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FeuilletonFrankfurt

Das Online-Magazin von Erhard Metz

Elisabeth-Norgall-Preis 2016 des International Women’s Club an Hanne Brenner

Hanne Brenner: Initiatorin des Vereins „Kleine Glücksritter“
Welch Glück, zu den Helfenden zu gehören

Von Renate Feyerbacher

Zum 39. Mal verlieh der International Women’s Club of Frankfurt (IWC) seinen Elisabeth-Norgall-Preis, dieses Mal wieder im Hotel Intercontinental. Nach der Begrüssung durch die Club-Präsidentin Elena Vonofakou sprach Friederike Schlegel, die Beauftragte der Stadt Frankfurt für die Belange von Menschen mit Behinderungen. Sie erzählte von ihrer Polioerkrankung in der Kindheit, vor allem aber von den Bemühungen der Stadt, sie baulich barrierefrei zu gestalten. Architekten seien ständige Gäste in ihrem Büro, und sie habe ein Mitspracherecht bei Bauten. Susanne Held, 1. Club-Vizepräsidentin und Leiterin des Norgall-Commitees, entwickelte ihre Laudatio aus den Worten „Freundschaft“ und „Glück“. Die Sängerin Hilda Lateo aus Malta begleitete die Feier mit flotten, gekonnt interpretierten Songs.

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Hanne Brenner, Trägerin des Elisabeth-Norgall-Preises 2016

Diesmal galt die Auszeichnung wieder einer deutschen Frau: Hannelore Brenner, bekannt als Hanne Brenner. Sie ist Spitzensportlerin, genauer gesagt eine Spitzenreiterin. Die 1963 in Lüneburg Geborene begann erst mit 12 Jahren das Reiten. Es war zu wenig Geld da, um den Sport zu finanzieren. So hat sie Pferde geputzt und sich mit den Tieren vertraut gemacht. Vor 30 Jahren erlitt sie einen schweren Reitunfall bei einer Vielseitigkeitsprüfung. Sie stürzte. Seitdem ist sie inkomplett querschnittsgelähmt, das heisst, ein Teil der Nerven im Rückenmark wurden zerstört, so dass es ihr noch möglich ist, an Stöcken zu gehen. Zur Preisverleihung hatte sie den Rollstuhl verlassen können und war mit Gehstöcken gekommen. Offen sprach sie über ihre körperlichen Probleme, die schwachen, ja fehlenden Muskeln, die Blasenschwäche, die eine Querschnittslähmung mit sich bringen.

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Hanne Brenner, Elena Vonofakou (IWC-Präsidentin), Susanne Held (1. Vizepräsidentin)

„Mit 23 Jahren einen solchen Unfall zu haben, das bringt einen aus dem Konzept“, sagt sie in ihrer Dankesrede. Die erste Zeit sei es sehr schwer gewesen. Aber es habe Freunde gegeben, die sie immer wieder aus ihrer Verzweiflung und Traurigkeit holten. Zuerst habe sie versucht, sich mit Tauchen beweglich zu halten, dann mit Radfahren. Zehn Jahre habe sie in einem gemischten Team den harten Sport des Rollstuhlbasketballs betrieben, die Mannschaft habe es bis in die 2. Bundesliga gebracht. Aber letztlich habe sie nicht ohne Pferde leben können.

Ihr Berufsziel Augenoptikerin gab Hanne Brenner auf und begann ein Studium der Betriebswirtschaftslehre in Heidelberg. Danach war sie 17 Jahre in verschiedenen Bereichen bei der Deutschen Telekom angestellt. Seit nun sieben Jahren ist ihr Arbeitgeber der grosse Sportmäzen Lotto Rheinland-Pfalz, der sie voll unterstützt.

1997 kaufte sie sich ihr erstes Pferd. Bereits ein Jahr später kam sie in den B-Kader der Dressurreiter mit Behinderung und nahm 1999 an den Weltmeisterschaften im dänischen Aarhus teil. Seitdem ist sie auf allen Championaten, gleich ob Paralympics, Weltmeisterschaften oder Europameisterschaften dabei. In diesem Jahr hofft sie auf die Teilnahme an den Olympischen Spielen in Rio. Sie ist 13fache Deutsche Meisterin und errang 39 Medaillen bei Europa- und Weltmeisterschaften – 27 davon mit ihrer 20 Jahre alten Hannoveraner-Stute „Women of the World“. Das sei kein Schreibfehler, sagt sie amüsiert in ihrer Dankesrede, die Züchterin habe dem Pferd diesen Namen gegeben und darauf bestanden, ihn beizubehalten. Mit „Women of the World“, die sie schliesslich kaufte, war sie 2007 in London und 2008 in Hongkong. Sie schwärmt auch von ihrem Traumpferd „Fabiola“, das sie jedoch aufgeben musste. Beachtlich ist die Liste ihrer Auszeichnungen.

