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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

Marilena Faraci. Malerin

„Was kann, soll Malerei heute?“ fragte Niklas Maak unlängst in seinem Beitrag in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung zur Ausstellung „Daniel Richter“ in der Schirn Kunsthalle. Die Antwort kann nur lauten: Sie kann alles, sie darf alles und sie soll alles! Das immer mal wieder von Künstlern wie Kunsttheoretikern proklamierte „Ende der Malerei“: was ist aus ihm geworden? Nichts! Und was interessiert selbst ein ernsthaft interessiertes, „kunstaffines“, durchaus diskursbereites wie -fähiges, Qualität von Murks unterscheiden könnendes, Gemäldegalerien wie allfällig aktuelle Ausstellungen in Tempeln der „Hochkultur“ wie im sogenannten Off-space besuchendes, das eigene Haus und Heim mit Kunstwerken ausstattendes Publikum an dieser Theorie-Debatte? Seien wir ehrlich: nichts! Anderes gilt natürlich für jenes im Kunstbetrieb professionell forschende, lehrende und agierende vielleicht eine Prozent der Bevölkerung (vermutlich ist es aber nur ein Zehntelprozent).

Malerei lebt und existiert also, sich selbst in einem ständigen, mal kritisch-quälerischen, mal Glück verheissenden euphorischen Prozess organisierend und fortentwickelnd, wir begegnen ihr ständig hier im Rhein-Main-Gebiet und insbesondere den beiden von renommierten Kunsthochschulen geprägten Städten Frankfurt und Offenbach, in einer quicklebendigen Szene von Galerien und Ateliers, man muss sich nur umschauen bei den regelmässigen „Ateliertagen“ und „Kunstansichten“, in den örtlichen Kunstvereinen und den zahlreich in kleinerem Kreis der Atelierhäuser und -gemeinschaften von Studierenden wie auch Absolventen veranstalteten Ausstellungen. Wer dies tut, entdeckt oft Erstaunliches, entdeckt grossartige Malerei (heute bleiben wir bei dieser Gattung), ja grossartige Kunst – auch wenn diese derzeit oder später oder für alle Zeiten aus Gründen, die durchaus ernsthaft zu diskutieren und zu hinterfragen wären, kaum jemals den Weg in die kunstbetrieblichen Gralsritterburgen eines Städel oder MMK finden werden. Grund zu Verärgerung, Neid? Ja und nein: Ja, weil ein Museumsankauf ein Werk und dessen Schöpfer grundsätzlich adelt (und auch ein Stück Geld einbringt), nein, weil die meisten dieser Ankäufe ihr Dasein fortan in klimatisierten todtristen Depots fristen müssen.

Nun aber gilt es, von einer solchen Entdeckung zu berichten: von einer Malerei, einer Künstlerin, sie heisst Marilena Faraci, wohnhaft in Frankfurt mit Atelier in Offenbach. Es gibt einen wunderschönen, reich illustrierten Katalog über ihre Arbeiten, herausgegeben von HfG-Professor Georg-Christof Bertsch.

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↑ Ohne Titel, 2010, Öl auf Leinwand, 60 x 100 cm; Foto: Irina Balandina
↓ Ohne Titel, Öl auf Leinwand, 2013, 70 x 50 cm, Foto: Irina Balandina

