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FeuilletonFrankfurt

Das Online-Magazin von Erhard Metz

Susanne Ludwig und Marina Falco in der Frankfurter Westend Galerie

„Orte und Wege“ / „Luoghi e sentieri“

Susanne Ludwig reiste aus Berlin, Marina Falco aus Mailand zur Ausstellungseröffnung an. Beide Künstlerinnen trafen sich in der Frankfurter Arndstrasse zum ersten Mal zu einem Dialog ihrer Werke, wie Barbara Thurau von der Westend Galerie anmerkte: einem Dialog zwischen einer deutschen und einer italienischen Künstlerin, deren Arbeiten bei aller Unterschiedlichkeit doch einige Gemeinsamkeiten aufweisen.

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Vernissage: (v.l.) Susanne Ludwig, Marina Falco, Caroline Lüderssen (Mitglied des Vorstands der Deutsch-Italienischen Vereinigung), Barbara Thurau (Frankfurter Westend Galerie), Salvatore A. Sanna (Leiter der Galerie)

Die laufende Ausstellung bildet im Jubiläumsjahr der Deutsch-Italienischen Vereinigung und der in derem Hause residierenden Frankfurter Westend Galerie – beide Kulturinstitutionen wurden 1966 gegründet und feiern gemeinsam ihr 50jähriges Bestehen – die Auftaktveranstaltung zu einer Ausstellungsreihe, die, wie das Jubiläumsjahr insgesamt, unter dem Motto „Begegnungen – Incontri“ steht. Begründet von der verstorbenen Trudi Müller und von Salvatore A. Sanna, Vorstandsvorsitzender der Deutsch-Italienischen Vereinigung und der Frankfurter Stiftung für Deutsch-Italienische Studien, bietet die Galerie der italienischen Kunst sowie deutscher Kunst mit einem Bezug zu Italien ein einzigartiges Forum in Frankfurt.

Den beiden Künstlerinnen Susanne Ludwig und Marina Falco – letzterer begegneten wir bereits im Herbst 2014 in der Ausstellung „Michelangelo heute – Michelangelo oggi“ – geht es um Wege und Reisen: zu Orten der Sehnsucht, der Erinnerung, aber auch des Schmerzes.

Orte der Sehnsucht finden wir zunächst bei Marina Falco: Ihre grossen Leinwände aus dem Zyklus „Nemora“ (Wald, Hain) führen uns an geheimnisvolle, mystische Orte, in die Märchenwälder der Kindheit.

„Wir sehen“, sagt Barbara Thurau in ihrer Eröffnungsansprache, „Wege, Lichtungen und spüren die Aura eines magischen Ortes. Vielleicht fühlen wir diese Nähe und Intensität auch, weil Marina Falco die Bilder, wie sie uns erzählte, grösstenteils mit den Fingern malt. Diese Waldwege und Lichtungen sind eine Weiterentwicklung früherer Arbeiten zu jetzt eher abstrakt wirkenden Bildern, in denen man dennoch vegetative Formen erkennen kann. Bereits die kleinen quadratischen Bilder markieren dabei einen Wendepunkt: Im Gestrüpp ist eine Lichtquelle, eine Lichtung auszumachen. An diesem Thema des Lichts arbeitet die Malerin weiter.“

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Marina Falco, Il sentiero nel bosco, 2015. aus der Serie „Telarazzo“, Öl auf Leinwand, 160 x 215 cm, © Marina Falco

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Marina Falco, (v.l.) Radura, Albero, Radura, jeweils 2015, Öl auf Leinwand, 20 x 20 cm, © Marina Falco

„Der Wald“, wir zitieren Barbara Thurau, „ist ein ursprüngliches Thema und ein beliebtes Motiv in verschiedenen Epochen der Kunst- und Literaturgeschichte. Er ist Schauplatz von Mythen verschiedenster Kulturen sowie von Volkssagen und -märchen. Er ist weiter symbolische Landschaft, Allegorie des Lebens, ein magischer, heiliger Ort. Dabei kann er ein Schutzraum sein – das Licht, das durch die Zweige strahlt, verheißt einen sicheren Ort – , aber ebenso auch ein Symbol der Ängste, des Unterbewussten, der wilden Natur.

In der deutschen Romantik erfuhr der Wald als Sinnbild der malerischen Natur in diesem Sinne große Verehrung. Das Eintauchen in die Natur, die unmittelbare Erfahrung mit der Natur assoziieren wir daher eher mit der deutschen als mit der italienischen Kultur. Auch für die zeitgenössische italienische Kunst ist der Wald eher untypisch.

In Italien ist die Idee des Waldes vielmehr geprägt von Dantes „selva oscura“ in der Divina Commedia. So verhält es sich es auch bei Marina Falco. Sie kam zum Wald über eine eher symbolische Ebene – der Wald als Innere Welt, als Symbol des Lebens.

Ihre großen Arbeiten nennt die Künstlerin ‚Telarazzo‘ – in Anlehnung an die großen Arazzi / Bildteppiche des Mittelalters und der Renaissance. Ihre Größe verstärkt noch die magische Wirkung dieser Orte. Es handelt sich um Leinwände, die sie bewusst nicht auf Keilrahmen aufzieht, sondern mit einem Saum versieht. Wie die alten Bildteppiche haben sie den Vorteil, dass man sie einfach aufrollen, transportieren und an anderer Stelle wieder aufhängen kann. Das hat sie im Mittelalter vor Raubzügen und Bränden geschützt. In der heutigen Zeit, die von beruflich bedingter Mobilität gekennzeichnet ist, scheint dies wieder an Aktualität zu gewinnen“.

