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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

56. Biennale Arte Venedig 2015 (5)

Der deutsche Pavillon

Man wird sagen können, fast ein jeder der Kommissare/Kuratoren der Nachkriegs-Biennalen arbeitete sich an der vielgeschmähten, 1938 in der Zeit des Nationalsozialismus im Stil und Geist des „Dritten Reiches“ veränderten und verunstalteten Architektur des 1909, also zu Kaisers Zeiten (zunächst als „Bayerischer Pavillon“) im damals beliebten neoklassizistischen Stil errichteten deutschen Pavillons ab. So auch Florian Ebner, Kommissar/Kurator des diesjährigen deutschen Beitrags zur Weltkunstausstellung, im Hauptberuf Leiter der Fotografischen Sammlung im Essener Museum Folkwang.

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Der deutsche Pavillon in den Giardini Pubblici zur Biennale 2009

So wurden die Raumarchitektur wie der Grundriss des Gebäudes inwändig durch Ein- und Umbauten maximal konterkariert. Das Hauptportal wurde mit Platten „zugenagelt“, der Zugang erfolgt über eine Nebentür links in der Ecke, dort geht es eine enge, dunkle Stiege hinauf auf die eigens eingezogene Zwischendecke, dann wieder treppab hinab in tiefere Gefilde des Ausstellungsgeschehens. Auf das ebenfalls bespielte Dach kommt der normalsterbliche Besucher nicht hinauf, und da die Kunst dort oben im Freien unter den Bäumen sowieso kaum sichtbar ist, kommt er erst gar nicht auf die Idee.

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Hinauf, hinunter und wieder hinauf im deutschen Pavillon

„FABRIK“ steht an der Fassade neben dem zugesperrten Hauptportal, es ist zugleich der Name des deutschen Ausstellungsbeitrags – und eine Denk-, Erzähl- und Bilderfabrik ist es in der Tat, die Florian Ebner dem Publikum präsentiert. Sie zu errichten erforderte zweifellos eine gewaltige Menge an gedanklichem und materiellem Aufwand, wie auch dem Betrachter ein grosses (übergrosses?) Mass an Zeit und Zuwendung abverlangt wird, denn um dieses Kunst- wie Gedankengebäude auch nur annähernd zu erfassen, bedarf es zumindest eines halben oder dreiviertel Tages. Da hilft auch der – sogar in deutscher Sprache (sic!) erhältliche – reich mit Texten und Abbildungen ausgestattete Katalog nichts, den man ohnehin erst in mehreren Hotelzimmerabenden (wer aber verbringt schon einen venezianischen Abend im Hotelzimmer?) oder eben erst nach Rückkehr zuhause mit der geboten Gründlichkeit studieren kann.

Drei Künstlerinnen und Künstler sowie ein Künstlerpaar hat, wie berichtet, Florian Ebner zur „Bespielung“ des Pavillons berufen: die deutsche dokumentarische und experimentelle Filmemacherin Hito Steyerl, den Konzept- und Medienkünstler und Kunstprofessor Olaf Nicolai, den Berliner Fotografen und Filmemacher Tobias Zielony sowie das Duo Jasmina Metwaly/Philip Rizk aus Kairo. Sie präsentieren fotografische, filmische und vor allem konzeptuelle, kritischen Arbeiten zu den Krisen der Gegenwart, zu den Themen Flüchtlinge, Arbeitslosigkeit und Allmacht der Medien.

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Hito Steyerl, Factory of the Sun, 2015, MOV File/Ausstellungsansichten, Courtesy Hito Steyerl

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„Hito Steyerls Videoinstallation Factory of the Sun zeigt eine Welt in Aufruhr und eine Bilderwelt im Aufbruch. In ihr geht es um die Übersetzung realer politischer Figuren in virtuelle Figuren, um eine neuartige Erfahrung des Bildermachens und -erlebens zwischen dokumentarischer Haltung und völliger Virtualität. Das neue ‚digitale Licht“ ist das zentrale Medium des Transfers von den Resten des Realen in eine zirkulierende, digitale Bildkultur“ (Florian Ebner).

