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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

„Blickachsen 10″ in Bad Homburg und Rhein-Main (11)

Bart Van Dijck: „De dood van Jacob Van Artevelde“

Das recht umfangreiche, oft erzählerische Werk Bart Van Dijcks (1974 im belgisch-flandrischen Bonheiden geboren) – es umfasst Skulpturen, Zeichnungen, Fotografien, Videos und Performances – lässt sich nicht so ganz einfach erschliessen, umfasst es doch manche Volkstraditionen, Rituale und kulturelle Identitäten, die nicht jeder Betrachter kennen kann. Seine im Bad Homburger Schlossgarten installierte Arbeit bezieht sich auf den flandrischen Freiheitskämpfer Jacob Van Artevelde, um 1290 in Gent geboren, woselbst er 1345 ermordet wurde. Der Protagonist spielte im anglo-französischen, sogenannten Hundertjährigen Krieg eine nicht unumstrittene Rolle zwischen den beiden rivalisierenden Mächten. Die Stadt Gent setzte ihm 1863 – in der Zeit nationalistischer Strömungen also – auf dem Freitagsmarkt ein imposantes Denkmal.

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Jacob Van Artevelde: Denkmal auf dem Freitagsmarkt in Gent; Foto: Donar Reiskoffer/wikimedia commons GFDL

Im Schlossgarten, an der mächtigen, 1822 gepflanzten, heute über 20 Meter hohen und über 35 Meter ausladenden, dem Landgrafen Friederich VI. Joseph vom Duke of Cambridge geschenkten Libanonzeder lehnt der ermordete Jacob Van Artevelde – nein, das tut er natürlich nicht, es ist eine Puppe, die der Künstler an den weit über Bad Homburg hinaus bekannten, berühmten Baum legt.

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De dood van Jacob Van Artevelde, 2008, Polyurethan, Vubonite, Rindsleder, Epoxidharz, 100 x 106 x 260 cm

Ein hippig-flippig-poppiges Gewand trägt die Figur: ihre Oberfläche ist schuppig wie eine Fischhaut. Hose und Gamaschen könnten aus einer modistischen Haute-Couture-Schmiede stammen. Aus dem oberen Korpus quillen längliche, wurstartige, doch auf eine gewisse böse Weise wuchernde Wülste – wir entlarven uns gerade der Alliteration! Wenn man als Betrachter eine Herzgegend ausmachen will: aus ihr strömt, wie ebenso aus der Achselhöhle, „blaues Blut“ – aber im Flämischen gehört der „van“- Bestandteil eines Namens zum profanen Alltag.

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Jacob Van Artevelde, der Nationalheld – als Pop-Ikone? Wer von den Spaziergängern im Schlossgarten, die – unseren Beobachtungen zufolge – gerade vor diesem einigermassen spektakulären Werk signifikant zahlreich stehenbleiben, weiss schon etwas über ihn? Das Kunstwerk als eine Lektion in Geschichte, zur seit jeher schwierigen, vom flämisch-wallonischen Konflikt geprägten politischen Situation in Belgien? Wohl kaum oder vielleicht doch: wenn man sich denn für Europa und seine Historie interessieren will.

Abbildungen: Courtesy Stiftung Blickachsen gGmbH, Bad Homburg; Fotos (soweit nicht anders bezeichnet): FeuilletonFrankfurt

“Blickachsen 10″ in Bad Homburg und Rhein-Main, nur noch bis 4. Oktober 2015

→ “Blickachsen 10″ in Bad Homburg und Rhein-Main (12)
→ “Blickachsen 10″ in Bad Homburg und Rhein-Main (1)

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