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Manchmal erscheint es wichtig, bereits zu Beginn einer Besprechung einige biografische Anmerkungen voranzuschicken: Marilena Faraci wurde in Padua geboren, ihre „Wurzeln“ gründen aber in Sizilien, jener vom Ätna gekrönten, vom Tyrrhenischen und Ionischen Meer umspülten, in der Alt-Antike griechischen, dann zu Karthago gehörenden und mit dem Punischen Krieg Mitte des dritten vorchristlichen Jahrhunderts in das Römische Reich integrierten Insel. Allein schon der Ätna: Einst warf Zeus den gewaltigen Berg auf das scheussliche Ungeheuer Typhon, welches seitdem unter dem Vulkan begraben liegt und bis zum heutigen Tag Rauch, Feuer und Gestein speit. Wir werden vieles von dieser gewaltigen eruptiven Dynamik in den Arbeiten der Künstlerin wiederfinden; auch von den so überaus sinnlichen Farben der verwitterten Lava, des Sand- und Kalksteins, der Tonerden und Mergeln, von den steinigen Schluchten und felsigen Küsten, dem hier üppigen wie dort kargen Grün der Vegetation. Was eine Morgengabe für eine Künstlerin, für die Sizilien auch heute noch ein Stück „Heimat“ ist – und schon Johann Wolfgang Goethe schrieb in seiner „Italienischen Reise“: „Italien ohne Sizilien macht gar kein Bild in der Seele: hier ist erst der Schlüssel zu allem“!

Nun wäre es verfrüht und vielleicht sogar verfehlt, sich in den ohnehin auf unsicheren Boden gründenden Bereich der Interpretation zu begeben, denn vor dem Deuten und Rubrifizieren steht erst einmal das Schauen, das genaue Hinsehen und Beobachten. Entfernen wir uns dabei bitte von allem „Das sieht ja aus wie ein …“. Es wäre unschwer, den grösseren Teil der Arbeiten Marilena Faracis dem Informel zuzurechnen, jener in den 1940er Jahren in Paris entstandenen Malerei jenseits klassischer Form- und Konstruktionsprinzipien, die auch Lyrische Abstraktion genannt wird als Gegenpol zur geometrischen („kalten“) Abstraktion. Spontaneität, direkte Umsetzung von – durchaus spannungsgeladenen – Empfindungen im künstlerischen Prozess, auch Improvisation zählen zu ihren Merkmalen.

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↑ Ohne Titel, 2015, Öl auf Leinwand, 80 x 100 cm; Foto: FeuilletonFrankfurt
↓ Ohne Titel, 2014, Öl auf Leinwand, 60 x 60 cm; Foto: FeuilletonFrankfurt

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Doch zurück zum Hinschauen, zum Beobachten, zum „was sehen wir“: Farben, Linien.

Die Farben: sie wollen betrachtet sein, in ihrer Intensität, ihrer Sinnlichkeit, ihren Verläufen, Schattierungen, Wechseln; in ihrem sich voneinander Abgrenzen wie Ineinanderübergehen, ihrer Harmonie wie Disharmonie, in ihrer gegenseitigen Aggression wie in ihrem liebevollen Sichaneinanderkuscheln. Sind sie dünn, lasierend aufgetragen, schaut die Leinwand durch, oder den Untergrund deckend, pastos bis hin zur Reliefartigkeit; lassen sich Farbschichtungen, Übermalungen entdecken?

Dem Lauf der oft klaren wie ebenso oft diffusen Linien folgen: woher kommen, wohin streben sie, welche weichen Kurven oder spitze Zacken bilden sie, wie sind sie sensibel oder kraftvoll auf die Farben gesetzt oder aus ihnen herausgekratzt? Und – so fragen wir uns – ist das, was wir sehen, wirklich alles so informell-zufällig, wie es der erste Augenschein suggerieren könnte, oder folgen Farben und Linien nicht doch einem absichtsvoll-künstlerischen Tun?

Welche Wahrnehmungen und Empfindungen erzeugen das Geschaute, Beobachtete in Marilena Faracis Malerei? Entwickeln wir Gefühle von Distanz oder Zuwendung, fühlen wir uns verbunden mit einem bestimmten Gemälde, will es sozusagen zu uns kommen, möchten wir es erwerben, formt sich in unseren Gedanken bereits ein Zimmer, ein konkreter Platz aus, welchen wir mit ihm ausfüllen, gar neu beleben wollen?

