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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Archiv für Januar, 2016

Starke Stücke im Schauspiel Frankfurt (9)

2016, Januar 31.

Spielzeit 2015 / 2016 – eine Auswahl

Von Renate Feyerbacher
Fotos: Birgit Hupfeld / Schauspiel Frankfurt

Wer hat Angst vor Virginia Woolf? (Premiere 8. November 2015)
Der zerbrochene Krug (Premiere 2. Oktober 2015)
Terror (Uraufführung 3. Oktober 2015)
Penthesilea (Premiere 4. Dezember 2015)

Die Spielpläne am Schauspielhaus sind voll beklebt mit den Hinweisen „Ausverkauft“. Intendant Oliver Reese konnte in der Spielzeit 2014/2015 die Bilanz noch einmal deutlich steigern. 181.000 Zuschauer, 10.000 mehr als in der vergangenen Spielzeit, haben die Vorstellungen besucht. Die jährliche Auslastung lag bei 87,5 Prozent und die Einnahmen stiegen. Fast 7.000 Abonnenten hat das Schauspiel heute. Bedeutend ist der Zuspruch durch junge Menschen, Schüler und Studenten: 50.000 Karten wurden an sie verkauft.

„Das macht einen Intendanten ziemlich glücklich“, so Oliver Reese, der in der Spielzeit 2017/2018 das Schauspiel Frankfurt verlassen und als Intendant das Berliner Ensemble übernehmen wird. Sein Nachfolger in Frankfurt wird Anselm Weber, derzeit Intendant in Bochum. Seine Inszenierung der Oper „Die Passagierin“ 2015 in Frankfurt war grandios.

Für die Spielzeit 2015/2016 sind 27 Neuproduktionen, darunter 8 Uraufführungen, und 34 Wiederaufnahmen geplant.

Wer hat Angst vor Virginia Woolf?

Sie geben keine Ruhe. Seelengemetzel.
„Du wirst es noch bereuen, dass Du mich geheiratet hast!“

Als vor über 50 Jahren „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“ uraufgeführt wurde, da faszinierte das Stück. Und heute? Wie relevant ist die Lebenslüge von Marthas und Georges Sohn, den es nie gab? Sie steht im Mittelpunkt des Stückes. Letzte Sätze der feuchtfröhlichen Party, an der das junge Paar Nick und Honey (Putzi) teilnehmen, machen es noch einmal deutlich. George spricht von einem Telegramm, das es auch nicht gab, und das den Tod des Sohnes mitteilt. George: „Ich habe das Recht, ihn jederzeit zu töten.“ Martha:„Du musstest ihn nicht sterben lassen, George“. Nick zu George: „Konnten Sie … konnten Sie … keine [Kinder] haben?“ George: „Wir beide nicht.“ Dann endet es, als „das vierstimmige Requiem für den gestorbenen, niemals geborenen Sohn“, schreibt Literaturkritiker Ivan Nagel (Zitiert aus Spectaculum 7 – Moderne Theaterstücke, Suhrkamp Verlag 1964).

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WER HAT ANGST VOR VIRGINIA WOOLF?
Regie: Stephan Kimmig; Wolfgang Michael, Lukas Rüppel, Corinna Kirchhoff; Foto © Birgit Hupfeld Weiterlesen

In Arles leuchtet das Mittelalter – Erfolgreiche Restaurierung des Kreuzgangs von St. Trophime

2016, Januar 30.

Von Andreas Pesch

Arles, in der französischen Provence gelegene Partnerstadt des osthessischen Fulda, verfügt über ein reiches architektonisches Erbe aus Antike und Mittelalter. Der von der UNESCO als Weltkulturerbe eingestufte Kreuzgang der einstigen Kathedrale St. Trophime erstrahlt seit Sommer 2015 in neuem Glanz.

Das Mittelalter hat derzeit Konjunktur: Die Filmtrilogien „Der Herr der Ringe“ und „Der Hobbit“ von Peter Jackson nach Vorlagen des britischen Fantasy-Autors J.R.R. Tolkien oder die US-amerikanische Serie „Game of Thrones“ erfreuen sich großer Beliebtheit bei ihren Fans. Eine nicht zu unterschätzende Nebenrolle in diesen weitverzweigten Geschichten von Liebe, Heldentum und Verrat spielt das Setting: Die Helden durchwandern atemberaubende Naturlandschaften und ihre Wege kreuzen sich in Städten, Palästen und Burgen, die als grandiose Architekturensembles bildgewaltig in Szene gesetzt werden. Die mittelalterlich anmutenden Bauten in „Der Herr der Ringe“ entspringen meist der Phantasie von Setdesignern, die sich von einer romanischen oder gotischen Architektursprache inspirieren lassen. Viele vergleichbare Szenen in „Game of Thrones“ wurden an authentischen Orten gedreht, deren Prägung durch mittelalterliche Architektur wesentlich zur Atmosphäre der Serie beiträgt.

