – Ludwig Meidner im Exil“

2016, April 26.

Ehrung des großen „bekannten Unbekannten“ in Frankfurt, Hofheim und Darmstadt
Mit seismographischem Gespür die Erschütterungen der Zeit früh erfasst

Von Hans-Bernd Heier

Ludwig Meidner (1884–1966) zählt zu den herausragenden deutschen Künstlern der Moderne. Sein Werk und seine Biographie stehen exemplarisch für die gesellschaftlichen Brüche, mit denen Künstlerinnen und Künstler im Deutschland der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts konfrontiert waren.

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Kuratorin Birgit Sander vor „Die Abgebrannten“; Foto: Hans-Bernd Heier; (re.) Ludwig Meidner, „Selbstbildnis“, 1943, Öl auf Pappe, 37,5 x 26 cm; Privatbesitz; Foto: Uwe Dettmar, Frankfurt

Aus Anlass des 50. Todesjahrs des vielseitigen Künstlers hat die Ludwig Meidner-Gesellschaft e.V. das Gemeinschaftsprojekt „Ludwig Meidner – Seismograph“ initiiert, das sich mit Ausstellungen und Veranstaltungen in der Rhein-Main-Region unterschiedlichen Aspekten im Schaffen des Malers, Dichters und Zeichners widmet. Beteiligt am Projekt sind das Museum Giersch der Goethe-Universität, das Kunst Archiv Darmstadt, das Stadtmuseum Hofheim, das Institut Mathildenhöhe, das Jüdische Museum Frankfurt sowie als Kooperationspartner die Galerie Netuschil in Darmstadt. Weiterlesen

Das Kunstwerk der Woche (16)

2016, April 24.


Die Arbeit einer Künstlerin oder eines Künstlers
aus den Atelierhäusern in Frankfurt am Main

Friederike Walter, AtelierFrankfurt

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Blaues Licht, 2014, Öl auf Leinwand, 60 x 60 cm; Bildnachweis: Friederike Walter

Was ist das für ein Bild – so fragen wir uns. Ist es figurativ, ist es abstrakt? Was dominiert: Ist es der Raum – der natur- wie auch geisteswissenschaftlich nur als Raum-Zeit-Kontinuum verstanden werden kann (und von Gravitation „gekrümmt“) – , ist es die Farbe Blau, ist es die malerische Gestaltung des stets mit Schatten verschwisterten Lichts? Transzendiert hier nicht Raum in Licht, Licht in alle Raum und Zeit überwindende Unendlichkeit – aber was ist Licht im Welle-Teilchen-Dualismus der Quantenphysik? Kommt diesem Bild – so betrachtet – nicht Philosophisches, Sakrales zu?

Blau: Konnotiert mit dem Blau des Himmels, dem Blau der Meere, der Blauen Blume der Romantik, dem „Yves Klein-Blau“, diese vielleicht zu Unrecht als nur „kühl“ missverstandene, wie wir aber meinen durchaus und vertraut auch als „warm“ empfindbare Farbe: Was bewirkt sie im Betrachter? Kunst – so unser Credo – soll nicht Fragen beantworten, sondern zu Fragen auf- und herausfordern!

Und wir fragen Friederike Walter, bei einer Künstlerin ihres Formats eigentlich recht unziemlich, warum sie dieses Bild gemalt habe. Ihre Antwort:

„Weshalb? Weil mich dieses Bild immer wieder selbst überrascht.

Schon von Weitem leuchtet es mir entgegen und vom Nahem zieht es mich weiter in ein tiefes Blau. Es zeigt keinen eindeutigen Raumausschnitt zur Orientierung. Das mag zunächst irritieren, eröffnet aber auch die Möglichkeit, das Bild aus anderen Blickwinkeln zu betrachten und so immer wieder neu zu erfahren. Als ich es malte, habe ich es, bevor ich ging, oft gedreht, um mich am nächsten Tag selbst zu überraschen.“

Am kommenden Donnerstag, 28. April 2016, eröffnet der für seine qualitätshaltigen Kunstausstellungen bekannte Deutsche Wetterdienst in Offenbach eine Werkschau mit Arbeiten von Friederike Walter.

→ Raum und Licht – Malerei von Friederike Walter in der Galerie Maurer
→ „kunstansichten“ 2013 in Offenbach

→ Das Kunstwerk der Woche (17)
→ Das Kunstwerk der Woche (1)

„AMSTERDAM NEAPELGELB“ – Andreas Exner in der Galerie Perpétuel

2016, April 23.