Hito Steyerl, 1966 in München geboren, lebt und arbeitet in Berlin. Seit 2011 ist sie Professorin für Experimentellen Film und Video (Neue Medien) an der dortigen Universität der Künste. Ihre Arbeit „Factory of the Sun“ setzt sich kritisch und in der Form von Computerspielen, Nachrichtensendungen oder Youtube-Filmen mit der digitalisierten Welt der Gegenwart auseinander. Der Künstlerin geht es darum, „die verbliebenen Handlungsspielräume der politischen Individuen und Subjekte auszuloten und zu verteidigen, angesichts der unentwirrbaren Verflechtungen von digitalen Informationsströmen, ökonomischen Interessen und sozialen und kulturellen Verwerfungen“ (Institut für Auslandsbeziehungen IfA).

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Tobias Zielony, The Citizen, 2015, Installationsansichten, Courtesy Tobias Zielony & KOW, Berlin

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„Tobias Zielonys dokumentarischer Essay besteht aus Fotografien, die er in Berlin und Hamburg von afrikanischen Refugees gemacht hat. Zum einen sind sie Elemente einer autonomen fotografischen Bilderzählung, zum anderen sind sie Gegenstand zahlreicher Artikel, die afrikanische Autoren in den Herkunftsländern der Protagonisten, im Sudan, in Kamerun und Nigeria, in Zeitungen veröffentlichten“ (Florian Ebner).

Tobias Zielony wurde 1973 in Wuppertal geboren. Der Meisterschüler des Fotografen Timm Rautert lebt und arbeitet in Berlin.

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Jasmina Metwaly/Philip Rizk, Draw It Like This, 2015, Ausstellungsansichten, Courtesy Jasmina Metwaly & Philip Rizk

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In dem Film des Künstlerduos Jasmina Metwaly/Philip Rizk „Out on the Street“ spielen Arbeiter und Arbeitslose auf der Dachterrasse eines Wohnblocks in Kairo die fiktive Privatisierung und Abwicklung einer Fabrik. In der begehbaren ortsspezifischen Installation „Draw It Like This“ sind die herausgerissenen und beschädigten Bodenfliesen dieses Dachs verlegt mit den Markierungen der imaginären Fabrik.

„Ein filmisch-experimentelles Kammerspiel ist die Videoinstallation von Jasmina Metwaly und Philip Rizk. Für ihr Filmprojekt Out on the Street hat das Künstlerpaar Kairoer Arbeiter und Arbeitslose in ein improvisiertes Studio auf dem Dach eines Wohnblocks eingeladen, um dort ihre eigene Geschichte von den Herrschaftsverhältnissen anhand einer privatisierten und abgewickelten Fabrik zu erzählen“ (Florian Ebner).

Jasmina Metwaly, geboren 1982 in Warschau, und Philip Rizk, 1982 in Limassol geboren, arbeiten seit 2010 regelmässig zusammen. Das Künstlerduo lebt und arbeitet in Kairo.

Von Olaf Nikolais Inszenierung auf dem Dach des Gebäudes bekommen die Zuschauer unten am Boden zumeist nichts zu sehen. Nur ab und an lassen sich dort oben drei künstlerische Protagonisten kurz sehen, die in einer Werkstatt Bumerangs herstellen, fliegen lassen und aus den Flugkurven Schlussfolgerungen für den weiteren Produktionsprozess ziehen. Wer Glück hat, kann so ein heruntergefallenes Wurfholz ergattern und mitnehmen. Andere Exemplare werden an fliegende Händler in Venedig gegeben, die sie an Touristen verkaufen. Es gehe um das Verhältnis von Sichtbarem und Unsichtbarem, von Dokumentation und Imagination, so der Künstler, und um die Sichtbarmachung der Schattenwirtschaft in der Stadt.

„Olaf Nicolai setzt das Dach als Schauplatz einer sieben Monate andauernden Aktion in Szene. Seine Protagonisten gehen dort einer rätselhaften Tätigkeit nach, einer Schattenökonomie unter gleißender Sonne. Die Choreografie seiner Figuren changiert zwischen funktionaler Handlung (der tatsächlichen Herstellung eines Objekts) und der ästhetischen Dimension dieses Tuns“ (Florian Ebner).

Olaf Nicolai, 1962 in Halle/Saale geboren, hat seit 2011 eine Professor für Bildhauerei und Grundlagen des dreidimensionalen Gestaltens an der Akademie der Bildenden Künste München inne; er lebt und arbeitet jedoch in Berlin.

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(v.l.) Olaf Nikolai, Hito Steyerl, Jasmina Metwaly, Philip Rizk, Florian Ebner und Tobias Zielony bei der Eröffnung der Ausstellung im deutschen Pavillon am 7. Mai 2015

Fotos: FeuilletonFrankfurt

→ 56. Biennale Arte Venedig 2015


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