Die Mittelaltermode bietet einen willkommenen Anlass, um die Quellen der Inspiration einmal selbst aufzusuchen und die Werke mittelalterlicher Baumeister und Bildhauer räumlich auf sich wirken zu lassen. Einen hierfür gut geeigneter Ort stellt der Kreuzgang der Kathedrale St. Trophime im südfranzösischen Arles dar, der nach einer dreijährigen Restaurierung seit Juni 2015 wieder frei von Gerüsten und Absperrungen erlebt werden kann.

Auch wenn Arles vor allem aufgrund seiner antiken Bauwerke aus der Kaiserzeit berühmt ist, so birgt das einstige Verwaltungszentrum des Römischen Reiches auch ein reiches Kulturerbe aus späteren Epochen. Arles war auch ein wichtiges frühchristliches Zentrum: Schon im Jahr 250 nach Christus soll Trophimus zum ersten Bischof der Stadt geweiht worden sein. Im 4. Jahrhundert nach Christus verfügte Arles über einen Bischofssitz, dessen Gebäudekomplex im 5. Jahrhundert in die Nähe des römischen Forums, also ins Stadtzentrum, verlegt wurde. Die Kathedrale, zunächst dem heiligen Stephan gewidmet, wurde später Trophimus geweiht, dessen Gebeine 972 und nach einer Umbettung abermals 1152 hierhin überführt wurden. Arles konnte im Mittelalter als wichtiges geistliches und politisches Zentrum der Provence an seine glanzvolle römische Epoche anschließen: So wurde am 30. Juli 1178 Friedrich I., bekannt als Kaiser Friedrich Barbarossa, in der Kathedrale zum König von Burgund gekrönt.

Seit 1152 wurden die Kirche Saint-Trophime sowie die angeschlossenen Gebäude unter Nutzung von karolingischen Vorgängerbauten neu errichtet. Zum Neubauprojekt zählte auch der Kreuzgang, dessen nördliche und östliche Galerie noch im 12. Jahrhundert und somit im romanischen Stil fertiggestellt werden konnten. Die Romanik ist als Baustil durch die Wiederverwendung traditioneller Elemente der römischen Architektur gekennzeichnet, insbesondere durch Rundbögen, Säulen und Kapitelle sowie massive Mauerwerke. Auch wenn die Romanik zugleich eine Weiterentwicklung dieses architektonischen Erbes war, so lässt sich in Arles jedoch gut studieren, wie sehr die Romanik vom römischen Vorbild beeinflusst war. Antike Bauten waren auch im 12. Jahrhundert im Stadtbild von Arles noch präsent.

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Blick über den Kreuzgang auf den Turm der Kathedrale St. Trophime in Arles Weiterlesen

Das Kunstwerk der Woche (4)

2016, Januar 28.


Die Arbeit einer Künstlerin oder eines Künstlers
aus den Atelierhäusern in Frankfurt am Main

Tatiana Urban, AtelierFrankfurt

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Hinterhof, 2015, Öl auf Leinwand, 65 x 55 cm

„Leicht beieinander wohnen die Gedanken,
Doch hart im Raume stoßen sich die Sachen“ (Friedrich Schiller)

Der „Hinterhof“: kein freundliches, sondern ein hartes und schroffes, kritisches, verstörendes Bild. Aber gerade dies macht seine Expressivität und seine besondere Kraft und Stärke aus. Abrupt stösst den Betrachter die kahle weisse Wand eines kantigen Baukörpers vor den Kopf. Keine Fenster, keine Türen, vielleicht einer jener in den „Hinterhof“ der Städte, in die ländliche Fläche hinein wuchernden Industriebauten „auf dem Acker“, kunstlichtdurchflutete wie durchrationalisierte Produktionsstätten und Lagerhallen. Bald ein knappes Viertel der Bildfläche nimmt diese Wand ein.