Eine Zäsur in ihrem Leben war die Bekanntschaft mit Dorte Christensen Anfang 2008. Sie wurde ihre Trainerin, Beraterin, Vertraute und Partnerin. Für Hongkong hat sie sie fit gemacht. „Sie hat mich mit meinen Ängsten und zeitweisen Panikattacken ernst genommen und einen Weg gefunden, mir immer mehr Sicherheit zu geben. Vor allem das Selbstvertrauen, dass ich mit allen möglichen Situationen ‚von oben‘ selbst fertig werde. Und genau diese Entwicklung war für mich notwendig, damit ich in Hongkong in diesem riesigen, unbeschreiblichen Stadion nicht vor Ehrfurcht (und auch ein bisschen Angst) erstarre,“ schreibt Hanne Brenner in ihrem Blog. Zwei Mal Gold und Teamsilber holte sie bei den Paralympics 2008 in Hongkong.

Hanne Brenners Lachen ist herzlich, offen, es zeigt ihr Innerstes. „Behindert ist nur der, der sich selbst behindert“ – das ist ihr Lebensmotto. 2012 kam die Begegnung mit Ayleen. Die Mutter des 12jährigen krebskranken Mädchens hatte sich an Hanne Brenner gewandt, weil das Kind reiten wollte. Es ist Hanne Brenner heute noch anzumerken, wie diese „tiefgreifende“ Begegnung sie beeindruckte. Ayleen ist Monate später gestorben. Noch zuletzt liess sie sich liegend zum Pferd bringen. „Die Begegnung mit dem krebskranken Mädchen hat mir klargemacht, was für eine Bedeutung Pferde für die Kinder haben können.“ Diese Kinder vergessen beim Reiten Klinik und Krankheit für eine Weile.

Es war der Beginn ihrer Initiative „Kleine Glücksritter“. 2013 wurde der Verein trotz skeptischer Einwände von Ärzten gegründet. Kindern und Heranwachsenden mit schwerer oder chronischer Krankheit sowie deren Geschwisterkindern, die oft im Abseits stehen, wird eine Abwechslung vom belastenden Alltag geboten: unkompliziert schöne Momente mit Pferden zu verbringen.

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„Kleine Glücksritter“: (v.l.) Martina Bartzsch-Latscha (Schriftführerin), Hanne Brenner (Vorsitzende), Stephan Schneider (Schatzmeister) und Ulrike Martin (Geschäftsführerin)

Hanne Brenner erzählt von dem vierjährigen Jungen, der unter Mukoviszidose leidet, einer angeborenen Stoffwechselerkrankung mit schweren Atemproblemen und Verdauungsstörungen, und der mit einem Darmverschluss geboren wurde, sowie seinem kleinen Bruder. Es geht ihr nicht um Therapie, sondern um die Begegnung zwischen Kind und Tier. Der Verein sucht „verantwortungsvolle“, von der Ausbildung her geeignete Pferde und bringt deren Besitzer mit den entsprechenden Familien zusammen, nachdem Stall, Pferd und betreuende Personen geprüft wurden, ob sie den Anforderungen genügen. 130 Pferde stehen auf diese Weise „im Dienst“ des Vereins, derzeit sind 50 Kinder beteiligt und insgesamt wurden 110 Kinder vermittelt. Der Verein finanziert eine Aufwandsentschädigung für die Pferdehalter und unterstützt die Familien bei den jeweiligen An- und Abfahrten mit einer Fahrtkostenpauschale bis 25 Kilometer. Auch versicherungstechnische Belange wurden geklärt. Noch ist der Ausgangpunkt der Initiative die Rhein-Neckar-Region. Geplant ist jedoch langfristig, ganz Deutschland zu „erobern“. Das bedeutet intensive Suche nach Pferdebesitzern, die ein Herz, Geduld und Verständnis für solche Kinder und Heranwachsende haben.

Teilweise Querschnittsgelämt , 2008 - 2 Goldmedaillen in Peking bei den Paralympics. Mit Ihrem Pferd "women of the Wordl" links

Hanne Brenner mit dem Pferd „Women of the World“; Foto © Gaby Gerster

Das Preisgeld von 6.000 Euro kommt Hanne Brenner dafür gerade recht. Natürlich sind aber auch Spenden an den Verein jederzeit willkommen.

Fotos, soweit nicht anders angegeben: Renate Feyerbacher

→ Norgall-Preis 2015 des Frankfurter IWC an Jasmina Prpic
→ Elisabeth Norgall-Preis 2014 für Ursula Biermann
→ Elisabeth-Norgall-Preis 2013 des International Women’s Club an Cornelia Fischer
→ Vilborg Ìsleifsdóttir-Bickel erhält Elisabeth-Norgall-Preis


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