Ein weisser Damen-Faltenrock hängt an der Wand, der rückwärtige Reissverschluss geöffnet. Gelber Stoff tritt aus der Taillenöffnung hervor: Wird da ein Futterstoff nach aussen gekehrt? Aber da sind Nähte sichtbar, eher flüchtig und laienhaft ausgeführt, und Nähfäden hängen herunter. Wurde da also ein Stoff in den geöffneten Rock eingenäht? Ein genaueres Studium des Objekts an der Wand bestätigt Letzteres.

Der Betrachter hält inne, Gelb und Weiss, die Farben des Vatikans, kennen wir doch von Rom-Besuchen, sie sind auch die Farben der Katholischen Kirche. Vollends erstaunen lässt dann der Titel dieser textilen Skulptur oder Installation: „Gnadenrock“.

Dennoch oder gerade deshalb unsere Frage an den Künstler, ob denn der Damenrock nicht doch auch etwas mit Erotik zu tun habe. Andreas Exner, ein Meisterschüler von Jörg Immendorf, verneint sie, unserem Eindruck nach aber doch nicht mit solcher Stringenz, als dass sich unser Wissensdrang als gänzlich in die Irre gehend erwiesen hätte. Im Vordergrund geht es aber zunächst einmal um die Farben und die Materialität des Textils als solche.

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Gnadenrock, 2013 Weiterlesen

Frankfurter Musikpreis 2016 für Al Jarreau

2016, April 22.

Ein Vokalakrobat –
ein Sänger mit Tiefgang

Von Renate Feyerbacher

Seit 1982 verleiht die Stadt Frankfurt am Main, in diesem Jahr vertreten durch Stadtkämmerer Uwe Becker, zusammen mit der Stiftung „Frankfurter Musikpreis zur Internationalen Musikmesse Frankfurt“ und dem Bundesverband der Deutschen Musikinstrumentenhersteller den Preis, der mit 15.000 Euro dotiert ist und zu Beginn der Musikmesse im Rathaus Römer verliehen wird.

Der erste Preisträger war der Geiger Gidon Kremer, Mitglied des künstlerischen Beirats der Kronberg Academy. Es folgten unter anderem der Dirigent Georg Solti, einst Dirigent an der Oper Frankfurt, 2001 der Sänger Dietrich Fischer-Dieskau, Udo Lindenberg 2004, der Komponist Peter Eötvös 2007 und nun Al Jarreau, Jazz- Pop-, Soulsänger und Komponist – ein Weltstar. Er ist der 34. Preisträger.

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Stadtkämmerer Uwe Becker und Al Jarreau bei der Preisübergabe

Langsam, mit einer Gehhilfe schreitet der 76-jährige Künstler in den Kaisersaal. Das Gehen fällt ihm schwer und am Ende der Veranstaltung wird er im Rollstuhl hinausgefahren. Den zartgliedrigen Mann quälen Rücken- und Knieprobleme. Die halten ihn jedoch nicht ab, auf der Bühne zu stehen. Weiterlesen

Inge Hagner: „Erkenne Dich selbst“ in der Volksbank Dreieich, Neu-Isenburg

2016, April 20.

„Vorsicht Kunst!“

Von Esther Erfert
Kunsthistorikerin

In der Volksbank Dreieich in Neu-Isenburg läuft zur Zeit im Rahmen der Reihe „Vorsicht Kunst!“ die Ausstellung „Erkenne Dich selbst“ der Frankfurter Künstlerin Inge Hagner.

Inge Hagner, geboren 1936 in Frankfurt am Main, ist Bildhauerin und Goldschmiedin. Sie wurde bekannt durch ihre Plastiken, aber auch und vielleicht vor allem durch zahlreiche Kunstwerke im öffentlichen Raum, wie zum Beispiel die begehbare Brunnenanlage in der Frankfurter „Fressgass'“, die Rotlava-Wand im Bürgerhaus Sprendlingen, das Tor der Trauerhalle in Langen oder die Plastik „Die vier Fraktionen“ in Dietzenbach. Aber auch überregional gewann sie Wettbewerbe und arbeitete an verschiedenen Projekten, beispielsweise in Bonn, Bad Nauheim, Darmstadt, Butzbach etc. In der Ausstellung wird parallel zu den Plastiken eine kleine Dokumentation über Hagners Kunst im öffentlichen Raum präsentiert.