Dann das nuancenreiche, lebensfrohe, doch arg bedrängte Grün, Bäume, Sträucher, Wiesen, Waldungen. Raum und Atemluft für Mensch und Tier. Wer würde das Grün, die freie Natur, den Umweltschutz nicht schätzen, all dieses als hehre Ziele nicht lobpreisen wollen – als Politiker, Stadt- und Landschaftsplaner, die solches wie eine Monstranz in Sonntagsreden vor sich her tragen. Doch Reden und Handeln klaffen auseinander. Das Bild spiegelt es wider: Eine schroffe Senkrechte zerreisst, eine Diagonale begrenzt das lebendige Grün. Übrig bleibt eine allenfalls grün angestriche Fassade eines noch mächtigeren Baukörpers.

Eine wie wir meinen durchaus auch politische Arbeit. Ihr Sujet ist von Aktualität und Brisanz allein schon in Frankfurt am Main: Die Stadtbevölkerung wächst kontinuierlich, der kommunale Raum sprengt seine Grenzen. Planungen für eine riesige Trabantenstadt im Nordosten Frankfurts,  auf einem „Pfingsberg“ genannten, weitläufigen, seit alters her auf bestem Boden landwirtschaftlich bestellten und darüber hinaus als Naherholungsgebiet geschätzten Gelände, scheinen – obschon kontrovers diskutiert – kaum mehr aufhaltbar.

Tatiana Urban über ihre Arbeit: „Das Bild ‚Hinterhof‘ ist Teil der Taming-Serie, in der ich mich mit der malerischen Darstellung einer auf kulturelle Bedürfnisse und Umstände zugeschnittenen, isolierten und verformten Natur befasse. Speziell in diesem Bild geht es um die alltägliche Erfahrung von Natur als Ausschnitt und in Fragmenten. Isolierte Pflanzen, grüner Anstrich, begrenzende Flächen und ein im Schatten liegendes Gebirge, welches das Versprechen von Weite und Freiheit nicht einlöst … Im Bild scheinen die Grenzen, die der Natur gesetzt sind, zu unseren eigenen zu werden.“

→ Vegetation und Artefakte: Tatiana Urban in der Galerie „Das Bilderhaus“

→ Das Kunstwerk der Woche (5)
→ Das Kunstwerk der Woche (1)

„Aus dem Neunzehnten – Von Schadow bis Schuch“ im Museum Wiesbaden

2016, Januar 27.

Kompakte Überblicksschau mit vielen Unbekannten
Landesmuseum lockt mit weiteren sehenswerten Sonderausstellungen

Von Hans-Bernd Heier

Das oft als das „lange Jahrhundert“ bezeichnete 19. Jahrhundert gilt als Ursprung der Moderne und damit als Epoche, die unser heutiges Sehen und Denken in vielerlei Hinsicht geprägt hat. In dieser Zeitspanne, die von der Französischen Revolution bis zum Ausbruch des 1. Weltkriegs reicht, erfolgten sowohl politisch als auch künstlerisch enorme Umwälzungen. Die Kunst spiegelt die gesellschaftlichen Verhältnisse und Umbrüche eindrucksvoll in einer wahren Bilderflut wider. Die stilistische Entwicklung erstreckt sich von der Romantik über das Biedermeier zu den Anfängen des Historismus, um dann ab den 1850er Jahren mit dem Realismus und dem Impressionismus die entscheidenden Weichen für die Moderne zu stellen. Es war wohl eine der fruchtbarsten Zeiten der Malerei.

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Otto Scholderer „Bildnis einer jungen Dame mit Sonnenschirm / Luise Scholderer“, 1870, Öl auf Leinwand, 41 x 31 cm; Museum Wiesbaden

Die Ausstellung „Aus dem Neunzehnten – Von Schadow bis Schuch“ im Hessischen Landesmuseum für Kunst und Natur in Wiesbaden führt die Besucher durch das „lange“ 19. Jahrhundert, das sich durch enorme künstlerische Produktivität auszeichnet. Exemplarisch werden in der dicht gehängten Schau die jeweiligen künstlerischen Positionen thematisiert. Gezeigt werden über 120 Werke, die teils zum eigenen Bestand des Hauses gehören, wie auch Leihgaben aus bedeutenden Privatsammlungen, die eine einzigartige Ergänzung darstellen. Die versammelten Gemälde bieten einen facettenreichen und lebendigen Einblick in das künstlerische Schaffen jener Zeit. Die beeindruckende, thematisch gegliederte Präsentation im Untergeschoss des Landesmuseums ist bis zum 22. Mai 2016 zu sehen. Weiterlesen

„Eat here“ von Heather Phillipson in der Schirn Kunsthalle Frankfurt

2016, Januar 24.