Mythen, Archetypen und Fragmente sind also die Themen der Malerei von Marina Falco. Die Künstlerin, 1967 in Neapel geboren, studierte an der Mailänder Accademia di Belle Arti di Brera, wo sie heute auch unterrichtet. Sie lebt und arbeitet in Mailand.

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Marina Falco, Nemus, 2015, aus der Serie „Telarazzo“, Öl auf Leinwand, 160 x 125 cm, © Marina Falco

Susanne Ludwig, 1956 in Hanau geboren, studierte in Hamburg und Köln, war Meisterschülerin von Georg Baselitz und Assistentin bei Emilio Vedova an der Accademia di Belle Arti in Venedig. 1989 wurde sie mit dem Atelierstipendium der Karl-Hofer-Gesellschaft ausgezeichnet. Die Künstlerin ist zwischen Figuration und Abstraktion zu Hause, ihre Arbeiten haben oft einen besonderen Bezug zu Italien. So führte sie 2010 eine Serie von Venedigbilder auf Glas aus.

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Susanne Ludwig, Zugbild, 2008, Acryl auf Leinwand, 120 x 120 cm, © VG Bild-Kunst, Bonn

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Susanne Ludwig, Landschaft, 2008, Acryl auf Holz, 30 x 40 cm, © VG Bild-Kunst, Bonn

„Orte der Sehnsucht“, wir zitieren weiter Barbara Thurau, „sehen wir auch bei Susanne Ludwig, etwa die vorbeiziehende Landschaft, vom fahrenden Zug aus gesehen. Jeder kennt diesen Blick aus dem Zugfenster auf die aufregende, verheißungsvolle, fremde oder auf die vertraute Landschaft, wenn man in die Heimat zurückkommt. Die vielen Zugreisen in ihrem Leben brachten die Künstlerin auf die Idee, ‚Zugbilder‘ zu malen. Der Blick auf die Landschaft ist dabei ein ganz anderer als etwa der aus dem Auto, räumlicher. Die Landschaft zieht wie eine Kulisse vorbei. Wiesen, Felder und Bäume werden zu Streifen. Dieser Blick auf eine vorbeiziehende Landschaft kann als Metapher für das Reisen und für die Geschwindigkeit unserer Zeit gelesen werden.

In ihren ‚Deutschland-Bildern‘, zu denen die ‚Zugbilder‘, die Serie ‚Buchenwald‘ und auch die Arbeit ‚Gleis 17‘ gehören, reflektiert die Künstlerin das Thema der deutschen Romantik, den Wald also und die Natur, aber auch die deutsche Geschichte, den Holocaust und die deutsche Teilung. Sie zeigt uns auch Orte der Erinnerung und des Schmerzes und greift dabei über die Malerei hinaus: Sie verbindet Neues und Traditionelles, verknüpft die alten Techniken der Glasmalerei mit den Möglichkeiten von Siebdruck, Malerei und Computertechnik.

Es entstehen sogenannte Montagen aus verschiedenen Bildquellen und -elementen, die auch inhaltlich sehr vielschichtig sind. Etwa die Bilderreihe ‚Buchenwald‘. Sie spielt mit der sprachlichen Doppelbedeutung, meint sowohl den Wald aus Buchen als auch das Konzentrationslager ‚Buchenwald‘ bei Weimar. Die Interpretation kann offen bleiben, aber das Werk macht deutlich: Das ursprüngliche Wort Buchenwald ist nicht mehr zu trennen von seiner schrecklichen zweiten Bedeutung.

Mit dieser Montage stellt sie zugleich weitere Bezüge her: Sie macht darin auch eine Mauer sichtbar, mit kräftigem Rot deutlich markiert, einen Bruch. Sie thematisiert damit die deutsch-deutsche Grenze, macht eine Trennung sichtbar, die nicht mehr in der Landschaft präsent ist, aber noch spürbar. Der Wald, die Buchen sind nur distanziert von unten zu sehen“.

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Susanne Ludwig, Buchenwald 1, 2009, Inkjet auf Archival Mattepaper, 59 x 56 cm, © VG Bild-Kunst, Bonn

„In ‚Gleis 17‘ “ – wie zitieren Barbara Thurau weiter –  „montiert Susanne Ludwig in einem Leuchtkasten mehrere Schichten von farbigen Gläsern übereinander, die sie bedruckt. Das Foto, das die Grundlage bildet, ist eine Aufnahme des Mahnmals ‚Gleis 17‘ im Berliner Bahnhof Grunewald. Dort standen zwischen Oktober 1941 und März 1945 Menschen, um den Weg in die Konzentrationslager und damit in den Tod anzutreten. Über dieses Gleis wurde ein großer Teil der 50.000 Berliner Juden deportiert“.

Seit 2010 ein bedeutender Schwerpunkt im Werk von Susanne Ludwig ist die Malerei auf mundgeblasenen Antik- wie auch auf Industriegläsern. Das Medium Glas mit seiner Transparenz und Durchlässigkeit eröffnet neue Möglichkeiten: Korrespondenzen zum Tageslicht. Ein herausgehobenes Beispiel dafür, das auch wiederum landschaftliche Elemente enthält, ist das in der Ausstellung gezeigte Werk „Rosa-Grün“ aus dem Jahr 2012: Keramische Farbe wird mit Spachtel oder breitem Pinsel aufgetragen und in zahlreichen Brennvorgängen bei 600 Grad sozusagen mit dem Glas verschmolzen.

Susanne Ludwig und Marina Falco: „Orte und Wege/Luoghi e sentieri“, Frankfurter Westend Galerie, bis 1. April 2016

Fotos: FeuilletonFrankfurt

 

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