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(v.l.) Anima; Empathie; Mensch-Tier; Charly Parker

„Erkenne Dich selbst“, eine Inschrift am Apollontempel in Delphi, die für alle sichtbar war, die diese Stätte besuchten, gibt dieser Ausstellung den Titel. Die Selbsterkenntnis sollte im alten Griechenland als tägliche Übung die Basis für jedes sinnvolle Denken über Gott und die Welt sein. Sie beruht auf individuellen Erfahrungen und Erlebnissen, die den Menschen in seinem Denken und Handeln prägen und leiten. Sich selbst, aber auch die Welt, die Menschen um sich herum und Gott erkennen; seine Individualität wahrnehmen mit dem Blick auf andere, auf anderes, auf Fremdes. Aber immer auch mit dem Blick auf das eigene Innere. Selbsterkenntnis ist ein Persönlichkeit bildendes und Persönlichkeit erschaffendes Element. Somit ist sie kein Allgemeingut eines Volkes oder einer Gruppe, sondern eine individuelle Erfahrung. Erst, wenn ich mich selbst erkenne, werde ich fähig, selbst zu bestimmen, was ich denke, was ich will, und kann mir Ziele setzen. Weiterlesen

Holländische Impressionen (8)

2016, April 19.

Utrecht

Von Juliane Adameit

Um wieder auf die Hauptstrecke der Zug-Schnellverbindung zwischen Holland und Deutschland zu kommen, fährt man zurück in den Nordosten: hier erwartet den Reisenden dann Utrecht.

Utrecht hat eine lange Universitätstradition und heute rund 70.000 Studenten. Es ist die zweitgrößte Universität in Holland, die bereits Mitte des 17. Jahrhunderts gegründet wurde. Mitten im Zentrum liegt auch heute noch das Akademiegebäude.

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Universität

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In der Altstadt Weiterlesen

Verena Billinger & Sebastian Schulz: „Unlikely Creatures (1)“ im Künstlerhaus Mousonturm

2016, April 18.

Doch die Feen sterben nicht
Choreographen-Kollektiv Billinger & Schulz zeigt in Frankfurt den ersten Teil seiner Trilogie „Unlikely Creatures“

Dietmar Zimmermann
berichtet von der Uraufführung im Forum Freies Theater Düsseldorf

Am Anfang sieht es aus, als übten sie noch. Aber am Anfang aller Tage, als Gott Himmel und Erde schuf, übte er vermutlich auch noch. Dann erschuf er die merkwürdigsten Lebewesen – und am Ende warf er die Menschen aus dem Paradies. Auch die fünf Performer von Billinger & Schulz erschaffen nach und nach die seltsamsten Kreaturen. Aber am Ende landen sie im Paradies. An einem traumschönen Zauberort jedenfalls, im Lustgarten des William Shakespeare oder im Märchenwald unserer Kindheit. Eher linkische Tanzbewegungen stehen am Anfang der Performance. Am Anfang machen die Jungs und Mädels unbeholfene Tanzbewegungen, doch bald lassen sie die Erdenschwere hinter sich. Sie werden zu Feen und Monstern – und zu Automatenmenschen. Sie zitieren Elemente des Tanzes aus allen möglichen Epochen und spielen ausgiebig mit der erotischen Wirkung ihrer Kunst. Und bleiben doch: sie selbst, die Tänzer. Denn eines ihrer Anliegen ist es, mit ihren „Unlikely Creatures“ auch die Geschichte der Kunstgattung Tanz auf die Bühne zu bringen.

Am Anfang: sehen wir Trockenübungen. Ballettausbildung, 1. Lektion. Mal ohne Musik, mal mit. Dann Männer im Gleichschritt – immerhin ein Einstieg in das Wesen der Choreographie. Judith Wilhelm beginnt zu tanzen, zu ersten Beats, zu elektronischer Musik. Langsam tastet sich die Aufführung voran auf dem Weg zu zeitgenössischem Tanz. Mimik und Bewegungsablauf wirken feierlich ernst. Wieviel Ironie mag in diesen Bewegungen liegen, wieviel ernst gemeintes Pathos? Kurz scheint eine Buddha-Figur auf der Bühne zu sitzen; dann kostümiert sich Jungyun Bae als Manga-Mädchen. Noch ließe sich an normale Verkleidungen denken oder, wenn die Tänzer sich zu einem Akrobatik-Ensemble formieren, an einen Zirkus. Doch mit zunehmender Dauer des Abends werden die Figuren immer phantastischer, immer rätselhafter, immer weltabgewandter. Gleichzeitig wirken die Tänze immer professioneller. Es ist ja wahr: Tänzerinnen und Tänzer auf der Höhe ihres Könnens sind ja auch irgendwie „Unlikely Creatures“.

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Nicolas Niot und Judith Wilhelm in „Unlikely Creatures (1)“, Fotos Künstlerhaus Mousonturm © Florian Krauß Weiterlesen