Eine heiter-surreale multimediale Installation

Von Petra Kammann

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Die Installation „Eat Here“ von Heather Phillipson in der Rotunde der Schirn Kunsthalle

In der Rotunde der Schirn schweben, befestigt an roten Gummischnüren, in luftiger Höhe rot aufgespannte Regenschirme neben schwarzumrändert gezeichneten Augen. Tennisschläger und -bälle, Wärmflaschen, Blitze und Spermien, mit roten Seilen verbundene zusammengeknotete Müllsäcke hängen wie ein Mobile von der Decke herab, während zweidimensionale, auf Holzplatten aufgetragene Walfische die Eingänge der Rotunde flankieren. Und auf dem Boden, der mit einem dicken roten Teppich bedeckt ist, dreht sich ein gigantischer Fuß aus grauem Styropor auf einer Scheibe. Er scheint dem linken Fuß der Kolossalstatue Kaiser Konstantins in den Kapitolinischen Museen entlehnt zu sein. Weiterlesen

Forscher-Drama und Spuk-Geschichte: Schmiedleitners „Faust“ am Düsseldorfer Schauspielhaus

2016, Januar 23.

Himmlisch: Das Düsseldorfer Mephisto-Quartett Karin Pfammatter, Jakob Schneider, Katrin Hauptmann und Thiemo Schwarz

Von Dietmar Zimmermann
Fotos: Sebastian Hoppe

Der Deutschen größtes Drama gehört zu den wenigen Theaterstücken, die man nicht häufig genug sehen kann. Jedem Regisseur fällt was anderes dazu ein – drogenverseuchtes Prekariat wie einst bei Thirza Bruncken (Dortmund 2006), singende und schlafende Riesen, Landstreicher und Chemie-Laboranten in Christoph Marthalers Wurzelfaust (Deutsches Schauspielhaus Hamburg 1993), postdramatische Dekonstruktion mit exaltierten Selbstdarstellern wie bei Nicolas Stemann (Salzburger Festspiele / Thalia Hamburg 2011). Faust ist das Shakespeare-Drama von Goethe: Wie bei dem alten Herrn aus Stratford-on-Avon geht alles auf, was man mit dem Stück anstellt. Vorausgesetzt man stellt etwas an – sonst kann es so langweilig werden wie die 19 Stunden bei Peter Stein. Unzählige Sichtweisen, unzählige Experimente sind möglich. Ein klassisches Stück, das zu den meistgespielten auf deutschen Bühnen gehört, wird entgegen der bei Gelegenheits-Theatergängern weit verbreiteten Auffassung durch Experimente nicht zerstört, sondern aufgewertet: Es zeigt sich dann, was alles in ihm steckt.

Beim Faust gibt es Schlüsselstellen, an denen sich entscheidet, ob eine Inszenierung im Gedächtnis bleibt oder nicht, und die Hinweise darauf geben, welche Philosophie der Regisseur dem Zuschauer vermitteln will. Erstens ist da, natürlich, die Frage nach dem „Gerichtet“ oder „Gerettet“. Erlöst der große Poker-Spieler, den die Christen als Gott verehren, das reuige Gretchen oder fährt das Mädel zur Hölle? Zweitens ist da die Verjüngungs-Szene – nie besser gesehen als einst am Deutschen Theater Berlin, wo Michael Thalheimer den hyperaktiven Ingo Hülsmann einen furiosen Galopp durch die Stile der Popmusik zurücklegen ließ, bis er bei den kreischenden Gitarrenriffs einer lebenshungrigen, nimmersatten, kiffenden Hardrock-Jugend anlangte. Drittens ist da die Interpretation des Gretchens – ist sie eher blonde blauäugige Germanen-Lolita oder aufmüpfige, selbstbewusste Freiheitskämpferin? Da ist vor allem Gretels „Neige, Du Schmerzensreiche“-Monolog: Nie ging er dem Rezensenten mehr unter die Haut als in Tom Kühnels / Robert Schusters ansonsten eher langweiliger Inszenierung am Schauspiel Frankfurt, als Ursina Lardi, barbusig, tief gefallen aus Liebe, wütend ihre Ansprüche bei der Heiligen Jungfrau anmeldete. „Jetzt bin ich mal dran“, schien die von Mutter aufs Nähen und vom Liebhaber aufs Konkubinen-Dasein reduzierte intelligente junge Frau zu schreien. Last, aber bei weitem not least ist da die Rolle des Mephisto: Mancher jeglichem Experiment abholder Kurz-vor-Hundertjährige hält heute noch Gustaf Gründgens (Hamburg 1957 / Düsseldorf 1960) für das Maß aller Dinge und will nicht begreifen, dass er längst schreiend weglaufen würde, müsste er heute noch einmal das Pathos der späten 1950er Jahre erdulden.

