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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Vexierspiel, Perspektive und Spiegelung: „In it“ von Jana Euler im Frankfurter Portikus

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Zuerst bekommt der Besucher einen Schreck: steht er doch, wenn er die Ausstellungshalle des Portikus betreten will, unversehens vor einem Stahlgitter mit Maschendrahtgeflecht, belegt mit etwas die Sicht Versperrendem. Doch bereits am Eingang, wo ihm unübersehbar eine vierseitige, eng bedruckte, sogar mit einem Lageplan versehene Informationsschrift zum studieren und mitnehmen auffordert, fühlt er sich denn doch einigermassen fürsorglich betreut.

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In it, 2015, Stahl, PVC, Spiegelfolie, Lack, ca. 900 x 660 x 560 cm

Züngelt da eine riesenhafte Naja naja (dem gewöhnlichen Deutschen als Brillenschlange bekannt, im Hinduismus als heilig geachtet) in den Raum? Nun, als Assoziation stellt sich bei näherem Hinsehen alsbald eine Herzform ein, aber schon steht man wieder vor Zweideutigkeiten: Je nach dem Grad an Fantasie wie Unerschrockenheit des Betrachters kann dieser ein nicht gerade wohlgestaltetes Gesicht mit Augen, Nase und Mund oder auch unschwer ein Zwittriges erkennen aus weiblichen Brüsten, darunter einem männlichen und wieder darunter einem weiblichen Genital. Das stolze neun Meter an Länge messende Objekt lehnt sich, im Hallenraum gekrümmt, an die Empore an, die man durch zwei halbkreisförmige, nun wieder an Augen und Augenbrauen gemahnende Öffnungen erblicken kann nebst etwaigen Personen, die dort von der Höhe auf das Geschehen am Boden herabschauen.

Zur linken fällt ein Gemälde auf, eine „Porträt“-Ansicht des Portikus, die dem Mainufer zugekehrte Fassade jedoch seitenverkehrt mit der charakteristischen Aussentreppe, dem weissen Tank und dem Brückenzugang. Das Bild selbst wiederum hängt, sozusagen andersherum, also von dessen Rückseite her gesehen, an der Wand „richtig“.

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Innenperspektive mit gedachter Aussenperspektive, 2015, Öl auf Leinwand, 200 x 150 cm

Ein Röntgenblick durch die verkehrte Fassade zeigt das Innere der Ausstellungshalle mit einer nackten weiblichen Gestalt, die mit den Händen Brüste und Genital verdeckt, jene Körperlichkeiten also, die wir in voller Ungeniertheit auf dem grossen Herzen als Alternative entdeckt haben, womit wir wohl denjenigen recht geben müssen, die sich bei erstem Blick auf das Objekt bereits mit sich selbst auf diese Sichtweise verständigt hatten.

Aber auch diejenigen, die auf dem Herzen eher ein Gesicht erkennen wollen, das durch die Doppeltür auf der Westseite des Gebäudes über die baumbestandene Portikusinsel hinweg auf die Frankfurter Hochhaus-Slyline blickt, sollen darob nicht geschmäht werden.

Die Künstlerin, ursprünglich von der Malerei her kommend, verknüpft diese nun mehr und mehr mit skulpturalen Objekten zu vielerlei Deutungen zulassenden Grossinstallationen. Das Herz also, auf das wir blicken, scheint auch auf uns zu schauen. Jedoch: Vergeblich suchen wir in der Spiegelfolie unser eigenes Abbild, denn sie ist konkav gestaltet und spiegelt allein den Raum einschliesslich der Decke.

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Sunrise in Marseille (li.) und Sunset in Marseille (re.), 2015, jeweils Öl auf Leinwand, 150 x 200 cm

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Blick andersherum: durch das Halbrund einer der beiden „Augenöffnungen“ oder „Herzkammern“ zur auf die Portikusinsel führenden Doppeltür, im Hintergrund der reiche Baumbestand der Insel.

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In the perspective of the screwed, 2015, 200 x 200 cm

„Die Bilder der Ausstellung beschäftigen sich“, so Jana Euler, „mit der Möglichkeit des Perspektivwechsels und der Verbildlichung von möglichen und unmöglichen, konstruierten Perspektiven … So liegen sich die zwei Punkte, von dem aus das Bild ‚In the perspective of the screwed‘ gemalt oder betrachtet wird und der, von dem die Perspektive ausgerichtet ist, gegenüber, mit dem gemalten Bild dazwischen“.

Ein Vexierspiel mit Händen und Füssen, die wir bereits im Gemälde „Sunrise in Marseille“ entdeckt haben: Die Gestalt mit der Brunnenfratze blickt auf ihre Fusszehen, die von der Mitte aus nach links und rechts anatomisch korrekt immer kleiner werden; die Finger der wie zum Trichter seitlich nach vorn gehaltenen Hände hingegen vergrößern sich verzerrt aus der Perspektive von Gestalt wie Betrachter.

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The defence of the white space, 2015, Öl auf Leinwand, 220 x 220 cm

Auf der Empore eine letzte Leinwandarbeit: Blick auf den Mainuferweg unter dem Bogen der Alten Brücke, ein Mann im Business Look mit Mobiltelefon, den Vordergrund beherrscht einer der zahlreichen Ufer und Portikusinsel bevölkernden Schwäne.

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Auf der Empore, hier geblendet vom einfallenden Nachmittagslicht: Schwan, 2015, Öl auf Leinwand, 220 x 140 cm

Jana Euler, 1982 im hessischen Friedberg geboren, studierte an der Städelschule und an der Glasgow School of Art. Seit 2003 wurden ihre Arbeiten in zahlreichen Gruppen- und Einzelausstellungen präsentiert, letzteres unter anderem im New Yorker Whitney Museum of American Art. Die Künstlerin lebt und arbeitet in Brüssel.

„In it“ – eine Ausstellung, die man, falls man sie noch nicht gesehen haben sollte, unbedingt noch vor deren Schliessung am kommenden Sonntag aufsuchen sollte.

Jana Euler, „In it“, Portikus, nur noch bis 24. Januar 2016

Werke © Jana Euler; Fotos: FeuilletonFrankfurt

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