Bemerkenswert ist, dass Marilena Faraci in vielen ihrer Arbeiten eine räumliche, eine Art Tiefenwirkung, fast eine quasi Dreidimensionalität erreicht, ohne dass sie sich perspektivischer Gestaltungsmittel bedient. Sie bewirkt dies mit der Positionierung verschiedener Farben, wobei bekanntlich die „kühleren“ Töne in den Hintergrund, die „wärmeren“ in den Vordergrund zu treten scheinen. In der nachfolgenden Abbildung, die uns an die spezifischen Farben manchen Gletschereises erinnert, wird dies an scheinbaren Graten und Klüften deutlich.

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Ohne Titel, Öl auf Leinwand, 2013, 50 x 70 cm, Foto: Irina Balandina

Auffallend die vielen scheinbaren, von uns jedoch als solche empfundenen „Paarungen“: eine Motivgebung, die zwei Gebilde, besser „Wesenheiten“, Figuren, Abstraktionen von Menschen miteinander in einen Dialog treten lässt – gleich ob in divergierender oder in konsensualer Anmutung. Erlaubt die Künstlerin hier einen Blick in eine persönlich-biografische Sphäre? Dann verliesse sie – spätestens hier – den Bereich des Informel. Und ist nicht die übernächste Abbildung einer mit ihren aufgeworfenen Blasen schon „plastisch“ wirkenden, durchaus einem abstrakten Expressionismus vergleichbaren Arbeit erst recht ein Beleg dafür? Nicht weniger die darauffolgende, mit ihren markanten Linien wesentlich die Züge einer Zeichnung tragende Arbeit?

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↑ Ohne Titel, Öl auf Leinwand, 60 x 80 cm, Foto: Irina Balandina
↓ Ohne Titel, 2013, Öl auf Leinwand; Foto: Irina Balandina

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↑ Ohne Titel, 2009, Öl auf Leinwand, 80 x 60 cm, Foto: Irina Balandina
↓ Ohne Titel, Öl und Bitumen auf Leinwand, 2013, 50 x 60 cm, Foto: Irina Balandina

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Neben den mittelformatigen Leinwand-Gemälden umfasst das Werk von Marilena Faraci auch kleinere Arbeiten auf Papier. Es handelt sich um braunes, gestreiftes Packpapier, auf das sie verschiedene Farben meist transparent und in Mischtechnik – und im Sinne wiederum des Informel – aufträgt. Reizvoll der Kontrast zwischen dem strukturgebundenen Malgrund und der freien Malerei und Zeichnung! Die gerahmten und geglasten Arbeiten eignen sich gerade auch für Liebhaber der schönen Malkünste in beschränkten Räumlichkeiten und mit weniger opulent bemessenem Budget.

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↑↓ Ohne Titel, 2012, Mischtechnik auf braunem Packpapier, 21 x 29,7 cm, Fotos: Irina Balandina

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Als weiteres ist signifikant, dass Marilena Faraci den weitaus grössten Teil ihrer Arbeiten nicht betitelt – und schon sind wir in eine Falle geraten, denn sie betitelt sie im Grunde sehr wohl: indem sie ausdrücklich schreibt „Ohne Titel“. Was sagt dies aber aus über das Verhältnis der Künstlerin gegenüber einem Betrachter ihrer Bilder? Negiert oder unterläuft sie dessen natürlichen Wunsch nach einer gleichsam authentischen Benennung dessen, was er sieht? Eine Aufforderung an den Betrachter, mit einer derartigen Werkbezeichnung in besonderer Weise umzugehen und sich mit der eigentlichen Arbeit auseinanderzusetzen? Zumutung, Herausforderung?