Düsseldorfer Schauspielhaus Spielzeit 2015 / 2016 Großes Haus Premiere: 19. Dezember 2015 FAUST I Eine Tragödie Von Johann Wolfgang von Goethe Faust: Stefan Hunstein Gretchen: Katharina Lütten Mephisto: Jakob Schneider Mephista / Marthe / u.a.: Karin Pfammatter Mephista / Hexe / Helena / u.a.: Katrin Hauptmann Mephisto / Valentin / u.a.: Thiemo Schwarz Wagner / u.a.: Konstantin Bühler Regie: Georg Schmiedleitner Bühne: Harald Thor Kostüme: Tina Kloempken Musik: Volker Zander v.l.n.r. Thiemo Schwarz, Konstantin Bühler, Stefan Hunstein, Karin Pfammatter, Katrin Hauptmann, Jakob Schneider

Faust und Wagner diskutieren, die Mephistos schauen zu:
(v.l.n.r.) Thiemo Schwarz, Konstantin Bühler, Stefan Hunstein, Karin Pfammatter, Katrin Hauptmann, Jakob Schneider; Foto © Sebastian Hoppe Weiterlesen

Das Kunstwerk der Woche (3)

2016, Januar 21.

 

Die Arbeit einer Künstlerin oder eines Künstlers
aus den Atelierhäusern in Frankfurt am Main

Anne Lina Billinger, Städtische Ateliers Paradiesgasse

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Faltenwurf III, 2014, Stoff, Epoxydharz, Beton, Stahl, 310 x 117 x 134 cm; © Werk und Fotografie Anne Lina Billinger

Ein „Faltenwurf“. Oft genug mag er so sein: das zufällige Ergebnis einer mehr oder weniger achtlos über Bett oder Sessel geworfenen Decke, ein flüchtig abgelegter weiter Mantel. Doch seit man von menschlicher künstlerischer Gestaltung sprechen kann, ist der „Faltenwurf“ auch Artefakt und Gegenstand der bildenden Kunst. Bereits die altgriechische, erst recht die hellenistische und die römische skulpturale Kunst widmeten dem Faltenwurf in grandiosen Statuen grosse Aufmerksamkeit, im Mittelalter und im Barock geriet er in Malerei und Plastik zum Ausdruck herrschaftlicher, weltlicher wie kirchlicher Pracht- und Machtentfaltung. Jan van Eycks Lucca-Madonna im Städel sei als ein bekanntes heimisches Beispiel genannt. Erschütternd wiederum Michael Triegels Gemälde „Am Grabe“ aus dem Jahr 2005: der Mensch ist aus dem üppigen Faltengewand entschwunden.

Ein komplexes Sujet also, dessen sich Anne Lina Billinger mit ihrem „Faltenwurf III“ annimmt. Längst hat sich der Faltenwurf von der Funktion eines den Menschen umhüllenden Gewands oder einer Draperie entfernt und sich als bildnerisches Motiv verselbständigt. Die Künstlerin gestaltet ein grosses, mit flüssigem Beton getränktes Tuch virtuos zu einer trotz ihrer Dimensionen fast filigran wirkenden Skulptur. Die vermeintliche Leichtigkeit, mit der das scheinbar an drei Fixpunkten aufgehängte Tuch in eleganten Faltenschwüngen über den kleinen Tisch hinweg auf den Boden gleitet, fasziniert.

