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FeuilletonFrankfurt

Das Magazin für Kunst, Kultur & LebensArt

PETRA KAMMANN, HERAUSGEBERIN · www.feuilletonfrankfurt.de · GEGRÜNDET 2007 VON ERHARD METZ

18. Skulpturenausstellung 2015 in Mörfelden-Walldorf (2)

Emilia Neumann: Der Protist

Wer sich mit den Skulpturen von Emilia Neumann beschäftigt, lernt allerlei Wesenheiten kennen, denen er bislang noch nicht begegnet ist. Im Frankfurter Kunstverein, im Rahmen der Neuauflage der “New Frankfurt Internationals” unter dem Motto “Solid Signs”, war es in diesem Frühjahr das „Qualja“, welches in zweierlei Gestalt auftrat und ganz offensichtlich viel Aufmerksamkeit wie Empathie der Betrachter fand. Die Bildhauerin schuf weiterhin bereits ein „Antrum“, allerlei „Crinkles“ oder sogar ein „Ridozorm“. Googeln wir doch einfach mal, was das ist, so ein Ridozorm: 17 Ergebnisse finden wir, alle verweisen auf Emilia Neumann. Aha, so klärt sich das …

Nun, im diesjährigen Skulpturenpark Mörfelden-Walldorf sehen wir unter freiem Himmel den Protist – wie seinerzeit das Qualja im Kunstverein sogleich zu zweit auftretend. Den Protist gibt es – dem Lexikon sei Dank – tatsächlich, nur unterscheidet er sich beträchtlich von Emilia Neumanns Geschöpfen: Man kann ihn nicht mit blossem Auge sehen. Obwohl bereits im 17. Jahrhundert entdeckt, ist er immer noch Gegenstand wissenschaftlicher Diskussionen – nicht Tier, nicht Pflanze, nicht Pilz – oder als ein „Urwesen“ doch ihnen jeweils auf gewisse Weise als „Urahn“ zuzurechnen? Man versteht heute unter Protisten wohl „alle ein- bis wenigzelligen Eukaryoten“. Und was bitte sind Eukaryoten? Alle Lebewesen, deren Zellen einen Zellkern besitzen. Nun gut. Das alles hilft uns Kunstinteressierten jedoch nicht wirklich weiter.

Weiter hilft allein, nach Mörfelden-Walldorf, in den Bürgerpark, zu kommen und den Protist I sowie seinen Bruder oder sonstigen Anverwandten, den Protist II von Emilia Neumann ganz persönlich und unmittelbar kennenzulernen.

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Protist I und Protist II, 2015, Stahlbeton, Pigmente, jeweils etwa 130 x 80 x 70 cm

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„Das Objekt Protist (Urwesen, Erstling) besteht aus weissem Stahlbeton“, so formuliert es die Künstlerin, „der mit lichtechten Pigmenten versehen ist. Durch anschliessendes Polieren wird eine Hochglanzoberfläche erreicht, die ermöglicht, in das Gebilde hineinzusehen. Die Grundform ist eiförmig angelehnt und von weitem als dieses erfassbar, steht man jedoch davor, verliert man sich in einem Meer aus Details von Form und Farbe. Der Protist besteht aus Höhen und Tiefen, Kreisen/Rundungen, Einbuchtungen und Auswucherungen, es handelt sich um ein Zusammenspiel von diversen Formen“.

Sind es die besonderen, so noch nicht gesehenen Körper der Skulpturen mit ihren Oberflächen, Faltungen, Rundungen, Graten, Zerklüftungen, sind es die ebenfalls so noch nicht gesehenen Farben in ihrem Spiel in wechselndem Licht, „plein air“, auf und mit jenen Formen, die diesen besonderen Reiz entfalten und beim Betrachter neue Vorstellungshorizonte öffnen? Wie anders wirken diese Arbeiten ohne Sockel auf Grasflächen unter dem Blattwerk höherer Bäume, mal teils von Sonnenlicht erhellt, mal von windbestimmtem Blätterschatten überzogen, als im artifiziellen Raum mit immer fast gleichen Kunstlichtverhältnissen eines Kunstvereins oder Museums.

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Zur Eröffnung der Skulpturenausstellung schien halb Mörfelden-Walldorf in den Bürgerpark gekommen zu sein – wir entdeckten von ferne Emilia Neumann während der Ansprachen

Die Bildhauerin baut – wohl aus vorgefundenen Metallteilen – eine Konstruktion, die sie mit Gips oder Beton ausgiesst, wobei zur endgültigen Formfindung auch der Zufall eine gewisse Rolle spielen kann. Ähnliches gilt für die Verarbeitung der Pigmente: In einem Interview mit Katja Thorwarth in der „Frankfurter Rundschau“ spricht Emilia Neumann denn auch von einem „Moment der Selbstüberraschung“. Auf jeden Fall entsteht in jedem Werk etwas Neues, noch nicht Dagewesenes. „Das Ding will ja einzigartig sein und individuell erfahrbar. Erst wenn der Betrachter durch seine Deutung zum Schöpfer wird und die Ursprungsform in Vergessenheit gerät, habe ich wirklich etwas Neues erschaffen“, so die Künstlerin zu Katja Thorwarth. Eine uns sehr sympathische Vorstellung von Kunst.

Ob nun ein „Qualja“ oder ein „Protist“: Oft, so scheint es uns, eignet Neumanns Arbeiten ein Quentchen Humor, ein kleines Augenzwinkern angesichts des am Ende des künstlerischen Prozesses und eines Hauchs an chaotischer Formfindung Entstandenen, während man andere Werkreihen wie beispielsweise „jump and ran“ in einem gesellschaftspolitischen Kontext sehen kann. So kann man dem Protist, befreit von allerlei naturforscherischer Betrachtung und Vertiefung und mancher dem Laien nicht ohne Komik erscheinender wissenschaftlicher „Haarspalterei“, ein durchaus selbstbewusstes, den Ordnungssinn wunderbar konterkarierendes Eigenleben, gar etwas Obstruktives, ja Subversives abgewinnen.

Dennoch oder gerade: Wäre solch ein Protist nicht im Hausgarten eines Skulpturenliebhabers bestens aufgehoben?

Für eine Kurzvita der Bildhauerin verweisen wir auf den Beitrag vom April 2015.

18. Skulpturenausstellung – Skulpturenpark – , Kommunale Galerie, Mörfelden-Walldorf, Parkanlage am Bürgerhaus Mörfelden, bis 6. September 2015

Abgebildete Werke © Emilia Neumann; Fotos: FeuilletonFrankfurt

→ 18. Skulpturenausstellung 2015 in Mörfelden-Walldorf (3)

→ 18. Skulpturenausstellung 2015 in Mörfelden-Walldorf (1)

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