Nun aber sehen wir ein erst auf den zweiten, dritten Blick entdecktes, betiteltes Werk, „L’or des Femmes“, und beides – Titel wie Werk – können dem Betrachter nicht nur Rätsel aufgeben, sondern verlangen ihm einiges ab. Die Künstlerin wird kaum jenes Produkt aus dem afrikanischen Karité- oder Butterbaum im Sinn gehabt haben, das – wegen seiner wirtschaftlichen Bedeutung als Einnahmequelle für Frauen in Burkina Faso – „Gold der Frauen“ genannt wird. Nein, der goldfarbene, zepterartige Stab in einer vaginaartigen, von vital-rotem Gewebe umgebenen Vertiefung ist von hoch sinnlicher, erotischer Anmutung. Viele Assoziationen und Deutungen sind möglich. Auf alle Fälle hat das Werk mit „Mann und Frau“ zu tun. Und wir sind um etliches entfernt von einer informellen Malerei.

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L’or des Femmes, 2013, Öl auf Leinwand, 60 x 80 cm; Foto: FeuilletonFrankfurt

Einen weiteren Fund haben wir im an Gemälden reich bestückten Atelier „ausgegraben“ – oder sollten wir sagen als einen weiteren Schatz gehoben? Ein Triptychon, entsprechend jener alten Form von Andachts- und Altarmalerei, von überzeugender malerischer Qualität, grossem formalen wie ästhetischen Reiz und – wie sollten wir es anders formulieren – unglaublicher Schönheit. Dieses wiederum „Ohne Titel“. Triptychon und Informel schliessen sich nicht aus: bereits der dem informellen Action Painting zuzurechnende K. O. Götz soll, wie wir lesen, 1958 einen entsprechenden „Dreiteiler“ gemalt haben.

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Ohne Titel (Triptychon), 2014, Öl auf Leinwand, Fotos: FeuilletonFrankfurt

Eine vierteilige, nun wieder mit „Flüchtige Ruhe“ betitelte Arbeit – man darf, wie wir uns vergewissert haben, von einem Quadrychon sprechen – fasziniert uns auf ihre besondere Weise. Man sollte nicht unbedingt an eine nächtliche Szenerie denken. Die vier Bildtafeln lassen sich – vom Helleren ins Dunklere – als ein prozesshaftes Geschehen lesen, das metaphorisch für einen Lebensabschnitt stehen könnte, vielleicht für das Sterben eines geliebten Menschen. Auf der anderen Seite könnte der Weg vom – helleren – etwas schmutzig Diffusen hin zum – dunkleren – erkennbar Klaren führen, so dass das vierte Bild mit seinem aufscheinenden weissen Licht etwas von Heilserwartung und Erlösung künden könnte.

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„Flüchtige Ruhe“ (Quadrychon), 2015, Öl auf Leinwand, je 50 x 50 cm, Fotos: FeuilletonFrankfurt

Marilena Faraci – eine Meisterin der lauten wie leisen Farben, der kraftvollen wie zärtlichen Palette, der eruptiven wie sinnlichen Malsprache – eine Entdeckung auf der sich tausendfach brechenden Kaleidoskopscheibe Frankfurt-Offenbach!

Marilena Faraci, 1963 (wie bereits erwähnt in Padua) geboren, studierte an der Frankfurter Goethe-Universität Psychologie und Kunst und absolvierte die dortige Städel-Abendschule. Ihre Arbeiten wurden vielfach im Rhein-Main-Gebiet ausgestellt, ferner in Paris sowie in Italien: in Venedig, Mailand, Trieste, Neapel und unlängst in Rapallo. Dass die diplomierte Psychologin praktizierende Therapeutin ist, erwähnen wir hier nur am Rande. Denn das bekannte „Henne-Ei-Problem“ (was war als erstes da) – malt also Marilena Faraci, weil sie Psychologin ist oder ist sie umgekehrt Psychologin, weil sie Malerin ist – dieses Problem können wir im Rahmen unseres Beitrags nun wirklich nicht lösen.

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Marilena Faraci in ihrem Atelier; Foto: FeuilletonFrankfurt

→ „Lyrische Abstraktion“: Marilena Faraci im Nebbienschen Gartenhaus

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