Dass die Dinge nicht so einfach sind, wie sie mitunter den Anschein haben, erklärt uns Anne Lina Billinger, auf deren Person und Werk wir an anderer Stelle noch zurückkommen werden: „Während des Arbeitsprozesses musste ich das nasse Textil zum Trocknen in seiner Position fixieren und habe absolut unterschätzt, mit welchem Gewicht ich zu tun habe. Nun, nach der Trocknung und mit einer nur dünnen Schicht Beton ist die Arbeit leichter, als man auf den ersten Blick vermutet. Diese Irritation einer scheinbar materiellen Schwere und optisch fliessender Leichtigkeit greift das klassische Thema des Faltenwurfs wieder aus einer anderen Perspektive auf.“

→ Das Kunstwerk der Woche (4)
→ Das Kunstwerk der Woche (1)

 

Vexierspiel, Perspektive und Spiegelung: „In it“ von Jana Euler im Frankfurter Portikus

2016, Januar 19.

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Zuerst bekommt der Besucher einen Schreck: steht er doch, wenn er die Ausstellungshalle des Portikus betreten will, unversehens vor einem Stahlgitter mit Maschendrahtgeflecht, belegt mit etwas die Sicht Versperrendem. Doch bereits am Eingang, wo ihm unübersehbar eine vierseitige, eng bedruckte, sogar mit einem Lageplan versehene Informationsschrift zum studieren und mitnehmen auffordert, fühlt er sich denn doch einigermassen fürsorglich betreut.

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In it, 2015, Stahl, PVC, Spiegelfolie, Lack, ca. 900 x 660 x 560 cm

Züngelt da eine riesenhafte Naja naja (dem gewöhnlichen Deutschen als Brillenschlange bekannt, im Hinduismus als heilig geachtet) in den Raum? Weiterlesen

Literarischer Herbst 2015 – ein Rückblick

2016, Januar 17.

Literaturpreis „Stadtschreiber von Bergen“ an Ruth Schweikert
Robert Gernhardt-Preis an Gila Lustiger und Annika Scheffel
Klaus Modick erhält Rheingau Literatur-Preis

Von Renate Feyerbacher

Wechsel im Stadtschreiberhaus Bergen

Der literarische Herbst begann im ausklingenden August 2015: die scheidende Stadtschreiberin Dea Loher, mehrfach preisgekrönte Dramatikerin, übergab im Festzelt den Schlüssel des Stadtschreiberhauses von Bergen an die Schweizerin Ruth Schweikert. Zuvor hatten sich am Nachmittag beide zum traditionellen Kaffeeklatsch mit dem köstlichen Pflaumenkuchen am Stadtschreiberhaus eingefunden. Ruth Schweikert schraubte unter Aufsicht des 80jährigen Schweizer Schriftstellers Peter Bichsel, Stadtschreiber 1981/1982, Adrienne Schneider, Mitglied der Jury des Stadtschreiber-Preises, und Ortsvorsteherin Renate Müller-Friese ihr Schild ans Häuschen. Auch der Schweizer Schriftsteller Peter Weber, Stadtschreiber 2004/2005, hatte sich eingefunden. Nun sind es ihrer drei Schweizer auf der Stadtschreiber-Liste seit 1974.

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Ruth Schweikert, Peter Bichsel, Adrienne Schneider und Renate Müller-Friese

In ihrer Abschiedssrede berichtete Dea Loher, die deutsche Försterstochter, Schülerin von Heiner Müller, die nicht oft im Bergener Stastschreiberhaus gewesen war, von „Forschungsergebnissen“: vom Auffinden der Molly Schneider geborene Bowman. Zu Zeiten Virginia Woolfs soll diese England verlassen haben und nach Bergen gezogen sein. In ihrer Antrittsrede hatte Dea Loher die Bergen-Enkheimer zur Mitsuche aufgerufen. Eine kuriose Story. Weiterlesen

Der Lichtbringer. Deutscher Lichtkunstpreis für Mischa Kuball

2016, Januar 15.

Mischa Kuball, 1959 geboren, lebt und arbeitet in Düsseldorf. Nach seinem Studium der Fotographie beschäftigte er sich mit raumbezogenen Projekten wie zum Beispiel mit „NEW POTT. 100 Lichter / 100 Gesichter“. In diesem Projekt werden Menschen und ihre Familien aus aller Welt, die heute im Ruhrgebiet leben, zu aktiven Teilnehmern. Der Künstler schenkte ihnen eine Lampe, die ihren Privatraum erhellt und in eine Bühne verwandelt, eine Plattform, auf der sich der Künstler und die Menschen aus 100 unterschiedlichen Herkunftsländern begegnen. Sie erzählen ihm von ihrer Migrations- und Lebensgeschichte, von ihren Erfahrungen zwischen den Kulturen. Dabei dienen die hell leuchtenden Stehlampen als Lichtzeichen der Begegnung und des Austausches.
Es ist das Prinzip der Arbeit Kuballs, Räume und Orte neu auszuloten; er beschäftigt sich mit der Beschaffenheit des menschlichen Umraums, mit der Wahrnehmung und den Erfahrungen, die der Mensch in diesen Räumen macht.
Seine groß angelegten Licht-Installationen stellen gegebene Raumsituationen optisch und kinetisch in Frage, verschieben deren Grenzen und öffnen sie fernab von Zeit- und Raumgefügen in eine neue Dimension. Mit seinen Kunstwerken wurde Kuball international bekannt, nahm Lehraufträge und Professuren in unterschiedlichen Lehreinrichtungen an und wurde mit einer Vielzahl von Preisen geehrt.  Am 17. Januar 2016 erhält er den Deutschen Lichtkunstpreis, den zwei Jahre zuvor ZERO-Künstler Otto Piene bekommen hat.

Petra Kammann traf den Künstler zum Gespräch in Bad Homburg

Petra Kammann: Du bist ein Lichtkünstler, der auf Partizipatorisches setzt, und dann beschäftigst Du Dich plötzlich mit Himmelskörpern wie anlässlich der Ausstellung „Himmelwärts“ im Sinclair-Haus in Bad Homburg. Wie kam es denn dazu?

Mischa Kuball: Der Direktor und Kurator der Ausstellung „Himmelwärts“ in Bad Homburg, Johannes Janssen, hatte meine Arbeit „Space-Speech-Speed“ von 2001 im Lichtkunstmuseum Unna gesehen. (Anm. d. Red.: Diese Arbeit wurde an die dortigen Raumbesonderheiten eines ehemaligen Kühlkellers angepasst. Es handelt es sich um einen langgezogenen und hohen Raumkörper mit drei Discokugeln, auf welche die Worte „Space, Speech, Speed“ projiziert werden. Zwei der drei Kugeln sind in Bewegung und zerlegen die Worte in einzelne Buchstabenfragmente, in Lichtpunkte, die kaum greifbar und scheinbar chaotisch durch den Raum stürmen wie unmittelbar nach dem Urknall: Noch chaotisch, aber schon den Gesetzen eines neuen Aufbaus unterworfen, wobei sich neue Ordnungen erahnen lassen).
Janssen war also auf mich zugekommen und fragte mich, ob man dieses Objekt für die Ausstellung „Himmelwärts“ in Bad Homburg ausleihen könnte. Wir haben uns dann in Bad Homburg im Sinclair-Haus getroffen. Als ich erfuhr, für welchen Raum das sein sollte, sagte ich ihm, dass ich eigentlich viel lieber eine neue Arbeit speziell für diesen Raum entwickeln würde. So habe ich dann die „five planets“ vorgeschlagen. Das war für mich auch noch einmal der Versuch, mich mit dem Thema Licht und Spiegelung zu beschäftigen und der Frage nachzugehen, wie in unserem Wertesystem, in unserem Sprachsystem Sterne eigentlich vorkommen. Wir bezeichnen die Planeten, geben ihnen einen Namen, damit existieren sie für uns. Aber eigentlich haben wir in den meisten Fällen keine Beziehung zu ihnen. Eben kommentierte jemand meine Arbeit und sagte: „Die sind ja alle gleich groß. Aber die sind doch eigentlich alle unterschiedlich“. Und ich antwortete ihm: „Mein Beitrag ist ja keine planetarische Abbildung, sondern die Abbildung einer Vorstellungswelt, auch wenn der größte Teil für uns nicht sichtbar ist“.

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Der Lichtkünstler Mischa Kuball in der Ausstellung „Himmelwärts“ im Sinclair-Haus in Bad Homburg, Foto: Petra Kammann

Petra Kammann: Hast Du Dich eigentlich schon als Kind für den Weltraum interessiert? In Düsseldorf, woher Du kommst, gab es früher einmal ein Planetarium, in dem heute die Tonhalle untergebracht ist. Weiterlesen